Reventlow , Franziska Gräfin zu Ellen Olestjerne www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Franziska Gräfin zu Reventlow Ellen Olestjerne Erster Teil Schloß Nevershuus lag grau und schwerfällig unter hohen Bäumen mit seinen breiten Seitenflügeln und dem viereckigen Turm , der kaum das Dach überragte . Aber von seiner Plattform aus konnte man weit über Meer und Heide sehen und auf die kleine Küstenstadt hinunter , die sich zwischen Deichen und grünen Wiesen hinzog . In früheren Zeiten sollte es einmal irgendeiner schlimmen Fürstin als Witwensitz gedient haben - von daher stammten wohl die altersschwarzen Ölbilder droben im Rittersaal und allerhand Spukgeschichten , die immer noch im Volksmund fortlebten , obgleich das Gut jetzt schon lange im Besitz der Familie Olestjerne war und die gemalten Damen mit ihren feierlichen Mienen auf die Schicksale und das Treiben einer anderen Zeit herabsahen . Es konnte immer noch einen melancholisch unheimlichen Eindruck machen , das alte Schloß , wenn die Herbststürme durch alle Kamine heulten wie geängstigte arme Seelen , oder wenn der Nebel vom Meer heraufstieg und alles in seine wogenden grauen Schleier einhüllte . Aber es hatte auch seinen Frühling und seinen Sommer , wo die Sonne alles Düstere aus den weiten hohen Räumen herausleuchtete , wo der reiche grüne Garten um die grauen Mauern blühte und drüben in der Ferne das Meer blau und schimmernd dalag . Für die Bewohner von Nevershuus ging die schöne Jahreszeit ebenso still und gleichförmig hin wie der Winter . Der Gutsherr Christian Olestjerne war meist draußen im Felde oder auf der Jagd , und seine Frau saß mit ihrer ältesten Tochter am Steintisch unter den Buchen , wenn sie nicht in Küche und Vorratskammer zu tun hatten . Die Freifrau Anna Juliane war eine schöne , stattliche Frau mit raschen , dunklen Augen und eiserner Tatkraft - von früh bis spät auf den Beinen , um überall nach dem Rechten zu sehen . Aber dabei hatte sie nichts Leichtes in ihrer Art , das Leben zu nehmen , es türmte sich alles vor ihr auf wie ein Berg , über den sie nie hinaussehen konnte - die Wirtschaft , der große Haushalt , die Kinder , tausend Dinge , die täglich zu tun und zu überlegen waren und ihr beständig im Kopf herumgingen . Seit ihre Älteste erwachsen war , hatte sie nun wenigstens jemand , mit dem sie das alles teilen und beraten konnte , während sie des Vormittags im Garten saßen , Wäsche ausbesserten oder Obst zum Einkochen schälten . Wenn nur das Heu von den Strandwiesen hereinkäme , ehe es wieder Regen gab und alles zugrunde ging wie im vorigen Jahr - Gott weiß , der Vater hatte diesen Frühling schon genug Ärger gehabt ; das durfte nicht noch dazu kommen . Wie lange würde sich Nevershuus überhaupt noch halten lassen , bei all den mißlichen Verhältnissen . » Ach Mama « , sagte dann wohl Marianne in ihrer ruhigen Weise , » quäl ' dich doch nicht darum , es hat ja noch Zeit bis zur Heuernte . « Aber die Mutter war schon längst wieder bei anderen Gedanken - ob Marianne meinte , daß das neue Kindermädchen zuverlässig sei ? Ellen und Detlev waren in letzter Zeit gar so unbändig , und sie hatte jetzt doch nur die beiden Kleinen zu hüten . Und wie würde es Erik nun wohl auf der Schule gehen - mit Kai wollte es ja immer noch nicht recht vorwärts , und vor allem war seine Gesundheit eine rechte Sorge . Ja , Sorgen überall , und Sorgen mußten ja sein . Es war ein Wort , das die Freifrau häufig gebrauchte , und wenn sie dabei angekommen war , konnte sie so aus tiefster Seele heraus seufzen . Dann fiel ihr plötzlich wieder ein , daß sie versäumt hatte , irgend etwas anzuordnen , und sie ging mit ihrem raschen Schritt ins Haus hinein , um es nachzuholen . Manchmal seufzte Marianne dann im stillen mit : die Mutter ließ sich und anderen wenig Ruhe , und ihre rastlose Lebhaftigkeit hatte beinahe etwas Aufreibendes - es war keine Kleinigkeit , ihr immer das Gleichgewicht zu halten , besonders , wenn sie sich in Taten umsetzte . Mochten nun die Dienstboten etwas versehen haben , die Jungen mit schlechten Zeugnissen heimkommen , oder die Kleinen irgendein Unheil anrichten - immer war es Marianne , bei der sie Zuflucht suchten , die alles ausgleichen und vermitteln sollte . So atmete sie meist erleichtert auf , wenn der stürmische Vormittag vorüber war und die Mutter sich nach Tisch mit einem Buch ins Wohnzimmer zurückzog . Für Marianne kamen dann die besten Stunden des Tages , wo sie dem Vater bei seinen Schreibereien half , oder ihn bei seinen Rundgängen auf dem Gut begleitete . Auch die jüngeren Geschwister wußten diese häusliche Nachmittagsruhe nach Kräften zu genießen . Es war die Zeit , wo sie ungestört allen möglichen verbotenen Unternehmungen nachgehen konnten - den alten Gärtner drüben im Nebenhaus besuchen , wo sie Kaffee bekamen und an seinen langen Pfeifen rauchen durften , oder die Dorfkinder , die schon lange wartend am Gitter standen , hereinlassen und mit ihnen am Graben Brücken bauen und Schiffe schwimmen lassen . Das Kindermädchen hatte noch zu tun , und wenn Erik dabei war , ließ man die Kinder ruhig eine Zeitlang ohne Aufsicht . Ellen folgte dem älteren Bruder durch dick und dünn und zog den kleinen Detlev an der Hand hinter sich her . Mit vereinter Anstrengung bekamen sie ihn über alle Gitter und Schwierigkeiten weg , und wehe ihm , wenn er schrie oder sie verklagte . In diesem Sommer war das Nachmittagsglück nicht mehr so ungetrübt wie früher , denn seit Erik zur Schule ging , wurde er hochmütig , fing an , Ellen , die sonst seine unzertrennliche Gefährtin war , zu verachten , um sich zu den Großen zu rechnen . Sie hatte jetzt manches auszustehen - zuweilen fiel es ihm ein , ihr Unterricht zu geben , sie sollte ihm Geschichten nacherzählen oder Buchstaben in den Sand schreiben , und lehnte sie sich im Gefühl ihrer Ohnmacht dagegen auf , so wurde sie einfach übergelegt und durchgeprügelt . Manchmal kam dann Lise , das Kindermädchen , ihr zu Hilfe : » Laß doch Ellen in Ruh ' , was hat sie dir getan ? « » Da brauchst du dich gar nicht hineinzumischen « , sagte Erik überlegen . » Mama ist immer sehr strenge mit Ellen , und wenn sie nicht da ist , muß ich Ellen verhauen , damit sie sich nichts einbildet . « Im ganzen war das Mädchen recht froh , ihn jetzt für einen Teil des Tages los zu sein ; wenn er wieder zur Schule war , ging sie mit den beiden Kleinen auf die einsame Graskoppel hinter dem Garten , wo Owe Jensen , der lange blonde Knecht , arbeitete . Und die ganze Gesellschaft war dann sehr vergnügt , Owe ließ seine Arbeit liegen und wanderte mit Lise langsam die breiten , grasüberwucherten Wege entlang , während die Kinder Hand in Hand hinterdrein trottelten . Zuweilen brachte er auch