Fontane , Theodor Die Poggenpuhls www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Theodor Fontane Die Poggenpuhls Roman Erstes Kapitel Die Poggenpuhls - eine Frau Majorin von Poggenpuhl mit ihren drei Töchtern Therese , Sophie und Manon - wohnten seit ihrer vor sieben Jahren erfolgten Übersiedelung von Pommersch-Stargard nach Berlin in einem gerade um jene Zeit fertig gewordenen , also noch ziemlich mauerfeuchten Neubau der Großgörschenstraße , einem Eckhause , das einem braven und behäbigen Manne , dem ehemaligen Maurerpolier , jetzigen Rentier August Nottebohm gehörte . Diese Großgörschenstraßen-Wohnung war seitens der Poggenpuhlschen Familie nicht zum wenigsten um des kriegsgeschichtlichen Namens der Straße , zugleich aber auch um der sogenannten » wundervollen Aussicht « willen gewählt worden , die von den Vorderfenstern aus auf die Grabdenkmäler und Erbbegräbnisse des Matthäikirchhofs , von den Hinterfenstern aus auf einige zur Kulmstraße gehörige Rückfronten ging , an deren einer man , in abwechselnd roten und blauen Riesenbuchstaben , die Worte » Schulzes Bonbonfabrik « lesen konnte . Möglich , ja sogar wahrscheinlich , daß nicht jedem mit dieser eigentümlichen Doppelaussicht gedient gewesen wäre ; der Frau von Poggenpuhl aber , einer geborenen Pütter - aus einer angesehenen , aber armen Predigerfamilie stammend - , paßte jede der beiden Aussichten gleich gut , die Frontaussicht , weil die etwas sentimental angelegte Dame gern vom Sterben sprach , die Rückfrontaussicht auf die Kulmstraße aber , weil sie beständig an Husten litt und aller Sparsamkeit ungeachtet zu gutem Teile von Gerstenbonbons und Brustkaramellen lebte . Jedesmal , wenn Besuch kam , wurde denn auch von den großen Vorzügen dieser Wohnung gesprochen , deren einziger wirklicher Vorzug in ihrer großen Billigkeit und in der vor mehreren Jahren schon durch Rentier Nottebohm gemachten Zusicherung bestand , daß die Frau Majorin nie gesteigert werden würde . » Nein , Frau Majorin « , so etwa hatte sich Nottebohm damals geäußert , » was dieses angeht , so können Frau Majorin ganz ruhig sein und die Fräuleins auch . Gott , wenn ich so alles bedenke ... verzeihen Frau Majorin , das Manonchen war ja noch ein Quack , als Sie damals , zu Michaeli , hier einzogen ... , un als Sie dann Neujahr runterkamen und die erste Miete brachten und alles noch leer stand von wegen der nassen Wände , was aber ein Unsinn is , da sagte ich zu meiner Frau , denn wir hatten es damals noch nich : Line , sagte ich , das is Handgeld und bringt uns Glück . Und hat auch wirklich . Denn von dasselbe Vierteljahr an war nie was leer , un immer reputierliche Leute - das muß ich sagen ... Und dann , Frau Majorin , wie werd ich denn grade bei Ihnen mit so was anfangen ... ich meine mit das Steigern . Ich war ja doch auch mit dabei ; Donnerwetter , es war eine ganz verfluchte Geschichte . Hier sitzt mir noch die Kugel ; aber der Doktor sagt : sie würde schon mal rausfallen und dann hätt ich ein Andenken . « Und damit schloß Nottebohm eine Rede , wie er sie länger nie gehalten und wie sie die gute Frau Majorin nie freundlicheren Ohres gehört hatte . Das mit dem » Dabeigewesensein « aber bezog sich auf Gravelotte , wo Major von Poggenpuhl , spät gegen Abend , als die pommersche Division herankam , an der Spitze seines Bataillons , in dem auch Nottebohm stand , ehrenvoll gefallen war . Er , der Major , hinterließ nichts als einen guten alten Namen und drei blanke Krönungstaler , die man in seinem Portemonnaie fand und später seiner Witwe behändigte . Diese drei Krönungstaler waren , wie das Erbe der Familie , so selbstverständlich auch der Stolz derselben , und als sechzehn Jahre später die erst etliche Monate nach dem Tode des Vaters geborene jüngste Tochter Manon konfirmiert werden sollte , waren aus den drei Krönungstalern - die bis dahin zu konservieren keine Kleinigkeit gewesen war - drei Broschen angefertigt und an die drei Töchter zur Erinnerung an diesen Einsegnungstag überreicht worden . Alles unter geistlicher Mitwirkung und Beihilfe . Denn Generalsuperintendent Schwarz , der die Familie liebte , war am Abend des Konfirmationstages in die Poggenpuhlsche Wohnung gekommen und hatte hier die in Gegenwart einiger alter Kameraden und Freunde stattfindende Broschenüberreichung fast zu einer kirchlichen Zeremonie , jedenfalls aber zu einer Feier erhoben , die sogar dem etwas groben und gegen die » Adelspackage « stark eingenommenen Portier Nebelung imponiert und ihn , wenn auch nicht geradezu bekehrt , so doch den wohlwollenden Gesinnungen seines Haus- und Brotherrn Nottebohm um etwas näher geführt hatte . Wie sich von selbst versteht , war auch die Poggenpuhlsche Wohnungseinrichtung ein Ausdruck der Verhältnisse , darin die Familie nun mal lebte ; von Plüschmöbeln existierte nichts und von Teppichen nur ein kleiner Schmiedeberger , der mit schwarzen , etwas ausgefusselten Wollfransen vor dem Sofa der zunächst am Korridor gelegenen und schon deshalb als Empfangssalon dienenden » guten Stube « lag . Entsprechend diesem Teppiche waren auch die schmalen , hier und dort gestopften Gardinen ; alles aber war sehr sauber und ordentlich gehalten , und ein mutmaßlich aus einem alten märkischen Herrenhause herstammender , ganz vor kurzem erst auf einer Auktion erstandener , weißlackierter Pfeilerspiegel mit eingelegter Goldleiste lieh der ärmlichen Einrichtung trotz ihres Zusammengesuchtseins oder vielleicht auch um dessen willen etwas von einer erlöschenden , aber doch immerhin mal dagewesenen Feudalität . Über dem Sofa derselben » guten Stube « hing ein großes Ölbildnis ( Kniestück ) des Rittmeisters von Poggenpuhl vom Sohrschen Husarenregiment , der 1813 bei Großgörschen ein Carré gesprengt und dafür den Pour le mérite erhalten hatte - der einzige Poggenpuhl , der je in der Kavallerie gestanden . Das halb wohlwollende , halb martialische Gesicht des Rittmeisters sah auf eine flache Glasschale hernieder , drin im Sommer Aurikeln und ein Vergißmeinnichtkranz , im Winter Visitenkarten zu liegen pflegten . An der andern Wand aber , genau dem Rittmeister gegenüber , stand ein Schreibtisch mit einem kleinen erhöhten Mittelbau , drauf , um bei Besuchen eine Art Gastlichkeit üben zu können , eine halbe Flasche Kapwein mit Liqueurgläschen thronte , beides , Flasche wie Gläschen , auf einem goldgeränderten Teller , der beständig klapperte . Neben dieser » guten Stube « lag die einfensterige Wohnstube , daran sich nach hinten zu das sogenannte » Berliner Zimmer « anschloß , ein bloßer Durchgang , wenn auch im übrigen geräumig , an dessen Längswand drei Betten standen , nur drei , trotzdem es eine viergliedrige Familie war . Die vierte Lagerstätte , von mehr ambulantem Charakter , war ein mit Rohr überflochtenes Sofagestell , drauf sich , wochenweis wechselnd , eine der zwei jüngeren Schwestern einzurichten hatte . Hinter diesem » Berliner Saal « ( Nottebohm selbst hatte den Grundriß dazu entworfen ) lag die Küche mitsamt dem Hängeboden . Hier hauste das alte Dienstmädchen Friederike , eine treue Seele , die noch den gnädigen Herrn gekannt