Meysenbug , Malwida Freiin von Himmlische und irdische Liebe www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Malwida von Meysenbug Himmlische und irdische Liebe Es war noch im päpstlichen Rom , wo eines Abends vor dem Eingangstor eines der alten großen Paläste eine Menge müßiger Zuschauer stillstand , Arbeiter , Mädchen und Frauen , die von der Arbeit heimkehrten und offenbar hier etwas Sehenswertes zu erblicken hofften . » Höre , Checco , « sagte eine schwarzäugige Dirne , die einen abgefärbten alten Schal nachlässig um die Schultern gezogen hatte , zu einem jungen Burschen , der neben ihr stand , » da ist heute wohl wieder eine große Versammlung da oben in der Arkadia , etwas Besonderes ? « » Das will ich meinen , Peppina , « erwiderte der Gefragte ; » eine berühmte Improvisatrice wird sich hören lassen , sie soll prächtige Verse machen , so gleich frisch weg , wenn man ihr eine Aufgabe gibt . Ich habe immer gedacht , da müßte man viel studieren , um Verse zu machen , wie unser Ariosto und Tasso . « » Ach was , ich kann ' s auch , « versetzte Peppina lachend ; » da hör mal : Der Checco schwätzt dumme Sachen , die machen mich nur lachen . « » Ei , wie artig ! Nicht einmal solche Lumperei hätt ' ich dir zugetraut , « versetzte Checco spöttisch . » Ach , du bist ein Grobian , « sagte Peppina und machte ihm eine Grimasse ; » aber sieh , « rief sie , als ein heranrollender Wagen ihre Aufmerksamkeit erregte , » wer kommt in der prächtigen Kutsche - hm , und die goldbesetzten Livreen der Diener , das muß was Großes sein ! « » Ja , das ist was Großes und was Schönes , « sagte der Bursch ; » das ist die Herzogin Giulia von Santomara , die schönste Frau der Welt , das wollt ich meinen ! « » Und wer ist der schöne junge Blonde neben ihr ? « fragte das Mädchen . » Na , das ist ein deutscher Prinz , der den Winter hier zubringt ; er wohnt im großen Hotel auf der Piazza di Spagna , wo ich am Morgen beschäftigt bin . Da seh ich ihn oft die Treppe herunterkommen , auch seine zwei Begleiter , und mit dem Diener spreche ich oft , das heißt was man sprechen nennt , er kann kein Wort italienisch , ich kein Wort deutsch , ich zeig ' s ihm aber mit den Fingern , was ich meine , und er versteht ' s , und wir lachen dann zusammen . Er gibt mir auch manchmal ein Glas guten Weines zu trinken , denn er lebt wie ein Signore und hat Essen und Trinken die Fülle . « Inzwischen war der Wagen herangerollt und fuhr eben , dicht an den zwei Schwatzenden vorüber , in den großen Torweg des Palastes ein . » Ach , ist die hübsch , die Blonde ! Die könnte mir gefallen , « sagte Checco , indem er auf ein junges Mädchen zeigte , das in einem neu heranrollenden Wagen neben einer älteren Frau saß . Der Wagen hielt einen Augenblick still , weil zwei andere Kutschen , dem Wagen der Herzogin folgend , noch unter dem Torweg hielten , und eine Frau aus dem Volke trat rasch hervor und reichte dem jungen Mädchen im Wagen einen schönen Blumenstrauß , indem sie einige Worte dabei sagte , die dieses mit freundlichem Neigen des Kopfes und einem Dankeswort annahm . » Wer ist denn die Signorina , Sora Vittoria ? « fragte Peppina , sich an die Frau wendend , während der Wagen in den Torweg einfuhr . » O , das ist ja die berühmte Improvisatrice , « entgegnete die Gefragte ; » sie wohnt oben im Haus , wo ich unten meine Bottega habe , da kommt sie öfter zu mir herein , um