Fontane , Theodor Frau Jenny Treibel www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Theodor Fontane Frau Jenny Treibel oder » Wo sich Herz zum Herzen findt « Roman Erstes Kapitel An einem der letzten Maitage , das Wetter war schon sommerlich , bog ein zurückgeschlagener Landauer vom Spittelmarkt her in die Kur- und dann in die Adlerstraße ein und hielt gleich danach vor einem , trotz seiner Front von nur fünf Fenstern , ziemlich ansehnlichen , im übrigen aber altmodischen Hause , dem ein neuer , gelbbrauner Ölfarbenanstrich wohl etwas mehr Sauberkeit , aber keine Spur von gesteigerter Schönheit gegeben hatte , beinahe das Gegenteil . Im Fond des Wagens saßen zwei Damen mit einem Bologneserhündchen , das sich der hell- und warmscheinenden Sonne zu freuen schien . Die links sitzende Dame von etwa dreißig , augenscheinlich eine Erzieherin oder Gesellschafterin , öffnete , von ihrem Platz aus , zunächst den Wagenschlag und war dann der anderen , mit Geschmack und Sorglichkeit gekleideten und trotz ihrer hohen Fünfzig noch sehr gut aussehenden Dame beim Aussteigen behülflich . Gleich danach aber nahm die Gesellschafterin ihren Platz wieder ein , während die ältere Dame auf eine Vortreppe zuschritt und nach Passierung derselben in den Hausflur eintrat . Von diesem aus stieg sie , so schnell ihre Korpulenz es zuließ , eine Holzstiege mit abgelaufenen Stufen hinauf , unten von sehr wenig Licht , weiter oben aber von einer schweren Luft umgeben , die man füglich als eine Doppelluft bezeichnen konnte . Gerade der Stelle gegenüber , wo die Treppe mündete , befand sich eine Entreetür mit Guckloch und neben diesem ein grünes , knittriges Blechschild , darauf » Professor Wilibald Schmidt « ziemlich undeutlich zu lesen war . Die ein wenig asthmatische Dame fühlte zunächst das Bedürfnis sich auszuruhen und musterte bei der Gelegenheit den ihr übrigens von langer Zeit her bekannten Vorflur , der vier gelbgestrichene Wände mit etlichen Haken und Riegeln und dazwischen einen hölzernen Halbmond zum Bürsten und Ausklopfen der Röcke zeigte . Dazu wehte , der ganzen Atmosphäre auch hier den Charakter gebend , von einem nach hinten zu führenden Korridor her ein sonderbarer Küchengeruch heran , der , wenn nicht alles täuschte , nur auf Rührkartoffeln und Carbonade gedeutet werden konnte , beides mit Seifenwrasen untermischt . » Also kleine Wäsche « , sagte die von dem allen wieder ganz eigentümlich berührte stattliche Dame still vor sich hin , während sie zugleich weit zurückliegender Tage gedachte , wo sie selbst hier , in eben dieser Adlerstraße , gewohnt und in dem gerade gegenüber gelegenen Materialwarenladen ihres Vaters mit im Geschäft geholfen und auf einem über zwei Kaffeesäcke gelegten Brett kleine und große Düten geklebt hatte , was ihr jedesmal mit » zwei Pfennig fürs Hundert « gutgetan worden war . » Eigentlich viel zuviel , Jenny « , pflegte dann der Alte zu sagen , » aber du sollst mit Geld umgehen lernen . « Ach , waren das Zeiten gewesen ! Mittags , Schlag zwölf , wenn man zu Tisch ging , saß sie zwischen dem Commis Herrn Mielke und dem Lehrling Louis , die beide , so verschieden sie sonst waren , dieselbe hochstehende Kammtolle und dieselben erfrorenen Hände hatten . Und Louis schielte bewundernd nach ihr hinüber , aber wurde jedesmal verlegen , wenn er sich auf seinen Blicken ertappt sah . Denn