Scheerbart , Paul Immer mutig ! www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Paul Scheerbart Immer mutig ! Ich hatte mich verstiegen . Und das kam mir so selbstverständlich vor . So mußte es kommen . Jetzt konnte ich nicht mehr weiter ; rauf ging ' s nicht mehr und runter auch nicht . Allerdings - runter wär ' s wohl gegangen - runterkommen kann man immer . Aber die Sache hatte einen Haken . Neben mir ging ' s hinunter in die Tiefe - da hätte ich mich kopfüber hineinstürzen können - doch bei dem Sturz wäre mir wohl der Atem vergangen - und mein Körper wäre wohl zu Brei geworden . Ich befand mich in einem Gebirge , das aus hartem Stein bestand . Es tat mir schon leid , daß ich so rücksichtslos immer höher gestiegen war . Ich starrte die glatte Felswand vor mir nicht sehr geistreich an ; in die grausige Tiefe wagte ich nicht hinabzublicken , denn ich glaubte , nicht ganz schwindelfest zu sein . Und siehe , da hob sich vor mir in der glatten Felswand eine Platte heraus und schob sich zur Seite , und ich erblickte in der entstandenen Öffnung ein kleines Nilpferd , das kaum halb so groß war als ich selbst . » Na , Onkelchen , « sagte das Nilpferd , » wohin willst Du ? « » Ich habe mich verstiegen ! « erwiderte ich traurig . » Das merkt ' n Pferd ! « rief da das Nilpferdchen . » Tritt nur näher ! Oder - willst Du abstürzen ? « » Nein ! Nein ! « sagte ich schnell . Und ich folgte dem kleinen Tier , das eine Lampe anzündete und mich durch einen Felsengang führte ... Nach ein paar Augenblicken stand ich in einem sauberen Felsensaal . Oben in den hohen , schwarzen Gewölben brannten weiße Ampeln aus Milchglas ; Birnenform hatten die Ampeln - die Stengel hingen unten als dicke Schnüre . Jetzt erst bemerkte ich , daß das kleine Nilpferd , das wie ein Mensch auf den Hinterbeinen ging , einen dunkelblauen Flanellrock anhatte ; der ließ nur den Kopf und die vier Füße frei . » Nimm Platz ! « sagte das Nilpferd , und es setzte sich auf einen Schaukelstuhl . Ich setzte mich neben dem großen grünen Ofen auf eine Holzbank . Eine dunkelgraue Plüschdecke war über den ganzen Fußboden gespannt . Von Möbeln sah man nicht viel ; es schien eine Art Empfangsraum zu sein . Es war mir aber außerordentlich gleichgültig , wo ich mich befand ; ich war müde und abgespannt und durchaus nicht froh über meine Rettung . » Dir ist wohl nicht ganz wohl ! « sagte das Nilpferdchen nach einer Weile . Und ich erwiderte hastig : » Wenn das nicht stimmt - dann weiß ich nicht mehr , wie viel drei mal drei ist . « » Die Antwort , « flüsterte mein Retter , » ist von einer geradezu seltsamen Bestimmtheit . « Ich starrte den hohen , grünen Ofen an und war stumm wie ein Stockfisch . Wir hörten im Hintergrunde langsam eine große Uhr ticken und rührten uns nicht . So mochten wir wohl eine gute halbe Stunde gesessen haben , als das Nilpferdchen leise fragte : » Hast Du vielleicht ein Manuskript bei Dir , das recht traurig stimmt ? Du hast doch sonst immer Manuskripte bei Dir . « Ich drehte den Kopf langsam um , sah das Nilpferdchen groß an und sagte unsicher : » Woher weißt Du denn , daß ich sonst immer Manuskripte bei mir habe ? Ich muß mich doch wundern . « Da sprang das Nilpferdchen von seinem Schaukelstuhl auf und hopste im Felsensaal herum und rief laut : » Er muß sich doch wundern ! Er muß sich doch