Thoma , Ludwig Andreas Vöst www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ludwig Thoma Andreas Vöst Bauernroman Erstes Kapitel Es war ein schöner Herbsttag . Die Sonne war gelb wie eine Butterblume und sah freundlich auf die abgeräumten Felder herunter , als betrachte sie behaglich die Arbeit , welche sie den Sommer über getan hatte . Und die war nicht gering . Selten war eine Ernte besser geraten , und die Sonne hatte an vielen Tagen ihre Strahlen herunterschicken müssen , bis die schweren Ähren gereift waren . Und wieder hatte es Wochen gedauert , bis die Halme am Boden lagen und bis die hochbeladenen Wagen ihre Lasten in die Scheunen gebracht hatten . Nun war es geschehen , und in allen Tennen schlugen die Dreschflegel den Takt ; hier und dort trotteten geduldige Pferde an den Göpeln im Kreise herum , und im Hofe des Hierangl fauchte und pfiff eine Dampfmaschine . Überall war fleißiges Treiben , und wenn die Sonne mit einem freundlichen Stolze darüber lachte , so hatte sie recht , denn es war ihr Werk , und es war ihr Verdienst . Die Dorfstraße von Erlbach lag still und verlassen ; die Menschen hatten keine Zeit zum Spazierengehen , und die Hühner liefen als kluge Tiere um die Scheunen herum , wo sie manches Weizenkorn fanden . Einige Gänse saßen am Weiher , streckten die Hälse und stießen laute Schreie aus ; das taten sie , weil sich die Türe eines kleinen Hauses öffnete und zwei Männer heraustraten . Der vordere trug einen Pickel auf der Schulter , der andere eine Schaufel , und sie gingen gegen die Kirche zu , in den Friedhof . Die eiserne Gittertür kreischte und fiel klirrend ins Schloß . Nun konnte es jeder wissen , daß die beiden Totengräber waren , und daß an diesem schönen Tage , mitten in dem emsigen Leben , ein Mensch gestorben war . Die zwei blieben nicht im Friedhof , sie stiegen über die niedrige Mauer und fingen neben derselben in einem verwahrlosten , kleinen Grasflecke zu graben an . Das war ungeweihte Erde , in die man Selbstmörder und ungetaufte Kinder legt . Es hatte sich aber kein Erlbacher selbst entleibt , sondern das neugeborene Kind des Schullerbauern Andreas Vöst war unter den Händen der Hebamme gestorben . Diese Person hatte nicht die Geistesgegenwart , sogleich die Nottaufe zu vollziehen ; die Mutter war bewußtlos , und sonst war niemand anwesend , denn alle Hände waren zur Arbeit aufgeboten . So geschah es , daß die kleine Vöst nicht in den Schoß der heiligen Kirche gelangte und als Heidin nach einem viertelstündigen Leben verstarb . Ich weiß nicht , ob der liebe Gott den unchristlichen Zustand eines Kindleins so hart beurteilt wie seine Geistlichen , aber das eine ist gewiß , daß es nicht in geweihter Erde ruhen darf , worein nur Christen liegen ; darunter manche sonderbare . Also deswegen warf der Totengräber Kaspar Tristl mit seinem Sohne neben der Kirchhofmauer die Grube auf . Er nahm den Hut ab ; jedoch nicht aus Ehrfurcht , sondern weil es ihm warm wurde . Er wischte sich mit dem Hemdärmel über die Stirn und sagte : » Wenn er g ' scheit g ' wen woar , hätt er g ' sagt , daß er eahm selm g ' schwind d ' Nottauf geben hat . « - Er meinte den Schuller . » Ja no , « sagte der Sohn und schaufelte gleichmütig weiter . Der Alte spuckte in die Hände und brummte : » Eigentli is ' s dumm . « Dann arbeitete er wieder drauf los , und nach einer Weile war das Grab fertig . Es war klein und unansehnlich . Und da die Erde nicht sorgfältig daneben aufgeschichtet war , sondern mit Grasstücken untermengt herumlag , sah es recht jämmerlich aus . Tristl dachte wohl , daß es für ein Heidenkind