Frapan , Ilse Arbeit www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ilse Frapan Arbeit Erstes Buch Es hatte soeben ein Uhr geschlagen . Über dem ganz lautlosen Hause » Zum grauen Ackerstein « brütete die lautlose , schwüle Sommernacht . Plötzlich begann es in einem Zimmer des zweiten Stockwerks zu klingen , ein langgezogenes , schlaftrunkenes Kinderweinen , und zwischenhinein laute , schrille Schreie , einer nach dem anderen . Dann erhob sich eine dritte schluchzende Stimme , die einzelne Silben jammernd hinausstieß : » Uh ! Uh ! Mam ! Uh ! « Das dunkle Eckzimmer , wo sie weinten , wurde jäh von einem hereinschießenden Lichtstreifen erhellt . Durch die helle Lichtbahn kam mit rücksichtslosem Tritt , so als ob es nicht Nacht wäre , eine große schwarze Frauengestalt , ihre Stirn berührte fast den niederen Querbalken über der Tür . » Kinder ! Kinder ! Attention ! « rief die Frau , hastig und erschrocken von einem Bettchen zum anderen eilend . Eine Sekunde lang verstummte das Geschrei , dann brach es aus mit greller Heftigkeit , daß die ganze Luft davon zu zittern schien . Drei kleine Gestalten saßen jammernd zwischen ihren Kissen . Nun erhob sich die eine und stand lang und weiß , mit verlangend gebogenen Armen , im Bette aufrecht . Die Mutter eilte zu ihm , legte ihre Hand unter seine Achsel und versuchte die leichte , zitternde Gestalt niederzulegen . » Was ist dir , Hermannli ? Was ist denn , großer Bub ? « beruhigte sie ihn . Der Kleine widerstrebte , steif und unbeweglich , indes er an der Mutter vorbeistarrte , gerade hinaus mit offenen , tränenvollen Augen , den Mund vom Weinen zuckend , ohne Acht auf die streichelnden Hände . » Ruhe ! Attention ! « rief sie laut und trat hart auf den Boden . Dann lief sie hinaus und holte die Lampe . Wieder war das Geschrei auf eine Weile verstummt . Und während die zusammengezogenen traurigen Augen der Mutter angstvoll suchend jeden Winkel des großen , einfachen , weißgetäfelten Schlafzimmers durchspähten , folgte ihr der blinzelnde , sonderbar vorwurfsvolle Blick der schläfrigen , aufgescheuchten Kleinen , und die Mündchen bebten , wie bereit , aufs neue hinauszuschreien . Zum zweitenmal ging die Mutter von einem zum anderen , trocknete ihnen das Gesicht , klopfte und streichelte die zarten Backen und Schultern . Aber ihre Stirn entrunzelte sich nicht bei ihrem Tun ; die scharfe Gramfalte um den Mund verschwand nicht . Sie war nicht hier bei den Kindern , die sie zu beruhigen strebte . Und die Kinder fühlten es . Auf einmal begann das Geschrei von neuem . Es hatte etwas Bewußtloses , Elementares , Ansteckendes . Etwas vom klagenden Wind , etwas von der Sturmglocke . Die Frau richtete sich heftig empor , unwillkürlich öffnete sich ihr Mund . Da , tief in ihrer Kehle steckte auch ein Schrei , ein Schrei , den sie Tag und Nacht zurückpressen mußte , der sie würgte , erstickte ... Sie rang ratlos die Hände . » Hermannli , was ist denn ? Kinder , ich bitt euch ! Verrückt ! verrückt ! Man wird verrückt ! - Leg dich , Bub ! Schlaf ! « schrie sie plötzlich auf und drückte den ältesten gewaltsam in sein Bettchen nieder . » Papa ! « schluchzte der Bub und drängte ihre Hand weg . » Nein ! « Sie klopfte auf den Boden . » Schlafen sollt ihr ! « Plötzlich , bei den starrenden Blicken ihrer Kinder , verließ sie die letzte Fassung . Die Tränen stürzten ihr hervor , unstillbar , unaufhaltsam , die Füße trugen sie nicht länger . Sie warf sich auf den Boden , neben die Wiege , in der das Kleinste still im Schlaf geblieben war , biß in die Kissen und zuckte in wilden Krämpfen . Ihre heftigen Bewegungen schaukelten die