er war zu niedrigen Standes , aus einem Obstkeller in der Spreegasse . Ja , das alles stand jetzt wieder vor ihrer Seele , während sie sich auf dem Flur umsah und endlich die Klingel neben der Tür zog . Der überall verbogene Draht raschelte denn auch , aber kein Anschlag ließ sich hören , und so faßte sie schließlich den Klingelgriff noch einmal und zog stärker . Jetzt klang auch ein Bimmelton von der Küche her bis auf den Flur herüber , und ein paar Augenblicke später ließ sich erkennen , daß eine hinter dem Guckloch befindliche kleine Holzklappe beiseite geschoben wurde . Sehr wahrscheinlich war es des Professors Wirtschafterin , die jetzt , von ihrem Beobachtungsposten aus , nach Freund oder Feind aussah , und als diese Beobachtung ergeben hatte , daß es » gut Freund « sei , wurde der Türriegel ziemlich geräuschvoll zurückgeschoben , und eine ramassierte Frau von ausgangs Vierzig , mit einem ansehnlichen Haubenbau auf ihrem vom Herdfeuer geröteten Gesicht , stand vor ihr . » Ach , Frau Treibel ... Frau Kommerzienrätin ... Welche Ehre ... « » Guten Tag , liebe Frau Schmolke . Was macht der Professor ? Und was macht Fräulein Corinna ? Ist das Fräulein zu Hause ? « » Ja , Frau Kommerzienrätin . Eben wieder nach Hause gekommen aus der Philharmonie . Wie wird sie sich freuen . « Und dabei trat Frau Schmolke zur Seite , um den Weg nach dem einfenstrigen , zwischen den zwei Vorderstuben gelegenen und mit einem schmalen Leinwandläufer belegten Entree freizugeben . Aber ehe die Kommerzienrätin noch eintreten konnte , kam ihr Fräulein Corinna schon entgegen und führte die » mütterliche Freundin « , wie sich die Rätin gern selber nannte , nach rechts hin , in das eine Vorderzimmer . Dies war ein hübscher , hoher Raum , die Jalousien herabgelassen , die Fenster nach innen auf , vor deren einem eine Blumenestrade mit Goldlack und Hyazinthen stand . Auf dem Sofatische präsentierte sich gleichzeitig eine Glasschale mit Apfelsinen , und die Porträts der Eltern des Professors , des Rechnungsrats Schmidt aus der Heroldskammer und seiner Frau , geb . Schwerin , sahen auf die Glasschale hernieder - der alte Rechnungsrat in Frack und Rotem Adlerorden , die geborne Schwerin mit starken Backenknochen und Stubsnase , was , trotz einer ausgesprochenen Bürgerlichkeit , immer noch mehr auf die pommersch-uckermärkischen Träger des berühmten Namens als auf die spätere oder , wenn man will , auch viel frühere posensche Linie hindeutete . » Liebe Corinna , wie nett du dies alles zu machen verstehst und wie hübsch es doch bei euch ist , so kühl und so frisch - und die schönen Hyazinthen . Mit den Apfelsinen verträgt es sich freilich nicht recht , aber das tut nichts , es sieht so gut aus ... Und nun legst du mir in deiner Sorglichkeit auch noch das Sofakissen zurecht ! Aber verzeih , ich sitze nicht gern auf dem Sofa ; das ist immer so weich , und man sinkt dabei so tief ein . Ich setze mich lieber hier in den Lehnstuhl und sehe zu den alten , lieben Gesichtern da hinauf . Ach , war das ein Mann ; gerade wie dein Vater . Aber der alte Rechnungsrat war beinah noch verbindlicher , und einige sagten auch immer , er sei so gut wie von der Kolonie . Was auch stimmte . Denn seine Großmutter , wie du freilich besser weißt als ich , war ja eine Charpentier , Stralauer Straße . « Unter diesen Worten hatte die Kommerzienrätin in