schön genug sei , und er stieg bedächtig über die Mauer zurück . Es war spät geworden ; die kleinen Holzkreuze der Armen lagen im Schatten , aber auf die hohen Grabsteine schien die Abendsonne , und die goldenen Buchstaben glänzten schier heller als am Tage . Die Reichen haben es überall besser . Der Totengräber ging mit seinem Sohne durch den Friedhof . Als er draußen war , sah er einen Mann mit raschen Schritten gegen den Pfarrhof zueilen . » Aha ! « sagte er , » der Schuller geht zum Pfarrer . Dös werd eahm weng helfen . « Und er setzte hinzu : » Eigentli is ' s dumm , daß a jeder Spitzbua drin liegen derf , und an unschuldig ' s Kind net . « Der Pfarrhof von Erlbach ist ein schönes , stattliches Gebäude , zwei Stockwerke hoch , jedes mit sechs Fenstern nach der Straße hinaus . An der hellgetünchten Mauer rankt üppige Klematis hinauf und gibt dem Hause ein freundliches Aussehen . Davor liegt ein Blumengarten ; so bunt , wie es der Geschmack hierzulande liebt . Rote und gelbe Georginen , blasse Malven , dazu Astern in allen Farben sind in reichlicher Fülle da . Die Beete sind mit Reseden eingefaßt , und am Zaune bemerkt man auch eine Blume mit braunem Sammetkleide . Man heißt sie die schwäbische Hoffahrt . In der Mitte des Kiesweges , welcher zur Türe führt , ist ein Springbrunnen ; daraus steigt ein Wasserstrahl in die Höhe , nicht dicker als eine Stricknadel , und fällt mit einem kaum vernehmlichen Plätschern nieder . Es ist ein Ort der Beschaulichkeit . Und darüber liegt eine Ruhe , welche dem heiligen Charakter des Hauses angemessen ist . Der Pfarrer wandelt hier mit ruhigen Schritten , während er im Gebete versunken ist ; und der Kooperator geht so leise herum , daß man das Schmatzen seiner Lippen hört , wenn er sein Brevier liest . Ein gottseliges Wesen ist in der Luft und dringt durch die Fenster und Schlüssellöcher . Unsichtbare Englein fliegen herum , durch keinen rauhen Lärm verscheucht . Alle Türen klinken leise ein , und die fleischlichen Menschen schlürfen auf Pantoffeln durch den gewölbten Gang . An allen Wänden ist Frömmigkeit , nichts als Frömmigkeit . Hier hängt das Bild des Erlösers mit der Dornenkrone . Dicke , rotgemalte Blutstropfen stehen auf seiner Stirne und rinnen über den goldgestickten Krönungsmantel herab ; dort ist Maria zu erblicken , die ihr Antlitz schmerzlich zum Himmel richtet . Aus ihren Augen fließen reichliche Tränen , und in ihre Brust sind spitzige Schwerter eingebohrt . Darunter steht : » Heilige Maria , Mutter des Weltheilands . Meines Herzens sehnlichster Wunsch und Gebet ist , daß mein Volk selig werde . Amen . « Über einer anderen Tür ist ein großes Herz gemalt , und wieder fallen Blutstropfen hernieder über die helle Wand . In großen Buchstaben liest man geschrieben : » Süßes Herz Jesu , sei meine Liebe ! « Neben der Treppe ist ein kleiner Altar aufgebaut ; davor leuchtet eine rote Ampel still und feierlich in dem Frieden dieses Hauses . Aber heute wurde es mit einem Male laut . Jemand riß heftig an der Glocke , daß sie durch den Gang schrillte , und als die Köchin Maria Lechner beim Öffnen der Türe den Ruhestörer zurechtweisen wollte , stapfte er schon an ihr vorbei auf genagelten Stiefeln . Die Schritte hallten an den Wänden wider , und bei dem ungewohnten Lärm zitterten die Heiligenbilder in ihren Rahmen , und die Englein flüchteten erschrocken durch das geöffnete Fenster . Auch Fräulein Lechner war aus ihrem Gleichmaße gebracht ; während sie sonst , wenn Besuch kam , die Hände sittsam zum Gebete faltete , stemmte sie diesmal die Arme in die Seiten und fragte mit fetter