Frapan , Ilse Wir Frauen haben kein Vaterland www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ilse Frapan Wir Frauen haben kein Vaterland Monologe einer Fledermaus An dem studentischen Mittagstisch , wo ich speiste , nachdem ich die Hälfte der vorhandenen Pensionen durchprobiert , war ich flüchtig mit ihr bekannt geworden . Sie hatte einen sehr schlechten Platz an der Ecke der langen schmalen Tafel . Wollte jemand zu den am Fenster aufgereihten Stühlen , so mußte sie aufstehen und sich an die Wand drücken , nachdem sie ihren Stuhl rasch unter den Tisch gestoßen hatte . Die aufwartenden Mädchen rannten gegen sie , wie gegen eine Klippe , machten dann beleidigte Gesichter und bedienten sie zu allerletzt . Ich saß drei Stühle weiter und aß schon Fleisch , während sie noch keine Suppe hatte . Sie knabberte mit zerstreuter Miene ihr trockenes Brötchen auf , machte zuweilen einen langen Hals , wenn alle Teller an ihr vorbeigingen , sagte aber nichts . Sie sah kindlich-schüchtern aus . Eines Mittags goß ihr das Mädchen die Bratensauce über die dunkelblaue Bluse , in der sie täglich erschien . Sie stieß einen hellen Schrei aus und wurde dann sehr rot , als alle sie anblickten . Ihr rundes weiches Gesicht nahm einen Ausdruck tiefer Bestürzung an , während sie an sich hinuntersah , - dann hörte ich auch ihre Stimme . Sie sagte zu dem Mädchen , das sie beflissen abwischte : » Oh danke ! danke vielmal ! « Weiter nichts . Sie sprach mit niemand , und niemand redete sie an . Ganz fremd und einsam saß sie zwischen den übrigen , die sich meistens lebhaft , aber mit gedämpften Stimmen unterhielten . Sie sah so jung aus , als ob sie überhaupt noch nicht hierher gehörte , ein richtiges naives Kindergesicht . Gewöhnlich saß sie ernst und träumerisch auf ihrem unbequemen Eckplatz . Zuweilen aber zuckten schelmische Geister um die vollen roten Lippen , und sie schien mit Mühe ein Lachen zurückzudrängen . Ein paarmal begegneten sich unsere Augen , und der lebhafte , funkelnde Blick der ihrigen , der wenig zu dem naiven Gesichtsschnitt paßte , fiel mir wieder und wieder auf . Es war etwas Sternengleiches , still Feuriges in diesen nicht großen , dunklen , stark gewölbten Augen . Das reiche braune Haar war kurz geschnitten , aber nicht nach Männerart , sondern es legte sich , in der Mitte gescheitelt , in großen natürlichen Locken um die Stirn , die Schläfen und die vollen Wangen , die fast ländlich gesund in ihrer warmen Röte von den bleichen überwachten Gesichtern der andern weiblichen Tischgäste abstachen . Sie gefiel mir , und ich begriff nicht recht , warum sie so allein blieb . Sie hatte doch ein so einladendes Gesicht , wenn sie auch nicht hübsch war . Allmählich begann sich zwischen ihr und mir eine freundliche , obschon wortlose Beziehung zu entwickeln . Wenn ich an den Tisch kam , sah ich nach ihrem Platz , und wir tauschten ein kurzes erkennendes Lächeln . Dasselbe geschah beim Aufstehn , und ich hatte bald das Gefühl , als kennte ich sie längst und wüßte ihre Gedanken . Als ob wir in einer uns selbst noch verborgenen Verwandtschaft zu einander ständen . In dem engen Flur , der als Garderobe diente , traf ich sie einmal , da schon alle weggegangen , wie sie stand und sich den Ellbogen rieb . Mir fiel ein , daß sie den Mittag wieder arg gestoßen worden . » Sie haben einen abscheulichen Platz , Fräulein , « sagte ich , während wir unsere Jacken anzogen . Fragend und errötend blickte sie mich an . » Da an der Tischecke meine ich ; nächstens werden Sie noch umgeworfen . « » Das kommt wohl nicht von dem Platz her , « sagte sie lächelnd . » Freilich ! Sie werden dort jeden Tag gestoßen . « » Ja , ich werde immer gestoßen , - es ist etwas gênant . « » Beklagen Sie sich bei der Wirtin , Fräulein . « » Ja , aber gerade die Wirtin hat mir diesen Sitz angewiesen . « Sie sah mich schüchtern an . » Warum lassen Sie sich ' s gefallen ? Der Platz sollte wechseln , dann würden doch mal wir alle der Reihe nach gestoßen . « » Oh , das möchte ich niemals verlangen ; es ist ja auch nichts weiter dabei . « » Soll ich morgen mit der Wirtin reden ? « » Bitte , nein , es ist wirklich nicht wichtig , und - die Frau müht sich so , neulich hat sie mir ' s geklagt . « » So , also mit der sprechen Sie , « sagte ich . » Hie und da schon , - sie quält sich redlich . « » Essen Sie schon lang bei ihr ? « » Im zweiten Semester . « » Sie sind aber geduldig . « Da riß sie die Augen groß auf . » Ich ? Geduldig ich ? « rief sie erstaunt . Dann schüttelte sie heftig den Kopf und seufzte . Ein Bekannter trat auf mich zu , und sie blieb scheu zurück , ohne daß wir uns von einander verabschiedeten . Einige Wochen vergingen , bis wir uns wieder sprachen . Ich hatte Laboratoriumsarbeit unmittelbar nach Tisch , und auch sie schien stets in Eile . Eines Mittags aber hatte sie mein Grußlächeln so fröhlich erwiedert , hatte mich während des Essens so mit halboffenen Lippen angesehen , als ob sie mir etwas zurufen möchte , daß ich in der Garderobe einen Augenblick wartete . » Sie sehn so vergnügt aus heute , ordentlich ansteckend froh ! « sagte ich , als wir zusammen hinabgingen . Sie lachte und nickte . » Ja , ich habe heut so etwas Merkwürdiges gehört , und immer über Mittag mußt ' ich daran denken . « » Ist es ein Geheimnis ? « fragte ich , mich an ihrer Fröhlichkeit erheiternd . » Behüte , nein ! es ist etwas Anatomisches , Morphologisches ! Ein Kolleg fiel aus , und da bin ich in die vergleichende Anatomie gegangen und habe das gehört . Denken Sie sich , wir hatten in einem gewissen Entwicklungsstadium noch ein drittes Auge , ein Scheiteloder Parietalauge , - ist das nicht reizend ? « Sie lachte lebhaft , und ich fiel ein . » Und wie schade , daß es uns verloren gegangen ist ! « fuhr sie mit klagender Betonung fort , » wenn wir es doch noch hätten ! Denken Sie , man könnte sich dann auf der Erde beschäftigen , seinen Arbeiten nachgehen , und mit dem dritten Auge sähe man die ganze Zeit den Himmel und Sonne und Sterne ! Ein Auge wäre immer da oben - was es wohl alles sähe ! « » Ich fürchte , es würde meistens in den Hut gucken , « scherzte ich . Aber lebhaft wehrte sie ab . » Oh nein ! das wäre dann alles ganz anders ! das ganze Leben würde ja anders sein . « » Man hätte dann keine Hüte , meinen Sie ? « » Oh , nicht das allein , solche Kleinigkeit - aber auch keine Dächer vielleicht . - « » Oder gläserne , « sagte ich . Das gefiel ihr . Sie nickte , immer mit demselben entzückten Gesicht . » Dann wäre es so gut wie keine ! Und die Menschen