einem hohen Lehnstuhle Platz genommen und sah mit dem Lorgnon nach den » lieben Gesichtern « hinauf , deren sie sich eben so huldvoll erinnert hatte , während Corinna fragte , ob sie nicht etwas Mosel und Selterwasser bringen dürfe , es sei so heiß . » Nein , Corinna , ich komme eben vom Lunch , und Selterwasser steigt mir immer so zu Kopf . Sonderbar , ich kann Sherry vertragen und auch Port , wenn er lange gelagert hat , aber Mosel und Selterwasser , das benimmt mich ... Ja , sieh , Kind , dies Zimmer hier , das kenne ich nun schon vierzig Jahre und darüber , noch aus Zeiten her , wo ich ein halbwachsen Ding war , mit kastanienbraunen Locken , die meine Mutter , soviel sie sonst zu tun hatte , doch immer mit rührender Sorgfalt wickelte . Denn damals , meine liebe Corinna , war das Rotblonde noch nicht so Mode wie jetzt , aber kastanienbraun galt schon , besonders wenn es Locken waren , und die Leute sahen mich auch immer darauf an . Und dein Vater auch . Er war damals noch ein Student und dichtete . Du wirst es kaum glauben , wie reizend und wie rührend das alles war , denn die Kinder wollen es immer nicht wahrhaben , daß die Eltern auch einmal jung waren und gut aussahen und ihre Talente hatten . Und ein paar Gedichte waren an mich gerichtet , die hab ich mir aufgehoben bis diesen Tag , und wenn mir schwer ums Herz ist , dann nehme ich das kleine Buch , das ursprünglich einen blauen Deckel hatte ( jetzt aber hab ich es in grünen Maroquin binden lassen ) , und setze mich ans Fenster und sehe auf unsern Garten und weine mich still aus , ganz still , daß es niemand sieht , am wenigsten Treibel oder die Kinder . Ach Jugend ! Meine liebe Corinna , du weißt gar nicht , welch ein Schatz die Jugend ist und wie die reinen Gefühle , die noch kein rauher Hauch getrübt hat , doch unser Bestes sind und bleiben . « » Ja « , lachte Corinna , » die Jugend ist gut . Aber Kommerzienrätin ist auch gut und eigentlich noch besser . Ich bin für einen Landauer und einen Garten um die Villa herum . Und wenn Ostern ist und Gäste kommen , natürlich recht viele , so werden Ostereier in dem Garten versteckt , und jedes Ei ist eine Attrappe voll Konfitüren von Hövell oder Kranzler , oder auch ein kleines Necessaire ist drin . Und wenn dann all die Gäste die Eier gefunden haben , dann nimmt jeder Herr seine Dame , und man geht zu Tisch . Ich bin durchaus für Jugend , aber für Jugend mit Wohlleben und hübschen Gesellschaften . « » Das höre ich gern , Corinna , wenigstens gerade jetzt ; denn ich bin hier , um dich einzuladen , und zwar auf morgen schon ; es hat sich so rasch gemacht . Ein junger Mister Nelson ist nämlich bei Otto Treibels angekommen ( das heißt aber , er wohnt nicht bei ihnen ) , ein Sohn von Nelson & amp ; Co. aus Liverpool , mit denen mein Sohn Otto seine Hauptgeschäftsverbindung hat . Und Helene kennt ihn auch . Das ist so hamburgisch , die kennen alle Engländer , und wenn sie sie nicht kennen , so tun sie wenigstens so . Mir unbegreiflich . Also Mister Nelson , der übermorgen schon wieder abreist , um den handelt es sich ; ein lieber Geschäftsfreund , den Ottos durchaus einladen mußten . Das verbot sich aber leider , weil Helene mal wieder Plättag hat , was nach ihrer Meinung allem anderen vorgeht , sogar im Geschäft . Da haben wir ' s denn übernommen , offen gestanden nicht allzu gern , aber doch auch