Bierbaum , Otto Julius Stilpe . Ein Roman aus der Froschperspektive www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Otto Julius Bierbaum Stilpe Ein Roman aus der Froschperspektive Erstes Buch Der Knabe Willibald Eine schlechte Kinderstube wird durch kein Begräbnis erster Klasse wett gemacht . Aus Stilpes zerstreuten Papieren . Erstes Kapitel Als mein Freund Stilpe geboren worden war , herrschte , wie das so üblich ist , viel Freude in der Familie . Dies umsomehr , als die Sache anfangs gedroht hatte , bös auszugehn . Tante Pauline , die nachgezählt hat , will es beschwören , daß Stilpe-Vater an jenem schweren Tage dreiundachtzig Mal : Umgotteswillen ! gesagt hat , wobei er sich , zornig halb , halb mit der Miene eines zerknirscht auf alles Gefaßten , in den Achselausschnitt der Weste fuhr und mit sämmtlichen Fingern , außer den Daumen , die eben hinten steckten , auf beide Seiten der Westenbrust trommelte . Und dabei war Stilpe-Vater eigentlich ein sehr ruhiger Mann , seines Zeichens Lepidopterologe , und konnte von sich sagen , daß er die Welt mit Gelassenheit betrachtete . Aber dieser Fall war zu sehr außerhalb der Erfahrungen seines Metiers . Das Kind lag nämlich schief , und Doktor Schatzheber , schon durch diesen Namen zum Geburtshelfer prädestiniert , sah sich genötigt , mit der Zange einzugreifen . Umgotteswillen ! Mit der Zange ! Dem Lepidopterologen , der an die gelinde Art dachte , wie sich die Schmetterlinge auf diese Welt bringen , hätte sich das Haar gesträubt , wenn es nicht schweißnaß am Schädel geklebt wäre . - Nu , nu ! sagte Tante Pauline : das ist das Schlimmste noch nicht . Die Hebamme hat mir erzählt ... - Umgotteswillen , Pauline , verschone mich ! Du bist nie in der Lage gewesen . Also solltest du auch nicht ... Tante Pauline rauschte ab . Es muß gesagt werden , daß die ganze aufregende Geschichte ihr eine gewisse Genugthuung bereitete . Das Verheiratetsein hat also auch seine Schattenseiten ! Ja , ja , ja ! Das versöhnte sie auf eine Weile mit der Welt . Schließlich lief also Alles gut ab , nur daß der kleine Stilpe eine kleine Eindöllung am Hinterkopfe aufwies . Tante Pauline hatte die Güte , fragend zu bemerken , ob derlei nicht Blödsinn zur Folge haben könnte ? - Nein ! schnaubte Doktor Schatzheber , aber , wenn die Wöchnerin nicht bewußtlos wäre , würde ich Sie .... ; dann wusch er seine Zange in Karbol . Tante Paulinens Benehmen ist schuld daran , daß ich vergessen habe , den Schauplatz von Stilpes Geburt zu nennen . Es vollzog sich dieser Akt in Leißnig , einer kleinen sächsischen Stadt , über die ich in Kürschners Quartlexikon nichts weiter finde , als daß sie an der Freiberger Mulde und nicht weit von dem Schloß Muldenstein liegt . Ich habe auch keinen Anlaß , mich bei diesem Gemeinwesen länger aufzuhalten , denn , wenn ich auch zu Beginn meiner Geschichte eine kleine Stilpopädie zu liefern gedenke , so bin ich doch weit entfernt , mich nach dem preiswürdigen Muster des lieben Meisters Rabelais auch mit den Windelerlebnissen meines Freundes zu beschäftigen . Selbst die erste Hose und die Schulzuckertüte bringt mich nicht von dem Vorsatz ab , erst in dem Augenblick einzusetzen , wo mein Freund in das versandfähige Alter eintritt , da man ihn von Hause weg und in fremde Hände gab , genauer gesprochen , da man ihn aus Leißnig nach Dresden und zwar in die Königliche Erziehungsanstalt für Knaben in Friedrichstadt-Dresden gab , die unter