wundern ! Daß ein redendes Nilpferdchen ihn gerettet hat - das wundert ihn nicht . Aber daß das Tierchen so viel weiß - das wundert ihn . « Und dann sprang das kleine Vieh ganz dicht an meine Seite und sprach im tiefsten Baß : » Ich freue mich ganz eklig , daß Du Dich noch wunderst . Leute , die sich noch wundern können , sind noch nicht ganz tot . Und daß Du noch nicht ganz tot bist , das ist sehr gut . Denn - wärest Du ganz tot , so hätte ich ' s bedauern müssen , Dich gerettet zu haben ; Leichen rettet man doch nicht . « Ich blickte dem Nilpferdchen ins Gesicht und wunderte mich jetzt , daß es so gut reden konnte . Und ich fragte leise und höflich : » Was soll ich tun ? « » Gib mir , « antwortete das Tier , » eine Geschichte zu lesen , die recht traurig stimmt . « Da suchte ich denn in meinen Taschen und blätterte in allen meinen Sachen , schüttelte oft den Kopf und gab dem freundlichen Nilpferd schließlich eine Geschichte , die mir in diesem Falle zu passen schien . Das kleine Tier setzte sich eine blaue Brille auf , ging mit meinen Blättern wieder zum Schaukelstuhl , ließ sich auf diesem vorsichtig nieder und las : Lichtwunder Nacht ! Nacht ! Lauter dunkle , schwarze Räume . Ich schwebe so dahin und weiß nicht , wo ich bin - aber ich schwebe in der unendlichen Finsternis ruhig weiter . Da zuckt was in der Ferne auf - ein kleines Pünktchen Licht ! Und nun weiß ich , wo ich mich befinde - ich fliege durch jene große Nachtkugel , die weit hinter dem leeren Raume mitten im großen Lichtmeere schwimmt , das in jedem Atome so hell ist wie eine echte Sonne ohne dunklen Kern . Es gibt im Lichtmeere viele hohle Nachtkugeln - aber meine Nachtkugel ist die dunkelste . Und doch - es ist nicht Alles so dunkel , wie ' s aussieht . Da drüben der Lichtpunkt wird immer größer - und jetzt schießen zwei feine Lichtkegel , die so schwanken , an mir vorüber . Und - in den Lichtkegeln ? Lichtwunder ! Da fängt es gleich zu leben an - Milliarden zierliche Flügelchen glitzern und flimmern - und leben - einen kurzen - aber seligen - Lichttag . Und nach dem schwebe ich wieder in der unendlichen Finsternis . Es dauert aber nicht lange - und von neuem schießt aus einem Spalt der Kugelschale ein linsenförmiger Lichtstreifen - breit wie ein Schwert . Und wie vorhin lebt gleich in dem Lichtstrahl was auf - eine wilde Weltenjagd - unzählige kleine schillernde Blasen - dies Mal sind ' s lauter Welten mit edelstem Weltengewürm . So ist das Dasein im großen Reiche der Nacht . Es wird immer wieder hell . Und die Lichtstrahlen erzeugen mit immer wieder frischer Kraft unzählige Lichtwunder - Engel und Sterne , Fledermäuse und Paradiesvögel - Diamanten und Weltgestalten in immer neuer Lichtwunderform . Ich weiß : unsre Augen könnten das Lichtmeer draußen nicht ertragen - wir würden draußen erblinden - daher die schützende Kugelschale . Aber unsre Augen sind nicht schlechte Augen - sie sind nur so fein und empfindlich , daß die dämpfende Nacht die feinen empfindlichen Augen immer wieder stärken muß - zum Genuß der ewigen Lichtwunder in der Nachtkugel . Augen , die draußen das Lichtmeer ohne Schaden ansehen können , sind schrecklich grob . Das Nilpferdchen hatte beim Lesen auf jeder der beiden dicken Vorderpfoten eine Pincette . Und mit den beiden Pincetten konnte das Tier sehr gewandt meine Blätter halten