Fontane , Theodor Stine www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Theodor Fontane Stine Erstes Kapitel In der Invalidenstraße sah es aus wie gewöhnlich : die Pferdebahnwagen klingelten , und die Maschinenarbeiter gingen zu Mittag , und wer durchaus was Merkwürdiges hätte finden wollen , hätte nichts anderes auskundschaften können , als daß in Nummer 98e die Fenster der ersten Etage - trotzdem nicht Ostern und nicht Pfingsten und nicht einmal Sonnabend war - mit einer Art Bravour geputzt wurden . Und nicht zu glauben , diese Merkwürdigkeit ward auch wirklich bemerkt , und die schräg gegenüber an der Scharnhorststraßen-Ecke wohnende alte Lierschen brummelte vor sich hin : » Ich weiß nich , was der Pittelkown wieder einfällt . Aber sie kehrt sich an nichts . Un was ihre Schwester is , die Stine , mit ihrem Stübeken oben bei Polzins un ihren Sep ' ratschlüssel , daß keiner was merkt , na , die wird grad ebenso . Schlimm genug . Aber die Pittelkown is schuld dran . Wie sie man bloß wieder da steht und rackscht und rabatscht ! Und wenn es noch Abend wär , aber am hellen , lichten Mittag , wo Borsig und Schwarzkoppen seine grade die Straße runterkommen . Is doch wahrhaftig , als ob alles Mannsvolk nach ihr raufkucken soll ; ' ne Sünd und ' ne Schand . « So brummelte die Lierschen vor sich hin , und so wenig freundlich ihre Betrachtungen waren , so waren sie doch nicht ganz ohne Grund ; denn oben auf dem Fensterbrett und kniehoch aufgeschürzt stand eine schöne , schwarze Frauensperson mit einem koketten und wohlgepflegten Wellenscheitel und wusch und rieb , einen Lederlappen in der Hand , die Scheiben der einen Fensterseite , während sie den linken Arm , um sich besser zu stützen , über das andere Querholz gelegt hatte . Mitunter gönnte sie sich einen Stillstand in der Arbeit und sah dann auf die Straße hinunter , wo jenseits des Pferdebahngeleises ein dreirädriger , beinahe eleganter Kinderwagen in greller Mittagssonne hielt . Dem im Wagen sitzenden , allem Anscheine nach überaus ungebärdigen Kinde , das ganz aristokratisch in weiße Spitzen gekleidet war , war ein zehnjähriges Mädchen zur Aufsicht beigegeben , das , als alles Bitten und Zureden nichts helfen wollte , dem Schreihals einen tüchtigen Klaps gab . Im selben Augenblick aber schielte die Zehnjährige , die diesen Erziehungsakt gewagt hatte , scheu nach dem Fenster hinauf , und richtig , es war alles von drüben her gesehen worden , und die schöne , schwarze Person , die » klapsen und erziehn « durchaus als ihre Sache betrachtete , drohte sofort mit dem Lederlappen nach der auf ihrem Übergriff Ertappten hinüber . Auch schien ein Zornausbruch in Worten trotz der weiten Entfernung folgen zu sollen ; aber ein befreundeter Briefbote , der gerade die Straße heraufkam , hielt einen Brief in die Höh , zum Zeichen , daß er ihr etwas bringe . Sie verstand es auch so , stieg sofort vom Fensterbrett auf einen nebenstehenden Stuhl und verschwand im Hintergrunde des Zimmers , um den Brief draußen auf dem Korridor in Empfang zu nehmen . Eine Minute später kam sie zurück und setzte sich ins Licht , um bequemer lesen zu können . Aber was sie da las , schien ihr mehr Ärger als Freude zu machen , denn ihre Stirn legte sich sofort in ein paar Verdrießlichkeitsfalten , und den Mund aufwerfend , sagte sie spöttisch : » Alter Ekel . Immer verquer . « Aber sie war keine Person , sich irgendwas auf lange zu Herzen zu nehmen , und so lehnte sie sich , den Brief immer noch in der Hand haltend , weit über die Fensterbrüstung hinaus und rief mit jener enrhümierten Altstimme , wie sie den unteren Volksklassen unserer Hauptstadt nicht gerade zum Vorteil eigen ist , über die Straße hin : » Olga ! « » Was denn , Mutter ? « » Was denn , Mutter ! Dumme Jöre ! Wenn ich dir rufe , kommste . Verstehste ? « Ein mit einem alten Dampfkessel bepackter Lastwagen , der dröhnend und schütternd gerade des Weges kam , hinderte die unverzügliche Ausführung des Befehls ; kaum aber , daß der Rollwagen vorüber war , so nahm Olga den Stoßgriff des Kinderwagens in die Hand und fuhr , quer über den Damm hin , auf das Haus zu und mit einem Ruck in den Hausflur hinein . Hier nahm sie das Kind heraus und ging , während sie den Wagen zunächst unten stehenließ , treppauf in die Wohnung der Mutter . Diese hatte sich mittlerweile beruhigt , die Stirnfalte war fort , und Olga bei der Hand nehmend , sagte sie mit jenem Übermaß von Vertraulichkeit , das gewöhnliche Leute gerade bei Behandlung intimster Dinge zu zeigen pflegen : » Olga , der Olle kommt heute wieder . Immer wenn ' s nich paßt , is er da . Grad als wollt er mir ein ' n Tort antun . Ja , so is er . Na , es hilft nu nich und , Gott sei Dank , vor achten kommt er nich . Und nun gehst du zu Wanda und sagst ihr ... Ne , laß man ... Bestellen kannst du ' s doch nich , es is zu lang zum Bestellen ... Ich werd dir lieber einen Zettel schreiben . « Und mit diesen Worten trat sie , von der Tür her , wo dies Gespräch stattgefunden , an einen überaus eleganten und um eben deshalb zu Haus und Wohnung wenig passenden Rokokoschreibtisch heran , auf dem eine fast noch mehr überraschende ledergepreßte Schreibmappe lag . In dieser Mappe begann jetzt die noch immer hochaufgeschürzte Frau nach einem Stück Briefpapier zu suchen , anfangs ziemlich ruhig , als sich aber , nach dreimaligem Durchblättern der roten Löschpapierbogen , immer noch nichts gefunden hatte , brach ihre schlechte Laune wieder los und richtete sich , wie gewöhnlich , gegen Olga : » Hast es wieder weggenommen un Puppen ausgeschnitten . « » Nein , Mutter , wahr un wahrhaftig nich ; ich kann es dir zuschwören . « » Ach , geh mir mit dein ewiges Geschwöre . Haste denn gar nichts ? « » Ja , mein Schreibebuch . « Und Olga lief , so rasch es ging , in das Neben- und Hinterzimmer und kam dann mit einem blauen Schreibehefte zurück . Die Mutter riß ohne weiteres die letzte Seite heraus , auf deren oberster Zeile lauter » ch ' s « standen , und kritzelte nun mit verhältnismäßiger Schnelligkeit einen Brief fertig , faltete das Blatt zweimal und verklebte die noch offene Stelle mit Briefmarkenstreifen , von denen sie die gummireichsten immer mit dem Bemerken » Is besser als englisch Pflaster « aufzuheben pflegte . » So , Olgachen . Nun gehst du zu Wanda un gibst ihr das . Und wenn sie nich da is , gibst du ' s an den alten Schlichting . Aber nich an seine Frau un auch nich an die Flora , die kuckt immer rein un braucht nicht alles zu wissen . Und wenn du zurückkommst , dann gehste mit zu Bolzanin ran und bestellst ' ne Torte . « » Was für eine ? « fragte Olga , deren Gesicht