dem Namen Freimaurerinstitut bekannt ist . Zweites Kapitel Das Freimaurerinstitut in Dresden-Friedrichstadt verfolgt nicht , wie man aus dem Namen schließen könnte , den Zweck , Freimaurer zu züchten , sondern es erblickt seine Bestimmung darin , aus jungen Knaben , die zu Hause schwer zu glätten sind , wohlpolierte Jünglinge zu machen . Es führt sie aber nicht bis zu jenen Höhen der Bildung , deren Erklimmung die Thore einer Universität öffnet , sondern es begnügt sich mit der bescheideneren , aber zuweilen doch recht mühereichen Aufgabe , seine Pflegebefohlenen nur bis zum Vorhofe des Tempels zu bringen . Dort giebt es ihnen einen leisen Schlag auf die Schulter ( so , wie es den jungen Fohlen geschieht , wenn man sie aus dem Stalle läßt ) und befiehlt sie der fördernden Gnade dessen , der aus Tertianern nach und nach Primaner und weiterhin im sanften Gleisgange Studenten , Doktoren , Pastoren , Professoren , geheime Räte , wirkliche geheime Räte , kurz allerlei Lichter oder auch wohl blos Leuchter macht . Mein Freund Stilpe , von dem ich hoffe , daß ich ihn einst unsern Freund werde nennen dürfen ( aber man hofft manchmal verwegen ) , wurde aus zweierlei Gründen in die Obhut dieser wissenschaftlichen und moralischen Brutanstalt gegeben . Einmal geschah es deshalb , weil der Vater notwendig nach Südamerika reisen mußte , um dort auf irgendwelchen besonders begnadeten Wiesen irgendwelche Schmetterlinge zu fangen , die sich darauf kaprizieren , just und nur dort ihr Dasein hinzubringen , und die deshalb noch immer nicht in die ihnen gebührende Klasse der wissenschaftlichen Schmetterlingsordnung eingetragen waren . Stilpe-Vater hätte aber nicht mit der Seelenruhe , die zu einem solchen Geschäfte nötig ist , in das ferne Land ziehen können , wenn er seinen Sohn nicht in männlicher striegelnden Händen gewußt hätte , als es die der guten Stilpe-Mama waren . Denn es muß gesagt werden , daß Mama Stilpe kein eigentliches Talent für Knabenerziehung besaß . Sie war , eine liebe , nette und hübsche Frau übrigens , zu sanftlebig dazu und hatte das , für andere Kinder vielleicht recht passende , auf Willibald angewandt aber nicht ganz richtige Prinzip , lediglich mit Bonbons zu erziehen . Sie handelte dabei nicht nach irgend einer pädagogischen Schulmeinung , sondern ganz instinktmäßig . Da sie nämlich selber eine Liebhaberin von Konfitüren aller Art war , so hatte sie die Bemerkung gemacht , daß nichts auf ihre Psyche so beruhigend , begütigend , ja im eigentlichsten Sinne bessernd und , wenn die Bonbons besonders auserlesen waren , erhebend wirkte , als die linde sich lösende Süßigkeit dieser Konditorerzeugnisse , und sie meinte nun , es müsse das bei dem noch naiveren Kontakt zwischen der kindlichen Zunge und Seele im Kindesalter erst recht so sein . In den einzelnen Fällen hatte es auch immer den Anschein , als ob sie recht hätte . Der kleine Willibald , so hatte man ihn in der Taufe benannt , reagierte wie ein Engel auf Bonbons . Aber von der höheren Betrachtungswarte der väterlichen Kritik aus machte es sich bald bemerkbar , daß das Allgemeinbild der Willibaldschen Entwickelung sich nicht völlig so süß ausnahm wie die einzelnen Reaktionserscheinungen . Kurz gesagt : Willibald war außerhalb der jeweiligen Bonbonwirkungen eine beträchtliche Range . Der andre Grund zur Überführung des jungen Knaben ins Freimaurerinstitut lag mehr auf wissenschaftlichem Gebiete . Wenn jemand einen Sohn