Duncker , Dora Großstadt www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Dora Duncker Großstadt In einem geräumigen Zimmer , dessen Einrichtung so einfach war , dass sie beinahe an Armut grenzte , sassen zwei junge Mädchen in tiefer Trauerkleidung und ein Mann , der die Höhe der Sechzig erreicht haben mochte , um einen runden , mit einer blau und rot gewürfelten Decke bedeckten Tisch . Von draussen schlug in kurzen Absätzen ein stössiger Nordost gegen die Fensterscheiben . Am Himmel zogen graue , schwere Wolken einher und verdunkelten auf Augenblicke das kahle , unfreundliche Gemach . Man konnte dann nur noch die bleichen Gesichter der beiden Mädchen und die auf dem Fussboden verstreuten Blütenblätter von weissen Astern und hellfarbigen Rosen deutlich unterscheiden . Ein widerlicher Geruch von Karbol , Räucheressenzen , Cichorienkaffee und toten Blumen durchzog den Raum . Eine zeitlang war es ganz still zwischen den Dreien . Nur ab und zu klirrte ein Kaffeelöffel gegen eine der Tassen auf dem Tisch , vornehmlich von dem breiten geblümten Sofa her , auf dem in gebückter Haltung der Mann - eine starkknochige , breitschultrige Gestalt - sass . Als er jetzt mit der Hand ungeschickt gegen die dickbauchige Kaffeekanne stiess und beinahe den ganzen starkduftenden Trank verschüttet hätte , rief er ungeduldig die beiden ihm gegenübersitzenden Mädchen an . » Bring ' doch endlich eine von Euch Licht , man sieht ja nicht die Hand vor Augen mehr . « Die schlankere und schmächtigere der beiden Mädchen war sofort aufgesprungen und kam nach einigen Augenblicken mit einer brennenden Lampe wieder , die sie in der einen Hand trug , während die andere sich schützend über die rotverweinten Augen legte . Auch die im Zimmer verbliebene Schwester beschattete ihr Gesicht vorerst gegen den grell einfallenden Lichtschein . Nachdem das Mädchen die Lampe auf das rotgewürfelte Tischtuch gestellt hatte , schloss sie sorgfältig die Fensterladen , durch deren herzförmige Ausschnitte jetzt kaum noch ein fahler Tagesschein drang , so schnell hatte die Dunkelheit zugenommen . Auch der Wind war stärker geworden . Heulend pfiff er gegen die Hauswand und wieder zurück , als ob er sich erbose , da einen Widerstand zu finden . Als das junge schmächtige Mädchen mit ihrer Verrichtung am Fenster fertig war und sich dem Tische wieder zuwandte , standen ihr die Thränen in den Augen . » Welch ' eine Nacht für Mutter da draussen , « stiess sie halblaut , selbst wie vom Frost geschüttelt , hervor . Die jüngere Schwester , kleiner und rundlicher wie sie , drückte ihr die Hand . Auch in ihren Augen standen Thränen . » Grässlich , Lotte , solch ' eine erste Nacht auf dem Kirchhof . « Der Mann auf dem Sofa überhörte absichtlich die halblaute , ruckweise geführte Unterhaltung zwischen seinen Töchtern . Er rührte in seiner Kaffeetasse und warf dabei einen halben , verlangenden Blick auf den Pfeifenständer an der Wand , sich gegenüber . Nee , nee , das würd ' ja wohl doch nichts werden . So an Mutters Begräbnistag ging das nicht wohl an . - Mit einem langen Zuge leerte er den Kaffeerest aus seiner grossen Tasse , schob mit dem Rücken der Hand Brodkrumen und Gerätschaften bei Seite und sah dann mit einem halb mitleidigen , halb genierten Blick zu seinen beiden stumm dasitzenden Töchtern hinüber . » Ihr wolltet ja was mit mir bereden , Kinder . Na , denn man los und lasst die Köpfe nicht so miesepetrig hängen , wie ein paar kranke Gäule . Mutter war doch nu mal nicht zu helfen . Ein Wunder , dass wir sie so lange behalten haben . Nu hilft ' s mal nichts , nu müssen wir eben ohne sie fertig zu werden suchen . Was wollt Ihr also ? « Lotte , die ältere und schlankere von beiden , hatte ihr Taschentuch hervorgezogen und schluchzte , keines Wortes mächtig , leise hinein . Die andere , Lena , versuchte ihre Schwester zu trösten . Als sie sah , dass ihre Bemühungen nicht den geringsten Erfolg hatten , wandte sie sich zu ihrem Vater hinüber . » Wir wollten mit Dir darüber sprechen , Vater , dass Lotte und ich , wo wir nun hier nicht mehr nötig sind , unseren alten Plan wieder aufnehmen und nach Berlin ziehen wollen . Onkel Karl ist ja soweit auch ganz dafür , und er meinte , Dir würd ' s auch recht sein , wenn wir uns nun endlich selbstständig machten . Es sei doch auch mehr als notwendig , und hier in dem Nest nichts für uns zu holen . « » Hm . Und wie dachtet Ihr Euch das ? Du wirst Dir das ja doch wohl mit Onkel Karl schon alles gründlich ausklabautert haben , Lena ? « » Ja , Onkel meinte - er wird ja auch noch selbst mit Dir reden - das beste wäre , wir gingen so schnell als möglich , damit hier nicht erst noch viel draufgeht . Es ist ja jetzt bald Ende September . Die Wohnung wirst Du vielleicht noch zum 1. Oktober los , und wir haben gerade jetzt zum Quartal doch die beste Chance für Berlin . « » Das klingt ja alles sehr schön , aber was denkt Ihr , was aus mir werden soll , hm ? « » Du hast ja doch Deine Gnadenpension , Vater - und wenn Du uns los bist , dann kostet Dich doch das Leben nicht mehr viel . Wenn wir erst verdienen , schicken wir Dir ja auch gern dazu , Vater , und so ein einzelnes Zimmer , vielleicht bei Karsten in der Färbergasse , wo Du immer so gern im Garten sitzest , das kann ja doch auch die Welt nicht kosten . « » Na , das ist doch wenigstens nett von Dir , Lena , dass Du bei diesem ganzen Plan auch ein bischen an Deinen alten Vater gedacht hast . Wahrhaftig , das freut mich . Geh ' , hol ' mir einen Korn aus dem Schrank . Ich muss ' n Schluck für den Magen haben . Ganz schwubbrig ist mir geworden bei dem Gedanken , dass ich nun hier allein sollte sitzen bleiben in den kahlen vier Wänden , - aber bei Karsten , dass ist nicht übel - danke - kannst mir gleich noch einen geben , Lena . War das heut ' ein Tag ! - Karsten ist ein honoriger Mensch , und wird mich gut halten gegen eine kleine Vergütung , und dann , wenn Ihr erst verdient - - Und was meinst Du , Lena , wenn ich mal zum Herrn Oberamtmann nach Klockow rausführe ? Vielleicht legt er noch ' ne Kleinigkeit drauf , wenn ich ihm sage , dass ich nun ganz allein stehe auf der Welt , und die Alte tot , und meine Mädchen mich verlassen haben - schenk ' mir noch einen ein , Lena - am Ende bin ich doch im Oberamtmann seinem Dienst invalide geworden . « » Ja , das thu ' Du man , Vater , thu ' Du man was für Dich , « warf jetzt Lotte mit thränenverschleierter Stimme ein . » Der Herr Oberamtmann ist ein guter Mensch ! « » Das wäre nun ich , wenigstens so ungefähr , und nu kommt Ihr d ' ran . Wie habt Ihr Euch das mit Berlin denn gedacht ? « » Ich geh ' doch zur Telephonie , Vater . Das weisst Du ja längst . « » Ist denn die Wartezeit schon um , Lena ? « » Noch nicht , aber in ein paar Wochen , derweile helfe ich Lotte sich etablieren . « » Lotte sich etablieren ? ! « Nur mit Mühe verhielt der Alte ein lautes Lachen . Um es herunterzuwürgen , schenkte er sich den vierten Korn ein . » Als was will sich Lotte denn etablieren ? « » Sie will weiter Putz machen , Vater ; hat doch hier schon ganz nett verdient , unsere Lotte , « warf Lena ein und zog die ältere Schwester protegierend an sich . » Zum Etablieren gehört aber doch vor allen Dingen Geld und nochmal Geld , « und der Alte sah seine Töchter mit einer Art melancholisch-humoristischem Zwinkern von der Seite an . Lotte wurde über und über rot . » Ich denke , Vater - Lena meint - Onkel Karl sagt - « » Unser mütterliches Erbteil müsstest Du uns natürlich auszahlen , Vater . So steht ' s im Testament , und so ist ' s auch in der Ordnung « , platzte Lena heraus . Der Alte schlug auf den Tisch , dass Flasche , Glas und Tassen zusammenklirrten . » I sieh mal einer an , wie klug die Mädchen heutzutage sind . Ja freilich , wenn ' s im Testament steht - « Und wieder zwinkerte er mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu ihnen hinüber . » So , und nun weisst Du , Vater , wie wir ' s meinen , und nun kannst Du ja überlegen , ob Dir ' s so recht ist . « Und dabei stand Lena auf und zog ihre Schwester mit in die Höhe . » Komm Lotte , Du musst jetzt ein bischen ausruh ' n. « Die Mädchen waren noch nicht bis zur Thür gelangt , als vom Flur her die Klingel anschlug . » Wer kann denn da noch kommen ? heut ' am Begräbnistage , und so spät - « Lena ging schnell hinaus , um zu öffnen , und kehrte in Begleitung eines jungen Mannes zurück , der in verlegener Haltung eintrat . Der Alte auf dem Sofa hatte sich schwerfällig nach der Thür umgewandt . Als er den jungen Mann bemerkte , legte sich ein breites , gemütliches Lächeln über sein Gesicht . » Franz ! So , so ! Na , das ist ja ' mal nett , mein Jung ' , dass Du Dich noch ein bischen seh ' n lässt , an so ' n schlimmen Tag . Na setz ' Dich man . Trinkst ' n Korn mit , Franz ? « Der junge Mann , eine hübsche , kräftige Erscheinung , blickte unschlüssig von den beiden Mädchen zu dem Alten auf dem Sofa zurück . Lotte hatte sich abgewandt , aber Lena nickte ihm ermutigend zu . » Ich will nicht lange aufhalten , Herr Inspektor . Ich wollte nur fragen , ob der Herr Inspektor oder die jungen Damen etwas für mich hätten . In solchen Zeiten - Aber am Ende störe ich doch nur - « » Na zum Kuckuck , Mädchen , könnt Ihr denn den Mund . nicht aufthun und Franz Krieger zum Bleiben nötigen ? Thut ja gerade , als ob uns ein wildfremder Mensch ins Haus gefallen wäre . « Jetzt trat Lena auf den jungen Mann zu . » Das versteht sich doch von selbst , dass Du hier bleibst , Franz , wenn Du magst . « Franz Krieger sah mit einem fragenden Blick zu Lotte hinüber . Die aber stand in so müder , niedergeschlagener Haltung da , dass Franz sich mit einem leisen Seufzer zu Lena zurückwandte . » Na , wenn ' s recht ist , bleibe ich auf ein Stündchen . « Der Inspektor schob ihm die Kornflasche zu . » Ein Glas , Lena . Allemal der Bienvenu , mein lieber Franz - . Ihr braucht Euch nicht zu genieren , Mädels - wenn Lotte ausruhen will - « Die Mädchen gingen mit einem kurzen Kopfnicken zur Thür hinaus . Franz sah ihnen nach und sprach eine ganze Weile gar nichts . Dann