Suttner , Bertha von Martha ' s Kinder www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Bertha von Suttner Martha ' s Kinder Fortsetzung zu » Die Waffen nieder ! « I » Es lebe die Zukunft ! « Mit diesen Worten schloß Graf Rudolf Dotzky seine Tafelrede . » Und aus diesem Glase , « fügte er hinzu , indem er den Champagnerkelch an die Wand warf , daß er klirrend zerschellte , » darf kein anderer Trunk mehr gemacht werden , und heute , zu meines Erstgeborenen Tauffest , soll auch kein anderer Toast mehr gesprochen werden als dieser : Es lebe die Zukunft ! Nicht unserer Vätersväter - wie die alte Phrase lautet - wollen wir trachten , uns würdig zu zeigen , sondern unserer Enkelsöhne ... Mutter « unterbrach er sich - » was ist Dir ? ... Du weinst ? ... Was siehst Du dort ? « Baronin Martha Tilling hatte ihre großen schwarzen Augen , die so seltsam von dem weißen Haare abstachen , und aus welchen ihr jetzt zwei große Thränen über die Wangen rannen , starr nach dem Garten gerichtet , der vor der offenen Terrassenthür lag . Was sie dort sah , war ein Halluzinationsbild , das oft in ihren Träumen auftauchte : ein alter Mann - ihr Mann , der im Abendsonnenschein mit einer Gartenscheere Rosenbäumchen stutzt . Sie hatten einst , die glücklichen jungen Eheleute , von ihrer fernen Zukunft gesprochen : » Weißt Du , Martha , wenn ich einmal über die Siebzig bin und für das Weltgetriebe nicht mehr tauge , da werde ich mich meiner Liebe zu den Blumen hingeben und Gärtnerei betreiben . « - » O , ich sehe Dich vor mir , ein Hauskäppchen - nicht etwa von mir gehäkelt , derlei grauenvolle Arbeiten mache ich nie - ein Hauskäppchen auf den Silberlocken , in der Hand eine Gartenscheere , mit der Du die welken Blüten von den Rosenstämmen trennst . « - » Ja - und Du sitzest auf der Gartenbank - ein duftiges Spitzentuch auf Deinem ebenfalls schon gebleichten Haar geschmackvoll gesteckt - denn kokett wirst Du immer bleiben - ; in der Hand - also keine Häkelei , sondern das noch geschlossene Buch , aus dem Du mir später vorlesen wirst , und lächelnd siehst Du meiner Arbeit zu ... Wir werden ein glückliches altes Paar sein , Martha ! « Diese Vorstellung hatte sich ihr so eingeprägt , daß sie sich in ihren Träumen wie ein Erlebnis zu wiederholen pflegte . Achtzehn Jahre schon war sie verwitwet und immer noch , wenn sie von ihrem verlorenen Friedrich träumte , sah sie ihn lebend vor sich ; meist so , wie er in der Brautzeit gewesen , und manchmal auch in jene Gestalt , die nur in beider Phantasie entstanden war . An diesem Tage , beim Tauffest ihres Enkelkindes , als Rudolf in seinem Trinkspruch gesagt : » Ja , Mutter , dieses Glas bringe ich dem Andenken Deines ewig Geliebten und ewig Betrauerten , dem auch ich alles verdanke , was ich denke und was ich bin « - da war ihr furchtbar weh ums Herz geworden . Sie saß der offenen Fensterthür gegenüber . Die Strahlen der untergehenden Sonne umwoben einen Rosenstrauch mit zittergoldigem Dunst und davon sich abhebend - ihr Traumbild : sie sieht die Gartenscheere flimmern , das weiße Haupthaar glänzen ... » Nicht wahr , « lächelte er zu ihr herüber , » wir sind ein glückliches altes Paar ? « Durch Rudolfs Frage aufgeschreckt , trocknete sie rasch ihre Augen und erhob sich . Sie nahm den Arm ihres Nachbars zur Rechten - Ritter von Wegemann , Minister a. D. , im Hause unter dem Spitznamen » Minister Allerdings « - oder eines neuerlich angenommenen Gewohnheitswortes wegen - » Minister