Gemüse oder Obst zu kaufen und bleibt dann ein Weilchen , um von diesem oder jenem zu reden , und dabei lerne ich sie kennen . O , sie ist lieb und gut wie ein Engel aus dem Paradies . « » Und die andere , ist das ihre Mutter ? « fragte Peppina . » Nein , ihre Mutter und ihr Vater sind tot ; das ist eine alte Verwandte , glaub ich , die bei ihr lebt , weil sie zu jung ist , um so allein zu reisen . « » Ist die auch so gut ? « fragte Checco ; » sie sieht garstig aus , pfui ! « » Nein , die ist auch nicht gut , sie hat immer was zu zanken , besieht erst alle Ware , wirft sie dann hin und behauptet , sie wäre schlecht und ich habe doch nichts als gute zum Verkauf , nie klagen meine anderen Kunden . Und dabei tut sie so stolz , als ob sie etwas viel Besseres wäre wie unsereiner . Aber es ist spät , ich muß nach Haus , ich habe nur der lieben Signorina ein schönes Bukett bringen wollen . « Mit diesen Worten , » buona sera « wünschend , ging sie eilig von dannen , und auch Peppina und Checco begaben sich , miteinander lachend und plaudernd , auf den Heimweg . Unterdessen hatte sich oben in den Sälen der Arkadia eine zahlreiche Versammlung eingefunden . Viele Mitglieder der römischen Aristokratie , vornehme Prälaten und Kardinäle , eine große Anzahl geistlicher Herren , Gelehrte und viele Angehörige des römischen Bürgerstandes nahmen an den Sitzungen der Akademie , zu jener Zeit die einzige derartige literarische und wissenschaftliche gesellige Vereinigung in Rom , teil und die elegante Damenwelt machte es sich zur Aufgabe , die Abendunterhaltungen durch ihre Gegenwart zu verschönen , und viele hatten damals auch feinere Bildung und wirklichen Sinn für Poesie und Kunst . Zu diesen letzteren gehörte vor allem die Herzogin von Santomara , die den Glanz ihrer unvergleichlichen Schönheit durch den Zauber eines feinen , raschen Geistes und eines warmen , treffenden Verständnisses für alles Schöne und Große in Poesie und Kunst noch verdoppelte . An einen älteren , wenig liebenswerten Mann verheiratet , der voll eitlen Stolzes auf seinen Namen , der nur ein Aushängeschild für ein leeres Innere war , und voll heftiger Instinkte , unter denen besonders die Eifersucht sich zur Wut steigern konnte , hatte sie noch nicht Zeit gehabt , sich über dieses ihr aufgedrungene Band Rechenschaft zu geben . Sie schwamm in einem Meere von Jugendlust und gesättigter Eitelkeit , da ganz Rom ihr huldigend zu Füßen lag , von Befriedigung aller Wünsche , die Reichtum und Luxus ihr gewähren konnten , und in dem Rausch der unausgesetzten Folge von Festen und Vergnügungen , die sie umgaben , erschien ihr die äußerlich feine , gentlemanlike scheinende , männlich schöne Gestalt des Gemahls wie der passende Rahmen für das wunderherrliche Bild , das sie selbst war . Ihr Palast war in kurzer Zeit der Sammelplatz all dessen geworden , was Rom damals an Eleganz , Reichtum , Schönheit und Bildung enthielt , und kein Fremder von einiger Bedeutung versäumte es , sich dort Zutritt zu verschaffen , was um so leichter war , als damals gerade mehrere der auswärtigen Gesandtschaften durch geistig hochbedeutende Männer ihres Volkes vertreten waren . So hatte der junge deutsche Fürstensohn , den wir neben ihr an jenem Abend im Wagen sahen , alsbald Aufnahme bei ihr gefunden und war in kurzer Zeit ein oft und gern gesehener Gast in ihrem Zirkel geworden . An seinem Arm trat sie