schenkte er das vor ihm stehende Glas voll , blickte hinein und sagte : » Ja , ja . Die Frau Inspektor , das war ' ne Frau . Die armen Mädchen haben viel verloren . « Der Alte trommelte erst eine ganze Weile auf den Tisch , ehe er sich entschloss , eine Antwort zu geben . » Hm , ja - besonders die Lotte wird ' s schwer haben . Sie ist Mutters Ebenbild . Auch so ' ne weiche , anschmiegsame Natur , die gleich die Flügel hängen lässt . Lena wird eher d ' rüber wegkommen . Die lässt sich so leicht nicht unterkriegen oder die Butter vom Brod nehmen . Na , was sagst Du denn dazu , Franz , dass die beiden nach Berlin wollen ? « Dem Angeredeten schoss das Blut ins Gesicht . Er brauchte eine ganze Weile , bevor er antworten konnte . » Also soll es wirklich Ernst werden ? Sie dürfen das nicht leiden , Herr Inspektor . « » Leiden ? Papperlapapp . Wenn der Knüppel beim Hund liegt . « » Ist es so lange gegangen , Herr Inspektor , na , dann wird ' s ja wohl auch noch ein Weilchen weiter geh ' n. Und zwei so hübsche Mädchen wie Lotte und Lena - « Der Inspektor lachte laut auf . Dann brummte er etwas in seinen martialischen Schnauzbart , das wohl eine Art Reuebekenntnis für sein heute so überaus unpassendes Lachen bedeuten sollte . » Du denkst wohl gar an ' n Mann , Franz ? Arme Mädchen kriegen heutzutage nicht so leicht einen . Zu meiner Zeit war das was anderes . Als ich meine Luise nahm , hatte die keinen roten Dreier in der Tasche . Die 1500 Mark , die die Mädchen von ihr kriegen , hat sie sich in der Ehe zusammengespart mit ihrem privaten Gemüse- und Obsthandel , als wir noch draussen in Klockow waren . Die hat sie ja denn auch trotz Krankheit und Not bis zum Letzten festgehalten . Aber heute - pfui Deibel - nee - « und der Inspektor spuckte in weitem Bogen auf die Diele . Franz Krieger rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her . Er schien im Begriff , eine von der Behauptung des Inspektors weit abweichende Bemerkung zu machen , als der Alte das Wort schon wieder beim Wickel hatte und mit einem gehörigen Sprunge auf eine früher gefallene Bemerkung zurückkam . » Und was Du da von so lange gegangen sein sagst , das stimmt auch nicht , mein Jung ' . Es ist eben gar nicht gegangen . So lange Mutter lebte , - und du lieber Gott , wie hat der arme Wurm die letzten Jahre gelebt , - war kein Gedanke , dass die Mädchen aus dem Hause konnten . Das weisst Du ja selber , Franz . Alles wäre drunter und drüber , und meine Alte vor der Zeit daran kaput gegangen . Nu aber ist es höchste Zeit , dass der Hausstand hier aufgelöst wird und Jeder seine Wege geht . Ich hab ' mich man blos ein bischen falsch gestellt , vorher , als die Mädchen davon anfingen . Im Grunde haben sie tausendmal recht , und froh will ich sein , wenn ich den ganzen Krempel erst los bin und in Karsten seinem Garten in Frieden meine Pfeife rauchen kann - « Und der Inspektor warf wiederum einen sehnsüchtigen Blick auf die metallbeschlagenen Pfeifenköpfe an der Wand , die von dem Reflexlicht der Lampe hell beleuchtet , verlockend zu ihm herüberglänzten . Franz Krieger war während dieser endlosen Rede noch unruhiger als zuvor auf seinem Stuhle hin- und hergerückt . Tausend Einwände hatte er auf dem Herzen . Würde der egoistische , eigensinnige alte Mann gewillt sein , auch nur einige davon ruhig anzuhören ? In seiner Unschlüssigkeit