Stimme : » Was ist denn das für ein Lümmel ? « Es war Andreas Vöst , der Schullerbauer von Erlbach , und er stieß jetzt an alle Stufen an , daß die alte Stiege krachte und seufzte . Denn sie war an solche Tritte nicht gewöhnt . Oben unterbrach der Kooperator sein Gebet und schaute entsetzt auf den Gang hinaus . » Gelobt sei Jesus Christus ! « sagte er ; der Schuller achtete nicht darauf und ging weiter bis zur vordersten Türe . Er hatte kein Empfinden für die Heiligkeit dieses Hauses , er klopfte mit groben Knöcheln an und wartete kaum auf das » Herein « . Und drinnen stand er breitbeinig vor seinem Seelsorger und sah ihn mit Blicken an , die keine Demut verrieten . Herr Georg Baustätter , Pfarrer in Erlbach und Kämmerer des Kapitels Berghofen , ging ihm entgegen und lächelte . Aber es lag Trauer in diesem Lächeln . Und er sagte : » Ich weiß , warum Ihr kommt , Vöst . « » Dös is net schwaar zum derraten , « erwiderte der Schullerbauer , » also is ' s jetzt soweit , daß ma dös kloa Kind eigrabt , als wia r ' an Hund ? « » Es ist die Vorschrift unserer heiligen Religion . « » So , heilig is dös ? « » Werdet nicht heftig ! « sagte der Pfarrer und sah auf seine gefalteten Hände nieder , » ich bin doch heute morgen bei Euch gewesen und habe Euch alles auseinandergesetzt . « » Ja , aba i hab gmoant , es kunnt no anderst wer ' n. Jetzt hat da Kaspar scho ' s Loch aufgraben . Mei Knecht hat ' n g ' sehg ' n. « » Wir dürfen über die Gesetze unserer Kirche nicht murren ; wir müssen bedenken , daß sie unsere Mutter ist und unser Bestes will ... « » Und mi müaßten ins no bedanka ... « » Unterbrecht mich nicht ! Es geht Euch wie dem Sohne , der die Strenge der Mutter fühlt , aber nicht sieht , daß sie heilsam ist . « » Also is jetzt da gar nix mehr z ' macha ? « » Wir wollen hoffen , daß Gott dieses Kindlein in den Vorhof der Seligkeiten gelangen läßt ; wir wollen darum beten , aber es steht nicht in unserer Macht , dasselbe in geweihter Erde zu begraben . « » Aba sinscht grabt ' s an jeden ei , und bal oana köpft werd , nacha grabt ' s ' n aa ' r ei , und bal ... « » Ihr versündigt Euch , aber ich will es verzeihen , weil Ihr schmerzlich bewegt seid . « » I hab koan Schmerz durchaus gar net , « sagte der Schuller und zog seinen ledernen Geldbeutel aus der Tasche . » I hab durchaus koan Schmerz net . Was koscht ' s , bal ' s Kind in Freithof a richtig ' s Grab kriagt ? « » Es sind Worte genug geredet , Vöst . Geht jetzt heim ! « Die Stimme des Pfarrers klang noch immer sanft , aber seine Augen waren zornig . Der Schullerbauer achtete es nicht . » Wos ? « sagte er , » ös mögt ' s mei Geld aa net ? Dös muaß des erscht Mal sei , daß a Bauernmensch sei Geld net o ' bringt . « » Geht heim , Vöst ! Ich sage es zum letztenmal . Eure Gesinnung ist mir nicht unbekannt ; ich weiß wohl , in welchem Hause die schlechtesten Reden geführt werden , und wo der Geist der Auflehnung waltet . « Der geistliche Hirte war heftig geworden , und er hatte alle Sanftmut verloren . Er hielt seine Hände nicht mehr gefaltet , sondern streckte die Rechte gebieterisch gegen die Türe aus . Der Schuller blickte ihn an . Nicht ängstlich und nicht zornig . Die Ruhe kam über ihn ; gerade , als wäre er zufrieden damit , daß die geistliche Milde verschwunden war . Und er redete ohne Aufregung . » I geh ' scho , Herr Pfarra . Sie hamm g ' sagt , daß S ' mi kenna . I kenn Eahna ' r aa , recht guat kenn i Eahna . Und i woaß aa , warum ' s g ' rad bei mein Kind so hoakli is mit da Tauf . « Er ging zur Türe und hatte schon die Klinke in der Hand . Da drehte er sich noch einmal