Spitteler , Carl Imago www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Carl Spitteler Imago Die Heimkehr des Richters » Warten mit dem Aussteigen ! Warten denn , bis der Zug hält ! « » Dienstmann gefällig ? Dienstmann ? « So , das wäre jetzt also die Heimat , nach welcher man sich das Herz aus dem Leibe gesehnt hat ! Dem Landjäger , der dort in der Halle lungert , würde mans auch nicht ansehen . Ich glaube gar , er gähnt . Heimat und Gähnen ! » Haben Sie noch Großgepäck ? « Ein Bahnhofplatz wie ein anderer ; starre Häuser , hart und grau wie überall ; nichts von Purpurschein und Goldschimmer . Waren denn eigentlich früher die Gassen auch so zugig und leer ? Puh , diese Staubwolken ! Und was für ein eiskalter Wind , anfangs September ! Vor einem jedenfalls , Viktor , bist du in dieser steinernen Nüchternheit sicher : vor Liebesanfechtungen . O , keine Gefahr ! Allein der täppische Dienstmann mit seinem zudringlichen Geschwätz erlaubte keine Besinnung . » Würden Sie mir vielleicht eine große Gefälligkeit erweisen ? « ersuchte ihn Viktor . » Dann gehen Sie , bitte , langsam , aber ja recht langsam , um diesen Pfeiler , und zählen Sie genau die Schritte . - Wieviel ? Sechs ? Gut , ich danke ; und jetzt , wenn Sie einverstanden sind , ziehen wir weiter . « Da fiel dem Männlein vor Verblüffung der Unterkiefer herunter , daß er auf dem ganzen Wege kein Wort mehr hervorbrachte . Kaum im Gasthof angekommen , verlangte Viktor das Adreßbuch . Wie heißt sie doch gleich , gegenwärtig , die Treulose , mit ihrem angeheirateten Namen ? Wyß , glaube ich , Frau Direktor Wyß . Aber wovon Direktor ? Es gibt Eisenbahn- , Bank- , Gas- , Zement- , Gummi- , alle möglichen und unmöglichen Direktoren . Nun , wir werdens ja gleich lesen . Richtig , da steht sie ; natürlich vorsichtig hinter ihrem Manne versteckt : Dr. Treugott Wyß , Professor , Direktor des städtischen Museums und der Kunstschule , Vorstand der kantonalen Bibliothek , Mitglied der Waisenhauskommission , Münstergasse 6. Hu , wieviel Weisheit ! was für ein Haufe voll Würden ! Eigentümlich , ein Bankdirektor wäre mir fast lieber gewesen . Zwar also jedenfalls ein hochgebildeter Herr . Trotzdem - ich weiß nicht warum , es ist nicht meine Schuld - , ich kann mir diesen braven Ehefriedrich nicht anders als klein , unansehnlich und ein bißchen unbeholfen vorstellen , ich will nicht gerade sagen komisch . Also morgen vormittag Münstergasse sechs . Gelt , schöne Dame , das sagt dir dein kleiner Finger auch nicht , daß morgen dein Richter naht ? Und am folgenden Morgen zur Besuchsstunde machte er sich nach der Münstergasse auf den Weg . Wie sie wohl meinen Anblick bestehen wird ? Zweierlei ist möglich . Entweder sie erbleicht und wankt aus dem Zimmer , oder sie errötet , faßt sich , trotzt mir und sieht mir dreist ins Gesicht . In diesem Falle werde ich meinen Blick mit Erinnerung laden und sie zwingen , die Augen vor mir niederzuschlagen . Hernach wende ich mich zu ihm , dem Friedrich : » Hochgeehrter Herr , die rätselhafte Pantomime , die wir soeben vor Ihren erstaunten Augen aufgeführt haben , Ihre Frau und ich , verlangt eine Erklärung . Selbstverständlich bin ich bereit , sie Ihnen zu geben , halte es aber für ritterlicher , das Wort Ihrer Frau zu überlassen . Denn ob ich schon ihr Gläubiger bin , ihren Ankläger will