Fontane , Theodor Unwiederbringlich www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Theodor Fontane Unwiederbringlich Roman Erstes Kapitel Eine Meile südlich von Glücksburg , auf einer dicht an die See herantretenden Düne , lag das von der gräflich Holkschen Familie bewohnte Schloß Holkenäs , eine Sehenswürdigkeit für die vereinzelten Fremden , die von Zeit zu Zeit in diese wenigstens damals noch vom Weltverkehr abgelegene Gegend kamen . Es war ein nach italienischen Mustern aufgeführter Bau , mit gerade so viel Anklängen ans griechisch Klassische , daß der Schwager des gräflichen Hauses , der Baron Arne auf Arnewiek , von einem nachgeborenen » Tempel zu Pastum « sprechen durfte . Natürlich alles ironisch . Und doch auch wieder mit einer gewissen Berechtigung . Denn was man von der See her sah , war wirklich ein aus Säulen zusammengestelltes Oblong , hinter dem sich der Unterteil des eigentlichen Baues mit seinen Wohn- und Repräsentationsräumen versteckte , während das anscheinend stark zurücktretende Obergeschoß wenig über mannshoch über die nach allen vier Seiten hin eine Vorhalle bildende Säuleneinfassung hinauswuchs . Diese Säuleneinfassung war es denn auch , die dem Ganzen wirklich etwas Südliches gab ; teppichbedeckte Steinbänke standen überall die Halle entlang , unter der man beinahe tagaus , tagein die Sommermonate zu verbringen pflegte , wenn man es nicht vorzog , auf das Flachdach hinaufzusteigen , das freilich weniger ein eigentliches Dach als ein ziemlich breiter , sich um das Obergeschoß herumziehender Gang war . Auf diesem breiten , flachdachartigen Gange , den die Säulen des Erdgeschosses trugen , standen Kaktus- und Aloekübel , und man genoß hier , auch an heißesten Tagen , einer vergleichsweise frischen Luft . Kam dann gar vom Meer her eine Brise , so setzte sie sich in das an einer Maststange schlaff herabhängende Flaggentuch , das dann mit einem schweren Klappton hin- und herschlug und die schwache Luftbewegung um ein geringes steigerte . Schloß Holkenäs hatte nicht immer auf dieser Düne gestanden , und noch der gegenwärtige Graf , als er sich , siebzehn Jahre zurück , mit der schönen Baronesse Christine Arne , jüngsten Schwester seines Gutsnachbarn Arne , vermählte , war damals in die bescheidenen Räume des alten und eigentlichen Schlosses Holkenäs eingezogen , das mehr landeinwärts in dem großen Dorfe Holkeby lag , gerade der Holkebyer Feldsteinkirche gegenüber , die weder Chor noch Turm hatte . Das alte Schloß , ebenso wie die Kirche , ging bis ins vierzehnte Jahrhundert zurück , und ein Neubau war schon unter des Grafen Großvater geplant worden . Aber erst der gegenwärtige Graf , der , neben anderen kleinen Passionen , auch die Baupassion hatte , hatte den Plan wieder aufgenommen und bald danach das viel beredete und bespöttelte , aber freilich auch viel bewunderte Schloß auf der Düne entstehen lassen , in dem sich ' s nicht bloß schöner , sondern vor allem auch bequemer wohnte . Trotzdem war der Gräfin eine nicht zu bannende Vorliebe für das alte , mittlerweile zum Inspektorhause degradierte Schloß geblieben , eine Vorliebe , so groß , daß sie nie daran vorüberging , ohne der darin verbrachten Tage mit einem Anfluge von Wehmut zu gedenken . Denn es war ihre glücklichste Zeit gewesen , Jahre , während welcher man sich immer nur zur Liebe gelebt und noch keine Meinungsverschiedenheiten gekannt hatte . Hier , in dem alten Schlosse , gegenüber