nahm Franz nun doch das so lang verschmähte Branntweinglas an die Lippen und trank es mit einem Zuge leer . Dann , nach einem tiefen Atemzuge fasste er sich ein Herz . » Ihre Pfeife im Garten bei Karsten rauchen - das könnten Sie ja doch wohl auch , Herr Inspektor , ohne dass die jungen Mädchen dazu nach Berlin müssten , wenigstens - Lottchen nicht . Die hat doch hier mit ihrer Putzmacherei früher schon , als die Mutter noch besser war , ganz nett verdient - und - wenn der Hausstand hier durchaus aufgelöst werden soll - meine Mutter , Herr Inspektor , die würde Lottchen gleich zu sich nehmen - « Der Alte sah ihn beinahe mitleidig an : » Nee Franz , mein Jung ' , die Vorschläge , die lass Du man sein - damit wirst Du kein Glück haben - die Mädchen trennen sich nicht - . Und warum sollen sie denn nicht auch ihr Heil in Berlin versuchen , wie so viele andere - « » Und dabei vielleicht zu Grunde gehen , wie so viele andere , « murmelte Krieger vor sich hin . Laut sagte er nur : » Welche Garantien haben Sie denn , Herr Inspektor , dass es Ihren Töchtern glückt ? Berlin ist ein heisser Boden und viel gehört dazu , sich da durchzubringen . Die Konkurrenz ist gross in jeder Branche , und die Gefahren nicht minder für junge alleinstehende Mädchen , die keinen , aber auch gar keinen Anhalt haben . Fortwährend fordert die Grossstadt ihre Opfer . Sollte es denn keine Mittel geben , Ihre Töchter davor zu bewahren , dass sie vielleicht auch , über kurz oder lang , zu diesen Opfern gehören ? « Der Inspektor hatte dem jungen Mann zuerst mit staunender Verwunderung zugehört . Zu einer so langen Rede hatte Franz Krieger sich nach des Alten Wissen noch niemals aufgeschwungen und zu einer , des Alten Meinung nach » so höllschen gebildeten « , erst recht nicht . Dann aber war er ungeduldig geworden und schlug zuletzt heftig mit der Faust auf den Tisch . » Kotz schock Krieger , was soll denn das bedeuten ? Lass Du das Flaumachen sein , das rat ' ich Dir ! Die Lena ist ein ganzer Kerl , die wird die Lotte schon ins Schlepptau nehmen , und dann - was die Gefahr betrifft , na hör ' mal Jung ' , das ist denn doch ein bischen starker Tobak . Meine Mädchen sind ordentlich und rechtschaffen erzogen und für solche Mädchen giebts keine Gefahr . Und nun aus und basta ! « Franz Krieger hatte sich erhoben und war im Begriff , sich zu verabschieden , als der Inspektor einlenkte . » Nee , so wars nicht gemeint . Bleib Du man ruhig sitzen und erzähl ' mir auch ein bischen was . Die Kinder werden ja nun wohl auch gleich zurückkommen , wenn Lotte wieder ein bischen bei Wege ist . Dann isst Du ein Butterbrod mit uns . Essen muss ja der Mensch am Ende auch an solchem Tag . Aber von der Berliner Geschichte fang Du mir nicht wieder an , das rat ' ich Dir . « Und dabei schlug der Alte seinem Gast auf die Schulter , dass es klatschte . Wirklich kamen Lotte und Lena jetzt zurück , Lotte sehr blass , aber nicht mehr mit ganz so verschwollenen Augen . Sie setzte sich zwischen ihren Vater und ihre Schwester an den runden Tisch und blickte , ohne sich an der Unterhaltung zu beteiligen , nur manchmal stumm und nachdenklich zu Krieger hinüber , der jetzt auf des Inspektors Aufforderung vom Geschäft zu erzählen begann . » Na , wie ' s scheint , macht sich die Sache , mein Jung ' . « » Ueber Erwarten gut , Herr Inspektor . « » Bist