Janitschek , Maria Die Amazonenschlacht www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Maria Janitschek Die Amazonenschlacht 1 Also das war ihr Zimmer . Sie streifte die Handschuhe ab und sah sich um . Das eiserne Bett , der Schrank aus weichem gestrichenen Holz , die fleckige Tischdecke , das in der Mitte eingesessene Sofa machten keinen besonders freundlichen Eindruck . Aber das Ärgste , nein , das konnte sie nicht sehen . » Fräulein ! « » Jawoll . « » Sagen Sie , müssen diese Öldrucke da hängen ? « » Die Bilder ? I Jott bewahre ! Wenn die gnä Frau schönere hat , können wir die da wechnehmen . « » Schönere ? Ich führe keine Bilder bei mir . Ich habe ja ein möbliertes Zimmer gemietet , aber diese grellen Gemälde schmerzen meine Augen . « » Wollen se fortnehmen . Nachdem , wenn die gnä Frau zum Essen jehn , denn et wird Staub jeben . Die Bilder hängen schon manchet Jahr da . Den Herrn Mietern haben se immer jefalln . « » Ich danke Ihnen . Wasser ist in der Kanne , nicht wahr ? « Die junge Frau neigte sich über den Waschtisch . » Det will ick meenen , dat Wasser drinne is : wenn man von de Reise kommt , det weeß ick schon . Habn Se sonst noch ' n Wunsch ? « Das fahle Gesicht des Dienstmädchens sah mit impertinentem Lächeln auf die junge Dame . » Sonst nischt , denn ziehe ick mir zurück . « Die Thüre fiel ins Schloß . Draußen drehte die Magd die Visitenkarte der Dame zwischen den Fingern . Hildegard Wallner . Also die soll an de Dhüre kommen ? Na meintswejen . Een besonderer Name is det nich . Un nich ' mal Frau steht druf . Nu , man weeß ja ooch nich . - Sie heftete das Kärtchen mit vier kleinen Nägeln an die Korridorthüre . Während dessen tauchte Frau Hildegard ihr Gesicht in die Waschschüssel und wunderte sich , daß man ihr warmes Wasser gebracht hatte . Nach einer Weile steckte sie den Kopf durch die Thür . » Fräulein . « » Jawoll . « » Könnt ich nicht etwas kaltes Wasser haben ? « » Habn Se ja schon . « » Wie ? Ich meine ganz kaltes , von der Leitung . « » Haben Se ja schon , Frau Wallnerchen , haben Se ja schon . Bei uns is det det kältste Wasser . Sonst müssen Se sich von ' n Konditer Eis holen lassen . « Frau Hildegards Lippen verzogen sich leicht . » Danke . « Sie zog den Kopf wieder herein , trocknete sich das Gesicht , kämmte ihr schönes dunkelbraunes Haar , und schlüpfte in ihr Kleid . Dann ließ sie sich auf das Sofa nieder und stützte den Kopf in die Hand . Nun , so arg war es ja wohl nicht , wie es im ersten Augenblick erschien . Natürlich , sie war ihre Kleinstadt gewöhnt mit der schneeweißen Sauberkeit und dem kalten Quellwasser . Dafür hatte sie ja jetzt ein anderes Gut eingetauscht , ein Gut , nach dem sie lange geschmachtet : die Freiheit . Was lag an all den Nebenumständen , die vielleicht jetzt ungünstiger als früher wurden ? Sie würde nun sicher zufrieden werden , besonders wenn sie erst eine Beschäftigung gefunden hatte . Wer , der jahrelang in einer unglücklichen Ehe geseufzt , wird nicht den ersten Tag , da er sich frei weiß , einen glücklichen nennen ? Wenn man bloß denken , Einiges noch überlegen könnte ; aber der Lärm , der von der Straße heraufdrang , war zu toll . Sie schloß das Fenster . Ob das immer und ewig so forttollte ? oder ob heute ein besonderer Tag war , Markttag , oder