Hauptmann , Carl Einhart der Lächler www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Carl Hauptmann Einhart der Lächler Erster Band Erstes Buch 1 Wenn jetzt einmal die Seelen von Einharts Vater und Mutter rein für sich gegeneinander klangen , was fast nie mehr geschah , war es nur eine monotone Dissonanz . Laut oder heimlich . Einharts Vater war ein gewichtiger Ordnungsmann , schon als er die junge , wohlhabende Zigeunerdirne heiratete . Er war ein peinlich pflichtgetreuer Beamter , der damals schon eine höhere Postverwaltungsstelle in einer kleinen Stadt versehen , ein Mann von strengen , soldatisch gebundenen Formen im Umgang , mit scharfen , schwarzen Augen , die wenig und kurz lachten , so nebenhin nur , die selten aus der Würde kamen - mit einem dunklen , strengen Schnurrbart , der so voll stand , daß die Hand sich nie um ihn kümmerte , die schon damals steif herabhing ohne Geste , wenn sie nicht eifrig und flüchtig mit dem großen Rohrhalter ihre Arbeit tat - oder auch leicht gebieterisch sich streckte , wenn Herr Selle Anordnungen gab , oder etwas verwies . Wenn jetzt , in den wirklichen Widerwärtigkeiten mit Einhart , Herr Selle erregt im Zimmer hin- und herging , mußte er die Hände auf dem Rücken fest zusammen nehmen , so gleichsam sich selbst noch mehr bindend , daß er nicht doch einmal seine Würde ganz vergäße und dreinschlüge unter die phantastische , traumäugige Zigeunerbrut . So wenigstens deuchte es jetzt dem alten Herren , wo Einhart ein Jüngling geworden ganz mit den sanften , rabenschwarzen , unerwecklichen Glutaugen der Mutter und mit einer Seele voll regloser Verachtung gegen alle Wünsche und Forderungen , so weit sie von Vaters Seite kamen und ein geordnetes , bürgerliches Fortkommen betrafen , und die einfach wie Meerwasser von einer Öljacke abtroffen , selbst wenn wahre Gewaltwogen der Sittlichkeit den nur halb in dieser Welt des Scheins sich aufhaltenden Sinnierer und Lächler zu erschüttern und auf rechte Wege zu bringen versuchten . Es war ein Irrtum von Herrn Selle , daß ihm schien , als wenn er schon früher , so gleichsam von Anfang an , Frau Selle mit den strengen Blicken des Vorwurfs angesehn . Wenn es auch Geistesgemeinschaft nie zwischen ihnen gegeben . Dessen hatte Luisa nie bedurft . Flammen waren zusammengeschlagen . So gebunden er auch gewesen , stolz und würdig , die heißen Flammen schmelzen noch immer die Erstarrungen . Flammen waren aus der jungen Dunklen gekommen . Sie hatte noch jetzt Augen von verzehrender Sehnsucht . Wie sie ihn angesehen , der jung und kalt geschienen , hatte sie den Fels schmelzen wollen . Sie war wirklich eine Zigeunerin von Blut . Sie hatte wohl als einzige Tochter im Hause gegolten . In Wahrheit hatte man das Kind an der braunen Brust einer Zigeunermutter , die betteln kam und sich krank hingeschleppt , gesehen , es richtig gekauft und angenommen an Kindesstatt . Natürlich war Luisa dann im Bürgerhause in sanfter Erziehung aufgewachsen . Nur noch im Blicke lag manchmal etwas Demütiges oder auch Wildes , was leicht einsank und sich vergaß , daß das Mädchen dann lange wie erstarrt geschienen . Schön war Luisa nie gewesen , braungelben Gesichtes , ein wenig schmal und leicht welk . Etwas Kochendes , etwas Verzehrendes im Blicke nur . Aber das kam nur von ferne . Als wenn ein weiter Garten stiller Traumblumen läge in Demut und Trauer , und über hohe Gitterstäbe sähe der Haß herein mit spitzen , gelben Blicken . Aber ihre dunklen Augen lachten dann auch gleich , wenn der Haß kam . Daß Herr Selle wenn nicht