auch ein ordentlicher Mensch , Krieger . « Der junge Mann antwortete nicht gleich , sondern sah zu Lotte hinüber , ob sie des Vaters Bemerkung mit Miene oder Blick bestätigen würde . Als sie statt nach ihm , mit vollkommen abwesenden Blicken in irgend einen Winkel starrte , meinte er schüchtern : » Das Verdienst daran ist nicht gross , Herr Inspektor . Essen und trinken müssen die Leute am Ende immer , wie Sie eben selbst behaupteten . Na , und dann ist gerade in Kolonialartikeln die Konkurrenz hier am Platz nicht gross . Wenn es sich so weiter macht , hoffe ich in zwei Jahren meiner Mutter das Kapital herauszahlen zu können , das sie mir zuliebe hineingesteckt hat . Dann bin ich die Schulden los und mein eigener Herr . « Wieder sah er nach Lotte hinüber und wieder ohne jeden Erfolg . Dagegen nickte Lena ihm freundlich zu , und der Inspektor schmunzelte und schlug ihm bedeutungsvoll abermals klatschend auf die Schulter . Dann kam , wie zu erwarten gewesen , die Rede noch einmal auf Berlin . Jetzt wurde sogar Lotte gesprächig , und bald war es Franz Krieger völlig klar , dass er bei den beiden zunächst Beteiligten ebenso wenig gegen den Berliner Plan ausrichten würde , als es kurz zuvor bei dem Alten der Fall gewesen war . Beide Mädchen waren völlig eingenommen von ihrem künftigen Beruf und dem neuen Leben , das sie sich zu schaffen im Begriff standen . So zartfühlend sie es auch vor dem Vater zu verbergen trachteten , Franz fühlte es doch heraus , dass ihnen der Boden unter den Füssen brannte und sie fort begehrten aus dem kleinen Nest und den engen Verhältnissen mit all ' jener gebieterischen Energie , die nur erfahrungslose , blind hoffende Jugend giebt . Er überzeugte sich in dieser Stunde davon , dass ihm nichts übrig blieb , als sich zu fügen . Berlin lag nicht aus der Welt . In kaum vier Stunden war es zu erreichen . Er würde die beiden jungen Mädchen ja mit Gottes Hilfe nicht ganz aus den Augen verlieren . Auch die zwei Jahre , bis er als vollkommen selbständiger Mann dastand , würden vorübergehen und dann , ja dann würde vielleicht alles anders und besser werden . Als es neun Uhr schlug , empfahl er sich mit einem fragenden besorgten Blick auf Lottchen . Sie war im Laufe des Abends immer bleicher , immer gedankenabwesender geworden . Aber es gelang ihm nicht , ihr ein gutes , tröstendes Wort zu sagen . Sie bemerkte es nicht einmal , wie sehr ihn danach verlangte . Nachdem der Tisch abgeräumt worden , suchten auch die Schwestern und der Inspektor ihre Schlafkammern auf , und zum ersten Mal seit der Todeskrankheit der Mutter hörten die Mädchen den Stelzfuss des Vaters nicht noch stundenlang über die Diele stapfen . Eine grosse Beruhigung schien über ihn gekommen zu sein , seitdem die nächsten Zukunftspläne festgestellt worden waren . Lena schlief ein , kaum dass sie unter die Decke geschlüpft war , Lotte hörte es noch zwölf schlagen , ehe sie in einen tiefen Schlaf verfiel . Ihr träumte , sie habe ein prachtvolles Hutgeschäft in Berlin etabliert . In langen Reihen lagen die Hüte aufgeschichtet da , nach der neuesten Mode reich mit bunten , vielfarbigen Blumen garniert . Als sie aber näher zusah , waren es die Kränze auf ihrer Mutter frischem Grabe . Und am Kopfende des Grabes stand Franz Krieger in der Amtstracht des Pastor Schmidt . Gleich dem Pastor heute Morgen , hielt auch