May , Karl Am Jenseits www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Karl May Am Jenseits Erstes Kapitel Eine Kijahma » Sihdi1 , es war doch immer wunderschön , wenn wir beide , auf unsern unvergleichlichen Pferden sitzend , so ganz allein , von keinem fremden Menschen begleitet , immer hinein in Allahs schöne Welt ritten , wohin es uns gefiel ! Diese Welt gehörte uns , denn da wir keine Seele bei uns hatten , konnte niemand sie uns streitig machen . Wir thaten , was wir wollten , und unterließen , was uns nicht gefiel ; wir waren unsere eigenen Herren , denn wenn es jemanden gab , dem wir zu gehorchen hatten , so bestand dieser Jemand aus zwei Personen , nämlich aus mir und aus dir . Ich bin mir da oft als der Gebieter des ganzen Erdkreises vorgekommen und habe die unersteigbaren Höhen meines Ruhmes aus den Tiefen meines Selbstbewußtseins hervorgeholt , um in andachtsvoller Bewunderung an ihnen emporzuklimmen und dann fröhlich wieder herabzusteigen . Das konnte ich , weil wir allein waren und es also keinen unwillkommenen Störenfried gab , dem es einfallen konnte , ohne meine Erlaubnis und hinter meinem Rücken mit hinauf- und hinunterzuklettern . Ja , das war eine sehr , sehr schöne Zeit , in welcher wir erlebten , was kein anderer Mensch erlebt , und zwar nur deshalb , weil wir eben so allein waren und uns nur nach uns selbst zu richten brauchten . Ich sage dir , Sihdi , alle diese Thaten und Begebenheiten sind rundum an den Wänden meiner innern Seele aufgeschrieben und mit unvergänglichen Pflöcken in den Boden meines Gedächtnisses eingeschlagen , wie man Pferde , Kamele und lebhafte Ziegen an Pflöcke bindet , wenn man befürchtet , daß sie über Nacht den ihnen angewiesenen Ort mit einem andern vertauschen wollen . « Er machte eine Pause , um nach diesem langen Satze einmal ausgiebig Atem zu holen . Wer dieser » Er « war ? Wer ihn noch nicht an seiner eigenartigen Ausdrucksweise erkannt hat , der mag weiter hören . Er fuhr nämlich sogleich fort : » Also ich denke noch mit Wonne an die Zeiten zurück , in denen wir uns nur nach uns selbst zu richten brauchten , denn da habe ich empfunden , daß der Mann der eigentliche und wirkliche Beherrscher seines Lebens und seines Daseins ist . Aber ebenso schön und in mancher Beziehung noch schöner ist es doch , wenn man einen Tachtirwan2 bei sich hat , in welchem die holdselige Gebieterin des Frauenzeltes sitzt . Meinst du , daß ich da recht habe ? « » Ob du da recht hast , kann doch ich nicht wissen , mein lieber Halef , « antwortete ich . » Wie ? Das könntest du nicht wissen ? Warum denn nicht ? « » Weil in diesem Tachtirwan sich die Gebieterin nicht meines sondern deines Frauenzeltes befindet und es also nur dir , aber nicht mir möglich ist , einen solchen Vergleich zwischen früher und heute anzustellen . « » Ja , richtig ! Um meine Frage beantworten zu können , müßtest du deine Emmeh auch mitgenommen haben . Du kannst also gar nicht wissen , was für ein großer Unterschied darinnen liegt , ob man die liebliche Behüterin seines Glückes daheim gelassen oder ob man sie mitgenommen hat . Du hast mir einmal gesagt , wie das heilige Buch der Christen das richtige Verhältnis zwischen Mann und Weib erklärt . Kannst du dich darauf besinnen , Effendi ? « » Ja . « » Du sagtest ungefähr : Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde , und zwar ein Männlein und ein Weiblein . Allah hat zweierlei Eigenschaften , nämlich die Eigenschaften der Allmacht , wozu die Ewigkeit , Weisheit , Gerechtigkeit gehören , und die Eigenschaften der Liebe , welche sich auch in seiner Gnade , Langmut , Güte und Barmherzigkeit äußert . Wenn der Mensch , welcher aus zwei Wesen besteht , ein Bild Gottes zu sein hat , so soll also der Mann ein Bild der göttlichen Allmacht und die Frau ein Bild der göttlichen Liebe sein . Habe ich mir das nicht sehr gut gemerkt ? « » Ziemlich richtig . « » Wenn auch nur ziemlich , für mich genügt es doch . Seit du mir diese Erklärung gegeben hast , bin ich stets bemüht gewesen , ein Bild von Allahs Allmacht zu sein . Du weißt , wie tapfer und umsichtig ich im Kampfe und wie weise , klug und gerecht ich in der Regierung meines Stammes bin . Diese eine Seite meines menschlichen Wesens läßt also wohl kaum etwas zu wünschen übrig . Und die andere Seite , welche dort in der Sänfte sitzt und ihre freundlichen Augen unaufhörlich auf mich richtet , ist auch genau so , wie Allah sie wünscht , nämlich ein Bild der Liebe , die mir jeden Tag zur Wonne und jede Stunde zum Vergnügen macht . Und diese Spenderin des Glückes auch während der Reise bei sich haben zu können , das ist eine Seligkeit , die mir auf unsern früheren Ritten leider versagt bleiben mußte . Ich habe gesagt , daß es früher schön war , und möchte aber behaupten daß es jetzt fast noch schöner ist ! Verstehst du mich nun ? « » Ja . « » Hast du denn mit deiner Emmeh noch niemals eine Reise gemacht ? « » Oh doch ! « » Da hast du natürlich auf dem Pferde gesessen und sie im Tachtirwan ? « » Nein . Tachtirwanat gibt ' s bei uns nicht . « » Nicht ? So hat sie frei auf dem Kamele gesessen ? « » Auch nicht . Im Abendlande reist man nicht per Kamel , sondern in der Karrusa 3 oder in dem Katr4 . « » Allah ! Wer darf im Katr fahren ? « » Jeder , der seinen Tiskri5 bezahlt hat . « » Auch Frauen ? « » Ja . « » Aber neben dem Weibe eines andern zu sitzen , das ist doch wohl sehr streng verboten ? « » Nein . « » Unmöglich ! Sihdi , sag aufrichtig , ob du , nämlich du auch schon einmal im Katr neben einer Frau gesessen hast , welche in den Harem eines andern Mannes gehörte ! « » Schon oft ! Ich bin nicht nur mit fremden Frauen , sondern sogar mit fremden Töchtern gefahren . « » Und wie steht es mit deiner Emmeh , der jugendlich schönen Bewohnerin deines Frauenzeltes , hat die auch schon neben andern Männern sitzen müssen ? « » Ja . « » So verderbe Allah eure Eisenbahnen bis in den allertiefsten Abgrund der Hölle hinab ! Wenn nicht nur mein Weib , welches ich allein besitze , sondern auch alle meine Töchter , die ich glücklicherweise noch nicht habe , es sich gefallen lassen müssen , daß jeder fremde Stadtbewohner und jeder unbekannte Beduine sich im Katr an ihre Seite setzen darf , so mag ich von eurem Abendlande kein Wort weiter hören ! Sihdi , du weißt , wie sehr ich dich liebe und wie hoch ich dich achte ; aber nun ich weiß , daß du neben fremden Frauen und Töchtern gesessen hast , die nicht in deinem Zelte geboren worden sind , und daß du sogar auch deiner Emmeh erlaubst , mit Männern zu reisen , an welche sie kein Akd en Nikah6 bindet , nun wird es mir wohl nicht mehr leicht sein , dich als meinen besten Freund , den ich im Herzen trage , mit Anerkennung zu beehren ! Die