Spielhagen , Friedrich Zum Zeitvertreib www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Friedrich Spielhagen Zum Zeitvertreib Erstes Kapitel Jetzt nur noch die Speisekammer , rief Adele , von der Küche aus eine schmale , niedrige Thür nach einem winzigen Gelaß öffnend , das durch ein viereckiges , vergittertes Fensterchen spärlich erhellt wurde . Bewunderungswürdig , sagte Klotilde mit einem gelangweilten Blick über die Schulter der Freundin . Nicht wahr ? erwiderte Adele , sich so schnell wendend , daß Klotilde eben nur noch ihr Gähnen verbergen konnte . Zwölf Fuß im Quadrat - nicht mehr - Elimar hat es ausgemessen . Und alles darin untergebracht - selbst die zwanzig Einmachebüchsen , die mir die gute Mama gestern geschickt hat ! Aber Eure Berliner Baumeister habe ich doch auf dem Strich . Alles für den äußeren Schein : Keine Spur von einem Verständnis für das , was eine Hausfrau braucht . Na ! nun wollen wir wieder nach vorn gehen . Das heißt , erst mußt Du mein Kleid für heute abend sehen . Bei der Gelegenheit kann ich Dir gleich auch noch unser Schlafzimmer zeigen . Elimar mag das zwar nicht . Er findet es undelikat . Ich weiß nicht , warum . Dabei ist doch nichts Schlimmes . Meinst Du nicht auch ? Gewiß nicht , sagte Klotilde , honni soit qui mal y pense . Nicht wahr ? Besonders wenn wir Frauen unter uns sind . Und nun gar wir beide ! Lieber Gott , wir haben doch keine Geheimnisse vor einander ! Ach , Klotilde , wenn ich Dich nicht hier hätte in diesem gräßlichen Berlin ! Freust Du Dich nicht auch , daß wir nun wieder beisammen sind ? Ob ich mich freue ! Also das ist Euer Schlafzimmer ? Das ist unser Schlafzimmer ! Klein , aber furchtbar nett . Findest Du nicht ? Und Morgensonne , sagt der Wirt , haben wir auch . Na , in den acht Tagen , daß wir hier sind , hat noch keine geschienen ; und Elimar ist zweifelhaft , ob sie , wenn sie mal scheint , bis zu uns kommt - im Hochsommer , meint er , wäre es möglich . Abwarten , sage ich . Na , wie findest Du es ? Das Kleid , meine ich . Dein Brautkleid ! Also doch ! Also was ? Ich dachte , Du würdest es nicht wiedererkennen . Ich habe es nämlich während der zwei Jahre schon sechsmal angehabt - zuletzt auf dem Kommandanturball - und jedesmal ein bißchen verändert . Das heißt : diesmal nicht - ich hatte keine Zeit . Meinst Du , daß es noch geht ? Die Damen standen vor dem Bett , über welches das Kleid gebreitet war . Das heißt : es muß gehen , fuhr Adele eifrig fort , während Klotilde hier und da einen Zipfel musternd aufhob ; ich habe kein anderes . Dann ist die Sache ja erledigt , sagte Klotilde lächelnd . Ganz meine Ansicht ! rief Adele . Mein Gott , von einer armen Hauptmannsfrau kann man doch nicht verlangen , daß sie wie eine Prinzessin ausstaffiert ist , besonders wenn man eben einen kostspieligen Umzug durchgemacht hat . Ich deutete so etwas gegen Frau Sudenburg an , und weißt Du , was sie erwiderte : Die Tochter meiner besten Freundin ist mir in jedem Kleide willkommen . War das nicht furchtbar nett von ihr . Was wirst Du denn anziehen ? Meine Auswahl ist nicht viel größer , als Deine : arme Hauptmanns- und arme Assessorenfrauen - c ' est toute la même chose . Ich denke , Dein Viktor steht dicht vor dem Regierungsrat ? Dann haben wir was Rechtes . Aber Kind , es ist Zeit , daß ich nach Hause komme . Eile doch nicht