um . » Dös möcht ' i no sag ' n , Herr Pfarra . I bin net z ' wegen meiner da herganga . Es is g ' rad weg ' n der Bäurin g ' wen . Sinscht hätt ' n S ' mi wohl net g ' sehg ' n. « Und nach diesen Worten ging er . Als er auf den Gang hinaustrat , stand der Kooperator wenige Schritte entfernt , und Fräulein Lechner huschte eilig in ein Zimmer . Vöst merkte es nicht , weil ihm zuviel im Kopfe herumging . Und so entging ihm leider auch die Frömmigkeit des Herrn Kooperators , welcher eifrig in seinem Gebetbüchlein las und mit halblauter Stimme den Inhalt vor sich hin sagte . » Beschämung meiner selbst ... Unglückseliges Gedächtnis ! Wie viele boshafte Gedanken hast du zugelassen ! Unglückseliger Wille ! Wie viele unordentliche Begierden hast du ausgekocht ! O Sünde ! Wie lieblich scheinest du , da man dich begeht ! Wie bitter und abscheulich bist du , nachdem du geschehen ... Ja ... ich schäme mich ... « Den anderen Tag in aller Frühe wurde das Heidenkind begraben . Keine Glocke läutete , und kein Priester sprach ein Gebet . Die Hebamme trug den kleinen Sarg ; hinterdrein gingen der Schullerbauer , der alte Weiß und der Haberlschneider . Sonst war niemand dabei . Der Totengräber Kaspar legte den Sarg ohne viele Umstände in die Grube und warf Erde und Gras darauf . » Koa Kreuz derf ma net hi ' stecken ? « fragte der Schuller . » Na , « sagte der Kaspar , » dös geht gar it . Was moanst denn ? « » Nacha net . Jetzt is scho gleich . Geath ' s zua ! Mi hamm da nix mehr z ' toa . « Vöß drehte sich um und ging . Die anderen , folgten ihm . In Erlbach redete man ohne große Aufregung über die Begebenheit . Die Weiber hatten Bedauernis mit der Schullerin , weil ihr das Kind so unversehens weggestorben war , und bloß ein paar recht Fromme wußten es zu tadeln . Am ärgsten die Bäcker Ulrich Marie ; aber die konnte sich nie genug tun mit der Frömmigkeit . Sie war bei der Bruderschaft vom blauen Skapulier und beim Verein der heiligen Kindheit , und machte jeden Montag den heldenmütigen Liebesakt für die armen Seelen . Da mußte ihr das Heidnische weh tun . Die Männer in der Gemeinde dachten nicht viel darüber nach , wie es mit dem Kinde im Jenseits bestellt sei . Ihnen lag das Weltliche im Sinn , und sie meinten , daß es zuwider sei für einen achtbaren Mann , wenn eines so ohne Sang und Klang und neben hinaus begraben wird . Mancher glaubte , der Pfarrer hätte es nicht mit jedem so streng gemacht . Man wußte , daß er eine heimliche Feindschaft gegen den Schuller hatte . Die stammte von der Zeit her , wo der Pfarrer einen neuen Kirchturm bauen wollte . Er hatte den alten Linnersteffel und den Hanrieder überredet , daß sie etliche tausend Mark für den Bau ins Testament einsetzten . Aber es langte nicht , und da wollte er die Gemeinde überreden , daß sie Geld für den Bau hergebe . Selbiges Mal redete der Schuller dagegen ; er sagte auch , dem Linnersteffel sein Sohn hätte das Geld wohl brauchen können , das der Alte auf dem Sterbbett herschenkte . Der Pfarrer wurde rot über das ganze Gesicht und wieder schneeweiß . Er sagte , daß es schlecht aussehen müsse in dem Herzen eines Mannes , der den Priesterstand verunehre . Aber er wolle es verzeihen , wenn nur das gute Werk gelinge . Das gelang jedoch nicht , denn durch den Einfluß des Schuller fiel der Antrag durch . Hernach probierte es der Pfarrer auf andere Weise . Er ließ keine Glocke mehr läuten , und schrieb an das Bezirksamt , daß er auf dem Verbot bestehen müsse , weil der alte Turm so baufällig wäre . Es gab eine lange Streiterei hin und her . Die Gemeinde blieb fest , und der Schuller