Wiege , aber die Kissen dämpften die Schreie ihres Mundes . Die Lampe erlosch . Die Kinder beruhigten sich , schliefen ein . Und zwischen ihnen auf dem Boden , in voller Kleidung , sank auch die Mutter endlich in bleiernen Ermattungsschlaf , den Kopf auf der Bretterdiele , in den entzündeten Augen Bilder des Entsetzens , die Ohren widerhallend von dem fieberischen , unbewußten Weinen ihrer kleinen Kinder , zermalmt unter der Wucht eines furchtbaren Schicksals . Am anderen Morgen , früh gegen sieben Uhr , kam der Vater der Frau . Er stand und wühlte mit den sonnengebräunten Fingern in dem breiten grauen Bart , sein breitkrempiger schwarzer Filzhut war tief in die Stirn gezogen . Die Stimme drang , wie aus weiter Ferne , fast erloschen und dennoch rauh aus der mächtigen Brust . Das Mädchen , das die Stiege kehrte , erschrak vor ihm ; sie war in der letzten Zeit in diesem Hause völlig schreckhaft geworden . Auf seinen goldknäufigen Serbenstock gestützt , stand der alte Plattner vor dem kleinen Flurfenster mit dem roten Vorhang , durch den die Sonne breit auf die blanken gelben Stufen fiel , und blickte auf seine bestaubten Schuhe , während er seiner Tochter nachfragte . » Noch nicht aufgestanden ? Aber es ist bereits bald sieben Uhr . Geh , sag ' s ihr . « Die natürliche Sicherheit eines starken aufrichtigen Menschen , die sich in der ganzen Erscheinung Plattners aussprach , schien wie durch eine innere schwere Erregung verstört . Bei den wenigen Worten färbte sich sein braunes Gesicht , und die Hand , die den Stock hielt , bebte . Das Mädchen hatte die Flurtür hinter sich offen gelassen , durch die er schwerfällig , stampfend eintrat ; er atmete stoßweise in der beklemmten Luft des fensterlosen Flurs . » Vater , « sagte eine Stimme hinter ihm , halblaut , wie eine Frage , auf die man keine Antwort hoffen darf . Plattner wendete sich um und streckte langsam die Hand aus , um die seiner Tochter zu erfassen . Wortlos gingen sie miteinander auf eine der gelben Türen zu , an der ein weißes Porzellanschild mit der Inschrift » Wartezimmer « schimmerte . Plattner zeigte im Hineingehen auf das Porzellanschild . » Warum nimmst du das nicht weg ? « sagte er streng . Es war das erste Wort , das er sprach . » Ja , ja , « erwiderte die Tochter bereitwillig und zerstreut . Ihre Blicke hingen an ihm . Als er sich auf einen der Rohrstühle setzte , wies sie auf das kleine Ledersofa . » Warum nicht hier ? Es ist bequemer ... Du kommst so früh , so früh zu mir , Papa ! « Er saß dicht an der Wand , den Stock zwischen den Knien , den Kopf gesenkt . In die tiefe Stille klang durchs offene Fenster Räderknarren , Flüche und der Gesang der Amseln . Die Frau schob mit abgewandtem Gesicht ihr weißes Tuch in die Tasche des schwarzen Kleides . Sie stand noch immer . » Nun , Josy , « begann Plattner , » sitz daher ! « » Ja . « Sie blieb stehen . » Und - also - eben - Josy - - es ist also eben aus ! Und fertig und aus . « » Ja . « » Schuft ! Schuft ! Niederträchtiger Schuft ! « brach der Mann aus und stieß den Stock nieder . » Vater ! « schrie Josy . Es war kein Wort , es war ein Hilfeschrei . Der alte Plattner zuckte den Kopf empor , schob sich den Hut in den Nacken und blickte seine Tochter an . Auf der schönen hellen Stirn , die der Hut verdeckt hatte , arbeitete es , die klaren Augen funkelten . » Nun ? « grollte er verwundert , » noch nicht Schuft genug ? Was meinst ? « Das Räderknirschen , die Fuhrmannsflüche , der Amselgesang erklang deutlich wie zuvor in der Stille . Josefine ächzte leise . » Ich mein , wenn einer emal fünf Jahr Zuchthaus überkommt , no braucht man sich nicht