so ! Ich habe mich die ganzen gräßlichen acht Tage auf diese Stunde gefreut . Und bin Dir so dankbar , daß Du gleich heute morgen angetreten bist , nach der langen Nachtfahrt . Es war nicht so schlimm , bloß schauderhaft langweilig . Habt Ihr Euch gut amüsiert ? Amüsiert ? In dem miserablen Ostseenest ? Vier Wochen lang dieselben Alltagsgesichter : shopkeepers , Weiber aus Berlin O. , und , wenn es hoch kam , eine pommersche oder mecklenburgische dicke Gutsbesitzerfrau . Das wird für Viktor auch nicht gerade etwas gewesen sein . Viktor ? Er hat mich bloß hingebracht und wieder abgeholt . Die ganze übrige Zeit in Kopenhagen , Stockholm , und ich weiß nicht wo . Du kennst ihn doch . Die Rosinen in dem Kuchen kommen immer auf sein Teil . Aber den Kindern ist es doch gut bekommen ? Hoffentlich . Ich freue mich so furchtbar darauf , sie endlich einmal zu sehen . Nach den Photographien , die Du mir geschickt hast , müssen es wahre Engel sein . Ich kann es nicht finden . Du wirst Dich ja morgen überzeugen . Ich muß jetzt wirklich fort . Viktor kommt um vier Uhr aus dem Amt . Elimar schon um Drei . Er muß gleich hier sein . Er wird mir es nicht vergeben , wenn ich Dich fortgelassen habe - seine alte Flamme ! Warum hat er dann Dich geheiratet ? Du hattest es gar so eilig , unter die Haube zu kommen . Weißt Du übrigens , daß Kurt Platow nun doch die Comtesse Gardewitz heiraten wird ? Ich wüßte nichts , was mir gleichgültiger wäre . Hast recht , Schatz ! Schwamm drüber ! Ganz meine Maxime . Wenn mir irgend was gegen den Strich gegangen ist - Schwamm drüber ! Das konserviert die gute Laune . Und die glänzenden Augen und die rosigen Backen . Sieh mich einmal an ! Wahrhaftig , ich sehe zehn Jahre älter aus als Du . Sie standen vor dem hohen Stellspiegel - dem einzigen , einigermaßen prunkhaften Möbel in dem sonst bis zur Nüchternheit bescheidenen Gemach - und betrachteten prüfend ihre Bilder : Klotilde ernst , mit einem Fältchen zwischen den dunklen , scharf gezeichneten Brauen ; Adele lachend , daß die weißen Zähne durch die vollen , roten Lippen blitzten . Zehnmal vornehmer , ja ! rief sie . Kunststück ! Du mit Deiner hohen , schlanken Gestalt ! Ich glaube , Du bist in der Ehe noch gewachsen ! Beinahe einen Kopf größer als ich ! Sag ' mal , Schatz ! Du richtest wohl jetzt noch fürchterlichere Verwüstungen in der Männerwelt an , als schon damals ? Du bist nicht gescheit ! sagte Klotilde , den Arm , welchen die andere um ihre schlanke Taille gelegt hatte , zurückschiebend . Ich habe es nicht bös gemeint . Und ich es Dir nicht übelgenommen . Komm ! Meine Sachen liegen , glaube ich , in Deinem Zimmer . Die Damen waren nach Adelens Zimmer zurückgekehrt ; Adele half Klotilden in den Paletot . Es ist kalt draußen ? Für den ersten Oktober schauderhaft . Zieh ' Dich nur heute abend warm an ! Weißt Du , Klotilde , ich fürchte mich ordentlich vor heute abend . Du nicht noch zur rechten Zeit gekommen wärest , ich glaube , ich hätte noch in der letzten Stunde abgesagt . Als ob es die erste Gesellschaft wäre , die Du mitmachst ! Aber die erste in Berlin ! Wo es genau so ist , wie in Magdeburg und überall : Assessoren , Regierungsräte , Geheimräte und so weiter ; Lieutenants , Hauptleute , Obristen und so weiter - immer dieselben stereotypen Gesichter ; immer dieselben stereotypen Redensarten . Es