führte das Wort . Er sagte , bei Lebzeiten des alten Pfarrers Held , der doch erst ein Jahr vorher gestorben sei , da habe nie etwas verlautet von der Baufälligkeit . Weil man aber einen neuen Turm wolle und die Mittel nicht gutwillig kriege , wäre der alte Turm auf einmal wacklig geworden . Wenn es jedem recht traurig vorkomme , daß keine Glocke mehr auf Mittag und Abend läute , wäre die Gemeinde leichter bereit , das viele Geld herzugeben . So meinte der Herr Pfarrer , aber die Erlbacher meinten es anders . Nach langen Schreibereien entschied das Bezirksamt , daß der alte Turm keinen Schaden aufweise und das Läuten ertragen könne . Der Pfarrer war geschlagen und mußte seine Angst überwinden . Er ließ sich den Zorn nicht ankennen , aber im geheimen hatte er sich seine Feinde gemerkt , und dem Schuller trug er es nach und freute sich , daß er Gelegenheit hatte , ihm eines auszuwischen . Zweites Kapitel Den Sonntag vor Michaelis fand wie alle Jahre in Webling der Ball der freiwilligen Feuerwehr statt . Von Erlbach gingen viele hinüber ; die jungen Leute schon bald nach dem Essen , die älteren nach dem Rosenkranz . Der Weg zieht sich eine leichte Stunde über einen Hügel durch das Schneiderhölzl ; man sieht schon von weitem den Weblinger Kirchturm und den Maibaum , der vor dem Wirtshause steht . Der Weg sah heute bunt aus . Die Erlbacher Mädel gingen in Scharen zu vieren und mehr miteinander . Ihre Kopftücher leuchteten lustig über die Felder , und wenn sie beim hohen Kreuz am Waldsaum waren , kam der Wind in die Tücher und blähte sie auf . Die Zipfel flatterten wie Fahnen und verschwanden hinter der Höhe . Die Burschen hielten sich auch zusammen und marschierten an den Mädeln vorbei . Sie führten laute Unterhaltung im Gehen ; einer blies auf der Mundharmonika , und andere sangen : » Dieses scheane Land , Es üst mein Heimatland , Dieses scheane Land ... « » Jackl , heunt sauf ' n ma r ' ins grad gnua . « » Da Peter isch Zechmoasta . Hast as Geld bei dir , des ma z ' samm g ' legt hamm ? « » I scho . Dös g ' langt überall ' n hi . Bal no an Wirt ' s Bier net ausgeht . « » Herrschaftseiten ! Und Juhu ! Jui ! « » Dieses scheane Land , Es üst mei Heimatland . « » Toni , spiel auf ! « Wenn sie an den Mädeln vorbeigingen , rückten sie ihre Hüte und schnackelten . Die Lustigsten sprangen in die Höhe , pfiffen und schrien . Das Weibervolk drängte sich zusammen und lachte und stieß sich mit den Ellenbogen an . » Hoscht an Kistler Hans g ' sehg ' n ? « » Ah , dös is oana ! Und da Christl ! « » Jessas na ! « Und die Burschen freuten sich wieder , wenn sie den Eindruck sahen . So ging es über die Felder und durch den Wald . Der Lärm wurde durch den Wind fortgetragen und steckte die Scharen an , die hinterdrein kamen . Einer von den Letzten war der Xaver , der Sohn vom Hieranglbauern , ein junger Mensch , der sich mehr auf sein Geld einbildete , als gut war . Wenn er bei einer Unterhaltung mittat , gab er sich ein Ansehen , als müßten sich die anderen geehrt wissen . Deswegen ging er auch heute abseits und hielt sich zurück , daß niemand glauben konnte , dem Hierangl Xaver wäre es um das Tanzen zu tun . Holten ihn seine Kameraden ein , dann gab er ihnen den Gruß zurück , und wenn sie ihn aufforderten , mitzugehen , sagte er , daß er noch früh genug nach Webling komme . Den Mädeln rief er keine Scherzreden zu , und er gab sich keine Mühe , ihnen zu gefallen . Als die Ursula vom Schullerbauern mit zwei anderen vorbeiging , redete sie ihn an : » Xaverl , geahscht it am Tanzboden ? « » Vielleicht kimm i ; vielleicht net aa . « Sie drehte den