sich plötzlich verklärte . » Appelsine ... Un bezahlst sie gleich . Un wenn du sie bezahlt hast , sagste , daß er nichts drauflegen soll , auch keine Appelsinenstücke , die doch bloß Pelle un Steine sind ... Und nun geh , Olgachen , un mach flink , und wenn du wieder da bist , kannst du dir drüben bei Marzahn auch für ' n Sechser Gerstenbonbons kaufen . « Zweites Kapitel Olga säumte nicht und ging in die Hinterstube , um hier ihr rot und schwarz kariertes Umschlagetuch zu holen , das , neben einem etwas verschlissenen Schnurrenhut , ihr gewöhnliches Straßenkostüm bildete . Witwe Pittelkow in Person aber stieg , nachdem sie das immer noch schreiende Kind in eine ganz vornehm ausgestattete Himmelwiege gelegt und ihm eine Flasche mit Saugpfropfen in den Mund gesteckt hatte , zwei Treppen höher zu Polzins hinauf , wo ihre Schwester Stine Chambre garnie wohnte . Polzins waren gutsituierte Leute , die das mit dem Chambre garnie gar nicht nötig gehabt hätten , aber trotzdem , aus purem Geiz , alles vermieteten , oder doch soviel wie irgend möglich , um ihrerseits frei wohnen zu können oder , wie Frau Polzin sich ausdrückte , » für umsonst einzusitzen « . Er , Polzin , war , seiner eigenen Angabe nach , » Teppichfabrikant « ( allerdings niedrigster Observanz ) und beschränkte sich darauf , unter geflissentlicher Verachtung aller Komplementärfarbengesetze , schmale , kaum fingerbreite Tuchstreifen wie Stroh oder Binsen nebeneinanderzuflechten und dies Geflecht als » Polzinsche Teppiche « zu verkaufen . » Sehen Sie « , so schloß jedes seiner Geschäftsgespräche , » solch Polzinscher « ( er behandelte sich dabei ganz als historische Person ) » wird nie alle ; wenn eine Stelle weggetreten is oder der Eßtisch mit seinem Rollfuß ein Loch eingerissen hat , nehm ich ein paar alte Streifen raus un setz ein paar neue rein , un alles is wieder propper un fix un fertig . Sehen Sie , so sind die Polzinschen . Aber wenn der Smyrnaer ein Loch hat , dann hat er ' s , und da hilft kein Gott nich . « Polzin , wie sich aus diesem Redestück ergibt , neigte zu philosophischer Betrachtung ; ein Zug , der durch das zweite Metier , das er betrieb , noch eine ganz erhebliche Stärkung erfuhr . Während der Abendstunden nämlich war er bei sich bietenden Gelegenheiten auch noch Lohndiener und wegen seiner Vorsicht und Geschicklichkeit beim Präsentieren in dem zwischen Invaliden- und Chausseestraße gelegenen Stadtteil allgemein beliebt , was Frau Polzin in ihren Gesprächen mit der Pittelkow immer wieder betonte : » Sehn Sie , liebe Pittelkow , mein Mann is ein ordentlicher und manierlicher Mensch , der , weil wir selber ganz klein angefangen haben , am besten weiß , daß es nich jeder zum Wegschmeißen hat . Un sehn Sie , danach präsentiert er auch , und Saucieren , die nich feststehn und immer hin und her rutschen , die nimmt er gar nich . Und wenn Polzin schon eine einzige Plüschtaille verdorben hat , so will ich sterben . Und ebenso galant und manierlich is er auch bei ' s Mitnehmen . Er is mein Mann , aber das muß ich sagen , er hat was Feines un Bescheidenes un überhaupt so was , was die andern nich haben . Ja , das muß ich ihm lassen . Und da reichen nich hundert Mal , daß er mir gesagt hat : Emile , heut hab ich mir mal wieder über meine Kollegen geschämt . Natürlich war