in den Saal , wo die Arkadia ihre Sitzungen hielt , ein und fand sich alsbald umringt von einer Menge Bekannter beiderlei Geschlechtes , die ihr huldigend zur Begrüßung nahten ; denn auch die Frauen konnten trotz des Neides , den ihre siegreiche Schönheit erregte , ihr nicht ganz gram sein , weil ihre Anmut und liebenswürdige Güte ihr auch widerstrebende Herzen gewannen . Unter den vielen , die sich herbeidrängten , ragte besonders die hohe imponierende Gestalt des Kardinals Lombardi hervor , bei dessen Nahen die übrigen Besucher etwas zurückwichen , ihm ehrfurchtsvoll freien Raum lassend . Mit dem Lächeln eines vertrauten Bekannten schritt er auf die Herzogin zu und reichte ihr die Hand entgegen , die sie , sich anmutig verneigend , mit dem schönen Mund zum Kuß auf den würdeverleihenden Ring berührte . » Ich fürchtete , wir würden heute abend des Glücks beraubt sein , die schönste Zierde unserer Akademie hier zu sehen , « sagte der Kardinal , » denn Don Camillo sagte mir gestern , daß ihn eine Einladung zu einer Jagdpartie heute fern von Rom halte . « » So ist es auch , « versetzte die Herzogin ; » aber seine Hoheit Prinz Waldemar hatte die Güte , sich mir zum Begleiter anzubieten und ich nahm es dankbar an , denn ich versäume ungern einen dieser interessanten Abende , und gerade heute verspreche ich mir heiteren Genuß , man sagt viel Schönes von der jungen Improvisatrice . « In dem Augenblick trat der Prinz , der mit den zwei Herren , die mit im Wagen gesessen hatten , seinen deutschen Begleitern , einige Worte gewechselt hatte , herzu und begrüßte den Kardinal , der ihn auf das verbindlichste empfing . » Eminenz sehen , ich habe gleich von Ihrer großen Güte , mich hier einzuführen , Gebrauch gemacht und mir erlaubt , meine zwei Begleiter mitzubringen , die ich die Ehre habe , Ihnen vorzustellen . « Dabei winkte er die Herren herbei und sagte , indem er auf den älteren deutete : » Professor Holberg , mein teurer Lehrer und Erzieher , dem ich das beste danke , was ich weiß und bin , und , « indem er den zweiten bezeichnete , » Herr von Raden , der Kammerherr meiner Mutter , den sie aus übergroßer Sorge und Zärtlichkeit für mich mir abgetreten hat für diese Reise ; ich bin auch überzeugt , käme der Fall , er würde wie ein zweiter Sankt Georg den furchtbarsten Lindwurm unfehlbar erlegen , drohte mir Gefahr , denn er ist ein Vorbild aller ritterlichen Tugenden ; nicht wahr , Raden ? « Und er reichte dem Befragten lachend die Hand . Dieser , ein stattlicher Mann , über die erste Jugend hinaus , aber von angenehmem Äußern und feiner , eleganter Haltung , lachte auch und sagte : » Schon aus Ehrfurcht vor Ihrer erhabenen Mutter , mein Prinz , würde ich zehn Lindwürmer erlegen , drohte Ihnen Gefahr ; aber gottlob , dergleichen ist in dieser unvergleichlichen Stadt und unter dem Schutze höchster Idealität , die hier regiert , nicht zu fürchten . « Dabei wandte er sich mit leichter Verbeugung dem Kardinal zu , was dieser mit wohlgefälligem Lächeln aufnahm , doch noch ehe der etwas erwidern konnte , sagte Prinz Waldemar : » Ich freue mich so sehr für mich und meine Freunde , daß wir gleich bei unserem ersten Besuch hier Zeugen des wunderbaren Talents des italienischen Volkes für die Improvisation sein können , eine Begabung , die in unserem Norden etwas fast Unbekanntes ist . « » Die sich aber sehr wohl erklären läßt , « versetzte