bekommen hat , so meldet sich , kaum daß die erste Windel trocken geworden ist , die ernste Frage : Was soll der Junge werden ? Ist es erstaunlich , daß Stilpe-Vaters Antwort darauf mit der Sicherheit einer Reflexbewegung lautet : ein Lepidopterologe ? Diese Antwort ist durchaus begreiflich . Stilpe senior empfand wie jeder Vater seinen Sohn als eine Fortsetzung seiner selbst ; was lag da näher , als daß er in ihm auch den zukünftigen Fortsetzer seiner Lebensaufgabe sah ? Und nun konnte er sich zwar sagen , daß er selbst schon manchen Schmetterling zur Ehre der Wissenschaft aufgespießt hatte , aber die sattsam bekannte Bescheidenheit unsrer exakten Wissenschaftler erfüllte ihn doch zu sehr , als daß er nicht auch hätte hinzufügen müssen : Es giebt immer noch unaufgespießte Schmetterlinge genug , ja übergenug . Welch ein lieblicher Gedanke aber , daß der Sohn die Schmetterlinge einregistrieren wird , die einzuregistrieren dem Vater von einem neidischen Schicksale versagt gewesen ! Indessen : Stilpe-Vater war ein starker Geist und wußte die Subjektivität des väterlich Angenehmen von der Objektivität der Pflichten zu trennen . Er sagte sich : Man muß alle Thüren offen lassen und bis zu dem Zeitpunkt warten , wo man aus den Schritten des jungen Menschen ungefähr ersehen kann , zu welchen er sich am fügsamsten leiten lassen wird . Nur nicht schieben und stoßen ! Er war durch seinen Beruf an zartere Hantierung gewöhnt . Daher gab er denn seinen Sohn , als der im lateinfähigen Alter war ( ach , wie bald ist das ein Deutscher ! ) , nicht mit plumper Hast auf ein Gymnasium , sondern richtete sein Augenmerk auf eine Anstalt , die beide Wege , den in die Humaniora , und den in die Realistika , offen ließ . Eine solche Anstalt war das Freimaurerinstitut . Im Allgemeinen mehr den realistischen Disziplinen des menschlichen Wissens gewidmet , besaß es doch auch eine Selekta für die unter seinen Zöglingen , die es nach den Reizen des klassischen Altertums oder wenigstens nach den Laufbahnen gelüstete , die nur der lateinisch und griechisch geaichte Jüngling betreten darf . So ward Willibald , als er acht Jahre alt war , in die Zöglingsschaar des Freimaurerinstitutes eingereiht . Acht Jahre alt ! Mit Bonbons erzogen ! Sehr eigensinnig ! Sehr zart ! Sehr blaß ! Und nun plötzlich unter dem Glassturz zärtlichster Bemutterung hervorgezogen und einer Knabenstriegelungsanstalt überantwortet , die geradezu spartanischen Erziehungsgrundsätzen huldigte ... ! Oh mein kleiner Willibald , was wirst du erleben müssen ! Wehe , die Zeit der Bonbons ist vorüber . Willibald erhielt die Nummer 171 , als er ins Institut eintrat . Man schrieb sie ihm mit Tinte in die Wäsche , nähte sie ihm in die Kleider , klebte sie ihm in Stiefel und Mütze ; sie stand auf seinem Kleider- und Bücherschrank , sie stand auf seinem Bette , sie stand auf seinem Waschbecken , seinem Stiefelwichsplatz , seinem Seifenkasten ; und auch auf dem hölzernen Gewehre stand sie , mit dem er exerzierte . Denn es wurde exerziert in diesem Institute , exerzirt unter der Leitung zweier schnauzbärtiger ehemaliger Unteroffiziere , die auch sonst als Knabendresseure einen wichtigen Platz im Erziehungsplane dieser martialischen Anstalt hatten Man kann daraus erkennen , wie eminent modern die Anlage dieses pädagogischen Institutes war . Sie ging nicht aufs Sentimentale , sondern aufs Robuste aus , sie wollte nicht Romantiker erziehen , sondern