immer unter dem Einfluß des großen Anblicks - oh wie schade ! wie schade ! « » Wann hatten wir denn dieses wundervolle dritte Auge ? « sagte ich belustigt . Sie seufzte : » Als wir Eidechsen waren , sagte der Professor . « » Ja , das ist natürlich schon ziemlich lange her . « Sie sah mich an und errötete langsam . » Ich bin so unwissend in dieser Richtung , und da war es mir nun heut in diesem Kolleg , als würde vor mir eine Thür aufgerissen - weit - weit ! Alles was so fest , so selbstverständlich , so natürlich scheint - ist also gar nicht fest und selbstverständlich und natürlich . Ist das nicht merkwürdig wundervoll ? Wir hätten drei ausgebildete Augen haben können , und dieses dritte hätte vielleicht eine Sphäre umfaßt , die uns nun ewig zugeschlossen ist , und sehn Sie , grade an der Erkenntnis dieser Sphäre hätte vielleicht das Glück der Menschheit gehangen . « » Das wir nun nicht haben , « fiel ich noch immer halb scherzend ein . » Das wir nun nicht haben , « wiederholte sie leise in ernstem Ton . Auch ihr Gesicht war ganz ernst umschattet . » Glauben Sie übrigens , das Glück der Menschheit hänge an einer Erkenntnis ? « fragte ich zweifelnd . Sie sah mich schnell an . » Ja , ich glaube , daß wir vernunftbegabte Geschöpfe sind und nicht als Tiere glücklich sein können , « und sie lächelte zuversichtlich , stolz . Ich beobachtete ihren stetig wechselnden Gesichtsausdruck , der auf große Erregbarkeit schließen ließ , und ich dachte nach über das sonderbare Gespräch , das sie angeschlagen . » Ihre Phantasie ist sehr beweglich , « sagte ich , fast unwillkürlich , » stört Sie das nicht im Studium ? « Sie nickte verwirrt , ließ den Kopf hängen . » Also - Naturwissenschaften studieren Sie , wie Sie sagen ? « » Nein , Jus . « » Ach , Sie und - ! « Es war wieder ein unwillkürlicher Ausruf , den ich gern zurückgenommen hätte , als ich ihr erschrockenes Gesicht sah . » Warum nicht Jus ? « fragte sie leise . » Weil ' s so trocken ist , dachte ich . « » Oh - trocken - das könnt ' ich nicht sagen - aber ich bin leider noch sehr weit zurück ; ich habe noch nicht einmal die Matura . « Nun sah sie schon zum Weinen traurig aus . Wieder mußte ich lächeln . » Aber , Fräulein , Sie sind ja auch noch solch ein - « Baby , wollte ich sagen , unterdrückte aber das Wort und sagte » Backfisch « . » Ich ? « rief sie , wieder in höchster Verwunderung , » ich bin alt , ich bin sechsundzwanzig ! « Ich staunte : » Wie ist das möglich ? Sie sehn aus , als wären Sie siebzehn , und Ihr ganzes Wesen - - « » Ach Gott , mach ' ich auch auf Sie diesen grünen Eindruck ? « sagte sie kläglich , » was soll ich nur thun ? « Ich entschuldigte mich und beruhigte sie . Es war sehr nötig . Die Altersfrage schien der wunde Punkt zu sein , den ich unabsichtlich gestreift . » Ich habe schon viel durchgemacht , und niemand sieht es mir an , niemand nimmt mich ernst « , klagte sie ratlos , » ist das nicht traurig ? « Ich sagte ihr , daß es im Gegenteil schön sei und von ihrer Gesundheit und Jugendkraft Zeugnis ablege , aber sie schüttelte doch den Kopf . » Sehen Sie , jetzt hab ' ich Eile , immer ist etwas hinter mir , - und ich möchte so gern auch noch Naturwissenschaften studieren , - ich glaube , das sollte jeder Mensch , das ist doch die