ich nicht spielen . Von ihr also mögen Sie sich erzählen lassen , warum und wieso ich der rechtmäßige Eigentümer Ihrer Gattin bin und Sie , mein Herr , bloß mein Stellvertreter und getreuer Statthalter , dank meiner Erlaubnis . Entschlagen Sie sich indessen aller Besorgnisse ; nachdem ich Sie stillschweigend als meinen Ehestatthalter anerkannt , bin ich mir bewußt , die Anstandspflicht übernommen zu haben , Ihre Ehe , Ihren Frieden , Ihr Glück in keiner Weise zu stören . Ihr Herd ist mir heilig , und meine klare Aufgabe lautet , mich zu verneigen und zu verschwinden ; Sie werden an mir , Herr Direktor , die Tugend der Unsichtbarkeit schätzen lernen . Wie ich denn auch zum ersten und zum letzten Male Ihre Schwelle übertreten habe ; und wenn ich heute erschienen bin , so geschah das bloß , um einmal in meinem Leben , ein einziges Mal und nie wieder , Ihrer geehrten Frau Gemahlin ergebenst meinen Mangel an Hochachtung auszudrücken . Dort liegt sie , das fleischgewordene Schuldgeständnis . Das genügt mir . Falls es Ihnen nicht genügen sollte , so wohne ich da und da und stehe jederzeit vom Morgen bis zum Abend zu Ihrer Verfügung . « So ungefähr werde ich zu ihm sprechen . - Hausnummer vierzehn ; da bin ich in Gedanken vorübergegangen . Rückwärts denn : Nummer zwölf , zehn ; jetzt kommt es näher ; acht - also das nächste Haus . Nicht übel , das Häuschen ; wie reinlich , wie wohnlich mit den weißen Spitzenvorhängen und dem weit ausladenden Erker ; wer würde ihm von außen die Falschheit ansehen , die es birgt ? Einen Kanarienvogel hört man auch ; und Kinderlachen . Ein Kind ? Wie kommt ein Kind da hinein ? sollte ich mich in der Hausnummer getäuscht haben ? Nein , es ist richtig Nummer sechs . Nun , es können ja mehrere Familien in einem Hause wohnen . Als er an der Tür den Namen Wyß las , begannen urplötzlich seine Pulse ein Wettrennen im Galopp - » Ruhig dort innen ! « herrschte er , » Beklemmung geziemt ihr , nicht mir , dem Richter ! « Zog die Klingel und eilte die Treppe hinauf , die Stufen überspringend . Es tue ihr leid , flötete das Dienstmädchen mit süßlicher Miene , Herr und Frau Direktor wären ausgegangen . Darob knirschte sein Unwille . Auf jeden Empfang war er gefaßt gewesen , nur nicht auf keinen . Überhaupt liebte er nicht , wenn jemand , den er besuchen wollte , nicht zu Hause war . » Ausgegangen ! « Die geht also am hellen , lichten Tage mit jenem aus ? ! Freilich , das Recht dazu hatte sie , allein es gibt nicht bloß ein Recht , es gibt auch eine Scham . » Hier meine Karte , und ich würde um drei Uhr nachmittag wieder vorsprechen . « » Frau Direktor werden schwerlich heute nachmittag zu Hause sein « , wagte das Dienstmädchen . » Sie wird zu Hause sein ! « befahl er , kehrte sich und ging . Was für eine boshafte Person , dieses Dienstmädchen ! Wie giftig sie das Wort Frau Direktor betont hatte , beinahe höhnisch . Auf der Treppe begegnete ihm der Briefträger . » Eine Postkarte für Frau Direktor « , meldete er nach oben . Der auch ! feiges Volk ! Tatsachenknechte ! Hätte ich sie geheiratet , so würden sie sie heute wahrscheinlich mit meinem Namen nennen . Auf der Straße zog er die Uhr : » Halb zwölf ; reicht zur Not gerade noch zu Frau Steinbach vor dem Mittagessen . Ein wenig weit zwar von der Münstergasse ins Rosental , allein wenn man ein bißchen