Fontane , Theodor Quitt www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Theodor Fontane Quitt Roman Erstes Kapitel Die Kirche war noch nicht aus , aber die alte Frau Menz und ihr Sohn Lehnert - ein schlanker , hübscher Mensch von siebenundzwanzig , dem man , auch ohne seine siebenziger Kriegsdenkmünze ( neben der übrigens auch noch ein anderes Ehrenzeichen hing ) , den altgedienten Soldaten schon auf weite Entfernung hin angesehen hätte - hatten den Schluß des Gottesdienstes nicht abgewartet und saßen bereits draußen auf einem großen Grabstein , zu dessen Häupten eine senkrecht stehende Marmorplatte mit einer » Christi Himmelfahrt « in Relief in die dicht dahinter befindliche Kirchhofsmauer eingelassen war . Der Sohn , der schon während einer ganzen Weile mit der Kante seiner Stiefelsohlen allerlei Rinnen in den Sand gezogen hatte , war augenscheinlich verstimmt und vermied es , die Mutter anzublicken , die ihrerseits ängstlich vor sich hin sah und darauf wartete , daß der Sohn reden solle . Dazu kam es aber nicht , und so hörte man denn nichts als die letzte Liederstrophe , die drinnen eben gesungen wurde . Sonst war alles still . Der grelle Sonnenschein lag auf den Gräbern , die Schmetterlinge flogen dazwischen hin und her , und über dem Ganzen wölbte sich der tiefblaue Himmel und versprach einen heißen Tag . Endlich nahm die Mutter ihres Sohnes Hand . Er zog sie aber unwirsch wieder zurück und sagte : » Ach laß , Mutter . Du meinst es gut . Aber was hab ich davon ? Eigentlich bist du doch schuld an allem , weil du nicht weißt , was du willst , und auch nie gewußt hast . Auf Paschen und Wildern hast du mich erzogen , und wenn ' s dann schiefgeht und du ' s mit der Angst kriegst , dann steckst du dich hinter Siebenhaar und jammerst ihm was vor , und der soll dann mit einem Mal einen Heiligen aus mir machen . « » Du weißt ja doch , Lehnert , was er alles für dich getan hat . « » Weiß alles . Aber er darf mich nicht anpredigen , und wenn er ' s tut , so darf er nicht nach mir hinsehen , daß auch der Dümmste merken kann , wen er meint . Das darf er nicht , und wenn ich ihn sehe , dann sag ich ' s ihm auch . « » Er will dich sprechen nach der Kirche . « » Da haben wir ' s. Also wieder abgekartet . Dacht ich ' s doch . Ach , Mutter , du quälst mich und richtest nichts Gutes damit an . « In diesem Augenblicke schwieg es drin , und statt des Gesanges der Gemeinde hörte man nur noch das Nachzittern der Orgel und bald danach den eigentümlichen Klapperton , mit dem die Pfennigstücke der einzeln und in Gruppen aus der Kirche Kommenden in die dicht an der Kirchentür aufgestellte Sammelbüchse fielen . Und nun kamen auch die Leute selbst und gingen an dem Grabstein vorüber , auf das weit offenstehende , kaum dreißig Schritt entfernte Kirchhofsportal zu , wobei sie der Frau Menz und ihrem Sohne freundlich zunickten ; aber ehe sie noch den Ausgang erreicht hatten , erschien auch schon in Front der nach wie vor auf dem Grabstein Sitzenden ein breitschultriger und kurzhalsiger Mann von Mitte Dreißig , dessen Stutzhut und hechtgrauer Rock mit grünen Rabatten ( des Hirschfängers ganz zu schweigen ) über seinen Beruf keinen Zweifel lassen konnte . Vorn , im zweiten Knopfloch , an einem absichtlich nicht allzu kurzen Bande , trug er das Eiserne Kreuz , das sich , eben weil das Band zu lang war , bei jedem Schritt in herausfordernder und jedenfalls in respekterwartender Weise hin und her bewegte . Der ganze Mann ein Bild von Selbstbewußtsein und Hochmut . » Guten Tag , Herr Förster « , sagte Frau Menz und stand rasch auf , um ihm einen Knicks zu machen . Der Förster nickte kurz , streifte Lehnert , der sich nicht gerührt