Fontane , Theodor Der Stechlin www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Theodor Fontane Der Stechlin Roman Schloß Stechlin Erstes Kapitel Im Norden der Grafschaft Ruppin , hart an der mecklenburgischen Grenze , zieht sich von dem Städtchen Gransee bis nach Rheinsberg hin ( und noch darüber hinaus ) eine mehrere Meilen lange Seenkette durch eine menschenarme , nur hie und da mit ein paar alten Dörfern , sonst aber ausschließlich mit Förstereien , Glas- und Teeröfen besetzte Waldung . Einer der Seen , die diese Seenkette bilden , heißt » der Stechlin « . Zwischen flachen , nur an einer einzigen Stelle steil und quaiartig ansteigenden Ufern liegt er da , rundum von alten Buchen eingefaßt , deren Zweige , von ihrer eignen Schwere nach unten gezogen , den See mit ihrer Spitze berühren . Hie und da wächst ein weniges von Schilf und Binsen auf , aber kein Kahn zieht seine Furchen , kein Vogel singt , und nur selten , daß ein Habicht drüber hinfliegt und seinen Schatten auf die Spiegelfläche wirft . Alles still hier . Und doch , von Zeit zu Zeit wird es an eben dieser Stelle lebendig . Das ist , wenn es weit draußen in der Welt , sei ' s auf Island , sei ' s auf Java , zu rollen und zu grollen beginnt oder gar der Aschenregen der hawaiischen Vulkane bis weit auf die Südsee hinausgetrieben wird . Dann regt sich ' s auch hier , und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe . Das wissen alle , die den Stechlin umwohnen , und wenn sie davon sprechen , so setzen sie wohl auch hinzu : » Das mit dem Wasserstrahl , das ist nur das Kleine , das beinah Alltägliche ; wenn ' s aber draußen was Großes gibt , wie vor hundert Jahren in Lissabon , dann brodelt ' s hier nicht bloß und sprudelt und strudelt , dann steigt statt des Wasserstrahls ein roter Hahn auf und kräht laut in die Lande hinein . « Das ist der Stechlin , der See Stechlin . Aber nicht nur der See führt diesen Namen , auch der Wald , der ihn umschließt . Und Stechlin heißt ebenso das langgestreckte Dorf , das sich , den Windungen des Sees folgend , um seine Südspitze herumzieht . Etwa hundert Häuser und Hütten bilden hier eine lange , schmale Gasse , die sich nur da , wo eine von Kloster Wutz her heranführende Kastanienallee die Gasse durchschneidet , platzartig erweitert . An eben dieser Stelle findet sich denn auch die ganze Herrlichkeit von Dorf Stechlin zusammen : das Pfarrhaus , die Schule , das Schulzenamt , der Krug , dieser letztere zugleich ein Eck- und Kramladen mit einem kleinen Mohren und einer Girlande von Schwefelfäden in seinem Schaufenster . Dieser Ecke schräg gegenüber , unmittelbar hinter dem Pfarrhause , steigt der Kirchhof lehnan , auf ihm , so ziemlich in seiner Mitte , die frühmittelalterliche Feldsteinkirche mit einem aus dem vorigen Jahrhundert stammenden Dachreiter und einem zur Seite des alten Rundbogenportals angebrachten Holzarm , dran eine Glocke hängt . Neben diesem Kirchhof samt Kirche setzt sich dann die von Kloster Wutz her heranführende Kastanienallee noch eine kleine Strecke weiter fort , bis sie vor einer über einen sumpfigen Graben sich hinziehenden und von zwei riesigen Findlingsblöcken flankierten Bohlenbrücke haltmacht . Diese Brücke ist sehr primitiv . Jenseits derselben aber steigt das Herrenhaus auf , ein gelbgetünchter Bau mit hohem Dach und zwei Blitzableitern . Auch dieses Herrenhaus heißt Stechlin , Schloß Stechlin . Etliche hundert Jahre zurück stand hier ein wirkliches Schloß , ein Backsteinbau mit dicken Rundtürmen , aus welcher Zeit her auch noch der Graben stammt , der die von ihm durchschnittene , sich in den See hinein erstreckende Landzunge zu einer kleinen Insel machte . Das ging so bis in die Tage der Reformation . Während der Schwedenzeit aber wurde das alte Schloß niedergelegt , und man schien es seinem gänzlichen