der Kirche , waren ihnen ihre drei Kinder geboren worden , und der Tod des jüngsten Kindes , eines Knaben , den man Estrid getauft hatte , hatte das schöne und jugendliche Paar einander nur noch nähergeführt und das Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit gesteigert . All das war seit der Übersiedelung in das neue Schloß nicht ganz so geblieben , von welchem Wandel der Dinge die bei den Herrnhutern erzogene , zudem von Natur schon gefühlvoll gestimmte Gräfin eine starke Vorahnung gehabt hatte , so stark , daß ihr ein bloßer Um- und Ausbau des alten Schlosses und somit ein Verbleiben an alter Stelle das weitaus Liebere gewesen wäre , der Graf aber trug sich enthusiastisch und eigensinnig mit einem » Schloß am Meer « und deklamierte gleich bei dem ersten Gespräch , das er mit der Gräfin in dieser Angelegenheit hatte : » Hast du das Schloß gesehen ? Das hohe Schloß am Meer ? Golden und rosig wehen Die Wolken drüber her - « ein Zitat , das freilich bei derjenigen , die dadurch günstig gestimmt und für den Plan gewonnen werden sollte , nur den entgegengesetzten Eindruck und nebenher eine halb spöttische Verwunderung hervorgerufen hatte . Denn Holk war ziemlich unliterarisch , was niemand besser wußte als die Gräfin . » Wo hast du das her , Helmuth ? « » Natürlich aus Arnewiek . Bei deinem Bruder drüben hängt ein Kupferstich , und da stand es drunter . Und ich muß dir sagen , Christine , es gefiel mir ganz ungemein . Ein Schloß am Meer ! Ich denke es mir herrlich und ein Glück für dich und mich . « » Wenn man glücklich ist , soll man nicht noch glücklicher sein wollen . Und dann , Helmuth , daß du gerade das zitieren mußtest . Du kennst , wie ich glaube , nur den Anfang dieses Uhlandschen Liedes ... es ist nämlich von Uhland , verzeih ... , aber es verläuft nicht so , wie ' s beginnt , und am Schlusse kommt noch viel Trauriges : Die Winde , die Wogen alle Lagen in tiefer Ruh , Einem Klagelied aus der Halle Hört ich mit Tränen zu ... Ja , Helmuth , so schließt es . « » Vorzüglich , Christine . Gefällt mir auch « , lachte Holk . » Und von Uhland , sagst du . Allen Respekt davor . Aber du wirst doch nicht verlangen , daß ich mein Schloß am Meer nicht bauen solle , bloß weil aus einem erdichteten Schloß am Meer , auch wenn von Uhland erdichtet , ein Klagelied aus der Halle klang ? « » Nein , Helmuth , das verlang ich nicht . Aber ich bekenne dir offen , ich bliebe lieber hier unten in dem alten Steinhause mit seinen Unbequemlichkeiten und seinem Spuk . Der Spuk bedeutet mir nichts , aber an Ahnungen glaub ich , wiewohl die Herrnhuter auch davon nichts wissen wollen , und werden wohl auch recht damit haben . Trotzdem , man steckt nun mal in seiner menschlichen Schwachheit , und so bleibt einem manches im Gemüt , was man mit dem besten Spruche nicht loswerden kann . « So war damals das Gespräch gegangen , auf das man nicht wieder zurückkam , ein einziges Mal ausgenommen , wo beide ( die Sonne war schon unter ) die Düne hinaufstiegen , um nach dem Neubau , der inzwischen begonnen hatte , zu sehen . Und als sie oben waren , lächelte Holk und wies auf die Wolken , die gerade » golden und rosig « über ihnen standen . » Ich weiß , was du meinst « , sagte die Gräfin . » Und ... « » Ich habe mich inzwischen meiner widerstreitenden Wünsche begeben . Damals , als du zuerst von dem Neubau sprachst , war ich trüben Gemüts ; du weißt weshalb . Ich konnte das Kind nicht