nicht geradezu ungern . Otto war nämlich , während seiner englischen Reise , wochenlang in dem Nelsonschen Hause zu Gast . Du siehst daraus , wie ' s steht und wie sehr mir an deinem Kommen liegen muß ; du sprichst Englisch und hast alles gelesen und hast vorigen Winter auch Mister Booth als Hamlet gesehen . Ich weiß noch recht gut , wie du davon schwärmtest . Und englische Politik und Geschichte wirst du natürlich auch wissen , dafür bist du ja deines Vaters Tochter . « » Nicht viel weiß ich davon , nur ein bißchen . Ein bißchen lernt man ja . « » Ja , jetzt , liebe Corinna . Du hast es gut gehabt , und alle haben es jetzt gut . Aber zu meiner Zeit , da war es anders , und wenn mir nicht der Himmel , dem ich dafür danke , das Herz für das Poetische gegeben hätte , was , wenn es mal in einem lebt , nicht wieder auszurotten ist , so hätte ich nichts gelernt und wüßte nichts . Aber , Gott sei Dank , ich habe mich an Gedichten herangebildet , und wenn man viele davon auswendig weiß , so weiß man doch manches . Und daß es so ist , sieh , das verdanke ich nächst Gott , der es in meine Seele pflanzte , deinem Vater . Der hat das Blümlein großgezogen , das sonst drüben in dem Ladengeschäft unter all den prosaischen Menschen - und du glaubst gar nicht , wie prosaische Menschen es gibt - verkümmert wäre ... Wie geht es denn mit deinem Vater ? Es muß ein Vierteljahr sein oder länger , daß ich ihn nicht gesehen habe , den 14. Februar , an Ottos Geburtstag . Aber er ging so früh , weil soviel gesungen wurde . « » Ja , das liebt er nicht . Wenigstens dann nicht , wenn er damit überrascht wird . Es ist eine Schwäche von ihm , und manche nennen es eine Unart . « » Oh , nicht doch , Corinna , das darfst du nicht sagen . Dein Vater ist bloß ein origineller Mann . Ich bin unglücklich , daß man seiner so selten habhaft werden kann . Ich hätt ihn auch zu morgen gerne mit eingeladen , aber ich bezweifle , daß Mister Nelson ihn interessiert , und von den anderen ist nun schon gar nicht zu sprechen ; unser Freund Krola wird morgen wohl wieder singen und Assessor Goldammer seine Polizeigeschichten erzählen und sein Kunststück mit dem Hut und den zwei Talern machen . « » Oh , da freu ich mich . Aber freilich , Papa tut sich nicht gerne Zwang an , und seine Bequemlichkeit und seine Pfeife sind ihm lieber als ein junger Engländer , der vielleicht dreimal um die Welt gefahren ist . Papa ist gut , aber einseitig und eigensinnig . « » Das kann ich nicht zugeben , Corinna . Dein Papa ist ein Juwel , das weiß ich am besten . « » Er unterschätzt alles Äußerliche , Besitz und Geld , und überhaupt alles , was schmückt und schön macht . « » Nein , Corinna , sage das nicht . Er sieht das Leben von der richtigen Seite an ; er weiß , daß Geld eine Last ist und daß das Glück ganz woanders liegt . « Sie schwieg bei diesen Worten und seufzte nur leise . Dann aber fuhr sie fort : » Ach , meine liebe Corinna , glaube mir , kleine Verhältnisse , das ist das , was allein glücklich macht . « Corinna lächelte . » Das sagen alle die , die drüberstehen und die kleinen Verhältnisse nicht kennen . « » Ich kenne sie , Corinna . « » Ja , von früher her . Aber das liegt nun zurück und ist vergessen oder wohl gar verklärt . Eigentlich liegt es doch so : alles möchte reich sein , und ich verdenke es keinem . Papa freilich , der schwört noch auf die