genieren , ihn Schuft zu heißen ! « schrie Plattner . » Bitte , Papa ! Nicht , nicht ! « Eine neue heftige Bestürzung überlief das Gesicht des Vaters . Er sprang auf , um der Tochter in die gesenkten , abgewendeten Augen zu sehen . » Das wäre noch besser ! « grollte er . » Wärst ihm etwa noch gut nach all der Schande ? Hör emal - - « Er faßte nach ihrem Ärmel , da drehte sie ihm selbst das leidende , verzerrte Gesicht mit den geschwollenen Augen zu . Eine kaum beherrschte Heftigkeit machte ihre Züge scharf , fast drohend . » Ach , Vater , kommst auch nur , um ihn noch mehr herunterzusetzen ? Gern haben ? Man kann fast nicht anders ! Wenn einer emal so tief drunten ist - - ach , was wollt ihr noch ! Er ist ja schon in der Höll , und ich - mit - ihm - « Sie schrie es heraus , dann erstarb ihre Stimme im Weinen . Das Gesicht mit den Händen verdeckt stand sie neben dem Vater , der sie lange betroffen , verständnislos anstarrte . » Bin nit herkommen derwegen , « begann er endlich mit schwerer Zunge , » derwegen nit , Josy . Herkommen bin ich , um dich heim zu holen mit deinen Kindern . Ich hab Retourbillet . « Er machte sich an seiner Brusttasche zu schaffen , indes er fort und fort ein gedankenloses » Ja , ja , ja ! « murrte . Als er der Tochter die grüne Fahrkarte reichte , bebte seine Hand immer noch . » Da siehst es . Heut oder morgen . Es läuft drei Tage . « Seine Stimme nahm einen gutmütig beruhigenden Ton an . Er las das Datum umständlich vor , Jahreszahl und alles . Ein zutrauliches Lächeln erschien auf seinem starken , grobgeschnittenen Gesicht . » Die Alte hat schon die ganze Nacht rumort . Gleich gestern abend , wie ' s Telegramm kommen ist vom Verteidiger , « - er seufzte - » daß es aus ist , hat ' s angefangen , Betten rüsten . Ich bin gewesen wie en Ochs - vor den Kopf geschlagen - wie ' s Telegramm kommen ist - aber es ging halt in Gottesnamen kein Zug mehr - wirst es begreifen , Josy . « Josefine preßte seine Hand . » Bist gütig , Vater ! « sagte sie in müdem , hoffnungslosem Ton , » einzig lieb und gütig . « Sie bückte sich , schluchzte auf und legte ihren Kopf auf seine Schulter . Steif und verlegen , ohne sich zu rühren , blickte Plattner gerade hin . Der dunkelblonde Scheitel , so nah seinem Gesicht , mahnte ihn an längst vergangene Zeiten und machte ihn weich vor Rührung . » Nun , nun ! « stotterte er . Und dann faßte er schnell nach einem Halt . » Und die ganz ' Nacht hat ' s kracht und wetteret - - und ich hab mir dacht , wenn ' s nur ihn in den Gottserdsboden hineinschmetteret hätt , den verfluchten Schuft ! « Josefine richtete sich steil auf und zog mit plötzlichem Besinnen ihren Arm zurück . In den verweinten Augen begann es leidenschaftlich zu glühen . » Ach , ihr ! Ach , ihr alle ! « rief sie schrill , » immer das gleiche ! Immer der Schuft ! Ich kann ' s nicht mehr hören ! Ich will ' s nicht mehr hören ! Es bringt mich um ! Er ist ja verurteilt ! Fünf Jahr , Vater ! Zuchthaus ! Denkst es ? Kannst es ausdenken ? Und die ganze Zeit , bis auf die letzte Minute , hab ich Hoffnung gehabt , bis - - « Die Tränen überströmten ihr Gesicht , das im unerträglichen Weh zuckte . Händeballend begann sie das Zimmerchen zu durchlaufen , auf und ab . » Wehe , wehe , wer ihnen in die Hände fällt ! Es ist ihnen recht so ! Es macht ihnen Freude ! Ein Sündenbock muß sein , daß die Heuchler alle ihre Tugend an Tag legen können , wenn sie den einen in Fetzen reißen ! Nein , Vater , so versteh ich ' s denn doch nit ! Müßt mich nicht wild machen , ich versteh ' s nicht ! Bist gütig , Vater , aber siehst - mit dir gehn - ' s tut sich eben nicht ! Wir