und als Vertraute der Frau Majorin alles Glück und Unglück des Hauses und zuletzt auch die Übersiedelung von Stargard nach Berlin mit durchgemacht hatte . So wohnten die Poggenpuhls und gaben der Welt den Beweis , daß man auch in ganz kleinen Verhältnissen , wenn man nur die rechte Gesinnung und dann freilich auch die nötige Geschicklichkeit mitbringe , zufrieden und beinahe standesgemäß leben könne , was selbst von Portier Nebelung , allerdings unter Kopfschütteln und mit einigem Widerstreben , zugegeben wurde . Sämtliche Poggenpuhls - die Mutter freilich weniger - besaßen die schöne Gabe , nie zu klagen , waren lebensklug und rechneten gut , ohne daß sich bei diesem Rechnen etwas störend Berechnendes gezeigt hätte . Darin waren sich die drei Schwestern gleich , trotzdem ihre sonstigen Charaktere sehr verschieden waren . Therese , schon dreißig , konnte ( was denn auch redlich geschah ) auf den ersten Blick für unpraktisch gelten und schien von allerhand kleinen Künsten eigentlich nur die eine , sich in einem Schaukelstuhle gefällig zu wiegen , gelernt zu haben ; in Wirklichkeit aber war sie geradeso lebensklug wie die beiden jüngeren Schwestern und bebaute nur ein sehr andres Feld . Es war ihr , das stand ihr fest , ihrer ganzen Natur nach die Aufgabe zugefallen , die Poggenpuhlsche Fahne hochzuhalten und sich mehr , als es durch die Schwestern geschah , in die Welt , in die die Poggenpuhls nun mal gehörten , einzureihen . In den Generals- und Ministerfamilien der Behren- und Wilhelmstraße war sie denn auch heimisch und erzielte hier allemal große Zustimmung und Erfolge , wenn sie beim Tee von ihren jüngeren Schwestern und deren Erlebnissen in der » seinwollenden Aristokratie « spöttisch lächelnd berichtete . Selbst der alte Kommandierende , der , im ganzen genommen , längst aufgehört hatte , sich durch irgend etwas Irdisches noch besonders imponieren zu lassen , kam dann in eine vergnüglich liebenswürdige Heiterkeit , und der der Generalsfamilie befreundete , schräg gegenüber wohnende Unterstaatssekretär , trotzdem er selber von allerneustem Adel war ( oder vielleicht auch eben deshalb ) , zeigte sich dann jedesmal hingerissen von der feinen Malice des armen , aber standesbewußten Fräuleins . Eine weitere Folge dieser gesellschaftlichen Triumphe war es , daß Therese , wenn es irgend etwas zu bitten gab , auch tatsächlich bitten durfte , wobei sie , wie bemerkt werden muß , nie für sich selbst oder aber , klug abwägend , immer nur um solche Dinge petitionierte , die man mühelos gewähren konnte , was dann dem Gewährenden eine ganz spezielle Befriedigung gewährte . So war Therese von Poggenpuhl . Sehr anders erwiesen sich die beiden jüngeren Schwestern , die , den Verhältnissen und der modernen Welt sich anbequemend , bei ihrem Tun sozusagen in Compagnie gingen . Sophie , die zweite , war die Hauptstütze der Familie , weil sie das besaß , was die Poggenpuhls bis dahin nicht ausgezeichnet hatte : Talente . Möglich , daß diese Talente bei günstigeren Lebensverhältnissen einigermaßen zweifelvoll angesehen und mehr oder weniger als » unstandesgemäß « empfunden worden wären , bei der bedrückten Lage jedoch , in der sich die Poggenpuhls befanden , waren diese natürlichen Gaben Tag für Tag ein Glück und Segen für die Familie . Selbst Therese gab dies in ihren ruhigeren Momenten zu . Sophie - auch äußerlich von den Schwestern verschieden , sie hatte ein freundliches Pudelgesicht mit Löckchen - konnte eigentlich alles ; sie war musikalisch , zeichnete , malte , dichtete zu Geburtstagen