es wieder der mit ' n Plattfuß aus der Charitéstraße . Glaubst du , daß er sich auch bloß geniert und ein ganz klein bißchen für Schein und Anstand gesorgt hätte ? I , Gott bewahre . Ganz dreiste weg , als ob er sagen wollte : ja , meine Herrschaften , da steht der Rotwein , un nu nehm ich ihn mit nach Hause . « So waren die Polzins , an deren Flurtür , trotz einer daneben befindlichen Klingel , die Pittelkow jetzt klopfte , zum Zeichen ( so hatte man abgemacht ) , daß es bloß » Freundschaft « sei , was zu Besuch käme . Und gleich danach erschien denn auch Frau Polzin und öffnete . Die nur drei Stuben zählende Polzinsche Wohnung erfreute sich des Vorzugs eines Korridors , der aber freilich nicht größer war als ein aufgeklappter Spieltisch und augenscheinlich nur den Zweck hatte , drei auf ihn ausmündende Türen zu zeigen , von denen die links gelegene zu der verwitweten Privatsekretär Kahlbaum , die mittlere zu Polzins selbst , die rechts gelegene zu Stine führte . Diese hatte das beste Zimmer der Wohnung , hell und freundlich , mit dem Blick auf die Straße , während sich die Kahlbaum mit etwas Beleuchtung vom Hof her und die Polzinschen Eheleute mit einem schrägen Dachlicht begnügen mußten , das , wie bei photographischen Ateliers , von oben her einfiel . » Liebe Polzin « , sagte die Pittelkow , als beide Frauen sich oberflächlich begrüßt hatten , » es riecht wieder so sehr nach Petroleum bei Ihnen . Warum nehmen Sie nich Coaks ? Sie werden sich mit Ihrem ewigen Petroleumkocher noch alle Mieter aus der Wohnung kochen . Und Ihr lieber Mann ! Was sagt denn der eigentlich dazu ? Der muß doch nachgerade bei Puten un Fasanen eine feine Nase gekriegt haben . Und ich weiß nicht , wenn ich ein herrschaftlicher Lohndiener wäre , so was litt ' ich nich . In Gesellschaften immer was Delikats un zu Hause so . Na , meinetwegen . Is denn Stine drin ? « » Ich denke doch , ich habe sie nicht weggehen hören . Und denn wissen Sie ja , liebe Pittelkow , wir sehen nichts un hören nichts . « » Versteht sich , versteht sich « , lachte die Pittelkow , » sehen nichts un hören nichts . Und das ist auch immer das beste . « Sehr wahrscheinlich , daß sich dies Gespräch noch fortgesetzt hätte , wenn nicht in eben diesem Augenblick die Tür von rechts her aufgemacht und Stine herausgetreten wäre . » Jott , Stine « , sagte die Pittelkow mit einem Ausdruck von Freude . » Na , das ist recht , Kind . Ein Glück , daß du da bist . Du mußt heute noch runterkommen un helfen . « Unter diesen Worten waren die Schwestern , während sich Frau Polzin artig , aber grienend zurückzog , in Stines Zimmer eingetreten und auf ein paar kleine Stühle zugegangen , die zu beiden Seiten des Fensters auf einem Trittbrett standen . Draußen am Fenster aber war ein Dreh- und Straßenspiegel angebracht , bei dessen Anbringung der ebenso praktische wie pfiffige Polzin vor Jahr und Tag schon zu seiner Frau gesagt hatte : » Emilie , solange der da ist , so lange vermieten wir . « Die Pittelkow setzte sich gegenüber dem Drehspiegel , der denn auch heute wieder , wie zur Bestätigung der Worte Polzins , eine Quelle herzlichen Vergnügens für die hübsche Witwe wurde , nicht aus Eitelkeit ( denn sie sah sich gar nicht ) , sondern aus bloßer Neugier und Spielerei . Stine , die das alles schon kannte , lächelte