Schienen eurer Eisenbahn haben sich zwischen mich und dich gelegt , und unsere Herzen sind einander so entfremdet worden , daß sie durch keinen Wabur7 wieder verbunden werden können . Ich lasse dich allein und gehe zu meiner Hanneh , um in meiner großen Betrübnis Trost bei ihr zu finden ! « Wer meinen lieben , kleinen Halef kennt , dem kommt dieses Verhalten nicht fremd vor ; für diejenigen , welche noch nichts über ihn gelesen haben , seien folgende kurze Bemerkungen bestimmt : Hadschi Halef Omar , jetzt der oberste Scheik der Haddedihn-Beduinen , vom großen Stamme der Schammar , war früher ein blutarmes Kerlchen gewesen . Er stammte aus der westlichen Sahara , hatte mich als mein Diener nach Osten begleitet und war da so glücklich gewesen , die Tochter eines Scheikes der Ateïbeh-Araber zur Frau zu bekommen . Dieser letztere wurde später von den Haddedihn zum Scheik gewählt und bekam , da er keinen Sohn hatte , meinen Halef als seinen Schwiegersohn zum Nachfolger . Dieser war von Person sehr klein und hager , dabei aber von ungewöhnlicher Tapferkeit und von einem Mute , der sehr gern verwegen wurde und darum von mir oft in die Zügel genommen werden mußte . Ein guter Schütze , auch sonst sehr waffengewandt , ausdauernd , körperkräftig , außerordentlich mäßig , ein vortrefflicher Reiter , pfiffig und mutterwitzig , besaß er ein treues , goldenes Herz , in welchem keine Spur von Falschheit entdeckt werden konnte . Früher war ich seine einzige Liebe gewesen ; später mußte ich diese Liebe mit seinem Weibe und seinem Sohne teilen , wodurch mir aber kein Verlust geschah . Die Zärtlichkeit , mit welcher er an Hanneh , seiner Frau , hing , war nicht nur rührend sondern fast beispiellos zu nennen . Sein erster Gedanke früh und sein letzter abends gehörten ihr . Es war ihm beinahe unmöglich , ihren Namen auszusprechen , ohne ihm einige der vorzüglichen Eigenschaften anzuhängen , welche sie in seinen Augen besaß . Kara Ben Halef , sein und ihr Sohn , ihr einziges Kind , zählte jetzt schon fast zwanzig Jahre , und die Frauen des Orientes altern bekanntlich sehr schnell ; aber dennoch war » meine Hanneh , die herrlichste Rose unter allen Blüten des Blumenreiches « , für ihn genau so jung und schön geblieben , wie er sie vor dieser langen Zeit bei ihrem ersten Zusammentreffen gesehen hatte ; ja , seine Liebe zu ihr schien gewachsen zu sein . Sie war aber auch - ich möchte mich so ausdrücken : eine Prachtfrau ! Ich glaube nicht , daß eine andere den kleinen , voll bunter Raupen steckenden Hadschi so richtig behandelt hätte , wie sie es that . Sie beherrschte ihn vollständig , doch mit einer so liebevollen , stets freundlichen , scheinbar nachgebenden Klugheit , daß er ihr Pantöffelchen gar nicht fühlte und auch nicht die geringste Ahnung davon hatte , daß nicht er , sondern eigentlich sie der Scheik des Stammes war , wobei sich die Haddedihn allerdings sehr wohl befanden . Eine seiner Eigentümlichkeiten war , daß er sich nicht nachhaltig in die Verhältnisse des Abendlandes denken konnte . Ich hatte es ihm in unzähligen , verschiedenen Bildern beschrieben , hatte ihm die zwischen dem europäischen und dem orientalischen Leben vorhandenen Unterschiede bei tausend Gelegenheiten geschildert , sah aber nicht den geringsten Erfolg davon . Er sprach trotzdem immer von meinen Zelten , von meinen Kamelen und von meinen