und Polterabenden und konnte einen Hasen spicken ; aber alles dies , soviel es war , hätte für die Familie doch nur die halbe Bedeutung gehabt , wenn nicht neben ihr her noch die jüngste Schwester gewesen wäre , Manon , das Nesthäkchen . Manon , jetzt siebzehn , war , im Gegensatze zu Sophie , ganz ohne Begabung , besaß aber dafür die Gabe , sich überall beliebt zu machen , vor allem in Bankierhäusern , unter denen sie die nichtchristlichen bevorzugte , so namentlich das hochangesehene Haus Bartenstein . Bei dem Kindersegen der Mehrzahl dieser Häuser war nie Mangel an angehenden Backfischen , die mit den Anfängen irgendeiner Kunst oder Wissenschaft bekannt gemacht werden sollten , und ein über die verschiedensten Disziplinen angestrengtes längeres oder kürzeres Gespräch endete regelmäßig mit der leicht hingeworfenen Bemerkung Manons : » Ich halte es für möglich , daß meine Schwester Sophie da aushelfen kann « , eine Bemerkung , die sie gern machen durfte , weil Sophie tatsächlich vor nichts erschrak , nicht einmal vor Physik und Spektralanalyse . So war die Rollenverteilung im Hause Poggenpuhl , aus der sich , wie schon angedeutet , allerlei finanzielle Vorteile herausstellten , Vorteile , die zuzeiten nicht unbeträchtlich über die kleine Pension hinauswuchsen , die den eisernen Einnahmebestand der Familie bildete . Sämtliche drei junge Damen vergaben sich dabei nicht das geringste , waren vielmehr ( besonders die zwei jüngeren ) ebenso leichtlebig wie dankbar , vermieden es taktvoll , in geschmacklose Huldigungen oder gar in Schmeichelei zu verfallen , und standen überall in Achtung und Ansehen , weil ihr Tun , und das war die Hauptsache , von einer großen persönlichen Selbstlosigkeit begleitet war . Sie brauchten wenig , wußten sich , zumal auf dem Gebiete der Toilette - was aber ein gefälliges Erscheinen nicht hinderte - , mit einem Minimum zu behelfen und lebten in ihren Gedanken und Hoffnungen eigentlich nur für die » zwei Jungens « , ihre Brüder , Wendelin und Leo , von denen jener schon ein älterer Premier über dreißig , dieser ein junger Dachs von kaum zweiundzwanzig war . Beide , wie sich das von selbst verstand , waren in das hinterpommersche , neuerdings übrigens nach Westpreußen verlegte Regiment eingetreten , drin schon ihr Vater seine Laufbahn begonnen und am denkwürdigen 18. August in Ruhm und Ehre beschlossen hatte . Diesen Ruhm der Familie womöglich noch zu steigern war das , was die schwesterliche Trias mit allen Mitteln anstrebte . Hinsichtlich Wendelins , der ihrem eigenen Bemühen in allen Stücken entgegenkam , besonders auch darin , daß er zu sparen verstand , hinsichtlich dieses älteren Bruders unterlag das Erreichen höchster Ziele kaum einem Zweifel . Er war klug , nüchtern , ehrgeizig , und soviel durch Aufhorchen in dem militärexzellenzlichen Hause zur Kenntnis Theresens gekommen war , konnte sich ' s bei Wendelin eigentlich nur noch darum handeln , ob er demnächst in das Kriegsministerium oder in den Generalstab abkommandiert werden würde . Nicht so glücklich stand es mit Leo , der , weniger beanlagt als der ältere Bruder , nur der » Schneidigkeit « zustrebte . Zwei Duelle , von denen das eine einem Gerichtsreferendarius einen Schuß durch beide Backen und den Verlust etlicher Oberzähne eingetragen hatte , schienen ein rasches Sichnähern an sein Schneidigkeitsideal zu verbürgen und hätten ebensogut wie Wendelins Talente zu großen Hoffnungen berechtigen dürfen , wenn nicht das Gespenst der Entlassung wegen beständig anwachsender Schulden immer nebenher