Ernst , Paul Der schmale Weg zum Glück www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Paul Ernst Der schmale Weg zum Glück Erstes Buch Es war in den ersten Wintertagen , wo um sieben Uhr schon Dunkelheit in den Stuben ist . Die Großmutter saß still in ihrem Lehnstuhl am Ofen und träumte im Halbschlummer von ganz alten Zeiten , als sie ein junges Mädchen war und einen ungeschickten Freier auslachte . Pollux lag auf der Seite vor dem warmen Ofen und schnarchte plötzlich , wachte davon auf , klopfte mit dem Schwanz auf die Dielen und legte sich wieder um . Ganz laut tickte die Wanduhr , wie sie es am Tage nicht wagt . Der kleine Hans saß mäuschenstill unter dem Tisch und stellte sich vor , dieser Tisch sei eine Stube , die von allen Seiten verschlossen wäre , und da säße er in der Mitte , und dann müßte nichts weiter auf der Welt sein wie diese Stube . Dorrel ging in den Stall , und die Laterne warf schnell einen Schein über die Decke und dann die Wand entlang über die Spitzen der Rehgeweihe und über die Gewehrläufe . Dann hörte man , wie der Melkeimer klirrte und wie sie mit der Kuh zankte , die Elsbeth hieß , und zuletzt hörte man das Melken . Die Tür ging auf , und die Mutter trat mit der Lampe herein . Die Großmutter nahm schnell ihr Strickzeug in die Höhe und sagte , daß sie gar nichts mehr habe sehen können , denn sie wollte es nicht Wort haben , daß sie geschlafen . Dann deckte die Mutter mit dem leinenen Tischtuch , das aus selbstgesponnenem Flachs gewebt war und in der Mitte eine Naht hatte , und der kleine Hans unter dem Tisch saß jetzt viel heimlicher , sah auf die raschen Füße der Mutter und betrachtete , wie der Rock sich bewegte . Und so klapperten die Teller , braune , irdene Teller , und die Schüssel mit dem Haferbrei wurde auf den Tisch gesetzt ; sie war auch ein irdenes Geschirr und war inwendig das Vaterunser mit Grün und Rot hineingeschrieben , dann kamen die blanken zinnernen Löffel und die Messer und Gabeln mit Hirschhorngriff , und ein Stück Schinken und ein Schinkenbrett für jeden , nur nicht für den kleinen Hans , denn dem wurde sein Teil zugeschnitten , und er kriegte es in ganz kleinen Würfeln , aber die Großen aßen ihren Teil in Streifen . Die Uhr hob aus zum Schlagen , und der kleine Hans kroch unterm Tisch hervor , um die Zeiger zu betrachten , wie sie zitterten während des Schlagens . Da waren mit einem Male laute und schnelle Schritte des Vaters vor dem Haus ; Pollux sprang auf und stellte sich winselnd vor die Tür , der Vater kam eilig herein und langte nach der Schrotflinte ; Pollux sprang an ihm hoch ; die Mutter warf sich ihm entgegen und rief : » Bleib , bleib , ich habe eine Ahnung , sie bringen dich tot nach Hause ! « Er aber schob sie von sich , pfiff dem Hund und ging wieder eilig hinaus ; seine Wange blutete stark von einem langen Riß . Die Mutter warf sich laut weinend auf einen Stuhl , der kleine Hans trat vor sie , legte ihr die Händchen in den Schoß und blickte zu ihr auf . Die Großmutter aber in der Ecke mit ihrer alten Stimme sprach tadelnde Worte und erzählte , wie ihr selbst vor vierzig Jahren die Arbeiter ihren Mann auf zwei jungen Tannen tot nach Hause gebracht , mitten durch die Brust geschossen , aber sie habe nicht geweint , obwohl sie ein junges Weib gewesen damals und erst ein halbes Jahr verheiratet , und Hansens Vater sei nach ihres Mannes Tode geboren ; denn wer in seiner Pflicht stirbt , der hat einen guten Tod , und Gott verläßt nicht seine Hinterbliebenen ; und wenn ein Förster sein richtiges Geld kriege , so müsse er auch sein Leben einsetzen gegen die Wilddiebe . Da weinte die Mutter noch stärker , der kleine Hans aber faßte ihren Arm und versuchte ihr ins Gesicht zu sehen , denn er wollte sie trösten . Zuletzt wischte sie sich die Tränen von den Backen , damit die Magd