auszieht ... « - und das trauliche Gärtchen mit den Astern im Herbstsonnenschein leuchtete ihm ins Gedächtnis . Rüstig machte er sich auf den Weg , glücklächelnd ob der Vorstellung , die Freundin wiederzusehen . Und je länger , desto rascher trieb ihn das Verlangen . Vor dem Gartentürchen jedoch stutzte er : » Natürlich wahrscheinlich ebenfalls nicht zu Hause , denn wenn das einmal anfängt , so geht es wie eine Seuche . « Doch nein , Wunder ! ein Freudenruf erscholl oben aus dem Fenster , und freundschaftstrahlend eilte sie ihm entgegen , die Treppe herab . Wenig fehlte , so wären sie sich um den Hals gefallen . An beiden Händen zog sie ihn mit sich : » Sind Sies auch wirklich ? - Und nun setzen Sie sich und erzählen Sie mir ! Vor allem , lieber Freund , wie geht es Ihnen ? « » Wie soll ich das wissen ? « Laut auf lachte sie vor Vergnügen : » Daran erkenne ich Sie wieder ! Also : reden Sie , sprechen Sie , einerlei was ! Nur daß man Ihre Stimme hört ! Damit man auch ganz sicher weiß , Sie sind es leibhaftig , und es ist nicht etwa bloß ein schönes Märchen . Denn bei Ihnen , mein Herr , geht ja Phantasie und Wirklichkeit derart durcheinander , daß man sich nicht wundern würde , wenn Sie einem plötzlich wieder unter den Augen verschwänden . « » Ein bißchen aus dem Geleise , der Gedankenzug « - scherzte er - » nicht ganz tadellos gekuppelt . Befehlen Sie übrigens , daß ich mich rundherum drehe , um Sie von meiner Leibhaftigkeit zu überzeugen ? « » Nein , geben Sie mir lieber noch einmal die Hand . - So ! Nun halte ich Sie aber fest . - Nein , diese Überraschung ! Wann sind Sie denn eigentlich angekommen ? « » Gestern abend . - Aber wissen Sie auch , daß Sie je länger , je jünger und hübscher werden ? Und - natürlich , das fehlt nicht , immer mit dem erlesensten Geschmack gekleidet ! « » O lala ! Schweigen Sie ! Eine alte dreiunddreißigjährige Witwe ! Und Sie - etwas kräftiger und männlicher , scheint mir , als vor vier Jahren ; wie soll ich sagen - sicherer , mutiger ! « » Übermütig sogar , unternehmend , angriffslustig ! « » Möge es so bleiben . Dann darf man also bald etwas Großes , Schönes von Ihnen erwarten ? Sie wissen , wie ich darauf zähle . « » Ach Gott , was das betrifft « - seufzte er und sann sorgenvoll vor sich hin . » Und wenn Sie noch so ein kummervolles Gesicht machen « - lachte sie - » so habe ich doch kein Mitleid mit Ihnen , nicht das mindeste . Vollendungswehen , Siegessorgen ! « Da summte vom Münster drüben die Mittagsglocke ihren tiefen Sang . » Wissen Sie was « - schmeichelte sie , während er sich erhob - » kommen Sie diesen Nachmittag zu einer Tasse Tee , ganz allein unter uns . « Schon wollte er freudig zusagen , da erinnerte er sich : » Leider schon anderswo verpflichtet « , bedauerte er verstimmt . » Ei , sieh doch ! Gestern abend erst angekommen und heute schon vergeben ? Indessen , ich will mich nicht in Ihre Geheimnisse drängen . « Ungern gestand er , doch gerade deshalb tat ers , denn er gestattete sich keine Feigheitchen . » Es ist kein Geheimnis « - sagte er - » für niemand , geschweige denn für Sie . Ich habe mich nämlich auf drei Uhr nachmittag bei Direktor Wyß angemeldet . « Befremdet schaute sie ihn an : » Was in aller Welt haben Sie in dem demokratischen Tugendtempel verloren ? Kennen Sie denn den Herrn Direktor ? « » Ihn