Andrerseits « bekannt . Man begab sich in den anstoßenden Salon . Es war nur eine kleine Tischgesellschaft gewesen : Außer den schon Genannten Rudolfs Halbschwester Sylvia - der Mutter lebendes Jugendbild ; Gräfin Lori Griesbach , Rudolfs Schwiegermutter ; Doktor Bresser , der langjährige Freund des Hauses und sein Sohn Hugo Bresser ; Graf Anton Delnitzky , der junge Pate des Täuflings ; Oberst Baron Schrauffer , ein alter Anbeter Gräfin Loris und der Ortspfarrer , Pater Protus . Sylvia schänkte den schwarzen Kaffee in die Schalen und reichte diese den Gästen . Jede Bewegung der schlanken , geschmeidigen Gestalt atmete Anmut ; auf dem rosigen Gesichtchen lag ein Schein von gehobener Glückstimmung . Martha und Lori nahmen auf einem kleinen Eckdivan Platz , während die Herren in der Nähe Sylvias blieben . » Also wirklich , « sagte Gräfin Griesbach , » der Toni Delnitzky hat sich erklärt ? Da gratuliere ich ... Und darf man schon laut - - ? « » Nein , nein , ich bitte Dich ! ... Sylvia hat mir die Sache auf dem Wege von der Kirche mitgeteilt - erst morgen wird er bei mir um ihre Hand anhalten . Erst dann , bis ich ja gesagt habe , kann die Verlobung verkündet werden - wenn ich ja sage ... « » Du wirst doch nichts einzuwenden haben ? Einer der größten Epouseure Österreichs ! Daß er ein leichter Vogel war - je nun , das sind sie mehr oder weniger alle - solche junge Leute wie Rudolf findet man nicht wieder . « » Und wenn ich auch einzuwenden hätte ... ich glaube wirklich , daß der beiden Charaktere nicht zueinander passen ... aber Sylvia ist kein Kind mehr ... « » Du kommst mir sehr unschlüssig vor : zuerst wenn ich ja sage und dann wenn ich auch Einwendungen machen wollte , so nützt es nichts . « » In der That - es nützt nichts . Schau nur , wie glückstrahlend sie aussieht und mit welchem Eifer Delnitzky jetzt in sie hineinredet ... « Lori seufzte . » Es ist doch eine schöne Sache um die Jugend ! ... « » Du kommst mir eigentlich auch noch jung vor , Lori ... « » Vorgestern war mein achtundvierzigster Geburtstag ... « » Du hast Dich körperlich nicht viel und seelisch gar nicht verändert seit den letzten zwanzig Jahren . - Du bist noch immer so schlank , so blond , so lebhaft ( so seicht , setzte sie im Geist hinzu ) und so - verzeih - so gefallsüchtig wie immer ... Diese prachtvolle granatrote Toilette - dazu die Blicke , die Du unserem Minister Adrerseits zugeworfen hast - was wird Schrauffer dazu sagen ? « » Und Du in Deinem ewigen Schwarz und ewigen Ernst - Du gibst Dir ein viel älteres air , als Dir zukommt . « » Ach , mein Schatz , wenn man solchen Schmerz erfahren hat wie ich - so unsägliches Unglück nach so unsäglichem Glück , dann dürfte man schon ganz gebrochen sein ... Ich bin es nicht , weil ich meine Kinder habe ... « Der Minister näherte sich den Damen und ließ sich in einem Fauteuil an der Seite Gräfin Loris nieder . » Ich habe eben mit dem Grafen Rudolf disputiert , meine Damen , und rufe Sie zu Richterinnen an . Der Ton , den er in seinem Trinkspruch angeschlagen , wollte mir nicht gefallen ... ein Ausfall gegen die Väter und Vätersväter ! Allerdings , wenn man gerade ein Wickelkind feiert , so liegt der Gedanke an Enkelssöhne näher - andrerseits soll man nicht vergessen , daß es nur einen Boden giebt für ersprießliches Gedeihen ( namentlich für Unsereins ) - den Boden der Tradition . Was sagen Sie , Gräfin ? « Lori war weit davon entfernt , über diese Frage irgend eine Meinung zu