nichts merken sollte von ihren Sorgen , und ging in die Milchkammer , die Milch in Satten zu tun , indessen Dorrel der Kuh Futter aufsteckte . Und wie beide ihre Arbeit beendet , kamen sie zurück in die Stube , und alle setzten sich an den Tisch zum Abendbrot ; nur des Vaters Platz blieb leer , und die Mutter sah nicht hin nach der Stelle , denn sie hatte Furcht , die Tränen möchten ihr wieder in die Augen steigen . Jedem tat sie auf seinen Teller von dem Haferbrei und auf sein Brettchen ein Stück Schinken ; dann betete sie mit lauter Stimme das Tischgebet . Der Mond war draußen aufgegangen über den Spitzen der schwarzen Tannen , und es schien heller durch die dick beschlagenen Fensterscheiben . Dorrel sprach davon , daß in der Nacht ein scharfer Frost kommen werde ; die andern schwiegen ; plötzlich sagte Hans mit seiner hellen Stimme : » Die Großmutter hat doch recht , wenn ich das Geld nehme , so muß ich auch alles dafür tun , sonst darf ich das Geld nicht nehmen . « Aber niemand antwortete auf seine Rede , bloß die Magd verwies ihm , er solle nicht sprechen , wenn die Erwachsenen unter sich Dinge zu ordnen hätten . Dann beredete sie mit der Mutter , was am andern Tag getan werden mußte . Nach dem Essen räumte die Mutter das gebrauchte Geschirr ab ; nur das Gedeck für den Vater ließ sie liegen , hob ihm auch in der Ofenröhre seinen Haferbrei auf . Dann war Hans wieder allein mit der Großmutter in der Stube . Da hatte sich die Katze hereingeschlichen , ging leise vor den Ofen , putzte sich mit Sorgfalt , und dann setzte sie sich mit rechter Behaglichkeit , schloß die Augen halb und spann ; Hans lag vor ihr auf der Erde und sah ihr ins Gesicht , so daß sie verlegen wurde ; er hätte gern gewußt , wie sie das Spinnen machte . Dann betrachtete er die beiden großen Bilder über dem Sofa ; das waren der Beerdigungszug des Jägers und der Beerdigungszug des Fischers . Dem Sarg des Jägers folgten alle Tiere auf der Erde , der Hirsch , das Reh , die Sau , der Fuchs und alle Vögel und ein kleines Eichhörnchen ; und bei dem Fischer folgten die Fische , denn es floß da ein Wasser . Er dachte sich immer , wie das sein müßte , wenn er auch ein Tier wäre und folgte da mit in dem Bilde ; man sah recht tief in einen schönen und saubern Wald hinein , in dem mußte es sich ganz gut lustwandeln lassen , und die Bäume waren ganz andrer Art , wie man sie sonst sah . Allgemach kam der Sandmann , und er rieb sich die Augen . Da ging er zur Großmutter , die sich die Lampe ganz nahe gerückt hatte und ihr Strickzeug ganz dicht vors Gesicht hielt , und bettelte , daß sie ihm die Geschichte von der weißen Schlange erzählen sollte . Da erzählte die Großmutter , wie ein Vorfahr der Grafen , denen die Wilder hier gehörten , ein Prasser und Schlemmer gewesen sei und ein böser Mann ; der habe einen guten und frommen Diener gehabt , der ihn oftmals zum Bessern ermahnt , aber niemals zur Umkehr habe bewegen können . Eines Tages habe der Diener dem Grafen eine verdeckte Schüssel müssen auf sein verschlossenes Zimmer bringen , und wie er , von besonderer Neugierde bewegt ( das zwar nicht ehrbar von ihm gewesen ) , die Schüssel aufgedeckt habe , sei eine gekochte weiße Schlange darin gelegen , in viele Stücke zerschnitten . Da habe er sich nicht mehr bezwingen können und sei ihm gewesen , als werde ihm befohlen , daß er eins der Stückchen heimlich habe nehmen müssen . Der Graf aber habe alles andere gegessen und nichts gemerkt . Wie nun der Diener am Fenster steht und in den Schloßgraben hinuntersieht , schwimmen da zwei weiße Enten , und er merkt , daß er ihre Sprache versteht , und sie erzählen sich , daß das Schloß noch diese Nacht untergehen soll ; der Herr aber stand auch am Fenster und lachte . Daraus merkte der treue Diener , daß der Graf etwas Falsches verstanden hatte für