Wassermann , Jakob Die Juden von Zirndorf www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Jakob Wassermann Die Juden von Zirndorf Dem Andenken meines Vaters Vorspiel Gemächlich schwebt die Zeit hin über die Länder und über die Geschlechter , und wenn sie auch Städte zertritt und Wälder zerstampft und neue Städte und neue Wälder hinwirft mit gleichgültiger Gebärde , so vermag sie doch dem heimatlichen Boden niemals seine Lieblichkeit zu rauben oder seine Rauheit , kurz jene Gestalt und jenes Antlitz , womit die Heimat ihren Sohn erfüllt , indem sie ihn gleichsam als ihr Eigentum in Anspruch nimmt und ihm auf den Weg seines Lebens die Worte ins Herz sät : aus meinem Ton bist du gemacht . Die süße und einschmeichelnde Linie des Horizonts , die von den Mauern Nürnbergs über Altenberg nach der Kadolzburg zieht , hat sicherlich im Lauf der Jahrhunderte keinerlei Veränderung erlitten ; es sei denn , daß ein gewitterreicher Sommer eine einsame Pappel gefällt , oder daß eine ungestüme Überschwemmung einen stillen Fichtenhain mit fortgerissen hätte . Dort , wo Rednitz und Pegnitz zusammenfließen , haben freilich die letzten zweihundert Jahre den Flor der Wälder vernichtet , aber weiter hinüber , jenseits der alten Veste mit ihren Steinbrüchen und ihren dunklen Tannen , dehnt sich der fränkische Gau seit Urandenken als eine weite , breite , friedliche , fruchtbare Ebene , wo das Korn gedeiht und die Kartoffel gedeiht und der Mohn blüht und die weiße Rübe reist . Aber in jenem Winkel zwischen den beiden Strömen haben die Kriege des siebzehnten Säkulums dem natürlichen Schmuck des Bodens gar sehr Abbruch getan . In den dreißiger Jahren befand sich hier das große Lager der Schweden , und der geängstigte Bauer fand seine Äcker mit Blut gedüngt . Schnellfüßig hastete der Kriegsschrecken durch Franken , und die kurfürstlich Onolzbachischen und die Nürnbergischen sahen sich gleicherweise gedrängt , Mut und Gottvertrauen nicht fahren zu lassen . Lange Jahre gingen hin , bis die zertretenen Felder wieder zu ihrer natürlichen Fruchtbarkeit erstarkten , und selbst nach dem Friedensschluß lag noch manches Stück Land verödet . Überall zeigten sich Spuren frecher Feindeshände . Unweit der Kapelle Karls des Großen , die am Schießanger in Fürth steht , ragt ein mächtiger Steinhaufen in die Höhe , und man sagt , die Schweden hätten ihn aufgerichtet als ein Wahrzeichen ihrer Siege : nämlich jeder Stein bedeutet ein geplündertes Haus . Langsam entfaltete sich der Frieden wieder ; schüchtern wuchs er heran und sah mit ungläubigen Augen ins ebene Land der Regnitz hinauf . Das Volk begann zu vergessen , und es kam die Zeit , wo schon die Väter und die alten Veteranen von den Schrecken der Schlacht erzählten , und sie ließen sich die Mühe nicht verdrießen , die erlittenen Fährlichkeiten phantasievoll auszuschmücken , und was sie an Heldentaten von andern vernommen , sich selbst zuzuschreiben . So war es Kriegerbrauch seit Kriege bestehen , und auch die von Franken waren mit ihrer Zunge mehr Helden als mit ihrem Arm . Der Krieg gewinnt an Buntheit und an Froheit , wenn ihn die Jahre fortgetragen haben , und gar mancher erzählt schmunzelnd von denselben Gräueln , die ihn einst erzittern ließen bis in seine tiefste Seele . Auf jenem Schwedenstein bei der Kapelle befand sich unter vielem andern Gemäuer ein gut zubehauener Granitblock , welcher mit seltsamen und fremdländischen Lettern bemalt war . Es war eine jüdische Inschrift auf einem Grabmonument ; die Schweden hatten ihn vom