so etwas ? Sie mußte über sich selbst lachen . Hatte sie sich doch wieder in ihre kleinstädtischen Verhältnisse zurückversetzt . Hier in der Millionenstadt war vermutlich jeder Tag ein Markttag . Sie versank in Gedanken ; dann trat sie zum Fenster , um es zu öffnen . Die Luft hier war gar zu erstickend . Wonach roch es nur eigentlich ? Sie grübelte eine zeitlang ; dann entschloß sie sich auszugehen - irgendwohin zum Mittagessen . Es war ein Uhr , die Stunde in der sie auch zu Hause gespeist hatten . Sie zog das Jaquet an , setzte das Hütchen auf , das sie sorgfältig einer Pappschachtel entnommen hatte , und ging hinaus . Draußen im Vorzimmer am Fenster saß das Mädchen und las . Es war ein Leihbibliotheksband , über und über von Fettflecken bedeckt . Die Lesende ließ ihn langsam in ihren Schooß gleiten . » Juten Apptit , Se jehn woll frühstücken ? « » Nein , ich gehe zum Mittagsbrod ; wo kann man hier essen ? « » Wo ? In ' n Franziskaner , jleich um de Ecke links . Eene Mark det Kuvert . « » So , das wäre nicht zu teuer ; kann eine Dame auch allein hingehen ? « » Det will ick meenen . Ick zum Beispiel dhus ooch . Freilein Schulze jiebt mich Speisejeld , da jeh ick jedn Mittag los . « » Essen auch Sie beim Franziskaner ? « » Nee , ick jeh zur Lachmuskel . Hintn im Hof is eene famose Stube ; in de vorn jelegene jeh ick nich , weils da dheurer is . « » Weshalb kochen Sie nicht zu Hause ? « » I wo denken Se hin ? Bei den weiten Weg , den Freilein Schulze int Jeschäft hat . Un für mir alleene kochen , nee , det wär nischt . « Hildegard schüttelte den Kopf . » Die Thüre da drüben führt wohl zu Fräulein Schulzes Zimmer ? « » Ja det thut se . « » Und wo schlafen Sie ? « » Hier uf ' m Sofa . « Das Vorzimmer war eng , aber anständig möbliert ; Sofa , Tisch , und einige Stühle bildeten seine Einrichtung . Am Fenster befand sich ein Nähtisch . In einer Ecke stand ein Kleiderrechen , daneben ein Reisekorb . » Viel Licht haben Sie hier nicht . « Hildegard sah in den engen Schacht hinab , der den Hof vorstellte . » Brauch ick ooch nich ; dafor jiebts Lampen . « Ob die Dienstmädchen hier alle so impertinent waren ? Frau Wallner maß mit leichtem Stirnrunzeln die Magd . Es schien ihr , als habe sie noch nie ein so häßliches Gesicht gesehen . Um den breiten Mund gegen das Kinn hin befand sich eine Menge kleiner Warzen und erinnerte an die Haut der Kröten . Die Nase glich einem birnförmigen Fleischklumpen ; die Augen stachen zwischen weißlich blonden Wimpern klein und tückisch hervor . Unendlich spärliches semmelfarbenes Haar umgab die niedere Stirn . Armes Geschöpf , dachte die schöne junge Frau ; dann sagte sie mit freundlicherer Stimme als vorher : » Wie soll ich Sie rufen ? Fräulein , ist auf die Dauer doch zu langweilig . « » Find ick nich . Ick heeße Anna Niehm . Aber ick höret lieber , wenn Se mir bloß Freilein rufen . « Hildegards Wangen röteten sich leicht ; dann wandte sie sich zum Ausgang . » Richtig , der Schlüssel . Ich habe noch keinen Korridorschlüssel . « Die Magd erhob sich träg und langte von dem Bordbrett neben dem Sofa einen Schlüssel herab . Hildegard ging vorsichtig die steile enge Wendeltreppe hinab . Unten blieb sie einen Augenblick stehn , um sich das Haus näher zu betrachten . Es war ein ganz schmaler , alter , spitz zulaufender Bau , vielleicht eines der ältesten Häuser Berlins . Das höchst gelegene Fenster , dort bald unterm Giebel , war das ihre . Als sie , noch von Konstanz aus , hier in einer Tageszeitung ihr Wohnungsgesuch einrücken ließ , hatte sie ein besseres Resultat ihres Suchens erwartet . Sie hatte aus einem Wust angebotener möblierter Zimmer gerade dieses hier gewählt , weil die Straße , in der es sich befand , Unter den Linden hieß , und sie sich unter dieser Straße Herrliches vorstellte . Nun , vielleicht würde sie sich auch hier einleben . Fräulein Schulze , die Wohnungsinhaberin kam immer erst abends nach Hause . Sie war von neun Uhr morgens an in einem Geschäfte . Hildegard würde heute Abend mit ihr sprechen . Hoffentlich war sie anmutiger als ihre Dienerin . Das Mittagessen beim » Franziskaner « verlief überaus peinlich für Frau Wallner . Man starrte sie an ; sie errötete , geriet in Verlegenheit und gab so Veranlassung , daß man sich über sie lustig machte und sie noch mehr anstarrte . Nach dem Essen unternahm sie einen Spaziergang , verirrte sich natürlich , mußte in eine Droschke steigen , und kam schließlich gegen Abend heim . Sie war todmüde geworden , warf sich auf das Sofa und schlief ein . Ein starkes Klopfen an der Thür erweckte sie . Eine Dame trat herein . » Verzeihen Sie , daß ich den Schlüssel als Klopfer benutzt habe . Aber wenn man nicht mit etwas Derberem als dem Finger anpocht , hört mans hier innen nicht . « Hildegard , noch ganz verschlafen , lächelte . » Fräulein Schulze , nichtwahr ? O bitte setzen Sie sich . « Sie zog die Andere neben sich auf das Sofa . » Na , ich wünschte bloß , daß es Ihnen bei mir gefällt . Ich habe immer vornehme Mieter gehabt . Es ist sehr ruhig hier ; ich bin den ganzen Tag nicht zu Hause . « » Das thut mir leid , « meinte Hildegard , ihre Hausfrau von der Seite betrachtend , » ich hätte Sie gerne um allerlei gefragt , mir Ihren Rat erbeten . « » Das können Sie ja , liebes Frauchen . « Das gutmütige , volle , stark gepuderte Gesicht der Vermieterin verzog sich zu einem freundlichen Lächeln . » Ich komme jeden Abend gegen elf Uhr nach Hause . Da können wir nachher immer noch ein Weilchen plaudern . « » So spät erst « meinte Hildegard . Das Fräulein zupfte sich die leicht angegrauten blonden Löckchen in die Stirn . » Das nennen Sie spät ? Aber ich bitte Sie , das ist ja ganz zeitig . Um acht Uhr schließen wir das Geschäft , dann gehe ich mit Bekannten soupieren . Dann - übrigens wie ists denn , haben Sie gar Niemand hier in Berlin ? « Frau Wallner schüttelte den Kopf . » Keinen Menschen . « » Das ist traurig , aber - Sie werden mehr Bekanntschaften machen , als Ihnen angenehm ist . « » Wieso ? « fragte Hildegard etwas brüsk . » Ich bin hierhergekommen , um mir eine Stellung zu suchen , nicht um mich zu unterhalten . « » Sie sind von Ihrem Mann geschieden , wie mir Ihr Brief andeutete . « » Getrennt . « Hildegards Wangen färbten sich purpurn . » Und ich wünschte schnell irgend eine Beschäftigung zu finden ? « » Hm . « Fräulein Schulze betrachtete die hübsche junge Frau . » Als was möchten Sie denn angestellt werden ? « » Als was ? Ach , vielleicht als Sekretärin oder so . Ich weiß selbst nicht . Ich spreche französisch und englisch . « » Verstehen Sie