Dattelpalmen . Eine weitere Eigenheit von ihm war , daß er gern sprach , besonders sehr gern erzählte , und zwar in jenen orientalischen Redeblumen , welche gern zu Uebertreibungen werden . Wenn ich ihn in dieser Weise sprechen lasse , ohne seine Vergrößerungen auf das richtige Maß zurückzuführen , so geschieht dies , um ihn nach der Wahrheit zu zeichnen , keineswegs aber um mich mit seiner Ausdrucksweise einverstanden zu erklären . Besonders wenn er von unsern Erlebnissen erzählte , nahm er den Mund in einer Weise voll , daß ich ihn häufig unterbrechen mußte . Der Orientale freilich ist das so gewöhnt , daß er gar nichts Auffälliges daran findet . Seit er wußte , daß ich verheiratet war , sprach er gelegentlich auch von meinem » Harem « , von meinem Frauenzelte . Emma , den Namen meiner Frau , hatte er in Emmeh umgemodelt , und es verstand sich bei ihm ganz von selbst , daß die Verhältnisse dieser meiner Emmeh ganz genau dieselben wie diejenigen seiner Hanneh seien . Mein Harem durfte nicht den geringsten Vorzug vor dem seinigen besitzen , und durch die leiseste Andeutung eines Vorteiles des meinigen vor dem seinigen konnte ich ihn , wie man sich auszudrücken pflegt , fuchsteufelswild machen . Zu erwähnen darf ich nicht vergessen , daß er sich früher alle mögliche Mühe gegeben hatte , mich zum Islam zu bekehren ; aber die von ihm damals nicht geahnte Folge davon war , daß er jetzt Isa Ben Marryam8 hoch über Muhammed stellte ; er war in seinem Innern Christ geworden und nicht nur seine Hanneh , sondern auch die meisten Haddedihn mit ihm . Unsere früheren Reisen hatten wir meist allein oder doch mit nur geringer , gelegentlicher Begleitung unternommen ; dieses Mal aber befanden wir uns in größerer Zahl beisammen , und das war folgendermaßen gekommen : Der Araber ist der Ansicht , daß die Ehre um so größer sei , je länger der Name ist ; darum pflegt er seinem Namen diejenigen seiner nächsten Vorfahren anzuhängen . So nannte sich Halef , als ich ihn kennen lernte , Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah . Sein Vater hatte also Abul Abbas und sein Großvater Dawuhd al Gossarah geheißen . Ihnen beiden und auch sich selbst gab er den Titel Hadschi , welcher einen Mohammedaner bezeichnet , der in Mekka gewesen ist . Dabei aber war weder er selbst noch sein Vater oder sein Großvater jemals dort gewesen . Später kamen wir allerdings einmal nach dieser heiligen Stadt des Islam , aber nur für kurze Zeit ; ich wurde als Christ erkannt , mußte fliehen9 und kam glücklicherweise mit dem Leben davon . Seit jener Zeit war es einer meiner größten Wünsche , noch einmal nach Mekka zu gehen . Ich war erfahrner als damals , geübter in der Sprache und bewanderter in den Umgangsformen . Ich kannte jetzt die religiösen Gebräuche und alle darauf bezüglichen Maßregeln und Aeußerlichkeiten so genau , daß ich gewiß sein konnte , für einen Mohammedaner gehalten zu werden . Erst jetzt sah ich es ein , welche Verwegenheit es damals von mir gewesen war , eine Stadt zu betreten , in welcher jeden Christen der fast sichere Tod erwartet , und um so reger wurde das Verlangen , es mit dieser Gefahr noch einmal , und zwar besser vorbereitet , aufzunehmen . Ich hatte den Islam und den größten Teil der von seinen Bekennern bewohnten Länder kennen gelernt ; ich war zweimal in Kaïrwan gewesen , der den Christen