hegen , aber da sie doch etwas antworten mußte , so sagte sie : » Sie haben ganz recht , ganz recht . « Das ist eine Meinungsäußerung , welche denjenigen , dem sie gilt , gewöhnlich als sehr vernünftig berührt . » Ich muß meinem Sohne recht geben , « widersprach Martha . » Es ist besser , denen zu Dank zu handeln , die nach uns kommen , als jenen , die vor uns waren . Straßen pflegen ist ganz schön - Bahn brechen ist schöner . « Die Neuverlobten konnten jetzt einige unbelauschte Worte tauschen : » Morgen werde ich also mit Ihrer Mutter sprechen , Sylvia ... ich fürchte mich ein wenig ... « » Sie glauben doch nicht , daß Mama - « » Nein , abweisen wird sie mich nicht - das fürchte ich nicht , sondern die Feierlichkeit davon - die Ungewohnheit ... « Sylvia lachte : » Hoffentlich ist ' s ungewohnt ! Wer soll denn Übung darin erlangen , um Hände anzuhalten ? Übrigens , auch mir ist entsetzlich ungewohnt zu Mute ... ich begreife gar nicht , daß ich mit einem kurzen ja mein ganzes Leben verpfändet habe ... war ich nicht voreilig ? Ich kenne Sie eigentlich so wenig und Sie - - kennen mich vielleicht gar nicht ... « » Und ob ich Sie kenne : das natürlichste , heiterste , anmutigste Geschöpf ... « » Kurz , das Muster eines wohlerzogenen Komtessels , wie ? Ein anderes Bild hatte ich ja auch nicht Gelegenheit , hervorzukehren in den fünf oder sechs Kotillons , die wir miteinander getanzt haben . Es steckt aber wirklich doch noch manches andere in mir , von dem Sie vermutlich nichts ahnen . « » Zum Beispiel ? « » Ungeheure Ansprüche an das Leben und an die Menschen - und besonders an den Menschen der mein Leben ausfüllen soll - « » Muß er ein halber Gott sein ? « » Nein , aber ein ganzer Mensch . So wie dieser da , « fügte sie hinzu , auf den Bruder deutend . Rudolf trat heran . » Warum wird hier mit Fingern auf mich gezeigt ? « » Als Muster der Vollkommenheit wirst Du gepriesen , « antwortete Delnitzky . » Du entsprichst dem Ideal , das sich Deine Schwester von einem - wie sagte sie doch ? - ganzen Menschen macht . « Seufzend schüttelte Rudolf den Kopf : » Da muß ich das Leitmotiv meines Toasts wiederholen - es lebe die Zukunft - die wird ganze Menschen haben ... heute findet man nur viertel , achtel , hundertstel - « » Nicht einmal halbe gibst Du zu ? « » O , Halbheit in anderem Sinne , auf die stößt man nur zu oft . Ernstlich , Du hast eine zu gute Meinung von mir , Sylvia . Du weißt doch , daß ich eine Aufgabe habe , und weißt , wie wenig ich noch die Kraft fand , sie zu erfüllen , Du weißt - « » Nicht die Kraft , « unterbrach Sylvia , » die Möglichkeit hat Dir gefehlt . « » Auch die . Hoffentlich wird es größere , weitere Möglichkeiten geben , wenn mein Friedrich erwachsen ist . Sein Feld wird das zwanzigste Jahrhundert sein , und von dem erwarte ich die Erfüllung großer Dinge . « » Du bist heute ganz Zukunft , Rudi , « sagte Delnitzky ; » da folge ich Dir nicht , denn die Gegenwart ist mir viel zu schön . « Sylvia warf ihm einen Blick zu , mit dem sie ihm das Weiterreden verwehrte . Offenbar war es ihr unerwünscht , daß Rudolf in diesem Augenblick erfahre , was Delnitzkys Gegenwart so sehr verschönte . In einer andern Ecke standen der Oberst von Schrauffer , Doktor Bresser und der Pfarrer im Gespräch . » Ein hübscher Junge , Ihr Sohn , Herr Doktor , « sagte der Pfarrer , » dem wäre die Uniform gutgestanden - warum haben Sie ihn nicht zum Militär gegeben ? « Pater Protus war eine Zeitlang Feldkaplan