und umdrehen . Nach der Lektüre fächelte sich das Tier vom Strande des heiligen Nil mit meinen Blättern ein wenig Kühlung zu und sagte leise : » Das war so schmerzlich grade nicht , denn der Wert der Dunkelheit wird ja auch gleich im richtigen Lichte gezeigt . Hast Du nicht eine längere Sache , die wenigstens schmerzlich endet ? Mir scheint - doch davon nachher . « Ich suchte wieder in meinen Taschen , und dann ließ ich das kluge Nilpferd dies hier lesen : Die wilde Kralle Ein Raketen-Scherzo Ich kletterte immer höher ; es ging ja so leicht . Die Astknorren waren nicht zu dick und nicht zu dünn - grade so recht . Aber die Spitze der Tanne konnt ' ich nicht erreichen , so eifrig ich auch klettern mochte . Es war doch ein schrecklich hoher Baum . Er war bedeutend höher , als ich dachte . Einmal , als ich runtersah , kam mir ' s so vor , als wäre die Erde unten längst unsichtbar geworden . So hoch im Weltall zu sein , erschien mir da ein stolzes Vergnügen zu sein . Ringsum kein andrer Baum - kein Stück Erde - kein Stück Wasser - nur Himmel - nichts als Himmel - mit unzähligen seligen Sternen . Mit stiller Andacht starrte ich in den großen Himmel . Und der Himmel schien mir plötzlich so eng und begrenzt - wie eine kleine Dorfkirche . Da knisterte was unter mir . Ich weiß nicht mehr genau , wie ' s war - ich sah nur allmählich , vor mir an der sternbestickten Himmelsdecke eine weiß schimmernde Riesenkralle zitternd emporsteigen . Und die Riesenkralle krallte sich in die sternbestickte Himmelsdecke fest und riß ein großes unregelmäßiges Loch hinein ; die Eckfetzen flatterten steif ab , als wenn ein starker Wind durch das Loch mich anbliese . Und ich schaute durch die flatternden Eckfetzen in eine andre Welt , die größer ist als unsre kleine Dorfkirchenwelt . Dort hinten - weit hinter unserm Fixsternhimmel - war der Hintergrund tiefschwarz und unendlich tief . Und in der Mitte dieser anderen Unendlichkeit stiegen langsam zwei goldene Riesenraketen empor , die aus lauter goldenen Sonnen bestanden ; sie perlten immer höher wie langsam aufsteigende Riesenfontänen . Aber die Raketen gehen nicht grad in die Höhe , sie biegen sich nach allen Seiten wie alte Baumstämme , die oft vergeblich nach dem Lichte strebten . Und sie werden immer größer . Und sie bekommen wie die Baumstämme Äste . Die rechts sich aufreckende Rakete hat keine Ecken ; sie biegt sich , wie Schlangenleiber sich biegen . Die links sich aufreckende Rakete hat jedoch sehr viele Ecken und Kanten wie knorrige Eichen . Es sieht anfänglich alles ganz friedlich aus - leider darf man keinem Frieden trauen . Die goldenen Sonnenraketen biegen sich vor und zurück , als wenn der Sturmwind an ihnen rüttle . Und bald wird mir ' s ganz klar : Die Raketen stehen sich gegenseitig im Wege . Ich hatte wohl vorher gedacht , dieses Schwanken , Drängen , Schieben und Stucksen wäre nur eine Äußerung der Zärtlichkeit . Mir fiel jedoch zur richtigen Zeit ein , daß ordentlichen Feindschaften ein zärtliches Vorspiel was ganz Natürliches ist . Die Atmosphäre scheint mir recht heiß zu werden . Die Schlangenrakete dehnt oft ganz beängstigend ihren gierigen Sonnenleib . Und die Eichenrakete schwankt und zittert wie ein wilder Trotzkopf , der gern seine Wutkrone aufsetzt . Die beiden Ungeheuer stehen sich im Wege - das ist mir bald völlig