die Buchführung ? « » Nein . « » In ein Geschäft möchten Sie nicht . « » In ein Geschäft ? Nein . « Hildegards Augen drückten Befremden aus . » Na ich meinte nur - « Fräulein Schulze lächelte ein wenig . » Wenn man ein einträgliches Auskommen sucht - « » Ich habe immer gehört und gelesen , daß in Geschäften angestellte Damen sehr schlechte Bezahlung erhalten . « » Das trifft nicht überall zu . Ich beziehe zum Beispiel eine jährliche Einnahme von zweitausend Mark . Das ist doch nicht übel , wie ? « » Wahrhaftig ? « rief Hildegard verwundert , » Zweitausend Mark , das ist eine hübsche Summe . Haben Sie sehr viel zu leisten ? « » Ach es geht . Die Schneiderinnen zu beaufsichtigen , einige unserer ältesten Kunden bedienen , und so weiter . « » Ich möchte am liebsten studieren , « meinte Frau Wallner , » aber ich bin wohl zu alt dazu ; auch besitze ich zu wenig Mittel , um mich etliche Jahre über Wasser halten zu können - und so lange dauerts wohl , bis man sich als Rechtsanwalt oder Doctor medicinae Geld verdient . « » Ja freilich , freilich , « sagte das Fräulein , » so lange dauerts schon . Ich habe auch einmal so hohe Träume gehabt , aber - na , man wird bescheidener . « Sie stand auf und drückte Hildegards Hand . » Für heute gute Nacht , Frau Wallner . Ich laß Sie ausschlafen . Morgen Abend erzählen Sie mir mehr , wenn Sie Lust haben . « Sie entfernte sich grüßend . Sie ist nicht hübsch aber sympathisch , dachte Hildegard . Da steckte die Andere den Kopf zur Thür herein . » Wie ists mit dem Frühstück ? Nehmen Sie es hier oder außerhalb ? « Hildegard dachte an das Gesicht der Magd . » Außerhalb , « sagte sie . » Gute Nacht . « » Gute Nacht . « 2 Als Hildegard sich zur Ruhe begeben und die Lampe auslöschen wollte , entdeckte sie , daß überhaupt keine angezündet war . Und doch war das Zimmer in taghelles Licht getaucht . Sie trat verwundert ans Fenster . Eine riesige elektrische Bogenlampe , die unter demselben hing , klärte sie auf . Sie starrte in das blendende Licht . Die Augen thaten ihr weh . Und da sollte ein Mensch schlafen können ? Zu Hause hatte ihr das Mädchen nie dunkel genug im Schlafzimmer machen können . Schon wieder das Rückwärtsschweifen ... Hier wars eben anders . Und die zwei Millionen Menschen schliefen doch , trotzdem sich an den meisten Fenstern keine Laden , sondern nur dünne Stors befanden . Gut , wenns die Andern konnten , wollte sies auch versuchen . Die » Andern « war ja immer ihr Losungswort gewesen . Sie legte sich zu Bette . Bald aber erhob sie sich wieder . Nicht die Helle trieb sie empor , der Lärm , der brausende dröhnende Straßenlärm . Sie hatte ihr Fenster offenstehen lassen , weil die Luft in der Stube so schlecht war . Sie schloß es nun und legte sich wieder hin . Aber die dünnen Glasscheiben machten das donnernde Getöne von draußen nicht leiser . Das Klingeln der Omnibusse , das Getute der Mail Coatch , das Rasseln der Wagenräder , die Stimmen der tausendköpfigen Menge , die sich eng aneinandergepreßt da unten vorüberschob , und aus der der Eine den Andern zu überschreien suchte , klang nervenzerreißend herauf . Hildegard drückte den Kopf ins Kissen . Sie wollte nicht hören , aber sie hörte doch . Sie band ihr Taschentuch über die Ohren . Nun hörte sie schwächer , aber umso