eine sanfte , doch eine achtlos versöhnte , hinlachende Demütige in beginnenden Uneinigkeiten vor sich gehabt , als die Gluten Luisas kälter geworden , die ersten Kinder an ihrer Brust gesogen , ihr Auge wie einer Raubtiermutter Auge , ihr schlanker , jäher Leib wie einer Tigermutter Leib zum Haßsprunge bereit über der Brut gewacht . Damals hatte Herr Selle nur eins ums andere der dunklen , lieblichen Mädchenkinder in Luisas Fürsorge und zehrender Mutterpflege angesehen , und hatte Frau Selle nur wieder heiß begehrt , eine Jugend die andere , schmachtend und unbesonnen , und durch keine Harmonien anders gebunden , als die Glut des Blutes und der Sinne , und es war in ihm wirklich immer wieder Würde und Pflicht und sonstiges sittliches Meinen in des Begehrens heißer Quelle ertrunken . Das war lange her . Einhart war jetzt über die Sechzehn , noch sehr schmächtig und fast wie ein Knabe . Es waren außerdem vier Schwestern im Hause . So kamen sie nach der Reihe : Johanna , Katharina , Einhart , Rosa und Emma . Mutter und Vater kannten sich kaum noch . Leib und Leben stand nun da und hier . Herr Selle sprach jetzt überhaupt nicht . Oder wenn er sprach , sprach er zu niemand recht , nur so mit ernstem Blick in die Luft . Er hatte eine hohe Stellung erklommen . Auch Frau Selle fühlte das . Er war geheimer Rat . Die schwarzäugigen Töchter sahen an ihm auf und streichelten ihn . Sie versuchten ihm auch in die Augen zu sehen . Wenn es jetzt ein Zerwürfnis gab um Einhart , der wie ein schriller Ton allmählich in dumpfes Brüten klang , dann vermochten die phlegmatischen Zigeunerfräulein , die sie fast alle schon geworden , doch noch wieder schlau die Dissonanzen leise zu verstreichen . Sie stillten der Mutter dann oft plötzlich aufquellende Ratlosigkeit mit leicht gesponnenen Schmeichelgeweben und umstellten den erregten Herrn Geheimrat , der im Schlafrock eifrig auf dem weichen Teppich hinschritt , noch immer mit auf dem Rücken fest verschränkten Händen , und ließen ihn nicht aus ihren Liebesblicken . Dann gab es noch immer eine Heiterkeit schließlich . In Frau Selle , die jetzt verwelkt aussah , nicht sehr fett , nur gelb und verzehrt , kam dann aus dem Sich-ratlos-wissen , das wie ein Aufkochen im Blick gefunkelt , das leichte , lässige Verachtungslachen , das fast in Demut vor den jungen Augen sich weghob . Mit den vier Töchtern war Frau Selle heimlich eins . Und der strenge Herr Selle ergab sich Schmeichelwort und Schmeichelblicken der vier dunklen Schönen , die in dem Bruder Einhart ein geliebtes Rätsel sahen , und Rosa , die dritte , das eigentliche Ereignis anstaunte . Nämlich das war es zumeist : Es war ein strenges Pflichtleben , das Herr Selle führte . Er hatte nur Reglementbücher und Reskripte vor seiner Seele , mußte immerfort nur an solche Dinge denken , die im Grunde für seine Seele nichts bedeuteten , nur für seine Pflicht . Die Inventarien der großen Posten , lange Berechnungen für all die Sendungen , deren Seelen in Kuverts verborgen steckten und ihn nichts angingen . Das erfüllte ihn . Er hatte sogar im Traume oft nur Zahlen in seiner Seele . Seine Seele war wie eine graue Kammer , in der nicht einmal die Dinge selber , nur Merkzeichen und Nummern von den Dingen noch hingen . So lebte er in der großen Mietwohnung mitten in der engen Straße der Residenzstadt ohne Störung und durchaus zufrieden . Da sah er unten die bekannten Menschen gehen , die ihn ehrten und grüßten , die ihn in seiner Würde kannten . Und es fehlte nicht das heimliche Gefühl , daß die Würde