Verfall überlassen , auch nichts an seine Stelle setzen zu wollen , bis kurz nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms I. die ganze Trümmermasse beiseite geschafft und ein Neubau beliebt wurde . Dieser Neubau war das Haus , das jetzt noch stand . Es hatte denselben nüchternen Charakter wie fast alles , was unter dem Soldatenkönig entstand , und war nichts weiter als ein einfaches Corps de logis , dessen zwei vorspringende , bis dicht an den Graben reichende Seitenflügel ein Hufeisen und innerhalb desselben einen kahlen Vorhof bildeten , auf dem , als einziges Schmuckstück , eine große blanke Glaskugel sich präsentierte . Sonst sah man nichts als eine vor dem Hause sich hinziehende Rampe , von deren dem Hofe zugekehrter Vorderwand der Kalk schon wieder abfiel . Gleichzeitig war aber doch ein Bestreben unverkennbar , gerade diese Rampe zu was Besonderem zu machen , und zwar mit Hilfe mehrerer Kübel mit exotischen Blattpflanzen , darunter zwei Aloes , von denen die eine noch gut im Stande , die andre dagegen krank war . Aber gerade diese kranke war der Liebling des Schloßherrn , weil sie jeden Sommer in einer ihr freilich nicht zukommenden Blüte stand . Und das hing so zusammen . Aus dem sumpfigen Schloßgraben hatte der Wind vor langer Zeit ein fremdes Samenkorn in den Kübel der kranken Aloe geweht , und alljährlich schossen infolge davon aus der Mitte der schon angegelbten Aloeblätter die weiß und roten Dolden des Wasserliesch oder des Butomus umbellatus auf . Jeder Fremde , der kam , wenn er nicht zufällig ein Kenner war , nahm diese Dolden für richtige Aloeblüten , und der Schloßherr hütete sich wohl , diesen Glauben , der eine Quelle der Erheiterung für ihn war , zu zerstören . Und wie denn alles hier herum den Namen Stechlin führte , so natürlich auch der Schloßherr selbst . Auch er war ein Stechlin . Dubslav von Stechlin , Major a. D. und schon ein gut Stück über Sechzig hinaus , war der Typus eines Märkischen von Adel , aber von der milderen Observanz , eines jener erquicklichen Originale , bei denen sich selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln . Er hatte noch ganz das eigentümlich sympathisch berührende Selbstgefühl all derer , die » schon vor den Hohenzollern da waren « , aber er hegte dieses Selbstgefühl nur ganz im stillen , und wenn es dennoch zum Ausdruck kam , so kleidete sich ' s in Humor , auch wohl in Selbstironie , weil er seinem ganzen Wesen nach überhaupt hinter alles ein Fragezeichen machte . Sein schönster Zug war eine tiefe , so recht aus dem Herzen kommende Humanität , und Dünkel und Überheblichkeit ( während er sonst eine Neigung hatte , fünf gerade sein zu lassen ) waren so ziemlich die einzigen Dinge , die ihn empörten . Er hörte gern eine freie Meinung , je drastischer und extremer , desto besser . Daß sich diese Meinung mit der seinigen deckte , lag ihm fern zu wünschen . Beinah das Gegenteil . Paradoxen waren seine Passion . » Ich bin nicht klug genug , selber welche zu machen , aber ich freue mich , wenn ' s andre tun ; es ist doch immer was drin . Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht , und wenn es welche gibt , so sind sie langweilig . « Er ließ sich gern was vorplaudern und plauderte selber gern . Des alten Schloßherrn Lebensgang war märkisch-herkömmlich gewesen . Von jung an lieber im Sattel als bei den Büchern war er erst nach zweimaliger Scheiterung siegreich durch das Fähnrichsexamen gesteuert und gleich darnach bei den brandenburgischen Kürassieren eingetreten , bei denen selbstverständlich auch schon sein Vater gestanden hatte . Dieser sein Eintritt ins Regiment fiel so ziemlich mit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. zusammen , und wenn er dessen erwähnte , so hob er , sich selbst persiflierend , gerne hervor , » daß alles Große