vergessen und wollte der Stelle nahe sein , wo es liegt . « Er küßte ihr die Hand und gestand ihr dann , daß ihre Worte während ihres damaligen Gesprächs doch einen Eindruck auf ihn gemacht hätten . » Und nun bist du so gut . Und wie schön du dastehst in dem goldenen Abendrot . Ich denke , Christine , wir wollen hier glücklich sein . Willst du ? « Und sie hing sich zärtlich an seinen Arm . Aber sie schwieg . Das war das Jahr vor Abschluß des Baues gewesen , und bald danach , weil ' s in dem alten Schloß unten immer unwohnlicher wurde , war Holk mit seinem Schwager übereingekommen , Christine und die Kinder nach Arnewiek zu schicken und sie daselbst bis nächste Pfingsten , um welche Zeit alles fertig sein sollte , zu belassen . Und das war denn auch geschehen . Und nun kam Pfingsten heran , und der Tag zur Beziehung des neuen Schlosses war da . Der Garten am Rückabhange der Düne zeigte sich freilich nur halb bepflanzt , und überhaupt war vieles erst im Werden . Aber eines war doch fertig geworden : die schmale , säulenumstellte Front nach dem Meere zu . Hier waren schon Bosquets und Blumenrondels , und weiter hin , wo sich die Düne nach vorn zu senken begann , stieg eine Treppenterrasse zum Strande hinunter und setzte sich unten in einer Stegbrücke fort , die , weit ins Meer hinaus gebaut , zugleich als Anlegestelle für die zwischen Glücksburg und Kopenhagen fahrenden Dampfer dienen sollte . Christine war voller Bewunderung und Freude , weit über ihr eigenes Erwarten hinaus , und als sie , nach einem Umgang um das Haus , das Flachdach erstiegen hatte , vergaß sie angesichts des sich vor ihr ausbreitenden herrlichen Panoramas alles , was sich auch nach der vorjährigen Aussöhnung mit dem Neubau noch immer wieder von Sorgen und Ahnungen in ihrer Seele geregt hatte ; ja , sie rief die Kinder , die noch unten an der Terrasse standen , herbei , daß sie mit teilnehmen möchten an ihrer Freude . Holk sah ihre tiefe Bewegung und wollte sprechen und ihr danken . Sie kam ihm aber zuvor und sagte : » Bald ist es ein Jahr nun , Helmuth , daß wir zuletzt hier auf der Düne standen und du mich fragtest , ob ich hier glücklich sein wolle . Ich schwieg damals ... « » Und heute ? « » Heute sag ich ja . « Zweites Kapitel So schloß der Tag , an dem die Gräfin in das neue Schloß einzog . Einige Wochen später war auch eine Freundin aus den zurückliegenden Gnadenfreier Pensionstagen her auf Holkenäs eingetroffen , Julie von Dobschütz , ein armes Fräulein , bei deren Einladung zunächst nur an einen kurzen Sommerbesuch gedacht worden war . Bald aber regte sich der Wunsch , das Fräulein als Gesellschafterin , Freundin und Lehrerin im Hause verbleiben zu sehen , ein Wunsch , den Holk teilte , weil ihn Christinens Einsamkeit mitunter bedrückte . So blieb denn die Dobschütz und übernahm den Unterricht Astas und Axels , der beiden Kinder des Hauses . Asta ward ihr auch weiterhin anvertraut . Axel aber wechselte mit dem Unterrichte , als Kandidat Strehlke ins Haus kam . Das alles lag jetzt sieben Jahre zurück , Graf und Gräfin hatten sich eingewöhnt , und die » glücklichen Tage « , die man dort oben leben wollte , man hatte sie wirklich gelebt . Die herzlichste Neigung , die beide vor einer Reihe von Jahren zusammengeführt hatte , bestand fort , und wenn es namentlich in Erziehungs-und religiösen Fragen auch gelegentlich zu Differenzen kam , so waren sie doch nicht angetan , den Frieden des Hauses