mit den Jahren noch zu höheren Titeln und Auszeichnungen anwuchs . Aber Frau Selle träumte und die Töchter träumten . Wenn die auf der Straße oder gar in den Frühlingsanlagen allein hingingen , sahen sie wie eine Schar huschender Vögel aus , im Begriffe und bereit , die welke , gelbe , in vornehm bürgerliche Hüllen maskierte , fremdartig-jähe Mama mit sich irgend wohin empor und fort zu reißen . Alles war dann stürmisch und laut , verträumt und rücksichtslos . Sie kümmerten sich um niemand . Ihre hastigen Stimmen klangen alle ein wenig heiser . Miteinander allein vor der Mutter war eine jede wie losgebunden . Eine jede hatte für sich etwas Versucherisches im Blick . Wenn Männer kamen , sahen sie nicht scheu . Aber diese Art war mehr nur Mut aus der Höhe , mehr wie ein herausfordernder Widerstreit , der manchen hart traf wie ein Schlag , daß er sie dann verfolgte und fast wie einen Trotz der Liebe empfand . Lose , ungehaltene , schöne , dunkelfarbige Zigeunerdirnen in fließenden Frühlingsroben wie helle Küchlein um die alte Glucke . Die aber freilich dann gesetzt sich reckten und wie vornehme , stolze Fräulein gingen , wenn der Herr Rat Selle es einmal in Würde selbst unternahm , Sonntags mit hinauszuwandern und neben Frau Selle stumm und steif emporgereckt in den Frühling zu ziehen . Die blühenden Kirschen entzückten auch ihn . Wenigstens bekamen seine Augen einen richtigen Krähenfuß , der die ganze Zeit starr an der Schläfe stand . Und er nahm auch eine Blüte , die die älteste Tochter Johanna ihm sanft und mit Grazie lachend ins Knopfloch gesteckt . Indes Katharina und Rosa und Emma um ihn draußen , wo sie Kuchen und Kaffeeflaschen am Waldsaume ausgepackt , sich wohlig träge dehnten . Während Herr Selle mitten auf einem Plaid aufrecht saß , umbaut von einem Gehege von Blütenästen , die die vier Dirnen im Übermut von Obst- und Weidenbäumen am Damme herabgerissen . Frau Selle war dann kindlich und weich , trieb sich achtlos allein auf der Wiese nach Blumen herum , kam mit Sträußen und streichelte jetzt auch einmal Herrn Selles straffe Wange , die sich mit halbem Blick Mühe gab , wie lachend auszusehen . Wer die Menschen dann von ferne sah , mochte an glückliche Menschen denken . Frau Selle , so in Freiheit und unter Blüten , träumte dann hin . Und die schwarzbraunen Töchter träumten und dehnten ihre jungen , schmiegsamen Leiber der Frühlingserde nahe , mit einer Seele voll unbestimmter , heimlicher Glut . Und Herr Selle saß strengaufgerichtet , ließ es sich schmecken und trank den Kaffee , in den sich fast wunderlich ein Beigeschmack mischte , den er monieren gewollt , ehe er heiter merkte , daß es der Blütenduft des Frühlings selber war . Freilich gab es gewöhnlich zum Schluß dann ein Ärgernis , weil Einhart zuerst zurückgeblieben in der Absicht , etwas von dem Gesehenen in sein Skizzenbuch abzuzeichnen , und weil es sich dann gewöhnlich herausstellte , daß er nicht mehr sich zur Familie herzugefunden . Herr Selle fand das unbegreiflich , machte Frau Selle für derartige Verträumtheiten durchaus verantwortlich , und man zog oft nicht ohne neuerwachten Groll in die zweite Etage des grauen Miethauses ein . Der Vater hatte nun wieder sein altes Mißtrauen . Er meinte in gedämpfter Empörung gar , Frau Selle unterstütze den Trieb . Er gab zu verstehen , daß der Junge mit Absicht den Weg verfehlt , wenn Einhart daheim sich damit zu entschuldigen suchte . Es gab eine richtige Dissonanz aus diesem Frühlingsgange , in die nur mühsam stimmend dann Johanna , Katharina und Emma ihre Blicke und Worte einmischten , Einhart stumm und dumm , die Mutter stumm und ihre Augen demütig und gleichgültig machten , bis Rosa mit leiser Zärtlichkeit zugleich des Herrn Selle Augen fing und seine Wange sanft strich . 