damals auch streng verbotenen heiligen tunesischen Stadt , und hatte das Wagnis glücklich überstanden ; warum sollte ich nicht wenigstens den Versuch machen , diesen meinen Wanderstudien durch einen längeren Aufenthalt in Mekka einen befriedigenden Abschluß zu geben ? Freilich wußte ich gar wohl , daß dieses Unternehmen grad für mich gefährlicher als für jeden andern war . Die mohammedanischen Gegenden und Orte , wo man mich als Christen kennen gelernt hatte , waren gar nicht herzuzählen . Ich hatte mir da viele , viele Freunde erworben , aber auch manchen Schurken zum unversöhnlichen Feind gemacht . Dazu kam , daß meine Gesichtszüge leider so charakteristisch sind , daß sie sich selbst einem gewöhnlichen Gedächtnisse für lange Zeit , wenn nicht für immer , einprägen . Durfte ich erwarten , daß während meiner Anwesenheit in Mekka keiner von den vielen Menschen , die mich kennen gelernt hatten , dort sein werde ? Also , ich wußte sehr wohl , was ich wagte ; aber die Gefahr lockte fast noch mehr als der Wunsch selbst , und so nahm der Vorsatz , diesen letzteren auszuführen , schließlich eine solche Festigkeit an , daß es weiter nichts als nur der Gelegenheit dazu bedurfte . Sie ließ nicht auf sich warten ; sie stellte sich durch meinen diesmaligen Besuch bei den Haddedihn ein . Halef war gewöhnt , daß ich stets , wenn ich zu ihm kam , einen längeren Ausflug mit ihm unternahm . Als er mich fragte , welche Gegend ich jetzt besuchen wolle , und ich ihm nur das eine aber bedeutungsvolle Wort Mekka sagte , erschrak er zunächst , fühlte sich dann aber , grad so wie ich , von der Gefahr doppelt angezogen . Für ihn war natürlich die Hauptfrage , was seine Hanneh , die » wohlthätige Pflegerin seines Erdenglückes « , dazu sagen werde . Wir besprachen darum erst alles unter vier Augen und begannen dann , hie und da eine vorsichtige Bemerkung fallen zu lassen , welche auf unsere eigentliche Attacke vorbereiten sollte . Aber die kluge » Sonne unter allen Sternen des Frauenfirmamentes « durchschaute uns schon nach den ersten , leisen Andeutungen und forderte uns auf , nicht mit ihr Versteckens zu spielen , sondern mit der Wahrheit offen hervorzutreten . Dem Hadschi erschien das doch zu gewagt ; er verschwand schleunigst aus dem Zelte , in welchem wir mit ihr saßen . Ich blieb und teilte ihr nun aufrichtig meine Absicht mit und den darauf bezüglichen Wunsch , daß Halef mich begleiten möge . Jetzt war ich voll gespannter Neugierde , was sie antworten werde . Sie sah eine Weile schweigend und überlegend vor sich nieder und sagte dann : » Er soll dich nicht allein begleiten , Effendi ; ich reite mit ! « Man mag sich mein frohes Erstaunen denken ! Sie sah es mir an und fuhr lächelnd fort : » Das hast du nicht erwartet ? Und doch ist der Grund so leicht erklärlich ! Ich weiß , daß du ein verständiger Mann bist und will dir darum eine Frage anvertrauen : Hast du in deinem Herzen einmal gefühlt , was Ischtijak el Watan10 ist ? « » Ja , « antwortete ich . » In deinem eigenen Herzen ? « » Ja . « » So darf ich dir gestehen , daß ich diese Sehnsucht schon oft empfunden habe und auch noch jetzt in mir trage . Du weißt , daß ich eine Tochter der Ateïbeh bin , und hast mich und meinen Stamm in der Nähe Mekkas kennen gelernt . Dort sind die lichten Tage meiner Kindheit verflossen ; ich weiß nicht , ob du es glaubst , ich