Gottesacker der Juden gestohlen und ihn mitten unter die Steine rechtgläubiger Christen geworfen . Kein Christ wagte es aber , den Stein zu entfernen , denn ein großes Befremden ging von seinen verschnörkelten Lettern aus und sie hatten Furcht , daß sie dem Bann eines Zauberspruchs verfallen möchten , wenn ihre Hand den verruchten Judenblock berührte . Mehr als drei Jahrzehnte lag der Grabstein so ; wollte man seine Inschrift in die Sprache jener Zeit übersetzen , so lautete sie : » Der schöne Joseph , den man nur gern angesehen , unsere Augen-Lust ist nicht mehr vorhanden . Jetzt sind ihm Gabriel und Michael als Hüter zu seiner rechten und linken Hand zugegeben worden . Die Jahre seines Lebens waren wenig und boeß . Er brachte sie nicht höher als auf siebzig . Er war ein solcher Regent , der wie Barak und Deborah das Volk mit großem Ruhm regieret . Er suchte seine Lust in dem Studieren , sein Sterben war wie seine Geburt , nemlich ohne Sünde . Als seine Seele am fünften Tag in der Woche von ihm geschieden , hörte man Heulen und Weinen . In Bamberg ist er freudig gestorben , den achtundzwanzigsten Tag des Sivans . Jetzt ist dies die Zeit , da wir vor Jammer und Herzeleid unsere Kleider zerreißen und unserer Augen Tränen fließen lassen . Nach seinem Abscheiden hat man ihn zu Fürth zur Grabesruhe gebracht . Seine Seele soll gebunden sein in das Bündelein der Lebendigen mit der Seele Abrahams , Isaaks und Jakobs und der Sara . « Lange Zeit hindurch war es der Kummer der Juden , einen Stein aus ihrem Heiligtum solcher Entweihung preisgegeben zu wissen . Sie glaubten , die Seele des schönen Joseph , des Naphtali Sohn , hätte keine Ruhe und wandle allnächtlich klagend zum Schwedenstein . Denn auch sie wagten nicht , den Stein zu entfernen , weil der Schwedenstein als eine Art von Friedens-Symbol galt , und jede Beschädigung einer Vorbedeutung neuen Krieges gleichgeachtet wurde . Schwer trug der Bürger und der Bauer noch an Kriegeslasten , und viele ließen vom Pfaffen ein Bittgebet um langen Frieden sprechen . So stand also das Grabmal der Juden unter ungleichartigen Genossen wie ein Fremdling aus weiter Ferne . Es sprach eine unbekannte Sprache und seine edlere Form ließ es zu besserem Dienst berechtigt erscheinen . Es blickte nicht hinaus auf die Ebene , sondern sah herein gegen die niederen Häuser und in die krummen , winkeligen Gassen von Fürth . Unfern rauschte der Fluß hinunter ins Bistum Bamberg , und wenn er im Herbst die gelben Fluten zum Uferrand und noch weit darüber hinauswälzte , so mußten bisweilen einige Linden am Schießanger ihr Leben lassen . Das Wasser brach sie wie dürre Zweiglein und trieb sie ins Mainland hinab , innig gesellt mit Balken und Astwerk und Hausgeräten und allerlei spaßhaften Dingen , die der wildgewordene Strom aus der Stadt Nürnberg mit sich führte . Wenn der Stein des schönen Joseph an Gottesfrieden verlor , so gewann er hingegen an Weltweisheit und Kenntnis der Dinge und Menschen . Ernst besah er sich das Treiben der Leute , die um ihn herumwandelten wie Sperlinge um einen gedeckten Tisch ; Gewitter und Schneegestöber , Regen und Sonnenhitze , er hielt sie mit gleicher Geduldigkeit aus , und wenn die sanfte Nacht seine graue Stirn beschattete , so schien darauf noch ein süßer Abglanz der letzten purpurnen Sonnenröte zu haften oder ein Vorglanz des kommenden Morgenrots . Denn die Sonne strahlt diesem Erdstrich beim Aufgang und beim Niedergang mit einer unerhörten Glut , was die Gelehrten dem Dünstereichtum des Landes