2 In der Familie Selle ging offen alles nach dem Geheimrat . Der strenge Geist waltete immer , solange der alte , sehr gerade aufrechtgehende Herr im Hause war . Und nichts war zu spüren , daß von Blutswegen in des Geheimrats Hause im Grunde noch immer etwas von einem ganz fremden Geiste und Leben umging . Außenhin waren die Selles , wenn man sie auch da und dort neckend die Zigeuner nannte , eine ganz vornehme Familie . Bis auf den gelbbraunen Hautton von Frau Selle und die lässig trägen Bewegungen jeder einzigen dieser vier dunkelfarbigen Töchter , die sich in den teppichweichbelegten Zimmern am Klavier oder vor einem Malwerk halbtätig amüsiert herumdehnten , hätte man beim ersten Eintreten ins Haus an nichts anderes denken können . Herr Selle hatte alles Phantastische durchaus fern gehalten . Der Flur war fast zu voll gestellt . Der Eintretende , wenn er sich beim Ablegen des Mantels oder so auch nur eine Linie weiter ausrecken mußte , lief Gefahr , Leuchter oder Schirmlampen oder eine Hutschachtel oder Vase gar mit Blumen , die dort im Verborgenen kümmerlich blühten , herabzureißen . Das sah durchaus nicht phantastisch aus . Eher , wie das Entree bei einem Händler , der gleich im ersten Eindruck verrät , daß nun erst drinnen in allen Räumen Schränke und Schübe mit gutem Hausrat überfüllt sind . So schlimm war es nun innen nicht . Da brachte doch der vergilbte , blaue Plüsch im Mittelraume , der auf einem großen Sofapolster und zwei Sesseln sich ausgebreitet , ein wenig Buntheit . Und gar im Salon der Frau Selle daneben zeigte der weiche , große Teppich , der noch ziemlich neu war , eine riesige , blaue Blumenstaude mitten in den gelben Spiegel eingewoben , was man kaum hätte denken sollen , weil Herr Selle selbst diesen Teppich zum Geburtstag für Frau Selle ausgesucht und gekauft hatte . In diesem Salon stand auch ein Schreibtisch für Frau Selle , obwohl Frau Selle selbst eigentlich nie schrieb , und so nur die Töchter , die sich sogar im Hause Briefe schrieben , um ihren Lebensdrang heimlich auszutoben , sich um den Platz davor zanken oder barsch anfahren konnten . Alle Phantasmen waren aus diesen Räumen und von diesen Menschen sichtbarlich völlig fortgetrieben , solange der strenge Blick des Herrn Selle alles zusammenhielt und beherrschte . Es kam dazu , daß in dem Arbeitszimmer des Herrn Geheimrat selbst lange Reihen Bücher in gleicher Uniform , unermeßliche Registerreihen von A bis O oder Z standen , kalt papieren gebunden in Grau , so daß nur die Rückenschilde grün oder rot zu glänzen wagten . Und an den wenigen schmalen Wandflächen , die frei geblieben , hingen kleine Medaillonbildchen , gelehrte , steife Gesichter mit Brillen auf der Nase , die aussahen , als hätten sie auch schon ewig in Registern und Buchstaben herumgesucht . Denn Herrn Selles Vater war ein berühmter Altertumsforscher gewesen , ein versunkengrabender Kenner aller ehrwürdigen Dokumente deutscher Vergangenheit . Herr Selle liebte diese Tatsache mit strengem Stolz in der Familie zu betonen . Er selbst bedauerte dabei hundertmal im Leben , sich in diesen Quellen nicht haben gründlich erquicken zu können . » Aber bei mir zu Hause hieß es , verdiene bald ! Wir waren zwölf Kinder . Bei meinem ehrwürdigen Herrn Vater gab es dann gar keine Unklarheit , keine Fata morgana . Er sah