Geschichte von dem Kamel und dem Nadelöhr . Aber die junge Welt ... « » ... ist leider anders . Nur zu wahr . Aber so gewiß das ist , so ist es doch nicht so schlimm damit , wie du dir ' s denkst . Es wäre auch zu traurig , wenn der Sinn für das Ideale verlorenginge , vor allem in der Jugend . Und in der Jugend lebt er auch noch . Da ist zum Beispiel dein Vetter Marcell , den du beiläufig morgen auch treffen wirst ( er hat schon zugesagt ) und an dem ich wirklich nichts weiter zu tadeln wüßte , als daß er Wedderkopp heißt . Wie kann ein so feiner Mann einen so störrischen Namen führen ! Aber wie dem auch sein möge , wenn ich ihn bei Ottos treffe , so spreche ich immer so gern mit ihm . Und warum ? Bloß weil er die Richtung hat , die man haben soll . Selbst unser guter Krola sagte mir erst neulich , Marcell sei eine von Grund aus ethische Natur , was er noch höher stelle als das Moralische ; worin ich ihm , nach einigen Aufklärungen von seiner Seite , beistimmen mußte . Nein , Corinna , gib den Sinn , der sich nach oben richtet , nicht auf , jenen Sinn , der von dorther allein das Heil erwartet . Ich habe nur meine beiden Söhne , Geschäftsleute , die den Weg ihres Vaters gehen , und ich muß es geschehen lassen ; aber wenn mich Gott durch eine Tochter gesegnet hätte , die wäre mein gewesen , auch im Geist , und wenn sich ihr Herz einem armen , aber edlen Manne , sagen wir einem Manne wie Marcell Wedderkopp , zugeneigt hätte ... « » ... so wäre das ein Paar geworden « , lachte Corinna . » Der arme Marcell ! Da hätt er nun sein Glück machen können , und muß gerade die Tochter fehlen . « Die Kommerzienrätin nickte . » Überhaupt ist es schade , daß es so selten klappt und paßt « , fuhr Corinna fort . » Aber Gott sei Dank , gnädigste Frau haben ja noch den Leopold , jung und unverheiratet , und da Sie solche Macht über ihn haben - so wenigstens sagt er selbst , und sein Bruder Otto sagt es auch , und alle Welt sagt es - , so könnt er Ihnen , da der ideale Schwiegersohn nun mal eine Unmöglichkeit ist , wenigstens eine ideale Schwiegertochter ins Haus führen , eine reizende , junge Person , vielleicht eine Schauspielerin ... « » Ich bin nicht für Schauspielerinnen ... « » Oder eine Malerin oder eine Pastors- oder eine Professorentochter ... « Die Kommerzienrätin stutzte bei diesem letzten Worte und streifte Corinna stark , wenn auch flüchtig . Indessen wahrnehmend , daß diese heiter und unbefangen blieb , schwand ihre Furchtanwandlung ebenso schnell , wie sie gekommen war . » Ja , Leopold « , sagte sie , » den hab ich noch . Aber Leopold ist ein Kind . Und seine Verheiratung steht jedenfalls noch in weiter Ferne . Wenn er aber käme ... « Und die Kommerzienrätin schien sich allen Ernstes - vielleicht weil es sich um etwas noch » in so weiter Ferne « Liegendes handelte - der Vision einer idealen Schwiegertochter hingeben zu wollen , kam aber nicht dazu , weil in eben diesem Augenblicke der aus seiner Obersekunda kommende Professor eintrat und seine Freundin , die Rätin , mit vieler Artigkeit begrüßte . » Stör ich ? « » In Ihrem eigenen Hause ? Nein , lieber Professor ; Sie können überhaupt nie stören . Mit Ihnen kommt immer das Licht . Und wie Sie waren , so sind Sie geblieben . Aber mit Corinna bin ich nicht zufrieden . Sie spricht so modern und verleugnet ihren Vater , der immer nur in einer schönen Gedankenwelt