seinen Freund mit ; das war Lise zuerst nicht ganz recht gewesen , denn Klaus Sörens war eine Art Räuberberühmtheit in der Umgegend und erst vor kurzem aus dem Zuchthaus entlassen . Aber allmählich fand sie , daß es auch seine Vorteile hatte , wenn er mitkam . Dann konnte sie ungestört mit Owe im Gras liegen und brauchte sich nicht um die Kleinen zu bekümmern . Detlev bekam einen schönen , weichen Platz , wo er schlief oder mit den Beinen im Sonnenschein strampelte , und der Zuchthäusler spielte mit Ellen . Sie liebte ihn leidenschaftlich und war selig , wenn er mit ihr herumjagte oder ihr Blumen und Erdbeeren pflückte . Man hatte ihr wohl eingeschärft , nichts davon zu erzählen , und das tat sie auch nie . Bei Lise und ihren Freunden fühlte sie sich viel wohler wie zu Hause , denn Mama und Prügel kriegen waren so ziemlich die ersten Begriffe , die ihr Bewußtsein zu fassen vermochte und die für sie in eins zusammenfielen . Die kleine Ellen hatte schon frühzeitig ein dunkles Gefühl davon , daß sie mit dem linken Fuß auf die Welt gekommen sein mußte . Sie war ein etwas schwächliches , zurückgebliebenes und dabei scheues , trotziges Kind , an dem niemand besondere Freude hatte , und das zwischen den beiden Brüdern nicht recht zur Geltung kam . Eigentlich war sie überflüssig und wurde fortwährend hin und her geschoben . Wenn Erik ihre Gesellschaft wünschte , durfte sie mit zu Nachbarskindern oder Besuchen , wußte er nichts mehr mit ihr anzufangen , so wanderte sie wieder in die Kinderstube . Und er konnte sie nur brauchen , solange sie sein willenloses Werkzeug und Echo war , Löcher wühlte , wo er Bäume pflanzen wollte , ihm die Bälle aufsammelte oder auch nur dabeistand und seine Taten bewunderte . Aber mit der Zeit bekam sie ihren eignen Kopf , wurde eigensinnig und ungefällig und wandte sich immer mehr dem kleineren Bruder zu . Im Grunde fuhr sie dabei noch schlechter wie früher , denn war schon Erik verzogen und bewundert , so wurde Detlev , das goldhaarige Jüngste , vom ganzen Hause vergöttert und stellte sie völlig in den Schatten . Dazu kam noch , daß sie jetzt die Ältere war und für alles , was sie zusammen verbrachen , die Verantwortung zu tragen hatte . Ellen kam allmählich zu dem Schluß , es läge alles nur daran , daß sie ein Mädchen war ; das bekam sie ja unzählige Male zu hören : Kleine Mädchen dürfen nicht so wild sein - kleine Mädchen klettern nicht auf Bäume - kleine Mädchen müssen ihre Kleider schonen - diese verwünschten rosa und weißen Kleider , die sie zu Tisch anbekam und die immer gleich zerrissen oder schmutzig waren . Manchmal klagte sie dann verzweifelt dem Mädchen ihr Leid : » Wenn ich doch nur ein Junge wäre ! « Und Lise tröstete sie : » Warte nur , bis du sechs Jahre alt bist , dann wirst du einer . « Der sechste Geburtstag kam und brachte ihr die erste , schwere Enttäuschung . Als sie aufwachte , wollte sie Kleider von Erik anziehen , denn jetzt war sie doch ein Junge und wollte auch verzogen und bewundert werden . Aber sie wurde nur entsetzlich ausgelacht , selbst der Vater lachte mit , und dann erfuhr sie , daß sie immer ein Mädchen bleiben müßte . An dem Tage konnte Ellen sich über nichts mehr freuen . Dafür war sie nun sechs Jahre alt und sollte anfangen , lesen zu lernen , neben Mama auf der grünen Gartenbank stillsitzen mit den schrecklichen Buchstaben vor