und bestimmte . Da gab es kein Widerreden . Und schließlich kann ein tüchtiger Mensch sich an jedem Platze bewähren , « sagte er dann mit einer entfernten Genugtuung . So waren aus solcher Erinnerung auch die Namen der Kinder bis auf den ersten , der von Frau Selles Pflegemutter stammte , deutsch geworden . So hießen die Kinder also : Johanna , Katharina , Einhart , Rosa und Emma . Denn mit Knaben war es bei Einhart geblieben . Und es lag unter Namen , die » aus dem deutschen Altertume « stammten , und unter dem strengen , farblos-gleichmäßigen Pflichtenleben , und in dem phantasielosen Gehäuse , darein Herr Geheimrat Selle und die ganze , dunkle Geheimratsfamilie eingefangen war , der alte , unversiegliche Quell Sehnsucht und Traum der Seele ganz verschüttet . Sicherlich ganz verschüttet . Denn schon Frau Selle war als Mädchen von kleinlichmahnender , innigversorgter Bürgerliebe umgeben gewesen , hatte es nur zu gut gehabt , hatte sich schmücken und einzig tun können , und hatte in solchem leichtsinnig-schwärmerischen Flitterleben die heimlichen Flammen ihres hüpfenden Blutes verflackern lassen . Schon ihre Augen und Seele hätten nicht gewußt , wo für ihre Sehnsuchten groß anderes finden ? Nun gar die der vier Mädchen , die eines Geheimrats Töchter waren . Der Feuerbrand der alten , treibenden Natursehnsucht , die Atemnot in engen Räumen , die Lust ins Unbestimmte hinaus , wie Vögel ziehen nach südlichen Paradiesen , oder wie Winde ziehen , in Wipfeln zausen und mit vom Knospendufte vollgesogenen Kuß lustig weiter wirbeln über Heide und Weide und Waldtäler , in Traumfetzen regten sie sich in den Geheimratsdirnen , in den trägen Bewegungen der jungen , jachen Leiber , in einem flüchtigen Blick wie im Hasse und Streite kam daran eine Erinnerung . Aber alles wäre auch hier wie in der Mutter ohne Deutung und Sinn gewesen , ohne Drang , ohne Hoffnung , ohne Nachhall und Darstellung , solange das Jungvolk eitel der Wohlhabenheit starre Ehren genoß - : wäre nicht eben unter dem Namen Einhart ein rechter Nimmersatt von Traum und Verachtung , ein unheilbar Unbürgerlicher , einer , dem es aus langem Wandertum der Urväter mit heißen Purpurbildern im Blute umging , verborgen gewesen . Herrn Geheimrat Selle schien dieser Bengel bald hoffnungslos . Man kann sagen , die ganze Geheimratsfamilie wäre wie ein erstarrtes Idyll in Dunkelfarben erschienen : Der Herr ein grauer Kraterrand und drumherum viele stille , lockende Blumen auf der erstarrten Lava erwachsen . Wenn nicht Einhart im Grunde ein brennendes Feuer , eine ohne Absicht ungebändigte , ziellos aufquellende Lebenssucht heimlich mit sich getragen hätte , aus Ehre und Schranken der grauen , eingeschnürten , kleinen , sonnenlosen , getünchten Pflichtenwelt auf irgend eine , ihm selbst in dieser Jugend noch völlig unklare Weise zu entfliehen . Wie dieser Junge mit seinen sechszehn Jahren schon allein aussah ! Schlank , fast wie wenn er Vogelglieder hätte . Ganz gerade gewachsen . Aber auch einen schmächtigen Vogelhals . Und fettes , rabenschwarzes Schlichthaar , davon Strähne immer in die Stirn fielen . Das Gesicht sehr mager und gelb . Die Augen in Dunkelweiß so tief funkelnd , wenn er haßte oder in Abwehr aufblitzte , obwohl er meist eine fast lächerliche Gutmütigkeit und scheue Einfalt zeigte , und fast nie wußte , ob er gelebt oder nur geträumt , was er redete . Heimlich rauchte er , wo er konnte , gleichgültig was . Die Schwestern steckten ihm allerhand zu , und die Mutter desgleichen . Eine feine , schmale Stirn , daran