Janitschek , Maria Ninive www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Maria Janitschek Ninive 1 Es war eine lange Gasse mit niedern Häuschen und Bäumen davor , in der Frau Lobreis wohnte . Am Ende der Gasse stand die alte Kirche mit ihrem etwas schiefen Thurm und der grünlichen Patina auf dem steil abfallenden Dach . Früher , vor Jahrhunderten , war das Kirchlein katholisch gewesen ; jetzt gehörte es den Evangelischen . Alle Sonntage war Gottesdienst . Dann erklang eine alte wundersame Orgel , und der Pfarrer , ein weißhaariger Greis , sprach von der Güte Gottes . Manchmal , wenn die Kirchthüre geöffnet blieb , schlüpfte wohl gar eine Schwalbe in den dämmerigen Gottesraum . Dann kicherten die Kinder und stießen sich verstohlen an . Es war ein stiller Winkel , dieses Sienenthal , und wie für müde Menschen zum Ausruhen geschaffen . Die aber noch nicht müde waren , fanden es unerträglich langweilig . Zu diesen gehörte auch Johanne Grün , die achtzehnjährige Enkelin der Frau Lobreis . Ihre Eltern waren schon vor Jahren gestorben ; sie selbst war damals noch so jung gewesen , daß sie sich ihrer fast nicht mehr erinnerte . Sie lebte mit ihrer Großmutter zusammen . Seit die alte Frau das Gehör verloren hatte , sprachen sie wenig miteinander . Johanne besorgte die kleine Wirtschaft . Das Häuschen enthielt nur drei Stuben , die bald in Ordnung gebracht waren . Ebenso der kleine Garten , in dem sie ihr Gemüse pflanzten . Hie und da erschien ein oder das andere flachshaarige junge Mädchen bei Großmuttern , um Grüße von den Eltern zu bestellen , - die Alte ging nie aus - oder mit Johannen ein Viertelstündchen zu plaudern . Aber das geschah nicht zu häufig . Da wars denn recht ruhig in dem kleinen Haus . Johanne blieb sehr viel sich selbst überlassen . Sie strickte Strümpfe in allen Farben und Längen und beschenkte alljährlich die Großmutter mit verschiedenen » Haussegen « , Nadelkissen und ähnlichen mühsam und zierlich hergestellten Arbeiten . Aber die Zeit wollte ihr trotz des Fleißes nicht schneller vergehen . Manchmal , wenn es ihr gar zu einsam wurde , verließ sie das Haus und besuchte einen der beiden Orte , die ihre einzige Freude bildeten . Da war die Kirche mit ihrer dämmerigen Halle , wo sichs so herrlich träumen ließ , oder der alte Kaffee- und Zuckerladen an der nächsten Ecke , wo man gegen geringes Entgelt auch Bücher zu leihen bekam . Die Bücher , die sie da holte , hatten ebenfalls einen leisen Modergeruch an sich . Es waren verschiedene alte Autoren , die mit fleckig gewordenen Kupfern geziert waren . Fräulein und Frauen im Keifrock mit hohen Frisuren und süßlichem Lächeln , oder Jünglinge mit stolzen Zügen , die irgend eine Heldenthat vollführten , sah man da . Seit der bejahrte Ladenbesitzer gestorben war und eine entfernte Verwandte - man hielt sie wenigstens dafür - das Geschäft übernommen hatte , gabs auch neue Bücher zu lesen . Johanne brauchte keine Leihgebühr zu bezahlen , da sie sämtlichen Hausbedarf in dem Laden kaufte . Die Ladeninhaberin , die aus einer großen Stadt gekommen war , schwärmte mit ihr um die Wette für » interessante Geschichten « . Sie war ein älteres Fräulein , das wenig Aussicht mehr im Leben hatte und deshalb sofort hierhereilte , das Erbe zu übernehmen . Sie lasen Erzählungen von Christoph Schmid und Clauren mit derselben Andacht , sie weinten über das Schicksal der Helden Bulvers , und