klar . Und ich nehme Partei für die goldene Eiche , die mir der Schlange an Schlauheit unterlegen zu sein scheint . Der Schlauheit mag ich stets an den Hals . » Ich schütze die Dummheit ! « Also ruf ' ich laut . Und ich erschrecke , da mir tausend Echos - der Himmel mag wissen woher - antworten - höhnend antworten . Hei ! Jetzt kommen die goldenen Sonnen ordentlich in Bewegung ! Das Gold glitzert und zuckt ! Die Raketen machen Ernst ! Das ist keine Zärtlichkeit mehr ! Ich recke mich auch ! Meine sehnigen Muskeln schwellen an wie springende Wildbäche im Frühling ! Es zittern die Spitzen der weichen und der knorrigen Äste so stark , daß ich mitzittern muß . Und aus den Spitzen fliegen nun blaue , grüne und rote Lichtblasen heraus - die brennen in dunklen Farben und werden immer größer . Und aus den Lichtblasen schießen in die Nacht gelbe und weiße Lichtkegel , die wie weite Scheinwerfer blitzschnell den Himmel durchfliegen - von einem Ende zum andern - wie rasend ! Eine Lichtschlacht ! Zwei goldene Milchstraßen liefern sich eine Lichtschlacht - eine lautlose . Ich muß mich sehr wundern . » Himmel ! Wetter ! « ruf ich wieder ganz laut , » ist denn da hinten auch alles so eng , daß nicht mal zwei Sonnenbäumchen Platz haben ? Sind denn sämtliche Weltwinkel zu klein ? « Über mir hör ich ein heftiges Brummen , und seltsam hüstelnd antwortet mir eine dunkle Baßstimme : » Was weißt Du von Weltwinkeln ? Tu doch nicht so , als ob Du kosmische Größenverhältnisse besser ausrechnen könntest als unsereins . Die Naseweisheit steht Dir nicht gut . Verkrieche Dich in der alten Weltpauke ! Da ist noch Platz für dich . « Ich ducke mich , obgleich ich Keinen sehe . Die Raketen kämpfen weiter . Es wird furchtbar lebhaft da hinten . Ich möchte noch mehr sehen ; das Loch in der Himmelswand erscheint mir zu klein . Doch da kommt auch schon die weiß schimmernde Riesenkralle wieder höher und macht das Loch größer . Jetzt kann ich bequemer dem Kampfspiele zuschauen . Die weißen und gelben Lichtkegel flirren immer heftiger . Die roten , grünen und blauen Gasblasen werden mordsmäßig groß und platzen dann - wie Alles , was zu groß wird . Dafür spritzen die Spitzen der weichen und der knorrigen Äste immer wieder neue Blasen hervor , die auch mit weißen und gelben Lichtkegeln herumflirren . Die Schlangenrakete wird offenbar noch schlauer ; sie bedrängt die Eiche wie ein unheimliches Krötenweib . Ich kann ' s kaum ansehen ; die Schlange wird mit ihren langen Schläuchen , die ihr immer dicker aus dem Leibe herauswachsen und gar nicht mehr was Astartiges haben , so aufgedunsen - so scheußlich groß . Der Hintergrund , von dem sich die Raketen abheben , ist so bunt wie eine riesige zitternde Opalfläche ; die roten , blauen und grünen Gaskugeln mit den gelben und weißen Lichtkegeln flattern umher , als wenn sie ein Weltföhn durchbrause . Da kann ich mich nicht mehr halten . Die Schlangenrakete wird von oben bis unten gemein . Das ist die ewige Niedertracht ! Ich möchte der Schlange an den Hals . » Eine Kralle möcht ' ich haben ! « Das schrei ' ich . Und im selben Augenblick fühl ich , daß die wilde Kralle , die unsern alten dösigen Dorfkirchenhimmel aufriß , meine wilde Kralle ist . Und mit meiner weiß schimmernden Riesenkralle pack ' ich durchs Loch , mitten in den Schlangenleib rinn . » Ich will nicht