zuschreiben . Fest , Tanz und Kirmesspiel waren von jeher üblich bei den Fränkischen , die einen leichten Sinn haben und ihre Pfennige gern zum Schenkwirt tragen . An einem Kirchweihtag im Oktober , siebzehn Jahre nach dem großen Friedenspakt , - das Volk jubelte auf dem Schießanger , zum Tanze schwangen sich die Mädchen und lustige Weisen spielten die Zigeuner und Spielleute - ging ein alter Mann , nachdem er lange Zeit nachdenklich vor der jüdischen Inschrift am Schwedenstein gestanden , gegen den Anger zu . Der Abend sank schon herab und der Himmel war von einem matten Rot getränkt . Blaue Schatten fielen auf den rauschenden Fluß , Schmiedehämmer tönten von fernen Gassen her , und der schrille Laut verklang erst weit draußen in den Wiesen . Dann setzte wieder die Musik ein : Orgel und Fiedelbögen , die Maultrommel und die Wasserpfeife . Die Buben lachten und sprangen wild um die alten Bäume , und die Mädchen hatten glänzendere Augen an diesem festlichen Tag . Die Nürnberger Kaufleute boten niegesehene Waren aus , und Seiltänzer , Taschenspieler und Zigeuner versprachen Wunder ihrer Kunst zu bieten . Als die Dämmerung herabsank , wurden Pechfackeln an die Stämme und die fahrenden Häuser der Komödianten befestigt , und der schwere braune Rauch erhob sich in weiten Wellungen , zog hinüber gegen den Strom , zog über die Wiesen hin , und einzelne Funken sprangen knisternd in die Lindenäste . Die dumpfe Glut gab den Gesichtern der Menschen ein abenteuerliches Farbenspiel und die Sterne am Himmel verblaßten für jeden , der sich in dem trüben Lichtkreis befand . Der alte Jude hielt die rechte Hand wie einen Schirm über die Augen und blickte finster und forschend in das heitere Getümmel . Sein Gesicht war von grünlich-weißer Färbung und ein roter Bart floß mager um Wangen und Kinn , so daß er nur eigentlich eine Art von Rahmen bildete und dem Gesicht etwas Fremdes , etwas erschreckend Deutliches verlieh . Die braunen Sterne seiner Augen irrten unruhig in dem geröteten Weiß umher , und bisweilen erweiterten sich die Pupillen rasch wie die eines Raubtieres . Es waren Judenaugen : voll Hast , voll Unfrieden , voll von unbestimmtem Flehen , von einer gedrückten Innigkeit , bald in Leidenschaft flackernd , bald in Schwermut alle Glut verlierend , die Augen des gehetzten Tieres , das angstvoll und kraftlos die Blicke dem Verfolger zuwendet , oder in bebender Sehnsucht hinausstarrt in das ferne Land der Freiheit . » Das Volk ist wild , « murmelte er , » da tanzen sie und blasen Schalmeien und morgen schon wird Gott ein Gericht halten . « Er blieb stehen , verbeugte sich tief nach Osten und lispelte ein kurzes Gebet durch die schmalen Lippen . Unter den Linden des Angers tanzte ein Zigeunermädchen einen wunderlichen Tanz und zwei Burschen spielten die Geige dazu . Eine Menge von Zuschauern hatte sich im weiten Kreis versammelt und alle waren atemlos vor Schaubegierde . So war es immer in den Tagen Remigius , Leodegar und Lukretia in Fürth ; die Menschen erwachten aus dem drückenden Traum ihrer Sorgen und dünkten sich freigeboren und glückbestimmt einmal im Jahr . Nach der Zigeunerin kam ein junges Mädchen von großer Schönheit langsam in die Mitte des Kreises . Sonderbar irrten schmale Schatten auf ihren bleichen Wangen und auf ihrer Stirn , und sie war schlank wie jene Frauen , die man zu Florenz malte . Ein langes Gewand floß an ihrem Leib herab , und sie begann , ohne die Arme zu bewegen , ohne die Augen vom Boden zu erheben , mit klagender Stimme ein Rezitativ : Ich