ist zum Verrücktwerden . Was machst Du so ein kleines , dümmliches Gesicht ? Daß ich Dich so reden höre ! Und ich denke , Du schwimmst hier in Glück ! Um Klotildens feine Lippen zuckte ein bittres Lächeln . Sei Du erst vier Jahre verheiratet , sagte sie , Adelens volle Wange leicht berührend , dann wollen wir uns wieder sprechen . Und wenn wir hundert Jahre verheiratet wären , würden wir höchstens noch hundertmal glücklicher sein ; bloß daß es nicht möglich ist . Ja , Du und Dein Elimar ! Du meinst , wir könnten nicht die Ansprüche machen ? Das habe ich weder gesagt , noch gedacht . Es wäre auch sehr dumm , wenn ich es gedacht hätte . Ich wüßte nicht , welche Ansprüche ich vor Dir voraus geltend machen könnte , oder Viktor vor Deinem Manne ; besonders jetzt , wo er in das Kriegsministerium berufen ist und zweifellos eine glänzende Carriere machen wird . Die Damen standen in der geöffneten Thür , Klotilde bereits halb auf dem schmalen , dunklen Flur . Aber sie machte keine Anstalt zum Gehen , sondern blieb unbeweglich , nachdenklich vor sich nieder blickend . In Adelens Herzen regte sich eine peinliche Empfindung . Sie hatte nie anders geglaubt , als daß ihre Cousine in der glücklichsten Ehe lebte . Aber ihre letzten Worte klangen nicht danach ; ihre düstre Miene war nicht danach - schon während des ganzen Besuches und nun eben jetzt ! Nicht , als ob wir , Elimar und ich , immer d ' accord wären , sagte sie gutmütig schnell . Gar nicht ! Wir zanken uns oft ganz fürchterlich . Das ist in der Ehe mal so . Nicht wahr ? Je nachdem , erwiderte Klotilde mit demselben starren , nachdenklichen Blick . Viktor und ich zanken uns nie . Na , da siehst Du es ! rief Adele triumphierend . Aus einem sehr triftigen Grunde , fuhr Klotilde fort , die Augen langsam erhebend , aber an Adele vorüber in das Zimmer sehend : er geht seinen Weg ; ich gehe den meinen . Da ist denn dafür gesorgt , daß wir nicht karambolieren . Das ist doch nicht Dein Ernst , sagte Adele ganz verblüfft . Weshalb nicht ? erwiderte Klotilde . Du glaubst gar nicht , wie gut es sich lebt , wenn jeder seine Interessen verfolgt . Was ja nicht ausschließt , daß die Interessen gelegentlich zusammenfallen . Im Gegenteil ! Ich habe zum Beispiel ein großes Interesse daran , daß Viktor in seiner Carriere schnell vorwärts kommt , und helfe ihm dabei , wo und wie ich kann . Aber was kann man dabei groß helfen ? fragte Adele verwundert . Klotilde wurde die Antwort erspart . In der Flurthür wurde ein Schlüssel gedreht ; eine hohe männliche Gestalt trat schnell herein und kam mit langen Schritten auf die Damen zu . Elimar ! rief Adele , ihrem Gatten entgegenlaufend . Rate , wer mich besucht ! Da ist nicht groß zu raten , Närrchen ; erwiderte Elimar , an Klotilden herantretend und die Hand , die sie ihm reichte , küssend . Aber blieb , sehr lieb ist es von Ihnen , daß Sie so schnell gekommen sind , sich meiner Kleinen in ihren tausend Nöten anzunehmen . Wollen wir nicht in das Zimmer treten ? Die wichtigen Dinge , welche die Damen zwischen Thür und Angel zu erledigen pflegen , müßten da freilich vertagt werden . Nur einen Augenblick , sagte Klotilde ; nur um mich zu überzeugen , ob es wahr ist , daß der Mensch mit seinen größern Zwecken wächst . Das sollte mir bei meinen sechs Fuß und darüber doch schwer werden , erwiderte der Hauptmann