Franz die Hände über dem Grabe erhoben , aber nicht in segnender Bewegung , sondern beschwörend und warnend . - Vierzehn Tage später war alles geordnet . Der bescheidene Hausrat war unter Aufsicht Onkel Karls verkauft worden , bis auf ein paar Möbelstücke , die der Inspektor bei Karsten eingestellt hatte und das kleine Eigentum der Mädchen , das nach Berlin vorangeschickt worden war . Lotte und Lena hatten ihr mütterliches Erbteil ausgezahlt erhalten und ihr bischen Kleidung zusammengepackt . Bei den wenigen bekannten Familien - Lotte hatte dabei auch ihre Kundschaft nicht vergessen - waren Abschiedsbesuche gemacht worden , und während an einem der ersten Oktobertage der Inspektor , die Pfeife im Munde , sich gemütlich in Karstens Garten in der Sonne dehnte , froh , die » ganze Schererei « los zu sein , dampften Lotte und Lena , fröhlicher Zukunftshoffnungen voll , der neuen Heimat entgegen . Onkel Karl war tags zuvor in entgegengesetzter Richtung in seine Heimat zurückgefahren . Nur seinen Nichten zuliebe hatte er es so lange in dem kleinen Nest und bei seinem schrulligen Schwager ausgehalten . Lotte und Lena hatten nur eine einzige gute Bekannte in Berlin , Marie Weber , eine Schulfreundin Lenas . Sie wurde von Lena ausserordentlich bewundert , da sie schon seit einem Jahre als Telephonistin angestellt war . Es traf sich sehr glücklich , dass Fräulein Weber bei Ankunft der Schwestern gerade dienstfrei war . Sie konnte die Landsmänninnen an der Bahn empfangen und gleich zu dem bescheidenen Hôtel garni führen , in dem sie selbst bei ihrer ersten Ankunft in Berlin abgestiegen war . So weit es ihre Zeit erlaubte , stand sie auch sonst den Schwestern während der ersten Tage rührig zur Seite und veranlasste auch Lena dazu , sich unverzüglich noch einmal bei der Ober-Postdirektion zu melden . Vor allem aber musste so schnell als möglich eine passende kleine Wohnung gefunden werden , damit Lotte keine Zeit verlor . Von rechtswegen , behauptete Fräulein Weber , hätte sie schon Anfang September ihr Geschäft eröffnen müssen , wollte sie auf einen Saisonerfolg rechnen . - Lotte aber liess sich durch diese Behauptung nicht einschüchtern . Mit rastlosem Fleiss gedachte sie das Versäumte nachzuholen , sobald sie nur erst ein Arbeitsstübchen hatte und über die Bezugsquellen genügend orientiert war . Mit der Kundschaft , hoffte sie , würde sich ' s dann schon machen . Hatte sie doch zu Haus , so lange es mit der Mutter noch leidlich gegangen war , einen ganz respektablen Kundenkreis gehabt . Zu ihrer grossen Genugthuung hatte Lotte auch hier das Handgeld sozusagen in der Tasche . Marie Weber hatte bereits einen Winterhut bei ihr bestellt . Allerneueste Mode im Preise von zehn Mark . Wenn der Hut schön würde und sie recht gut kleidete , hatte die Telephonistin versprochen , unter ihren Kolleginnen für Lottes Hüte Propaganda zu machen . Während Lottes schlichter Sinn sich nur auf das nächste Notwendige richtete , war Lena förmlich berauscht von Berlin , das sie bisher nur einmal flüchtig besucht hatte . Ganz gegen ihre sonstige praktische Gewohnheit brachte sie ganze Tage nur im Anstaunen der Berliner Herrlichkeiten hin . Der in diesem jungen Geschöpf lebende und bisher kaum geweckte Schönheits- und Genusssinn kam in diesen ersten Berliner Tagen mit plötzlicher Gewalt zum Ausbruch . Was konnte man in