weiß nicht , wo ' s Vögelein ist , ich weiß nicht , wo ' s pfeift . Hinterm kleinen Lädelein , Schätzlein , wo leist ? Es sitzt ja das Vögelein nicht alleweil im Nest , schwingt seine Flügelein , hüpft auf die Äst ' . Wo ich gelegen bin , darf ich wohl sagen . Hinterm grün Nägeleinstock zwischen zwei Knaben . Doch sang sie diese Worte leise und melancholisch . Ihre Lippen zitterten und sie senkte den Kopf tief gegen die Brust . Der Harlekin kam und äffte sie , aber sie blieb starr wie eine Bildsäule ; er begann an ihr herumzuschnuppern und erklärte endlich grinsend , das sei ein feines Aschenputtel für sein Ehegespons . Er wollte sie umfassen und davontragen , da kam ein Ritter in glänzender Rüstung , um sie zu befreien . Der Hanswurst verwandelte sich und stand nun in seiner wahren Gestalt da : als der Teufel . Er kämpfte mit dem Ritter und als er nahe daran war , zu siegen , zog jener ein elfenbeinernes Kruzifix heraus und hielt es dem Bösen hin . Der Satan stieß ein schreckliches Geheul aus und sprang in großen Sätzen davon . Da trat aus einer Lücke in dem Kreis der Zuschauer der alte Jude , stieg über die niedrige Planke hinweg und sein langer Kaftan flatterte im Abendwind , als er auf das blasse Mädchen zuschritt . Sie schlug ihre Augen zu ihm auf und schüttelte sich plötzlich wie im Fieberfrost ; seine Blicke bohrten sich gleich Nadeln in sie ein und sie las etwas in dem flackernden Feuer dieser Augen , das lange schon ihre Seele mit grüblerischer Furcht erfüllt hatte . Es war , als ob ihre Seele auf einmal von frühen Erinnerungen der Kindheit ergriffen würde und darüber erschüttert wäre . Der rotbärtige Jude hatte seine Finger um ihren Arm gelegt , daß sie wie Spangen sich schlossen , und er blickte sie unverwandt an , als ob er einen Wunsch , einen unwiderstehlichen Befehl tief in ihr Herz zu senken wisse , so daß kein Wesen daran zu rühren vermochte . Die Musik schwieg , der Lärm in der nahen Runde dämpfte sich zum Gemurmel , viele empfanden ein zielloses Grauen , viele nur Neugier und Erwartung . Den Fluß hörte man rauschen , der Wind strich durch die Bäume ; er warf gelbe Blätter herab und eine leichte Kühlnis ging herbstahnend über den Anger . Der Jude beugte sich nieder und murmelte in des Mädchens Ohr : » Gedenkst du noch an den Feuerbrand in deiner Heimat , Zirle ? An den Vater , an die Mutter , an die Brüder und an alle andern , die tot sind ? Zirle , denkst dus noch ? « Tränen flossen über des Mädchens Wangen und es schaute völlig verloren in eine vergangene Nacht . Und der Alte fuhr fort : » Um die Mitternacht des nächsten Vollmondes mußt du zu mir kommen ; du wirst Zacharias Naar zufinden wissen , wo es auch sei . Den Messias verkündige ich , dem die geheimnisvollen Tiefen der Wesenheiten offenbar geworden sind . « Ein unwilliges Murren erhob sich über die Störung des Festes und der Fröhlichkeit . Zacharias Naar wandte sich ab von dem Mädchen und schritt bald darauf langsam dem Ausgang des Angers zu . Niemand kannte ihn , alle wichen ihm aus und schnell lief ein Wort von Mund zu Mund : Ahasverus . » Ja ja , er laufft umher wie der tolle Judt , « sagte ein verschrumpftes Weiblein und schnüffelte mit der dünnen Nase in der Luft umher . Sie wisse einen Spruch , erzählte sie mit klirrender Stimme den jungen Leuten , die sie umstanden : Der Jud ' Ahasverus weit und breit vor alters und vor dieser Zeit bekannt , geht nun durch alle Welt , red ' t alle Sprachen , veracht ' das Geld Was er von Christo reden tut , kannst hören hie , doch