seine Begleiterscheinungen habe « . Seine Jahre bei den Kürassieren waren im wesentlichen Friedensjahre gewesen ; nur Anno vierundsechzig war er mit in Schleswig , aber auch hier , ohne » zur Aktion « zu kommen . » Es kommt für einen Märkischen nur darauf an , überhaupt mit dabeigewesen zu sein ; das andre steht in Gottes Hand . « Und er schmunzelte , wenn er dergleichen sagte , seine Hörer jedesmal in Zweifel darüber lassend , ob er ' s ernsthaft oder scherzhaft gemeint habe . Wenig mehr als ein Jahr vor Ausbruch des vierundsechziger Kriegs war ihm ein Sohn geboren worden , und kaum wieder in seine Garnison Brandenburg eingerückt , nahm er den Abschied , um sich auf sein seit dem Tode des Vaters halb verödetes Schloß Stechlin zurückzuziehen . Hier warteten seiner glückliche Tage , seine glücklichsten , aber sie waren von kurzer Dauer - schon das Jahr darauf starb ihm die Frau . Sich eine neue zu nehmen widerstand ihm , halb aus Ordnungssinn und halb aus ästhetischer Rücksicht . » Wir glauben doch alle mehr oder weniger an eine Auferstehung « ( das heißt , er persönlich glaubte eigentlich nicht daran ) , » und wenn ich dann oben ankomme mit einer rechts und einer links , so is das doch immer eine genierliche Sache . « Diese Worte - wie denn der Eltern Tun nur allzu häufig der Mißbilligung der Kinder begegnet - richteten sich in Wirklichkeit gegen seinen dreimal verheiratet gewesenen Vater , an dem er überhaupt allerlei Großes und Kleines auszusetzen hatte , so beispielsweise auch , daß man ihm , dem Sohne , den pommerschen Namen » Dubslav « beigelegt hatte . » Gewiß , meine Mutter war eine Pommersche , noch dazu von der Insel Usedom , und ihr Bruder , nun ja , der hieß Dubslav . Und so war denn gegen den Namen schon um des Onkels willen nicht viel einzuwenden , und um so weniger , als er ein Erbonkel war . ( Daß er mich schließlich schändlich im Stich gelassen , ist eine Sache für sich . ) Aber trotzdem bleib ich dabei , solche Namensmanscherei verwirrt bloß . Was ein Märkischer ist , der muß Joachim heißen oder Woldemar . Bleib im Lande und taufe dich redlich . Wer aus Friesack is , darf nicht Raoul heißen . « Dubslav von Stechlin blieb also Witwer . Das ging nun schon an die dreißig Jahre . Anfangs war ' s ihm schwer geworden , aber jetzt lag alles hinter ihm , und er lebte » comme philosophe « nach dem Wort und Vorbild des großen Königs , zu dem er jederzeit bewundernd aufblickte . Das war sein Mann , mehr als irgendwer , der sich seitdem einen Namen gemacht hatte . Das zeigte sich jedesmal , wenn ihm gesagt wurde , daß er einen Bismarckkopf habe . » Nun ja , ja , den hab ich ; ich soll ihm sogar ähnlich sehen . Aber die Leute sagen es immer so , als ob ich mich dafür bedanken müßte . Wenn ich nur wüßte , bei wem ; vielleicht beim lieben Gott , oder am Ende gar bei Bismarck selbst . Die Stechline sind aber auch nicht von schlechten Eltern . Außerdem , ich für meine Person , ich habe bei den sechsten Kürassieren gestanden , und Bismarck bloß bei den siebenten , und die kleinere Zahl ist in Preußen bekanntlich immer die größere ; - ich bin ihm also einen über . Und Friedrichsruh , wo alles jetzt hinpilgert , soll auch bloß ' ne Kate sein . Darin sind wir uns also gleich . Und solchen See , wie den Stechlin , nu , den hat er schon ganz gewiß nicht . So was kommt überhaupt bloß selten vor . « Ja , auf seinen See war Dubslav stolz , aber desto weniger stolz war er auf sein Schloß , weshalb es ihn auch verdroß , wenn es überhaupt so genannt wurde . Von den armen Leuten ließ er sich ' s gefallen : » Für die ist es ein Schloß , aber sonst ist es ein alter Kasten und weiter nichts . « Und so sprach er denn lieber von seinem » Haus « , und wenn er einen Brief schrieb , so stand darüber » Haus Stechlin « . Er war sich auch bewußt , daß es kein