ernstlich zu gefährden . An solchen Differenzen war nun freilich neuerdings , seit die Kinder herangewachsen , kein Mangel gewesen , was bei der Verschiedenheit der Charaktere von Graf und Gräfin nicht wundernehmen konnte . Holk , so gut und vortrefflich er war , war doch nur durchschnittsmäßig ausgestattet und stand hinter seiner Frau , die sich höherer Eigenschaften erfreute , um ein beträchtliches zurück . Darüber konnte kein Zweifel sein . Aber daß es so war , was niemand mehr einsah als Holk selber , war doch auch wieder unbequem und bedrücklich für ihn , und es kamen Momente , wo er unter den Tugenden Christinens geradezu litt und sich eine weniger vorzügliche Frau wünschte . Früher war dies alles nur stiller Wunsch gewesen , kaum zugestanden , seit einiger Zeit aber hatte der Wunsch doch auch sprechen gelernt ; es kam zu Auseinandersetzungen , und wenn Julie Dobschütz , die geschickt zu diplomatisieren verstand , auch meist leichtes Spiel bei Begleichung derartiger Streitigkeiten hatte , so blieb doch das eine nicht aus , daß Christine , die das alles geahnt , mit einer Art Wehmut der Tage im alten Schloß gedachte , wo dergleichen nicht vorgekommen war oder doch jedenfalls viel , viel seltener . Nun war Ende September 1859 und die Ernte längst herein . Die ringsherum unter dem Säulengange nistenden Schwalben waren fort , eine Brise ging , und das Flaggentuch oben auf dem Flachdache schlug träge hin und her . Man saß unter der Fronthalle , den Blick aufs Meer , den großen Eßsaal , dessen hohe Glastür aufstand , im Rücken , während die Dobschütz den Kaffee bereitete . Neben der Dobschütz , an einem anderen Tisch , hatte die Gräfin Platz genommen im Gespräch mit dem Seminardirektor Schwarzkoppen , der vor einer halben Stunde mit Baron Arne von Arnewiek herübergekommen war , um des schönen Tages in dem gastlichen Holkschen Hause zu genießen . Arne selbst schritt mit seinem Schwager Holk auf den Steinfliesen auf und ab und blieb mitunter stehen , weil das Bild vor ihm ihn fesselte : Fischerboote fuhren zum Fange hinaus , das Meer kräuselte sich leis , und der Himmel hing blau darüber . Keine Wolke war sichtbar , und nichts sah man als die schwarz am Horizont hinziehende Rauchfahne eines Dampfers . » Du hattest doch recht , Schwager « , sagte Arne , » als du hier hinaufzogst und dir deinen Tempel an dieser Stelle bautest . Ich war damals dagegen , weil mir Ausziehen und Wohnungswechsel als etwas Ungehöriges erschien , als etwas Modernes , das sich ... « » ... das sich nur für Proletarier und Beamte schicke , so sagtest du damals . « » Ja , so was Ähnliches wird es wohl gewesen sein . Aber ich habe mich inzwischen in manchem bekehrt und auch darin . Indessen es sei , wie ' s sei , soviel steht mir fest , wenn ich auch politisch und kirchlich , und selbst landwirtschaftlich , was für unsereinen doch eigentlich immer die Hauptsache bleibt , derselbe geblieben wäre , das müßt ich doch einräumen , es ist entzückend hier oben und so windfrisch und gesund . Ich glaube , Holk , als du hier einzogst , hast du dir fünfzehn Jahre Leben zugelegt . « In diesem Augenblicke ward ihm von einem alten Diener in Gamaschen , der noch vom Vater des Grafen her mit übernommen war , der Kaffee präsentiert , und beide nahmen und tranken . » Deliziös « , sagte Arne . » Freilich etwas zu gut , besonders für dich , Holk ; solcher Kaffee wie der zieht wieder fünf Jahre von den fünfzehn ab , die ich