regten sich über Eugen Sue auf . Am meisten ergriff Johanne in jener Zeit ein Band von der seligen Mühlbach , der » Berlin vor fünfzehn Jahren « hieß und sehr rührselig geschrieben war . Manchmal kamen dann einige moderne Autoren hereingeschneit , die im Auftrage des Fräuleins von den Verwandten in der Stadt für das Geschäft zu billigem Preise eingekauft wurden . Dann saß Johanne halbe Nächte über die Blätter geneigt , das heiße Gesicht in die Hände gestützt , und las . Und die Großmutter schüttelte mißbilligend den Kopf und schalt über den Lichtverbrauch , wenn sie am andern Tag den langen verkohlten Docht in der Oellampe sah . Die Leute im Markte nannten Johanne wegen ihrer Lesewut scherzend : die Märchenprinzessin . Aeußerlich sah sie aber keiner Prinzessin ähnlich . Sie war mittelgroß , besaß ein etwas stumpfes Näschen , einen kindischen Mund , der fast immer ein wenig geöffnet stand , eine schmale , nicht besonders schön geformte Stirne , und reiches braungoldnes Haar , das sie aber recht ungeschickt aufsteckte . Nur eine Schönheit war ihr eigen . Ein Paar großer , lieber , blauer Augen , voll träumender Sehnsucht und Kindergüte . Ueber diesen Augen wölbten sich tiefschwarze Brauen , in schönen Bogen gezeichnet . Der alte Pfarrer pflegte , wenn er die Großmutter besuchte , mit den Fingern über diese Brauen zu fahren . » Wirklich nicht gefärbt ? « sagte er dann jedesmal , die Spitzen seiner Finger aufmerksam betrachtend . Johanne , wurde immer sehr rot und lachte . Einmal , als er kam fand er sie strickend und dabei lesend . » Was liest du denn da ? « fragte er . Sie reichte ihm das Buch hin . Es war ein Roman Walter Scotts . Der Pfarrer sah sie mißbilligend an . » Wie kannst du solches Zeug lesen ? Das verdreht dir den Kopf . Du müßtest weniger lesen und mehr im Haus arbeiten « . Solange die Großmutter lebte , ließ sich wenig thun . Abends ging Johanne zu Fräulein Wewerka und klagte ihr , daß der Pfarrer sie ausgescholten hätte . » Ach in einem so langweiligen Nest « meinte das Ladenfräulein , » was soll man denn anders thun als lesen , besonders wenn man so allein steht wie Sie . Lesen Sie nur weiter , das ist kein Unrecht « . Da augenblicklich niemand in den Laden kam , setzten sich die Beiden auf das alte schwarze Ledersopha und plauderten . » Nirgends ists so gemütlich wie bei Ihnen « meinte das junge Mädchen und blickte in dem engen verräucherten Stübchen umher . » Das machen wohl nur die vielen Bücher auf den Wandregalen « sagte Fräulein Wewerka , » mir kommts schrecklich ungemütlich hier vor . Ich bin an die großen Räume in der Stadt gewöhnt , aber was will man machen . Hätte ich das Geschäft verkauft , so wäre ich sicher dabei zu kurz gekommen . So trägt es mir , wenn auch nicht hohen , aber sichern Gewinn , von dem ich später einmal in der Stadt leben kann « . » Also Sie gehen wieder dahin zurück ? « Johanne blickte sie neidvoll an . » Ja später , nach einigen Jahren ; sagen Sie es aber noch niemandem « . » Mein Gott , wie schön muß es dort sein « seufzte die Kleine . » Und die vielen berühmten Leute , die in so einer Stadt wohnen , der Kaiser und die Generale , und die Künstler alle « setzte Fräulein Wewerka hinzu . » Mein Bruder ist Redakteur einer Zeitung und selbst Schriftsteller ; alle die bekanntesten Dichter kommen zu ihm und unterhalten sich mit ihm . Auch große Schauspieler und deren Frauen . Das ist herrlich . Da weiß man doch , daß man lebt und auf der Höhe seiner Zeit steht . « » Ach ja , jawohl « die Augen des jungen Mädchens glänzten , » wenn ich doch auch einmal dahin könnte . Aber ich habe keinen einzigen Menschen da « . » O was das betrifft « meinte das alte Fräulein , » ist man erst dort , so macht man genug Bekanntschaften « . In diesem Augenblick ertönte mit dünnem Klang die Ladenklingel . Betty Wewerka erhob sich , um die eintretenden Kunden zu bedienen . Johanne schüttelte ihr die Hand und entfernte sich , das erhaltene Buch sorgsam unter ihrem Tuche verbergend . So wenig inhaltreich das Gespräch war , für Johanne barg es dennoch eine Fülle Stoffes zum Nachdenken . Sie konnte die ganze Nacht nicht schlafen . Sie hatte noch keine große Stadt gesehen , und ihre Phantasie zauberte ihr Bulvers Pompeji vor . Marmor auf den Straßen , herrlich gekleidete Menschen , Häuser aus edlem Gestein , Gärten voll köstlicher Gewächse . Und in dieser prächtigen Umgebung schritten sie dahin , die Berühmten , klassisch schöne Gestalten , denen man es ansah , daß sie wunderbare Bücher schrieben und himmlische Musik machten . » Da weiß man , daß man auf der Höhe seiner Zeit steht « . Ach Gott , ja . Mit einem Seufzer kehrte sich Johanne zum dreißigsten Mal in dieser Nacht in ihrem Bettchen um und entschlief endlich . Am Morgen saß sie verträumt am Herde und bereitete das Frühstück . Drin in der Stube gröhlte die Großmutter , daß der Kaffee so lange auf sich warten lasse . Johanne machte ein Mäulchen . Heute zum ersten Mal fand sie , daß die Großmutter doch gar zu wenig auf sich hielt . Sah sie eigentlich - nicht aus wie eine Hexe in ihrem blauen altmodischen Tuchspenzer über dem schwarzen , kurzen Rock , der die in Filzschuhen steckenden Füße sehen ließ ? Und diese große , schwarze Bänderhaube , die sie wer weiß wie lange schon trug , und aus der ihr verrunzeltes blasses Gesicht fast unheimlich hervorblickte . Auch krochen immer ein paar Büschel fahler Haare aus der Haube an den Schläfen hervor . Und manchmal konnte sie ordentlich wild aussehen , die Großmutter , wenn ihr etwas gegen den Willen geschah , denn sie hatte noch recht lebendige Augen , graue , durchdringende , und es wäre schwer gewesen , sie anzulügen . Freilich , in dieser verblichenen , wenig schönen Hülle steckte ein wackeres , braves Herz , das viel gelitten und viel gekämpft hatte . Während Johanne sie mit weniger zärtlichen Blicken als sonst betrachtete , fiel ihr dies plötzlich ein , und sie trat leise zu ihr und zog ihre Hand an die Lippen . Dann ging sie , um Raupen von den Kohlköpfen zu suchen . - Trotzdem äußerlich alles war wie gestern , innerlich , tief in ihr , drängten sich fremde , neue Bilder . Am Nachmittag besuchten sie zwei junge Mädchen . Sie plauderten wie immer ihre harmlosen Neuigkeiten aus . Nachbar Hausners Hahn war abgestochen worden , weil er von Alter blind war und die Körner im Futtertrog nicht mehr sah . Fiedlers Karl hatte seinen Schuhladen neu angestrichen , und die Bäckerliese hatte endlich das ersehnte kleine Mädchen zu ihren fünf Buben gekriegt . Johanne bemühte sich , ein interessiertes Gesicht zu zeigen . Aber bei sich dachte sie : sonst giebts nichts ? Die jungen Mädchen fanden sie einsilbig , und sie fand die jungen Mädchen langweilig , und so trennten sie sich zum ersten Mal weniger herzlich als sonst . Als sie fort waren , und die Großmutter wie