beängstigender . Einige Töne klangen sogar vernehmbarer so , andere erstickten zu einem dumpfen Sausen . Furcht ergriff sie . Es schien ihr , als gehörten diese tausend und tausend Töne einem riesigen Ungeheuer an , das in jedem Augenblick die dünnen Wände des Hauses eindrücken , zu ihr hereinbrechen und sie zermalmen würde . Sie erhob sich und ging im Zimmer auf und nieder . Sie suchte sich damit zu trösten , daß all dieser Lärm doch wohl gegen Mitternacht aufhören müßte . Und dann sagte sie sich , daß sie heute übermüdet und besonders gereizt sei . Morgen würde es ihr schon besser gelingen , ihre Nerven dem Getriebe der Großstadt anzupassen . Sie nahm einen Schluck Wasser aus der Karaffe , konnte es aber nicht hinabschlingen . Es mochte wohl seine vierzehn Grad Wärme haben . Ach Gott , nein , das alles hatte sie sich anders gedacht - ganz anders . Und sie war doch kein kleines verträumtes Mädchen mehr . Aber so , gerade so hätte der Anfang nicht zu sein brauchen . Sie hatte sich unter einer Zimmervermieterin in Berlin eine schöne alte Dame mit weißem Haar vorgestellt , die sie mit den Worten empfangen würde : » Liebes Kind , ich will Sie chaperonnieren , seien Sie nur ruhig , wir werden eine gute prächtige Stellung für Sie ausfindig machen ; schlafen Sie sich indessen aus . Sehen Sie , dies ist Ihr Zimmer . « Und die Dame geleitet sie in ein kleines niedliches Zimmerchen . Ein Resedastock steht am Fenster und duftet . Die altmodischen Möbel sind mit weißen Schutzdecken geziert . In der Ecke steht ein grüner Kachelofen . An den Wänden hängen etliche gute alte Ölporträts , die Verwandte aus der Familie der braven Zimmervermieterin vorstellen . Und da kommt auch schon ein Dienstmädchen im sauberen weißen Häubchen , ein zierliches Kaffeebrett mit dem dampfenden Getränk in den Händen . Und die sagt im lieben Badener Dialekt : » Lasse Sie sichs wohlschmecke , Madamche . « Ach Gott ! Hildegard setzte sich auf den Bettrand und begann zu weinen . Das Alles hatte sie ja besessen und weggeworfen , weil sie sich als Frau des Fortschritts fühlte , der das eheliche Zusammenleben mit einem schlichten Menschen viel zu wenig bot , um ihre geistigen Fähigkeiten zu entwickeln . Das Weib muß sich selbständig machen , um beweisen zu können , daß es auch ohne Mann , ja gerade ohne ihn , sich eine hervorragende Stellung auf dem Kampfplatze des Lebens zu erringen vermag . So hatte sie es gelesen , Tag für Tag , in den hübschen blauen , grünen und gelben Broschüren , die ihre » Genossinnen im Streite um ihr Menschenrecht « ihr hatten zugehen lassen . Seit es ihr klar geworden war , daß sie Einhart nicht liebte , war plötzlich der Durst nach » Bildung « in ihr erwacht . Sie begann zu lesen ; zuerst Romane , dann auch anderes . Schließlich war sie kühn geworden und hatte ein oder dem andern Autor , meist waren es weibliche , die sie interessierten , geschrieben . Nach kurzem Briefwechsel wußten die Andern bereits , daß sie eine Unglückliche , Unverstandene sei , eine jener Tausende , die unter dem Sklavenjoch der Ehe schmachteten . Das war ja eine , wie sie sie brauchen konnten . Die Vertreterinnen der männerverdammenden Richtung antworteten ihr und sandten Bücher , Broschüren und Flugblätter aus ihrer Werkstatt an sie . Sie fühlte sich gehoben , beglückt . Nach den letzten trübseligen Monden ihrer Ehe , wo oft Wochen vorübergegangen waren , ohne daß eines der Gatten zum andern sprach , hatte er sie endlich freigegeben . Ihre Bekannten überhäuften sie mit Vorwürfen - Eltern hatte sie nicht mehr - und bewiesen ihr klipp und klar , daß sie eine Närrin wäre , einen braven edlen Mann zu verlassen , den sie überdies aus einem lebensfrohen Menschen zu einem wortkargen Sonderling gemacht hätte . Sie gab scharfe Antworten : daß die andern eben dem alten , sie aber dem neuen Geschlechte angehöre , das zu höhern Berufen geboren sei . Mitzuarbeiten am großen Befreiungswerke der Frau , das sei Pflicht jedes denkenden Weibes . So stolz hatte sie gesprochen , und nun saß sie auf dem Bettrand und weinte , weils unruhig auf der Straße war . Sie griff nach der Uhr , es war beinahe zwölf , und streckte sich wieder aus . Nun mußte es doch jeden Augenblick still werden . Eine Genugthuung hatte sie wirklich . Die elektrische Lampe vor dem Fenster verlöschte . Aber der Lärm ? Als sie wieder zur Uhr griff , war es vier . Und dem Lärm fiel es gar nicht ein , zu verstummen . Es toste , krachte , schmetterte , pfiff fort . Dann endlich begann es zu dämmern . Hildegard wälzte sich mit rotgeweinten Augen auf den Kissen . Ihre Gehörorgane waren so gereizt , daß sie nicht wahrnahm , wie es jetzt mählig stiller und stiller zu werden begann . Sie erwog im Geiste , wie sie Fräulein Schulze sagen würde , sie vermöchte es keine zweite Nacht in diesem Höllenspektakel auszuhalten , das Fräulein möge ihr - sie hatte leider schon die Miete für einen Monat voraus bezahlt - die Hälfte derselben zurückgeben und sie ziehen lassen , sie würde sich sofort um ein anderes Zimmer umsehen . Diesen Vorsatz erwägend schloß sie die Lider . Als sie sie wieder aufschlug , stand die Sonne am Himmel . Hildegard setzte sich verwundert im Bette auf . Hatte sie geschlafen ? Nein , das konnte doch nicht gut sein . Sie sprang auf . Sie mußte ja Fräulein Schulze sprechen , und diese ging schon um neun Uhr ins Geschäft . Es war gleich zehn . Mit einem Seufzer sank sie aufs Sofa . Nun war die Andere natürlich längst fort , und sie würde noch eine Nacht - nein , lieber wollte sie in einem Hotel schlafen . Aber ihr Geld ! Sie mußte sehr sparen , um überhaupt auszukommen . Ihr Mann würde ihr monatlich hundert Mark geben . Mehr konnte er nicht . Er verdiente nicht allzuviel . Sie wusch sich , kleidete sich an und überlegte , was am klügsten zu thun wäre . Und da fiel ihr ein , sie könnte nach dem Geschäft gehen , wo Fräulein Schulze Directrice war . Sie wollte ihr Vorstellungen machen . Ihre Toilette war bald beendet . » Fräulein Schulze ist wohl schon lange fort « sagte sie ins Vorzimmer tretend . Die Dienerin , die nähend am Fenster über ein rosa Kleid gebeugt saß , verzog ihr Gesicht zu einem hämischen Grinsen . » Det will ick meenen . Hier in Berlin werden die Jeschäfter schon vor zehn Uhr jeöffnet . « Frau Wallner runzelte die Brauen und entfernte sich . Sie frühstückte in der ersten Konditorei , an der sie vorbeikam , und begab sich nach der Jägerstraße . Man rief Fräulein Schulze aus der Schneiderinnenwerkstätte in den Laden herüber . Sie war nicht wenig verwundert , ihre Mieterin zu sehen , und lachte hell auf