Realisten , sie wusch die jungen Häute nicht mit Mandelmilch , sondern mit Bimsteinseife . Wie in den meisten dieser Internate , so lebte auch in ihr das bewährte Staffelprinzip des Lebens , das sich in Kürze so darstellen läßt : Die Unteren sind die Fußschemel der Oberen , und keiner kommt ungetreten in die Höhe . So erfüllen diese Anstalten aufs Vollkommenste den erzieherischen Zweck , aufs Leben vorzubereiten . Denn sie nehmen es in seiner ganzen Rohheit vorweg . Der Spaltpilz des Illusionismus wird mit kräftiger Hand ausgemerzt , und die bedenkliche Neigung mancher jungen Seelen ins Optimistische wird durch reichlich und konsequent applizierte Blitzgüsse weggeschreckt . So redet unsere erwachsene Philosophie . Aber , liebe Leute , so ein kleiner Junge von acht Jahren ... Mein Gott , woher soll der erwachsene Philosophie haben ? Er begreift mit nichten die Heilsamkeit des lebensvorbildlichen Getretenwerdens , er versteht ganz und gar nicht , wie wertvoll es ist , sich die junge Haut durch Schinden abhärten zu lassen , ihm fehlt jeder Sinn für das realistisch Tüchtige dieser ganzen Methode . Er fühlt sich einfach kreuzunglücklich . Er denkt an Muttern und weint . So auch Willibald . Was hat der arme kleine Kerl geheult unter seiner Bettdecke ! Und wie hat er manchmal mit den Zähnen geknirscht vor Ingrimm , wenn ihn die Oberen drangsalten , ihn , den » Battling « . So wurden nämlich die Kleinen genannt . Die Battlingschaft war bitter wie die Rekrutenzeit . Ach nein : Wohl bitterer noch . Denn , was so eine junge Seele empfindlich ist , das kann sich ein erwachsenes Gehirn manchmal gar nicht mehr vorstellen . Deshalb wird es gut sein , ich lasse den Battling selber reden . Drittes Kapitel Die Briefe des Battlings . Liebste Mamma ! Du hast mir gesagt , das ich Dir gleich schreiben sol , wie mir es gefellt im Institut . Es gefellt mir gar nicht . Die Jungens sind furchbar grob und haun mich immer und nenen mich Badling . Sie sagen , ich wär ein dumes Gescheeche . Ich mag nicht mer dableiben und wil wieder nach Leisnig . Ach , liebste Mamma , ich weine die ganze Nacht und dan kommen sie und haun mit einem Rohrstock auf die Bettdecke , die dinne ist . Und früh läßt mich der Schüsseloberst den Zucker karieren beim Kaffe und Mittags der Schisselvice den Braten , wen ' s welchen gibt , aber ' s giebt blos einmal welchen . Ach liebste Mamma kom doch gleich und hol mich ab . Sonst lauf ich dervon . Mit herzliche Grüße Dein Dich liebender Sohn Willibald Stilpe . Meine liebe gute Mamma ! Du denkst , ich liege Dir was for , aber es ist doch alles war was ich Dir geschrieben habe . Gestern haben sie mich wieder das Fleisch wollen karieren lassen . Da hab ich gesagt ich sags dem Lehrer , da haben sie mich untern Tisch gesteckt und gesagt ich soll die Wacht am Rhein singen und sie wollen den Takt treten mit den Beinen , und haben mich auch getreten . Aber gesungen hab ich nicht . Ach meine liebe gute beste Mama , schick mir doch eine Kiste mit Wurst und Gänsefett , daß ich auch was hab auf die trockenen Dreierbrotchen , die wir zum Frihstick kriegen , und ich dem Schisseloberst was abgeben kann , daß er mich nicht immer den Zucker frih karieren läßt . Mit herzlichen Grüßen Dein Dich liebender Sohn Willibald Stilpe . Ich hab einen Freund , der heißt auch Willi , er sitzt neben mir in der Klasse . Dem wil ich auch Wurst geben , weil er mir auch Wurst gibt . Meine allerliebste gute Mamma ! Ich