gewöhnlich in ihrem Sessel schlafend saß , während das Strickzeug müßig in ihrem Schooß lag , zog Johanne ihr Buch hervor . Es waren Gedichte , und der Mann der sie geschrieben hatte , hieß Hans Tage . Johanne las von blauen Lüften mit singenden Sternen , von heimlichen Wäldern mit Vögeln , die träumten und im Schlaf ihr goldenes Gefieder wiegten . Sie las von Menschen , die mit Kronen auf den Häuptern umherschritten und jeden sie Begegnenden » du « und » Bruder « nannten ; von großen Festtafeln , die sich von einem Ende der Stadt zum andern zogen und nie leer wurden , so daß es keinen Hunger mehr im Lande gab . Von köstlichen Spielen , an denen alle , auch die keinen Reichtum besaßen , teilnehmen durften . Von Kraft , Schönheit , Gesundheit , die Jeder haben konnte , der sie begehrte . Sie las und las , und weinte warme , junge Thränen über diese Welt voll herrlicher Güte , die der edle Dichter den Armen schenken wollte , und auch schenkte , wenn auch nur auf den - Buchseiten . Johanne küßte den Namen des Autors und saß , die Hände im Schooß gefaltet , lange Stunden in seligem Rausche da . Was mußte das für ein Mensch sein , der so Herrliches schrieb ? Eine Art Christus , ein ganz Großartiger . Und schön mußte er sein , der so dichten konnte ! Gleich einem Menschen der Vorzeit , mit Schultern stark wie aus Marmor , die mitleidig das ganze Leid der Menschheit auf sich laden wollten ; mit Händen die vor Gnade tropften , mit Augen , leuchtend und groß und blau wie die Südsee . Der stand auf der Höhe seiner Zeit . Wer doch seine Hand berühren , ihm ins begeisterte Auge schauen durfte . Mit ihm sprechen , Geist von seinem Geist empfangen ! ..... Johanne suchte schauernd und glühend ihr Schlafstübchen auf ..... Im Sommer glich Sienenthal einem blühenden Garten , in dem sich die kleinen Häuser wie Lusthäuschen ausnahmen . Auch die » Hauptstraße « , die lange Gasse , in der Johanne wohnte , war voll vom Dufte der Linden , dem Gezwitscher der Vögel . Man konnte sich sehr wohl fühlen in diesen Gäßlein , auf diesen Plätzen wo das Gras zwischen den Steinen wucherte , und Gänse , Enten und gackernde Hühner umherstiegen . Aber im Winter ! Als ob alles ausgestorben wäre ! Selbst der Klang der alten Orgel drang nur spärlich herüber und besaß nicht die Macht , den dicken eisigen Nebel zu durchbrechen , der über der Gegend lagerte . Dann schlichen die Leute in große , grobe Tücher gehüllt umher , und nur ihre vor Kälte bläulichen Nasen guckten aus den Hüllen . Und jeder hielt sich soviel wie möglich im Innern seiner Wohnung auf , und draußen war alles voll unbetretnen Schnees und voll Einsamkeit . Johanne erschienen diese leeren langen Tage und Abende an der Seite der tauben Großmutter unbeschreiblich traurig . Sie saßen dann einander gegenüber , die Alte nickte und die Junge beschäftigte sich mit irgend einer Handarbeit und beobachtete dabei das Gesicht der Greisin . Und dann dachte sie : so werde auch ich einst aussehen wenn ich alt bin ; und sie konnte nicht genug staunen , wie diese Frau mit dem eingetrockneten , fahlen Gesichte einmal rund und rosig und schön war und Liebe und Gefallen erregt hatte . Und doch war ihr oft genug erzählt worden , daß ihre Großmutter die schönste Frau in Sienenthal gewesen sei und ehe sie ihren Mann , den Gemeindeschreiber , geheiratet hatte , von Freiern umlagert war . Einmal sagte der Pfarrer zu Johanne : » Du