lächelnd . Aber Klotilde ist noch gewachsen , rief Adele . Jetzt sehe ich er erst recht , wo Ihr nebeneinander steht . Findest Du nicht auch ? Ich finde Deine Cousine nur so schön und schlank und elegant wie immer , seitdem ich das Glück habe , sie zu kennen . Mit welchem Kompliment ich mich denn ganz gehorsamst verabschieden will , sagte Klotilde , sich ironisch tief verbeugend . Also , adieu , Schatz , bis heute abend ! Au revoir , Herr Hauptmann ! Und , wenn ich Ihnen raten darf , gehen Sie heute abend mit Ihren Galanterien etwas sparsamer um : die Konkurrenz ist zu groß . Wenn alle Damen mir durch ihre Liebenswürdigkeit die Galanterie so leicht machten ! Adele , Dein Mann ist positiv gemeingefährlich . Du mußt ihn kürzer in den Zügel nehmen ! Ist schlechterdings unmöglich , gnädige Frau . So sagt Ihr Männer stets . Übrigens das » gnädige Frau « darf ich mir wohl verbitten . Ich denke , wir nennen uns einfach bei unsern Vornamen , wenn wir unter uns , und meinetwegen : lieber Cousin und liebe Cousine , wenn wir unter Leuten sind . Seien Sie versichert , daß ich diese Erlaubnis wie einen höchsten Orden tragen werde . Nun mach aber , daß Du fortkommst ! rief Adele , Du verdrehst mir ihm ja völlig den Kopf . Aber Schatz , von Zeit zu Zeit einem Manne den Kopf zu verdrehen , das ist doch noch der einzige Spaß , den wir im Leben haben . Sie war zur Flurthür hinausgeschlüpft , Adele hatte sich in den Arm ihres Gatten gehängt , während sie über den dunklen Korridor nach dem Wohnzimmer gingen . Sie meint es gewiß nicht so , sagte Adele , den untergefaßten Arm zärtlich drückend . Ich weiß nicht , erwiderte Elimar ; ihre Augen schienen mir das Programm zu bestätigen . Ja , was ist das nur mit ihren Augen ? rief Adele . Es ist mir auch aufgefallen . Die sind gar nicht mehr wie vor vier Jahren . Hast Du nicht auch die Empfindung , daß sie in ihrer Ehe nicht glücklich ist ? Möglich wäre es schon . In der Ehe , wie überall , stoßen gleichnamige Pole einander ab . Was heißt das : gleichnamige Pole ? Das heißt erstens , daß Du mein höchst ungleichnamiger Pol bist ; und zweitens , daß ich in Ohnmacht falle , wenn nicht in fünf Minuten die Suppe auf dem Tisch steht . Mit Dir ist doch kein vernünftiges Wort zu sprechen , Du Ungeheuer ! Wenn ich nur wüßte , weshalb ich Schaf das Ungeheuer so lieb habe ! Sie hatte , sich auf die Zehen stellend , Elimar ein paar herzhafte Küsse auf die Lippen gedrückt und war zu Thür hinaus . Elimar war aus dem Wohnzimmer in sein kleines Arbeitskabinett nebenan getreten , legte die Mütze und eine dünne schwarze Mappe , die er noch immer unter dem linken Arme geklemmt hielt , auf den Tisch , schnallte seinen Säbel ab , den er in die Ecke stellte , und begann , langsam die Handschuhe ausziehend , nachdenklich auf und ab zu gehen . Ja , ich habe sie sehr geliebt , das schöne , schlanke , braunäugige Mädchen . Und sie hat es gewußt ! Wann wüßte ein Mädchen das nicht ! Aber damals spielte die Geschichte mit Baron Platow , der dann abschnappte . Und dann heiratet man Hals über Kopf den ersten Besten , der einem in den Weg läuft und macht sich Zeit seines Lebens unglücklich . - Pah ! Er warf die ausgezogenen Handschuhe in die Mütze . Unglücklich ! Wer ist denn glücklich ? Wer zu resignieren gelernt hat . Niemand sonst ! Elimar ! rief Adelens helle Stimme aus dem