mit Unmut . Veracht ' ihn nicht , laßt wandern ihn , weil Gott ihm geben solchen Sinn : daß er von Christo , seinem Sohn , red ' t alles Guts und ohne Hohn Ihn zehret ungemessne Pein , es ängstet ihn der Sonnenschein , dein Urtel , wie es auch mag sein , laß Gott , der kennt das Herz allein . Zacharias Naar schritt durch die dunklen Straßen des Orts zum Tempel der Juden . Dort war noch Gottesdienst , denn es war der Vorabend des Versöhnungsfestes . Bald stand er unbeachtet unter der Menge der Gebete Murmelnden , den Tallis um die Schultern , und starrte mit glühenden Augen gegen den Altar . Keine friedliche Feststimmung herrschte in diesem Raum . Jeder schien seinem Gott für sich zu dienen , und bisweilen entstand ein unbestimmter Lärm , in dem sich eine schreiende oder keifende Stimme abhob . Ein dumpfer Höhlengeruch erfüllte das Gotteshaus ; es roch nach altem Leder , nach alten Gewändern , nach Rauch und faulem Holz . Kinder standen umher und glotzten mit stumpfsinniger Andacht in Bücher mit gebräunten Blättern . Der Raum glich einem unterirdischen Gemach für Verschwörer , einer Büßerklause für Asketen ; nichts von Lebensfreude und nichts von Gottesfreude war hier zu finden . Die Lichter qualmten und wer aus freier Luft hereinkam , glaubte alsbald in eine schwül-qualmende Schlucht zu versinken . Das letzte Kaddisch war beendet ; alle rüsteten sich zum Aufbruch . Da schritt Zacharias Naar dem Altar zu und erhob die Hand : ein Zeichen , daß er zu reden wünsche . Es wurde still und aller Augen wandten sich dem Fremdling zu . Der begann , - nicht laut und scheinbar mehr für sich selbst . Er sprach zuerst in hastig hingeworfenen Worten von der Niedrigkeit und Erbärmlichkeit des jüdischen Volkes ; von der Unterdrückung , die es erlitten , und von der Zerstreuung in alle Teile der Welt . Dann , als er gewiß war , daß alle aufmerksam lauschten , wurde seine Stimme lauter , sie verlor den belanglosen Ton und seine Augen begannen zu blitzen . Er rief den alten Gott der Juden an , der Verheißung auf Verheißung gehäuft und die Armut über sein erwähltes Volk geschüttet habe und die Qualen der Heimsuchung , ärger als zur Zeit der ägyptischen Plagen . Es wurde totenstill . Selbst die Mauern schienen zu lauschen und die Worte mit Begierde einzusaugen . Der Redner fuhr fort : » Der Zorn des Herrn ist entbrannt wider sein Volk , und er streckt seine Hand aus und er schlägt es , so daß die Berge erzittern und ihre Leichen wie Kehricht auf den Straßen liegen . Haben sie uns nicht beschuldigt : ihr vergiftet unsere Brunnen ? haben sie nicht unsere Brüder hingeschlachtet zu Tausenden ? Haben sie nicht geschrien : ihr nehmt das Blut unserer Kinder zum Opfer beim Passahfeste ? Ihr nehmt das Blut und braucht es für euere schwangeren Weiber ? haben sie uns nicht ausgewiesen aus ihren Städten und unsere Häuser verbrannt ? und unsere Güter geraubt ? Müssen wir nicht vogelfrei dahinwandern und viele finden keine Hütte , wie Kain , der seinen Bruder erschlug ? Haben sie uns nicht aufs Rad geflochten und den Henkern im Land preisgegeben wie krankes Vieh ? nicht unsere Kinder verbrannt , nicht unsere Weiber geschändet und als die Pest kam , nicht schlimmer unter uns gewütet , denn die Pest ? Bei alledem hat sich der Zorn des Herrn nicht gewandt . Doch jetzt , jetzt wird er ein Panier aufrichten dem Heidenvolk aus der Ferne und wird ihm pfeifen vom Ende der Erde und siehe , eilends , flugs kommt es . Keilt Matter und kein Strauchelnder ist darunter ; nicht gibt es sich dem Schlummer