der Professor , » aus den herrlichen Eindrücken , mit denen die Natur hier die Menschen von Kindheit auf umgibt und die ihnen gewiß unbewußt Keime der Poesie in die Seele legt , die dann ganz spontan hervorbrechen in geeigneter Form . « » O , ich bitte , Herzogin , nehmen Sie Platz , « sagte der Kardinal , dem ein Herr eben eine Meldung hinterbracht hatte ; » die Vorstellung soll beginnen , wie mir unser Direktor meldet , die junge Künstlerin wird gleich erscheinen . « Dabei geleitete er die Herzogin zu einem eleganten Sessel in der vorderen Reihe der aufgestellten Sitze , lud mit ausgesuchter Höflichkeit den Prinzen ein , neben ihr Platz zu nehmen und ließ sich selbst auf der anderen Seite der Dame nieder . Auf der etwas erhabenen Tribüne , auf der die Vortragenden in der Akademie ihren Sitz hatten , erschien in dem Augenblick ein junges Mädchen , von einem der Herren des Vorstandes , einem Monsignore , geführt , verbeugte sich einfach vor dem zahlreichen Publikum und ließ sich an dem für sie bereiteten Tisch nieder , auf dem eine zierliche Urne stand und eine Menge Papierstreifen lagen für die aufzuschreibenden Aufgaben zur Improvisation . Die ältere Dame , die wir im Wagen schon neben dem Mädchen gesehen hatten , trat auch herein , setzte sich aber etwas in den Hintergrund zu den Herren des Vorstandes , die dort ihre Sitze hatten . » Sie ist anmutig , dieses junge Mädchen , « sagte die Herzogin , die ihre dunklen Glutaugen auf die eingetretene Künstlerin geheftet hatte ; » aber es ist kein italienischer Typus , man könnte sie für eine Deutsche halten . « » Sie ist auch halb deutsch , « versetzte der Kardinal ; » ihr Vater war ein Deutscher , wie es scheint ein gelehrter Mann , der die Tochter selbst unterrichtete und ihre geistigen Fähigkeiten zu einem hohen Grad von Bildung entwickelte . Die Mutter aber war eine echte Italienerin , in den Bergen bei Pistoja heimisch , wo die Gabe der Improvisation ganz besonders ihren Sitz hat . Und so haben wir hier das Produkt einer Mischehe , das nicht übel zu sein scheint , « setzte er mit schlauem Lächeln hinzu . Der Direktor des Vorstandes , der die Zeit über bei der jungen Künstlerin gestanden und mit ihr besprochen hatte , wie sie alles wünsche , trat in dem Augenblick vor und bat das Publikum , dem Fräulein Rosa Todei , die er die Ehre habe , hier vorzustellen , Aufgaben zu geben , an denen sie ihr wunderbares Talent betätigen könne . Zugleich kam er nun selbst mit einer Schale , auf der die Papierstreifen und Bleistifte lagen , verbeugte sich vor der Herzogin , vor dem Prinzen und dem Kardinal , und nachdem sie sich versehen hatten , übergab er einem der unteren Priester das Geschäft , das übrige Publikum zu versorgen und blieb bei dem Kardinal stehen , der ihn verschiedenes fragte , dann aber wandte sich der Prinz an ihn und sagte : » Ja , was schreibt man denn für solche Aufgaben ? Ich bin ein Neuling in der Sache und weiß mich noch nicht zu benehmen ; wo ist die junge Dame denn zu Hause ? Es gäbe doch einige Anhaltspunkte , das zu wissen . « » Sie ist in Venedig geboren und erzogen , ihr Vater war dort österreichischer Beamter und sie hat eine fanatische Liebe für das ganze Cadore , seine herrlichen Dolomiten und die großen Künstler , deren Heimat es war , « erwiderte der Direktor . » O , danke sehr , das hilft schon , « sagte der Prinz lächelnd und schrieb etwas auf seinen