dir eben zugesprochen , und die philiströse , wenn auch höchst bemerkenswerte Homöopathie , die , wie du weißt , von Mokka und Java nichts wissen will , würde vielleicht noch stärker subtrahieren . Apropos Homöopathie . Hast du denn schon von dem homöopathischen Veterinärarzt gehört , den wir seit ein paar Wochen in Lille-Grimsby haben ... ? « Und langsam auf und ab schreitend , fuhren beide Schwäger in ihrem Gespräche fort . Ein sehr anderes Thema behandelte mittlerweile die Gräfin in ihrer Unterredung mit Seminardirektor Schwarzkoppen , der vor Jahr und Tag erst aus seiner Wernigeroder Pfarre hierher nach Schleswig-Holstein verschlagen und an das Arnewieker Seminar berufen worden war . Er hatte den Ruf und das Ansehen einer positiven kirchlichen Richtung , was der Gräfin aber fast mehr bedeutete , war das , daß Schwarzkoppen zugleich Autorität in Schul- und Erziehungsfragen war , in Fragen also , die sich seit kurzem zu brennenden Fragen für die Gräfin gestaltet hatten . Denn Asta war sechzehn , Axel beinahe fünfzehn Jahre . Schwarzkoppen , auch eben jetzt wieder in dieser diffizilen Frage zu Rate gezogen , antwortete sehr vorsichtig , und als die Gräfin merkte , daß er , vielleicht mit Rücksicht auf Holk , nicht unbedingt auf ihre Seite treten wollte , ließ sie das Gespräch wieder fallen , wenn auch ungern , und wandte sich einem anderen schon öfter mit dem Direktor verhandelten Lieblingsplane zu , der Errichtung einer Familiengruft . » Nun , wie steht es damit ? « sagte Schwarzkoppen , der froh war , aus der Erziehungsfrage heraus zu sein . » Ich habe « , sagte Christine , » die Sache noch immer nicht besprechen mögen , weil ich mich vor einer Ablehnung von seiten Holks fürchte . « » Das ist nicht gut , gnädigste Gräfin . Solche Furcht ist immer vom Übel , sie will dem Frieden dienen , aber eigentlich dient sie nur der Verstimmung und dem Kriege . Und zu beidem ist kein Grund . Sie müssen , wenn bessere Beweggründe nicht zu haben sind , auf seine Liebhabereien rechnen . Hat er doch , wie Sie mir selber oft versichert , die Baupassion . « » Ja , die hat er « , bestätigte die Gräfin . » Dies Schloß ist dessen ein Zeugnis und Beweis , denn es war eigentlich unnötig ; ein Umbau hätte dasselbe getan . Aber so gerne er baut , so bevorzugt er doch das eine vor dem anderen , und was ich vorhabe , wird seinen Beifall kaum haben . Ich wette , daß er lieber eine Halle bauen würde , darin man Federball spielen kann oder , wie das jetzt Mode ist , auf Rollschuhen Schlittschuh laufen , jedenfalls alles lieber als irgendwas , was mit Kirche zusammenhängt . Und nun gar eine Gruft bauen . Er denkt nicht gern an Sterben und schiebt das , was man so schön und sinnig sein Haus bestellen heißt , gerne hinaus . « » Ich weiß « , sagte Schwarzkoppen . » Aber Sie dürfen nicht vergessen , daß auch all seine liebenswürdigen Eigenschaften mit dieser Schwäche zusammenhängen . « » Seine liebenswürdigen Eigenschaften « , wiederholte sie . » Ja , die hat er , fast zuviel , wenn man von liebenswürdigen Eigenschaften je zuviel haben kann . Und wirklich , er wäre das Ideal von einem Manne , wenn er überhaupt Ideale hätte . Verzeihen Sie diese Wortspielerei , sie drängt sich mir aber auf , weil es so und nicht anders liegt , und ich muß es noch einmal sagen , er denkt nur an den Augenblick und nicht an das , was kommt . Jeglichem , was ihn daran erinnern könnte , geht er aus dem Wege . Seit wir unseren