Speisezimmerchen neben der Wohnstube . Ich komme , Kind ! rief Elimar zurück . Zweites Kapitel Klotilde schritt die Mauerstraße , in welcher die Wohnung der Meerheims lag , nach der Leipziger Straße zu . In dem Putzladen an der Ecke hatte sie nach einem Fächer zu fragen , der repariert werden sollte . Der Fächer war noch nicht fertig . Während sie vor dem Ladentische wartend saß und eine der Verkäuferinnen die gnädige Frau zu unterhalten sich bemühte , dachte sie an Adelens Kleid für heute abend . Sie hätte ihr doch eigentlich sagen sollen , daß das Kleid für die große Gesellschaft unmöglich war . Sie wird darum doch riesig gefallen . Ich kenne das . Eine neue Erscheinung - danach schnappen sie alle . Und die lachenden Augen , die weißen Zähne , die frischen , roten Lippen - Furore wird sie machen . Daß in dem kleinen , hohlen Schädel auch nicht ein einziger Gedanke steckt - was thut denn das ? Wer fragt danach ? Der Fächer wurde gebracht . Klotilde griff nach dem Portemonnaie . Aber gnädige Frau , lassen Sie doch ! sagte die Verkäuferin . Wir schreiben es zu dem übrigen . Wie Sie wollen . Der Pferdebahnwagen nach dem Lützowplatz kam nicht gleich . An der Ecke standen nur Droschken zweiter Klasse , die sie grundsätzlich nicht benutzte . So fing sie an , die Leipziger Straße hinabzugehen , die im Laden angesponnene Gedankenkette weiter spinnend . Wie er sie nur hat heiraten können ! Ein so geistvoller Mensch ! Darüber ist doch nur eine Stimme . Sie hätten ihn auch sicher sonst nicht in das Kriegsministerium genommen ! Und dieses Gänschen ! Diese richtige Gans ! Ihre paar Groschen können es auch nicht gewesen sein - die hätte er bei mir ebenfalls gehabt . Und was kann ihm der Schwiegerpapa-Oberst a.D. für seine Carriere nützen ? Also das hübsche Mäskchen und die Langweile - die grauenhafte Magdeburger Langeweile ! Ein bißchen amüsanter ist es hier doch . Doch wenigstens die Möglichkeit einer interessanten Begegnung , eines pikanten Zufalls . Klotilde war bis zur nächsten Haltestelle , gekommen , gerade als der erwartete Wagen sie einholte . Sie stieg ein . Der Wagen war nur mäßig besetzt , was sie durchaus in der Ordnung fand : ein sehr gefüllter erschien ihr stets als eine persönliche Beleidigung . Wer mag denn mit Krethi und Plethi in dem engen Kasten eingepfercht sein ! Nichtsdestoweniger musterten ihre scharfen Augen gewohnheitsmäßig die Insassen und blieben auf einem Herrn in der entferntesten Ecke der gegenüberstehenden Bank haften . Da war ja so etwas von einem pikanten Zufall ! Wenigstens begegnete einem ein so hübscher Mann nicht alle Tage . Man hätte ihn vielleicht sogar schön nennen können , mit seiner geraden Nase und dem offenbar sorgfältig gepflegten , rötlichen Vollbart . Ein Offizier in Civil ? Möglich ! Nur daß der Anzug dafür vielleicht zu elegant war und vor allem zu gut saß . Auch pflegen Offiziere unterwegs nicht in einem Buche zu lesen . Wenn er doch mit dem dummen Lesen aufhören wollte , daß man wenigstens seine Augen sehen könnte ! In dem Momente senkte der Herr das zusammengeklappte Buch zwischen den behandschuhten Händen auf die Kniee ; steckte es dann in die Seitentasche seines Paletots ; ließ seine Blicke durch den Wagen schweifen und sah mit der Miene eines , der sich tödlich langweilt , seitwärts zum Wagenfenster hinaus auf die Straße . Klotilde war