hatte , mit einem Blick und ging dann weiter . » Was bliebst du nicht sitzen . Mutter ? Warum hast du geknickst ? Er kam , er mußte grüßen , nicht du . Aber das ist immer die alte Geschichte mit dir . Du hast nur zwei Gedanken : Angst und Vorteil , und hast keinen Stolz und keine Ehre . Du bist noch ganz aus der Kriechezeit . Und nun gar kriechen vor dem , vor solchem Schubbejack . Ist er denn dein Herr ? Unser Feind ist er , weiter nichts . Gott sei Dank , er fürchtet sich vor mir . Aber ich wollt es ihm auch raten . Er kennt mich noch vom Görlitzer Scheibenstand her und weiß , ich hab eine sichere Hand und ein gutes Auge . « » Sei doch still , Junge ! Du redst dich noch ins Gericht . Und wenn du durchaus reden willst , so rede nicht so laut . Es kann ' s ja jeder hören . « » Soll auch . « Er hätte wohl noch weitergesprochen , wenn nicht in eben diesem Augenblicke der alte Pastor Siebenhaar in Person von der Kirche her den Kirchhofsgang heraufgekommen wäre , neben ihm der Küster , zu dem er leise sprach . Und jetzt erhob sich auch Lehnert . » Ich möchte dich noch sprechen « , sagte der Alte , während er Lehnert im Vorübergehen die Hand reichte . » Komm in einer Viertelstunde ! Das heißt , so dir ' s beliebt . « Und mit einem freundlichen Blick , der Lehnert zu Herzen ging , ging der Alte weiter , erst auf das Portal und dann , etwas rechts abbiegend , auf das hinter einer Reihe verschnittener Linden gelegene Pfarrhaus zu . Zweites Kapitel Lehnert - nach dieser flüchtigen Begegnung - setzte sich wieder . Sonst , wenn der Gottesdienst aus war , ging er mit seiner Mutter in den nahen Kretscham hinüber , um erst eine Stonsdorfer und hinterher einen » Grünen « oder auch wohl einen Ingwer zu trinken . Heut aber war ihm nicht danach zumute . » Laß uns sehen , Mutter , wie das Grab aussieht ! « Er meinte das seines Vaters , und während er so sprach , der alten Frau Arm nehmend , ging er mit ihr den langen Hauptgang hinauf , bis sie vor einem gut gepflegten Grabe standen , an dem nur die halb verwaschene Inschrift erkennen ließ , daß der Tote schon seit lange hier liegen müsse . Die Jahreszahl bestätigte das auch : » Hier ruhet in Gott Anton Menz , Stellmacher und Schreiner zu Wolfshau bei Krummhübel , geb . 13. März 1821 , gest . 17. August 1859 . Selig sind , die da Leid tragen , denn sie sollen getröstet werden . « Lehnert , als er die Worte las , faltete die Hände , als er aber sah , daß die Alte nach ihrem Sacktuch suchte , riß er die Hände gleich wieder auseinander und sah ärgerlich weg , weil er wußte , daß alles bloß Schein und Komödie war und die Alte nur weinte , weil sie weinen wollte . Sie steckte denn auch das Tuch wieder ein und bückte sich , um eine große gelbe Studentenblume zu pflücken . » Das war seine Lieblingsblume « , sagte sie . » Weißt du das gewiß , Mutter ? Ich habe noch keinen Menschen gekannt ... « In diesem Augenblicke schlug die Turmuhr ein Viertel , und Lehnert unterbrach sich mitten im Satz . » Es ist Zeit « , fuhr er fort , » ich kann den Alten nicht warten lassen und muß nun hin und mir meine Litanei holen . Als ob ich in der Kirche nicht schon genug gehabt hätte . Willst du hier auf dem Kirchhof warten , oder gehst du lieber gleich nach Hause ? Eine Weile wird es in der Pastorstube doch wohl dauern , Siebenhaar ist nicht immer der Kürzeste . Oder willst du lieber nach dem Kretscham hinüber und dir bei Pohl einen Ingwer geben lassen ? « Die Alte verschwor sich gegen den Kretscham und den Ingwer ; ihr sei heute so andächtig wie lange nicht , und so wollte sie denn lieber gleich nach Hause . Da sei sie doch am liebsten und am nötigsten . Opitzens Christine hab ihr freilich versprochen , in der Küche nach dem Rechten zu sehen , aber vielleicht habe die gute Seele selber alle Hände voll zu tun . Und so verließen sie denn gemeinschaftlich den Kirchhof . Als sie draußen am Portal waren , mußte die Alte , wenn sie nach Krummhübel und Wolfshau zurück wollte , scharf nach links hin abbiegen , sie ließ sich ' s aber nicht nehmen , ihren Sohn erst noch bis zur Pfarre , die nach der entgegengesetzten Seite hin lag , zu begleiten , wo sie , vor dem Pfarrhaus angekommen , vorsichtig wartete , bis er eingetreten und im Flur verschwunden war . Dann aber steuerte sie sofort mit einem geschickten kleinen Umwege nach dem Kretscham hinüber , um sich hier den Ingwer geben zu lassen , den sie , » weil ihr noch so andächtig sei « , vor wenig Minuten erst abgelehnt hatte . Lehnert stand inzwischen auf dem kühlen Fliesenflur und wartete , denn niemand erschien , trotzdem die Klingel zweimal angeschlagen hatte . Die Hoftür , hinter der ein alter Nußbaum stand , stand weit auf , und das Summen einer Wespe , die sich vom Hof her in den Flur verirrt hatte , war das einzige , was die Stille unterbrach . Endlich kam die Magd und sagte , sie wisse schon , er möge nur eintreten . Das tat er denn auch . Es war des Alten Studierstube , die Lehnert von seinen Kindertagen her kannte . Das Christusbild , mit Friedrich Wilhelm III. und dem Kronprinzen zur Linken und Rechten , hing noch geradeso schief wie vor vierzehn Jahren , als er hier , wöchentlich zweimal , auf einer wackligen Konfirmandenbank gesessen hatte . Alles genau wie damals und nur die Dielen noch etwas ausgehöhlter . Lehnert hatte so seine Betrachtungen , kam aber nicht weit damit , denn in der nächsten Minute schon trat der Alte , der mittlerweile seinen Talar abgelegt und einen Imbiß genommen hatte , von der Nebenstube herein und ließ sich in einen vor seinem Schreibtisch stehenden Polstersessel nieder . » Ja , Lehnert « , hob er an , » es ist das alte Lied . Deine Mutter hat sich wieder über dich beklagt . « » Ach , Herr Prediger ... « » ... Und daß du wieder deine Tobsucht hast und nichts wie bittere Worte sagst und ihm , ich meine natürlich deinen Nachbar Opitz , den Tod an den Hals wünschst und fluchst und dich verschwörst , daß er dran glauben solle . Lauter gotteslästerliches dummes Zeug , für das du viel zu klug und , ich muß dir das nachsagen , auch eigentlich viel zu gut bist . Ich begreife dich nicht . Du hast doch einen guten Verstand und hast die gute Schule gehabt , und wenn ich auch weiß , daß man nicht immer nach dem Worte Gottes lebt , so kennst du ' s doch und darfst nicht so sprechen , als ob du ' s nicht kenntest und als ob es gar nicht da wäre . Du weißt recht gut , daß es da ist , und weißt auch recht gut , daß Gottes Wort heilig ist und daß es das klügste und beste ist , seine Gebote zu halten . Aber du redest drauflos wie ein Heide und Türke ... « » Ach , Herr Prediger ... « » Wie ein Heide und Türke , sag ich , und tust es nicht bloß zu Haus und in deinen vier Pfählen , du sagst es auch jedem , der ' s hören will , und wenn du dich müde gesprochen und keine Worte mehr gegen ihn finden kannst , dann bindest du mit dem Grafen an , dem guten gnädigen Herrn , von dem du doch weißt , wie nachsichtig er ist , und hältst ihm vor , daß er was Besseres tun könne , als solchen Großtuer und Menschenquäler in die Försterei zu setzen , und daß es kein gutes Ende nehme . « Lehnert nickte . » Nun siehst du , du nickst und hältst es nicht mal für nötig , nein zu sagen und deinem alten Freund und Lehrer , von dem du weißt , daß er ' s gut mit dir meint , in einer Entschuldigung oder so was Ähnlichem entgegenzukommen . Du bist geblieben , wie du schon