Papierstreifen , den er zusammenfaltete und dem Direktor übergab , der ihn nebst denen der Herzogin und des Kardinals entgegennahm und an den Tisch der Improvisatrice trug , wohin inzwischen eine Menge anderer beschriebener Blätter gebracht worden waren . Die junge Künstlerin , die wir fortan kurzweg mit dem Namen Rosa bezeichnen wollen , erhob sich jetzt von dem Sessel , auf dem sie sich niedergelassen hatte und richtete ihre Augen zum erstenmal ruhig und forschend auf das unbekannte Publikum , gleich als wollte sie sehen , wes Geistes Kind es sei und mit wem sie es zu tun habe . Erst nachdem sie die größere Masse überschaut hatte , streifte ihr Blick die vordere Reihe , blieb einen Augenblick wie gefesselt auf der Herzogin haften , deren Augen auch an ihr voller Spannung hingen und folgte unwillkürlich der Wendung , die die Herzogin dem Prinzen zu machte , dem sie in ihrer lebhaften italienischen Art ziemlich laut sagte : » O , wirklich , sie ist ganz reizend , diese junge Dichterin , finden Sie nicht , Prinz ? « Rosa hatte offenbar die Worte gehört , denn ein zartes Erröten flog über ihr Antlitz und unwillkürlich fiel ihr Blick nun auch auf den Prinzen und begegnete dessen sich nach den Worten der Herzogin zu ihr wendendem Auge , dessen freundlicher Ausdruck sie sympathisch berührte . Dies alles war jedoch nur der Vorgang einer Minute ; nun , ernst und voll Würde sich zu ihrer Aufgabe wendend , stand die schlanke , feine , jugendliche Gestalt , in einfachem weißen Kleide , das sie nach damaliger Sitte noch in schönen Falten umschloß , etwas nach vorn gebeugt und schaute auf die Schale , gleich als ob sie das Schicksal bitten wollte , ihr eine günstige Aufgabe zuzuführen . » Sie sieht aus wie eine Priesterin , wie eine Vestalin , « sagte der Prinz ; » gewiß , ihre Seele hütet noch das heilige Feuer wahrer Idealität , so rein und edel ist der Ausdruck ihrer sanften , liebenswürdigen Züge . « » O , Hoheit schwärmen schon vor der Leistung , was wird es nun erst nachher sein ! « versetzte der Kardinal mit ironischem Lächeln . » Ja , die Eroberung ist etwas schnell gegangen , « bemerkte die Herzogin nicht ohne einen Anflug von Gereiztheit , der ihr schönes Antlitz mit einer Wolke überzog . » Aber sehen wir , was sie uns zu hören geben wird , sie zieht eben einen Zettel hervor . « Die Improvisatrice hatte einen Zettel aus den vielen herausgezogen , entfaltete ihn und las mit wohltönender Stimme laut und deutlich : » Tizian ! « » O , das ist meine Aufgabe , « sagte der Prinz ; » ich dachte , das Thema würde ihr wie verwandte Heimatluft sein , aber daß sie es gerade zuerst ziehen mußte , wie sonderbar ! « » Spiel des Zufalls , Hoheit , « versetzte der Kardinal immer mit seinem ironischen Lächeln ; » sie hat geahnt , wen sie vor sich hatte ; « dabei machte er eine kleine verbindliche Neigung des Kopfes zu dem Prinzen hin . » Still , sie fängt an , « sagte die Herzogin , » ich bin voll Neugierde . « Rosa hatte ein paar Augenblicke sinnend auf den Zettel geblickt , den sie in der Hand hielt , dann erhob sie ihre schönen , reinen , träumerischen Augen und wie in eine andere Welt schauend , begann sie mit derselben wohltönenden Stimme : » Wie du so launisch bist , Natur , im Schaffen ! Wo ernste Riesenhäupter stolz sich heben , Die schwarze Tanne kühn gen Himmel strebt , Und ihr zu Füßen Alpenblumen blühen , Der Schmetterling auf würz ' ger Kräuter Spitzen Sein kurzes Sein in heitrer Lust verbringt Und alles Paradiesesfrische atmet - Da trittst du ein in einer Hütte Raum Und lässest drin ein Kind geboren werden , Dem flüsterst du das göttliche Geheimnis Der ew ' gen Schönheit in die junge Seele , Es schaffend einst im Bild zu offenbaren . Zur Königin der Städte steigt er nieder Und seiner Hand entblühen Wunderwerke . Ihn grüßt die Welt mit staunendem Entzücken , Im Reich der Farben Fürst von Gottes Gnaden , Und den entfall ' nen Pinsel ihm zu reichen Bückt sich der Herrscher einer halben Welt , Du aber wandelst heimlich lächelnd weiter , Und schreitest kalt vorbei an den Palästen Der stolzen Städte , an des Reichtums Prangen . So in die Krippe legtest du Erlösung Der Menschheit einst , um mahnend es zu künden , Daß nie von dieser Welt dein Reich gewesen . « Lebhafte Beifallsbezeigung erscholl , als sie schwieg . Donna Giulia erhob sich und trat auf die Improvisatrice zu , ihr mit liebenswürdigen Worten ihre Anerkennung aussprechend . Auch der Kardinal und der Prinz folgten ihrem Beispiel und der erstere , der sie bereits kannte , sagte , indem er auf den Prinzen deutete : » Sie haben gleich den Gedanken Seiner Hoheit ausgeführt ; das Thema hatte er gegeben . « » Ja , es freut mich , daß der Name Ihres großen Landsmannes Ihnen hat dienen können , « sagte der Prinz , der freundlich auf das anmutige Mädchen sah , deren vergeistigter Ausdruck der jugendlichen Erscheinung einen besonderen Zauber verlieh . » Ich bin oft in dem kleinen Hause gewesen in Pieve di Cadore , wo er geboren wurde , « sagte Rosa , » und man begreift es dort , wie er zum Künstler werden mußte , inmitten der wunderbaren Bilder , die die Sonne und die Wolken und die verschiedenen Tageszeiten auf die herrliche Dolomitenwelt malen . Übrigens war er nur der größte von einer Reihe von Künstlern , alle seiner Familie angehörig . « Der Direktor der Abendunterhaltung unterbrach das Gespräch , sich gegen die daran Beteiligten entschuldigend , indem er sagte : das Publikum verlange sehnlichst , die Künstlerin noch einmal zu hören , wenn diese so freundlich sein wolle , dem Wunsch zu willfahren . Mit anmutsvoller Verbeugung beurlaubte sich Rosa von den drei vornehmen Personen , die sie umstanden und zog aufs neue einen der beschriebenen Papierstreifen hervor . » Diesmal Reime , Reime ! « rief man aus der Menge . Rosa nickte lächelnd zustimmend . Zum Glück eignete sich das gezogene Thema zu einer launigen Behandlung , und fast mutwillig , wie es schien , in heiterster Stimmung , erging sich Rosa in scherzhaften Sestinen eine lange Weile und erntete ununterbrochenen Beifall , da man sah , daß es sich hier nicht um ein zufälliges Talent , mit Worten zu spielen , handle , sondern um eine wirkliche , allseitige , hohe dichterische Begabung , unterstützt und veredelt durch angeborne dichterische Grazie und feinste Bildung . » Ah , die Kleine ist entzückend ! « rief die Herzogin in ihrer lebhaften italienischen Weise , eilte auf Rosa zu , als diese geendet , und lud sie ein , den folgenden Abend bei ihr zuzubringen . » Eminenz machen mir auch die Freude , das versteht sich , « sagte sie zu dem Kardinal , » wo Geist und Anmut sich vereinen , da dürfen Sie nicht fehlen . « » Noch dazu , wenn solche Augen die Einladung unterstützen , « versetzte der Kardinal , indem sein Blick feurig über das strahlende