Estrid begruben , ist er noch nicht in der Gruft gewesen . So weiß er auch nicht , daß beinahe alles einzustürzen droht . Und doch ist es so , und die neue Gruft muß gebaut werden . Muß , sag ich , und wenn ich nicht alles Spitze und Verletzliche vermeiden möchte , so würd ich ihm sagen , es handle sich gar nicht darum , den Reigen durch ihn eröffnet zu sehen , ich wolle es ... « Schwarzkoppen wollte unterbrechen , aber Christine achtete dessen nicht und fuhr , ihre letzten Worte wiederholend , fort : » Ich wolle es ; aber ich müsse darauf bestehen , meinerseits in eine Wohnung einzuziehen , die mir gefiele , nicht in eine , darin alles zerbröckelt und zerfallen sei ... Doch lassen wir Vermutungen über das , was ich sagen oder nicht sagen würde ; mir liegt für den Augenblick mehr daran , Ihnen eine auf meinen Bauplan bezügliche Aquarelle vorzulegen , die mir die Dobschütz in den letzten Tagen angefertigt hat . Natürlich auf meinen Wunsch ; sie zeichnet so gut . Es ist eine offene Halle , gotisch , und die Steine , die den Fußboden bilden , decken zugleich die Gruft . Worauf ich aber das meiste Gewicht lege ( die kleine Zeichnung läßt natürlich nur wenig davon erkennen ) , das ist der Bilderschmuck an Wand und Decke . Die Längswand mit einem Totentanz , vielleicht unter Anlehnung an den in Lübeck , und in die Gewölbekappen Engel und Palmenzweige . Je schöner , desto besser . Und wenn wir erste Künstler nicht haben können , weil unsere Mittel dafür nicht ausreichen , so zweite und dritte ; schließlich ist doch , der Gedanke die Hauptsache . Liebe Julie , verzeih , daß ich dich bemühe . Aber bring uns das Blatt ... « Holk und Arne hatten inzwischen ihren Gang unter der Säulenhalle fortgesetzt und waren zuletzt auf einen Kiesweg zugeschritten , der in einer Schlängellinie bis an die nächsten Stufen der zur See niedersteigenden Terrasse lief . An eben dieser Stelle befand sich auch ein aus Zypressen und Lorbeer gebildetes Bosquet , mit einer Marmorbank in Front , und hier setzten sich die beiden Schwäger , um ungestört ihre Zigarre rauchen zu können , was die Gräfin , wenn man unter der Halle saß , zwar nie verbot , aber auch nicht eigentlich gestattete . Das Gespräch beider drehte sich sonderbarerweise noch immer um das Wunder von Tierarzt , was ziemlich unerklärlich gewesen wäre , wenn nicht Holk , außer seiner Bauleidenschaft , auch noch eine zweite Passion gehabt hätte : die für schönes Vieh . Er war kein großer Landwirt wie sein Schwager Arne , ja , tat sich was damit , es nicht zu sein ; aber auf sein Vieh hielt er doch , fast nach Art eines Sportsman , und freute sich , es bewundert zu sehen und dabei von mirakelhaften Milcherträgen erzählen zu können . Aus diesem Grunde war ihm der neue Veterinärarzt eine wirklich wichtige Persönlichkeit , und nur die homöopathische Heilmethode desselben ließ immer wieder einige Bedenken in ihm aufsteigen . Aber Arne schnitt diese Bedenken ab . Das sei ja gerade das Interessanteste an der Sache , daß der neue Doktor nicht bloß gute Kuren mache , das könnten andere auch , sondern wie er sie mache und wodurch . Die ganze Geschichte bedeute nicht mehr und nicht weniger als den endlichen Triumph eines neuen Prinzips , erst von der Viehpraxis her datiere der nicht mehr anzuzweifelnde Sieg der Homöopathie . Bis dahin seien die Quacksalber alten Stils nicht müde geworden , von der Macht der Einbildung zu sprechen , was natürlich heißen