warst , als du hier mit deinem blonden Krauskopf auf der Konfirmandenbank saßest . Das krause Haar haben sie dir bei den Soldaten weggekämmt , aber den krausen Sinn haben sie dir nicht wegschaffen können , du bist ein Trotzkopf , voll Selbstgerechtigkeit , und glaubst , alles am besten zu wissen . Und nun liest du auch noch allerlei dumme Blätter , in denen hochmütige Schulmeister und verlogene Winkeladvokaten ihre Weisheit zu Markte bringen , und redest hier in den Kretschams herum von Freiheit und Republik und dem glücklichen Amerika . Lehnert , Lehnert , dazu bist du mir viel zu schade ! Sieh , Junge ! aus dir hätt eigentlich was Ordentliches und was ganz apart Gutes werden müssen , und nun vertust du deine Zeit mit schlechter Tat und schlechtem Wort . Und das schlechte Wort ist schlimmer als die schlechte Tat . Ich lebe nun hier seit Anno 29 , und noch zwei Jahre , dann hab ich mein Jubiläum , und ich darf wohl sagen , ich kenne euch und weiß , daß euch allen der Pascher und Wilddieb von Kindheit an im Leibe steckt . Das wird euch so gleich mit in die Wiege gelegt , und so nehmt ihr ' s als euer gutes Recht , und wenn ihr einen Grenzer oder Förster über den Haufen schießt , dann ist es nicht Mord , dann ist es Notwehr . Ich weiß das alles und find es traurig genug . Aber ich finde mich darin zurecht , das heißt , mißversteh mich nicht , ich finde mich darin zurecht , weil ich die schwache menschliche Natur kenne , der es schwer wird , der Versuchung und der Sünde , die heute so ist und morgen so , zu widerstehen . Aber daß ihr das alles in der Ordnung findet , daß ihr tut , als ob das Gesetz sich gegen euch versündige , sieh , das ist das Traurige . Und daß du die Dummheit mitmachst und auch so sprichst , als ob der Opitz ein Scheusal und eigentlich nicht viel besser als der Gottseibeiuns wäre , das tut mir leid . Und nun sprich und sage was Vernünftiges . Aber erst trink ein Glas Wein mit mir . Es ist heiß , und die Zunge klebt einem am Gaumen . « Der Pastor trank auch wirklich ein Glas ; Lehnert aber dankte . » Nun gut , dann setz dich wenigstens . Und dann sage mir , was du zu sagen hast . « » Ach , Herr Prediger , Sie wissen ja , wie ' s liegt , und wissen auch , wir sind nicht so schlimm , ich schon gewiß nicht . Ich war bei den Soldaten und weiß , was gehorchen heißt , und is gar kein vernünftiger Mensch , der gegen ' s Gehorchen is . Denn das hält alles zusammen . Und so muß auch das Gesetz sein . Aber die Menschen , ja , Herr Pastor , die Menschen , die machen den Unterschied , und wenn die nichts taugen , dann ist es schlimm . Das weiß ich auch noch von den Soldaten her , und ich darf wohl sagen , und ich hab es schriftlich in meinen Attesten , ich war ein guter Soldat . Aber auf die , die den Befehl haben , auf die kommt es an , und was gibt es nicht für Vorgesetzte ! Da muß man antreten mit Gepäck und zwei Stunden auf dem Hofe nachexerzieren , und die Sonne brennt und sticht , und wie man sich quälen mag , der Paradeschritt taugt nichts , die Griffe bleiben falsch , und wenn sie noch so richtig wären ; immer wieder ran , immer wieder vor , und dann einen Stoß unters Kinn und Verwünschungen und Drohungen , daß man ' s wohl noch bis zum Zuchthaus oder bis zum Baugefangenen bringen würde . Ja , Herr Pastor , solch Unteroffizier - und es gibt ' s ihrer - verlangt auch Gehorsam und findet ihn auch , aber wenn ' s dann paßt , dann stellt man ihm ein Bein oder schafft ihn über Eck . Und die , die das tun , die sind nicht gegen Gehorsam und Disziplin , die sind bloß gegen den Unteroffizier . Und was mich angeht , Herr Prediger , ich bin nicht gegen das Gesetz , auch wenn ich ' s nicht immer halte , ich