aber halte es für wahr , nämlich daß das Herz des Menschen , je älter er wird , um so mehr nach den Orten verlangt , welche seine Jugend gesehen haben . Ich liebe meinen Halef und auch Kara Ben Halef , meinen Sohn ; ich bin glücklich in dieser meiner und in ihrer Liebe ; aber neben diesem Glücke wohnt das Verlangen , die Matarih el Watan11 einmal wiedersehen zu dürfen . Ich bitte dich , Halef nichts davon zu sagen , denn es würde ihn betrüben , zu erfahren , daß ich Sehnsucht leide ! Für diese Verschwiegenheit sollst du Erfüllung deines Wunsches haben . Er darf dich begleiten , und ich reite mit . « » Und Kara Ben Halef , euer Sohn ? « fragte ich . » Ihn hier zu lassen , würde mir unmöglich sein ; er geht auch mit . Ja , ich glaube , daß du noch größere Begleitung bekommst . Du weißt zwar , daß unsere Haddedihn den Propheten längst nicht mehr so verehren wie zu der Zeit , als sie dich noch nicht kannten , aber Mekka selbst ist vielen von ihnen doch noch eine wichtige Stadt , und wenn sie erfahren , daß wir hinwollen , wird mancher von ihnen sich bereit erklären , mitzureiten . Wirst du etwas dagegen haben ? « » Nein . Ich kann als Christ im Gegenteile nur wünschen , möglichst viele Freunde bei mir zu haben , die im Augenblicke der Gefahr an meiner Seite stehen . « » So sind wir also einig , und ich werde jetzt gleich Halef suchen , um ihm zu sagen , daß er seine Vorbereitungen beginnen könne . « Das war ihre mir wohlbekannte Energie . Wenn sie einmal einen Entschluß gefaßt hatte , so pflegte sie mit der Ausführung desselben nicht auf sich warten zu lassen . Wie glücklich sie den Hadschi mit ihrer so unerwartet schnellen Einwilligung machte , das wußte ich nicht nur , sondern ich bekam es auch schon nach kurzer Zeit zu hören , als er freudestrahlend mich aufsuchte und mir sagte : » Effendi , sie hat ja gesagt , sie , die liebenswürdigste unter allen irdischen Liebenswürdigkeiten ! Wir gehen nach Mekka , ja wir gehen wirklich hin . Ich habe es soeben öffentlich verkündigen müssen . Da werden wir wieder einmal große Thaten der Tapferkeit verrichten und Werke der Kühnheit vollbringen , die unsern Ruhm in alle Länder tragen . Unsere Kindeskinder werden uns ehren und unsern Enkels- und Urenkelsnachkommen unser Lob verkünden vom Aufgang bis zum Niedergang der Sonne ! Habe ich nicht ein herrliches Weib , Sihdi ? « » Ja , « nickte ich ; » deine Hanneh ist ganz gewiß die herrlichste aller Frauen ! « » Ganz gewiß ! Richtig ! Aber deine Emmeh auch ! Und damit es zu keinem Streite und Zusammenstoße zwischen ihnen komme , wollen wir vorsichtig sein und folgendermaßen beschließen : Meine Hanneh ist die herrlichste Frau des Morgen- , und deine Emmeh ist die herrlichste Frau des Abendlandes . Bist du damit zufrieden ? « » Ja . « » Du kannst da aber auch wirklich ganz zufrieden sein , denn wenn du dadurch von mir ohne alle Widerrede die herrlichste Frau des Abendlandes bekommen hast , darf keine andre dort von nun an wagen , sich mit ihr zu vergleichen . Sage ihr das , wenn du in dein Duar12 heimkehrst , damit sie erkenne , was für ein Freund ich von dir bin und also auch von ihr ! Allah erhalte sie jung ; er gebe ihr schwarzgefärbte Augenwimpern , seidene Bänder in die Zöpfe und die schönsten , roten Fingernägel ! « Es meldeten sich auch wirklich so viele Haddedihn , daß sie gar nicht alle mitgenommen werden