May , Karl Im Reiche des silbernen Löwen III www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Karl May Im Reiche des silbernen Löwen 3. Band Erstes Kapitel In Basra Jedem Leser von » Tausend und eine Nacht « ist der Name Basra bekannt , weil die ebenso schöne wie kluge Erzählerin Scheherezade einen Teil ihrer Märchen in dieser einst hochberühmten Stadt spielen ließ . Basra , früher auch Bassora oder Balsora genannt , ist die älteste der am Euphrat und Tigris gelegenen Khalifenstädte und wurde im Jahre 636 von Omar gegründet , um den Persern die Verbindung mit dem Meere und so den Seeweg nach Indien abzuschneiden . Zu jener Zeit lag an der damaligen , jetzt vollständig vertrockneten Mündung des Flusses die alte Stadt Teredon oder Diridotis , welche wegen der Fruchtbarkeit ihrer Gegend Jahrhunderte lang von den Arabern zu den vier Paradiesen der Moslemin gerechnet wurde . Sie stand seit Nebukadnezar bis zur Zeit der macedonischen Diadochen in Blüte und ist auch uns besonders dadurch bekannt , daß Nearchos , der Jugendfreund Alexanders des Großen , im Herbste des Jahres 325 mit seiner Flotte vom Indusdelta herüberkam und hier in Teredon landete . Zwischen diesem Handelsplatze und Basra entstand ein Wettbewerb , aus welchem die damals noch junge Khalifenstadt als Siegerin hervorging ; Teredon verödete , meist wohl auch infolge der allmählichen , aber unaufhaltsamen Versandung des Flusses , während Basra als Stapelplatz der nach Bagdad bestimmten Waren zu solcher Bedeutung gelangte , daß der persische Golf das » Meer von Basra « genannt wurde . In einer wohlangebauten Gegend liegend und unter dem besondern Schutze der Khalifen stehend , kam diese Stadt nicht nur zu großem materiellen Reichtum , sondern auch zu hohem litterarischen Ruhme , weil die hervorragendsten Dichter und Gelehrten der moslemitischen Welt sich hier zusammenfanden , besonders nachdem Ibn Risaa , der Gefeierte , da eine der ersten Gelehrtenschulen gegründet hatte . Die geistige und geistliche Bedeutung dieser Akademie war eine so hohe , daß Basra durch sie den Ehrennamen Kubbet el Islam , Kuppel des Islam , erhielt . Diese Herrlichkeit war aber nicht von langer Dauer ; die Stadt ging an demselben Schicksale zu Grunde , welchem ihre einstige Rivalin Teredon erlegen war , der mit der Zeit unerbittlich fortschreitenden Austrocknung des Flusses , wozu sich auch höchst ungünstige politische Verhältnisse gesellten . Jetzt besteht die » Kuppel des Islam « nur aus zwischen Ruinen liegenden armen Hütten und ist , obgleich Ausgangspunkt der nach Arabien bestimmten Karawanen , fast bedeutungslos . Sogar den Namen hat es eingebüßt ; es wird jetzt Zobeïr genannt , nach einer kleinen Grabmoschee , welche auf der Stelle steht , wo der gleichnamige Parteigänger von Muhammeds Witwe Aïscha den Tod gefunden hat . Uebrigens ist das alte Basra auch dadurch interessant , daß Muhammed als Knabe seinen Oheim Abu Taleb auf einer Reise hierher begleitete und da mit einem christlichen Mönche Namens Dscherdschis ( Georgius ) zusammentraf , der sich viel mit ihm beschäftigte und dann den Onkel auf die geistigen Anlagen des Neffen aufmerksam machte . Wahrscheinlich ist hier die Wurzel zu den christlichen Anschauungen zu suchen , deren Blüten so oft im Kuran zu entdecken sind . Basra liegt jetzt ungefähr zwei Meilen nordöstlich von der alten Stadt . Wer etwa infolge von » Tausend und eine Nacht « in poetisch gehobener Stimmung ankommt , der sieht sich