kämen emal nicht überein ! Du hast deine Meinung , aber ich - ich bin die Frau ! Da sind die Kinder ! Seine vier Kinder ! Kannst die Natur umkehren ? Wenn ich auch noch anfang , schreie : hoho , der Schuft ! - - Was dann ? Nein , lieber grad in den See , daß ein End wär ! Aber es geht ja nicht ! Nit Vater , nit Mutter für die vier Waisen ? Bedenke doch , Vater , ' s wär schrecklich ! Schändlich wär ' s gradaus ! Ich vermag ' s nicht und tät ' s doch so gern ! « Der Atem versagte ihr . Sie drückte die Hand auf den schmerzenden Hals , während sie hart vor dem Vater stehen blieb , der mit gerunzelter Stirn und offenem Munde , blaß und regungslos , diesen Ausbruch angehört . Es klopfte an die Tür des kahlen Wartezimmerchens , wo sie sich immer noch befanden . » Frau , ' s Koffi ischt vorusse ! « rief das Mädchen , ohne zu öffnen . Wie wenn es eine unaufschiebbare Pflicht zu erfüllen gelte , gingen Vater und Tochter auf die Altane , aßen und tranken . Während dieser Zeit sprachen sie nichts . Plattner brockte sein Brot in die große Kaffeetasse und brummte etwas vor sich hin vom Zahnreißen , das er recht unleidlich spüre . Josy erwachte wie aus schreckhaften Träumen . » Welcher ist ' s , Vater ? Zeige emal . « Der Alte öffnete weit den Mund unter dem überhängenden grauen Bart und klopfte mit dem Teelöffel an seine gelben starken Zähne . » ' s Gebiß wär g ' sund . Echte Bündnerzähne , sagt der Doktor Anstand - kennst ihn ja - ist g ' schickt . Aber die ewig ' Aufregung zeither , ' s sind halt die Nerven . « Sein Blick richtete sich voll Besorgnis auf die Tochter . Er versuchte sich vorzustellen , wie Josy sonst ausgesehen . » Ja so ! Wie geht ' s denn dir mit der Gesundheit ? « » O danke , merci , Papa ! ' s passiert . Ich spüre nichts . « Er sah die scharfen Züge von den Mundwinkeln abwärts , die hohlwangige Magerkeit Josefines . Unterm Tische ballte er die Hand . » Spürst nichts , bis die Reaktion kommt . Aber die bleibt nicht aus . « Sie schwiegen wieder . Plattner sah hinaus . Der Morgen war nebelig ; die Sonne schien gedämpft . Die Altane , von Reben umzogen , deren Blätter sich an den vier Pfeilern zu goldgrünen Kränzen verwoben , ließ den Blick frei wandern über die schöne weiße Stadt am grünen See , auf den niedere weißgeballte Wolken herabhingen . Hier und da funkelte eine Fensterreihe , ein Glasdach , eine der Wiesen am Ütli drüben war smaragdgrün herausgehoben , sonst lag ein sanftes Lilagrau über allem ; rosig schimmerte das nackte Felsenegg aus den sommerdunklen Wäldern . Mit kosendem Zwitschern schossen die Schwalben ganz nah und niedrig um die Altane ; Wolken von Duft stiegen aus den Weinbergen und aus den breiten saftigen Gewinden an den Pfeilern . » Blühen eure Reben erst jetzt ? « entfuhr es Plattner . » Ja ! Es ist recht verspätet . Die Sonne hat gefehlt . « Wieder langes Schweigen . Die Nebel zerrannen und flossen wieder zusammen . Einen Augenblick standen die hübschen Villen am See weiß und zierlich wie Elfenbeinspielzeug auf dunklem , verwischtem Grunde . Dann wieder war die Stadt grau verschattet und hob sich nur in undeutlicher Masse vom hell und scharf beleuchteten Berge ab . Plattners Augen folgten dem Wechselspiel , ohne daß er selbst darum wußte . Nun schob er die klirrende Tasse zurück und faltete die braunen Hände auf der Tischplatte . » Was hast vorhin gemeint , Kind ? Ich hab ' s nicht recht verstanden . « Josy hob die dunkelumschatteten Augen und ließ sie gleich wieder sinken ; es war eine Bewegung in ihrem eingefallenen Gesicht , die den Vater warnte . » Man muß ja reden , wenn ' s auch unangenehm ist , Josy . Also - heraus mit der Hauptsach ! Willst gleich Antrag stellen auf Scheidung oder willst noch warten ? « » Nein , davon ist keine Rede , « sagte Josefine mit fester Stimme . Der Mann bäumte sich von seinem Sitz auf . Das Blut stieg ihm in die Augen . » Ich versteh nicht , « sagte er rauh . » Hast mich nicht recht gehört , wie es scheint . ' s ist ja nur die letzte Form . Glatt wird ' s gehen , ohne allen Anstand . Ich denk sogar , daß du nicht vor Gericht erscheinen mußt . Es wär ja auch widrig . Wenn du mal von dem Schurken los bist - auch gesetzlich los - - « Josefine stand auf , so schnell , daß ihr Strohsessel umfiel . Leise , mit zischender Dringlichkeit in der Stimme , begann sie : » Nein , Papa , nein ! Scheiden laß ich mich nicht ! Ihr braucht mir nicht zuzureden . Weder glatt noch schwierig - ich will ' s nicht ! Es ist unmöglich . Aber weißt , es sticht mich da ! Jedes Wort , was du drüber redest ! Nur nicht sagen , ich wär vernarrt in ihn , jetzt noch ! O nein ! Bin nicht vernarrt , Vater , bin ganz klar und so ruhig ! « Ihr ganzes Gesicht glühte plötzlich in Fieberröte . » Du sagst : nicht vernarrt ? Also verzaubert ? Behext ? « schrie Plattner , auf den Tisch schlagend . » So ein Schuft , so ein - « » Siehst du ! « rief sie wild . » Das ist es ! Weil ihr immer so sprecht ! Weil er von der ganzen Welt verachtet , verstoßen , verlassen ist ! Und ich soll mitmachen ? Nein , nicht verzaubert , nicht behext , aber die nächste , wo er hat ! Den einen erwischen sie , und zehntausend gehen frei aus . Schuft ! Schuft ! Immer nur Schuft ! Pfui , die Bande ! Alle hergefallen über einen ! Schämt euch ! Vater , weißt - einmal ist der Georges doch so ganz wie andere - doch so ganz - - « Tränenüberströmt sank sie an der Wand in sich zusammen . Aber wie der Vater wirr und stumm dreinblickte , zwang sie ihre Fassung zurück . » Bitte , bitte , laß mich tun , was ich kann ! Du weißt ja , daß ich immer meinen Weg gehen muß . Ich bin ja ganz zerschlagen , eigentlich wie toll ! « Sie drückte ihre Schläfen mit den Händen zusammen . » Auf die Straße möcht ich und schreien , bis die Leute mit mir kommen und ihn da herausreißen , wo sie ihn vergraben haben ! « Sie funkelte den Vater an , kurz und schnell , mit ihren Fieberblicken . Aber sein Gesicht war fremd und abweisend geworden ; er sah sich verloren um , betastete seine Stirn , auf der Schweißtropfen standen . Dann suchte er seinen Hut , den derben Stock und näherte sich dabei unmerklich der Tür . » Also - also - adie , Josy , « sagte er in trockenem Ton , ohne die Hand auszustrecken . Sprachlos sah die junge Frau ihm zu . Sie konnte nichts reden , um den Preis ihres Lebens nicht . Aber ihr Herz klopfte in wilder Verzweiflung , daß er so gehen sollte , ihr lieber , treuer Vater . Und er ging . Durch das halbdunkle Balkonzimmer über den kleinen fensterlosen Flur hörte sie seine schweren Tritte . Er stieß mit dem Stock auf , als ob er mit lahmen Füßen an der Krücke ginge ... Die Tür klappte , der schwere , müde Tritt , der Krückstock erklang auf den Treppenstufen ... Josy schüttelte sich auf aus der Erstarrung . Sie riß das Kleinste aus der Wiege und rannte mit ihm auf dem Arm dem Vater nach . Am Ende der Stiege holte sie ihn ein . » Die Kinder ! « rief Josy keuchend . » Vater , du hast ja die Kinder nicht gesehen . « Er kehrte mit ihr zurück in die Wohnung . Die älteren Kinder lärmten in ihren Betten . Josefine riß weit die Schlafzimmertür auf : » Springt heraus , der Großvater ist gekommen ! « Schüchtern , im Hemdchen , mit bloßen Füßen kamen sie herangehuscht , ein blasser , schmaler Bub von sieben Jahren mit