gewesen und hatte sich eine große Vorliebe für die Angehörigen des Militärs bewahrt . Die Erinnerung an die in Gesellschaft fröhlicher Offiziere zugebrachten Stunden gehörte zu seinen liebsten Erinnerungen . Zweiunddreißig Jahre alt , aufgeweckten Geistes , lern- und lebenslustig , war er von jeglichem Sektengeist , von jeglicher muckerischer Strenge weit entfernt . Als Gesellschafter war er allgemein beliebt . Er wußte ebensowohl auf Scherze einzugehen , als an wissenschaftlichen Diskussionen teilzunehmen . Natürlich hatten seine Freunde den Takt , dem Priester gegenüber bei Scherzen keinen zu frivolen , bei Diskussionen keinen glaubensverletzenden Ton anzuschlagen . Ebenso zurückhaltend war Pater Protus : im gesellschaftlichen Verkehr schlug er niemals einen lehrhaften , bekehrenden Ton an . Ob er nicht auch selber in seinem Innern mit manchen Dogmen gebrochen , das konnte aus seinen Äußerungen niemals hervorgehen , doch lag in seiner Art mit notorisch freidenkenden Menschen ein Zug stillschweigender Achtung . » Ein hübscher Junge , Ihr Sohn , « sagte er zu Doktor Bresser , » dem wäre die Uniform schön gestanden , warum haben Sie ihn nicht zum Militär gegeben ? « » Gegeben ? Ich ? Er hat sich seinen Beruf selber gewählt . Er ist Schriftsteller . « » So-o ? « machte der Oberst . » Ist denn das überhaupt ein Beruf ? « » Ich sollte meinen , einer der allerschönsten , « bemerkte Pater Protus . » Und ich denke , Schriftstellerei kann man doch nur so nebenbei betreiben ; es ist ja doch keine Karriere - mit regelmäßigem Vorrücken , mit gesichertem Erwerb . « » Das freilich nicht . Aber da mein Sohn von seiner Mutter ein genügendes , selbständiges Vermögen geerbt hat - « » Ich verstehe « , unterbrach der Oberst , » so privatisiert er . « » Im Gegenteil - er hat sich die breiteste Öffentlichkeit als Lebensweg gewählt : er ist Schriftsteller und Journalist . « » Journalist ? - Also der Beruf der Leute - ich glaube Bismarck hat ihn so genannt - die ihren Beruf verfehlt haben ? « » Ich finde den Journalismus einen sehr schönen Beruf , « fiel der Pfarrer lebhaft ein . » Ein lieber , sehr geschätzter Freund von mir schreibt die Kunst- und Musikreferate für die Neue freie Presse - « » Es nimmt mich Wunder , daß ein geistlicher Herr das bekannte Judenblatt - « » Oh , ich stehe nicht auf dem antisemitischen Standpunkt , Herr Oberst . Und für welche Zeitung arbeitet Ihr Sohn , Doktor Bresser ? « » Für zehn verschiedene . Doch vom künftigen Oktober ab wird er eine Stelle als ständiger Redakteur eines neu gegründeten politischen Blattes antreten . « » Hoffentlich ein gutgesinntes ... Einerlei : als Leutnant ... jetzt könnte er auch schon Oberleutnant sein - wäre mir Ihr Sohn doch lieber , wie als - verzeihen Sie - als Federfuchser . Hätten Sie ihn rechtzeitig in eine Militärakademie gesteckt ... Aber Sie sind ja ein alter Freund der Baronin Tilling - folglich ein geschworener Militärfeind - « » Militarismusfeind . « verbesserte Bresser . » Das bleibt sich gleich . Wenn einer eine Sache nicht mag , so fügt er ihrem Namen ein gehässiges ismus an . Nicht wahr , Herr Pfarrer , die Feinde der Kirche sagen auch beileibe nicht , daß sie etwas gegen die Religion oder gegen die Kleriker haben - nur dem Klerikalismus sind sie feind - « » Ich fühle da doch den Unterschied , « erwiderte Pater Protus . Dann an Doktor Bresser gewendet : » Ihr Sohn kommt mir heute sehr schweigsam und melancholisch vor . Ist er oft so ? « » Er ist