sich , die man nie behalten konnte . Die Buchen waren eben erst grün geworden , die Luft voller Bienensummen und sommerlichem Gezwitscher . Das machte Ellen so zerstreut , daß es mit dem Lesen durchaus nicht gehen wollte . Drüben schaufelte Detlev in dem großen , weißen Sandhaufen , jeden Augenblick schielte sie sehnsüchtig zu ihm hinüber . Aber die Mutter ließ nicht aus , sie nähte und schalt , während Ellen wahre Fieberphantasien buchstabierte . Fast regelmäßig endete es mit Klapsen und Tränen , und dann kam das Allerschlimmste : der lange , graue Strumpf , an dem sie zur Strafe stricken mußte , - der Strumpf , der nie ein Ende nahm und auf den viele , viele Tränen hinunterliefen , während Detlev im Sand spielte und die Sonne schien . War Ellen dann endlich entlassen , so ließ die Mutter einen Augenblick ihre Näherei sinken und seufzte : » Es ist doch wirklich ein Kreuz mit dem Kind ! « Gegen Ende des Sommers wurde der fünfzehnjährige Kai schwer krank . Die Mutter war Tag und Nacht bei ihm , und die anderen Kinder bekamen sie kaum mehr zu sehen . Marianne mußte für den Haushalt sorgen , und so gab es einmal wieder Freiheit , denn diese hatte alle Hände voll zu tun und konnte sich nicht viel um die Kleinen kümmern . Während dieser Zeit schlief auch Ellens Unterricht fast ganz ein , statt dessen entstand ein erbitterter Wettkampf zwischen Erik und ihr , wer die schönsten Teufel zeichnen könnte . Da kam eines Tages Mariannes Freundin Hedwig Janssen dazu , die eine Pastorentochter war , und sagte mit ihrer etwas heiseren Stimme : » Du solltest doch den Kindern verbieten , immerfort Teufel zu malen , ich finde es wirklich nicht recht . « Marianne verbot es , und nun hatte das Zeichnen allen Reiz verloren . Abends lag Ellen lange wach im Bett , drüben am Tisch saß das Kindermädchen und nähte . » Du , Lise , wer ist eigentlich der Teufel ? « » Warum willst du das wissen ? « » Weil Hedwig gesagt hat , es wäre nicht recht , wenn wir ihn immer zeichneten . « Lise versuchte ihr zu erklären : Ein böser Geist , von dem alles Schlimme herkam und der große Macht besaß . Das Kind setzte sich im Bett auf und horchte gespannt . Zuletzt erzählte Lise ihr die Geschichte von einem Mann , der sich dem Teufel verschrieben hatte mit Leib und Seele . Dafür bekam er alles , was er wollte , aber zuletzt , als er sterben sollte , erschien der Böse , um ihn zu holen , und er mußte mit in die Hölle . » So , aber jetzt sollst du schlafen , Ellen . « Kais Krankheit dauerte sehr lange , und selbst die Kleinen fühlten die trübe , lastende Stimmung , die über dem ganzen Hause lag . Sie suchten sich alles mögliche auszudenken , was ihm Freude machte , denn sie hatten ihn alle sehr lieb . Kai wollte Naturforscher werden , sein ganzes Zimmer war voll von Steinen , Schmetterlingen , ausgestopften Vögeln , und hinten im Garten stand ein verdorrter Baum , wo er tote Tiere für seine Skelettsammlung aufhängte . Was die Geschwister jetzt an verendeten Katzen , ertränkten jungen Hunden und anderem Getier fanden , kam an den Baum , und sie freuten sich heimlich auf die Überraschung , wenn er wieder aufstand . Aber Kai stand nicht wieder auf - - die Großen wußten es schon lange , daß er sterben mußte . Mama war blaß , sie hatte tiefe Ringe um die Augen und schalt nicht mehr so viel , und der Vater sprach kaum ein Wort . Eines Vormittags