Schloßleben war , das er führte . Vordem , als der alte Backsteinbau noch stand , mit seinen dicken Türmen und seinem Luginsland , von dem aus man , über die Kronen der Bäume weg , weit ins Land hinaussah , ja , damals war hier ein Schloßleben gewesen , und die derzeitigen alten Stechline hatten teilgenommen an allen Festlichkeiten , wie sie die Ruppiner Grafen und die mecklenburgischen Herzöge gaben , und waren mit den Boitzenburgern und den Bassewitzens verschwägert gewesen . Aber heute waren die Stechline Leute von schwachen Mitteln , die sich nur eben noch hielten und beständig bemüht waren , durch eine » gute Partie « sich wieder leidlich in die Höhe zu bringen . Auch Dubslavs Vater war auf die Weise zu seinen drei Frauen gekommen , unter denen freilich nur die erste das in sie gesetzte Vertrauen gerechtfertigt hatte . Für den jetzigen Schloßherrn , der von der zweiten Frau stammte , hatte sich daraus leider kein unmittelbarer Vorteil ergeben , und Dubslav von Stechlin wäre kleiner und großer Sorgen und Verlegenheiten nie los und ledig geworden , wenn er nicht in dem benachbarten Gransee seinen alten Freund Baruch Hirschfeld gehabt hätte . Dieser Alte , der den großen Tuchladen am Markt und außerdem die Modesachen und Damenhüte hatte , hinsichtlich deren es immer hieß , » Gerson schicke ihm alles zuerst « - dieser alte Baruch , ohne das » Geschäftliche « darüber zu vergessen , hing in der Tat mit einer Art Zärtlichkeit an dem Stechliner Schloßherrn , was , wenn es sich mal wieder um eine neue Schuldverschreibung handelte , regelmäßig zu heikeln Auseinandersetzungen zwischen Hirschfeld Vater und Hirschfeld Sohn führte . » Gott , Isidor , ich weiß , du bist fürs Neue . Aber was ist das Neue ? Das Neue versammelt sich immer auf unserm Markt , und mal stürmt es uns den Laden und nimmt uns die Hüte , Stück für Stück , und die Reiherfedern und die Straußenfedern . Ich bin fürs Alte und für den guten alten Herrn von Stechlin . Is doch der Vater von seinem Großvater gefallen in der großen Schlacht bei Prag und hat gezahlt mit seinem Leben . « » Ja , der hat gezahlt ; wenigstens hat er gezahlt mit seinem Leben . Aber der von heute ... « » Der zahlt auch , wenn er kann und wenn er hat . Und wenn er nicht hat und ich sage : Herr von Stechlin , ich werde schreiben siebeneinhalb , dann feilscht er nicht und dann zwackt er nicht . Und wenn er kippt , nu , da haben wir das Objekt : Mittelboden und Wald und Jagd und viel Fischfang . Ich seh es immer so ganz klein in der Perspektiv , und ich seh auch schon den Kirchturm . « » Aber , Vaterleben , was sollen wir mit ' m Kirchturm ? « In dieser Richtung gingen öfters die Gespräche zwischen Vater und Sohn , und was der Alte vorläufig noch in der » Perspektive « sah , das wäre vielleicht schon Wirklichkeit geworden , wenn nicht des alten Dubslav um zehn Jahre ältere Schwester mit ihrem von der Mutter her ererbten Vermögen gewesen wäre : Schwester Adelheid , Domina zu Kloster Wutz . Die half und sagte gut , wenn es schlecht stand oder gar zum Äußersten zu kommen schien . Aber sie half nicht aus Liebe zu dem Bruder - gegen den sie , ganz im Gegenteil , viel einzuwenden hatte - , sondern lediglich aus einem allgemeinen Stechlinschen Familiengefühl . Preußen war was und die Mark Brandenburg auch ; aber das Wichtigste waren doch die Stechlins , und der Gedanke , das alte Schloß in andern Besitz und nun gar in einen solchen übergehen zu sehen , war ihr unerträglich . Und über all dies hinaus war ja noch ihr Patenkind da , ihr Neffe Woldemar , für den sie all die Liebe hegte , die sie dem Bruder versagte . Ja , die Domina half , aber solcher Hilfen unerachtet wuchs das Gefühl der Entfremdung zwischen den Geschwistern , und so kam es denn , daß der alte Dubslav , der die Schwester in Kloster Wutz weder gern besuchte noch auch ihren Besuch gern empfing , nichts von Umgang besaß als seinen Pastor Lorenzen ( den früheren Erzieher Woldemars ) und seinen Küster und Dorfschullehrer Krippenstapel , zu denen sich allenfalls noch Oberförster Katzler gesellte , Katzler , der Feldjäger gewesen war und ein gut Stück Welt gesehen hatte . Doch auch diese drei kamen nur , wenn sie gerufen wurden , und so war eigentlich nur einer da , der in jedem Augenblicke Red und Antwort stand . Das war Engelke , sein alter Diener , der seit beinahe fünfzig Jahren alles mit seinem Herrn durchlebt hatte , seine glücklichen Leutnantstage , seine kurze Ehe und seine lange Einsamkeit . Engelke , noch um ein Jahr älter als sein Herr , war dessen Vertrauter geworden , aber ohne Vertraulichkeit . Dubslav verstand es , die Scheidewand zu ziehen . Übrigens wär es auch ohne diese Kunst gegangen . Denn Engelke war einer von den guten Menschen , die nicht aus Berechnung oder Klugheit , sondern von Natur hingebend und demütig sind und in einem treuen Dienen ihr Genüge finden . Alltags war er , so Winter wie Sommer , in ein Leinwandhabit gekleidet , und nur wenn es zu Tisch ging , trug er eine richtige Livree von sandfarbenem Tuch mit großen Knöpfen dran . Es waren Knöpfe , die noch die Zeiten des Rheinsberger Prinzen Heinrich gesehen hatten , weshalb Dubslav , als er mal wieder in Verlegenheit war , zu dem jüngst verstorbenen alten Herrn von Kortschädel gesagt hatte : » Ja , Kortschädel , wenn ich so meinen Engelke , wie er da geht und steht , ins märkische Provinzialmuseum abliefern könnte , so kriegt ich ein Jahrgehalt und wäre raus . « Das war im Mai , daß der alte Stechlin diese Worte zu seinem Freunde Kortschädel gesprochen hatte . Heute aber war dritter Oktober und ein wundervoller Herbsttag dazu . Dubslav , sonst empfindlich gegen Zug , hatte die Türen aufmachen lassen , und von dem großen Portal her zog ein erquicklicher Luftstrom bis auf die mit weiß und schwarzen Fliesen gedeckte Veranda hinaus . Eine große , etwas schadhafte Markise war hier herabgelassen und gab Schutz gegen die Sonne , deren Lichter durch die schadhaften Stellen hindurchschienen und auf den Fliesen ein Schattenspiel aufführten . Gartenstühle standen umher , vor einer Bank aber , die sich an die Hauswand lehnte , waren doppelte Strohmatten gelegt . Auf eben dieser Bank , ein Bild des Behagens , saß der alte Stechlin in Joppe und breitkrempigem Filzhut und sah , während er aus seinem Meerschaum allerlei Ringe blies , auf ein Rundell , in dessen Mitte , von Blumen eingefaßt , eine kleine Fontäne plätscherte . Rechts daneben lief ein sogenannter Poetensteig , an dessen Ausgang ein ziemlich hoher , aus allerlei Gebälk zusammengezimmerter Aussichtsturm aufragte . Ganz oben eine Plattform mit Fahnenstange , daran die preußische Flagge wehte , schwarz und weiß , alles schon ziemlich verschlissen . Engelke hatte vor kurzem einen roten Streifen annähen wollen , war aber mit seinem Vorschlag nicht durchgedrungen . » Laß . Ich bin nicht dafür . Das alte Schwarz und Weiß hält gerade noch ; aber wenn du was Rotes drannähst , dann reißt es gewiß . « Die Pfeife war ausgegangen , und Dubslav wollte sich eben von seinem Platz erheben und nach Engelke rufen , als dieser vom Gartensaal her auf die Veranda heraustrat . » Das ist recht , Engelke , daß du kommst ... Aber du hast da ja was wie ' n Telegramm in der Hand . Ich kann Telegramms nicht leiden . Immer is einer dod , oder es kommt wer , der besser zu Hause geblieben wäre . « Engelke griente . » Der junge Herr kommt . « » Und das weißt du schon ? « » Ja , Brose hat es mir gesagt . « » So , so . Dienstgeheimnis . Na , gib her . « Und unter diesen Worten brach er das Telegramm auf und las : » Lieber Papa . Bin sechs Uhr bei dir . Rex und von Czako begleiten mich . Dein