bin bloß gegen den Opitz , diesen Schuft und Schelm , diesen Saufaus und Menschenschinder « . Siebenhaar lächelte . » Da haben wir ' s wieder , ganz wie ein Puter , wenn er den roten Lappen sieht . Du willst Person und Sache trennen . Aber geht das , hast du ein Recht dazu ? « » Ich meine ja , Herr Pastor . Sie wissen , daß ich zwei Monat drüben in Jauer war , wie ' n Verbrecher , unter lauter Gesindel . Und das verdank ich ihm . « » Er hat dich angezeigt . Das war seine Pflicht . « » Er hat mich angezeigt , das war seine Lust . So liegt es . Er ist immer lustig dazu , bei jedem , aber doppelt bei mir , denn wir sind alte Feinde , noch von den Soldaten und vom Kriege her . Ich kenn ihn , Herr Pastor ; er ist ein schlechter Kerl , und solang ich denken kann , hat er mich gequält . Er war mein Oberjäger , und kein gutes Wort hat er mir je gegönnt . Immer hart , immer roh , auch vorm Feind , und nur wenn ' s in die Schlacht ging , war er wie ' n Ohrwurm . Es gibt eben Kugeln , die sich verirren . Und dann , Herr Pastor , wenn er nicht war , so hätt ich das Kreuz . Aber er hat dagegen gesprochen . Und was hat er gesagt ? Ich taugte nichts , ich wäre frech und übermütig , und man könne nicht jedem das Kreuz geben , der ein paarmal aus einem Fenster geschossen habe , bei guter Deckung . Wahr und wahrhaftig , bei guter Deckung , so hat er gesagt , der schlechte Kerl . Und er war gar nicht einmal dabei . Ich will nicht sagen , daß er feige ist , nein , feige ist er nicht , aber ein Neidhammel ist er . Und was dann nachher kam , ich meine das vorige Jahr , nun , das weiß der Herr Pastor . Von Unschlitt und Schimmelbrot will ich leben , wenn ich ' s dem Kerl verzeih , daß er mich belauert und an die Grenzaufseher verraten hat und daß sie mich nach Jauer abgeliefert haben . Und warum ? Um ein Stück Reichenberger Tuch , nicht der Rede wert ! Immer hat er mir den Weg gekreuzt . Hol ihn der Teufel ! « Siebenhaar drohte halb scherzhaft mit dem Finger . Lehnert aber trat an den Alten heran und bat in einem Tone , drin sich Ernst und gute Laune die Waage hielten , um Entschuldigung . » Ich will dir den Teufel zugute halten , Lehnert , wiewohlen man ihn nicht anrufen soll . Aber versprich mir dafür , Friede zu halten . Ich weiß nicht , ob er dir unrecht getan hat mit dem Kreuz , aber wenn es auch wäre , du mußt es vergessen . « » Will ' s versuchen . « » Versprichst du ' s ernsthaft ? Hab ich dein Wort ? « » Ja . Aber wenn er wieder anfängt ... « » Er wird nicht . Ich werde mit ihm sprechen , und du sollst Bescheid haben . Vielleicht bald . Und dann komm ich selbst . « Drittes Kapitel Während Lehnert dieses Gespräch hatte , schritt der , dem all diese Drohungen galten , heimwärts auf Wolfshau zu , wo seine Försterswohnung mit der der Menzschen Stellmacherei grenzte . Der nächste Weg nach Haus wäre der unten im Tal , an der Lomnitz hin , immer flußaufwärts , gewesen , er mied ihn aber , weil dieser nähere Weg ohne Wirtshaus war und er ernstlich vorhatte , sich bei einem Glase Bier und einem guten Gespräch von den Anstrengungen der Siebenhaarschen Predigt , die , wie gewöhnlich , gut , aber etwas lang gewesen war , zu erholen . So stieg er denn , den Umweg nicht scheuend , die große Straße bergan auf Krummhübel zu , wo er sicher war , in dem prächtig gelegenen Wirtshause » Zur Schneekoppe « den ersehnten guten Trunk und vor allem auch eine gute , das heißt eine gefällige Gesellschaft zu finden , die sich ' s angelegen sein ließ , ihn reden zu lassen und ihn bei jedem dritten Worte » Herr Förster « zu nennen . Denn sich umworben und ausgezeichnet zu sehen und Ehre vor den Menschen zu haben , war das , wonach ihm zumeist der