sollte , daß die Streukügelchen nicht als solche heilten ; eine schleswigsche Kuh aber sei , Gott sei Dank , frei von Einbildungen , und wenn sie gesund würde , so würde sie gesund durch das Mittel und nicht durch den Glauben . Arne verbreitete sich noch des weiteren darüber , zugleich hervorhebend , daß es sich bei den Kuren des neuen , beiläufig aus dem Sächsischen stammenden Doktors allerdings auch noch um andere Dinge handele , die mit Allopathie oder Homöopathie nichts Direktes zu schaffen hätten . Unter diesen Dingen stehe die durchgeführteste , schon den Luxus streifende Reinlichkeit obenan , also immer neue Stallbauten und unter Umständen selbst ein Operieren mit Marmorkrippen und vernickelten Raufen . Holk hörte das alles mit Entzücken und empfand so große Lust , mit Christine darüber zu sprechen , daß er die Zigarre wegtat und auf die Säulenhalle zurückschritt . » Ich höre da eben interessante Dinge , Christine . Dein Bruder erzählt mir von homöopathischen Kuren eines neuen sächsischen Veterinärdoktors , der in Leipzig seine Studien gemacht hat . Ich betone Leipzig , weil es Hochburg der Homöopathie ist . Wahre Wunderkuren ... ! Sagen Sie , Schwarzkoppen , wie stehen Sie zu der Sache ? Die Homöopathie hat so etwas Geheimnisvolles , Mystisches . Interessant genug , und in ihrer Mystik eigentlich ein Thema für Christine . « Schwarzkoppen lächelte . » Die Homöopathie verzichtet , soviel ich weiß , auf alles Geheimnisvolle oder gar Wunderbare . Es ist einfach eine Frage von viel oder wenig und ob man mit einem Gran so weit kommen kann wie mit einem halben Zentner . « » Versteht sich « , sagte Holk . » Und dann gibt es noch einen Satz , Similia similibus , worunter sich jeder denken kann , was er will . Und mancher denkt sich gar nichts dabei , wohin wohl auch unser tierärztlicher Pfiffikus und Mann der Aufklärung gehören wird . Er gibt seine Streukügelchen und ist im übrigen , als Hauptsache , für Stallreinlichkeit und Marmorkrippen , und ich möchte sagen , die Tröge müssen so blank sein wie ein Taufbecken . « » Ich glaube , Helmuth , daß du deine Vergleiche rücksichtsvoller wählen könntest , schon um meinetwillen , namentlich aber in Schwarzkoppens Gegenwart . « » Zugestanden . Übrigens alles ipsissima verba des neuen Wunderdoktors , Worte , die dein Bruder zitierte , wobei freilich nicht bestritten werden soll , daß es sich auch für den Doktor empfehlen würde , solche Vergleiche lieber nicht zu brauchen , zumal er Konvertit ist . Er heißt nämlich Lissauer . « Schwarzkoppen und Christine wechselten Blicke . » Wenn er übrigens auf den Hof kommt , so lad ich ihn unten in der Inspektorwohnung zum Lunch . Hier oben ... « » Ist er entbehrlich . « » Ich weiß , und du darfst unbesorgt sein . Aber ich rechne es ihm an , daß er selbständige Gedanken hat und den Mut der Aussprache . Das mit den Marmorkrippen ist natürlich mehr oder weniger Torheit und nichts als ein orientalischer Vergleich , den man ihm zugute halten muß . Aber mit der Forderung der Reinlichkeit so ganz im allgemeinen , damit hat er doch recht . Meine Ställe , die noch sämtlich aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts sind , müssen fort , und ich freue mich , endlich eine Veranlassung und einen Sporn zu haben , mit dem alten Unwesen aufzuräumen . « Die Gräfin schwieg und suchte mit der Nadel in den Seidenfäden , die vor ihr auf dem Tische lagen . Den Grafen verdroß dies Schweigen . » Ich