vor sich hin ; auch sie trug einen gewellten Scheitel , aber ihr Haar war flachsgelb , und die Ränder der überaus freundlichen Augen zeigten sich leicht gerötet , was , aller sonst blühenden Erscheinung und einer gewissen Ähnlichkeit mit der Pittelkow unerachtet , doch auf eine zartere Gesundheit hinzudeuten schien . Und so war es auch . Die brünette Witwe war das Bild einer südlichen Schönheit , während die jüngere Schwester als Typus einer germanischen , wenn auch freilich etwas angekränkelten Blondine gelten konnte . Stine sah der immer noch mit dem Spiegel beschäftigten Schwester eine Weile zu , dann erhob sie sich , hielt ihr die Hand vor die Augen und sagte : » Nun hast du aber genug , Pauline . Du mußt doch nachgerade wissen , wie die Invalidenstraße aussieht . « » Hast recht , Kind . Aber so is der Mensch ; immer das Dummste gefällt ihm un beschäftigt ihn , un wenn ich in den Spiegel kucke und all die Menschen und Pferde drin sehe , dann denk ich , es is doch woll anders als so mit bloßen Augen . Un ein bißchen anders is es auch . Ich glaube , der Spiegel verkleinert , un verkleinern is fast ebensogut wie verhübschen . Aber du brauchst nicht kleiner zu werden , Stine , du kannst so bleiben , wie du bist . Ja , wahrhaftig . Aber , warum ich komme ... Jott , man hat doch auch keine ruhige Stunde . « » Was is denn ? « » Er kommt heute wieder . « » Nu , Pauline , das is doch kein Unglück . Bedenke doch , daß er für alles sorgt . Und so gut , wie er ist , und gar nich so . « » Na , ich wollt ihm auch . Und den alten Baron bringt er auch mit , und noch einen . « » Und noch einen ? Wen denn ? « » Lies . « Und sie reichte Stine den eben erhaltenen Brief , und diese las nun mit halblauter Stimme : » Mein lieber schwarzer Deibel . Ich komme heute , aber nicht allein ; Papageno kommt mit und ein Neffe von mir auch ; natürlich noch jung und etwas blaß . Aber bleich und blaß , ei , die Weiber lieben das . Sorge nur , daß Wanda kommt und Stine . Wein schick ich und eine Salatschüssel . Aber für alles andre mußt Du sorgen . Nichts Apartes , nichts Großes , bloß so wie immer . Dein Sarastro . « » Wer ist denn der Neffe ? « fragte Stine . » Weiß ich nich . Wer kann alle Neffens kennen . Denkst du , daß ich mich um seinen Stammbaum kümmere . Jott , wie mag es damit aussehen . Na , überhaupt Stammbäume . « » Laß ihn das nich hören . « » Oh , der hört noch ganz andres . Oder denkst du , daß ich mir wegen eine Treppe hoch mit Klavier un Diwan un wegen ' nen Schreibtisch , der immer wackelt , weil er dünne Beine hat , ein Pechpflaster aufkleben soll ? Nein , Stinechen , da kennst du deine Schwester schlecht . Oder wegen den blassen Neffen ? Ich denk ihn mir so . « Und dabei zog sie das Gesicht in die Länge und drückte mit Daum und Zeigefinger die beiden Backen ein . Stine lachte . » Ja , damit wirst du ' s wohl getroffen haben . Und überhaupt , ich find es unpassend und ungebildet , daß er den jungen Menschen mitbringt . Ein Onkel ist doch immer so was wie ' ne Respektsperson . Für sich mag er ja tun , was er will ; aber solchen jungen Menschen ... ich weiß nicht , Pauline . Findst du nich auch ? « » Na , ob ich finde . Natürlich ; erst recht . Aber , Kind , wenn wir davon erst reden wollen , denn is kein Ende . Das is nu mal so ; sie taugen alle nichts