Grundlage von allem . « Ich konnte nicht wiedersprechen , und meine Zustimmung regte sie wieder auf . » Heut war es das Scheitelauge , und morgen könnt ' ich etwas andres Wundervolles erfahren , das tausend Vorstellungen und Gedanken weckt . Ich glaube , das ist alles so eingerostet in den Geisteswissenschaften , weil sie sich nicht um die Natur bekümmern . Wir wären gewiß viel weiter ! Und ich sitze hier an der Quelle , dürste und dürste ! « rief sie voll Eifer und Trauer . » Können Sie nicht umsatteln ? « » Nein , das geht nicht . Das ist meine heilige Sache , das Recht ; das ist meine Fahne , die will ich tragen lernen oder sterben ! « Sie sprach jetzt so laut und unbekümmert , daß die Vorübergehenden sie ansahen . Ihr Wesen hätte etwas Exaltiertes gehabt ohne diese gesunden roten Wangen und das stets bereite Lächeln . Bei ihr erschien die Erregung als der natürliche Zustand eines lebensvollen Geschöpfes . Ich bat sie , mich zu besuchen , aber sie lehnte zögernd ab . » Ich darf mich nicht zerstreuen , und mit Ihnen könnte ich tagelang sprechen . Ich hab ' Ihnen schon gesagt , wie weit zurück ich bin ! Da ist diese Mathematik , die mich ganz unglücklich macht , weil ich immer etwas hinter ihr suche , was gar nicht da ist ! Sie scheint mir noch heute wie eine Geheimschrift , lauter Symbole und so prachtvolle , aber mein Lehrer sagt immer wieder , das sei die Sache selbst ! Ich muß so fleißig sein ! « » Ja , dann komm auch ich zu Ihnen nicht , « sagte ich bedauernd . » Adieu , also , träumen Sie von dem dritten Auge . « » Ach , nein , « rief sie kopfschüttelnd , » wünschen Sie mir Besseres ! Ich darf nicht träumen . Jeder Augenblick ist kostbar . Lernen ! Lernen ! « Damit lief sie wie gejagt den Weg zurück , den wir schlendernd im Gespräch gegangen . Ich blickte ihr in Gedanken nach , nicht ohne Bedauern . Wie lange würde diese kindliche Frische noch vorhalten , die sie auszeichnete . Schon hatte sie die Sprache der Studentinnen , die mir wohl bekannt war , diesen Ton der immer Unruhigen , immer Gehetzten , Nimmerfertigen , Zweifelnden und Verzweifelnden . Der Trupp lustiger blutjunger Studenten mit dem rotweißen Band und Cerevis der Zofinger , der in lässigem Schritt und mit lautem Lachen mir entgegenkam , vertiefte die gedrückte Stimmung . Die Glücklichen , sagte ich mir , die sich bei aller Arbeit so munter ihrer Jugend freuen dürfen ! Sie haben keine Eile , sie haben keine Anspannung aller Kräfte von Tag zu Tage , sie gehen behaglich im Schritt . Ihre Promotion , ihre Aemter und zukünftigen Würden - all das ist ihnen sicher wie der Tod , denn » reif sein ist alles ! « Wann kommt der Tag , wo auch die Studentinnen jung und unbekümmert wie die dahin leben dürfen , getragen von der Billigung , ja Bewunderung der Ihrigen daheim ! Wo man auch in ihnen die Blüte , die weibliche Blüte der Intelligenz , den Stolz der Nation sieht . Wo man nicht wie heut in den Linien eurer Gesichter verfolgen kann , was alles ihr schon gelitten und durchgekämpft habt ! Wo ihr keine Narben des Lebens mehr tragt , und keine Stacheln , die schnöde Notwehr auf eurer glatten Haut hat wachsen lassen ! Wo man euch rechtzeitig vorbereitet , rechtzeitig euch hinausziehen läßt an die Hochstätten der Wissenschaft und nicht der