konnten , sondern eine Auswahl getroffen werden mußte . Der Ritt durch die großen arabischen Wüsten wäre des Wassers wegen um so schwieriger gewesen , je mehr Personen sich an demselben beteiligten . Und bei einer so großen Schar , wie sich gemeldet hatte , hätten wir an einen längeren Aufenthalt in Mekka gar nicht denken können . Darum wurde bestimmt , daß für jetzt nur fünfzig Krieger teilnehmen durften ; den andern wurde es freigestellt , dann wieder eine Auswahl unter sich zu treffen und die durch sie bestimmten dann nachfolgen zu lassen . Es war nämlich jetzt noch nicht die Zeit der eigentlichen Hadsch , des großen Pilgerzuges . Da bei diesem die Scharen der Mohammedaner zu vielen , vielen Tausenden aus allen Himmelsrichtungen in Mekka zusammenströmen , so war zu dieser Zeit die Gefahr des Erkanntwerdens am größten . Darum wollten wir jetzt schon hin , wo der Andrang nicht so groß war und ich meine Studien mit mehr Muße machen konnte . Waren wir dann bei der Ankunft der großen Hadsch noch dort und ich fand Grund , mich schnell in Sicherheit zu bringen , so konnte ich das in dem befriedigenden Bewußtsein thun , meinen Zweck trotzdem und schon vorher erreicht zu haben . Es zwang uns ja nichts , zur eigentlichen Pilgerzeit in der Stadt der Kaaba einzutreffen , weil der Moslem auch außerhalb derselben , während des ganzen Jahres , seinen religiösen Obliegenheiten dort nachkommen und die ihm nach seiner Ansicht dafür gebotenen geistlichen Vorteile sich aneignen kann . Ueber die von der mohammedanischen Priesterschaft verbreitete Annahme , daß eine Minute Aufenthalt in Mekka während der Hadsch wertvoller sei und mehr Segen bringe als ein ganzer Tag zu gewöhnlicher Zeit , waren , von mir gar nicht zu sprechen , Halef und seine Haddedihn schon längst hinaus . Sie schenkten dieser Versicherung keinen Glauben . Einige der Männer , welche uns begleiteten , wollten ihre Frauen mitnehmen , wozu wir aber unsere Einwilligung nicht gaben , weil uns schon die Rücksicht auf Hanneh allein genug hinderte , so zu reisen , wie wir es ohne sie hätten thun können . Bemerken will ich , daß auch Omar Ben Sadek , den die meisten meiner Leser schon kennen gelernt haben , mit bei den Auserwählten war . Als Maßregel zu meiner Sicherheit wurde beschlossen , daß ich während dieser Reise nicht Kara Ben Nemsi genannt werden sollte . Dieser Name war so bekannt , daß er mir jetzt nur Verlegenheiten , wenn nicht noch mehr , bereiten konnte . Halef machte da in seiner eigenartigen Weise die Bemerkung : » Da siehst du , Sihdi , wie sehr wir beide den großen , berühmten Beherrschern der Erde gleichen : Wir müssen den Abglanz unserer Herrlichkeit hinter einen fremden Namen verstecken . Zwar ist das dieses Mal nicht auch bei mir , sondern nur bei dir der Fall , aber wie du dich in meinen Strahlen sonnen darfst , so muß auch mich der wohlthätige Schatten deines Madschhul13 treffen . Wie aber sollen wir dich nennen ? Hast du vielleicht schon über einen andern Namen nachgedacht ? « » Nein . Es handelt sich auch nicht nur um den Namen . « » Ja , richtig . Wir müssen auch wissen , wie wir zu antworten haben , wenn wir gefragt werden , was du bist . « » Am einfachsten wäre es , mich für einen Haddedihn auszugeben . « » Nein , das geht nicht , Sihdi , denn da würde deine Herrlichkeit so vollständig verschwinden , daß sie später