seine Sünden , verfiel rasch auf eine List und sprach , er habe sich eine lustige Jagd ausgedacht für diesen Abend ; nämlich alles Schloßgesinde solle mit Fackeln kommen , und der Herr mit seinem einzigen Töchterchen , denn seine Gemahlin war schon seit langem verstorben , solle auch kommen , und dann wollen sie Krebse fangen in einem Waldbach , den er wisse , weil es jetzt Zeit sei zum Krebsen . Dies gefiel dem Grafen und wurde so gemacht . Und wie alle aus dem Schloß gezogen waren und sich erlustigten und fröhlich waren , kamen Blitze und Donnerschläge und ein Erdbeben , und das Schloß versank , und an der Stelle ist jetzt die Elsgrube . Da wurde der Graf ganz blaß und ging in sich und ging in ein Kloster ; vorher aber verheiratete er seine Tochter mit dem frommen Diener und gab dem sein ganzes Gut , und von dem stammen in männlicher Reihenfolge die jetzigen Grafen ab , wiewohl der Name nicht gewechselt und noch der alte ist . Unter dem Erzählen war Hans fast eingeschlafen . Jetzt kam die Mutter , um ihn zu Bett zu bringen . In der schrägen Dachkammer , unter den kalkverputzten Ziegeln , zog er sich aus , dann faltete er die Hände und betete mit der Mutter zusammen sein Kindergebet : Abends , wenn ich schlafen geh , Vierzehn Engel bei mir stehn , Zwei zu meiner Rechten , Zwei zu meiner Linken , Zwei zu meinen Häupten , Zwei zu meinen Füßen , Zwei , die mich decken , Zwei , die mich wecken , Zwei , die mich weisen In das himmlische Paradeischen . Dann schlief er ein , und der Mond zog langsam weiter hinauf über den stillen Wald ; die Kuh klirrte einmal mit ihrer Kette und brüllte leise und behaglich , und dann legte sie sich schwer nieder zum Wiederkäuen ; kein Geräusch war im Haus wie zuweilen ein Klappern mit dem Geschirr aus der Küche , wo Dorrel abwusch . Wie die Mutter wieder in die Stube trat , hatte die Großmutter den Kopf auf den Tisch gelegt und schluchzte , daß das Licht der Lampe sich bewegte durch die Erschütterung . Die Mutter setzte sich still ans Fenster ; und so warteten die beiden Frauen in der Nacht , ob sie vielleicht einen Schuß hörten . Lange warteten sie so allein ; denn Dorrel kam nicht in die Stube , wie sonst immer nach der Abendarbeit , sondern sie tat , als habe sie heute mehr in der Küche zu verrichten wie gewöhnlich ; sie wußte , daß die beiden Frauen in Sorge saßen und wollte sie schonen ; sie selbst aber dachte immer hin und her : Was soll mit dem Kind werden , die Mutter kann den Jungen nicht erziehen , der braucht einen Vater ; und über ihrer nassen Planenschürze faltete sie ihre schwieligen Hände zu einem wortlosen Gebet für ihren Herrn . Es mochte gegen Mitternacht sein , da hörte man den schweren Tritt des Vaters vor dem Hause . Die Mutter eilte , die Haustür aufzuschließen . Er trat ein , bot die Zeit , hängte die Flinte an die Wand und setzte sich an den Tisch . Sie brachte ihm das Essen ; der Hund ging still zu seinem Lager , denn nur in Abwesenheit seines Herrn wagte er vor dem Ofen zu liegen , drehte sich im Kreis , legte sich und schlief scheinbar ein , indem er doch aufmerksam das Gespräch verfolgte . Es war ein Schreiben von der gräflichen Güterverwaltung gekommen , in dem ihm mitgeteilt wurde , daß der Bocksklee abgetrieben werden solle . Der Förster wurde tief erregt und sprang auf . Er hatte immer verlangt , daß der Bocksklee ungestört bliebe , weil er den Westwind abfing und dadurch ein großes Gebiet vor Windbruch schützte . Aber der Herr hatte Geld nötig , und da war es ihm gleichgültig , was geschehen mochte . Der Graf war ein sehr freundlicher und liebenswürdiger Herr ; er gab dem Förster die Hand und sagte zu ihm : » Guten Tag , mein lieber Werther « ; er fragte nach seiner Frau und dem Jungen und lobte ihn wegen seines Eifers . Aber der Förster hatte keine Achtung vor ihm , weil er leichtfertig