von einer so unpoetischen Misère umgeben , daß er schon in der ersten Stunde wünscht , den Schauplatz süßer Märchen so bald wie möglich wieder verlassen zu können . Zunächst liegt die Stadt leider nicht direkt am Flusse , sondern eine halbe Stunde davon an einem stagnierenden und darum übelriechenden Wasser . Der Ort bietet dem Auge des Besuchers nur die Zeichen des Verfalles ; er steht auf versumpftem Grunde , welcher gefährliche Miasmen erzeugt . Die jahraus , jahrein hier brütenden Fieber sind so berüchtigt , daß z.B. die Versetzung eines Beamten von Bagdad nach Basra für eine Verurteilung zum sichern Tode gehalten wird . Kein einheimischer Arzt kennt ein wirksames Mittel gegen diese Fieber , und da auch unsere Medizinen sich als machtlos erweisen , so kommt auch der Europäer nur , um schnell wieder zu gehen . Die Bevölkerung , noch in den zwanziger Jahren auf wenigstens sechzigtausend geschätzt , kann jetzt kaum den zehnten Teil davon betragen , und wenn es hier nicht den Kut-i-Frengi1 für die großen Seedampfer gäbe , welche den Handelsverkehr zwischen Mesopotamien und Indien vermitteln , so würde Basra an seiner jetzigen Stelle bald vergeblich zu suchen sein . Obgleich ich das alles sehr wohl wußte , war ich doch mit meinem Hadschi Halef hierhergekommen , um Alt-Basra zu besuchen und dann aber ja nicht zu verweilen , sondern über den Schatt el Arab und Qarun zu setzen und dann am Ufer des Dscherrahi oder auch Ab Ergun in die Berge zu reiten , durch deren Pässe dann ein Weg nach Schiras zu suchen war . Meine Leser wissen , daß ich früher schon einmal mit Halef in Basra gewesen bin2 . Wir hatten schon damals die Absicht , nach Persien zu gehen , waren aber auf die Pilgerstraße nach Mekka abgelenkt und dann ganz verhindert worden , diesen Vorsatz auszuführen . Was wir dabei in Alt-Basra erlebt hatten , war so interessant , daß wir jetzt diese Gegend nicht berühren wollten , ohne die Stätte wieder aufzusuchen . Heute waren wir von diesem Ritte zurückgekehrt und saßen nun unweit der Zollgebäude in dem Kahwe3 , welches neben dem Thore in der Mauer liegt . Wir hatten die Pferde in dem engen , schmutzigen Hofe stehen und warteten auf den Fährmann , der uns an das linke Ufer des Schatt el Arab bringen sollte . Der liebe Mann hatte uns abgewiesen und auf später vertröstet , weil er vorhin jemand hinübergerudert habe und sich nun erst einmal tüchtig ausruhen müsse . Dieser Zeitverlust um einer so albernen Ursache willen war ärgerlich , mußte aber ruhig hingenommen werden , da der Starrkopf unsern Einwand , daß wir selbst rudern wollten und er dabei ruhen könne , mit der Widerrede beantwortete , daß er seine Ruder nur für sich und nicht für andere Leute habe . Aber wie jede Verdrießlichkeit auch eine gute Seite hat , so sollte es sich auch in diesem Falle zeigen , daß die Verzögerung nicht ohne freundliche Folgen für uns sei . Ja , sie brachte uns eine Ueberraschung , wie wir sie uns größer und besser gar nicht hätten wünschen können . Ich muß bemerken , daß die Wände des Kaffeehauses grad so wie diejenigen der Zollgebäude aus geflochtenem Rohre bestanden . Es gab zwei Räume , einen größern und einen kleinern ; wir saßen ganz allein in dem letzteren und konnten durch die dünne , lückenreiche Scheidewand alles , was in dem ersteren vorging , sehen und auch alles deutlich hören , was gesprochen wurde . Bis jetzt waren einige Leute dagewesen , nun aber wieder gegangen . Der Wirt saß faul auf seinem