müßtest frömmer sein , Kind , dann vergingen auch deine schwermütigen Gedanken . Siehst du , wer einen liebenden Vater über sich im Himmel weiß , und ein reines Herz hat , wen keine Sorgen und Krankheiten plagen , der ist doch thöricht , wenn er sich nicht glücklich und zufrieden fühlt « . Der gute Pfarrer ! Das war alles schön und wahr , aber - Wenn doch der liebe Vater im Himmel ein wenig näher gewohnt oder sich manchmal herab bemüht hätte , daß man den Kopf auf seine Füße drücken und ihm hätte sagen können , wie lieb man ihn habe . Johanne sehnte sich leidenschaftlich nach einer blutvollen Wirklichkeit . Und da sie durch ihr beständiges Denken und Grübeln , und durch das viele Lesen über die Interessen junger Mädchen ihres Alters hinausgewachsen war , so blieb ihr nur ein Mensch , mit dem sie sich leidlich unterhalten konnte : das Ladenfräulein an der Ecke . Fast jeden Abend saß Johanne ein Stündchen dort und hörte mit glänzenden Augen den wahren und erdichteten Geschichten zu , die Betty Wewerka ihr erzählte . Manchmal brachte sie auch konfuses Zeug vor , daß das junge Mädchen an ihrem gesunden Menschenverstand zu zweifeln begann . Dann rötete sich ihre spitze Nase und die kleinen schwarzen Augen nahmen einen irren unbestimmten Ausdruck an . Aber sie fand sich meist wieder zurecht und ging dann schnell über ihren seltsamen Zustand hinweg . Natürlich bildete die große Stadt den Schauplatz ihrer Erzählungen , und ihr Bruder , der berühmte Schriftsteller war der Held . Johanne kannte bereits jede Straße , jeden Platz , jedes größere Gebäude dieser gerühmten Stadt . Einmal erzählte ihr Betty von den köstlichen Gartenanlagen , die sich dort befänden . » Das muß ja das reine Ninive sein « rief Johanne , die eben einen exotischen Roman las , in dem Frau Semiramis vorkam . Und seit dieser Zeit nannte sie den Schauplatz von Bettys Geschichten scherzend : Ninive . Man wird unwillkürlich zu Uebertreibungen geneigt , wenn man seine Lieblingsstätten jemandem schildert , umsomehr , wenn dieser Jemand gar so wenig mit seiner Verwunderung und naiven Freude geizt wie Johanne . Sie hetzte die Andere förmlich , die Wunder der Großstadt noch wunderbarer zu schildern als sie waren . Und jemehr Johanne mit ihrer Phantasie sich in die Ferne hineinlebte und wünschte , um so entfremdeter wurde ihr die Nähe . Der Ort , wo man nichts erfahren hat , läßt einen kalt , sei er auch noch so schön . Erst das Erlebnis giebt ihm die Weihe , macht ihn lieb , interessant . Johanne hatte hier nichts durchlebt als eine Schulzeit , die ihr heute sehr langweilig erschien , viele , viele mit Handarbeit ausgefüllte Stunden , Nächte , in denen ihr nichts träumte , und Tage , die kein Ende zu nehmen schienen . Ihr war es , als ob drüben in » Ninive « mächtige Ereignisse auf sie warteten , große Wandlungen ihres Lebens ihrer harrten . Ihre junge Seele war überaus hungrig , denn sie war ganz leer , - weder schlecht noch gut , weder zum Höchsten noch zu Niederm geneigt , die Seele eben eines jungen Mädchens , das noch nichts erfahren hat , als den Frieden seines Hauses . Augenblicklich lebte in ihr eine große warme Liebe zu jenen Menschen , deren Werke sie las . Alle zusammen könnte sie persönlich kennen lernen , wenn sie hinüberkäme in die » Wunderstadt « , meinte Betty . Auch Hans Tage lebte dort , der Dichter mit dem weichen , gnädigen Herzen . Eines Tages schob die Großmutter