war in Worten und Werken und sein Gut vertat , anstatt zu sparen und zu wirtschaften . Deshalb wollte er den kleinen Hans später auch nicht in Herrendienst geben , wiewohl ihm das Herz blutete , wenn er dachte , daß sein Junge einmal nicht das grüne Tuch tragen sollte , in dem Großvater und Urgroßvater stolz gewesen waren ; aber er sollte einmal ein freier Mann werden , daß er seinem Gewissen folgen durfte und nicht gehorsamen mußte , wenn ihm unkluge Befehle gegeben wurden ; deshalb wollte er ihn studieren lassen , denn er dachte , ein Studierter brauche niemandem zu dienen und könne immer tun , was recht ist . Abends , wenn er einmal ein Halbstündchen Zeit hatte , nahm er das Kind zuweilen auf den Schoß und sprach mit ihm , daß er fleißig sein müsse und lernen , dann müsse er einmal nicht mit krummem Rücken dastehen in der Welt , sondern könne seinen geraden Weg gehen als ein aufrechter Mann . Der Graf war nicht böse , aber er hatte keine langen Gedanken . Auf der Jagd war er so einfach wie einer von seinen Leuten ; aber wenn er in der Stadt lebte , so hätte er sich geschämt , wenn er es nicht andern hätte gleich tun sollen , die reicher waren wie er . Einmal hatte er im Försterhause eingesprochen und mit der Frau Werther geredet über Haushalt , Wirtschaft und Kindererziehung ; da schienen seine Meinungen so verständig und ordentlich , daß die Frau sich immer noch wunderte , wie so ein Herr solche Einsichten haben konnte in Dinge , die ihm doch ganz fern lagen ; aber in seinem Hause bekümmerte er sich nicht um Einteilung , Ordnung und Einrichtung . Er nahm nur aus den Kassen das Geld , das er brauchte , ohne sich zu überlegen , ob er Einnahmen verzehrte oder Vermögen . Seine Kinder wuchsen auf , ohne daß er sich klar machte , zu welchem Ende und unter welchen Einflüssen , denn auch seine Frau hatte keine Hausgedanken . Deshalb trieben sich die beiden Söhne am liebsten in den Ställen und Küchen herum und lernten wenig trotz teurer Hofmeister ; und die Tochter , die einen besonderen Trieb zum Lernen hatte und ganz unpassende Lehrer bekam , wie sie eben für ein ganz gewöhnliches Mädchen geeignet gewesen wären , suchte verstohlen in der vernachlässigten Bibliothek Bücher für sich und bat den alten Pfarrer , bis er sie im Lateinischen unterrichtete . Einmal nahmen ihr die Brüder heimlich ihre lateinischen Bücher fort und bauten sie auf ihrem Platz am Kaffeetisch auf ; da hörte der Vater zuerst von ihren Studien , schüttelte den Kopf und sagte , daß ihm ihre Wege nicht gefielen . Sie preßte die Lippen zusammen und fuhr fort in ihrer Weise , und bekümmerte sich niemand darum . Es ging dem Grafen , wie es heute vielen reichen und vornehmen Leuten geht ; er hatte weder Amt noch Dienst , sorgte nicht für seine Angelegenheiten , noch für seine Familie , fand kaum einmal ein wirkliches Vergnügen , und doch hatte er nie Zeit ; sein Leben zerfloß ihm zwischen den Fingern , wie wenn ein Kind eine Handvoll Sand vom Boden hebt . Die Söhne kamen schon frühzeitig auf schlimme Wege . Da war ein Bursche im Stall , an den hingen sich die Jungen ; der war ein tüchtiger Knecht , machte seine Arbeit sauber und ordentlich und hielt sein Geschirr gut , aber war ein Schürzenjäger ; durch den lernten sie frühzeitig viel , und weil ihnen das Gegengewicht der harten Arbeit wie sauren und einfachen Pflicht fehlte , so wurde das Unkraut in ihrer Seele üppiger , wie es bei dem Verführer gewesen , der später ein ordentliches Weib kriegte , das ihn gehörig in die Kandare nahm und zu einem braven Manne machte . Noch ärger war es , daß die Knechte zum Scherz ihnen von ihrem Branntwein gaben und lachten , wenn sich die Jungen schüttelten nach dem Trunk und doch wieder von neuem begehrten ; und wie sich einmal die Leute untereinander rühmten , welcher den schärfsten Schnaps