noch dem Schlafe hin ; auch springt nicht der Gurt seiner Lenden , noch zerreißt der Riemen seiner Schuhe . Die Hufe seiner Rosse sind wie Kiesel zu achten und seine Räder wie der Sturmwind . Gebrüll hats wie die Löwin und brüllt wie die jungen Löwen und knurrt und packt den Raub und trägt ihn davon und niemand vermag zu retten . Und es wird über Juda dröhnen wie Meeresdröhnen und blickt er auf das Land hin , siehe da ist angsterregende Finsternis und das Licht ward dunkel in dem Gewölbe darüber . Nahet euch , ihr Heiden , um zu hören , und ihr Völker , merket auf ! Es höret die Erde , was sie erfüllet , der Weltkreis , und alles , was ihm entsproßt . Denn einen Groll hat der Herr auf alle Heiden , er hat sie bestimmt für die Schlachtung und ihre Erschlagenen werden hingeworfen , und ihre Leichen , - aufsteigen soll ihr Gestank , und es sollen die Berge zerfließen von ihrem Blut . Die Sterne sollen zerbröckeln und wie ein Pergamentum soll der Himmel zusammengerollt werden . Aber unsere Trift soll lustig sein , frohlocken soll unsere Steppe und blühen wie die Narzisse . Sie soll blühen , ja blühen und frohlocken , frohlocken und jubeln ! Die Herrlichkeit des Libanon wird ihr geschenkt und die Pracht des Karmel . Stärkt die erschlafften Glieder und die wankenden Knie macht fest ! Sagt zu denen , die bekümmerten Herzens sind : seid stark ! Aufgetan werden die Augen der Blinden und die Ohren der Tauben geöffnet ! Dann wird wie ein Hirsch der Lahme springen und jubeln die Zunge des Stummen . Denn seht : ein Mann ist aufgestanden in der kleinasiatischen Stadt Smyrna , das ist der wahre Messias und das Himmelreich ist nah ! Ja , ich sehe eure Blicke leuchten und eure Hände beben ! Habt ihr ihn nicht rufen hören von den Gestaden des Mittelmeers ? Ein neues Erlösungswerk geht ihm voran und Olam ha Tikkun wird erstehn . Das göttliche Wesen hat er allein erkannt , er , Sabbatai Zewi ! Sammelt euch , Brüder , richtet euch empor , richtet eure Weiber empor , lehrt eure Kinder seinen Namen aussprechen und eure Waisen tröstet mit seinem Wort ! Im Jahre fünftausendvierhundertundacht der Welt begann die Erlösungszeit zu tagen , und in diesem Jahre hat sich Sabbatai Zewi uns offenbart . Wunder über Wunder hat er verrichtet und die Juden des Morgenlandes jauchzen ihm zu . « Ein furchtbarer Tumult unterbrach den Redner . Lange schon war die Kunde von dem Ereignis nach Franken gedrungen , aber stets waren es nur dunkle Laute gewesen , geheimnisvolle Andeutungen : von wandernden Mönchen , von wandernden Juden oder von Zigeunern hergetragen . Es war nur das dumpfe Geräusch eines sehr fernen Wetters gewesen , das die Gemüter wohl in nächtlicher Stille und Träumerei zu ergreifen vermag , aber das Licht des Tages machte zweifeln und ungläubig . Zum ersten Male nun war es wie ein Trompetenstoß in die Ohren der Juden gefahren , wie ein heller , schmetternder Schlachtruf , wie ein Klirren von tausend Schildern und Schwertern , ein Auferstehungsschrei . Es wurde leuchtend um ihre Augen , rings herum ward es Tag , das bange Los der Unterdrückung schien dem Ende nahe : Sonne , Freiheit , göttliches Auserwähltsein zu großen Dingen , Glanz und Freudigkeit und verzückte Sehnsucht , - eine wundervolle Erfüllung tausendjähriger Glaubensdienste . In ihre bedrückten Seelen fuhr es wie der Aufruf zu einer neuen Weltordnung ; Knaben sahen sich zu Männern geworden , Männer ballten ihre Fäuste und es rieselte ihnen kalt und heiß über den Rücken . Und als der erste Taumel sich gelegt , drängten