die Schlauheit siegen lassen ! « brüll ' ich auf und drück ' mit meiner wilden Kralle zu - den ganzen Leib der Schlangenrakete entzwei . Doch dabei muß ich » Au ! « schreien . Ich habe mich verbrannt . Horngeruch - widerlicher - steigt mir betäubend in die Nase . Ich sehe nichts mehr . Ich reiße die Hand mit der Kralle aus dem Loche raus , um mich auf meiner Tanne festzuhalten . Aber die Hand mit der Kralle tut mir zu weh , und ich kann mich mit der Linken allein nicht halten . Und ich falle mit der Kralle . Mich ergriff eine namenlose Wut . » Die Schlauheit siegt ! Sie ist zu kaltblütig ! « schrie ich noch . Dabei fiel ich immer tiefer . Ich hielt den Atem an , indessen - ich fiel trotzdem . Das Horn roch - brenzlich . Es war mir auch so , als ob der Docht einer alten , großen Wachskerze verglimmte - in einer Dorfkirche . Ich fiel - der Teufel - mochte wissen - wohin . Ich glaube , ich fiel in die alte Dorfkirche unserer greulich beschränkten Fixsternwelt zurück . Ich fiel immer tiefer - immer tiefer - immer tiefer ! Und ich wunderte mich , daß unsre beschränkte Welt so tief sein konnte . Nach der Lektüre dieser Geschichte sprang das Nilpferd wieder sehr erregt von seinem Schaukelstuhl auf und stampfte aufrecht auf den Hinterbeinen in der Stube herum , drehte sich öfters auf dem einen Fuße um sich selbst , wehte mit den Blättern durch die Luft , stellte sich wieder dicht vor mich hin und hielt mir mit wunderbarer Geschwindigkeit eine Rede - ohne mir einen Einwurf zu gestatten . » Du mußt , « sagte es , » nicht gleich so schlecht gelaunt werden , wenn Du Dir mal die Finger verbrannt hast . Sieh nur unsere Pfoten an , da sind keine Finger dran - und wir wissen uns doch zu helfen ; die Pincetten sind noch viel feiner als die Finger . Intelligente Leute müssen sich zu helfen wissen . Du darfst Deine Empfindungen nicht so ernst nehmen . Wenn schon unsre Gliedmaßen nicht als Realitäten von uns genommen werden wollen , so dürfen wir doch die Empfindungen dieser Gliedmaßen erst recht nicht als reale betrachten . Der Schmerz wird erst dadurch für uns zum Schmerze , daß wir ihn so nennen . Wir können den Schmerz auch als potenzierte Wollust auffassen . Intelligente Leute müssen sich zu helfen wissen . Wenn Dir ein Bein abgehauen wird , so bedenke sofort , daß Dir dieses scheinbare Unglück auch eine große Portion sehr angenehmer Augenblicke verschafft - denn man wird Dich verhätscheln dafür . Glaube mir , es ist nicht Alles Pech , was schwarz aussieht . Es tut auch nicht alles weh - was sich krümmt . Intelligente Leute müssen sich zu helfen wissen . Und ich finde , daß Du Dir in Deinen Geschichten sehr wohl zu helfen weißt , denn beim Runterfallen amüsierst Du dich gleich wieder über die köstliche Tiefe der Dorfkirchenwelt . Merkwürdig ist es nur , daß Du Dir in Deinem Leben nicht zu helfen weißt - denn Deine Mienen lassen nicht den geringsten Grad von Heiterkeit erkennen . Dir scheint die Grütze sehr stark verhagelt zu sein . « Ich wollte was erwidern , aber das Nilpferd ließ mich nicht zu Worte kommen ; es wollte bloß noch ein paar » schmerzliche « Manuskripte lesen - es wollte gleich mehrere haben - und ich gab ihm diese drei : Er hatte ... Eine Nachtscene Er hatte sehr viel getrunken - das stand fest . Und er hatte sehr lange getrunken - so drei bis vier Tage - genau