Woldemar . « Engelke stand und wartete . » Ja , was da tun , Engelke ? « sagte Dubslav und drehte das Telegramm hin und her . » Und aus Cremmen und von heute früh « , fuhr er fort . » Da müssen sie also die Nacht über schon in Cremmen gewesen sein . Auch kein Spaß . « » Aber Cremmen is doch soweit ganz gut . « » Nu , gewiß , gewiß . Bloß sie haben da so kurze Betten ... Und wenn man , wie Woldemar , Kavallerist ist , kann man ja doch auch die acht Meilen von Berlin bis Stechlin in einer Pace machen . Warum also Nachtquartier ? Und Rex und von Czako begleiten mich . Ich kenne Rex nicht und kenne von Czako nicht . Wahrscheinlich Regimentskameraden . Haben wir denn was ? « » Ich denk doch , gnäd ' ger Herr . Und wovor haben wir denn unsre Mamsell ? Die wird schon was finden . « » Nu gut . Also wir haben was . Aber wen laden wir dazu ein ? So bloß ich , das geht nicht . Ich mag mich keinem Menschen mehr vorsetzen . Czako , das ginge vielleicht noch . Aber Rex , wenn ich ihn auch nicht kenne , zu so was Feinem wie Rex paß ich nicht mehr ; ich bin zu altmodisch geworden . Was meinst du , ob die Gundermanns wohl können ? « » Ach , die können schon . Er gewiß , und sie kluckt auch bloß immer so rum . « » Also Gundermanns . Gut . Und dann vielleicht Oberförsters . Das älteste Kind hat freilich die Masern , und die Frau , das heißt die Gemahlin ( und Gemahlin is eigentlich auch noch nicht das rechte Wort ) , die erwartet wieder . Man weiß nie recht , wie man mit ihr dran ist und wie man sie nennen soll , Oberförsterin Katzler oder Durchlaucht . Aber man kann ' s am Ende versuchen . Und dann unser Pastor . Der hat doch wenigstens die Bildung . Gundermann allein ist zuwenig und eigentlich bloß ein Klutentreter . Und seitdem er die Siebenmühlen hat , ist er noch weniger geworden . « Engelke nickte . » Na , dann schick also Martin . Aber er soll sich proper machen . Oder vielleicht ist Brose noch da ; der kann ja auf seinem Retourgang bei Gundermanns mit rangehen . Und soll ihnen sagen sieben Uhr , aber nicht früher ; sie sitzen sonst so lange rum , und man weiß nicht , wovon man reden soll . Das heißt mit ihm ; sie redt immerzu ... Und gib Brosen auch ' nen Kornus und funfzig Pfennig . « » Ich werd ihm dreißig geben . « » Nein , nein , funfzig . Erst hat er ja doch was gebracht , und nu nimmt er wieder was mit . Das is ja so gut wie doppelt . Also funfzig . Knaps ihm nichts ab . « Zweites Kapitel Ziemlich um dieselbe Zeit , wo der Telegraphenbote bei Gundermanns vorsprach , um die Bestellung des alten Herrn von Stechlin auszurichten , ritten Woldemar , Rex und Czako , die sich für sechs Uhr angemeldet hatten , in breiter Front von Cremmen ab ; Fritz , Woldemars Reitknecht , folgte den dreien . Der Weg ging über Wutz . Als sie bis in Nähe von Dorf und Kloster dieses Namens gekommen waren , bog Woldemar vorsichtig nach links hin aus , weil er der Möglichkeit entgehen wollte , seiner Tante Adelheid , der Domina des Klosters , zu begegnen . Er stand zwar gut mit dieser und hatte sogar vor , ihr , wie herkömmlich , auf dem Rückwege nach Berlin seinen Besuch zu machen , aber in diesem Augenblick paßte ihm solche Begegnung , die sein pünktliches Eintreffen in Stechlin gehindert haben würde , herzlich schlecht . So beschrieb er denn einen weiten Halbkreis und hatte das Kloster schon um eine Viertelstunde hinter sich , als er sich wieder der Hauptstraße zuwandte . Diese , durch Moor- und Wiesengründe führend , war ein vorzüglicher Reitweg , der an vielen Stellen noch eine Grasnarbe trug , weshalb es anderthalb Meilen lang in einem scharfen Trabe vorwärts ging , bis an eine Avenue heran , die geradlinig auf Schloß Stechlin zuführte . Hier ließen alle drei die Zügel fallen und ritten im Schritt weiter . Über ihnen wölbten sich die schönen alten Kastanienbäume , was