liege Dir ganz gewiß nichts vor . Wenn ich in die Ferien komme will ich Dir schon zeigen , was ich für blaue Flecke hab , und einen ganzen Bischel Haare hat mir Einer ausgerissen , wo ich gar nichts gemacht hatte . Blos , weil ich ihm die Stieweln nicht butzen wollte . Und den Lehrern darf man nichts betzen , dann krigt man blos noch mehr Keile , und die Lehrer thun den Großen doch nichts . Wenn ein Battling betzt , missen ihn auch die andern Battlinge mit verhauen , und er darf auch nicht mitspielen . Die andern Jungens krigen alle Taschengeld für wenn die Obstfrau kommt . Die kommt zweimal in der Woche und hat viele schöne Sachen , Johannisbrot und Äpfel und Birn und Mispeln , aber Blockzucker darf sie nicht haben . Du darfst mir aber das Geld nicht selber schicken , sondern dem Herrn Inspektor Teurig , der giebt mir dann jede Woche zwanzig Fenge . Es grüßt Dich Dein Dich liebender Sohn Willibald Stilpe . Mein Freund Rammer läßt Dich auch grüßen . Liebe , gute , allerliebste Mama ! Ich bedanke mich sehr schön für die große Kiste . Ich habe der ganzen Schissel Leberwurst und Pfannkuchen gegeben und stehe jetzt sehr gut beim Schisselobersten und den andern . Du schreibst , ich soll Dir schreiben , was ich den ganzen Tag mache . Das will ich thun . Also paß auf : Um fünf Uhr frih klingelt eine Klingel am obern Schlafsaal und dann schreien die beiden Herrn Inspektoren : Aufstehn ! Aufstehn ! Die erste Abteilung sich da zuhalten ! Die erste Abteilung sind nämlich die Battlinge . Wir springen nun schnell aus den Betten raus und rennen in den Stiefelwichssaal und wichsen unsre Stiefel an den Beinen ohne Ausziehn sehr blank . Dann rennen wir in den Waschsaal , wo jeder sein Waschbecken hat , aber nicht aus Borzelan , sondern zum Umkippen aus Blech . Die Herren Inspektoren passen auf , daß wir die Hemden runterziehn und nicht so spritzen . Das Wasser ist wie Eis , und die Seife hat jeder in einem Schiebeksten bei sich , wo sich auch der Waschlappen und die Kämme aufhalten . Dann rennt jeder in den Kammsaal und kämmt seine Haare . Ich hab einen Scheitel machen missen links aber ohne Bomade , mit Wasser . Wenn Einer Läuse hat , so nennen sie ihn Lausewenzel . Es kommt beim Haareschneiden raus und ist eine große Schande und wird mit Essiig gewaschen . Ich dachte schon , ich hätte welche , weil michs immer picken that , aber ich hatte keine . Mein Freund Rammer hat mal welche gehabt , aber dann hat er beim Haareschneiden immer gebetet Lieber Gott gieb das ich keine Läuse hab , und dann hat er keine mer gehabt . Ich muß nun schließen , weil es gleich zum Bettegehn klingelt . Es grüßt und küßt Dich Dein Dich treu liebender Sohn Willibald Stilpe . Meine gute liebe allerbeste Mama ! Der Herr Inspektor hat mir gesagt , das Du Taschengeld fir mich geschickt hast . Das hat aber der Schisselvice gehehrt , und da hat er mir gesagt , ich solls keim sagen und soll ihm finf Pfenge borgen . Das ist aber verboten ; aber ich muß ihm doch borgen , weil er mich sonst am Sonntag das Apfelmus karieren läßt und selber ißt . Nun will ich fortfahren , was ich thu , wenn ich meine Haare gekämmt hab . Dann gehts nauf in die Arbeitszimmer und wird die Schulsachen nochmal durchgegangen . Wenn alle Abteilungen mit Wichsen und Waschen und Kämmen fertig sind wird angetreten und die Herren Inspektoren sehen Einen an , ob man reine gewaschen ist und auch die Stiewelsohlen ganz sind , besonders hinter den Ohren , wo sich manchmal Schmutz befindet und man dann karieren muß . Dann singen wir in der Aula Nun danket alle Gott oder andere schöne Gesangbuchslieder und ein Herr Lehrer betet ein Gebet , was er grade auswendig kann . Dann gehts zum Kaffetrinken , wo immer jede Schissel , welche aus vier jungens besteht und einen Schisseloberst , Schisselvice , Schisselterz und Schisselschund hat , eine Kanne Kaffe krigt und jeder drei Eckchen Semmel und zwei Stikchen Zucker . Der Zucker wird gewöhnlich in die Semmeln nein gebohrt und dann gedunkt , das schmeckt wie Kuchen . Die Schisselschunds krigen aber nicht immer alle zwei Stickchen Zucker , weil manchmal welche fehlen . Wenn Kaffe getrunken ist , ist eine Arbeitsstunde , wo Schularbeiten gemacht werden . Ein Herr Lehrer paßt auf , das keiner abschreibt . Manche Jungen schreiben aber doch ab . Ich wage mirs nicht . Nun lebe wol meine liebe gute Mamma , mein Nachbar schubt mich immer , daß ich Messerspießen soll mit ihm . Das ist ein sehr schönes Spiel . Auch Federtippens wird gespielt . Ich habe drei Goldhahnfedern gewonn , eine ganz neue dabei . Es grüßt und küßt Dich Dein treuer Sohn Willibald Stilpe . Liebe Mama ! Du weißt nicht , was Blockzucker ist ? Ich werde es Dir erklären . Das sind rote oder gelbe oder weiße Tafeln , und die roten schmecken nach Himbeer , die gelben nach Apfelsine und die weißen nach Citrone . Die roten schmecken am schönsten . Wenn man eine Tafel kauft , das kostet zehn Pfennige , und jede Tafel hat fünf Abteilungen zum Abrechen . Nicht wahr , jede Abteilung müßte doch blos zwei Pfennige kosten ? Kostet aber einen Dreier . Rammer sagt , im Biedchen draußen kostet eine Tafel iberhaupt blos fünf Pfennige . Aber die Jungens , die blos in die Schule kommen hier und zu Hause wohnen , die bringen sie mit und sagen , sie kosten zehn Pfennige . Wenn ein Junge kein Geld hat , so kann er auch seinen Braten dervor geben . Vor Schweinebraten krigt man zwei Stückchen , aber vor Rinderbraten blos eins , das heißt , weißt Du , das ist blos bei den Battlingen . Die Großen kriegen schon mehr . Nun weißt Du , was Blokzucker ist . Ich will Dir nun schreiben , was nach der Arbeitsstunde frih kommt . Da kommt die Schule . Rechnen ist sehr schwer hier , weil der Lehrer , den die Jungens Buschklepper nennen , so ein eklicher Fritze ist . Das sagen alle . Biblische Geschichte ist sehr schön , aber im Lateinischen sind die Verba schwer zum abwandeln . Ich will aber doch in die Selekta . Die Selekta darf abends eine Stunde länger aufbleiben . Geographie ist sehr ausgedehnt . In der Geschichte gefallen mir die alten Germanen vortrefflich gut . Aber die Römer siegen immer . Naturgeschichte ist sehr mies , weil sie auch der Buschklepper hat . Nicht wahr , liebe Mama , die Menschen legen keine Eier . Rammer sagt , sie legten welche . Dann kommt das Mittagessen . Erst betet einer komm Herr Jesu sei unser Gast und segne was Du uns bescheret hast , und wenns alle ist , betet wieder einer Wir danken Dir Herr Jesu Christ , das Du unser Gast gewesen bist . Aber er ist natürlich nicht wirklich da , sondern man muß sich ihn selber denken . Es giebt meistenteils Rindfleisch mit Gemiese , und Brot kann sich jeder nachholen , wenn er noch nicht satt ist . Ich hole mir immer welches . Bier giebts keins , blos Wasser . Wir haben einen neuen Schüsseloberst . Das ist der schönste Junge im ganzen Kasten und ein Serbe . Er ist sehr gut und macht feine