wußte man ' s nicht . Er hatte sich auch geärgert - natürlich ! Wer viel und lange trinkt , hat sich immer geärgert . Das ist nun mal so auf diesem großen Erdball . Und er hatte natürlich keinen Sechser mehr - das sagten Alle , die ihn umstanden . Und die mußten es wissen , denn sie waren dabeigewesen . Er hatte sich ja in ihrer Gegenwart die Gurgel durchgeschnitten und war dabei umgefallen , obgleich er sich am Laternenpfahl gehalten hatte . Jetzt lag er da - in der Gosse . Er hatte endlich genug . Er hatte in seinem ganzen Leben niemals genug gehabt . Blut hatte er noch . Das merkten Alle , die ihn umstanden und nicht wußten , wie sie ihm helfen sollten . Das Blut floß plätschernd in die Gosse . Die Laterne leuchtete und blitzte in dem roten Blut . Warum hatte er sich die Kehle durchgeschnitten ? Ja - warum hatte er ? Er hatte das Leben plötzlich dick bekommen . Sich selbst hatte er niemals dick bekommen - wohl aber das Leben . » Er hatte Talent ! « sagten die Leute . Und bei diesen Worten hatte sich ein Arzt vorgedrängt - der hatte natürlich sein Verbandzeug nicht bei sich . Aber die Umstehenden hatten Taschentücher . Wer hatte nicht Taschentücher ? Er hatte Talent . Ja - warum hatte er denn Talent ? Er hatte einen Vogel . Er hatte mir ' s ja gesagt . Er hatte nie genug . Jetzt erst hatte er genug - mit der durchschnittenen Kehle . Ja - die Kehle ! Die Kehle hatte schuld an Allem . Die Kehle ! Er hatte eine Kehle ! Er hatte eine Kehle ! Lautlos wälzte sich eine Wolke die Straße entlang , und in der Wolke saß ein Fleischer mit einem ellenlangen Messer . Der Fleischer hatte ein Messer , aber keine Kehle dazu . Mein Freund hatte eine Kehle . Er hatte jetzt genug . Aber er hatte trotzdem kein Talent . Ich weiß das ganz genau . Er hatte ... Er hatte wieder zu viel getrunken . Er hatte ... Der große Kampf Ein Dualisticum Langsam fallen glühende Sonnen in die schwarze Nacht - und machen Alles hell . Und dann kommt der Erzengel Michael mit seinem langen Schwert . Mächtige Eisenmassen rasseln auf seiner Brust , die Beinschienen knacken , und die Armschienen platzen beinah - so schwellen dem Erzengel die Muskeln an . Und dann taucht aus dunklen Wolken der Kopf des Drachensatans heraus . Aber dessen Augen sind nicht leuchtend wie die des Michael ; des Drachensatans Augen sind so matt . » Ich hau ' Dich zu Brei ! « brüllt der Michael . Doch der Satan schüttelt den Kopf und sieht dem Engel traurig ins lachende Angesicht . » Dein Schwert ist zu kurz ! « erwidert der müde Satan . Michael funkelt mit den Augen , seine Stahlrüstung kreischt , und das lange Schwert blitzt durch die Wolken . Satan zieht den Kopf ein , und seine ungeheuere Körpermasse kommt zum Vorschein - Millionen weltendicke Schlangenarme winden sich aus den Wolken heraus . Michael schlägt zu und haut unzählige Schlangenarme ab - aber die abgeschlagenen Glieder verbinden sich wieder mit dem Drachenrumpf . Und des Erzengels Arm erlahmt . Da kommt des Satans Kopf wieder an die Oberfläche des Rumpfes und grinst den Engel an wie ein Totenschädel . Der Engel will zuschlagen , doch er kann das Schwert nicht mehr heben - seine Arme zittern . Und die Millionen dicker Schlangenarme umhalsen den eisernen Engel , so daß der schier erstickt wird . » Hör auf ! « schreit der Engel . Der Satan läßt nach , die weichen schlaffen