spielten die beiden Jüngsten im Garten . Seit dem Frühstück hatten sie niemand von den anderen gesehen , und unten im Schloß war alles still . Gegen Mittag kam Erik aus dem Haus , er setzte sich auf die eiserne Treppe , und Ellen hörte , daß er laut weinte . Sie rannten zu ihm hin und quälten ihn mit Fragen , aber er schluchzte nur immer lauter . » Kai ist tot ! « Tot - Ellen empfand nur einen furchtbaren Schrecken , ein Gefühl von kalter , beklemmender Angst , wie sie es noch nie am hellen Tage gehabt hatte . Sie klammerte sich fest an Erik und weinte entsetzt mit . Detlev wurde auch bange , er wußte nicht , was das alles bedeuten sollte , und rief laut nach Mama . Statt dessen kam die alte Stina heraus , ihr Gesicht war ganz verstört und zusammengefallen - die Kinder hatten sie noch nie in Tränen gesehen . » Ihr müßt ganz ruhig sein , ihr könnt jetzt nicht zu Mama . « Dann ging sie mit ihnen durch den Garten . Sie saßen am Abhang dicht beim Schloßgraben , und Stina und Erik sprachen darüber , ob Kai wohl in den Himmel gekommen sei : ja , gewiß war er das - Kai war ja ein so guter Junge , hatte so viel gebetet , noch in den letzten Tagen - denn er wußte ja selbst , daß er nicht wieder gesund würde . Ellen hörte schweigend zu : wie konnten sie das so sicher wissen - und wie war es wohl im Himmel ? Sie wußte sich nichts darunter vorzustellen , und dann kamen andere bange Gedanken : wenn sie selbst stürbe - sie käme gewiß nicht in den Himmel , weil sie so schlecht war . Später kam Marianne und holte die Kinder ins Wohnzimmer . Dann gingen alle zusammen hinauf . - Alles war so still und unheimlich , Kai lag im Bett wie sonst , wie er die ganze Zeit dagelegen hatte , nur etwas blasser und mit gefalteten Händen . Ellen hatte ihren Vater an der Hand gefaßt ; es war so sonderbar und so schrecklich , daß die Erwachsenen alle weinten und daß Kai wirklich tot war . Und wie konnte er im Himmel sein , wenn er doch hier tot auf dem Bett lag ? Die Mutter wußte den Tod ihres ältesten Jungen kaum zu verwinden . Lange Zeit hindurch war sie leidend und schwermütig und konnte es nicht ertragen , die Kinder viel um sich zu haben , die immer wieder von Kai sprachen und nach ihm fragten . So wurde für die beiden Kleinen eine Gouvernante ins Haus genommen , und Ellen bekam nun regelmäßige Stunden , Tag für Tag , unerbittlich . Sie mochte immer noch nicht lernen , und es wurde ihr bitterschwer stillzusitzen . Einförmig liefen die Tage hin unter vielen Tränen und ewigem Nachsitzen . Als Detlev größer wurde , fing er an mitzulernen ; er war auffallend begabt und hatte die Schwester bald eingeholt . Man wurde sich nun darüber klar , daß Ellen wirklich dumm sei , und sie tröstete sich selbst damit : ich kann nun einmal nicht lernen . Aber im ganzen war Fräulein Anna gutmütig und hatte viel Geduld . Sie kam bald dahinter , daß Ellen für freundliche Worte zugänglicher war wie für Schelte , und sie vertrugen sich ganz gut miteinander . Das Kind fühlte sich wie geborgen , wenn es nur dem Bereich der Mutter entfliehen konnte - mit Mama war es beständig , als ob man auf Eiern tanzte , jeden Augenblick ging eins kaputt . Wenn sie sich alle Mühe gab , nicht ungezogen zu sein , tat sie unfehlbar irgend etwas , was verboten war oder sich für ein kleines Mädchen nicht schickte . Öfters waren es allerdings auch schwerere Verbrechen , wo Ellen sich schuldig fühlte ; aber um Verzeihung bitten und Reue zeigen waren Dinge , die sie nicht über sich gewann , wenn Mama böse war . So war sie eines schönen Tages mit Detlev verschwunden , und stundenlang wurde nach den beiden Kindern gesucht . Gleich nach Mittag waren sie in den Garten gelaufen und von da auf die Koppeln . Drüben auf der » Freiheit « war Schützenfest , die Musik und die vielen Leinwandzelte lockten unwiderstehlich . Über den Wall , der nach dieser Seite hin das Gut abgrenzte , durften sie nicht hinaus , es war streng verboten , aber Ellen hatte bei dem verlangenden Hinüberschauen alles vergessen . Sie kletterte hinüber und wagte sich mit Detlev an der Hand in das Gewühl . Vor einer Schießbude traf sie ihren alten Freund Klaus Sörens , und das Wiedersehen erfüllte sie mit großer Seligkeit . Er kaufte ihnen Lebkuchenherzen , ließ sie Karussell fahren und zeigte ihnen alles , was zu sehen war . Besonders von den Seiltänzern waren sie nicht wieder wegzubringen , denn da waren fünf kleine Jungen , die sich in der Luft überschlugen und auf Kniestelzen tanzten . Neben dem Zelt stand ein grüner Wagen mit Blumenstöcken in den Fenstern - darin wohnten sie , sagte Klaus , und fuhren von einem Ort zum andern . In Ellen zuckte es förmlich - wie mußten die glücklich sein ! Die ganze übrige Welt war für sie versunken und vergessen ; es war nur gut , daß Klaus sie schließlich nach Hause schickte . Und nun kam ein jäher Sturz aus allen Himmeln . Vor der Gartentür stand Mama : » Um Gottes willen , wo habt ihr die ganze Zeit gesteckt ? « Detlev war so begeistert , daß er sich gleich verschwätzte , und Ellen sah ein , daß lügen nichts half . Aber erzählen wollte sie auch nicht , es war nichts aus ihr herauszubringen , nicht einmal mit Schlägen . Wie immer , mußte sie selbst die Rute holen , die unter dem Klavier auf einem niedrigen Notenpult lag . Während sie in das Halbdunkel unter dem Instrument hineinkroch , tanzten immer noch die bunten Bilder von der » Freiheit « vor ihren Augen . Dann ließ sie die Strafe über sich ergehen und biß die Zähne zusammen , um nicht zu schreien . Den Triumph sollte Mama nicht haben , die jedesmal ganz außer sich geriet über diesen stummen Eigensinn . Für den Rest des Tages wurde Ellen in die Kinderstube geschickt . Das Mädchen war ausgegangen , sie saß ganz allein in einer Ecke und sann Rache . Sie war wütend auf Detlev , der nie den Mund halten konnte - und daß immer alles Schöne verboten war - und Mama - nicht einmal die Hunde bekamen so viel Prügel . - Mama hatte wohl die Hunde auch viel lieber . Das war nicht mehr auszuhalten , ihr Gesicht glühte vor Zorn und Aufregung . Immer nur Schelte und Schläge - nein , sie wollte lieber fortlaufen , gleich morgen früh fortlaufen . Und dann malte sich Ellen aus , wie sie immer den Deich entlang gehen würde , der sich so endlos in die Ferne schlängelte . Denn da mußte es hinausgehen in die Welt . - In eine große Pappschachtel packte sie ihre liebsten Sachen zusammen , um sie auf der Flucht mitzunehmen . Dann dachte sie wieder an die Akrobaten , sie hatte Geschichten gelesen von Zigeunern , die Kinder raubten und zu Kunststücken abrichteten . Die würden sie gewiß mitnehmen , und was für ein wundervolles Leben mußte das sein , ohne Stunden und Eltern und Gouvernanten . Dazwischen fiel ihr plötzlich ein , was