Kopf nach ihm um und lachte verlegen . Er gab ihr nicht an und blieb zurück . Als er zum Feldkreuz kam , stand sie auf einmal neben ihm . Sie hatte im Walde gewartet und rückte jetzt verlegen an ihrem Kopftüchel . » Daß d ' gar nimmer kimmst , Xaverl ? Seit guatding drei Wocha hoscht di nimma sehg ' n lassen ? « » Unter der Arndt hon i koa Zeit auf dös . « » Sinscht host d ' a wohl Zeit g ' numma . « » Jetzt is halt net ganga . « Sie ging schweigend ein paar Schritte neben ihm her . Dann fragte sie : » Hoscht d ' as dahoam scho g ' sagt ? « » Ob i was g ' sagt hab ? « » Frag ' it a so ! Hoscht nix g ' sagt , daß i in der Hoffnung bin ? « » Dös geht do bei mir dahoam neamd was o ! De wern sie nix bekümmern um dös . « » Hoscht ma ' s du it g ' hoaßen , daß d ' mi heiratst ? « » Da is mir nix bekannt . « » So redst du jetzt ? A so tatst ma ' s du macha ? Hoscht d ' ma ' s it g ' hoaßen ? Hoscht it g ' sagt , du brauchst durchaus koan Angst it z ' hamm ? « - » Geh du dein Weg und laß mir mei Ruah ! « » Jetzt tat ' st di weglaugna , du ganz Schlechter ! Aba du derfst di zahl ' n grad gnua ! « » Des werd si aufweisen ; da sand anderne aa no beteiligt . « » Dös ko ' st du net mit Wahrheit behaupten . « » Jetzt geh mir aus ' n Weg ! I ho mit dir nix mehr z ' reden . « Die Ursula kam das Weinen an . Dicke Tränen liefen ihr über die Backen , und sie wischte sich mit den schwieligen Händen über das Gesicht , daß es um und um naß wurde . Sie wollte reden , aber die Worte kamen nur ruckweise heraus . » Wie ' st dös erstmal ... Wie ' st ans Fenschta kemma bist ... do hoscht g ' sagt , i brauch mi nix bekümmern , hoscht g ' sagt , und ' s Heiraten is ma g ' wiß ... und jetzt gangst mit solchene Lugen um , und bei da Hollastauden hiebei , da hoscht g ' sagt , i brauch mi durchaus nix bekümmern , und jetzt brach ' st d ' as so für , als wenn anderne beteiligt g ' wen war ' n - - « » Dös werd sie aufweisen , « sagte der Hierangl Xaver und ging weg . Es war ihm nicht mitleidig zumute , und er sah sich nicht um nach der Ursula , die mit den Ärmeln ihre Tränen trocknete und nicht wußte , sollte sie stehen bleiben oder dem Xaver nachlaufen . Weil sie aber sah , daß er schnell dahinging , dachte sie , daß ihr alles Reden nichts helfen würde . Sie richtete das Kopftüchel zurecht und öffnete ihren Handkorb . Auf der Innenseite des Deckels war ein Spiegel angebracht , und Ursula betrachtete ihr Bild darin . Es sah nicht vorteilhaft aus . Über das sommersprossige Gesicht waren schwärzliche Streifen gezogen ; sie kamen von den Tränen und den schmutzigen Fingern . Auf zehn Schritte wäre es zu sehen gewesen , daß sie geflennt hatte ; deswegen spuckte sie in ihr Taschentuch und verwischte die Spuren . Und dann ging sie langsam ihren Weg , auf den Tanzboden . Der Weblinger Wirt hatte einen guten Tag . Saal und Stuben waren gefüllt , und im Nebenzimmer saßen alle Honoratioren , auf die er gerechnet hatte . Die Herren Lehrer aus der Umgebung , der Förster von Pellheim , der Verwalter von Hohenzell und der Stationskommandant Hermann . Unter der Türe erschien ein junger Mann . Er grüßte freundlich und wurde von allen willkommen geheißen . » Bei mir ist noch Platz , « sagte der Lehrer Stegmüller von Erlbach . » Darf ich die Herrschaften miteinander bekannt machen ? Herr Mang , Kandidat der Theologie - Fräulein entschuldigen , jetzt hab ich den Namen vergessen ... « » Sporner , « sagte das hübsche Mädchen , welches neben ihm saß . » Fräulein Sporner , die Nichte des Herrn Collega von Aufhausen . Den kennen Sie ja schon ? « » Gewiß habe ich schon die Ehre