getrunken habe , und allerhand beizende Mittel erzählten , gestoßenen Pfeffer , Schwefelsäure , die den Branntwein perlen macht , und Tabaksbrühe , krähten die Jungen auch dazwischen und verredeten sich , daß ihnen das Schärfste das Wohlschmeckendste sei , tranken auch von dem gepfefferten Branntwein . Endlich fand sich ein uralter Mann , der früher Taglöhner gewesen war und nun aus Gnaden auf dem Hofe erhalten wurde , wofür er die Gänse hüten mußte , der war schon in jungen Jahren ein schlechter und liederlicher Bursche , und nun , in seinem Hochalter , verwirrten sich ihm vollständig alle Begriffe von Gut und Böse , daß er in seinen Begierden schlimmer wurde wie das Vieh , nämlich nicht bloß schamlos , sondern rühmerisch und frech . Wohl suchten die ehrbaren und ordentlichen Leute unter dem Gesinde dem Übel Einhalt zu tun , indem sie den Böswilligen verboten und die Jungen zu sich ziehen wollten ; aber wo keine Zucht ist , da gewinnen die Schlechten und Liederlichen die Oberhand , auch wenn sie in der Minderzahl sind , und ungezogene Jugend geht lieber zu der übeln Seite , wo geprahlt und geschmeichelt wird , wie zu ruhigen und sittsamen Menschen und bescheidenen und strengen Worten ; denn nicht das Laster ist verführend , das ja meistens mehr mit Unbehagen und Schmerz verbunden ist wie mit Freude und Wollust , sondern die lasterhafte Gesellschaft verführt durch freche und unbotmäßige Reden , übertreibende und lügnerische Erzählungen und falsche Scham . Viele Leute sehen auf ein Haus wie des Grafen ; und kaum eine geringe Kleinigkeit kann in ihm geschehen , die nicht in einem großen Kreise besprochen würde und weite Wirkung ausübte ; das Wesen der Vornehmen wird genau erkannt und beurteilt , und mancher Taglöhner wußte von Art und Schlag des Grafen , seiner Gemahlin und seiner Söhne mehr wie er selbst . In unserer Zeit ist die Gesellschaft bis in ihre letzten Tiefen aufgerüttelt , und alle alten Bande sind gesprengt , die bewirken , daß es ein Unten und Oben gibt . Manche Menschen meinen , daß dieser Zustände Ende eine völlige Gleichheit aller Menschen sein werde ; wer aber genau zusieht , der wird merken , daß diese allgemeine Ungebundenheit im Gegenteil eine neue und tiefere Scheidung der Gesellschaft bewirkt , indem die Tüchtigen sich zu den Tüchtigen scharen und die Schlechten zu den Schlechten ; viele sinken so und viele steigen ; viele der Gestiegenen sinken wieder , denn sie können sich nicht oben halten ; manche aber bleiben oben , und auch einer gesunkenen Familie gelingt es wieder , zu steigen , wenn sie sich doch als tüchtig erweist . In solchem Vorgang übt der Anblick einer Familie wie des Grafen eine außerordentliche Wirkung , denn die Schlechten werden bestärkt im Leichtsinn oder in aufrührerischer Gesinnung , die Guten aber werden desto trotziger und stolzer ; und bei beiden wird der Freiheitsinn gemehrt , bei den einen der Sinn für die Freiheit der Zuchtlosigkeit , die sie und ihre Kinder in das wohlverdiente und notwendige Verderben treibt ; bei den andern der Sinn für die Freiheit der Zucht und Ehre , die sie tüchtig machen , sich zuoberst zu setzen in die verlassenen Stühle ; denn nachdem sie gelernt , in Ehre zu gehorchen , vermögen sie auch in Ehre zu befehlen . Der Förster hatte seinen Abscheu vor der Wirtschaft auf dem Schlosse immer mehr vertieft . Zwar durfte er seinem Herrn nichts sagen von seiner Meinung ; aber wenn die beiden zusammenkamen , so äußerte sich in ihrem Wesen dennoch deutlich ihre wahre Beziehung , die seelische , die wichtiger ist wie die äußerliche der zufälligen Verhältnisse . Der Förster war ehrerbietig , aber wortkarg , und schritt als ein großer , magerer Mann in weiter und fester Gangart , der Graf , der klein und durch sein fröhliches Leben fett war , ging flüchtiger und schneller , indem er