die Suppe mit einer Bewegung des Widerwillens zurück . » Versalzen « . Am andern Tage brummte sie : » Der Kaffee ist verbrannt , er schmeckt gallig « . Am dritten Tage schlief sie immerfort und war kaum zu bewegen , die Augen zu öffnen . Da nahm Johanne die Hände der alten Frau in die ihren und hauchte darauf , denn sie waren eiskalt . Sie sah ratlos im Stübchen umher . Die alten , bräunlichen Möbel in ihrer großen derben Eckigkeit konnten ihr nicht raten . Sie breitete eine gewärmte Decke über die Großmutter und ging zum Arzt . Das war ein alter grober Mann , der schon seit mehreren Dezennien hier Kranke heilte und tötete , wies eben kam . Aber man rief doch lieber ihn , als den modischen Medizindoktor , der einen goldnen Klemmer auf der Nase sitzen hatte , feine gestickte Wäsche trug , und furchtbar über die dummen Sienenthaler schimpfte . Der Doktor verordnete der alten Frau heißen Wein , in den Eierdotter gesprudelt waren , einen warmen Ziegelstein unter die Füße , und wenn dies nicht half , den Pfarrer . Es half wirklich nicht . Sie that immerzu , als schliefe sie , und stand auf nichts Rede und Antwort . Johanne holte ein paar Nachbarinnen , weinte und ging endlich zum Pastor . Der kam , legte seine Hand der Kranken auf die Stirne und sah ihr lange in das wachsfarbene Gesicht . Er sprach auch einige leise Worte zu ihr ; als sie aber regungslos blieb , faltete er die Hände zu einem stummen Gebet und schritt leise hinaus . Draußen stand Johanne zitternd und sah ihn an . Er lächelte mild und nahm ihre Hand in die seine . » Sie schläft hinüber ; sei ganz ruhig und laß sie . Gegen Abend komme ich wieder « . Und als abends die Lichtlein im Orte angezündet wurden und der Hofhund des Nachbars kläglich zu weinen begann , öffnete der Geistliche behutsam die Thür und sah die Großmutter wie nachmittags in ihrem Bette ruhen , aber ein weißes Tüchlein lag auf ihrem Antlitz . - Da nahm er das am Bett schluchzende Kind , das er getauft und konfirmiert hatte , in seine Arme und sagte : » Nun stark sein Kleine . Wir alle haben einen Tag vor uns , da man ein Tüchlein über unser Gesicht breitet « ..... 2 Johanne erhielt einen Vormund . Es war ein alter Mann , der früher das Schlächtergeschäft betrieben hatte und jetzt in einem kleinen Hause mit seiner kränklichen Frau der Ruhe pflegte . Er war ein guter Freund der Großmutter gewesen , und es schien allen natürlich , daß er die Sorge um das junge Mädchen übernahm . Seltsam , weder die alte Frau noch der Pfarrer , noch Ritter , der Vormund , hatten sich jemals die Frage vorgelegt : was geschieht mit dem jungen Mädchen , wenn es einmal allein in der Welt steht ? Der Verkauf des Häuschens mit dem Garten würde kaum mehr als vier- , fünftausend Mark ergeben haben . Davon konnte aber kein Mensch leben . Also lag es nahe , daß Johanne sich irgendwo als Magd verdingte . Auf dem Lande brauchen sie aber kräftige Dirnen , die gut feldarbeiten können . Und Johanne war eher schwächlich als stark . Außerdem verstand sie gar nichts von der Landwirtschaft . Was sollte man mit ihr beginnen ? Ritter meinte : du bleibst jetzt ruhig bei uns . Das Häuschen suchen wir zu verpachten ; wenn du dich einmal verheiratest , hast dus bequem und kannst dich gleich in dein Eigentum hineinsetzen . Johanne wohnte nun bei den beiden alten Leuten . Die Frau war sehr wunderlich und konnte es nicht leiden , wenn Johanne las oder sich