Lise vom Teufel erzählt hatte : wer sich ihm verschrieb , dem konnte er alles verschaffen , was er sich nur wünschte . Es wurde Abend , die alten Marmorreliefs am Kamin schimmerten matt durch die Dämmerung , aber heute fürchtete Ellen sich nicht . Sie saß tief in Gedanken und rang mit einem großen Entschluß . Schließlich suchte sie sich einen von ihren schönsten bunten Briefbogen aus der Schublade , ging damit ans Fenster , wo es noch etwas hell war , und verschrieb sich dem Teufel mit Leib und Seele , wenn er ihr helfen wollte , zu den Zigeunern zu kommen . Ellen steckte den Brief in ein Kuvert und legte ihn oben auf das Kaminsims , dann ging sie verstockt zu Bett . Das Fortlaufen wollte sie nun einstweilen noch aufschieben . Als sie ein paar Tage später nachsah , war der Brief verschwunden , der Teufel hatte ihn also wohl gefunden und mitgenommen . - Ellen erschrak furchtbar , ihr Trotz war inzwischen schon wieder etwas abgesunken , aber nun gab es keine Rückkehr mehr . Die Mutter und Fräulein Anna waren in der folgenden Zeit manchmal der Verzweiflung nahe , denn mit Ellen war nichts mehr anzufangen , sie wurde von Tag zu Tag ungezogener . Wozu sollte sie sich jetzt noch Mühe geben , wenn sie doch dem Teufel gehörte . Sie wartete nur darauf , daß er sich irgendwie betätigen würde , und fühlte sich einsam und verwegen , als ob die ganze Welt gegen sie stände . Inzwischen überfiel sie manchmal eine furchtbare Angst - wenn er nun kam und sie holte , wenn er jetzt auf einmal hinter der Tür herausschaute ! Ellen wagte kaum mehr , durch ein dunkles Zimmer zu gehen . Wenn sie ihre Aufgaben lernte , sah sie nach der Uhr : bis dahin muß ich fertig sein , sonst kommt er . Sie zählte im Gehen Pflastersteine , Treppenstufen , Korridorfliesen und gelobte sich , nur auf jede vierte zu treten , dann sollte er keine Macht mehr über sie haben . Manchmal konnte sie es aber nicht lassen , absichtlich falsch zu treten , um ihn herauszufordern , und dann berauschte sie sich an ihrem schlechten Gewissen - wenn Mama und die andern wüßten , daß sie sich dem Teufel verschrieben hatte und er jeden Augenblick kommen konnte , sie zu holen . Ein Jahr später kam Ellen am Weihnachtsabend zum erstenmal mit in die Kirche , und nun gab es eine große Umwälzung in ihrem Innern . Der schmucklose weiße Raum mit dem blaugemalten Sternenhimmel und den zwei brennenden Christbäumen neben dem Altar kam ihr unsagbar schön vor . Auf der vergoldeten Kanzel stand der Propst mit seiner mächtigen , kahlen Stirn und der tiefen Friedensstimme : Siehe , ich verkündige euch große Freude , die allem Volke widerfahren wird , denn euch ist heute der Heiland geboren ! Ellen war geblendet und überwältigt , es schien ihr , daß der liebe Gott selbst da oben stände und zu ihr redete , und als ob sie ihn vorher noch gar nicht gekannt hätte . Und jetzt mit einemmal glaubte sie an Gott , glaubte an das Wunder : der Heiland war auch für sie geboren , um sie zu erlösen von der finstern Macht der Sünde . Als der Propst von der Kanzel verschwand , war sie ganz unglücklich . Aber dann erschien er wieder vor dem Altar und sagte etwas , die Orgel setzte ein , und der Chor antwortete . Musik hatte Ellen fast noch nie gehört , und es kam ihr vor wie Engelsstimmen , die aus dem Himmel herabtönten . Als sie hinter der Mutter aus der Kirche ging , sah sie sich