sie sich um den Fremden , bestürmten ihn um Einzelheiten und lauschten , lauschten . Vergessen war die Stunde der Heimkehr , vergessen die Gebote des Fasttags ; die Weiber drängten sich aus ihren Verschlägen und hörten mit erhitzten Wangen zu . Sie sahen ihn in ihrer Phantasie lebendig werden , den geheimnisvollen Propheten von Smyrna , der am hellen Tag der Geschichte wie ein glühendes Meteor hinwandelte und , ergriffen von lurjanischer Mystik , das Ende der Zeitalter herbeizuführen glaubte . Zacharias Naar erzählte , versunken und hingegeben gleich einem Träumenden : wie Sabbatai seinen Leib kasteite und Sommer und Winter , bei Tag oder bei Nacht im Meer badete . Wie sein Leib vom Wasser des Ozeans einen Wohlgeruch erhielt und sein Auge klar davon wurde . Niemals hatte er ein Weib berührt und obwohl er zwei Frauen vermählt worden war , mied er sie und verstieß sie bald . Ernst und einsam war sein Wesen , und er hatte eine schöne Stimme , mit der er die kabbalistischen Verse oder seine eigenen Poesien sang . Das Jahr sechszehnhundertsechsundsechzig bezeichnete er als das messianische Jahr ; den Juden sollte es eine neue Herrlichkeit bringen und sie sollten nach Jerusalem zurückkehren . Seine Seele ergab sich jauchzend dem süßen Rausch des Gottesbewußtseins . Man hatte ihn von Smyrna verjagt , aber da brach das glimmende Feuer zur verheerenden Flamme aus : seine Demütigung war seine Größe geworden und seine Verklärung . Er ließ zu Salonichi ein Fest bereiten und vermählte sich in Gegenwart seiner Freunde feierlich mit der heiligen Schrift : Thora , die Himmelstochter , ward mit dem Sohn des Himmels in unzertrennlichem Bund vereinigt . Fünfzig Talmudisten speisten an seiner Tafel und kein Armer ging hungrig von seiner Türe . Er vergoß Ströme von Tränen beim Gebet , und nächtelang sang er bei hellem Kerzenlicht die Psalmen . Er sang auch Liebeslieder . Er sang das Lied von der schönen Kaisertochter Melliselde : Aufsteigend auf einen Berg und niederschreitend in ein Tal , kam ich zur schönen Melliselde in des Kaisers Krönungssaal . Mild kam sie einher mit flutendem Haar und ihr Antlitz milde , süß ihre Stimme war ; ihr Antlitz glänzte wie ein Degen , ihr Augenlid wie ein Bogen von Stahl , ihre Lippen waren Korallen , ihr Fleisch wie Milch so fahl . Die Kinder folgten ihm auf den Straßen , indes die Mütter seinen Namen lobpriesen . Er ließ verkünden , daß er vom Flusse Sabbation aus die zehn Stämme nach dem heiligen Lande führen werde : auf einem Löwen reitend , der einen siebenköpfigen Drachen werde im Maule haben ... Wie von einem ergreifenden Zauber umschlungen , wanderten die Juden nach Hause . Das Fieber der Erwartung hatte sie gepackt , das von Land zu Land floß wie ein berauschender Strom . In dieser Nacht konnte keiner schlafen . Man sagte damals , der Herr der Welten öffne seine Tore , den Propheten zu empfangen , oder er pflücke die Sterne vom Himmel , als wären es Trauben am Rebstock , das Volk sähe ein edles Licht , und die Todesschatten verschwänden neben ihm ; hinabgestürzt sei die Pracht der Könige und das Rauschen ihrer Harfen ; der Prophet steige zum Himmel empor und oberhalb der Gestirne errichte er seinen Thron ; viele Stimmen schrien zu ihm empor : Wächter , wie weit ists in der Nacht ? Da verkündete er schon das Morgenrot . In seiner Nähe gab es nichts alltägliches mehr , der Fürst schien dem Bauer gleich , der Bettler dem Richter , keine liebende Hand streckte sich dem Kranken hin , und es war erhaben , alle Pein der Kasteiung zu