gewöhnlich ernst ; doch ist mir es auch aufgefallen , daß er heute etwas verstimmt scheint . « Der junge Mann , von dem die Rede war , saß an einem Tisch und blätterte in illustrierten Zeitschriften . Aber sein Blick haftete nur zerstreut auf den Bildern , immer wieder irrte er in die Richtung , wo Sylvia und Denitzky nebeneinander standen . Seit Jahren schon trug Hugo Bresser eine schwärmerische Neigung für Sylvia im Herzen . In bewußter Hoffnungslosigkeit zwar , denn er maßte sich nicht an , der gefeierten , reichen Aristokratin als Freier sich zu nahen . Was ihm aber heute in Gebaren und Mienenspiel an dem Paare aufgefallen , hatte seine Eifersucht entfacht . Selber auf ein Glück verzichten , ist schon schwer genug - aber einen andern in dessen Besitz zu sehen , ist unerträglich ... Wenn ich recht erraten , sagte er sich - so werde ich dieses Haus meiden - ich könnte da nicht zusehen . Und dabei : er ist ihrer nicht wert ... Nur dem Besten , Gescheitesten , Edelsten wäre sie zu gönnen ... aber dieser Dutzendmensch ! ... Ist es nicht schon bedauerlich genug , daß der herrliche Rudolf sich ein Dutzend-Komteßchen nahm ... Indessen waren die beiden Großmütter in das Schlafzimmer der jungen Frau gegangen , ihr einen Besuch abzustatten . Beatrix Dotzky , in schleifen- und spitzengeschmücktes Nachtgewand gehüllt , lag in ihrem Bette und hielt den kleinen Fritz im Arm . Kammerfrau und Wärterin standen daneben . Gräfin Lori eilte auf ihre Tochter zu : » Also Trixi - wie geht ' s ? Gib mir das Wurm ein bissel her ... So ein lieber Schneck . Die ganze Mama - und Du siehst mir ähnlich , folglich die ganze Großmama - ich kann zwar nicht behaupten , daß mich dieser Titel entzückt ... « » Er will Dir auch gar nicht passen , liebste Mama ... « » Aber mir paßt er doch , Beatrix , nicht wahr ? « sagte Martha . » Gib mir den Kleinen , Lori . « Gräfin Griesbach ließ sich nicht bitten und legte das Kind auf Marthas Arme . » Und jetzt laß Dir erzählen ... « Sie setzten sich an das Fußende des Bettes und in übersprudelndem Redefluß berichtete sie , wie die Taufe in der Kirche vor sich gegangen , was der Pfarrer gesprochen , und wie der Kleine geschrien und was für Toaste bei Tische ausgebracht wurden : Oberst von Schrauffen hatte so herrlich von den künftigen Großtaten gesprochen , die der kleine Fritz bestimmt war , im Dienste des Vaterlandes auszuführen , wenn er wie sein Großvater und wie sein Urgroßvater Althaus des Kaisers Rock trüge . Von da sprang Loris Rede ohne Übergang auf die Genesis ihres granatroten Damastkleides » bei der Spitzer , weißt Du - die arbeitet doch am chiksten ... « - auf verschiedene Sorten von » Milchkasch « , mit denen man am besten kleine Kinder aufpäppelt , auf die Misere , die man später mit den Bonnen hat und auf Verhaltungsmaßregeln für die junge Mutter . » In sechs Wochen , « so schloß sie , » mußt Du , ja mußt Du nach Mariazell , um der Muttergottes für die Geburt des Knaben zu danken ( ich bin so froh , daß es ein Bub ist - wegen dem Majorat ) . Ich bin schon vor Deiner Geburt nach Mariazell - nein Mariataferl war ' s - gewallfahrtet und wie Du siehst , hat es Dir Glück gebracht - - « Martha saß schweigend am andern Bettrand und blickte nachdenklich auf das Kind , das sie im Schoße hielt . Gedanken , Gefühle , Bilder durchwogten ihre Seele - nicht klar , nicht abgesondert , sondern ineinander fließend , in ihrer Vermengung eine Wehmutsstimmung ergebend . Der Sohn ihres Sohnes ... vielleicht würde auch der wieder Söhne zeugen ... und so geht das Leben , um alles Sterben unbekümmert , aus entlegenster Vergangenheit in entlegenste Zukunft hinüber - dazwischen immer wieder Leid , Kampf , Alter , Tod - und was am Ziele ? Was am Wege ? Wohl auch mitunter Freude , Liebe , Begeisterungsschwung : das ist ja an sich schon erfüllter Zweck . Das Ziel kann doch nur sein : mehr Freude , mehr Liebe , höherer Schwung ... O du kleines , hilfloses Geschöpfchen , was wird aus Dir werden - wenn Du überhaupt erhalten bleibst ? Wie viel Schmerz wirst Du erdulden , wie viel Schmerz bereiten ? Sicher ist Dir nur Eines , früher oder später : das Todsein - die ewige Abwesenheit ... O mein Verlorener ! ... Und wieder erstand das Bild Tillings vor ihrem inneren Auge . Aber nicht in jener im Traum entstandenen , altersmüden Gestalt , sondern wie er in seiner Vollkraft gewesen an dem Tage , da er unter den Kugeln des Exekutions-Pelatons zusammenfiel . II Rudolf Graf Dotzky , geboren 1859 , wenige Monate vor Ausbruch des italienisch-österreichischen Krieges , in dem sein Vater den Tod fand , zählte jetzt dreißig Jahre . Besitzer des ausgedehnten Dotzkyschen Majorats , hatte er keinen andern praktischen Beruf als die Bewirtschaftung seiner Güter . Daneben hatte er sich aber noch einen idealen Beruf erwählt , dem sein Lernen , Denken und Streben galt : nämlich die Aufgabe zu erfüllen , welche Friedrich Tillings Vermächtnis war : die Bekämpfung der Kriegsinstitution . Die eigentliche Erbin dieses Vermächtnisses war freilich Tillings Witwe , doch freiwillig hatte sich Rudolf zum Mitarbeiter seiner Mutter herangebildet . Das zu Friedrichs Lebzeiten angelegte » Protokoll « - ein Einschreibebuch , in das die Fortschritte der Friedensidee und -Bewegung eingetragen waren , wurde zuerst von Martha , dann von Rudolf weitergeführt . Die von dem Elternpaar zusammengetragene Bücherei natur- und sozialwissenschaftlicher Werke fand in ihm einen eifrigen Studenten und Mehrer . Allerdings mußte daneben das obligate Studium der offiziellen Schulgegenstände absolviert werden ; auch das Freiwilligenjahr hatte er ausdienen müssen . Dann kam die Erbschaft des Dotzkyschen Majorats , wodurch dem jungen Mann die Notwendigkeit erwuchs - wollte er anders den Pflichten des Großgrundbesitzes gerecht werden - ernstliche Landwirtschaftsstudien zu betreiben - all das ergab eine bedeutende Ablenkung von jenem idealen Beruf . Auch kam eine Zeit , da er durch den Umgang mit seinen Alters- und Standesgenossen in einen Wirbel von weltlichen und sportlichen Vergnügungen gerissen wurde , wobei die Beschäftigung mit seiner Lebensaufgabe stark zur Seite geschoben ward . Sogar die Gesinnungen , die dieser Aufgabe als Grundlage dienten , waren durch den Einfluß der ganz entgegengesetzten feudalen , chauvinistischen und reaktionären Ansichten , die in seiner Umgebung herrschten , momentan ins Schwanken geraten und hätten Gefahr gelaufen ganz unterzugehen , wären sie nicht schon so tief in seiner Seele geankert gewesen , und wenn der niemals ganz aufgegebene innige Verkehr mit der Mutter ihm nicht immer wieder die Ideale aufgefrischt hätte , für die er wirken wollte - später , später , bis er zu Ruhe käme . Und er kam bald zu Ruhe . Das schale Leben der » goldenen Jugend « , mit dem ewigen Trinkgelagen und ewigen » kleinen Jeux « , mit den abwechslungslosen Jagd- , Rennstall- und Koulissengesprächen ekelte ihn bald an . Es zog ihn zurück zu seinen