und is auch recht gut so ; wenigstens für unsereins - mit dir is es was anders - und für alle , die so tief drinsitzen un nich aus noch ein wissen . Denn wovon soll man denn am Ende leben ? « » Von Arbeit . « » Ach Jott , Arbeit . Bist du jung , Stine . Gewiß , arbeiten is gut , un wenn ich mir so die Ärmel aufkremple , is mir eigentlich immer am wohlsten . Aber , du weißt ja , denn is man mal krank un elend , un Olga muß in die Schule . Wo soll man ' s denn hernehmen ? Ach , das is ein langes Kapitel , Stine . Na , du kommst doch ? So Klocker acht , oder lieber noch ein bißchen eh ' r. « Drittes Kapitel Während die Pittelkow oben bei Stine war , um sich dieser für den Abend zu versichern , ging Olga die Invalidenstraße hinauf , um erst den Brief abzugeben und dann auf dem Rückwege bei Konditor Bolzani die Torte zu bestellen . Es war ihr Eile befohlen , aber sie kehrte sich nicht dran , freute sich vielmehr , eine Stunde lang ohne mütterliche Kontrolle zu sein , und getröstete sich , » daß es noch lange hin sei bis Abend « . An allen Läden blieb sie stehen , am längsten vor dem Schaufenster eines Putzgeschäfts , aus dessen buntem Inhalt sie sich abwechselnd eine rote Schärpe mit Goldfranzen und dann wieder einen braunen Kastorhut mit Reiherfeder als Schönstes wünschte . Diesen Wunsch in Erfüllung gehen zu sehen , war freilich wenig Aussicht vorhanden , aber es schadete nicht viel , weil sich ihre nächste Zukunft unter allen Umständen angenehm genug gestalten mußte . Wanda , wie sie von Tante Stine her wußte , hatte meistens Sandtorte , ja mitunter sogar Schokoladenplätzchen in ihrem Schrank , und wenn sich beides auch nicht erfüllte , so blieben doch immer noch die Gerstenbonbons . Solchen Betrachtungen hingegeben , kam Olga bis an die Chausseestraße , wo , wie gewöhnlich in dieser kirchhofreichen Gegend , ein großes Begräbnis die Straßenpassage hemmte . Olga , weitab davon , irgendwelchen Anstoß an dieser Wegestörung zu nehmen , wünschte ganz im Gegenteil , dieselbe so lange wie möglich andauern zu sehen , und stellte sich , besseren Überblicks halber , auf eine vor einem Öl- und Spiritusgeschäft angebrachte Steintreppe . Der Wagen mit dem Sarge war schon eine Weile vorüber , so daß sie nur noch das versilberte Kreuz über einem Meer von schwarzen Hüten hin und her schwanken sah . Kutschen fehlten im Zuge ( so wenigstens schien es ) , dafür aber folgten allerlei Baugewerke mit Bannern und Musik , und während noch aus der Front her der Trauermarsch der Zimmerleute bis weit nach rückwärts tönte , klang schon aus der Mitte des Zuges und vom Oranienburger Tor her ein zweiter und dritter Trauermarsch herauf , so daß Olga nicht wußte , worauf sie hören und welchem Geblase sie den Vorzug geben sollte . Neben dem eigentlichen Gefolge drängten breite Volksmassen mit vorwärts und ließen nur allemal eine schmale Gasse frei , wenn reitende Schutzleute von der Queue her bis an die Spitze des Zuges und dann wieder zurücksprengten . » Wer es nur is ? « dachte Olga , in deren Herzen etwas wie Neid aufkeimte , so schön begraben zu werden , aber soviel sie horchte , sie konnte es bei den mit ihr auf der Steintreppe Stehenden nicht mit Bestimmtheit in Erfahrung bringen . Einer versicherte , daß es ein alter Mauerpolier , ein anderer , daß es ein reicher