empört . Sie hatte , als der Herr sie erhob , seine Augen sehr deutlich gesehen : ganz ungewöhnlich große , ausdrucksvolle , blaue Augen ; und förmlich körperlich gefühlt , daß diese Augen , im Vorüberstreifen des Blicks , ein paar Sekunden auf ihr geruht hatten . Und konnten jetzt durch das Fenster nach der wimmelnden Menge auf dem Trottoir starren , als ob es hier im Wagen schlechterdings nichts zu sehen gäbe ! Ich habe mich geirrt , sagte sie bei sich ; er gehört nicht zur Gesellschaft . Während der Wagen in vollem Fahren war , hatte sich ein Herr auf den Hinterperron geschwungen , einen Blick in den Wagen geworfen , mit freudig erregter Miene vor Klotilde tief den Hut gezogen und stand jetzt , die Thür eilig aufschiebend , vor ihr , auf den leeren Sitz neben ihr deutend . Darf ich , gnädige Frau ? Aber , lieber Fernau , was könnte mir angenehmer sein ? Sie sind die Güte selbst , rief der junge Mann , Klotildens dargebotene Hand feurig drückend , während er ihr zur Seite Platz nahm . Seitdem ich weiß , daß gnädige Frau Pferdebahn fahren , werde ich mich nie eines andern , als dieses mir so verhaßten Vehikels bedienen . Ja , lieber Freund , wir armen Assessorenfrauen - Wer denkt an arme Assessorenfrauen , wenn er Sie sieht ! Wer kann Sie sich anders vorstellen , als in einem goldnen , von Tauben gezogenen Wagen ! Den ich mir sofort anschaffen werde , sobald ich Ihnen in einem Muschelkahn begegnet bin , vor den ein Schwan gespannt ist . Gnädige Frau waren gestern im Lohengrin ? Ich habe mit Bedauern bemerkt , daß Sie fehlten . Sehr gütig ! Aber , offen gestanden , seit ich im Sommer in Baireuth die Musteraufführung gesehen habe , kann ich mich nicht entschließen , mir den kolossalen Eindruck durch unsern landläufigen Schlendrian hier zu verleiden . Aber ein Schwanenritter im seidenen Wams , das denke ich mir schrecklich . Ich versichere , gnädige Frau - das heißt : ich war auch stupéfait ; aber nur im ersten Augenblick . Dann ging mir sofort das rechte Licht auf . Und nun gar Sie , mit Ihrer für alles Großartige so empfänglichen Seele - Sie würden entzückt sein . Klotilde hatte das leise Gespräch mit ihrem Bewunderer eifriger geführt , als sie es sonst vielleicht gethan hätte ; aber ihre Absicht , die Aufmerksamkeit des Herrn da drüben zu erwecken , erreichte sie nicht : er blickte jetzt zwar nicht mehr zum Fenster hinaus , aber gerade vor sich nieder , nach dem ernsten Ausdruck seiner Miene in wenig erfreuliche Gedanken versunken . Kennen Sie den Herrn dort ? fragte Klotilde , ihren eifrigen Begleiter mitten in einem angefangenen Satze unterbrechend . Welchen Herrn ? Klotilde winkte mit den Augen nach dem Nachdenklichen in der Ecke . Legationsrat von Fernau klemmte das Lorgnon in das Auge , blickte in die von der Dame angedeutete Richtung und erwiderte : Nein . Warum ? Wofür halten Sie den Herrn ? Das Lorgnon , welches bereits fallen gelassen war , mußte abermals seine Dienste thun , diesmal länger als das erste Mal . Nun ? Für einen Plebejer , der sich furchtbare Mühe giebt , wie ein Gentleman zu erscheinen . Der pure Brotneid ! Aber gnädige Frau , Sie können doch unmöglich anderer Meinung sein ! Vielleicht doch ! Dann werde ich mir von morgen an einen Vollbart stehen lassen und mir Mühe geben , wie ein Schulmeister auszusehen . Und das wäre kein Brotneid ? Ja , bei