eine leichte Aderschwellung in Zeiten der Freude , hatte er , eine feine , schmale Nase und gerade , schmale , frohe Lippen , aus denen die vom Rauchen leicht gelben Zähne sahen . Wer ihn so betrachtete , war entsetzlich erstaunt , daß dieser junge Mann Einhart hieß , und noch mehr darüber , daß er eines strengen Geheimrats Sohn war . Man konnte ihm anschaffen , was man wollte . Alles war gleich hin . Man konnte ihn mahnen , sorgfältig und auf seine Reinlichkeit achtsam zu sein . Es gäbe keinen , der in solchen Träumen leben und noch hätte wissen können , wofür man Seife und Wasser brauchte und wie die Traumdinge reiner waschen ? Er selbst ging vor sich im Traume hin , und hatte nie ein Gefühl , daß er je und je Schmutz an Haaren und Halse , Nägeln und Händen , und an seinen Kleidern mit sich brachte , wo er ging und stand . Nun , daß da gerade Herr Selle nicht glücklich war über solches zuchtloses Leben , kann man begreifen . Es gab jetzt ewig Szenen um Einhart . Man mußte sich allmählich schämen , wenn er einmal von den Schwestern unbemerkt unter Besuche hereingekommen . Draußen putzten und säuberten ihn dann erst die Schwestern . Und er lachte kindlich dazu . Die Mutter hatte heimlich einen Hang zu ihm . Wenn sie ihn auch nur sah , strich sie ihm immer flüchtig die gelbgraue Wangenhaut . Der Mutter gegenüber war auch er immer geradezu wie ein demütiger Hund . Es lag in ihr für Einhart etwas , was er sinnlos und wie nichts in der Welt liebte . Und für sie schien sich in Einhart wieder herzustellen , so ins Unbestimmte , was sie immer verloren gefühlt . So sah Frau Selle mit träger Verachtung fast , wenn sie alle erst um den Tisch saßen , zu Vater , aber zu Einhart mit jäher , heimlicher Glut in den Mienen , die so graugelb waren , wie seine , nur welk und alt . Und Frau Selle hatte es oft für sich amüsiert , wenn er das Essen verpaßt , draußen in der Sandkuhle gelegen , Igeln nachgetrachtet im Weizenfelde , mit Kindesblicken ewig einer Lerche Jubel zugestarrt bis zum Blenden , und statt des Kalbsbratens mit trüber , dünner Sauce daheim einfach Ähre um Ähre vom Weizenfelde ausgekörnert und mit seinen Zähnen , unter Träumen oben im Hirn , zermahlen hatte . Dann hatte er ihr alles umständlich erzählen müssen , daß Frau Selles Augen unaufhörlich dabei lachten . Auch wenn es schon Auftritte gegeben mit Vater . Wobei Mutter natürlich gar nicht erst hatte wagen können , gegen dessen Wünsche und Bestimmungen aufzukommen . Aber heimlich , da hatte man beisammen gesessen , wenn der Herr Geheimrat geraden Ganges mit dem Schirm unter den Armen die Straße entlang gegangen , und man ihn um die Ecke hin endlich hatte verschwinden sehen . Da kam jede einzelne der Schwestern , um Einhart um den Hals zu nehmen . Rosa zuerst , die ihn ein Stück drollig hinzog , wobei er noch immer absichtlich ein dummes Gesicht behielt . Auch wenn der Tusch noch jetzt manchmal mit Handgreiflichkeiten geendet . Alle kamen , Johanna , Katharina , und die Jüngste , Emma , und faßten ihn um den Hals von hinten oder von vorn . Und Rosa küßte ihn phantastisch auf die Augen , die dann pfiffig lachten , als wie dem Sturmwind des Vaters und seiner Würde mit Drolligkeit nach . Und Mutter , versorgt und geängstigt noch , begann , selber immer lustiger werdend , ihn auszufragen , wenn sie die schon belustigten Schalksblicke sah , mit denen Einhart seine versonnenen , Vergessen bringenden Fahrten draußen in Heide und Wildnis spürsinnig zu erzählen und Buntes und wie aus märchenschönen Dingen Erlesenes hineinzuweben