geschritten wäre . Leo , der Liebling aller , war zugleich das Angstkind , und immer wieder zu helfen und ihn vor einer Katastrophe zu bewahren , darauf war alles Dichten und Trachten gerichtet . Kein Opfer erschien zu groß , und wenn die Mutter auch gelegentlich den Kopf schüttelte , für die Töchter unterlag es keinem Zweifel , daß Leo , » wenn es nur möglich war , ihn bis zu dem entsprechenden Zeitpunkt zu halten « , die nächste große Russenschlacht , das Zorndorf der Zukunft , durch entscheidendes Eingreifen gewinnen würde . » Aber er ist ja nicht Garde du Corps « , sagte die Mama . » Nein . Aber das ist auch gleichgültig . Die nächste Schlacht bei Zorndorf wird durch Infanterie gewonnen werden . « Zweites Kapitel Es war ein Wintertag , der dritte Januar . Eben kam Friederike von ihrem regelmäßigen Morgeneinkauf zurück , einen Korb mit Frühstückssemmeln in der einen , einen Topf mit Milch in der andern Hand , beides , Semmeln und Milch , aus dem Keller gegenüber . Die Finger , trotz wollener Handschuhe , waren ihr bei der Kälte klamm geworden , und so nahm sie denn beim Eintreten in ihre Küche den Teekessel aus dem Kochloch und wärmte sich an der Glut . Aber nicht lange , denn sie hatte sich , weil sie gegen Morgen noch einmal eingeschlafen war , um eine halbe Stunde verspätet , was natürlich wieder eingebracht werden mußte . So machte sie sich denn eifrig an ihre vom Brett genommene Kaffeemühle , schüttete , so daß sie nachher nur noch aufzugießen brauchte , das braune Pulver in den Beutel und ging nun , nachdem sie schließlich noch den Teekessel wieder in die Glut gestellt hatte , mit ihrem Holzkorb ( dessen Boden übrigens jeden Augenblick herauszufallen drohte ) nach vorn , um da das einfensterige Wohnzimmer zu heizen . Hier kniete sie vor dem Ofen nieder und baute Holz und Preßkohlen so kunstgerecht auf , daß es nur eines einzigen Schwefelholzes , allerdings unter Zutat eines aus Zeitungspapier zusammengedrehten Zopfes , bedurfte , den künstlichen Bau in Brand zu setzen . Keine halbe Minute verging , so begann es im Ofen auch wirklich zu knacken und zu knistern , und als Friederike nun wußte , daß es brennen würde , stand sie von ihrem Ofenplatz wieder auf , um sich ihrer zweiten Morgenaufgabe , dem Staubabwischen , zu unterziehen . Hierbei , weil das , was sie leistete , die drei Fräuleins doch nie zufriedenstellte , verfuhr sie , so gewissenhaft sie sonst war , ziemlich obenhin und beschränkte sich darauf , eine über dem Sofa hängende Bilderreihe , die Leo , trotzdem es Zeitgenossen waren , die » Ahnengalerie des Hauses Poggenpuhl « zu nennen pflegte , leidlich blank zu putzen . Drei oder vier dieser Bilder waren Photographien in Kabinettformat ; die älteren aber gehörten noch der Daguerreotypzeit an und waren so verblichen , daß sie nur bei besonders günstiger Beleuchtung noch auf ihren Kunstwert hin geprüft werden konnten . Aber diese » Ahnengalerie « war doch nicht alles , was hier hing . Unmittelbar über ihr präsentierte sich noch ein Ölbild von einigem Umfang , eine Kunstschöpfung dritten oder vierten Ranges , die den historisch bedeutendsten Moment aus dem Leben der Familie darstellte . Das meiste , was man darauf sehen konnte , war freilich nur Pulverqualm , aber inmitten desselben erkannte man doch ziemlich deutlich noch eine Kirche samt Kirchhof , auf welch letzterem ein verzweifelter Nachtkampf zu toben schien . Es war der Überfall von Hochkirch , die Österreicher bestens » ajustiert « , die armen Preußen in einem pitoyablen Bekleidungszustande . Ganz in Front aber