nicht , hingegen sie . « Jetzt verwandelte sich ihr Gesicht und nahm einen kalten Ausdruck an . » Ich weiß , ich weiß « , sagte sie , sich abwendend , » Sie haben sie vor vier Jahren einmal flüchtig an einem Kurorte getroffen . Ein oder zwei Tage , glaub ich . « » Flüchtig ! « - rief er empört - » flüchtig ? Das sagen Sie , die Sie es doch besser wissen ? Ein oder zwei Tage ? , was heißt das : Tage ? Mißt man den Wert des Lebens mit dem Kalender ? Ich denke , es gibt Stunden , die schwerer wiegen als dreißig Jahre der Gewöhnlichkeit ; Stunden , die ewig leben , so gewiß wie irgendein Kunstwerk , gewisser sogar ; denn der Künstler , der sie schuf , ist der heilige Weltgeist der Schönheit ! « » Was sie leider nicht davor schützt , zu vergehen und vergessen zu werden . « » Ich kenne kein Vergessen , ich dulde keine Vergangenheit . « » Sie mit Ihrer Phantasie nicht ; dafür andere Leute ; namentlich wenn die Gegenwart alle ihre Wünsche befriedigt . Glauben Sie wirklich , daß Frau Direktor Wyß Ihren Besuch erwartet oder ihn sonderlich vermissen würde , wenn er ausbliebe ? « » Das glaube ich allerdings nicht , bezwecke auch mit meinem Besuche keineswegs ihr Vergnügen . « Frau Steinbach schwieg eine Weile , dann redete sie wie für sich selber , doch laut und nachdrücklich : » Die schöne Theuda Neukomm ist jetzt ein abgeschnitten Stück Brot ; zufrieden in glücklicher Ehe . Ein gebildeter , angesehener und hochachtungswerter Mann , den sie liebt und der ihre Liebe auch wert ist ; ein reizendes Kind - ( ein wahrer Engel von einem Buben , sage ich Ihnen ; ein kecker , schwarzlockiger Trotzkopf wie seine Mutter ; fängt sogar schon zu sprechen an . - Ja , machen Sie nur ein Gesicht , als ob Sie mit der Achsel zuckten . Ihnen mag das Nebensache sein , der Mutter aber nicht ! ) - dazu ein reicher Sippschaftssegen von Freunden und Verwandten , in denen ihre Wonne schwimmt ; allen voran ihr Bruder Kurt , der Wundermensch , das große Genie , ihr Abgott . « Hier unterbrach sie sich und lächelte ein wenig vor sich hin . » Übrigens , da fällt mir eben ein , sie ist ja diesen Nachmittag gar nicht einmal zu Hause ; sie fährt mit dem Gesangverein über Land . « » Verzeihen Sie , sie wird zu Hause sein ! « » Ah , wenn Sie das so bestimmt wissen , so füge ich mich natürlich . « Dann plötzlich , ihn ernst anschauend : » Lieber Freund , sagen Sie mir aufrichtig , was wollen Sie von Frau Direktor Wyß ? « » Nichts ! « schnitt er unwillig ab . » Um so besser , sonst würden Sie einer empfindlichen Enttäuschung entgegengehen . - Also dann ein andermal . Wann immer Sie mögen . Bei mir , das wissen Sie ja , sind Sie jeden Tag , zu jeder Stunde willkommen . « - Und während sie ihn hinausgeleitete , sagte sie noch einmal nachdrücklich : » Die schöne Theuda ist jetzt ein abgeschnitten Stück Brot . « Wie auffällig sie den Spruch vom abgeschnittenen Stück Brot wiederholt hatte ! Sie wird doch nicht etwa glauben - ? O nein , meine Teuerste , der Bräutigam der hehren Imago ist gegen eine Frau Direktor Wyß gefeit . - Also das ist jetzt ihr neuester Sport : Buben in die Welt zu setzen ? Bitte , gnädige Frau , lassen Sie sich ja nicht etwa stören . Zwillinge , Drillinge , meinetwegen Zwölflinge , tun Sie ganz , als wenn ich nicht da wäre . - Doch halt , daß ich antwortete , ich wollte nichts von ihr , war