Kissen , hatte die ausgegangene Tabakspfeife auf den Knieen liegen und sah schläfrig vor sich hin . Der junge Somali , welcher der Bedienung der Gäste obzuliegen hatte , war beschäftigt , die Tschibuks , die an der Wand hingen , einen nach dem andern herabzunehmen , um sie zu stopfen ; sie waren für die rauchlustigen Gäste bestimmt . Es war sehr still hier in den Räumen , auch draußen : nur zuweilen hörten wir einen lauten Kommandoruf , welcher auf dem Verdecke des englischen Dampfers erscholl , der gegen Abend die Anker lichten wollte , um nach Karatschi und Bombay zu gehen . Dann ertönte die begrüßende Stimme einer kräftigen Schiffspfeife . Es kam ein neuer Dampfer an , ob von oben herab oder von der See herauf , das wußten wir nicht , weil wir ihn nicht sehen konnten . Dieses Schiff brachte uns die Ueberraschung , welche ich vorhin erwähnte . Es waren seit dem Pfeifensignale kaum zehn Minuten vergangen , so hörten wir , daß ein neuer Gast in das Café trat . » Sallam ! « grüßte er kurz . » Sallam aaleïkum ! « antwortete der Wirt in müdem , gleichgültigem Tone . Wir hatten gar keinen Grund , uns um die Besucher dieses Hauses zu bekümmern , aber die Langeweile des Wartens veranlaßte uns , durch die Lücken der Scheidewand einen Blick auf den Eingetretenen zu werfen . Kaum hatten wir das gethan , so wollte Halef aufspringen ; er öffnete den Mund zu einem Ausrufe der Verwunderung ; ich aber bedeckte ihm die Lippen schnell mit der Hand , drückte ihn auf sein Sitzkissen nieder und raunte ihm zu : » Still , ganz still , Halef ! Das ist eine außerordentliche Begegnung ; auch ich freue mich so darüber , daß ich laut werden möchte , aber wir wollen warten ; er ist allein und ich möchte gern beobachten , wie er , der weder arabisch noch türkisch versteht , sich benehmen wird . « Der Mann , auf den sich diese meine Worte bezogen , war eine Person , die schon an jedem Orte des Abendlandes und wie viel mehr hier in diesem Winkel des Orientes die Aufmerksamkeit auf sich ziehen mußte . Seine Gestalt war überaus lang und knochig . Ein hoher , grauer Cylinderhut saß auf seinem schmal ausgezogenen Kopfe . Ein unendlich breiter , dünnlippiger Mund legte sich einer Nase quer in den Weg , die zwar scharf und lang genug war , aber dennoch die Absicht verriet , sich noch weiter , bis zum Kinn hinab , zu verlängern . Wenn ich dazu bemerke , daß diese Nase von den Spuren einer einst auf ihr gesessenen Aleppobeule verschönert wurde , so wird man wohl schon jetzt erraten , wer dieser Gast des Kaffeehauses war . Der bloße , dürre Hals ragte lang aus einem sehr breiten , umgelegten und tadellos geplätteten Hemdkragen hervor ; dann folgte ein graukarrierter Schlips , eine graukarrierte Weste , ein graukarrierter Rock , graukarrierte Beinkleider , graukarrierte Gamaschen und staubgraue Zugstiefeletten . Um seine Taille ging ein graukarrierter Gürtel , in welchem mehrere Revolver und Messer steckten . Von der einen Schulter bis zur andern Hüfte zog sich hinten und vorn eine schmale , graukarrierte Patronenkatze herab . Auf dem Rücken hing in einem graukarrierten Ueberzuge ein ungewöhnlich großes Gewehr , und in der Hand trug er ein kleineres , welches auch in einer graukarrierten Umhüllung steckte . Dieser graukarrierte Mann ging steif und würdevoll auf eines der an den Wänden liegenden Sitzkissen zu und bog die Kniee ein , um sich in orientalischer Weise mit untergeschlagenen Beinen auf dasselbe niederzulassen , verlor