stand ein älterer Offizier in Unterkleid und Weste , von Stiefeln keine Rede , dafür ein Gewehr in der Hand . Dieser Alte war Major Balthasar von Poggenpuhl , der den Kirchhof eine halbe Stunde hielt , bis er mit unter den Toten lag . Eben dieses Bild , wohl in Würdigung seines Familienaffektionswertes , war denn auch in einen breiten und stattlichen Barockrahmen gefaßt , während die bloß unter Glas gebrachten Lichtbilder nichts als eine Goldhorte zeigten . Alle Mitglieder der Familie , selbst der in Kunstsachen etwas skeptische Leo mit einbegriffen , übertrugen ihre Pietät gegen den » Hochkircher « - wie der Hochkirch-Major zur Unterscheidung von vielen andern Majors der Familie genannt würde - auch auf die bildliche Darstellung seiner ruhmreichen Aktion , und nur Friederike , sosehr sie den Familienkultus mitmachte , stand mit dem alten , halb angekleideten Helden auf einer Art Kriegsfuß . Es hatte dies einfach darin seinen Grund , daß ihr oblag , mit ihrem alten , wie Spinnweb aussehenden Staublappen doch mindestens jeden dritten Tag einmal über den überall Berg und Tal zeigenden Barockrahmen hinzufahren , bei welcher Gelegenheit dann das Bild , wenn auch nicht geradezu regelmäßig , so doch sehr , sehr oft von der Wand herabglitt und über die Lehne weg auf das Sofa fiel . Es wurde dann jedesmal beiseite gestellt und nach dem Frühstück wieder eingegipst , was alles indessen nicht recht half und auch nicht helfen konnte . Denn die ganze Wandstelle war schon zu schadhaft , und über ein kleines , so brach der eingegipste Nagel wieder aus , und das Bild glitt herab . » Gott « , sagte Friederike , » daß er da so gestanden hat , nu ja , das war ja vielleicht ganz gut . Aber nu so gemalen ... es sitzt nich und sitzt nich . « Und nachdem sie dies Selbstgespräch geführt und die Ofentür , was immer das letzte war , wieder fest zugeschraubt hatte , tat sie Handfeger und Wischtuch wieder in den Holzkorb und trat leise durch die lange Schlafstube hin ihren Rückzug in die Küche an . Es war aber nicht mehr nötig , dabei so vorsichtig zu sein , denn alle vier Damen waren bereits wach , und Manon hatte sogar den einen nach dem Hof hinausführenden Fensterflügel halb aufgemacht , davon ausgehend , daß vier Grad unter Null immer noch besser seien als eine vierschläfrige Nacht- und Stubenluft . Keine Viertelstunde mehr , so kam der Kaffee . Die Damen saßen schon vorn in der warmen Stube , die Majorin auf dem Sofa , Therese in ihrem Schaukelstuhl , während Manon , einen Handwerkszeugkasten vor sich , eben diesen Kasten nach einem etwas längeren Nagel , und zwar für den alten , wieder herabgefallenen » Hochkircher « , durchsuchte . » Friederike « , sagte die Majorin , » du solltest dich mit dem Bilde doch etwas mehr in acht nehmen . « » Ach , Frau Majorin , ich tu es ja , ich rühr ihn ja beinah nich an ; aber er sitzt immer so wacklig ... Gott , Manonchen , wenn Sie doch bloß mal einen recht langen fänden oder , noch besser , wenn Sie mal so ' nen richtigen Haken einschlagen könnten . In acht nehmen ! Gott , ich denke ja immer dran , aber wenn er denn so mit einmal rutscht , krieg ich doch immer wieder ' nen Schreck . Un is mir immer , als ob er vielleicht seine Ruhe nich hätte . « » Ach , Friederike , rede doch nicht solch dummes Zeug « , sagte Therese halb ärgerlich . » Der , gerade der . Als ob der seine Ruhe nicht hätte ! Was das nur heißen soll ! Ich sage dir , der hat seine Ruhe . Wenn nur jeder seine Ruhe so hätte . Gut Gewissen ist das beste Ruhekissen . Das weißt du doch auch . Und das gute