Witze . Gestern sagt er zu mir : Du , Schund , jetzt laß ich Dichs Wasser karieren . Da haben wir aber alle gelacht . Er heißt Miokovitsch . Ist das nicht ein schöner Name ? Wenn ich groß bin , geh ich mit ihm nach Serbien . Er kann den Ball übern Thurm pritschen . Auch die Riesenwelle kann er . Er hat aber auch schon beinah einen Schnurbart . Ich hab ihn furchtbar gern . Liebe Mama , die Kiste ist schon lange alle . Es grüßt und küßt Dich Dein Dich vielmals liebender Sohn Willibald Stilpe No. 171 . Liebe gute Mamma ! Der Schisseloberst hat gestern dem Terz eine Schelle neingehaun , weil er mich geknufft hat . Schick mir doch Pfannkuchen in der Kiste . Er ißt sie furchtbar gerne . Denke Dir nur : sein Vater ist Feldherr der Serbier . Ich hab sein Bild gesehen . Es ist keine Sohle . Überhaupt : Miokovitsch schwindelt nicht . In seinem Photographiealbum hat er auch viele furchtbar schöne Bilder von Mädchens . Die Großen nennen ihn alle den schönen Mio. Dem seine Muskeln solltest Du mal sehen , liebe Mamma ! Sie sind so dick wie meine Waden . Er braucht sich auch keinen Scheitel zu machen , weil er Locken hat . Niemals läßt er mich karieren , denn er ist überhaupt sehr edelmütig . Seine serbischen Briefmarken krieg ich alle . Er kann furchtbar turnen . Gestern ist er in der Nacht ausgestiegen und am Blitzableiter nunter geklettert . Weil ich gerade an dem Fenster liege , hab ichs gesehen . Daß Du nicht petzt , hat er gesagt , und ich solls auch keinem Jungen sagen ; ich sags gewiß keinem . Er ist erst nach einer Stunde wieder gekommen , und da war er so lustig , daß er mir einen Kuß gegeben hat . Ich weiß auch , warum er nunter geklettert ist . Er hat sich einen Strauß geholt . Den ganzen Tag hat er ihn immer in seiner Tasche gehabt . Mir gefellts jetz ganz gut hier . Liebe Mamma , schick doch ja recht viele Pfannkuchen . Es grüßt Dich Dein treier Sohn Willibald Stilpe . Liebe Mamma ! Weil Du schreibst , daß ich Dir nicht geschrieben habe , was wir nach dem Essen thun , so will ich es schreiben . Da wird exeziert . Das ist sehr mühsam und mit Grobheit verbunden , weil die Herren Inspektoren so schreien müssen und sich ärgern , wenn die Jungens alles falsch machen , was natürlich ist , denn wenn man es noch nicht kann , so ist es sehr schwer . Ich möchte lieber bei den Tromlern sein , und Miokovitsch will schon dafür sorgen . Dann werden die Kleider ausgekloppt und vorgezeigt . Der Inspektor kloppt auf die Hosen , und wenn Staub kommt , so wirds aufgeschrieben , und wer drei Mal aufgeschrieben ist , der darf nicht mit spielen später . Bei manchen kloppt der Inspektor aber leise und bei manchen derb . Dann ist wieder Schule . Hernach aber giebts Vesperbrot und dann dürfen wir drei Stunden spielen . Räuber und Dragoner ist das Schönste . Ich hab einen Versteck , den keiner rauskrigt . Da können sie lange suchen , wenn ich durchs Fenster in den Badebassin krauche . Pritschball ist auch sehr schön , aber die Pritschen sind so lang , daß man oft vorbeihaut , und dann brillen die andern . Die Seite , wo Miokovitsch ist , gewinnt immer . Er hat die schwerste Pritsche , aber er macht selten mit . Überhaupt ist er oft nicht da , wenn gespielt wird . Ich hab ihn mal gefragt , warum er immer nicht da ist . Da hat er gesagt : Du bist neugierig , Schund , aber wenn du ' s niemand sagst , will ich Dir ' s verraten . Aber er hat mich blos verulken wollen , denn es ist doch Unsinn , daß er auf