wußte . Dann standen die vier Schwestern mit Staunen und sahen in Einhart etwas , wie ein unglaublich neckisches , wagsames Rätselwesen , das sie liebten , das ihnen unter die armgrauen Ereignisse des herkömmlich-bürgerlichen Geheimratlebens ein ganz neues Fühlen und neue Feste brachte . Sie lachten über den ungekämmten , ungewaschenen Jungen , dessen Augen Diebe schienen , und über die zerrissenen und verwitterten Kleider und die verwetzten , verwahrlosten Stiefeln . Und jede wußte jetzt auch , daß man ohne solche Opfer nichts dergleichen erleben könnte . Eine jede der vier dunkelfarbigen Dirnen hätte es dann am liebsten gleich auch versucht . Alle , auch Mutter , trug trotz der verborgenen Pein des Zerwürfnisses immer ein Glück fort aus diesem das Leben so wegwerfenden Jüngling . Einhart war bald ein Jüngling , so dürftig und schmächtig er auch mit seinen Jahren noch aussah . An solchem Tage sahen alle heimlich auf den Herrn Geheimrat , wie auf eine langweilige Gesetzestafel , die streng verfügte , was man längst tausendmal kannte . Und wenn er erst wieder heimgekommen , fühlte man es in allem , daß es eine jede der Damen , alt und jung , heimlich entrüstete , wie die harte Würde dem grünen Wucherreis mit dem glutäugigen Sanftblick blind und mißlaunig alles frohe Treiben knicken wollte . Da hatte Herr Selle keine seiner Töchter in seiner Arbeitsstube hocken , wie sonst gewöhnlich . Niemand empfing ihn . Er mußte am Tische stumme Münder unter den sammetnen , gesenkten Blicken sehen . Alles war da nicht , als wenn sie draußen auf der Wiese und im Walde und glückliche Menschen wären , wie es einem Fernen so erschienen . Hier saß der Herr Selle , steif und gehalten , mit strengen Blicken , nun auch sichtlich geärgert . Aber mit bestimmter Verachtung dessen und nur gewappnet , zu gebieten . Und dort saß die ganze , junge Brut , enttäuscht und voll Entsagung . Daß nur Frau Selle dann und wann , als wenn sie sich aus Träumen plötzlich besönne , dem würdigen Herrn etwas an Fleisch oder den Brotkorb , wenn sie seine Augen am Tische suchen sah , hinreichte . Und Einhart saß dann unter ihnen immer mit einem verlorenen , einfältigen Lächeln . 3 Rosa war die dritte der vier Geheimratstöchter . Sie kam hinter Einhart , und war nur etwa ein knappes Jahr jünger als er . Ein seltsam frommes Mädchen schien sie , jemehr sie den Kinderjahren entwuchs und in den Kämpfen um Einhart in der Familie sich zu einer Art heimlichen Schutzpatrons von Einhart entwickelte . Rosa war dunkel , wie alle . Auch einen Anflug brauner Hautfarbe , wenn auch am unscheinbarsten , hatte sie . Ihr Haar , das jetzt , wo sie eine Jungfrau wurde , in breiten Scheiteln über den Ohren hing , war glänzend schwarz , wie Jet , und ihre Brauen feinbogig , wie schmale Rabenfedern . Aber im Dunkelglanz der großen Sammetaugen lag kein zehrendes Feuer , nur eine ferne Mildigkeit , und die schmale , leicht spitze Nase zeigte auf einen immer ein wenig geöffneten Mund , der sanft wie ein Schnitt in frisches , dunkelglühes Fruchtfleisch , weich und zärtlich schien , und nur zärtlichen , versöhnlichen , verhaltnen Worten sich schmiegte . Herr Selle konnte Rosa in dieser Zeit nicht ansehen , ohne nicht heimlich beglückt zu sein . Die drei andern Mädchen , von denen Johanna und Katharina um die Zwanzig waren und also erwachsen und sehr resolut , und die kleine Emma noch ein rechter Backfisch kaum , nur gerade in den Flegeljahren , amüsierten sich spöttisch über den frommen Hauch , der über Rosas Wesen sich ausgebreitet , und Rosa