Sinn stand . Sein Hühnerhund Diana , der darauf dressiert war , die Predigt draußen auf einer von der Sonne beschienenen Kiesstelle zu verschlafen , folgte dicht hinter ihm , ein schönes , schwarz und weiß geflecktes Tier . Und keine halbe Stunde , so bog er in Krummhübel ein , drin eine sonntägliche Stille herrschte . Links lief ein Wässerchen und schäumte , Hühner und Sperlinge pickten überall umher , wo eine Krippe gestanden hatte , und in der offenen Haustür lehnten einzelne Dorfbewohner und genossen der Sonntagsruhe . » Guten Tag , Herr Förster « , sagte Gerichtsmann Klose , seine Pfeife respektvoll aus dem Munde nehmend , und » Guten Tag , Herr Förster « , wiederholte die nebenan wohnende , für gewöhnlich mit ihren Gunstbezeigungen etwas kargende Frau Böhmer den Gerichtsmann Kloseschen Gruß auch ihrerseits und trat aus ihrem Kramladen in die Dorfstraße hinaus , um dem Vorübergehenden die Hand zu geben , ja , sie schien ihn sogar anreden zu wollen . Des Försters Haltung aber war so steif und gemessen , daß selbst Frau Böhmer mit ihrer Frage zurückzuhalten für gut fand . Und nun noch hundert Schritte , so stand unser Förster Opitz vor Exners » Schneekoppe « , trat aber nicht über den Schwellstein in den Flur , sondern bog gleich daneben in einen von einem Staketenzaun eingefaßten Garten ein , in dem , um einen plätschernden Springbrunnen herum , und zugleich in Front einer großen Veranda , viele Sommergäste saßen . Sich diesen zu gesellen fiel Opitz aber nicht ein , weil er im Vorübergehen herausgehört hatte , daß es Berliner waren , also Leute , von deren eigener Eingebildetheit er für die seinige nicht viel zu hoffen hatte . So ging er denn lieber auf eine kleine , von wildem Wein umwachsene Holzlaube zu , wo noch niemand saß , und ließ sich hier an einem langen , braungestrichenen Eßtisch nieder , von dem aus , unmittelbar an der Wand daneben , ein Klingeldraht nach dem Wirtshause hinüberführte . Diesen zog er . Die Bedienung war aber einigermaßen säumig , was ihn , weil er eine Verkennung seiner Wichtigkeit und Würde darin erblickte , sofort heftig ärgerte . Wirklich , sein ohnehin etwas auf Schlagfluß deutendes Gesicht wurde von Minute zu Minute röter , und erst den Hut vom Kopf nehmend und gleich danach das Sacktuch aus seiner Tasche ziehend , begann er sich in nervöser Unruhe bald mit dem einen , bald mit dem andern zu beschäftigen . Endlich kam die Bedienung , eine schöne schwarze Person , von der es hieß , daß sie Kunstreiterin gewesen und als Kind durch fünf Reifen gesprungen sei , was ihr jetzt freilich etwas schwer hätte werden sollen , und entschuldigte sich , daß der » Herr Förster « so lange habe warten müssen . » Schon gut , Marie , schon gut . « Und nun bestellte er eine Kulmbacher und ein Schnitzel . » Aber ohne Kapern und Sardellen ! « Die Kulmbacher kam denn auch bald , aber das Schnitzel au naturel ließ auf sich warten , und in der ihm sofort wiederkehrenden Unruhe nahm er diesmal , statt des Sacktuches , ein Notizbuch aus seiner Tasche und begann Einzeichnungen zu machen , die , seiner Miene nach , von besonderer Wichtigkeit sein mußten . In Wahrheit aber waren es bloß Krickelkrakel , bei deren gedankenloser Hinmalung er , aller Aufregung und Wichtigtuerei zum Trotz , nach der großen Veranda und den in Front derselben stehenden Tischen hinübersah . Der ihm zunächst stehende Tisch war der unzweifelhaft anziehendste : zwei Herren und eine Dame saßen daran , mit ihnen zwei hübsche Kinder . Letztere freilich waren von einer Beweglichkeit , daß man sie kaum noch als Tischgäste rechnen konnte , woran , neben angeborener Fahrigkeit , vor allem der Springbrunnen schuld war , von dessen Staubregen