Gewissen , na , das hat er ... Aber wo hast du nur wieder die Semmeln her ? Die sehen ja wieder aus wie erschrocken , viel erschrockener als du . Ich mag nicht die Budikersemmeln . Warum gehst du nicht zu dem jungen Karchow , das ist doch ein richtiger Bäcker . « Es war dies eine zwischen dem Mädchen und dem Fräulein jeden dritten Tag wiederkehrende Meinungsverschiedenheit , und Friederike , die vollkommene Redefreiheit hatte , würde auch heute nicht geschwiegen und ihren alten Satz , » daß man es mit den Kellerleuten nicht verderben dürfe « , tapfer verteidigt haben , wenn es nicht in diesem Augenblick draußen geklopft hätte . » Der Briefträger « , riefen alle drei Schwestern , und gleich danach erschien auch Friederike wieder im Zimmer und brachte die Postsachen : ein Zeitungsblatt unter Kreuzband , eine Holz- und Torfanzeige und einen richtigen Brief . Die Holz- und Torfanzeige flog gleich aufs Ofenblech , das an Sophie adressierte Zeitungsblatt , das wahrscheinlich eine Rezension einiger ihrer eben ausgestellten Aquarellbilder enthielt , wurde beiseite geschoben , und nur der Brief erregte allgemeine Freude . » Von Leo ! « riefen die Schwestern und reichten den Brief der Mutter . Diese gab ihn aber an Therese zurück und sagte : » Lies du , Therese . Ein so guter Junge . Aber ich kriege immer einen Schreck . Immer will er was . Und nun ist eben erst Weihnachten gewesen und Neujahr und die Miete ... « » Ach , Mutter , du ängstigst dich immer gleich so . Man sieht doch , daß du keine Soldatentochter bist . « » Nein , bin ich nicht . Und ist auch recht gut so . Wer sollte sonst das bißchen zusammenhalten ? « » Wir . « » Ach , ihr ... ! Aber nun lies , Therese . Mir schlägt ordentlich das Herz . « » ... Liebe Mama ! Weihnachten war es nichts . Urlaub hätte mir das Regiment vielleicht gegeben , aber das Reisegeld ! Sie reden immer soviel jetzt von billigen Fahrpreisen , aber ich finde sie viel zu hoch , ganz unnatürlich hoch . Und da Wendelin auch sagte , ' s geht nich , Leo , so ging es nicht , und ich habe unten bei Schlächtermeister Funke , meinem Wirte , wie Ihr wißt , die Weihnachtsbescherung mit angesehen . Alles war sehr gerührt , auch Funke . Man sollte es nicht für möglich halten . Denn gerade in der Weihnachtszeit wurde immer geschlachtet , und ich konnte das Gequietsche der armen Biester mitunter gar nicht mehr mit anhören , und Funke immer in Person dabei . Und nun doch gerührt . Übrigens war die frische Wurst und besonders der Preßkopf ganz vorzüglich . In bezug auf Verpflegung bleibt hier in Thorn überhaupt nichts zu wünschen übrig , nur der Geist darbt , und das Herz darbt . Überhaupt scheint darben mein Los . Ach , Mutter , warum bist du keine geborene Bleichröder ... ? « » Empörend « , unterbrach hier Therese ihre Vorlesung . » Wir haben schon Manon mit ihren ewigen Bartensteins , und nun fängt Leo auch noch an . « » Daß wir Bartensteins haben , ist ganz gut . Lies lieber weiter . « » ... Also Heiligabend war es nichts . Indessen das Jahr hat auch noch andre große Tage . Der größte aber ist der 4. Januar , wo meine gute Alte , geborene Pütter , geboren wurde . Dieser Tag ist übermorgen , und ich werde gestiefelt und gespornt antreten , um meine Glückwünsche persönlich überbringen zu können . « » Nicht zu glauben . Weihnachten kein Geld , und zwei Tage nach Neujahr , wo doch die vielen Rechnungen kommen , will er die teure Reise machen . « » Es wird sich ja wohl alles aufklären , Mama « , sagte Manon . » Und mutmaßlich noch in diesem Briefe . Höre nur weiter . « » ... Es