dabei aber aus Mangel an Uebung und Ueberfluß an Ungelenkigkeit das Gleichgewicht und kam mit weit ausgespreizten Beinen und einem kräftigen Plumpse derart auf das Kissen nieder , wie ein regelrechter Europäer regelrecht zu sitzen hat . » Thunder-storm ! « rief er , darob zornig , aus , besann sich aber sogleich eines Bessern und rief dem Somali in befehlendem Tone das eine Wort zu : » Tschibuk ! « Der ostafrikanische Jüngling nahm eine der Pfeifen , die er gestopft hatte , schob die Spitze in den Mund , legte ein Stück glühende Holzkohle auf den Tabak , sog den letzteren in Brand und reichte dann dem Fremden den Tschibuk mit einer graziösen Bewegung hin . » Chanzir4 ! « fuhr ihn dieser an und schlug ihm die Pfeife aus der Hand , daß sie dem Wirte vor die Füße flog . Dieser begriff den Grund dieses hier seltsamen Verhaltens und erklärte dem Nikotin-Ganymed : » Der Fremde ist ein Inglis , der den Tschibuk nicht aus deinem Maul haben will ; er brennt sich den Tabak selber an . « Infolge dieser Belehrung holte der Somali eine andere Pfeife und andere Kohle . Der Engländer griff zu und that einige Züge ; da machte seine Nase eine energische , sich sträubende Bewegung , worauf diese zweite Pfeife hin zur ersten flog . » Was ist ' s ? « fragte der Wirt . » Warum wirfst du auch diesen Tschibuk weg ? « » Duchan5 miserabel ! « antwortete der Gefragte . » Du sprichst vom Tabak , aber ich verstehe dich nicht . Was bedeutet das andere Wort ? « » Duchan battal ! « lautete nun der ganz arabische Bescheid . » Ich habe keinen bessern . Wenn es dir bei mir nicht schmeckt , so kannst du gehen ! « » Kahwe ! « befahl hierauf der Gast , der ruhig sitzen blieb . Der Somali ging zum stets brennenden Mangal6 , bereitete eine Tasse Kaffee und brachte sie ihm . Der Inglis roch daran , that versuchsweise einen kleinen Schluck , goß dann die Tasse aus und rief mit einer Gebärde des Abscheues : » Kahwe battal dschiddan7 ! « » Wenn er dir nicht schmeckt , so kannst du gehen ! « meinte der Wirt im orientalischen Gleichmute , fügte aber vorsichtig hinzu , » nachdem du vorher bezahlt hast ! « » Kaddaisch tamano8 ? « erkundigte sich der Engländer . » Ischrin kurusch - - zwanzig Piaster . « Das war eigentlich eine Prellerei und sollte eine Strafe für das beleidigende Verhalten des Gastes sein . Dieser zog gleichmütig ein Geldstück aus der Tasche und warf es hin ; der Somali hob es auf und brachte es dem Wirte . Als dieser Miene machte , herauszugeben , deutete der Engländer durch eine wegwerfende Handbewegung an , daß er nichts wiederhaben wolle . Den erstaunten Gesichtern der beiden andern war deutlich anzusehen , daß der zurückgewiesene Ueberschuß ein bedeutender war . Ich wunderte mich gar nicht über diese Generosität , die meinem alten , braven David Lindsay zur zweiten Natur geworden war . Lindsay - - da habe ich nun doch verraten , wer dieser graukarrierte Fremde war ! Ja , man denke sich mein und Halefs Erstaunen und unsere Freude , Lord Lindsay so unerwartet hier zu sehen ! Ich wußte , daß er jetzt jahrelang nicht in seinem Altengland gewesen war ; er hatte sich immerwährend auf Reisen befunden und mir vor vierzehn Monaten aus der Kapstadt den letzten Brief geschrieben . Wohin er sich von dort aus wenden wolle , hatte er nicht erwähnt . Nun kam er heut plötzlich hier hereingestiegen , ganz genau in demselben eigentümlichen Habitus , in welchem ich ihn damals in Maskat , und zwar auch in einem Kaffeehause9 , zum erstenmal