sich treffen zu lassen ein nicht enden wollendes Vergnügen für sie war . Die weißen Waschkleider machten denn auch bereits ihrem Namen Ehre und wurden in ihrer Durchnäßtheit nur noch von dem blonden Haar übertroffen , das in einzelnen langen Strähnen bis auf die rosafarbenen Schärpen herabhing . » Geraldine « , sagte der ältere der beiden Herren , indem er sich der , trotz ihrer neununddreißig , immer noch sehr schönen Dame zuwandte , » du solltest es ihnen verbieten . Es ist weder opportun noch sanitätlich zulässig . « » Aber unterhaltlich und vergnüglich « , antwortete die Dame mit sehr überlegener Miene . » Nur keine Philistereien , Espe ; dazu hast du zu Hause Zeit genug , in unserem lieben schrecklichen Berlin . Es wird sich ja wohl eine Plätterin hier finden lassen . Jugend ist Jugend , und daß sie keine Tugend hat , ist bloß Verleumdung . Frage nur Herrn Lieutenant Kowalski . « Dieser , der schon vor fünfzehn Jahren den mageren Dienst in der Armee mit dem vorteilhafteren in einer Hagelversicherungsgesellschaft vertauscht , seinen » Leutnant « aber trotzdem beibehalten hatte , wartete die von dem älteren Herrn zu stellende Frage gar nicht erst ab , sondern entschied sich sofort für ein unbedingtes und mit großer Emphase vorgetragenes » laisser aller « , was durchaus zu dem phrasenhaften Wesen des Herrn Lieutenant stimmte , der seine ganz auf Flunkerei , Zynismus und Prosa gestellte Natur hinter hochtönenden Redensarten , zu denen auch ein paar französische Sätze gehörten , zu verbergen trachtete . Je mehr er persönlich , so fuhr er nach einem mehrfach wiederholten laisser aller fort , in zurückliegenden Jahren unter dem Drill des Dienstes gelitten habe , je mehr sei er für Freiheit . Freiheit sei das einzige richtige Lebensprinzip , und der inneren Stimme gehorchen zu dürfen , und hierbei suchte sein Blick das Auge der schönen Frau , sei nicht bloß das Glück , sondern auch das Heil des Daseins . Nichts über eine freie Seele . Ganz frei . Nur auf die Weise werde die Lüge hinschwinden , was dann gleichbedeutend sei mit dem Siege wirklicher Sittlichkeit . Kowalski , wenn er einen längeren Satz sprach , schloß immer mit Sittlichkeit ab . Opitz , so scharf er aufpaßte , saß doch zu weit ab , um jedes Wort , das am Nebentische gesprochen wurde , wegfangen zu können , aber wenn er es auch aufgeben mußte , dem Gange der Unterhaltung in aller Deutlichkeit zu folgen , so gab er es doch nicht auf , sich mit Hilfe dessen , was er mit scharfem Auge sah , in dem Verhältnis der drei Personen zueinander zurechtzufinden . Der aschfarbene kleine Herr mit dem wenigen Haar und der Goldbrille war offenbar der Gatte der Dame , was sich schon aus der Devotion ergeben haben würde , mit der er sich gegen sie benahm . Aber wie kam sie zu diesem Hutzelmännchen ? Viel erklärlicher war ihm der militärisch wirkende Herr , hinsichtlich dessen ihm eigentlich nur unsicher blieb , ob er ihm eine dauernde oder nur eine vorübergehende Beziehung zur schönen Frau zuschreiben sollte . Das Schnitzel , mit dem Marie jetzt endlich erschien , unterbrach seine Betrachtungen , die natürlich nur den Charakter von Vermutungen gehabt haben konnten , und gab ihm statt dessen die Möglichkeit in die Hand , durch einige direkt gestellte Fragen um einen reellen Schritt weiterzukommen . » Sagen Sie , Marie , wer sind die Herrschaften da ? « » Rechnungsrat Espe mit Frau und Kindern . « » Und der große stattliche Herr ? « » Ist ein Herr Lieutenant , aber bloß a. D. ; seinen Namen hab ich vergessen . « » Und gehören zusammen ? « » Nein . Er hat sich erst neuerdings hier eingefunden . Und nun machen sie Partien . Jeden Tag eine . « » So , so . « » Ja . «