Herbstwind eurer unwillig vergeudeten Jahre hinter euch drein bläst : » Eilt ! eilt ! schneller ! schneller ! schneller ! « Nach wie vor saß die kleine rotwangige Studentin mittags auf ihrem schlechten Platz , wo man sie stieß und vernachlässigte , und wenn wir uns sahen , so grüßten wir uns mit dem erkennenden Lächeln . Aber obwohl das täglich geschah , so schien es mir doch unverkennbar , daß die Wangenröte verblaßte , daß die weiche Rundung des Gesichts abnahm . Oft schien mir selbst das stille Sternenfunkeln der Augen getrübt . Einst , in der Garderobe , berührte ich leicht ihre Schulter . » Fräulein , was haben Sie mit sich gemacht ? Sie sind blaß . « Sie zuckte mit ihrem gewohnten liebenswürdigen Lächeln die Achseln . » Sie arbeiten zu viel ! Kommen Sie mit auf den Zürichberg . « » Gehn Sie spazieren ? « ein sehnsüchtiger Ausdruck trat in ihre Augen . » Kommen Sie mit ! « wiederholte ich dringender , » sehn Sie , die Sonne ! « Sie blickte auf die Uhr : » Ich kann nicht ! Wirklich nicht . Ich habe unmenschlich viel zu thun . « » Aber wenn Sie Ihre Gesundheit ruinieren ? « Sie senkte den Kopf . » Das ist es nicht , « sagte sie leise , » ich bin stark . « Wir waren nun doch zusammen bis auf die Straße gekommen , wo die Sonne vom wolkenlosen Himmel auf eine ganz leichte Schneedecke schien . Die Luft hatte etwas Balsamisches , Veilchenduftiges , obgleich wir in den letzten Novembertagen waren . Die schwarzblauen Berge mit den weiß bepuderten Bäumen und Sträuchern schienen ganz nahe gerückt , die Meisen zwitscherten fröhlich . » Was für ein schöner Tag ! « rief ich meiner Gefährtin ermunternd zu . Aber sie sah hier draußen noch bleicher und matter aus , als im Zimmer . » Kann ich Ihnen irgendwie helfen , so sagen Sie es mir , « bat ich . Ihre Lippen zogen sich zusammen , sie drückte stumm meine Hand . » Haben Sie Kummer ? Wollen Sie nicht darüber reden ? « Sie bewegte verneinend den Kopf . » Sie sind sehr gütig . Es geht nicht « - wieder drückte sie meine Hand . » Sie leben so einsam « , begann ich noch einmal , » das ist nicht gut . « » Ja , - ich bin einsam . « Und plötzlich senkte sie den Kopf ganz und flüsterte : » Sie wissen nicht , wie einsam . « Ein tiefes inniges Mitgefühl erfaßte mich , so , als hätte ich die Arme ausbreiten und die Einsame an meine Brust ziehen müssen . Da hob sie die klugen Augen wieder empor und lächelte ernsthaft : » Aber ich fühle mich wohl dabei , ich hab es so gewollt . « Und nun schoß ihr das Blut in die Backen . » Vielleicht - wenn ich einmal ganz drunten bin - wenn ich keinen Weg mehr sehe - - « » Dann kommen Sie zu mir ! « rief ich bittend , und wir drückten uns noch einmal fest die Hände . Seit diesem Gespräch beobachtete ich sie noch aufmerksamer bei Tische , sah sie von Tag zu Tage mit immer dem gleichen , unachtsamen und doch gespannten Blick auf ihrem Eckplatz sitzen und sich weniger denn je nach den Mädchen umsehn , die an sie anstießen . - - Und dann , eines Tages , blieb sie aus . - - Der leere Stuhl beunruhigte mich , ich weiß nicht wieso , ich mußte immer dorthin sehn . Am folgenden Tage ward er weggenommen . » Kommt Fräulein Halmschlag nicht mehr ? « fragte ich das Mädchen . Sie wußte es nicht , und auch die Wirtin sagte , sie habe keinen Bericht erhalten . Es scheine ja fast , daß sie nimmer kommen wolle . » Haben Sie ihre Adresse ? « fragte ich . Die Frau verneinte ; damit war die Sache beendet . Aber der Platz , der jetzt unbesetzt blieb , erinnerte mich immer von neuem an die kleine einsame Studentin , an die roten , verbleichenden Wangen . Auf der Kanzlei der Universität erfragte ich ihre Adresse und beschloß , sie demnächst aufzusuchen . Einmal dann stand ich vor jener Hausthür . Aber die Furcht , zu stören , mich belästigend einzudrängen , trieb mich zurück . Vielleicht war sie gar aus der Pension weggeblieben , um gerade meinen Annäherungsversuchen zu entgehn , sagte ich mir . Es giebt so scheue Vögelchen , die sogar das Nest verlassen , nur weil ein fremder Blick hineingeschaut hat . Außerdem - wie vielgestaltig ist der Kummer , der die Gesichter bleich macht , und wie wenig vermag der Dritte über diese verschiedenen Feinde des Lebens . Ich tröstete mich ! Ein bißchen Liebesweh , vielleicht . Ein krankhafter Ehrgeiz , der schon zurecht kommen wird mit der Zeit . Examensorgen , zu denen man lächelt , wenn sie vorüber sind . Oder gar nur irgend ein phantastisches Weh , wie das , nicht drei Augen zu haben ! - Da traf ich sie eines Abends auf der Straße . Sie trat aus einem Metzgerladen und trug ein schmales Päckchen in der Hand . Sie schrak zusammen , als ich sie anrief , kam aber dann mit dem alten freundlichen Lächeln auf mich zu . Wir begrüßten uns herzlich . » Wo speisen Sie denn jetzt ? « fragte ich , » haben Sie ' s besser getroffen ? « Sie erwiderte kurz , daß sie sich selber etwas koche und ging nicht weiter ein auf meine Frage , ob das nicht sehr zeitraubend sei . Ich fand sie ziemlich verändert , stiller und magerer ; dabei ganz unzugänglich für alle Erkundigungen nach ihrem Ergehen . » Aber Ihr Studium gefällt . Ihnen noch immer ? « fragte ich . Da lebte sie auf . » Wie sollte es mir nicht gefallen ? Es giebt nichts Größeres ! Ich lebe nur dafür , und es entschädigt für alles ! « das war ganz der alte Ton . » So sind Sie doch glücklich , « sagte ich beruhigt . » Ja , wenn - « sie seufzte plötzlich tief , schüttelte meine Hand und war verschwunden . - Ich kannte auch diese Art. Es ist die Furcht einer ursprünglich zarten , weichen Seele , die sich mühsam , unter tausend Kämpfen und Thränen ein Schutzgewand gewebt hat , in die alte Hülflosigkeit und Verletzbarkeit zurückzufallen beim ersten guten offenen Wort . Diese Furcht macht abweisend . Ich zankte mit mir selbst . Kein lästigeres Gefühl , als das , sich aufgedrängt zu haben ! Du mußt sie gehn lassen , sagte ich mir , du siehst , daß sie stark ist , daß sie ihr Schicksal auf alle Fälle auf sich genommen hat . Laß sie nicht immer fühlen , daß du sie für schwächer hältst , als sie sich giebt . Sei kein Esel . Und ich beschloß , ihr ganz allein das Wort zu überlassen , falls wir uns wieder begegnen sollten . - - Wenige Tage vor Weihnachten führte ein übermütiger Föhn , der durch die nassen Straßen blies , uns einander fast in die Arme . Diesmal hielt ich mir Wort , wir sprachen nichts Persönliches , obgleich ihr Aeußeres mir schmerzlich auffiel . Sie hatte sich immer höchst einfach und dunkel getragen , wie die übrigen Studentinnen auch , aber heute sah sie fast ärmlich aus , auch