nicht genau ; das müssen wir berichtigen . Und ließ ungesäumt durch den Aufzugsknirps Frau Steinbach einen Zettel zustellen : » Liebe Freundin , eine Berichtigung : Nicht nichts will ich von ihr , sondern daß sie die Augen vor mir niederschlage , das will ich von ihr . Ihr getreuer Viktor . « Im Speisesaal langweilten sich die Gäste längs den Wänden auf und ab ; bald zum Fenster hinausstierend , bald zerstreuten Geistes die Bildertafeln betrachtend , bis das Mittagessen endlich käme . Vor dem schwarz umränderten Kopfbilde eines Staatsmannes ( der Name war natürlich unleserlich ) blieb Viktor stehen . Ein kräftiges Gesicht ; mit derben , markigen Zügen , wie nach dem Muster eines Holzschnittes geboren . Uneigennützigkeit und Zielbewußtsein im Ausdruck , feurige Überzeugungshaltung , blicklose Vereinsaugen , nicht gewohnt , Mann gegen Mann zu trotzen , sondern gegenstandslos über eine Menge zu gleiten . Des Mannes Kernspruch vermochte er zu buchstabieren : » Alles durch die Volksschule ! « Ja , danach sah der gerade geschrobene Herr aus . Die Welt als eine Erziehungsanstalt aufgefaßt ; Zweck des Lebens lernen , hernach lehren ; keine Wahrheit , sie schmecke denn nach Weisheit , und keine Weisheit , oder sie röche nach Ermahnung . Das Unheil , das der angestiftet hätte , mit seinem wandtafeligen Überzeugungs-Viereck , wenn ihn das Schicksal statt in die unschädliche Abstimmungsschachtel an das Steuer der Weltgeschichte gestellt hätte ! Während er so mit dem Staatsmanne klugäugelte , hatte sich ihm unvermerkt ein Nebenmensch beigesellt , der über seine Schulter weg ebenfalls das Bild betrachtete . » Nicht wahr , ein prächtiger Charakterkopf ? « urteilte der Unbekannte bewundernd . Andere Gäste sammelten sich herbei , wie die Fliegen um ein Zuckerstück , und aus der Gruppe kam zum zweitenmal das ehrfürchtige Urteil : » Ein prächtiger Charakterkopf . « Er mußte wohl ein gewichtiger und volksbeliebter Herr gewesen sein , der Charakterkopf ; denn das Gespräch blieb bei ihm hangen , nachdem man sich schon längst zu Tisch gesetzt hatte . Beiläufig verlautete auch sein Name - Neukomm . Halt , hast du gehört ? Neukomm ? So hatte ja auch sie geheißen . Vielleicht gar ein entfernter Verwandter von ihr ? » Hat er eigentlich Kinder hinterlassen ? « munkelte eine Frage . » Zwei « - meldete die Antwort ; » einen Sohn und eine Tochter . Mit dem Sohne ist nicht viel , er dichtet ; die Tochter dagegen ist an den bekannten Herrn Direktor Wyß verheiratet . Ein Prachtweib , sag ich Euch ; alles dreht sich auf der Straße nach ihr um . Groß , stolz , schwarz wie eine Südländerin ( ihre Großmutter war eine Italienerin ) und hitzig , potzteufel ! Übrigens durch und durch brav und sittsam ; kein Mensch kann ihr das mindeste nachsagen . Und eine überzeugungseifrige Patriotin wie ihr Vater selig . « - Der Charakterkopf ihr Vater ! So wach doch auf , o meine Vernunft , und reg dich , denn daraus folgt ja eine ganze Menge wichtiger Betrachtungen . Nachlässig bewegte sich seine Vernunft , hob ein wenig den Kopf , dann legte sie sich gleichgültig wieder zur Ruhe , wie ein auf der Straße lagernder Hofhund , wenn der Milchmann vorübergeht . » Die Tatsache ist mir zu dumm « , erklärte sie . Nach dem Essen erkundigte sich Viktor beim Oberkellner : » Wohin jetzt , um Zeitungen zu lesen ? « » Da