ihrem Anritt etwas Anheimelndes und zugleich etwas beinah Feierliches gab . » Das ist ja wie ein Kirchenschiff « , sagte Rex , der am linken Flügel ritt . » Finden Sie nicht auch , Czako ? « » Wenn Sie wollen , ja . Aber Pardon , Rex , ich finde die Wendung etwas trivial für einen Ministerialassessor . « » Nun gut , dann sagen Sie was Besseres . « » Ich werde mich hüten . Wer unter solchen Umständen was Besseres sagen will , sagt immer was Schlechteres . « Unter diesem sich noch eine Weile fortsetzenden Gespräche waren sie bis an einen Punkt gekommen , von dem aus man das am Ende der Avenue sich aufbauende Bild in aller Klarheit überblicken konnte . Dabei war das Bild nicht bloß klar , sondern auch so frappierend , daß Rex und Czako unwillkürlich anhielten . » Alle Wetter , Stechlin , das ist ja reizend « , wandte sich Czako zu dem am andern Flügel reitenden Woldemar . » Ich find es geradezu märchenhaft , Fata Morgana - das heißt , ich habe noch keine gesehn . Die gelbe Wand , die da noch das letzte Tageslicht auffängt , das ist wohl Ihr Zauberschloß ? Und das Stückchen Grau da links , das taxier ich auf eine Kirchenecke . Bleibt nur noch der Staketzaun an der andern Seite ; - da wohnt natürlich der Schulmeister . Ich verbürge mich , daß ich ' s damit getroffen . Aber die zwei schwarzen Riesen , die da grad in der Mitte stehn und sich von der gelben Wand abheben ( abheben ist übrigens auch trivial ; entschuldigen Sie , Rex ) , die stehen ja da wie die Cherubim . Allerdings etwas zu schwarz . Was sind das für Leute ? « » Das sind Findlinge . « » Findlinge ? « » Ja , Findlinge « , wiederholte Woldemar . » Aber wenn Ihnen das Wort anstößig ist , so können Sie sie auch Monolithe nennen . Es ist merkwürdig , Czako , wie hochgradig verwöhnt im Ausdruck Sie sind , wenn Sie nicht gerade selber das Wort haben ... Aber nun , meine Herren , müssen wir uns wieder in Trab setzen . Ich bin überzeugt , mein Papa steht schon ungeduldig auf seiner Rampe , und wenn er uns so im Schritt ankommen sieht , denkt er , wir bringen eine Trauernachricht oder einen Verwundeten . « Wenige Minuten später , und alle drei trabten denn auch wirklich , von Fritz gefolgt , über die Bohlenbrücke fort , erst in den Vorhof hinein und dann an der blanken Glaskugel vorüber . Der Alte stand bereits auf der Rampe , Engelke hinter ihm und hinter diesem Martin , der alte Kutscher . Im Nu waren alle drei Reiter aus dem Sattel , und Martin und Fritz nahmen die Pferde . So trat man in den Flur . » Erlaube , lieber Papa , dir zwei liebe Freunde von mir vorzustellen : Assessor von Rex , Hauptmann von Czako . « Der alte Stechlin schüttelte jedem die Hand und sprach ihnen aus , wie glücklich er über ihren Besuch sei . » Seien Sie mir herzlich willkommen , meine Herren . Sie haben keine Ahnung , welche Freude Sie mir machen , mir , einem vergrätzten alten Einsiedler . Man sieht nichts mehr , man hört nichts mehr . Ich hoffe auf einen ganzen Sack voll Neuigkeiten . « » Ach , Herr Major « , sagte Czako , » wir sind ja schon vierundzwanzig Stunden fort . Und , ganz abgesehen davon , wer kann heutzutage noch mit den Zeitungen konkurrieren ! Ein Glück , daß manche prinzipiell einen Posttag zu spät kommen . Ich meine mit den neuesten Nachrichten . Vielleicht auch sonst noch . « » Sehr wahr « , lachte Dubslav . » Der Konservatismus soll übrigens , seinem Wesen nach , eine Bremse sein ; damit muß man vieles entschuldigen . Aber da kommen Ihre Mantelsäcke , meine Herren . Engelke , führe die Herren auf ihr Zimmer . Wir haben jetzt sechseinviertel . Um sieben , wenn ich bitten darf . « Engelke hatte mittlerweile die beiden von Dubslav etwas altmodisch als » Mantelsäcke « bezeichneten Plaidrollen in die Hand genommen und ging damit , den beiden Herren voran , auf die doppelarmige Treppe zu , die