Gott , er ist es ; furchtbarer Neid auf jeden , der nur an den Saum Ihres Kleides rührt ; nur in Ihre Nähe kommt ; nur - Bitte , halten ! sagte Klotilde zu dem Schaffner , der eben gerade durch den Wagen ging . Gleich , meine Dame , sagte der Schaffner . Klotilde saß in ihre Ecke zurückgelehnt ; ihr Gesicht war lebhaft gerötet . Fernau erschrak ; offenbar war er zu weit gegangen und hatte die schöne Frau ernsthaft beleidigt . Aber das war es nicht . Es war nur , daß gerade in dem Moment , als der junge Mann , soweit es die Schicklichkeit irgend erlaubte , sich zu ihr hinabbeugend , leidenschaftlich hastig die letzten Worte flüsterte , der Herr drüben den Kopf gewandt und sie , wie ihr schien , scharf ins Auge gefaßt hatte . Sie sagte sich sofort , daß es nur zufällig gewesen sein könne ; überdies hatte sie vom ersten Augenblick etwas der Art gewünscht , die kleine Komödie wesentlich deshalb gespielt und fühlte sich jetzt beschämt wie ein Schulmädchen , das der Lehrer an der Straßenecke im têtê-à-tête mit dem hübschen Primaner ertappt . Sie zürnen mir , gnädige Frau , sagte der junge Mann bedrückt . Ach , lieber Freund , da hätte man viel zu thun , wenn man Euch Kindern so oft zürnen wollte , wie Ihr es verdient . Wir sehen uns doch heute abend bei Sudenburgs ? Gewiß , gnädige Frau . Dann also au revoir ! Darf ich bitten , mich dem Herrn Gemahl zu empfehlen ? Wenn ich ' s nicht vergesse ! Der Wagen hielt . Fernau wäre für sein Leben gern mit der schönen Frau ausgestiegen ; aber er wagte es nicht . Dafür warf er , während der Wagen weiter fuhr , dem Herrn in der Ecke mehr als einen wütenden Blick zu , welchen dieser , der wieder vor sich nieder sah , glücklicherweise nicht bemerkte . Das ist doch seltsam , sagte Klotilde bei sich , während sie in der Querstraße auf ihre Wohnung zuschritt . Was war das nur eigentlich mit dem Herrn ? Er war nicht einmal so schön wie Fernau ; und Fernau hatte recht : trotz seiner Eleganz sah er doch eigentlich wie ein Spießbürger aus . Dennoch - wunderlich ! ich glaube wahrhaftig , das Herz hat mir ordentlich geschlagen . Es ist nur die wahnsinnige Langweile . Es ist nur , weil - Sie brach ihr Selbstgespräch jäh ab . Auf der andern Seite der Straße , um ein weniges ihr voraus , ging ihr Mann . Sie hätte ihn mit ein paar Schritten einholen , auf der fast menschenleeren Straße leichtlich mit einem halblauten : Viktor ! abrufen können . Wozu ? Er würde sich nicht freuen , sie zu sehen ; und sie brannte nicht darauf , sein gleichgültiges : Ach , sieh da , Klotilde ! zu hören . Wenn ihr doch ein Mensch sagen könnte , weshalb sie diesen , gerade diesen geheiratet hatte ! Und weshalb Menschen , die sich nicht mehr lieben , vielleicht einander nie geliebt haben , nun so miteinander weiter leben müssen ! Ein bittres Lächeln zuckte um ihre Lippen . Wie hatte sie zu Adele gesagt : er geht seinen Weg , ich den meinen ! Nun ja : da ging er ; und sie ging hier ! Viktor war an dem Hause angelangt . Er hatte geschellt , blickte , auf das Öffnen der Thür wartend , sich zufällig um und sah seine Frau über den Straßendamm kommen . Ach , sieh da , Klotilde ! Aus der Stadt ? Ja . Ich muß an Dir vorübergefahren sein . Drittes Kapitel Die schönen Räume der Wohnung des Ministerialdirektors Sudenburg hatten seit einer halben Stunde angefangen , sich mit den eingeladenen