gehen Sie am besten ins Café Scherz beim Bahnhof ; jedes Kind kann Sie weisen . « Im vollen Saale fand er noch ein Tischlein am Fenster mit zwei unbesetzten Plätzen . Leute gingen , Leute kamen , sahen sich um ; doch niemand nahm ihm gegenüber Platz . » Hier wie überall ! Entschieden , Viktor , du hast nichts Einladendes , du bist nicht gemütlich . - Ein fröhlicher Gedanke : Wenn jetzt mitten unter all dem Volk mein getreuer Statthalter säße ? warum auch nicht ? Er wird sich doch wahrscheinlich auch seine Zeitungen gönnen . Etwa so einer wie der dort hinten , mit den flachsblonden Strähnen und der doppelten Brille im Schafsgesicht ? Ein Adonis ist er gerade nicht , das könnte man mit dem besten Willen nicht behaupten ; und mehr Geist , als zu einem Herrn Professor unbedingt nötig ist , scheint er auch nicht zu haben . Statthalter , Statthalter , wenn ich dir raten darf , verlaß dich nicht allzusehr auf deine Gelehrtheit , sonst tauft dich eines trüben Morgens deine schöne Juno , auf die du dir so viel einbildest , Doktor Überdruß . Eigentlich nach den Gesetzen der Schicklichkeit müßte man zu ihm hinüber und ihn ein wenig hänseln . Wenn ich nur ganz sicher wäre , daß ers ist ! Nun , wir werdens ja bald erwähren . Zehn Minuten nach zwei Uhr ; noch drei Viertelstunden . Wie die Zeit schleicht ! - Ha ! was für ein stattlicher Mann kommt jetzt hereinspaziert ! Brr ! Ein Held für Mädchenträume . Etwas zum sich ablehnen , zum sich emporranken , eine Stütze fürs Leben ! Könnte ich singen , ich sänge : Er , der Herrlichste von allen ! Und Jupiterlocken hat er auch ! An wen erinnert mich doch dieser minnesame Herkules ? - Richtig , an den Herzkönig im Kartenspiel . - Wehe , ihr Jungfrauen , weinet ! Schauet den Ehering ! Sogar bereits Papa , denn so weltzufrieden schreitet bloß , wer Vatergefühle kennt . - Wie sorgsam er seinen Überrock faltet ! und die feine , tadellose Wäsche , die jetzt zum Vorschein kommt ! Was noch gar ! Ich glaube wahrhaftig , er steuert zu mir . Willkommen , Herrlichster von allen ! « Mit einer höflichen Verbeugung ließ sich der Herzkönig nieder ; darauf zog er eine Zigarrentasche hervor : » Darf ich mir vielleicht erlauben ? « Dankend erwiderte Viktor : » Ich rauche nicht . « Aber hast du die kunstvoll gestickte Zigarrentasche gesehen ? Jedenfalls von seiner Frau . Jetzt griff der Herzkönig - » Ist es gestattet ? « - eine illustrierte Zeitung auf und schaute wohlwollend , fast gnädig hinein , mit halber Aufmerksamkeit ; - dazu trommelte er mit den Fingern auf den Tisch . Was für gepflegte Fingernägel ! Dem Herzkönig schien jedoch nicht sonderlich ums Lesen zu tun ; eher ums Plaudern ; offenbar hatte ihm das Mittagessen geschmeckt . » Sie als Fremder « - begann er mit zögernder Einleitungsstimme die Unterhaltung , als sich die Kehllaute in ihrer Nähe kräftiger vernehmen ließen , » werden wohl auf unseren etwas rauhen Dialekt nicht besonders günstig zu sprechen sein ? « » Nicht Fremder « , berichtigte Viktor , kurz ablehnend , » hier geboren und aufgewachsen ; bloß viele Jahre in der Fremde gewohnt . « » Ah , um so besser ; dann habe ich also das Vergnügen , einen Landsmann in Ihnen zu begrüßen . « Hiernach hüllte er sich wieder hinter die Zeitschrift und begann vor sich hin zu schmunzeln . » Er lutscht an seinem Eheglück wie an einem Lakritzenstengel « , dachte Viktor . Als der Lakritzenstengel zu Ende war , zeigte der Herzkönig auf ein Wertherbildnis in seiner Zeitung . » Was ist Ihre Ansicht « , hub er nach einigem Zaudern an , » glauben Sie , daß solch eine leidenschaftliche , schwärmerische Liebe heutzutage noch vorkommen könnte ? « » Natur kommt immer vor « , entgegnete Viktor . Der Herzkönig schmunzelte . » Nicht übel . Es kommt eben alles darauf an , wie eng oder wie weit man den Begriff Natur faßt . Also Sie glauben allen Ernstes , in unserem realistischen Zeitalter - « » Es gibt keine realistischen Zeitalter . « » Wenn Sie so wollen , allerdings nicht . Immerhin , es gibt doch , das werden Sie zugeben , verschieden gestimmte Zeitalter ; zum Beispiel solche , in welchen gewisse Seelenzustände , die früher beobachtet wurden , einfach undenkbar wären . Oder könnten Sie sich zum Beispiel einen Johannes der Täufer , einen Franz von Assisi oder , um bei unserem Beispiel zu bleiben , einen Werther mit einem hohen , steifen Hemdenkragen vorstellen ? - Verzeihen Sie , ich sagte das ohne die mindeste Anzüglichkeit . Nein , wirklich , ich bitte , glauben Sie mir , es war durchaus harmlos gemeint . « Viktor begütigte lächelnd : » Ich mache keinen Anspruch auf den Titel eines Täufers oder eines Heiligen - - ob jedoch der heilige Geist vom Heuschreckenessen komme oder die Ekstase vom Hemdenkragen abhange , möchte ich bezweifeln . Übrigens pflegte sich der Schöpfer des Werther , wenn ich nicht falsch berichtet bin , zierlich , sogar geziert zu kleiden . « Und da nun eine längere Pause entstand , fuhr dem Viktor von der Seite ein Gedanke in den Kopf , den er je länger , je weniger los wurde . » Kennen Sie vielleicht « - wagte er endlich unvermittelt , mit banger Stimme - » kennen Sie vielleicht zufällig hier in der Stadt einen gewissen sogenannten Herrn Direktor Wyß ? « - Kaum hatte er den Satz draußen , so spürte er , daß er heiß errötete . Der Herzkönig schaute überrascht auf : » Gewiß ; warum ? « » Was ist er für eine Spielart von Mensch ? ich meine : wie sieht er aus ? groß oder klein ? jung oder alt ? garstig oder angenehm ? jedenfalls ein hochgebildeter Herr , nicht wahr ? nach seinen Titeln und Ämtern zu schließen ? « Der Herzkönig zog ein überaus schlaues Gesicht und lächelte belustigt vor sich hin . » Nun , er hat wie jedermann seine zahlreichen Fehler ; daneben vielleicht auch , wie ich mir wenigstens schmeichle , einige erträgliche Eigenschaften . - Doch erlauben Sie mir , daß ich mich Ihnen vorstelle : Direktor Wyß ist mein Name . « Das kam so anmutig , mit so liebenswürdiger Ironie heraus , daß Viktor , der nichts höher schätzte als Gefühlsfeinheit , jählings von Sympathie erfaßt aufsprang und ihm die Hand anbot , welche der andere eifrig ergriff und schüttelte . Es entstand wie ein Freundschaftsbund zwischen den beiden . Nachdem dann Viktor auch seinen Namen genannt hatte , rief der Direktor hocherfreut : » Da sind Sie also offenbar der Herr , der uns heute morgen die Ehre seines Besuches zugedacht hatte . Wir bedauern aufrichtig ; besonders meine Frau , mit der Sie , glaub ich , wenn ich nicht irre , einmal in einem Meerbade zusammengetroffen sind . « » Nicht in einem Meerbade « , verbesserte Viktor verstimmt , » sondern in einem Bergkurort . « » Leider muß sie auch diesen Nachmittag auf das