lebte ... « » Nun ja , ja « , sagte der Professor . » Man kann es so nennen . Aber ich denke , sie wird sich noch wieder zurückfinden . Freilich , einen Stich ins Moderne wird sie wohl behalten . Schade . Das war anders , als wir jung waren , da lebte man noch in Phantasie und Dichtung ... « Er sagte das so hin , mit einem gewissen Pathos , als ob er seinen Sekundanern eine besondere Schönheit aus dem Horaz oder aus dem » Parzival « ( denn er war Klassiker und Romantiker zugleich ) zu demonstrieren hätte . Sein Pathos war aber doch etwas theatralisch gehalten und mit einer feinen Ironie gemischt , die die Kommerzienrätin auch klug genug war herauszuhören . Sie hielt es indessen trotzdem für angezeigt , einen guten Glauben zu zeigen , nickte deshalb nur und sagte : » Ja , schöne Tage , die nie wiederkehren . « » Nein « , sagte der in seiner Rolle mit dem Ernst eines Großinquisitors fortfahrende Wilibald . » Es ist vorbei damit ; aber man muß eben weiterleben . « Eine halb verlegene Stille trat ein , während welcher man , von der Straße her , einen scharfen Peitschenknips hörte . » Das ist ein Mahnzeichen « , warf jetzt die Kommerzienrätin ein , eigentlich froh der Unterbrechung . » Johann unten wird ungeduldig . Und wer hätte den Mut , es mit einem solchen Machthaber zu verderben . « » Niemand « , erwiderte Schmidt . » An der guten Laune unserer Umgebung hängt unser Lebensglück ; ein Minister bedeutet mir wenig , aber die Schmolke ... « » Sie treffen es wie immer , lieber Freund . « Und unter diesen Worten erhob sich die Kommerzienrätin und gab Corinna einen Kuß auf die Stirn , während sie Wilibald die Hand reichte . » Mit uns , lieber Professor , bleibt es beim alten , unentwegt . « Und damit verließ sie das Zimmer , von Corinna bis auf den Flur und die Straße begleitet . » Unentwegt « , wiederholte Wilibald , als er allein war . » Herrliches Modewort , und nun auch schon bis in die Villa Treibel gedrungen ... Eigentlich ist meine Freundin Jenny noch gerade so wie vor vierzig Jahren , wo sie die kastanienbraunen Locken schüttelte . Das Sentimentale liebte sie schon damals , aber doch immer unter Bevorzugung von Courmachen und Schlagsahne . Jetzt ist sie nun rundlich geworden und beinah gebildet , oder doch , was man so gebildet zu nennen pflegt , und Adolar Krola trägt ihr Arien aus Lohengrin und Tannhäuser vor . Denn ich denke mir , daß das ihre Lieblingsopern sind . Ach , ihre Mutter , die gute Frau Bürstenbinder , die das Püppchen drüben im Apfelsinenladen immer so hübsch herauszuputzen wußte , sie hat in ihrer Weiberklugheit damals ganz richtig gerechnet . Nun ist das Püppchen eine Kommerzienrätin und kann sich alles gönnen , auch das Ideale , und sogar unentwegt . Ein Musterstück von einer Bourgeoise . « Und dabei trat er ans Fenster , hob die Jalousien ein wenig und sah , wie Corinna , nachdem die Kommerzienrätin ihren Sitz wieder eingenommen hatte , den Wagenschlag ins Schloß warf . Noch ein gegenseitiger Gruß , an dem die Gesellschaftsdame mit sauersüßer Miene teilnahm , und die Pferde zogen an und trabten langsam auf die nach der Spree hin gelegene Aus-fahrt zu , weil es schwer war , in der engen Adlerstraße zu wenden . Als Corinna wieder oben war , sagte sie : » Du hast doch nichts dagegen , Papa . Ich bin morgen zu Treibels zu Tisch geladen . Marcell ist auch da und ein junger