Gästen zu füllen . Die ersten waren , wie stets , die jungen , unverheirateten Offiziere gewesen , die mit dem Glockenschlage acht sich einfanden - Kameraden , zumeist der beiden älteren Söhne des Hauses , Fritz und Franz , Sekondelieutenants : Fritz in der Artillerie , Franz in der Infanterie . Zum Glück für Stephanie , die kaum noch wußte , was sie mit dem uniformierten , wenig ausgiebigen Schwarm beginnen sollte , waren dann auch bald , beinahe gleichzeitig , ihre liebste Freundin Klotilde mit Viktor , und Adele mit ihrem Gatten gekommen , und sie mußte vorerst einmal Adele , welche ganz neu in diesen Kreis trat , » ein wenig lancieren « . Adele hatte es ihr nicht schwer gemacht . Von der Furcht , die sie heute vormittag angesichts ihres Debüts in der Berliner Gesellschaft gehabt haben wollte , war schlechterdings nichts zu bemerken . Jeder der ihr Vorgestellten , gleichviel , ob Herr oder Dame , schien für sie eine intime Bekanntschaft zu sein , deren Anfang bis in ihre Kinderjahre zurück datierte . Eine entzückende kleine Person , sagte Hauptmann von Luckow zu ein paar jüngeren Kameraden . Diese lachenden , blauen Augen , diese lustig blitzenden , weißen Zähne , dies fröhliche Geplauder - wahrhaftig , das wirkt wie eine Oase auf den verschmachtenden Wanderer in der Wüste . Das Wort machte die Runde . Es dauerte nicht lange , bis - mindestens unter den jüngeren Herren - keiner von Adele anders , als von der » Oase « sprach . Inzwischen hatte sich Elimar ebenfalls sein Terrain erobert , ohne daß man von ihm , so wenig wie von Adele , sagen konnte , er habe es darauf abgesehen gehabt . Aber seine gehaltene , gegen Höher- und Niedrigerstehende gleich liebenswürdige Freundlichkeit ; seine große Unterhaltungsgabe , der jedes Thema genehm , und die doch niemals nach Beifall und Bewunderung zu haschen schien ; die Melodie selbst seiner immer nur halblauten und immer gleich verständlichen Stimme - es wäre nicht erst nötig gewesen , daß der Kriegsminister , der eben erschienen war , ihn , sobald er nur erst die Wirte begrüßt , sofort durch ein längeres , augenscheinlich sehr intimes Gespräch auszeichnete , um die Gesellschaft von der Bedeutenheit des Mannes zu überzeugen . Die Gesellschaft war jetzt beinahe vollzählig ; es schien sogar ein wenig an Raum zu fehlen , aber nur , weil in der langen Flucht der Zimmer einige so gut wie leer blieben , während die Herrschaften sich in einigen wenigen zusammendrängten . Mama hat gut reden , sagte Fritz zu Franz , sich heimlich den Schweiß von der Stirn wischend ; ich kann sie nicht auseinander bringen ; sie stehen wie die Mauern . Wenn man die kleine Meerheim da loseisen könnte ! Es laufen dann gleich ein Dutzend nach . Wird sich kaum noch der Mühe verlohnen . Endlich müssen wir doch einmal zum Souper kommen . Bist Du mit der Tischordnung fertig ? Hat sich was mit Tischordnung , wenn Stephanie mir die ganze Geschichte wieder umkrempelt . Sagt , ich hätte lauter dummes Zeug gemacht ! Wirst Du auch , alter Sohn ! Meinetwegen . Ich bekümmere mich nicht mehr darum . - An einen Schwarm von Herren , der Klotilde umringte , trat Viktor eilfertig heran . Verzeihung , Ihr Herren ! Ich möchte meiner Frau - Bitte ! bitte ! Was giebt ' s ? fragte Klotilde . Hast Du mit Excellenz schon gesprochen ? Welcher ? Es sind ein halbes Dutzend hier . Mein Gott