Antlitz Donna Giulias glitt ; seine Bewunderung für sie war bekannt , dabei war er ein intimer Freund des Herzogs und ein stets willkommener Gast dort im Palast . » Und auch die Hoheit dürfen mir nicht fehlen , « sagte die Herzogin , nun sich zum Prinzen wendend , ihn mit einem jener Glutblicke anschauend , deren Wirkung kaum ein männliches Herz damals in der römischen Gesellschaft widerstand . » Es versteht sich , auch die beiden Herren machen mir die Freude , « fuhr sie fort , indem sie sich anmutsvoll zu den Begleitern des Prinzen wandte . Am folgenden Morgen saßen der Professor Holberg und Herr von Raden zusammen beim Kaffee , der letztere gemütlich seine Zigarre rauchend , der erstere mit dem Lesen einer Zeitung beschäftigt , aus der er Raden dann und wann Mitteilungen machte . Endlich aber warf er sie unmutig auf den Tisch und sagte : » Nein , es ist doch zu arg , unter solch einem Gouvernement zu leben , keine ordentliche Zeitung bekommt man hier zu lesen , alle Ereignisse sind durch gefälschte Brillen angesehen oder ganz verschwiegen . Denken Sie sich , meine Schwester hatte mir aus London geschrieben , sie schicke mir den Punch , das englische Witzblatt , zur Erheiterung , und ich bekam es immer nicht , erkundigte mich endlich und höre nun , daß es auf dem Index steht und gar nicht hierher darf . Und gestern frag ich in der einzigen deutschen Buchhandlung nach Shelleys Gedichten : O , die sind erst recht verboten . Nun bitt ich Sie , was soll aus einem Volke werden , dem man die Hilfsmittel der Bildung und des freien Denkens so zumißt , während man es in den engen Kreis beschränkter Dogmen und vernunftwidriger Vorstellungen einzwängt . Ah , da waren die alten Römer doch andere Leute . Die große Toleranz , die sie übten , was die religiösen Anschauungen der besiegten Völker betraf , und die Elemente allseitiger Bildung , die sie den Untertanen nicht verweigerten , das machte aus ihnen Menschen , die ein Weltreich gründen konnten . Es sind ja Menschen unter der oberen Geistlichkeit hier , die Verstand genug haben , um die Mängel des ganzen Regimes einzusehen , aber sie können sich nicht aus der engen Kette losreißen , die sie alle umschlingt und aus ihnen allerdings eine seltene Organisation macht , wie kaum je eine dagewesen und in der auch ihre Macht und zähe Widerstandsfähigkeit gegen alle aufklärenden Neuerungen liegt . « » Ja , « sagte Raden , indem er ein Wölkchen Rauch von seiner Zigarre in die Luft blies , » es ist merkwürdig , wie klug und schlau viele sind , aber liebenswürdig und angenehm auch und frivol dazu . Haben Sie die Blicke des Kardinals bemerkt , die er auf Donna Giulia richtete ? Ich saß hinter ihm und konnte ihn beobachten , es hat mich den ganzen Abend unterhalten . Nun freilich , man kann es den Herren nicht verdenken , denn sie sind auch Menschen trotz ihrer porpora und vom Chef des Staates , von Antonelli , ist es ja bekannt , daß er dem Amor einen besonderen Kultus weiht . Aber ein Land , das solche Frauen hervorbringt wie die Herzogin von Santomara , ist allerdings eine harte Prüfungsschule für die Keuschheit . « » Na ja , Raden , das ist nun gleich wieder Ihre Auffassung von der Sache , « versetzte der Professor kopfschüttelnd ; » ich aber machte eine andere Beobachtung , die mich näher angeht , nämlich , daß die Herzogin Blicke auf unseren Waldemar warf , die freilich geeignet waren , ein