noch einmal um ; ihr war , als ob der liebe Gott da drinnen in all dem Lichterglanz zurückbliebe . Dann der Heimweg durch die schmalen Straßen und die lange Kastanienallee , die nach Nevershuus führte , - hinter den erleuchteten Gangfenstern sah man die Dienstboten eilig hin und her laufen . Die Eltern verschwanden gleich in den » grünen Saal « , um die Lichter anzuzünden . Oben in Mariannes Zimmer warteten die Geschwister im Dunkeln . Die Stühle wurden dicht an die Tür geschoben , damit man rasch hinunter könnte , wenn es klingelte . Leise sprachen sie von Kai , nun waren es schon vier Jahre , daß er unter ihnen fehlte , und sie dachten daran , wie lustig der große , blasse Bruder an solchen Tagen gewesen war . Endlich wurde geschellt , und nun stürzten sie die Treppe hinunter , jeder wollte zuerst kommen . Im Eßzimmer standen die Leute in ihrem Sonntagszeug , die Mädchen mit weißen Schürzen und Hauben , die uralte bucklige Köchin , der Gärtner , all die langjährigen Getreuen , die eng zum Schloß und zur Familie gehörten . Die Flügeltüren gingen auf , im Saal wogte es von Lichtern und Tannenduft , im ersten Augenblick waren alle wie geblendet . Ellen stand vor ihrem Tisch , sie fand alles , was sie sich wünschte , und dazu noch ein Buch , das Kai gehört hatte . Mama kam und küßte sie . » Freust du dich , mein Kind - das ist ein Andenken an Kai - ihr müßt ihn nie vergessen . « Mama sah verweint aus . Es war selten , daß sie so gut mit Ellen sprach , und Ellen hätte sich für sie kreuzigen lassen in diesem Augenblick . Das Herz wurde ihr voll von Weihnachtsseligkeit , am liebsten hätte sie laut geweint . Neujahr war sie wieder in der Kirche . Neben dem Altar brannten noch einmal die Christbäume , und der Propst redete , aber diesmal war es nicht der wundergläubige Festjubel , den er verkündete , sondern ernste , beinahe drohende Worte von Sterben und Vergehen , von der kurzen Gnadenfrist , die dem Menschen gegeben ist , um sich zu bessern . Ellen faßte tausend gute Vorsätze , sie wollte von nun an jeden Tag beten und so vollkommen werden , daß niemand mehr über sie schelten konnte . Auf ihren früheren Bundesgenossen , den Teufel , blickte sie jetzt mit großer Verachtung herab - er hatte ihr ja nicht einmal geholfen ; aber sie fürchtete sich auch nicht mehr vor ihm . Er konnte ihr nichts mehr anhaben , wenn sie betete : Gott war mächtiger . Eine Zeitlang strengte sie sich nun wirklich an und betete mit großem Eifer , aber es war so schwer , man fiel doch immer wieder in Sünde . Gegen Ostern ging Fräulein Anna fort , um eine Stellung im Ausland anzunehmen . Die beiden Kleinen hatten lange Ferien , während die Mutter eine neue Lehrerin suchte . Allmählich fingen sie an zu hoffen , es würde sich überhaupt keine finden , und sie hatten jetzt so viel andere Dinge im Kopf , daß sie ihre Freiheit sehr gut brauchen konnten . Eine Jugendbekannte der Baronin Olestjerne hatte ihren Sohn drunten in der Stadt zur Schule gegeben , und dieser schmächtige , schwarzäugige Junge , der Geerd hieß , war ein großes Ereignis im Leben der beiden Geschwister . Sie hatten jetzt einen Freund , den sie mit wetteifernder Leidenschaft liebten und in ihre Geheimnisse einweihten , in alles Verbotene und Verlockende : wie man das verrostete Türschloß zum Turm und zum alten Gefängnis aufbrachte , oder durch eine Luke vom Garten