den wundervollen durchsonnten Herbsttagen auch besseres thun , als die märchenhaft schönen Auslagen hinter den grossen Spiegelscheiben der Magazine bewundern , den herrlichen Tiergarten durchstreifen , Denkmäler und private sowie öffentliche Prachtgebäude beschauen ? Nein , so wundervoll hatte Lena sich Berlin denn doch nicht vorgestellt . Lotte war wirklich grenzenlos philiströs , dass sie an nichts weiter dachte , von nichts weiter sprach , als von Wohnungsuchen und Wohnungseinrichtung , von Einkäufen an Material und den besten und billigsten Bezugsquellen . Blieb Lotte wirklich einmal an einem Schaufenster stehen , so war es zweifellos das einer Modistin , von dem sie dann ihrerseits nicht loszureissen war . Lottes inständige Bitten , ihre unantastbaren Beweisführungen , dass dies Leben nur Geld verschlinge , ohne die geringste Aussicht auf Einnahmen zu gewähren , vermochten Lena endlich dazu , mit dem Wohnungsuchen Ernst zu machen . Die Wirtin des kleinen Hôtel garni , in das Marie Weber sie geführt hatte , war eine ordentliche Frau . Sie meinte es gut mit den hübschen , jungen , gänzlich erfahrungslosen Dingern und hatte ihnen geraten , sich an die Querstrassen der südlichen Friedrichstrasse zu halten . Dort würde eine kleine passende Hofwohnung im Preise von 3-400 Mark noch zu finden sein . Ueberdies sei die Gegend für die Zwecke von Fräulein Lottchen ausserordentlich günstig . Es wohne da in den grossen Mietskasernen eine Menge kleinen Publikums beisammen , das sie als Kunden heranziehen könne . Auf eine Konkurrenz mit Gerson und Bestellungen aus dem Tiergartenviertel würde sie ja wohl doch nicht gleich rechnen können , hatte die Wirtsfrau lächelnd hinzugefügt und Lottchen dabei freundlich auf die Schultern geklopft . So hatten die Schwestern , von Marie Weber des näheren unterwiesen , in der Krausen- und Schützenstrasse zu suchen begonnen , aber nichts eigentlich passendes oder wünschenswertes gefunden . Lena war der Sache bald überdrüssig . Der Tag war sommerlich warm und sie schlug vor , in einer kleinen Konditorei in der Nähe Station zu machen und Eischokolade zu trinken . Lotte aber , für gewöhnlich die bei weitem nachgiebigere und minder energische von beiden , verstand in diesen Angelegenheiten nun einmal keinen Spass . Sie erklärte Lena ganz kategorisch , dass sie erstens seitdem sie in Berlin wären , täglich mindestens sechszig Pfennig zu viel verbraucht hätten , und zum zweiten , dass sie die Wohnung noch heute suchen , finden und auf eigene Hand mieten werde , wenn Lena noch einmal abschnappe . Das half . Lena wollte sich denn doch das Heft nicht so ohne weiteres aus den Händen winden lassen . Auch war Lotte , trotzdem sie sich jetzt im ersten Ansturm mächtig zusammenraffte , im Grunde herzlich unpraktisch und würde vermutlich , auf sich selbst gestellt , eine grundfalsche Wahl treffen . So suchten sie denn gemeinsam weiter , bis sie in der That noch an demselben Nachmittag nicht nur etwas Passendes , sondern auch etwas Hübsches gefunden hatten . In der Zimmerstrasse , zwischen der Wilhelm- und Friedrichstrasse , waren sie , einem Mietszettel nachgehend , in eines der älteren Berliner Häuser geraten . Durch einen tiefen dunklen Thorweg kamen sie in einen überraschend freundlichen hellen Hof , um den sich die Hintergebäude im Viereck zogen . Keines über zwei niedere