dicken Schlangenarme lösen sich von dem Engel los . Und langsam sinkt der Drachensatan zurück . » Nächstens kämpfen wir wieder von Neuem ! « flüstert höhnisch der müde Teufel . Der Engel stöhnt und schwebt mit hängendem Kopfe davon ; nur ganz allmählich kehrt die Kraft in die zitternden Muskeln zurück . Bunte Wolken nehmen den Engel auf und erfrischen ihn . Langsam steigen starke Marmorsäulen in den Himmel empor . Die Säulen steigen immer höher und verschwinden zwischen den Sternen . Die Kummerlotte Die Morgensonne glühte in die Resedabüsche , die vor Lottens Dachfenster blühten . Und sie saß still vor ihrer Nähmaschine und machte ein trauriges Gesicht . Die Lotte war sonst immer so glücklich gewesen - früher , als sie so wenig Geld verdiente und so oft nur Häringe zu Mittag aß . Früher war sie eigentlich stets so recht lustig gewesen - so seelenvergnügt . Das war jetzt Alles so anders geworden . Seit drei Tagen war die Lotte die richtige Kummerlotte geworden . Wie kam das ? Die Nähmaschine stand seit drei Tagen still . Und das Unglück ? Wie sah ' s denn aus ? Oh - es sah merkwürdig gut aus - das Unglück . Andere Menschen hätten das Unglück ein großes Glück genannt . Die arme Lotte hatte geerbt - zweimal ! Zweimal geerbt in drei Tagen ! Von einem alten Großonkel hatte sie zehntausend Thaler geerbt - und von einer Kusine dreihundert Thaler . Das war das Unglück ! So sah Lottens » Unglück « aus ! Traurig schaute die Kummerlotte ihre Resedabüsche an - ihr traten ganz dicke Thränen in die Augen . Die Leute im Hause schüttelten den Kopf und meinten , bei dem guten Mädchen sei ' s da oben nicht ganz richtig . » Dumme Trine ! « riefen die beiden heiratsfähigen Töchter des Hauswirts . » Kummerlotte ! « riefen die Gassenjungen . Sie aber sagte nichts dazu , sie gab keine Erklärung - sie seufzte und schloß sich ein . Da saß sie nun am Fenster in der Morgensonne und grübelte . » Das Geld ist mein Unglück ! « flüsterte sie immer wieder . » So lange ich kein Geld hatte , « meinte sie so recht vergrämt , » war ich immer frisch und jung . Doch wie das Geld kam , war meine Jugend fort . Muß ich da nicht traurig sein ? Kann mir das Geld das traurige Gefühl ersticken ? Ach ja - es ist nicht angenehm , wenn man merkt , daß man alt geworden ist . Es kam so plötzlich - als ich nicht mehr arbeiten brauchte - und über alles nachdachte . « Sie nahm ihren Wandspiegel und betrachtete kummervoll ihr Gesicht ! Alt sah sie eigentlich noch nicht aus - und doch - sie fühlte , daß sie ' s war . Niemand verstand die Kummerlotte . Sie aber verstand sich . Und abermals sprang das Nilpferdchen auf , trampelte wild im schwarzen Felsensaale herum und hielt dann wieder eine Rede . » Onkelchen , « sagte es , » über die Vorteile , die die Armut bietet , ist schon so viel gesagt worden , daß es bald wirklich Not tut , die Vorzüge des Reichtums zu verteidigen und ein bißchen in Schutz zu nehmen ; die reichen Leute bedauern sich schon ein wenig zu viel ; so furchtbar schlimm ist der Reichtum doch auch nicht . Wenn die Verherrlichung der Armut so große Dimensionen annimmt , so brauchen wir uns nicht zu wundern , wenn sich schließlich die bedauernswerten Geldbesitzer zusammentun und sich gegen die protzenhafte . Alles unterdrückende Macht der armen Leute empören . Das gäbe dann eine nette Bescherung . Das wäre