trug sie über der dünnen grauen Bluse keinen Mantel . Wie ich mit den Blicken ihre zitternden Arme streifte , errötete sie , zog die Brauen abweisend zusammen und gab verwirrte Antworten . Ich fragte abschiednehmend , ob sie über die Ferien in Zürich bleibe . » Natürlich ! « nickte sie , » es sind ja ohnehin nur drei Wochen . « Plötzlich bückte sie sich , um einem vorübergehenden Kinde den Kopf zu streicheln . Und so , in der geneigten Haltung , sagte sie mit heiserer Stimme : » Vielleicht - ich habe schon gedacht - daß ich - in diesen Ferien - doch einmal zu Ihnen komme - - « Schwer schienen sich diese Worte von ihr loszuringen , und ich war nicht einmal in der Lage , ihren Besuch anzunehmen . » Das trifft sich leider sehr ungünstig ! « rief ich bedauernd , » ich reise morgen früh nach Hamburg . « Sie starrte mich wortlos an . » Ach so , « flüsterte sie dann , » ach so , - auf wie lange ? « » Auf vier Wochen . « » Nach Hamburg , « wiederholte sie ; - - » aus Hamburg bin ich auch , « setzte sie nach einer Weile hinzu . » Wir sind also Landsleute ? Schade , daß Sie nicht mitreisen ! Vielleicht kann ich dort Grüße von Ihnen ausrichten ? « » Nein ! « sagte sie kurz , mit gekräuselten Lippen , - » ich danke Ihnen ! Also dann - adieu ! « Und plötzlich legte sie ihren Arm um meinen Hals und küßte mich heftig auf den Mund . Ihre Augen standen voll Thränen . » Adieu ! adieu ! « wiederholte sie schluchzend . » Gehn Sie nicht so ! bitte , kommen Sie mit mir hinauf ! « bat ich tief beunruhigt , aber sie schüttelte meine Hand ab und lief davon . Aus den vier Wochen wurden drei Monate . Die alte Heimat hielt mich fest mit vielen Liebes-und Freundesbanden . - Sie war auch so gewachsen , die große Stadt , die immer schon groß gewesen . Und riesenhaft in ihr gewachsen schien mir das Elend . Es schaute mich beweglich an aus unzähligen kellerblassen , hohläugigen Gesichtern von Kindern , die der Hunger daheim in frühen Morgen- und späten Nachtstunden hinausgetrieben , um dem Erwerb nachzugehn . Kleine Schulkinder , die vor und nach dem Unterricht in strengen Mägdedienst gespannt waren , ohne Frische , ohne Lebenslust , altkluge kleine Pfennigjägerinnen , denen die Schule nur unnötige Zeitvergeudung schien , weil man nichts verdienen konnte , während man dort saß . Kleine Austräger , die mit Manneslasten auf den Kinderschultern auf dürren Beinchen über die schmutzigen Straßen wankten , die kein Spiel , keine Tollheit mehr trieben , wenn sie einen Augenblick frei hatten , sondern matt und schläfrig an den Hausmauern hockten und teilnahmlos auf den Schnee starrten . Bis ein Mann kam und sie anwarb und jedem von ihnen eine Schaufel in die Hand drückte und sie wieder etwas zu schaffen hatten ; - hier die Schaufel und dort die Bezahlung , und nun vorwärts in Reih ' und Glied , wie die Zwangsarbeiter ! Wie die Galeerensträflinge . Das war die Jugend , die Hoffnung der Zukunft , das Volk von morgen . Und ringsum , auf Schritt und Tritt , der rasende Konkurrenzkampf der Erwachsenen , der Läden mit den Lockmitteln : Farben und Licht , der Bilder und Schilder und Bildchen und Schildchen , die alle nichts waren als Reklamen ganz ebenso wie die Riesenschriften auf Schritt und Tritt , die wie Theaterfeerien nun in Rot , dann