gesehen hatte ! Und mehr noch als über diese Begegnung an sich , war ich über seine Sprache erstaunt . Wir waren damals so lange , lange Zeit durch die verschiedensten Gegenden des Orientes geritten und hatten hier und da so langen Halt gemacht , daß eine Anbequemung an die betreffenden Sprachen und Sitten doch eigentlich selbstverständlich gewesen wäre ; aber es war dem » veritablen Englishman « nicht einmal im Traume eingefallen , sich auch nur etwas von den Gewohnheiten und der Ausdrucksweise der Leute , mit denen wir zu verkehren hatten , anzueignen . Weil er Engländer war , glaubte er , in jeder Beziehung durchaus nur englisch sein zu müssen , und gab sich nicht die geringste Mühe , ein türkisches , arabisches , kurdisches oder persisches Wort im Gedächtnisse zu behalten . Daß er Deutsch verstand und sprach , wäre ein Wunder zu nennen gewesen , wenn ihm diese Kenntnis nicht schon während seiner Knabenzeit von einer deutschen Verwandten mütterlicherseits beigebracht worden wäre . Er hegte die unerschütterliche Ueberzeugung , sich selbst auf dem fernsten und unbekanntesten Erdenpunkte mit englischem Wesen und ausschließlich englischer Sprache leicht und mühelos bewegen zu können , und war der Ansicht , daß auch das geringste Abweichen von dieser Gepflogenheit eine Beleidigung seiner Nation bedeute . Diese Einseitigkeit war uns oft in hohem Grade unbequem geworden . Wenn man sich mit einem Begleiter , der die Sprache und die Sitten des Landes nicht kennt und versteht , unter fremden , vielleicht gar nur halb civilisierten Völkerschaften bewegt und dabei oft das Unglück hat , in gefährliche Lagen zu geraten , so versteht es sich ganz von selbst , daß die Anwesenheit eines solchen Gefährten , und wenn er sonst der beste Mensch der Erde wäre , nicht nur hinderlich und störend , sondern unter Umständen sogar verhängnisvoll werden kann . Das aber hatte Lindsay niemals einsehen wollen , und so kann man sich mein Erstaunen denken , als ich hier in Basra auf einmal hörte daß er plötzlich das Arabische nicht nur verstand , sondern es , freilich noch sehr fehlerhaft , auch sprach ! Er hatte sich jedenfalls jahrelang und zwar mit großem Fleiße mit dieser Sprache beschäftigt , und daß er das gethan und die darauf verwendete Mühe nicht für weggeworfen gehalten hatte , das war es , was mir an ihm vollständig fremd vorkam und mich mit Verwunderung erfüllte . Hierzu kam ein Umstand , welcher mich bewog , mich über diese seine mir so überraschende Sprachfertigkeit herzlich zu freuen : Wenn er mit uns nach Persien ritt , wo man sich ebensosehr der arabischen wie der Landessprache bedient , war es für uns , und besonders für mich , eine große Erleichterung , nicht jemanden bei uns zu haben , der aus Mangel an Sprachkenntnis keinen Eingeborenen verstehen konnte und dem ich also , wie das mit Lindsay früher ja der Fall gewesen war , jedes Gespräch zu übersetzen und alle nur einigermaßen wichtigen Vorkommnisse extra zu erklären hatte . Denn daß er mit uns reiten würde , das unterlag gar keinem Zweifel . Die Absichten , welche ihn hierher geführt hatten , und die von ihm getroffenen Dispositionen mochten sein , welche sie wollten , sobald er uns sah , ließ er alles andere liegen , um sich uns anzuschließen , davon war ich überzeugt . Er liebte das Ungewöhnliche , sogar die Gefahr , und hing mit einer so herzlichen , aufrichtigen Zuneigung an mir , daß er ganz gewiß alle seine jetzigen Reiselaunen fallen ließ , um bei uns sein zu können . Wenn ich aufrichtig sein will , muß ich sagen , daß von seiner Begleitung voraussichtlich gar manche Schwierigkeit für mich zu erwarten war , aber er besaß andererseits auch wieder sehr günstige Eigenschaften , durch welche diese - Fatalitäten will ich es nennen , mehr als ausgeglichen wurden . Er war ein sehr mutiger und außerordentlich kaltblütiger Mann und besaß Verbindungen , welche uns nur Vorteil bringen konnten . Dazu kam sein außerordentlicher Reichtum . Ich gehöre nicht , aber auch mit keinem einzigen Aederchen , zu jener Art von Menschen , welche gern jede Gelegenheit benützen , aus der Wohlhabenheit anderer Leute Vorteile zu ziehen , aber es ist doch auf alle Fälle angenehmer , einen Begleiter zu haben , dem jeder materielle Vorteil zur Verfügung steht , als einen , welcher den Pfennig dreimal umwenden muß , wenn er ihn auszugeben hat und ihn vielleicht auch dann noch wieder in die Tasche steckt . In dieser Beziehung hatten wir an Lindsay einen höchst schätzbaren Kameraden gehabt , dessen Noblesse für einen andern an meiner Stelle sehr wahrscheinlich eine gute Einnahmequelle gewesen wäre . Und schließlich war , um auch das nicht zu vergessen , seine Originalität für uns eine nie versiegende Quelle stiller Heiterkeit gewesen , und es durfte angenommen werden , daß wir nun wieder aus ihr schöpfen dürften . Wir sahen , daß er , obgleich der Wirt ihn schon zweimal zum Gehen aufgefordert hatte , in aller Behaglichkeit seinen Sitz behielt . Er schien über etwas nachzudenken , wahrscheinlich darüber , was er noch verlangen und aber auch verzehren könne , denn ihm , dem personifizierten Gentleman , war es fatal , in einem öffentlichen Lokale zu sitzen , ohne eine anständige Zeche machen zu können . Endlich war ihm ein Einfall gekommen : » Frank Kahwe ! « verlangte er . Unter Frank Kahwe oder Frank Kahwesi , fränkischem Kaffee , versteht man Schokolade . » Habe ich nicht , « antwortete der Wirt . » Kakao ! « » Ich weiß nicht , was das ist . « » Sherry ! « » Das verstehe ich nicht . « Da öffnete Lindsay den Mund zu einem sperrangelweiten Gähnen . Er fühlte sich dadurch , daß er nicht bekam , was er verlangte , gelangweilt , und seine Nase blickte tief in das jetzt unter ihr gähnende , mit kräftigen Zähnen umsäumte Loch , ob nicht doch vielleicht daraus ein Wunsch erscheinen werde , der zu erfüllen sei . Und da kam er auch : » Scherbet ! « erklang das erlösende Wort . Der Somali beeilte sich , das verlangte Zuckerwasser mit Fruchtsaft zu bringen , und bekam dafür ein so reichliches Bakschisch zugeworfen , daß sein Gesicht vor Freude glänzte und er sich durch eine dreimalige tiefe Verneigung bedankte . Lindsay hob das Getränk zum Munde und versuchte es ; es schien ihm zu schmecken , denn er that dann noch einen tiefen Zug . Indem er das Gefäß wieder absetzte , fiel sein Blick hinein . Da wurden seine Augen noch einmal so groß ; sein Gesicht nahm den Ausdruck des Entsetzens an , und seine Nase sträubte sich vor Schreck empor . » All devils ! « rief er aus , den Scherbet weit von sich streckend . » Da ist ja ein - - ein - - - ein - - - wie heißt snail auf arabisch ? « » Ich weiß wieder nicht , was du meinst , « antwortete der Wirt . » Ist etwas in dem Scherbet ? Zeig her ! Ich will sehen , was es ist . « Durch die Freigebigkeit Lindsays dienstwillig gemacht , sprang er auf , nahm ihm das Getränk aus der Hand und sah nun dasselbe , was der Englishman gesehen hatte . Ohne aber ebenso zu erschrecken , sagte er vielmehr im ruhigsten Tone : » Eine Bazzaka , eine ganz kleine Bazzaka10 , gar nicht viel länger als mein Mittelfinger nur ! Allah hat sie ebenso geschaffen , wie er uns geschaffen hat ; wer könnte sich da grauen ! Es wäre schade , jammerschade um die Süßigkeit . Ich werde dir einen andern Scherbet bringen lassen . « Er nahm die Schnecke heraus , warf sie fort , trank die Limonade bis auf den letzten Tropfen aus und setzte sich dann wieder auf seinen Platz . Als dann der Somali Ersatz brachte , deutete ihm Lindsay durch eine sehr entschiedene Handbewegung an , daß er das Zeug gar nicht sehen , am allerwenigsten aber trinken möge , worauf der braune Jüngling es für weltgeschichtlich notwendig hielt , das verschmähte Getränk sich in das eigene Gemüt zu dirigieren . Als er dies vollbracht hatte , trat er mit seinem nackten Fuße die Schnecke breit und zog sich dann triumphierend zu seinem Kaffeefeuer zurück . Lindsay aber machte ein Gesicht , als ob die Qualen aller an unheilbarem Weltschmerz leidenden Menschenkinder in sein Inneres eingezogen seien , und seine Nase , die bekanntlich mit ihren Regungen sich zu den Gefühlen ihres Herrn in steter Kongruenz befand , hing trauernd ihre aus Abscheu vor der Bazzaka ganz weiß gewordene Spitze nieder . Diese doppelte Betrübnis machte einen so tiefen Eindruck auf den Wirt , daß er den in seinem Innern vollständig aus dem Gleichgewichte gebrachten Gentleman fragte : » Ist dir etwa übel geworden ? Dann rate ich dir , einen Araki zu trinken . « » Araki ? « fuhr Lindsay auf . » Ja , einen Arak will ich haben , aber klein darf er nicht sein ! « » Er wird so groß sein , daß auch ich mit trinken kann . « » Ich danke ! Wenn du auch trinken willst , so laß einen für dich besonders kommen ! « » Auch so groß wie der deinige ? « » Ja . « Da ertönte die Stimme des somalischen Mundschenken : » Für mich auch einen ? « » Meinetwegen ! « » Auch grad so groß ? « » Ja ! « Da holte der Garçon die Branntweinkulle herein , goß drei ziemlich große irdene Näpfe voll und verteilte diese nach der ihm sehr geläufig scheinenden Regel , » mir einen , dir einen und ihm auch einen « . Lindsay war diesesmal so vorsichtig , dem Napfe bis auf den Grund zu sehen . Als er nichts Bazzakaähnliches entdeckte , nahm er einen Schluck , einen zweiten und sogar noch einen dritten . Seine Wangen glätteten sich ; das Herzeleid verschwand aus seinen vorher so tiefbetrübten Zügen , und seine Stimme hatte einen neubelebten Klang , als er lobend sagte : » Der Araki ist gut , sehr gut ! « Das war das Zeichen für die Nase , sich auch wieder aufzurichten und ihre Spitze in holder Farbe frisch erröten zu lassen . Als der Wirt dies sah , trank er seinen Napf verständnisinnig aus und befahl seinem Untergebenen , ihn wieder voll zu machen . Dieser kam dem Befehle augenblicklich und über Erwarten nach , indem er nach seinem Herrn auch sich zum zweitenmal bedachte . Lindsay bemerkte das mit zufriedenem Lächeln , obgleich er wohl wußte , daß er der Bezahlende sein werde . Er forderte die beiden auf , soviel zu trinken , wie in ihrem Belieben stehe . Vielleicht hegte er die rachsüchtige Absicht , sie für die Schnecke in einen ganz unmuselmännischen Rausch zu versetzen . Der Wirt , welcher die Wirkungen des Raki eingehend studiert zu haben schien , fühlte sich durch die Güte seines Gastes zu der vertraulichen Mitteilung veranlaßt : » Du bist ein Inglis und kennst also die