Vergnügen verzichten , da sie einen Ausflug mit den Damen des Gesangvereins verabredet hatte ; ich komme soeben von der Eisenbahn . Hoffentlich lassen Sie sich indessen dadurch nicht abschrecken , und wenn Sie mirs nicht als eine Zudringlichkeit auslegen wollen , so möchte ich Ihnen vorschlagen , in die Idealia zu kommen ; es braucht keinerlei Förmlichkeit ; Sie erscheinen ganz einfach als von mir . Zudem ist ja meine Frau Ehrenpräsidentin . « » Idealia ? « - » Ach so , ich vergaß , ich bin zerstreut - Sie können ja natürlich nicht wissen - . « Hiernach begann er , weit ausholend , von der Idealia zu erzählen : Eine Stiftung seines seligen Schwiegervaters - anspruchslose Zusammenkünfte ohne Zwang und Feierlichkeit - weder Kleiderprunk noch Schmauserei - nur zur Pflege einer etwas gehaltvolleren Geselligkeit , wo die Erhebung Hand in Hand mit der Erholung gehe ( eines schließt ja das andere nicht aus ) , hauptsächlich die Musik empfehle sich zu solchem Zwecke - und dergleichen mehr , mit Aufzählung von Namen der Mitglieder und Daten der Zusammenkünfte und wie die Runde laufe ; gewöhnlich Mittwoch , Freitag und Sonntag . Aufmerksam hielt Viktor der Rede sein Ohr hin , mit dem Geiste dagegen schlich er am Gehör vorbei in die Augen : Das der Statthalter ! der Herzkönig ! der Herrlichste von allen ! Und er , der den Adonis für den Statthalter genommen hatte ! Warum hatte er eigentlich vorausgesetzt , der Statthalter müsse ein komischer , mindestens unbeholfener Mensch sein ? Oh , durchaus nicht komisch , der Herzkönig ! durchaus nicht ! - Und starrte ihn unverwandt verblüfft , fast erschrocken an . - Nun , so sei doch froh , Viktor ! dient es doch auch deinem Stolze , wenn dein Statthalter eine gute Figur macht . Auch das finde ich völlig in der Ordnung , daß sie ihn offenbar liebt ; oder habe ich denn jemals etwas anderes gewünscht ? Bewahre ; im Gegenteil ; es müßte mich bekümmern , wenn es nicht so wäre . - Hingegen wieder sie ! Diese Herausforderung ! Mit einem Gesangverein über Land zu trudeln , nachdem ich meinen Besuch angekündigt ! Ohne Frage , der Dame fehlt das Schamgefühl . » Sie sind doch wahrscheinlich auch musikalisch ? « tönte des Statthalters Stimme in seine Gedanken ; » oder lieben wenigstens die Musik ? « » Ich glaube , ja ; das heißt , ich weiß nicht recht , es kommt darauf an . « Da schlug drüben vom Kirchturm die Stunde . » Drei Uhr ! « entsetzte sich der Statthalter , erschrocken aufspringend - » ich habe mich verplaudert , ich muß schleunigst ins Museum . - Also , nicht wahr , ich zähle darauf , Sie in der Idealia begrüßen zu dürfen ? « Reichte ihm hastig die Hand und sputete davon . Viktor aber zog verstört durch die Gassen . Er mochte sich noch sooft vorsagen : » Viktor , sei froh « , es half nichts , er war gedrückt , niedergeschlagen , entmutigt . Was war ihm denn Schlimmes widerfahren ? Nicht das mindeste ; und trotzdem war er eben niedergeschlagen . Bis er sich draußen vor der Stadt müde gelaufen hatte . Darauf , zu Hause , wie er die Glieder aufs Ruhbett streckte , wurde ihm wieder leichter . » Zur Gesundheit « , wünschte ihm sein Körper . » Danke , Konrad « , erwiderte er freundlich . Er pflegte nämlich , weil er mit ihm so gut auskam , seinen Körper kameradschaftlich Konrad zu nennen . Nachdem er sich sattsam gedehnt hatte , bemerkte