stand also in dieser Zeit in gewissem Sinne allein . Nicht etwa , daß sie mit Frau Selle und den Schwestern in der Vergötterung Einharts uneins gewesen . Ganz im Gegenteil . Was ihre Einsamkeit schuf , war der Umstand , daß Herr Geheimrat , ebenso wie Einhart , Rosa durchaus bevorzugten . Herr Selle sah in diesem Mädchen allmählich eine besondere Lebensfreude , daß er sie rühmte vor allen in ihrer Zucht und Scheuheit . Daß er die keusche Erscheinung auch offen mit einer , seinem sonstigen strengen Blicke ungewohnten Wärme ansah , und nur ihr es schließlich allein noch gelang , eine Last rechtzeitig zu lösen , wenn es Gewitter gegeben , oder wenn der Vater in sich erregt in die Familie getreten war . Und was Einhart betraf : die großen Mädchen waren ihm zu rücksichtslos geworden . Sie konnten auch rein nichts von seinen Heimlichkeiten für sich behalten . Sie rühmten sich womöglich vor der Köchin . Sie glossierten alles behaglich laut und offen , wie es große Damen tun , und nahmen sich nicht in Acht , selbst wenn Vater in der Nähe war . Auch Freundinnen wurde es zugetragen . Es däuchte Einhart auch so etwas , wie wenn sie vor den andern Fräulein halb gezwungen mit einstimmten in eine Art sittlichen Bedenkens , wenn es die Situation zu fordern schien . Einhart lachte auch darüber . Aber er hatte einen Halt allmählich nur an Rosa , die eine Geheimnisträgerin war und für sich genug hatte , ohne eitel nach außen zu blicken . Sie besaß eine stolze , sanfte Verschlossenheit gegen jedermann . Auch gegen Mutter . Auch Frau Selle war das Mädchen , wie sie es manchmal mild und verträumt aussprach , ein bissel entwachsen . » Das ist allzu früh begonnen , « meinte sie dann in sanfter Verzichtleistung . Rosa hatte begonnen , Träume selbständiger Art zu gewinnen . Man sah es ihr an . Sie sah nicht nur Albernheiten in Einharts Drängen und Taten . Ernst galten sie ihr . Sie empfand , ein wenig heimlich verletzt , Abwehr gegen das zu laute Vergnügen , was selbst die geliebte Mutter machmal bei Einharts seltsamen Unternehmungen zeigte . Sie hatte etwas von einer milden , überlegenen Weisheit , so dünkte es Einhart damals . Sie verstand seinen Lebenssinn vollkommen . Sie redete dagegen nie ein Wort . Nur gegen das , was im Äußeren man vermeiden konnte , mahnte sie : » Du kannst nicht gehen , wie ein Stromer , geliebter frère ! « sagte sie von oben lustig ohne zu lachen . » Das kann Vater natürlich nicht dulden . Aber das verstehe ich ja , daß man nicht lebt hinter den Schulbüchern und auf guten Polsterstühlen . « Rosa hatte auch einmal zufällig etwas von Charlotte Corday gelesen , und hatte ins Unbestimmte ein Ideal von einer alles fürs Vaterland opfernden Frau gewonnen . Schöne , weite , drängende Gefühle ging es in ihr hin , wie Melodien ohne Gegenstand . Das gab nun Einhart eine Grundlage . Er sah sich gewissermaßen erkannt . Das Mädchen gab seinen Schalkspielen einen Sinn erst , daß er vor ihr eine drolligfrohe , verlockende Gehobenheit empfand . Das alles verband ihn der zarten Rosa und machte , daß er jetzt mehr Gewichtigkeit selber in seinem Tun zu ersehnen angefangen . 4 Es waren Zigeuner auf dem Plan vor der Stadt . Draußen lag ein See , und am Ufer standen Erlen aufrecht , und Weidengebüsche hingen ins Wasser . Weil es Sommer war , konnte man lagern . Einhart hatte noch am Nachmittag gleich die Gelegenheit sich angesehen . Ein junger apollinisch-jüdischer Mann , mit einem flaumigen Barte , der Pavo hieß , spielte , als der Abend versank , im Dämmer der Sterne die schmelzende Geige