dachte , du würdest mir deine Zustimmung ausdrücken . « » Es sind Wirtschaftssachen , in denen ich , was auch beliebt wird , nicht mitzusprechen habe . Hältst du Marmorkrippen oder ähnliches für nötig so werden sie sich finden , und wenn es in Carrara wäre . « » Was läßt dich wieder so bitter sprechen , Christine ? « » Verzeih , Helmuth , aber es trifft sich unglücklich . Eben hab ich mit Schwarzkoppen über Dinge gesprochen , die mir mehr am Herzen liegen , übrigens auch Bausachen , und im selben Augenblick willst du Ställe bauen , Ställe ... « » Freilich will ich das . Du vergißt immer , Christine , wenn du auch nicht mitsprechen willst , wie du eben sagtest , du vergißt immer , daß ich in erster Reihe Landwirt bin , und für einen Landwirt ziemt sich eben das Landwirtschaftliche . Das Landwirtschaftliche ist die Hauptsache . « » Nein , die Hauptsache ist es nicht . « » Nun , was denn ? « » Es ist ein Unglück und ein Schmerz für mich , daß ich das Selbstverständliche dir gegenüber noch immer wieder hervorheben muß . « » Ach , ich verstehe . Die Kirche soll ausgebaut werden oder ein Schwesternasyl oder ein Waisenhaus . Und dann ein Campo santo , und dann wird der ganze Cornelius aufgekauft und in Wasserfarben an die Wand gemalt ... « Es war selten , daß der Graf zu solchen Worten seine Zuflucht nahm , aber es gab ein paar Punkte , wo Verstimmung und Gereiztheit sofort über ihn kamen und ihn die feinen Umgangsformen vergessen ließen , deren er sich sonst rühmen durfte . Sein Schwager wußte das und schritt deshalb rasch ein , um das Gespräch in andere Wege zu leiten , wozu sein guter Humor ihn jederzeit befähigte . » Schwester , Schwager , ich meinerseits denke , das eine tun und das andere nicht lassen . Da habt ihr meine Weisheit und den Frieden dazu . Zudem , Holk , du weißt noch nicht einmal , um was es sich handelt . « Holk lachte gutmütig . » Du weißt es nicht « , fuhr Arne fort , » und ich weiß es auch nicht , der ich doch sonst in die Geheimnisse Christinens eingeweiht zu sein pflege . Freilich , wenn mich nicht alles täuscht , so haben wir hier den Schlüssel ... « Und dabei nahm er das aquarellierte Blatt , das die Dobschütz inzwischen gebracht hatte . » Charmant , von welcher Hand es auch herrühren möge . Gotik , Engel , Palmen . Soll man selbst unter diesen nicht ungestraft wandeln dürfen ? Und an allem ist dieser unglückselige Veterinärarzt schuld , ein Mann in Stulpenstiefeln , an dem nichts komischer ist als die Tatsache , daß er sächsisch spricht . Er müßte eigentlich plattdeutsch sprechen , sogar mecklenburgisch . Wobei mir einfällt , wißt ihr denn schon , daß sich in Kiel und Rostock eine plattdeutsche Dichterschule gebildet hat , oder eigentlich zwei , denn die Deutschen , wenn sich irgendwas auftut , zerfallen immer gleich wieder in zwei Teile . Kaum ist das Plattdeutsche da , so haben wir auch schon wieder itio in partes , und die Mecklenburger marschieren unter ihrem Fritz Reuter und die Holsteiner unter ihrem Klaus Groth . Aber Klaus Groth hat einen Pas voraus , weil er Lyriker ist und komponiert werden kann , und davon hängt eigentlich alles ab . Kein Jahr , vielleicht kein halbes , so kommt er von keinem Klavier mehr herunter . Ich habe da schon was auf eurem Flügel liegen sehen . Asta , du könntest was von ihm singen . « » Ich mag nichts Plattdeutsches . « » Nun , dann singe was Hochdeutsches , aber natürlich etwas recht Hübsches und Lustiges .