ein wenig zurückblieb , und sprach oft Sätze , mit denen er seinen Förster zum Lächeln bringen wollte . Der Förster behielt wohl , was sein Herr sagte , aber er bezog sich später nie wieder auf seine Worte , wenn sie nichts Dienstliches betrafen ; der Graf aber erinnerte den Förster oft an frühere Aussprüche . Doch je liebenswürdiger der Graf war , desto bitterer wurden des Försters Gedanken , denn er gedachte des alten Herrn , der ein rauher und fester Mann gewesen war , der von jedem seine gebührende Ehrenbezeigung verlangte ; der hatte ihm einmal ein Trinkgeld gegeben , als er noch Jägerbursche war , und dazu gesagt : » Bleib ein ordentlicher Kerl « ; wie er tot war und aufgebahrt lag , war er in Uniform und hatte den Helm auf dem Kopf ; aber wie sie ihn einsargten , mußten sie ihm den Helm unter den Arm geben , das hatte er so angeordnet vor seinem Ende . Dann mußte er auch immer den Bocksklee bedenken ; das war ein Vorwerk gewesen mit schlechtem Boden , das sein Urgroßvater aufgeforstet hatte , und von seiner Hand war noch der Plan da , wie es mit dem Umtrieb gehalten werden sollte , des Windbruches wegen ; und wenn er sich die viele Mühe und Sorge , die durchwachten Nächte und arbeitsreichen Tage vorstellte , die seine Vorfahren verbracht hatten , bis der Wald so stolz und wertvoll war , so kam ihm der Groll bis an die Kehle und hinderte ihn zu sprechen . Keinen Stand gibt es , der so mit der Arbeit der Vergangenheit zusammenhängt und so mit der Hoffnung auf die Zukunft verwachsen ist wie der Försterstand ; denn was ein Förster erntet , das haben die Toten gepflanzt , deren Gräber längst eingesunken sind auf dem Kirchhof ; und was er pflanzt , das wird man ernten , wenn die Söhne seiner Urenkel als Männer im grünen Rock durch den Wald gehen . Deshalb ist etwas Adeliges in einem rechten Förster , denn er weiß , daß der Mensch nicht ein haltloses Gesindlein ist , das morgen lebt mit dem Taglohn von heute und sich dick tut mit seinem Elend und lumpigen Verdienst , sondern der Mensch lebt durch die Liebe der Vorfahren in Pflicht für die Nachkommen , nicht von seinem Verdienst , sondern nach seinem Gewissen . Ein Kind , das in solchen Lebensumständen aufwächst , bekommt etwas Besonderes mit . Es lernt früh die Beziehung seines eignen Lebens als eines fast zufälligen zu Vergangenheit und Zukunft seines Geschlechtes ; aber doch nicht in der Form des harten Erwerbsinns und des Stolzes auf den Besitz , wie im Bauernstand , sondern in der Form des Gefühls für reine Ehre und strenge Pflicht ; denn nicht für sich und seine Kinder pflegt der Förster sein Gut , sondern für andere . Kein Mensch weiß , wie sich das Wesen eines Kindes bildet und wie Erbschaft und Einfluß einander bestimmen . Ganz kleine Kinder haben in viel höherem Maße wie Erwachsene die Fähigkeit , aus Miene und Haltung zu erfahren , was in einem andern ist ; und in viel höherem Maße haben sie auch den Trieb , nachzuahmen , Äußerliches wie Innerliches . Kaum hatte der kleine Hans gehen können , da legte er schon die Hände über den Rücken und ging ernsthaft in der Stube auf und ab mit steifen Schultern , wie sein Vater tat am Sonntagnachmittag , sagte er sein Nein oder sein Ja mit derselben Betonung wie der Vater ; und da seine gesamte Umgebung dieselbe war , in der sein Vater und Großvater aufgewachsen waren , so nahmen alle seine angeborenen Triebe dieselbe Richtung , wie sie bei Vater und Großvater genommen hatten , und seine Art wurde noch stärker , wie die seiner Vorfahren gewesen . Und was erzog ihn alles . Da erwachte er des Morgens , und sein Hauch war sichtbar in der kalten Luft unter dem kalkverputzten Ziegeldach , und die kleinen Fensterscheiben waren dick gefroren . Und unten in der Stube saß er dann am Fenster , sah , wie die Schneeflocken niedertanzten und sich sanft auf