vielleicht gar nicht wiederzufinden wäre . Auch will ich stolz darauf sein können , daß du bei uns bist ; darum müssen wir dir einen Namen und eine Würde erteilen , welche unbedingt zur Achtung fordern . Am besten ist es , wir geben dich für einen großen Gelehrten aus . Ist dir das recht ? « » Ja . « » Woher bist du ? « » Aus irgend einem mohammedanischen Lande , aber ja nicht aus einer großen Stadt , weil jeder , der von dort nach Mekka kommt , diesen Gelehrten kennen müßte . « » Erlaubst du , im fernen Moghreb14 , welcher meine Heimat ist , geboren worden zu sein ? « » Ja . « » Du hast dort im Wadi Draha das erste Licht der Welt erblickt ? « » Sehr gern ! « » Und von welcher Art ist deine Gelehrsamkeit ? « » Das überlasse ich dir , lieber Halef . « » Gut ! Weil du so bescheiden bist , werde ich dich sehr hoch erheben . Du beschäftigst dich nämlich gar nicht mit einer einzigen Art der Wissenschaft , sondern deine unendliche Weisheit ist in die Höhen und in die Tiefen aller Ulum 15 eingedrungen . Oder ist dir das noch zu wenig ? « » Es genügt einstweilen . « » Schön . Ein solcher Mann muß sehr berühmte Ahnen und also einen langen Namen haben . Ich werde dir ihn jetzt diktieren . Schreib ihn sogleich auf , damit wir ihn festhaben und ihn auswendig lernen können ! « Ich folgte mit stillem Vergnügen dieser seiner Aufforderung . Er ging sinnend hin und her und brachte nach und nach , Glied für Glied , folgende Schlange zum Vorscheine : » Hadschi Akil Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim Schadschi er Rani Ibn Hadschi Dajim Maschhur el Azami . Ich hoffe , daß dieser schöne Name deinen Beifall hat ! « In deutscher Sprache würde die Riesenschlange heißen : Hadschi Vernünftig Klug , der Erfahrene , Sohn des Hadschi Weise , Tapfer , der Reiche , Sohn des Hadschi Unsterblich , Berühmt , der Herrliche . Das war doch wohl mehr als genug ? Dennoch hatte er noch ein Uebriges gethan und mir und meinen mir bisher völlig unbekannten Vorfahren den Ehrentitel Hadschi verliehen . Mehr konnte ich doch unmöglich verlangen ! Trotzdem antwortete ich , natürlich nur in der Absicht , ihn zu necken : » Du scheinst zu glauben , mich mit ihm sehr zufriedengestellt zu haben , irrst dich aber ; er könnte länger und besser sein ! « » Länger - - - besser - - - ? ! « Sein Mund blieb vor Verwunderung offen . Er sah mich eine Weile mit großen Augen an und brach dann zornig los : » Wie - - wie könnte er sein ? Länger könnte er sein , und besser könnte er sein ? Soll ich ihn etwa von hier bis hinauf zum Monde und dann wieder herunter dehnen ? Soll ich alle sieben Himmel Muhammeds plündern , um noch mehr Worte der Pracht und der Erhabenheit für dich zusammenzustehlen ? Wie kommst du zu dieser mich beleidigenden Unzufriedenheit . Hast du den Namen bei mir bestellt , oder habe ich ihn dir freiwillig , also aus eigenem Antriebe , gegeben ? « » Freiwillig . « » Hast du ihn mir bezahlt , oder wirst du ihn bezahlen ? « » Nein . « » Du mußt also zugeben , daß er ein Geschenk von mir ist ? « » Ja . « » Gut , so hast du deine Undankbarkeit in ihrer ganzen kolossalen Größe eingestanden ! Ich mache dir aus eigenem Antriebe , aus der Tiefe meines freigebigen , mildthätigen Herzens heraus einen neuen Namen , den du brauchst , zum Geschenk ! Ich suche in allen Winkeln und Ecken der menschlichen Sprachfertigkeit herum , um das