mit feinen Handarbeiten beschäftigte . Sie ließ sie unaufhörlich scheuern und putzen , obzwar alles in Küche und Haus vor Sauberkeit glänzte . Man zeichnete ihr jeden ihrer Schritte vor , und wenn sie etwas länger ausblieb als gewöhnlich , gabs Schelte . Und dabei hatte sie ein kleines unfreundliches Stübchen , in dem sich kein Ofen befand und wo sie Winters frieren mußte . Sie wurde von Tag zu Tag trauriger . Die schöne Welt war nun versunken , die ihr von den Büchern , in denen sie früher lesen durfte , in ihre Einsamkeit gezaubert wurde . Die beiden greisen wunderlichen Leute waren kein Ersatz für die Großmutter . Die Sehnsucht nach jungen Menschen , nach Leben , nach Freude wurde täglich mächtiger in ihr . Da draußen in der Welt wars so herrlich ! und sie in diese schreckliche Wüste verbannt ! Eines Tages lief sie ohne Erlaubnis davon , in den Laden des alten Fräuleins und klagte ihr Leid . Betty strich ihr beschwichtigend über das Haar und zog sie auf das alte Ledersopha im Stübchen neben dem Laden . » Wenn ich so ein lieb jung Mädchen wäre wie Sie , ich wüßte wohl , was ich thät . Ich ginge nach Ninive , lernte da etwas , z.B. Kindergärtnerei , erhielte eine feine Stellung , machte nette Bekanntschaften , und vergnügte mich « . Johanne faßte die Sprecherin an den Händen . » Ach Gott , könnt ichs doch , könnt ichs doch ! Aber es geht ja nicht . Hab ich doch keine Seele dort , die sich meiner annehmen würde « . » Und wenn Sie jemand dort fänden - ein bischen Geld besitzen Sie ja auch , um sich irgendwo in einem anständigen Hause einzulogieren - würden Sie hinreisen ? « » Und ob , und ob « rief Johanne mit glänzenden Augen . » Dann will ich an meinen Bruder schreiben , er soll etwas für Sie Passendes suchen « . Johanne schrie glückselig auf . » Ach Gott , wird das herrlich , mit ihnen allen , die ich so lieb habe , die meine Freunde sind , in derselben Stadt sein , dieselbe Luft atmen dürfen , Betty , Betty ! « Plötzlich machte sie ein ernstes Gesicht . » Aber der Vormund ? wird ers erlauben , wird er drauf eingehen ? « » Ich rede mit ihm « versprach Betty Wewerka , in deren Interesse es zu liegen schien , Johannes Wunsch zu unterstützen . In Wahrheit befand sich ihr Bruder in mißlichen Verhältnissen , in denen ihm jede , auch die kleinste Einnahme zu gute kam . Erhielt er Johanne in Pension , so flossen ihm ein paar hundert Mark jährlich mehr zu . Fräulein Wewerka bearbeitete nun die beiden alten Ritters , stellte ihnen vor , wieviel gute Anregung Johanne im Haus ihres Bruders empfinge , wie sie in der Stadt tüchtig lernen würde ; es seien dort viele Fortbildungsschulen für junge Mädchen , man dürfe dem » Bildungsdrang « eines jungen Menschen kein Hindernis in den Weg legen u.s.w. Schließlich gaben die beiden Alten nach und willigten in die Uebersiedelung ihres Mündels nach der Stadt ein . Es wurde ein Termin festgesetzt , an dem Johanne reisen sollte . Das junge Mädchen ging wie im Traum umher . Die Seligkeit ließ sie Essen und Trinken vergessen , ließ sie den Bekannten , die sie anhielten , um ihr ein paar freundliche Worte zu sagen , die Antwort schuldig bleiben . Wenn sie an ihrem lieben alten Häuschen , in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte , vorüberschritt , lachte sie heimlich und sagte : du altes schräges Ding , nun werde ich bald anderes als dich zu sehen bekommen . Es war sehr undankbar , aber sie