eine schöne Revolution . Wer die Verhältnisse in Europa so gut kennt wie ich , wird eine solche Revolution gar nicht für unmöglich halten . Das Ridiküle ist tatsächlich das Modernste . Manche Leute , denen das Verschleiern und Umdrehen zur Gewohnheit geworden ist , verdrehen die Dinge so lange - bis sie selber verdreht werden . Die Reichen sind wirklich auf das Glück der Armen viel neidischer als man glaubt - und demnach ist es wohl geboten , den Kurs der sozialen Poesie wieder etwas zu ändern . Doch davon brauchen wir eigentlich nicht so viel zu reden . Wichtiger ist Dein Teufel der Lebensmüdigkeit , der Gurgeln abschneidet und sich selber nichts abschneiden läßt . « Ich wollte wieder was sagen , doch das kleine Tier fuhr eifrig fort : » Bedenke , daß die einfache tierische Luft bloß ein einfacher Lebensreizer ist , der nur einfachen Lebewesen zum Weiterleben genügenden Anreiz verschafft . Wer nur ein bißchen höher hinaus will , wird durch die einfachen Lebensreizer - wie da sind : Schinken , Champagner , Chansonette , Leberwurst und Paprika - nicht am Leben erhalten . Der höhere wendet sich an Kunstspäße ernster Güte , an Philosophie und überirdische Herrlichkeit . Diese letzteren Dinge ziehen schon mehr an . Indessen - Rückfälle in die gewöhnliche Schinkenluft kommen immer wieder vor . Und wenn diese Rückfälle zu oft vorkommen , so wird der Weg zum höheren zu mühsam , und das arme Lebewesen steht dann zwischen zwei Bündeln und - verhungert beinahe . So ungefähr gelangt die Lebensmüdigkeit in unsre Erscheinungswelt ; das Eine genügt nicht , und das Andre ist nicht zu erreichen . Ich spreche , wie Du merken wirst , ganz wie Deinesgleichen , nicht wahr ? Na ja ! Nun muß man aber doch , wenn man ein bißchen vernünftig ist , zugeben , daß man nicht so ohne Weiteres zwei Herren dienen kann . Entweder - man steigt , so gut man kann , über die simplen Luftspäße hinweg in die höheren hinein - oder - ja ! da liegt der Hase im Pfeffer ! Wenn man mal angefangen hat , über das Simple hinüberzusteigen , so wird man im Simplen nie wieder die Befriedigung finden , die Hinz und Kunz darin zu finden vermögen . Ja ! Ja ! Die Mutter Natur hält es doch für gut , Leute , die was werden könnten , mit einer kleinen Zwangserziehung zu beglücken - und wenn ' s auch weh tun sollte . Was ist also die große Müdigkeit ? Sie entsteht , wenn man Spießerglück will - und doch zu Sternenglück erzogen werden soll . Es gibt auch höhere Wesen , die sich zu Gunsten noch höherer Lebensreizer auch das Sternenglück abgewöhnen müssen - u.s.w. - immer höher - mit Grazie ad infinitum ! Rede nicht . Onkelchen . Denke darüber nach . « Und ich tat ' s. Und dann wollte der Kleine wieder was lesen . Und ich fand gar nichts Rechtes ; mir genügten meine Sachen plötzlich nicht mehr , was mir sehr schmerzhaft war . Doch schließlich gab ich zögernd wiederum drei Sachen raus . Noahs Glück » Die Leute denken immer , « sagte Noah , als er seine Barke vollgepackt hatte , » ich hätte das Reisen so gern . Das ist aber gar nicht wahr . Es gefällt mir hier überall nicht - und daher reise ich - das ist die ganze Geschichte . « Mit diesen Worten stieg Noah in seine Barke . Diesmal war ' s eine Luftbarke . Und mit der Luftbarke fuhr er rasch in den freien Äther hinaus - an Mond und Sonne vorbei - in die große Sternenwelt . Und