Zweige legten und auf Bretter und auf den Erdboden , der mit kleinen Steinchen bedeckt gewesen ; aber wenn die großen Flocken ans Fenster wehten , so vergingen sie schnell , indem sie niederglitten . An manchen Tagen , wenn es nicht schneite und sehr kalt war , taute auch in der Stube das Fenster nicht ab ; dann hauchte er an die Scheibe und schmolz sich ein rundes Loch zum Ausschauen ; im Augenblick war es wieder mit einer dünnen Eishaut bedeckt , die war aber nicht weiß . Im Walde war ein Krachen , Tönen und Donnern ; und der Wald stand doch ruhig und unbewegt mit seinen schneebedeckten Zweigen in der hellen Sonne . Wenn die Kälte so groß war , so wurde das Herz leicht und lustig und verlangte nach Gefahren ; dann dachte er an den letzten Luchs , den sein Großvater hier geschossen , und seine Fäuste ballten sich ; und an die Franzosenzeit dachte er , wie da das ganze Dorf in den Wald gezogen war , und er schämte sich , daß alle solche Furcht gehabt hatten . Denn wer recht hat und Gott fürchtet , der muß ausharren , wie im Buch der Makkabäer erzählt ist von den sieben Brüdern und ihrer Mutter ; wie die Mörder sechs zu Tode gemartert hatten , da sprach der letzte , der noch ein Kind war : » Worauf harrt ihr ? Gedenket nur nicht , daß ich dem Tyrannen hierin gehorsam sein will « , und ließ sich auch martern , trotzdem er noch klein war . Abends las die Großmutter oft lange vor aus der alten Bibel , deren Blätter braun geworden waren durch die Finger so vieler Vorfahren , die jetzt lange vergessen lagen in ihren rasenbedeckten Gräbern ; aus den Geschichtsbüchern im Alten Testament las sie und aus den Evangelien und der Offenbarung Johannis , von dem himmlischen Jerusalem und von der Schale des Zorns , von den vier Reitern und von dem Tier , das über den Gewässern sitzt . Wenn Hans dann mit ihr sprach über das Gelesene , so wunderten sich beide über die Verstocktheit der Juden und freuten sich , daß wir die Offenbarung haben , und daß unser Herr Jesus für uns gestorben ist , an den wir glauben müssen , und können nicht irren . Und wir sehen alle Tage , daß der Gerechte siegt und der Ungerechte vergeht ; denn wenn auch ein schlechter Mensch scheinbares Glück hat , so verrinnt das doch bald , wie es Klaus Hörgen geschah , der aus der Fremde heimkam mit einem großen Vermögen , sich ein Haus kaufte und nichts mehr tat ; was geschieht ? Nach ein paar Jahren wurde ihm sein Haus wieder verkauft , und kam in Schimpf und Schande . Daß es aber einem guten Menschen schlecht ginge , das ist noch nie geschehen ; es müßte denn sein wie bei der frommen Genoveva , weil der Herr sie prüfen wollte und ein Beispiel geben für andre . Im Sommer streifte der kleine Hans viele Stunden lang allein im Wald . Da lagen die Tannennadeln glatt und ungestört auf dem Boden , und die hohen Stämme standen regungslos ; nur wenn er zuweilen auf dem Rücken lag und in die Wipfel schaute in der tiefen Stille , spürte er ein leises Wiegen der Stämme und wie die spitzenbehangenen Äste sich kreuzten , hoch oben . Das war eine andre Welt , hoch oben ; wenn man ein andres Wesen wäre , ein Vogel oder ein Eichhörnchen , so lebte man da , hüpfte von Ast zu Ast , und alles , was unten ist , sähe ganz klein aus und ginge einen nichts an . In die Stille kam plötzlich das Klopfen oder das Hämmern eines Spechtes , ganz von weitem , oder ein unmerklich leises Geräusch von einer kleinen Meise mit blitzenden Augen . Und Moos war da , das drängte sich dicht , und eine Art sah aus wie ein Tannenwald im kleinen , der Berg und Tal überzieht und alles rund macht . Ameisen auf einem solchen Moosberge kamen sich wohl vor wie wir im Hochwald ; vor Gott aber waren wir gleich den Ameisen und ein Wald von vielen Meilen wie ein Häufchen Moos . Das war wunderbar , wenn man auf der anderen Seite die Würdigkeit