Ratszimmermeister sei , während eine mit braunem Torfstaub ganz überdeckte Frau , die der herannahende Zug sichtlich beim Abladen unterbrochen hatte , von nichts Geringerem als von einem Minister für Maurer- und Zimmerleute wissen wollte . » Dummes Zeug « , unterbrach sie der nebenan wohnende Budiker , » so was gibt es ja gar nich . « Aber das Torfweib ließ sich nicht stören und sagte nur : » Warum nich , warum soll es so was nich geben ? « Und so stritt man sich hin und her . Endlich aber war der Zug vorüber , und Olga passierte nun den Damm und bog hundert Schritte weiter abwärts in die Tieckstraße ein . Nummer 27a war das dritte Haus von der Ecke : fünf Fenster Front , drei Stock und eine kleine Mansarde . Der Wirt , ein Kupferschmied , hatte den Hof in eine halb offene Werkstatt verwandelt , in der nun , den ganzen Tag über , auf oft zweimannshohen Braukesseln herumgehämmert wurde , bei welchem Gedröhn und Gehämmre Wanda ihre Rollen lernte . Es tat ihr nichts , ja sie hätte nirgends lieber wohnen mögen , und der Kupferschmiedegeselle , der auf der obersten Kesselrundung oft stundenlang herumritt und sich dabei in platonischer Liebe ( der einzigen , die Wanda so kleinen Leuten gestattete ) verzehrte , war jedesmal ihr guter Freund . Ihre von Glasermeister Schlichting abgemietete Wohnung lag nämlich nach dem Hofe hinaus und hatte hier ihren eigentlichen Auf- und Eingang . Hier befand sich denn auch ihre Klingel und ihre Karte : » Wanda Grützmacher , Schauspielerin am Nordend-Theater . « Und dieses Titels durfte sie sich rühmen wie manche Berühmtere . War sie doch ein Liebling der Bühne , die das Glück hatte , sie zu besitzen , und nicht nur ein Liebling des Publikums , sondern auch des Direktors , der , persönlicher Beziehungen zu geschweigen , vor allem das an ihr schätzte , daß sie , mit Ausnahme der Gage , vollkommen prätensionslos war und alles spielte , was vorkam . » Immer tapfer in die Bresche « war einer ihrer Lieblingssätze . Sie war überhaupt für leben und lebenlassen , behandelte delikate Vorkommnisse von einem gewissen höheren Standpunkt aus und hatte stereotype , dem urältesten Berliner Witzfonds entnommene Wendungen , in denen sich ihre Stellung zum » Ideal « ausdrückte . Sie zog dementsprechend » ein gutes Gehalt einer schlechten Behandlung vor « , und wenn ihr bei Soupers mit Bourgeoiswitwern , einer ihr besonders sympathischen Gesellschaftsklasse , die Speisekarte gereicht wurde , so zeigte sie mit einem ihr kleidenden und seine Wirkung nie verfehlenden Ernst auf das rasch als Bestes und Teuerstes Erkannte , jedesmal feierlich hinzusetzend : » Dafür laß ich mein Leben . « So Wanda Grützmacher , Tieckstraße 27a . Olga , die sonderbarerweise noch nie Bestellungen bei der Schauspielerin zu machen gehabt hatte , klingelte zunächst vorn bei Schlichtings , und Fräulein Flora Schlichting erschien denn auch , halb verschlafen , an der Tür und öffnete . » Is Fräulein Wanda zu Haus ? « » Zu Haus is sie ; ich glaube , sie schläft . Hast du was abzugeben ? « » Ja . Aber ich soll es ihr selber geben . « » I , gib man ... « Und damit griff sie nach dem Brief . Olga zog aber energisch zurück . » Nein , ich darf nich ... « » Na , denn komme morgen wieder . « Wanda , trotzdem sie nicht Wand an Wand mit der Schlichtingschen Vorderstube wohnte , mußte trotzdem von dieser Unterhaltung gehört haben , denn als eben die Tür zugeworfen werden sollte , war sie , wie aus der Erde gewachsen , da und sagte : » Gott , Olgachen . Was bringst du denn , Kind ? Mutter is doch nich krank ? « Olga hielt ihr statt aller Antwort den Brief entgegen . » Ach , ein Brief . Na , denn komm in meine Stube , daß ich ihn lesen kann . Hier is es ja stockduster und wahrhaftig nicht zu merken , daß man bei ' nem Glaser wohnt . « Dabei nahm sie das Kind bei der Hand und zog es mit sich durch die mit jedem Schritte dunkler werdende Schlichtingsche Wohnung , bis in ihre Hinterstube hinein . Hier mußte sie lachen , als sie den sonderbaren Briefverschluß ihrer Freundin Pauline sah ; dann aber öffnete sie die verklebte Stelle mit einer aus ihrem dicken , schwarzen Zopf genommenen Haarnadel und las nun mit sichtlicher Freude : » Liebe Wanda . Er kommt heute wieder , was mir sehr verkwehr is , denn ich mache gerade reine . Jott , ich bin so ärgerlich und bitte Dich bloß : komm . Ohne Dir is es nichts . Stine kommt auch . Komm Klocker 8 , aber nich später und behalte lieb Deine Freundin Pauline Pittelkow , geb . Rehbein . « Wanda steckte den Brief unter die Taille , schnitt Olga ein großes Stück von einem in einer Fayenceterrine mit Deckel aufbewahrten altdeutschen Napfkuchen ab und sagte dann : » Un nu grüße Mutterchen und sag ihr , ich käme Punkt acht . Mit ' m Schlag . Denn wir von ' s Theater sind pünktlich , sonst geht es nich . Und wenn du wiederkommst , Olgachen , so kannst du gleich die kleine Hoftreppe raufkommen , bloß drei Stufen , da brauchst du vorn nich durch und is kein Fräulein Flora nich da , die dich anschreit und wegschicken will . Hörst du ? « Und in einer Art Selbstgespräch setzte sie hinzu : » Gott , diese Flora ; je weniger Bildung , je mehr Einbildung . Ich begreife diese Menschen nich . « Olga versprach , alles zu bestellen , und eilte mit ihrem Beutestück ins Freie . Kaum draußen , sah sie sich noch einmal um und biß dann herzhaft ein und schmatzte vor Vergnügen . Aber schnöder Undank keimte bereits in ihrer Seele , und während es ihr noch ganz vorzüglich schmeckte , sagte sie schon vor sich hin : » Eigentlich is es gar kein richtiger ... Ohne Rosinen ... Einen mit Rosinen eß ich lieber . « Viertes Kapitel Als Olga , nach Erledigung aller ihr aufgetragenen Gänge , den zu Kaufmann Marzahn an der Ecke natürlich mit eingerechnet , wieder nach Hause kam , fand sie hier alles verändert und Tante Stine damit beschäftigt , die rote Wollschnur der Tüllgardinen in die messingblechenen Halter einzuhaken . Überall herrschte Sauberkeit und Ordnung - nur in der Nebenstube war man nicht fertig geworden - , und das einzige , was als Störung gelten konnte , war ein eben abgegebener Korb mit Weinflaschen und eine vorläufig auf einen danebenstehenden Stuhl gesetzte Hummermayonnaise . Olga berichtete , daß Wanda kommen würde , was von seiten der Pittelkow mit sichtlicher Freude vernommen wurde . » Wenn Wanda nich da is , is es immer bloß halb . Ich möchte mir nich alle Tage hinstellen un Prinzessin spielen ; aber das muß wahr sein , alle von ' s Theater haben so was un kriegen einen Schick un können reden . Wo ' s ihnen eigentlich sitzt , ich weiß es nich und am wenigsten bei Wanda . Wanda war immer die Faulste