bei deren Anliegen . » Sie glauben doch nicht im Ernst , daß ich Ihnen die Miete zurückzahle , liebe Frau . Nee , das glauben Sie nicht . Aber - « die thränengefüllten Augen der jungen Frau rührten sie - » ich will Ihnen einen Vorschlag machen . Nehmen Sie mein Zimmer , und ich gehe nach vorn . Einen Monat lang werden Sie ' s schon aushalten können . Sind Sie ' s nicht , ists wer anders . Ich böte nicht Jedem diesen Vergleich an , aber Sie dauern mich , weil Sie fremd sind , und weil die dreißig Mark unnötiger Ausgabe Ihnen schwer fielen . Also . Hinten nach dem Hofe zu ists totenstill , und die Herren Nerven werden sich schon zufrieden geben . « Hildegard lächelte schwach . » Also Sie meinen - « » Ja ich meine , so wirds gehen , versuchen wirs heute Abend ; aber jetzt entschuldigen Sie - ja , ja Fräulein Kohler , ich komme schon ! - Sie sehen , man ruft mich ; adieu indessen . « Und zwischen einem Knäuel kaufender Kunden und herumstehender Ladendiener wand sie sich geschickt hindurch und eilte wieder nach der Arbeitswerkstätte . Hildegard verließ kleinlaut das Geschäft . So hatte sie ' s eigentlich nicht beabsichtigt ; aber vielleicht war es besser für ihre Kasse , als ein neues Zimmer zu mieten . Sie erkundigte sich nach den Museen und schlenderte dorthin . Für etliche Stunden vergaß sie über die herrlichen Kunstschätze ihre persönlichen Sorgen . Später ging sie in eine Restauration , aß , und durchflog mehrere Zeitungen . Da fiel ihr eine Ankündigung auf . » Heute Abend , acht Uhr , im kleinen Konzertsaal , Leipzigerstraße , Frauenversammlung . Sprecherin Frau Eugenie Blatt , Fräulein Cornelie Speiler . Präsidentin Frau von Werdern . « Frau Blatt ! Ob das dieselbe war , mit der sie in Briefwechsel stand ? Erst neulich hatte sie geschrieben : Nur Mut ! Unsere Sache wird siegen ! Könnte ich Sie doch sprechen . Wir vermögen nicht genug Soldaten unter unsere Fahne zu bekommen . Gewiß , es konnte nur ein- und dieselbe Person sein . Auch jene hieß Eugenie und war Pionier der Frauensache . Wäre das ein Wink des Schicksals ? Sollte Hildegard nicht gleich hineilen zu dieser Genossin und ihr die ganze hilflose Lage mitteilen ? Natürlich würde sie das thun . Aber heute nicht , morgen . Heute würde Frau Eugenie viel zu thun , sich für den Abend vorzubereiten haben . Morgen . Morgen . Gott sei Dank , der sie diese Notiz hatte finden lassen . Und daß diese Frau gerade hier sprach . Sie wohnte für gewöhnlich in Frankfurt . Hildegards Augen begannen zu strahlen . Nun würde vielleicht doch noch ihre Hoffnung , die große Hoffnung , die sie auf Berlin gesetzt hatte , sich erfüllen . Sie hatte immer gedacht : die andern Frauen sitzen in Dresden , Zürich , Frankfurt , Leipzig , du aber gehst gleich in die größte Stadt , wo die meisten Chancen für die » Sache « sind , und wirst da eine bedeutende Rolle spielen . Hildegard besah sich einige der schönsten Schaufenster in der Leipziger Straße , trat in eine der Konditoreien ein , und ging dann nach Hause . Zu ihrem Erstaunen wars bereits sieben Uhr . Die Zeit verging hier märchenhaft schnell . Das Warzengesicht war nicht zu Hause . Hildegard sah zum Fenster hinaus , frisierte sich aus langer Weile , und ärgerte sich über den Verdruß , den sie über Fräulein Niehms Abwesenheit empfand . Endlich klirrte draußen der Schlüssel im Schloß . Aber nicht Anna , sondern Fräulein Schulze war die Ankommende . » Ei , da sind Sie ja schon « sagte sie freundlich , » ich dachte , Sie wären noch nicht zu Hause . Ich bin Ihretwegen so früh gekommen . Es ist heute Donnerstag . An diesem Abend hat Anna immer Ausgang . Die armen Mädels müssen auch ihr Vergnügen haben . Sonntag Abend kann ich sie nicht recht entbehren . Da habe ich meist Theebesuch ; mein Bräutigam kommt , oder andere Bekannte . « » Wollen Sie nicht bei mir eintreten ? « fragte Hildegard . » Ich denke , wir räumen zuerst um , nur das Bettzeug , das andere macht Anna morgen . Ohne sie bringen wir doch nichts fertig . « Fräulein Schulze ging auf ihr Zimmer und erschien bald mit einem Arm voll Wäsche bei Hildegard . Unter einigen Scherzen wurde das Wechseln der Betten vollzogen . » So , nun kommen Sie in Ihr neues Zimmer ; der Theekessel steht noch drüben , wir wollen eine Tasse Thee trinken . Ich habe meinem Bräutigam heute abgeschrieben , wegen der Umzieherei . « Die junge Frau sagte einige höfliche Worte und setzte sich neben ihre Hausfrau , die den Docht unter der Theemaschine anzündete . Hildegard mußte immerfort auf den dunklen , fast schwarzen Kattunvorhang blicken , der das Zimmer in zwei Hälften schied . Dahinter stand das Bett und der Nachttisch . Hier vorn in der Nähe des Fensters befanden sich etliche Sessel , das Sofa , der Theekessel , eine Kommode , ein Kleiderschrank . » Gefällts Ihnen hier ? « fragte Fräulein Schulze . » Ich müßte eigentlich für dieses Zimmer viel mehr fordern als für das andere , denn eigentlich sind hier zwei Apartements « setzte sie scherzend hinzu . » Aber die Aussicht « warf Hildegard ein , die ans Fenster getreten war . Sie wandte sich schauernd ab . » Sind Sie schwindlich ? « Fräulein Schulze lachte . » Das ist ja schrecklich . Sind die Berliner Höfe alle so ? « » Beinahe alle . « Ein enger Schacht , der so schmal war , daß man die Hand zum Fenster des Vorzimmers strecken konnte , das gegenüber lag , zog sich drei Stockwerke tief hinab . Modrige Feuchtigkeit bedeckte das viereckige Stück Asphaltboden dieses häßlichen Abgrundes . » Die Fenster der übrigen Hinterzimmer sehen auch hinab « bemerkte Fräulein Schulze . Deshalb war sie sofort mit dem Tausch zufrieden , dachte die junge Frau . Hier rückwärts war ja kein Tropfen frischer Luft . Zögernd nahm sie die Tasse heißen Thees , den das Fräulein ihr anbot . » Da sind auch einige Cakes . « Hildegard dankte . Ihr wurde übel in dieser Luft . Die Vermieterin schien etwas gereizt zu werden . » Sind Sie eine Dame von großen Ansprüchen , « sagte sie im Laufe des Gesprächs , » was haben Sie eigentlich für Ihre dreißig Mark erwartet ? Leute in vornehmen Häusern vermieten keine Zimmer . Und zuvorkommender gegen Sie , als ich bin , könnte ich auch nicht sein . « » Aber ich danke Ihnen ja auch herzlich . « Hildegard zwang sich zur Heiterkeit und kämpfte die aufsteigenden Thränen nieder . Ich bin ja auch ganz zufrieden . Blos das Ungewohnte , die große Stadt .... « » Na ja « meinte die Directrice und lehnte sich ins Sofa zurück , » das entschuldigt Sie ja auch . Sonst könnte ich Sie nicht begreifen . Sie sind hier bei anständigen Leuten . Meine Anna ist eine Perle , sie wird Sie