in Grün , jetzt in Weiß strahlten . Da wimmelten die Frachtwagen , die immer neue Güter heranschleppten , auf den schmalen , krummen , hochhäuserigen Straßen , wie dort , im Hafen , die Schiffe , schnaufend und schwarzen Dampf ausstoßend gleich Unterweltgeistern , ungeheure Lasten von Nötigem und Unnötigem , über die Stadt ausgossen . Da brüllte die Fondsbörse , deutlicher als sie alle , ihren wilden Schrei : » Brot ! Brot ! Brot ! « aus heisergeschrienen Kehlen . Angezogen und abgestoßen , zerrissen von Furcht und Mitleid wie vor einer Welttragödie , die sich da aufführte , blieb ich drei Monate . Und durch die Straßen Zürichs ging lauer Aprilhauch , als ich zurückkam , und die Sonne , die ich in drei Monaten drei Tage kaum gesehn , begrüßte mich mit einem warmen siegerischen Lächeln : es sollte einmal wieder Frühling werden in der Welt . Nach einigen Tagen war ich wieder im alten Gleis , freute mich , daß die Berge noch standen , und daß der blaugraue See nur Vergnügungsdampfer und Sonntagsruderer trug : ein Gefühl wohligen Ausruhens , nah einer großen feierlichen Natur , war über mich gekommen . Die Kollegien begannen erst in einigen Wochen , auf den Straßen sah man keine Studenten , auch keine Fremden , keine Reisenden , die Schweiz schien ganz den Schweizern zu gehören , und das erhöhte die Stille und Behaglichkeit . Ich wußte zwar , auch hinter diesen weißen saubern Mauern ist nicht alles Frieden ; Kampf und Spannung , Gährung und Hetzjagd spielt auch hier hinter den hellgrünen Fensterläden , aber es vergißt sich leichter unter einem milderen Himmel , und noch hat der Daseinskampf nicht die brutalen Großstadtformen angenommen . Hier schien noch Freude möglich . Und mit Musik und Blumenkränzen , mit buntem Maskenscherz und Feuerwerk zog eines schönen Tages im April der echte Zürcher Frühling ein , und alte Männlein in buntscheckiger , närrischer Verkleidung , und vierjährige Büblein und Armkinder in schimmernden Schalksröckchen und Engelsflügeln durchwanderten die sonnigen Straßen , und Zigeuner mit geschwärzten Gesichtern und Nubier auf Kamelen schrien auf Züridüütsch ihren Lenzgruß hinaus , und am Abend , um sechs Uhr , unter dem festlichen Geläute aller Glocken ward der Winter verbrannt , der alte Frostriese , der die Welt für Monate in Eisesbanden gehalten . Ich stand mitten unter der fröhlichen , schaulustigen Menge auf der prächtigen Quaibrücke , wo der rote Schimmer des Sonnenuntergangs den aufsteigenden Qualm vergoldete und sah , wie die weiße Riesenpuppe auf dem haushohen Pfahl von den ersten Flammen umzingelt ward , und wie dann zischend eine Menge glühender Schwärmer , Frösche und Raketen ihrem Kopfe entflogen , lustig in der blauen Luft zerstiebten und beim Zerkrachen ein lachendes Echo aus Kindermund weckten . Der » Bögg « erbebte . Nun flog ein Arm davon , nun stand die ganze Figur im Feuer . Zahllose fröhlich emporgewandte Gesichter standen rotbestrahlt , auch die Erwachsenen in kindlicher Freude . Plötzlich aber fiel mein Auge auf ein Antlitz von ganz andrem Ausdruck . Angst , ja Entsetzen spiegelte sich in diesen weitaufgerissenen Augen , die Mundwinkel waren hinabgezogen , die Unterlippe fest eingebissen ; so starrte sie wie gebannt auf die brennende Gestalt . Und merkwürdig !