gehabt . Wenn die Herrschaften erlauben , dann bin ich so frei , « sagte der Kandidat der Theologie und setzte sich mit linkischer Bescheidenheit nieder . Er hatte ein hübsches Gesicht und lustige braune Augen ; seine Bewegungen verrieten Kraft und Geschmeidigkeit , aber er war nicht frei von der angelernten Würde , die man für den geistlichen Beruf braucht . Dazu kam noch einige Schüchternheit im Verkehr mit Damen , und Fräulein Sporner war ein schönes Mädchen , vor dem ein junger Studiosus wohl erröten konnte . Darum war es nicht verwunderlich , daß Sylvester Mang sich einige Male durch die Locken fuhr und keinen rechten Platz für die Hände fand , und daß er nach längerem Besinnen sagte , es sei heute ein schöner Herbsttag . » Wundervoll , « meinte Fräulein Sporner , » es ist überhaupt so hübsch hier . « » Fräulein sind noch nicht länger da ? « - » Nein . « » Wir haben gerade von Ihnen geredet , Herr Mang , « sagte der Lehrer von Aufhausen . » Am nächsten Sonntag haben wir ein Hochamt , und da könnten wir einen guten Tenor brauchen . « » Wenn Sie wünschen , stehe ich gerne zu Diensten . « » Sie tun mir einen großen Gefallen damit . « » Sie sind Sänger ? « fragte das Fräulein . » Ja , das heißt , ein wenig . Natürlich nicht geschult . « » Der Herr Mang hat einen prachtvollen Tenor , « unterbrach ihn Stegmüller . » Ich sag ' Ihnen , Fräulein , da können Sie in der Stadt lang suchen , bis Sie einen solchen Tenor finden . « » Da freue ich mich auf den Sonntag . « » Wenn Sie nur nicht zu stark enttäuscht werden , Fräulein . Ich habe gar keine Übung mehr . « » Er ist überhaupt ein musikalisches Genie , « rühmte Stegmüller . » Ein Künstler auf der Violine . Ja , wenn ich das gekonnt hätte , säß ich nicht als Schullehrer in Erlbach ! Eigentlich is ' s schad , daß Sie Geistlicher werden . « » Es ist ein idealer Beruf , « sagte Sylvester . Und er sah bei diesen Worten nicht weniger altklug aus , wie andere junge Leute , welche etwas Großes behaupten . Fräulein Sporner nickte ernst und verständnisvoll zu seinen Worten . » Die Kunst , das wär mein Fall gewesen , « seufzte Stegmüller . » Frei sein , wie ein Vogel in der Luft und auf niemand Obacht geben . Und leben können , wo man will . « » Treiben Sie auch Musik , Fräulein ? « fragte er . » Klavier habe ich gelernt , aber ich hab ' s nicht sehr weit gebracht . « » Sie sollten einmal den Herrn Mang begleiten . « » Da kann ich nicht genug . « Sylvester freute sich , daß ein Gespräch im Gange war , in dem er seinen Mann zu stellen wußte . Er stellte höfliche Fragen und rühmte alle Werke , welche das Fräulein hervorhob . Und als sie sagte , kein Lied gefalle ihr besser , als das » Am Meer « von Schubert , fiel Sylvester leise ein : » Das Meer erglänzte weit hinaus ... « » Auch das Gedicht ist herrlich , « lobte das Mädchen . » Von Heine , « sagte er . » Ich hab es einmal bei einem Maifest gesungen , am Gymnasium . Der Rektor sagte aber , ich hätt ' es nicht tun sollen . « » Wenn es so schön ist ! « » Er meinte , weil Heine doch ein Gottesleugner war . « Fräulein Sporner mußte wieder den Ernst des jungen Mannes bewundern . An allen Tischen wurde die Unterhaltung lebhafter . Die Frauen hatten sich vieles zu erzählen ; die eine hatte ihren Mann pflegen müssen , der andern war ein Kind krank geworden . Die Fleischpreise gingen in die Höhe , Schmalz und Eier wurden nicht billiger . Manche führten Klage über die Mühen ihres Eheherrn , und als vom Tanzsaal herunter schrille Musik und Stampfen vernehmlich wurden , sagte die Frau Stationskommandant : » Es wird doch hoffentlich nicht schon wieder