geschehen nämlich immer noch Zeichen und Wunder , und mitunter ist es mir , als ob der Unglauben und alle solche häßlichen Zeiterscheinungen abgewirtschaftet hätten . Auch der Adel kommt wieder obenauf , und ganz zuoberst der arme Adel , das heißt also die Poggenpuhls . Denn daß wir diesen in einer Art von Vollendung , oder sag ich Reinkultur , darstellen , darüber kann kein Zweifel sein . Aber zur Sache , wie die Parlamentarier sagen . Und so vernimm denn , am Silvesterabend noch ein Bettler ( allerdings ein glücklicher , denn wir brachten es im Kasino auf sieben Bowlen in Großformat ) und am 1. Januar früh ein Gott , ein Krösus . Krösus ist nämlich immer das Höchste , was man auch Klimax nennt . Schon um zehn klopft es , ich reiße mich aus meinem Morgentraum und empfinde einen gewissen bleiernen Zustand , aber nicht auf lange . Denn wer stand vor mir ? Oktavio ? Nein , nicht Oktavio . Wir wollen ihn heute lieber Wendelin nennen . Und was er sagte , war das Folgende : Leo , sagte er , du hast Glück . Geldschiff angekommen . Für mich ? frag ich . Nein , für dich nicht , wenigstens nicht unmittelbar . Aber doch für mich . Das Militärwochenblatt hat mir heute früh das Honorar geschickt . Viel ? unterbrach ich ihn wieder in höchster Erregung . Das Militärwochenblatt schickt immer viel , antwortete er ruhig und legte dabei drei Zwanzigmarkscheine vor mich hin . Ich , geblendet , als ob es nicht Scheine , sondern das reine pure Gold wäre , will mich blindlings und dankbar auf ihn losstürzen , aber er wehrt mich vornehm ab und sagt nur : Alles deine , Leo ; aber nicht zum Verkneipen . Übermorgen früh reist du nach Berlin . « » Der gute Wendelin ! Er schickt ihn dir , weil er weiß , daß er dein Liebling ist « , unterbrach hier Manon und streichelte der Mama die Hände . Therese aber las weiter : » ... Vier Uhr nachmittags bist du da , benimmst dich nett und hilfst am andern Morgen den Geburtstag mitfeiern . Nach Kaisers Geburtstag kommt Mamas Geburtstag . Das ist Poggenpuhlscher Katechismus . Und nun zieh dich an und geh eine Stunde spazieren . Denn du stehst da wie Silvester in seiner letzten Stunde . Unter diesen Worten verließ er mich wie ein Fürst . Und ich werde tun , wie er befohlen hat , und Dienstag nachmittag bei Euch eintreffen . Vier Uhr . Tout à vous ma Reine-mère . Dein glücklicher , verdrehter , wohlaffektionierter Leo I. « Die beiden jüngeren Schwestern klatschten in die Hände , ja , selbst Therese , soviel sie an diesem Übermut auszusetzen hatte , freute sich des Besuchs . Nur die Mutter sagte : » Ja , da soll ich mich nun freuen . Aber kann ich mich freuen ? Herkommen wird er ja wohl gerade mit dem Geld , aber wenn er hier ist , müssen wir ihm doch ein paar gute Tage machen , und wenn er auch bescheiden in seinen Ansprüchen ist , so muß er doch den dritten Tag wieder zurück , und dafür müssen wir aufkommen . « » Sprich doch nicht immer davon « , sagte Therese . » Ja , Therese , du denkst immer , ein Livreediener wird dir eine Kassette bringen mit der Aufschrift Dem tapferen Hause Poggenpuhl , aber das sind alles Märchengeschichten , und der Mann am Schalter , der die Fahrkarten verkauft , ist eine unerbittliche Wirklichkeit . « » Ach , Mama « , sagte Sophie , » damit mußt du dir die Vorfreude nicht verderben . Es geschehen noch Zeichen und Wunder , so hat er geschrieben , und wenn sie nicht geschehen , so laß ich mir auf meine letzten Bilder einen Vorschuß geben , und wenn auch das nicht geht , so ... « » Nun , so haben wir immer noch die Zuckerdose « , warf Manon ein .