erdulden und der aufgehenden Gnadensonne zerknirscht entgegenzuwinseln . Die Schule der Kabbalisten glaubte die Verkündigung klarer zu verstehen . Aus dem göttlichen Schoß hatte sich die neue göttliche Person entfaltet , der wahre König , der Messias , der Erlöser und Befreier der Welt und die Herrschaft des Metatron ist zu Ende . Es steht aber im Buche Sohar , sagten sie : Metatron ist das erste der Geschöpfe , der Abglanz Gottes ; er ist die mittelste Säule , die das Himmlische vollkommen macht ; er ist das Vereinigende in der Mitte . Denn der wahre Messias ist der verkörperte Urmensch , der Adam Kadmon der Schrift , ein Teil der Gottheit . Der Tag brach an , ein trüber und dunstiger Herbstmorgen . Kühler trockner Wind ging durch die Gassen . Die christlichen Einwohner waren verwundert über das aufgeregte Wesen der Juden . Der Rabbi Bärmann rannte bleich von einem Haus ins andere . Der Rabbi Salman Klef stand , ein vergilbtes Pergament lesend , stundenlang vor seinem Haus . Salman Ulman Käsbauer rief mit lebhafter Stimme nach dem Fremdling von gestern . Hutzel Davidla hinkte nachdenklich umher und Boruchs Klöß wurde nicht müde , an den heiligen Fasttag zu erinnern und daß man zur Schul gehen müsse . Gegen neun Uhr kam ein staubbedeckter Bote aus der Richtung der Stadt Nürnberg . Er brachte ein Sendschreiben . Michel Chased , der Chassan , nahm es entgegen und die Juden , Männer , Weiber und Kinder in stets wachsender Anzahl , sammelten sich um ihn , als er mit lauter Stimme vorlas . Das Schreiben kam von dem berühmten Samuel Primo , einem Jünger des Sabbatai , und lautete : » Der einzige und erstgeborene Sohn Gottes , Sabbatai Zewi , Messias und Erlöser des jüdischen Volkes , bietet allen Söhnen Israels Frieden . Nachdem ihr gewürdigt worden seid , den großen Tag und die Erfüllung des Gotteswortes durch den Propheten zu sehen , so müssen eure Klagen und Seufzer in Freude und eure Fasten in frohe Tage umgewandelt werden . Denn ihr werdet nicht mehr weinen . Freut euch mit Gesang und Lied und verwandelt den Tag der Betrübnis und der Trauer in einen Tag des Jubels , weil ich erschienen bin . « Ein Todesschweigen folgte diesen Worten . Die Zumutung des Propheten war für dies Volk , das mit unerschütterlichem Fanatismus am Hergebrachten , am überlieferten Gesetz hing , etwas Furchtbares und Unerhörtes . Wolf Käsbauer wurde weiß wie Schnee und stotterte ein hebräisches Gebet . Viele andere , besonders Frauen , beteten ihm nach . Aber es waren doch auch solche da , die von Mut erfüllt waren für die neue und große Sache . Sie riefen Hallelujah und ihre Augen leuchteten dem Kommenden froh entgegen . Der Messias , weil er so fern war , wuchs ins Unermeßliche vor ihren Augen , sein Haupt stand golden in den Morgenwolken , ihre Seele war ausgefüllt von ihm , weil der Druck niederer Dienstbarkeit auf ihnen lastete , die Verachtung eines ganzen Volkes , einer ganzen Welt . Tagelang wohnte eine dumpfe Angst über den Juden in Fürth ; sie wagten nicht aus ihren Häusern zu gehen , sie ergaben sich ganz den Gefühlen der Zerknirschung oder der Erbitterung oder der Reue oder der Hoffnung . Da kam am zweiten Tage nach dem Fest die Kunde aus Norden , der berühmte Hamburger Jude Manoel Texeira , der Vertraute der Königin Christine von Schweden , habe sich öffentlich in der Synagoge für den Messias erklärt . Aus Amsterdam , aus London , aus Prag , aus Mainz , aus Frankfurt und aus Wien gingen Huldigungen an den Propheten ab , und seltsame Zeichen am Himmel machten auch den