Engländer , der sogar Nelson heißt . « » Ich was dagegen ? Gott bewahre . Wie könnt ich was dagegen haben , wenn ein Mensch sich amüsieren will . Ich nehme an , du amüsierst dich . « » Gewiß amüsier ich mich . Es ist doch mal was anderes . Was Distelkamp sagt und Rindfleisch und der kleine Friedeberg , das weiß ich ja schon alles auswendig . Aber was Nelson sagen wird , denk dir , Nelson , das weiß ich nicht . « » Viel Gescheites wird es wohl nicht sein . « » Das tut nichts . Ich sehne mich manchmal nach Ungescheitheiten . « » Da hast du recht , Corinna . « Zweites Kapitel Die Treibelsche Villa lag auf einem großen Grundstücke , das , in bedeutender Tiefe , von der Köpnicker Straße bis an die Spree reichte . Früher hatten hier in unmittelbarer Nähe des Flusses nur Fabrikgebäude gestanden , in denen alljährlich ungezählte Zentner von Blutlaugensalz und später , als sich die Fabrik erweiterte , kaum geringere Quantitäten von Berliner Blau hergestellt worden waren . Als aber nach dem siebziger Kriege die Milliarden ins Land kamen und die Gründeranschauungen selbst die nüchternsten Köpfe zu beherrschen anfingen , fand auch Kommerzienrat Treibel sein bis dahin in der Alten Jakobstraße gelegenes Wohnhaus , trotzdem es von Gontard , ja nach einigen sogar von Knobelsdorff herrühren sollte , nicht mehr zeit- und standesgemäß und baute sich auf seinem Fabrikgrundstück eine modische Villa mit kleinem Vorder- und parkartigem Hintergarten . Diese Villa war ein Hochparterrebau mit aufgesetztem ersten Stock , welcher letztere jedoch , um seiner niedrigen Fenster willen , eher den Eindruck eines Mezzanin als einer Beletage machte . Hier wohnte Treibel seit sechzehn Jahren und begriff nicht , daß er es , einem noch dazu bloß gemutmaßten friderizianischen Baumeister zuliebe , so lange Zeit hindurch in der unvornehmen und aller frischen Luft entbehrenden Alten Jakobstraße ausgehalten habe ; Gefühle , die von seiner Frau Jenny mindestens geteilt wurden . Die Nähe der Fabrik , wenn der Wind ungünstig stand , hatte freilich auch allerlei Mißliches im Geleite ; Nordwind aber , der den Qualm herantrieb , war notorisch selten , und man brauchte ja die Gesellschaften nicht gerade bei Nordwind zu geben . Außerdem ließ Treibel die Fabrikschornsteine mit jedem Jahre höher hinaufführen und beseitigte damit den anfänglichen Übelstand immer mehr . Das Diner war zu sechs Uhr festgesetzt ; aber bereits eine Stunde vorher sah man Hustersche Wagen mit runden und viereckigen Körben vor dem Gittereingange halten . Die Kommerzienrätin , schon in voller Toilette , beobachtete von dem Fenster ihres Boudoirs aus all diese Vorbereitungen und nahm auch heute wieder , und zwar nicht ohne eine gewisse Berechtigung , Anstoß daran . » Daß Treibel es auch versäumen mußte , für einen Nebeneingang Sorge zu tragen ! Wenn er damals nur ein vier Fuß breites Terrain von dem Nachbargrundstück zukaufte , so hätten wir einen Eingang für derart Leute gehabt . Jetzt marschiert jeder Küchenjunge durch den Vorgarten , gerade auf unser Haus zu , wie wenn er mit eingeladen wäre . Das sieht lächerlich aus und auch anspruchsvoll , als ob die ganze Köpnicker Straße wissen solle : Treibels geben heut ein Diner . Außerdem ist es unklug , dem Neid der Menschen und dem sozialdemokratischen Gefühl so ganz nutzlos neue Nahrung zu gehen . « Sie sagte sich das ganz ernsthaft , gehörte jedoch zu den Glücklichen , die sich nur weniges andauernd zu Herzen nehmen , und so kehrte sie denn vom Fenster zu ihrem Toilettentisch zurück , um noch einiges zu ordnen und den Spiegel zu befragen , ob sie sich neben ihrer Hamburger Schwiegertochter auch werde behaupten können . Helene war freilich nur halb so alt , ja kaum das ; aber die Kommerzienrätin wußte recht gut , daß Jahre nichts bedeuten und daß Konversation und Augenausdruck und namentlich die » Welt der Formen « , im einen und im andern Sinne , ja im » andern « Sinne noch mehr , den Ausschlag zu geben pflegen . Und hierin war die schon stark an der Grenze des Embonpoint angelangte Kommerzienrätin ihrer Schwiegertochter unbedingt überlegen . In dem mit dem Boudoir korrespondierenden , an der andern Seite des Frontsaales gelegenen Zimmer saß Kommerzienrat Treibel und las das » Berliner Tageblatt « . Es war gerade eine Nummer , der der » Ulk « beilag . Er weidete sich an dem Schlußbild und las dann einige von Nunnes philosophischen Betrachtungen . » Ausgezeichnet ... Sehr gut ... Aber ich werde das Blatt doch beiseite schieben oder mindestens das Deutsche Tageblatt darüberlegen müssen . Ich glaube , Vogelsang gibt mich sonst auf . Und ich kann ihn , wie die Dinge mal liegen , nicht mehr entbehren , so wenig , daß ich ihn zu heute habe einladen müssen . Überhaupt eine sonderbare Gesellschaft ! Erst dieser Mister Nelson , den sich Helene , weil ihre Mädchen mal wieder am Plättbrett stehen , gefälligst abgewälzt hat , und zu diesem Nelson dieser Vogelsang , dieser Lieutenant a. D. und Agent provocateur in Wahlsachen . Er versteht sein Metier , so sagt man mir allgemein , und ich muß es glauben . Jedenfalls scheint mir das sicher : hat er mich erst in Teupitz-Zossen und an den Ufern der Wendischen Spree durchgebracht , so bringt er mich auch hier durch . Und das ist die Hauptsache . Denn schließlich läuft doch alles darauf hinaus , daß ich in Berlin selbst , wenn die Zeit dazu gekommen ist , den Singer oder irgendeinen andern von der Couleur beiseite schiebe . Nach der Beredsamkeitsprobe neulich bei Buggenhagen ist ein Sieg sehr wohl möglich , und so muß ich ihn mir warmhalten . Er hat einen Sprechanismus , um den ich ihn beneiden könnte , trotzdem ich doch auch nicht in einem Trappistenkloster geboren und großgezogen bin . Aber neben Vogelsang ? Null . Und kann auch nicht anders sein ; denn bei Lichte besehen , hat der ganze Kerl nur drei Lieder auf seinem Kasten und dreht eins nach dem andern von der Walze herunter , und wenn er damit fertig ist , fängt er wieder an . So steht es mit ihm , und darin steckt seine Macht , gutta cavat lapidem ; der alte Wilibald Schmidt würde sich freuen , wenn er mich so zitieren hörte , vorausgesetzt , daß es richtig ist . Oder vielleicht auch umgekehrt ; wenn drei Fehler drin sind , amüsiert er sich noch mehr ; Gelehrte sind nun mal so ... Vogelsang , das muß ich ihm lassen , hat freilich noch eines , was wichtiger ist als das ewige Wiederholen , er hat den Glauben an sich und ist überhaupt ein richtiger Fanatiker . Ob es wohl mit allem Fanatismus ebenso steht ? Mir sehr wahrscheinlich . Ein leidlich gescheites Individuum kann eigentlich gar nicht fanatisch sein . Wer an einen Weg und eine Sache glaubt , ist allemal ein Poveretto , und ist seine Glaubenssache zugleich er selbst , so ist er