Gesetze des Islam nicht . Vielleicht weißt du aber , daß uns der Genuß des Weines verboten ist . Doch Raki ist kein Wein . Raki ist ein Mah es Ssahha11 , und daher pflegt man ihn zum steten Wohle des Gebers auszutrinken . Erlaube also , daß ich sage : Sirreh mahabbehtak - auf deine Gesundheit ! « » Sirreh mahabbehtak ! « beeilte sich der Somali auch zu sagen und dabei seinen Napf ebenso zu leeren , wie der Kaffeewirt den seinigen . Dann wurden beide wieder gefüllt . Diese zwei Moslemin hatten Gurgeln wie irländische Vollmatrosen ! Ich mag den Branntwein nicht leiden , und diese hastige Art des Trinkens erst recht nicht , doch wurde , wie sich später herausstellte , dieser Raki nicht nur zu Lindsays , sondern auch zu unserm wirklichen Wohle getrunken . Dabei unterhielt sich der Englishman , welcher jetzt nur zuweilen nippte , ganz ausgezeichnet mit den beiden Trinkern . Er blieb auch im Arabischen , wie er es in seiner Muttersprache gewohnt war , bei seiner eigenartigen , kurz abgerissenen Sprachweise ; sie aber wurden je länger , desto redseliger und erzählten ihm eine Menge Dinge , die ihn gar nicht interessieren konnten ; er hörte ihnen aber , wohl des Sprachstudiums wegen , ganz bereitwillig zu . Im Laufe des Gespräches wurden auch die in der Nähe stehenden Zollgebäude und die in ihnen beschäftigten Beamten erwähnt ; dies führte die Rede auf die Steuern , den Zoll und schließlich auch auf den Schmuggel . Die Pascherei ist wohl für jedermann ein interessanter Gesprächsgegenstand ; darum wurde Lindsay jetzt noch aufmerksamer , als er vorher gewesen war . Der Wirt bemerkte das und erzählte ihm , durch den Raki unvorsichtig gemacht , verschiedene Heimlichkeiten , aus denen hervorging , daß er über dieses verbotene Gewerbe mehr wußte , als er eigentlich sagen durfte . Auf den Somali hatte der Branntwein einschläfernd gewirkt ; der Wirt aber war lebhaft geworden ; er rühmte sich , sehr viel sagen und offenbaren zu können , wenn er nur wolle , und fügte sogar , die Hand ausstreckend , hinzu : » Sieh diesen Ring an meinem Finger ! Er ist stumm ; aber wenn er einen Mund hätte , könnte er dir Geheimnisse mitteilen , von denen du gar keine Ahnung hast ! « Es versteht sich von selbst , daß ich bei der Erwähnung des Ringes Ohr war . Sollte es ein Ring der Sillan sein ? Ich hatte nicht auf die Hände dieses Mannes geachtet . Auch Halef hörte mit großer Spannung zu . Er schob sich , damit ihm ja kein Wort entgehen möge , so nahe an die Flechtwand , daß sie sich laut knisternd bewegte . Lindsay bemerkte das und fragte den Wirt : » Ist jemand da draußen ? Ich höre ein Geräusch . « » Allah ' l Allah ! « antwortete der Kawehdschi . » Es sind zwei fremde Männer draußen , welche Kaffee trinken ; das hatte ich ganz vergessen . Ihre Pferde stehen im Hofe , so kostbare Pferde , wie ich noch keine gesehen habe . « » Aber doch nicht Radschi Pack12 ? « » Echtes Radschi Pack ! Willst du sie vielleicht sehen ? « » Sehr gern . « » So will ich sie dir zeigen . Komm ! « Sie standen auf und gingen hinaus . Ein solcher Pferdeliebhaber , wie David Lindsay war , ließ sich den Anblick echter Araber sicher nicht entgehen ! » Sihdi , was sagst du zu diesem großen Wunder ? « fragte jetzt Halef . » Unser Inglis ist da ! Was für Augen wird der machen , wenn er uns erblickt ! « Noch ehe ich antworten konnte , ertönte von der Thür her Lindsays erregte Stimme : » Ich muß die Männer sehen , unbedingt sehen ! Den einen Sattel kenne ich