dem Mond spazieren geht . Solche Witze macht er immer . Liebe Mama , warum schickst Du die Pfannkuchen nicht . Es grüßt Dich Dein teurer Sohn Williwitsch . Liebe , gute Mama ! Ich habe furchtbar lachen müssen , weil Du schreibst , ob es nicht recht wehthut , wenn der Herr Inspektor auf die Hosen kloppt . Du denkst wol , wir haben sie an , wenn er kloppt ? Nein , das sind die andern , die erste Garnitur , die gekloppt werden . Nun will ich aber endlich schreiben , was abends gemacht wird . Da wird erstens Abendbrot gegessen , wobei auch Biertrinken stattfindet . Es ist aber natürlich blos einfaches . Dazu giebt es Brot und Butter oder Fett . Fett ist mir lieber , denn die Butter ist sehr häufig ranzig . Viele Jungens schmieren sie dann untern Tisch oder schnippen sie mit dem Messer an die Decke . Dann fällt sie manchmal nächsten Tag in die Suppe . Weshalb es ein Unfug ist und man Schellen kriegt , wenns gemerkt wird . Natürlich wagen sichs blos die Großen . Im Winter soll die Butter auch von vielen Jungens gesammelt werden , und sie machen dann abends auf dem Ofen im Arbeitszimmer Butterbäbe draus mit geriebenen Brot . Das muß fein schmecken . Dann gehts wieder naus zum Spielen und dann ist Arbeitsstunde oder Selbstbeschäftigung , wobei Briefe geschrieben werden oder sonst welcher Unsinn gemacht wird , weil kein Inspektor dabei ist . Dann gehts um Neune schlafen , wobei das Schnarchen durch Anspritzen beseitigt wird . Miokowitsch klettert jetzt egal zum Fenster nunter . Mit Rammern bin ich schiech , weil er sagt , Miokowitsch wär ein Schlowake . Ich brauch überhaupt keinen Freund , weil mich Miokowitsch zu seinem Leibschund ernannt hat . Deshalb heiß ich auch Williwitsch . Dein Dich liebender Sohn W. St. Liebe Mama ! Schiech sein ist , wenn man mit Einem nicht mehr Freund ist . Leibschund ist kein Schimpfname sondern sehr ehrenvoll . Wie ' s am Sonntage zugeht , das ist sehr langweilig , wenn man niemand in der Stadt hat , zu dem man Urlaub kriegt . Weißt Du denn gar niemand , wo ich hingehen kann ? Früh gehen wir in die Kirche . Da haben wir einen besondern Platz und alle Bänke sind furchtbar bekritzelt , wo die Freimaurer sitzen . Die meisten Jungens nehmen sich Bücher zum Lesen mit . Ich sitze aber so nahe beim Inspektor . Zu Mittag gibts Kompot und abends Thee und Käse . Wenn schönes Wetter ist wird Spaziergang gemacht . Es ist aber ledern , weil man so zwei und zwei in einer Reihe geht . Und ich muß mit Rammern gehn , mit dem ich schiech bin . Er will immer zu reden anfangen , aber fällt mir gar nicht ein . Er soll erst sagen , daß Miokowitsch kein Schlowake ist . Liebe Mama , ich danke recht schön für die Pfannkuchen , aber es waren sechs ungefüllte dabei . Es grüßt und küßt Dich Dein teurer Sohn Williwitsch . Viertes Kapitel Man hat , denk ich , aus den Briefen des Battlings ersehen , daß Klein-Willibald , nicht ohne instinktive Lebenskunst , es verstanden hat , aus dem sauren Apfel , in den zu beißen er gezwungen war , nach Möglichkeit Süßes zu saugen . Er hat unbewußt nach einem Rezept gehandelt , das auch Erwachsenen häufig probat erscheint zur Aufhöhung des Lebens : er hat sich einen kleinen Heroënkult eingerichtet . Und , wie klug der kleine Bursche doch war ! Er blieb nicht in der Ferne stehen und schwärmte platonisch , sondern er begab sich frohgemut und entschlossen in die Klientele seines Idols . Die Gelegenheit , jetzt schon zu konstatieren , wohin sich das