Büchern und zu seinen gutsherrlichen Pflichten . Schon im Alter von vierundzwanzig Jahren hatte er sich von dem Treiben seiner Genossen losgerissen . Er zog sich auf Brunnhof - die größte und schönste seiner Domänen - zurück und lud seine Mutter und Schwester ein , bei ihm zu wohnen . Hier widmete er sich wieder mit verdoppeltem Eifer seinen beiden Berufen - dem einen mit ausübender , dem anderen mit vorbereitender Arbeit . Er unterbrach dieses einsame Landleben nur durch einige Reisen nach Paris , London und Italien . Denn er sah wohl ein , daß man ein Stück Welt gesehen haben müsse , wenn man einst öffentlich wirken wollte . Das Gebiet seiner Aufgabe hatte sich ihm unversehens stark erweitert . Ursprünglich war es nur die eine - von Tilling überkommene Idee - Bekämpfung der Kriegsinstitution - die ihm als Ziel vorgeschwebt , aber allmählich kam er zur Überzeugung , daß jeder Zustand , jede Einrichtung mit allen anderen Zuständen und Einrichtungen in vielfacher Wurzelverschlingung verbunden ist , und da begann er , sich in andere Probleme zu vertiefen und andere Bewegungen zu verfolgen ; überall lauschte er hin , wo ein neuer Geist die alten Formen sprengen wollte . Je weiter er vorwärts drang , desto zahlreicher eröffneten sich ihm immer wieder neue Forschungsfelder . Die Fülle der auf ihn einstürmenden Gedanken und erwachenden Erkenntnisse hinderte ihn daran , sich auf irgend eine bestimmte Aktion zu konzentrieren . Erst mußte er lernen und noch lernen , erst mußte sein gährender Geist Klärung gewinnen , ehe er daran gehen konnte , tätig in das Räderwerk des öffentlichen Lebens einzugreifen . » Später , später ! « rief er sich zu und hatte vorläufig darauf verzichtet , sich politisch oder publizistisch zu betätigen . Er bewarb sich nicht um den Reichsratssitz , zu dem ihn sein Großgrundbesitz berechtigt hätte , er schloß sich keinem Vereine an und veröffentlichte keine Aufsätze ; er begnügte sich mit Studieren und Denken , mit Schauen und Beobachten . Daß er öffentlich werde wirken müssen , um die in Tillings Vermächtnis enthaltene Aufgabe zu erfüllen , das war ihm klar - aber : später , später . Als er achtundzwanzig Jahre alt war , entschloß er sich , zu heiraten . Der Besitzer des Majorats und zugleich letzter männlicher Sproß des Hauses Dotzky war einfach verpflichtet , für Vermögens- und Namenserhaltung zu sorgen und sich eine ebenbürtige Gattin zu wählen . Von Kindheit auf hatte er - halb im Scherz , halb im Ernst - um sich wiederholen gehört , daß die einzige Tochter der Gräfin Griesbach , die kleine Beatrix , seine Frau werden solle . Die Mütter waren Jugendfreundinnen , die Kinder Spielgenossen , und der Gedanke , daß sie einst ein Paar werden sollten , wuchs sowohl bei Rudolf wie bei Beatrix als etwas selbstverständliches , einfaches , gar nicht tiefbewegendes noch hochbeglückendes , aber immerhin als etwas ganz erfreuliches heran . Ohne langes Hofmachen seinerseits , ohne langes Überlegen ihrerseits , ohne Überraschung für die Familien und Freunde wurde Rudolfs Werbung vorgebracht und angenommen und sechs Wochen später die Trauung vollzogen . Beatrix war eine anmutige und elegante Erscheinung ; in geistiger Beziehung war sie nicht viel über das Niveau ihrer Mutter herausgewachsen , aber Rudolf hatte gar nicht den Versuch gemacht , sie zur Teilnahme an seinen geistigen Interessen heranzuziehen - hierin war und blieb seine Vertraute die Mutter . Bei seiner kleinen Frau wollte er