hatte noch kein Leid kennen gelernt , wie sollte sie den Frieden zu schätzen wissen ? Sie nähte sich schnell eine Aussteuer , die ihr großartig erschien . Als sie ein halb Dutzend grober Hemden , etliche Röcke und Leibchen zusammengearbeitet hatte , packte sie alles in einen großen alten Holzkoffer , den sie noch von ihren Eltern besaß , und stellte sich ihrem Vormund als reisefertig vor . Man wartete noch etliche Tage , bis der Brief von Bettys Bruder kam . Er lautete sehr freundlich . Das junge Mädchen möge nur kommen . Er und seine Frau würden es selbst überwachen und ihm hülfreich in seinen Bestrebungen an die Hand gehen . » Und - früher oder später sehen Sie mich auch « sagte Fräulein Wewerka . » Ich warte nur , bis ich eine bestimmte Summe beisammen habe ; dann komme ich für immer nach Ninive . « Nun galts noch zwei Besuche . Der eine war schnell gethan . Es war der auf den Kirchhof . Mutter und Vater hörten still und unbekümmert unter ihren Blumenhügeln die Abschiedsworte der Fortziehenden . Die Toten ereifern sich nicht , denn sie wissen vieles , das da kommt . Auch der zweite Abschiedsbesuch verlief friedlich . Er galt dem Pfarrer . » Weißt du « sagte der alte Herr ruhig zu dem jungen Mädchen , » dir abraten , dein Glück in der Fremde zu suchen , würde zu nichts führen . Du gingest doch . Zieh denn . Vergiß nicht dein Abendgebet täglich zu sprechen , und vergiß noch etwas nicht : Du kommst dereinst wieder , Johanne , und dann wirst du kaum erwarten können , diesen alten treuen Boden unter deinen Sohlen zu spüren . Ich werde es vielleicht nicht erleben , aber denke manchmal daran . Es wird dir ein Trost und eine Mahnung sein « . Und dann segnete er sie und entließ sie . Weinend und doch lachend sah sie einige Tage später nach einem langen Abschied von ihren Bekannten die letzten Häuschen ihres Heimatsortes hinter sich entschwinden . Ein Wäglein brachte sie zur Eisenbahnstation . Noch einen letzten Blick auf die beiden Pappeln vor dem Kirchlein , dann verbarg ein Hügel den Ort , der wie eine treue Mutter ihre ersten Schritte bewacht hatte . Aber Kinder entlaufen oft ihren Müttern , um in der Fremde zu weinen ..... 3 Also das ist sie , die heißerträumte , heißerwünschte Stadt der Großen , Ninive ! ..... In die Ecke einer Droschke gedrückt , ihren großen Holzkoffer vor sich , durchsauste Johanne die Straßen , die nach der Wohnung Herrn Wewerkas führten . Sie sah zum ersten Mal drei , vier Stock hohe Häuser , Pferdebahnen , Schutzleute , Reklamewagen , Dampfbahnen , dazwischen ein schwarzes Gewimmel von tausend und abertausend geschäftig hineilenden Menschen . Der Lärm der Großstadt erschien ihr ohrenzerreißend ; die hinfliegenden Wagen , die Reiter , die Dampfbahnen machten sie schwindlig . Sie hatte sich das alles anders vorgestellt , märchenhaft , still , harmonisch ; diese lebenrauchende , brutale Wirklichkeit erschreckte sie . Vor einer riesenhaften Mietskaserne hielt der Wagen . Sie bezahlte und ließ ihren Koffer in den Hausflur stellen ; der herbeieilende Portier versprach , ihn gleich hinauf zu Wewerkas zu schaffen . Dann schritt sie über vier Treppen , die mit einem nicht allzu saubern Läufer bedeckt waren , und klingelte an einer Wohnung . Ein » Ah « , eine Hand , die sie faßte und hineinzog , und das Schicksal schloß hinter ihr die Thür . - Die ersten zehn Minuten war sie so befangen , daß sie nichts sah , als die Frau