unruhigen Augen und ein untersetzter Blondkopf mit rotgeschlafenen Backen . Ein zartes Mädchen mit dünnem , seidigem , dunklem Haar folgte . Es ging mit gesenktem Kopf und schlaff hängenden Ärmchen beschämt und langsam hinter den Buben her . Josefine eilte mit dem Kleinsten in die Küche . Sie war froh , einen Augenblick fortzukommen , während sie doch den Vater noch hier wußte , hier bei ihr , in der traurigen Wohnung mit dem schwarzen , gähnenden Schlund in der Mitte . Der gute , treue Vater mit dem starken , ehrlichen Antlitz , mit den kräftigen , Lebensfrische atmenden Gliedern , mit den derben Kleidern , die nach Heu dufteten , mit den sonnenbraunen , arbeitgewöhnten Händen . Er war noch hier . Sie stand in der Küche und sah gedankenlos zu , wie das Mädchen die kleine Nina badete und ankleidete . Das Mädchen lachte , denn die Kleine sog an dem Waschschwämmchen und wollte es nicht fahren lassen . Aus dem Zimmer vorn kamen die Stimmen der Kinder , froh und jauchzend , und dann wieder hörte sie ihres Vaters Stimme und sein Gelächter . Josefine seufzte erleichtert . Er war ja im Grunde ein fröhlicher Mann , ihr Vater , jung geblieben zwischen seinen jungen Zöglingen von der landwirtschaftlichen Schule . Und sie fühlte es : immer doch würde er auf ihrer Seite sein mit seiner Hilfsbereitschaft , mit seinem praktischen Sinn und seinem Vaterherzen . Nur keine Entzweiung zwischen ihnen ! Nur seine Hand nicht loslassen müssen ! Zögernd entschloß sich Josefine , wieder hinüberzugehen , aber dann , als sie die fröhliche Gruppe sah , wurde ihr ganz licht vor den Augen . Die Kinder hielten den Großvater eng belagert , wie er da mitten im Balkonzimmer saß . Röslis leichtes , kleines Figürchen lag ganz fest in den starken Armen , das Köpfchen dicht an des Großvaters Brust geschmiegt , die Finger in seinem grauen Lockenbart vergraben . Hermannli hielt ihn von rücklings umfaßt , der Kleinere , Uli , stand zwischen den Knien des Alten , der ganz beruhigt , milde und versöhnt auf die Kinder niedersah . » Sie gehen mit mir , alle miteinander ! Deine ganze wilde Bande ! Aber das ist die wildeste von allen ! « Er zupfte Rösli an den braunen Ringeln und wiegte sie spielend . Hermann versuchte , sie von dem bevorzugten Platze zu verdrängen . Plattners Blick musterte scharf den Knaben , und jäh entschwand das Wohlgefallen aus seinen Zügen . » Wie der Bub ihm gleicht ! « sagte er langsam . » Der wird dir zu schaffen machen . « Und in romanischer Sprache fuhr er fort : » Er hat mich gleich gefragt , wo doch der Papa sei . Die Mama sage : im Spital bei den kranken Leuten , aber er glaubt ' s nicht . Und warum glaubst du ' s nicht ? frag ich ihn . Da macht der Lausbub so ein altbärtiges G ' sicht hin und flüstert : Mir darfst schon sagen , Großvater , daß der Papa tot ist . Ich bin nicht so dumm , wie die Mama meint , ich merke alles . « Während der Wiedererzählung blickte der Knabe mit seinen unruhigen Augen von dem Großvater zur Mutter und umgekehrt , als verstehe er jedes Wort der ihm fremden Sprache . » Mama , wann kommt der Papa heim ? « sagte er , sich an des Großvaters Schulter drängend . » Wenn er gesund ist , « entgegnete Josefine kurz . » Wird er wahrscheinlich lange krank sein ? « fing der Bub in herausforderndem Ton an . » Ja , lang . Wahrscheinlich . « » Wieviel Jahre , Mama ? Ein Jahr oder mehr ? « Es klang wie frühreife Ironie . Josy ergriff ihn am Arm . » Schwatz nicht so viel , « sagte sie finster . » Geh jetzt ! Wasche dich ! Zieh dich an ! Marsch hinaus ! « Da beugte sich der Knabe an des Großvaters Ohr und zischelte : » Wir beide sind Männer , gelt Großvater ? Ich will mit dir gehen ! Und du zeigst mir Papas Grab , haha ! « Er lachte plötzlich frech der Mutter ins Gesicht , dann duckte er sich , schluchzte auf und ging mit schlotternden Knien hinaus . Mit scheuer Miene schlich ihm Rösli nach . Nur der kleine rotbäckige Uli ritt lärmend und jauchzend in seinem kurzen Hemdchen auf einem Blumenstab durch das Zimmer und über die Altane , wo Vater und Tochter wieder gramvoll nebeneinander saßen . Selten fiel ein Wort . » Ihr kommt also nicht mit mir ? « » Nein , Vater ! « » Und was gedenkst du zu tun ? « » Irgend etwas anfangen . « » Und denkst davon zu leben ? « » Ja ! « » Mit den Kindern ? « » Wenn ich die Kinder nicht hätt , braucht ich nicht zu leben . « » So-o-o ? « Der große vorwurfsvolle Aufblick des Vaters drang Josefinen tief in das leidende Herz . » Hab nicht Furcht , « sagte sie bitter , » ich lebe und will leben . Der Bub bringt mich fast um mit seinen Fragen , und ich gäb ihn dir gern . Aber es könnte ein Wort fallen - von den Knechten - von einem Zögling - nein . Sie werden ja dort von nichts anderem reden . « Plattner fuhr auf . » In meiner Gegenwart ? « stürmte er ingrimmig . Unwillkürlich sah er hinter sich , als erwarte er schon die Angreifer und Tuschler . Die Sonne kam über den Balken herein , sie malte das zackige Blattornament scharf und treu auf den hellen Parkettboden . Aus dem nebligen Morgen wollte ein voller Sommertag erstehen , nicht ganz klar , aber voll lockendem , mildem Glanz . » Was der Mensch sich selber zubereitet ! « nickte Plattner aus seinen schweren Gedanken heraus . Josefine nickte stumm . » Du auch , Kind , du auch . « » Ich ? Was kann ich noch tun oder nicht tun ? Mir hat ja das Schicksal alle Wahl erspart , « höhnte sie bitter . » Wenn du dem - dem - Menschen absagst und läßt dich scheiden und ziehst zu deinem Vater und - - « » Dann bist erst recht gemein ! « rief Josy überlaut . » Wenigstens ich , Vater , ich wär ' s. Übrigens - ich könnt nicht . Da ist kein Überlegen , kein Besinnen . Was ich einmal lieb gehabt , das bleibt mein gegen die ganze Welt . Wir sind nun in der Hölle , Vater - nun denn - in der Hölle . « Sie sprang auf . Ihre starren Augen erschreckten ihn . Unwillkürlich hob er den Arm , um sie zu schützen . Aber er ließ ihn wieder sinken . Ihr bewegliches Gesicht hatte sich verändert . » Man muß herauskommen , aber nicht so , wie du meinst , Vater . Man muß ihn mit herausreißen , sonst ist ' s gemein . Wenn ich könnte - wenn ich beweisen könnte , daß man ihn unschuldig verurteilt hat ! « Glühend , leuchtend , von Schwärmerei verklärt , mit aufwärts gerichteter Stirn , mitten in dem sonnendurchspielten Zimmer stehend , erschien die Frau plötzlich wie eine andere . Es war einer jener Augenblicke , in denen das sonst unkenntlich verhüllte oder umpanzerte Innerste des Menschen , sein eigenes , individuelles Selbst , in eigenster Gestalt erscheint , überraschend , neu , eine Offenbarung . Den Vater überrann ein leichter Schauer . Er schwieg betroffen . Die Tochter gewann Gewalt über ihn , über seine Meinungen und Abneigungen , die er für unerschütterlich gehalten . Mühsam ermannte er sich . » Unschuldig ? « sagte er in weichem , traurigem Ton . » Josy , was träumst auch ! Er hat ja gestanden . Da fehlt kein Pünktchen am Schuldbeweis . Die Hoffnung mußt fahren lassen . « Josefine antwortete nicht gleich . Die Begeisterung auf ihrem Gesichte erlosch , wie eine helle Lampe erlischt . Herausforderung bebte um ihre Lippen . » Und wer in der ganzen Welt ist unschuldig ? « schrie sie . » Welcher Mensch und welcher Mann ? Wen dürfte man nicht einsperren , wenn man