nicht Anregung zu seinen Arbeiten , sondern Erholung finden . Ausruhen wollte er bei ihr und sich aufheitern lassen . Sie besaß ein fröhliches Temperament und fühlte sich durch die glänzende Lebensstellung , die ihr der liebenswürdige und hübsche Gatte bot , vollständig glücklich - da konnte sie wohl durch sonnige Laune und ungeheuchelte Zärtlichkeit die gewünschte Aufheiterung leisten . Für das geistige Ausruhen bürgte ihr gänzliches Unverständnis : mit ihr gab es kein weiteres Ausspinnen der Gedanken , kein Erwägen der Pläne - mit einem Wort : keinerlei weiteres Kopfzerbrechen ; in ihrer Gesellschaft mußte man die geistige Arbeit ruhen lassen . Martha hatte sich dieser Eheschließung nicht widersetzt . Sie hatte die Empfindung , daß Rudolfs Lebensaufgabe und Lebensinhalt außerhalb der häuslichen Verhältnisse lag , etwa wie bei einem von seiner Berufspflicht ganz erfüllten Priester . Rudolfs Schicksal hing nicht an der Gemeinschaft mit einem geliebten Weibe - es hatte ein weiteres Feld . Auf diesem Felde war die Mutter seine Vertraute und Beraterin ; vielleicht wäre es dieser sogar schmerzlich gewesen , eine solche Rolle einer anderen überlassen zu sollen . Der große Liebreiz der jungen Gräfin Dotzky verbunden mit ihrem kindlichen Frohsinn , ließ über ihren Mangel an Geist , über die Seichtigkeit ihres Charakters hinwegsehen . Viele nannten sie entzückend und Rudolf hatte sie von Herzen lieb . So fühlte sich Martha über ihres Sohnes Eheleben ganz beruhigt und zufriedengestellt . Anders urteilte sie über die bevorstehende Heirat der Tochter . Da war ihr unsäglich bang . Für Sylvia hatte sie stets den Traum genährt , daß ihr in einer harmonischen Ehe ein Glück beschieden sein möge , wie sie selber es an der Seite Tillings gefunden . Und dafür bot ihr das Wesen des jungen Delnitzky keine Bürgschaft . Es war am Abend des Tauffestes . Sylvia saß beim Fenster in ihrem Zimmer . Die Dunkelheit war schon hereingebrochen . Das Fenster stand offen und die laue Sommernachtluft , düftebeladen , strömte herein . Hinter den Baumwipfeln stieg eine glutrote , unnatürlich groß scheinende Mondscheibe empor . Von ferneher leiser Unkensang und aus nahem Gebüsch die Triller einer Nachtigall . Sylvias Kopf war an die Fauteuillehne zurückgeworfen und ihre beiden Hände hingen über die Armlehnen hinab . Ihr Atem ging hörbar und kurz durch die halbgeöffneten Lippen ; sie selber fühlte das Schlagen ihres Herzens . Verliebt ... Die Wonne dieses Bewußtseins war nicht nur eine seelisch , sondern zugleich physisch empfundene Wonne . Eine süße Wärme , eine seligkeitsahnende Beklemmung in der Brust , eine wogende Betäubung im Kopf . Beim Abschied - sie standen von den anderen ungesehen in einer Nische der finstern Ausgangshalle - hatte Delnitzky sie auf den Mund geküßt . Der erste Liebeskuß in ihrem Leben . Jetzt saß sie da und suchte sich dieses Erlebnis , dieses Ereignis wieder zu vergegenwärtigen . Sie war erschüttert , bereichert - verändert mit einem Wort , nicht mehr dieselbe Sylvia , die sie vor einigen Stunden gewesen . Die Tür ging auf . » Im Finstern , mein Kind ? « Und Martha drückte an den elektrischen Knopf . Ein mattes rosa Licht fiel nun durch die gläserne Deckenampel in den Raum und zeigte die weiß lackierten Möbel , die blumengemusterten Stoffe und Tapeten des frischen , einfachen Mädchenzimmers Sylvia sprang auf . » Habe ich Dich erschreckt ? « » O nein , Mama ... Gut , daß Du kommst ... ich wäre ohnehin später zu