junges Herz in Flammen zu setzen . Ich habe es nicht ohne Besorgnis gesehen . « » Ah , mein lieber Professor , so sind wir doch noch imstande , die Natur solcher Blicke zu unterscheiden , « sagte Raden lachend ; » aber ich habe auch schon etwas der Art bemerkt , und wenn sich von dem Feuerwerk dieser göttlichen Augen ein kleiner Brand im Herzen unseres Prinzen entzündete , sollte es mich nicht wundern . Er ist ja bis jetzt noch wie ein junges Mädchen , so unbefangen und rein , dank Ihrer idealistischen Erziehung , guter Professor , aber die Stunde wird doch auch kommen , wo sein junges Herz heißer klopfen wird beim Anblick der allerdings unglaublichen Macht weiblicher Schönheit , von der die Herzogin ein Exemplar ist , wie die Antike sie nicht vollkommener dargestellt hat . « » Ja , ja , schon gut , « versetzte Holberg ; » mir ist es aber zweifache Aufgabe , über ihn zu wachen , nicht nur um der wirklich väterlichen Zuneigung , die ich für ihn habe , auch um seiner edlen Mutter willen , die diesen Sohn vor allem liebt und ihn seiner zarten Gesundheit wegen so isolieren , von den Zerstreuungen des Hofes und der Ermüdung des Soldatenlebens fernhalten konnte in jenem wundervollen Bergschloß , wo ich jahrelang seine Erziehung geleitet habe . In das kräftigende Naturleben um ihn her und in die Welt großer Geister , in die ich ihn führte , kam doch kaum je ein Ton aus der Glanzwelt der Hauptstadt ; nur wenn der ältere Bruder , der Erbprinz , kam , dann wurde erzählt und beschrieben , aber es weckte zum Glück noch keine Sehnsucht in Waldemars Herzen , und als wir nach vollendeten Studien , immer durch die Mutter erlangt , uns zur italienischen Reise rüsten durften , ohne vorher im eigentlichen Strudel des Hoflebens gewesen zu sein , in dem der Erbprinz bereits mit Wonne schwamm , da war in meines Zöglings Herzen nur freudige Ungeduld , dem Lande der Schönheit und der Kunst entgegenzuziehen . Sie begreifen also , Raden , wie es mir schmerzlich sein würde , die Harmonie dieser ganz idealistischen Jugend vielleicht durch eine große Leidenschaft gestört zu sehen . « » Ja , lieber Professor , das verstehe ich schon , « meinte Raden ; » indes ist ja bis jetzt auch gar keine Gefahr ; der Prinz genießt all das Schöne , das ihn umgibt , das ist natürlich . Wenn etwas zu denken gäbe , so wäre es eher das sichtbare Wohlgefallen , das die Herzogin an dem edelschönen nordischen Jüngling nimmt , was man ihr auch nicht verdenken kann , denn ihr Gemahl scheint mir ein unsympathischer Mensch , mit seinem hochmütigen Ausdruck und dem stechenden Blick der Augen , der vermuten läßt , daß er im gegebenen Fall gar nicht vor einer Coltellata oder einem geheimen Mordbefehl zurückweichen würde . « Das Gespräch wurde unterbrochen durch die Rückkunft des Prinzen , der seinen Morgenritt in die Campagna gemacht hatte und nun voll heiterer Jugendlust den Gefährten entzückte Beschreibungen der Schönheit des Morgens in der Campagna machte und dann mit fröhlichem Lachen komische kleine Szenen erzählte , die er erlebt durch das Kauderwelsch des Dieners Heinrich , der ihn stets begleitete und der sich anmaßte , schon italienisch zu sprechen , was von den Bauern draußen natürlich nicht verstanden wurde und zu den possierlichsten Mißverständnissen Anlaß gab . Auch der Professor mußte lachen und alle Furcht schwand beim Anblick der unbefangenen , glücklichen Stimmung