Ebner-Eschenbach , Marie von Unsühnbar www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Marie von Ebner-Eschenbach Unsühnbar 1 Die Vorstellung des » Fidelio « war zu Ende ; das Publikum strömte aus dem Opernhause und zerstreute sich rasch nach allen Richtungen . Seit vierundzwanzig Stunden fiel Schnee , emsig , unablässig , in großen Flocken ; er lag schwer auf den Dächern , verschleierte die Lichter in den Lampen , machte die Mühe der Wege ausschaufelnden Arbeiter fast vergeblich . Geräuschlos rollten die Equipagen vor ; in Pelze gehüllte Männer und Frauen stiegen in weich gepolsterte Wagen . Ein paar Ladendiener hoben ihre sommerlich gekleideten Schönen in einen Komfortable mit zerbrochenen Fenstern . Wie der Wind sauste ein Fiaker nach dem anderen davon . Den Hut auf dem Ohr , den Schnurrbart gewichst , saßen die Eigentümer des » feschen Zeugels « etwas vorgebeugt auf ihrem Bock , in jeder Hand einen Zügel ; und die Pferde griffen aus und gaben her an Lebenskraft , was sie geben konnten , um grüne Majoratsherrchen , hochgeborene Reiteroffiziere und Sportsleute so geschwind als möglich zum Spiel in den Jockeiklub zu bringen . An den Rand der Straße gedrängt , rumpelten dichtbesetzte Gesellschaftswagen , von abgejagten Mähren geschleppt , von schlaftrunkenen Kutschern regiert , den Vororten zu . Solide Bürgersfamilien gingen wohlverwahrt , mit geschärftem Appetit - man wird so hungrig im Theater - nach Hause , wo ein kräftiges Abendessen sie erwartete , oder begaben sich in eine Restauration . Gemächlich , trotz des bösen Wetters , schlenderten einige Infanterieoffiziere dem nächsten Kaffeehause zu . Ein kleines Fähnlein , aber tatendurstig und eroberungssicher . Sie sprachen von den eleganten Damen in den Logen und von den Tänzerinnen und den Pferden anderer . Ein » Einjahrig-Freiwilliger « , der Sohn eines geadelten Bankiers , der sich ihnen angeschlossen hatte , sagte mit Vorliebe : » Wir Kavaliere « und » wir vom Turf « . Daß sein Sessel im väterlichen Kontor das einzige Rößlein war , auf dessen Rücken er es je zu einem Gefühl der Sicherheit gebracht , verschwieg er . Die Herren wurden von einer jungen Lehrerin überholt , die eiligen Schrittes die Wanderung nach ihrer Wohnung angetreten hatte . Ihr Mantel war fadenscheinig , aber sie fror nicht ; ihr Weg war weit und einsam , doch ihr bangte nicht . Sie schwelgte im Nachgenuß der Wonne , die ihrem kunstverständigen Sinn eben geboten worden . Es gab doch auch in ihrem schweren , harten Dasein Stunden der herrlichsten Erhebung . Die Kraft , die sie aus ihnen geschöpft , sollte lange vorhalten . Wer das Manna für die Seele auf Kosten des täglichen Brotes erwerben muß , kann sich dieser holden Labung nicht oft erfreuen . In der Opernstraße war eine Arbeiterabteilung mit dem Aufrichten einer Schneepyramide beschäftigt , als ein Brougham , mit Rassepferden bespannt , im feierlichen Trabe vorbeikam . Die Flammen eines Gaskandelabers erleuchteten einen Augenblick das Innere des Wagens . Zwei Damen saßen darin , die eine alt und von kränklichem Aussehen , in dunklem Capuchon und Überwurfe , die andere sehr jung , sehr schön , barhäuptig , mit klassischem Profil , ihre Gefährtin um Kopfeshöhe überragend . » Ho ! « rief der dicke Pferdelenker in lässig warnendem Tone den Straßenkehrern zu , und alle zogen sich zurück - nur einer nicht . Der sprang vor , sah mit spöttischer Vertraulichkeit zu dem Kutscher hinauf und zwang ihn auszuweichen , was dieser tat , ohne den Kopf zu wenden , während der Diener neben ihm murmelte : » Wieder zurück aus Amerika und - Gassenkehrer ? Gibt ' s denn dort keine solche Anstellung ? « » Gibt ' s gewiß « , lautete die Antwort , » damit is ihm aber nit gedient . Will uns hier aufpassen und Skandal machen , der Lump . « - Diese Bezeichnung galt einem schlank- und hochgewachsenen Burschen mit blassem Gesicht , eingefallenen Wangen und großen dunkelbraunen Augen . Er trug zerlumpte Kleider ; ein kleiner , durchlöcherter Hut , den er ins Genick zurückgeschoben hatte , ließ die Stirn und die trotz der Verkommenheit , die sie ausdrückten , noch hübschen Züge frei . Mit frechem Behagen pflanzte er sich im Lampenscheine auf , und die junge Dame , die den Kopf ans Wagenfenster neigte , unverschämt anstarrend , präsentierte er vor ihr den Besen wie ein Gewehr . Die Equipage fuhr davon , die Arbeiter lachten : » Schaut ' s den Wolfi an ! « und Wolfi , den Zornigen spielend , rief : » Dumme Bagage , was lacht ' s ? - Was hab ich getan ? ... Militärische Ehren erwiesen . Wem ? - der Gräfin Maria Wolfsberg , meiner - meiner lieben Verwandten . « Die so Bezeichnete hatte bei der Gebärde des Taglöhners keine Miene verzogen , doch verfärbte sie sich ein wenig und sagte mit beklommener Stimme zu ihrer Begleiterin : » Tante Dolph , hast du den Menschen gesehen ? Im zerrissenen Sommerrock , mit geplatzten Schuhen bei dieser Kälte ... « » Oh , meine Liebe , der hat seinen Schnaps im Leibe , dem ist wärmer als mir « , erwiderte die Tante fröstelnd . » Hast du auch gesehen , was er getan hat ? « » Ja , ja - ein Spaßvogel . « » Das ist kein Spaßvogel - das ist ein Feind , der uns haßt . « Der Gräfin unterbrach sie : » Hör auf . Du bist nervös . Dazu hat man in deinem Alter noch kein Recht . Ein Betrunkener erlaubt sich einen Scherz - was weiter ? Man sieht es , wenn es einen unterhält , sieht es nicht , wenn es einen verdrießt - darüber nachdenken ist krankhaft . « Maria schwieg . Sie ließ sich nicht gern in einen Streit mit ihrer Tante ein , weil sie regelmäßig den kürzeren zog . Die Tante war klug und schlagfertig ; ihr Bruder , Graf Wolfsberg , nannte sie sogar weise und verehrte in der um viele Jahre älteren Schwester seine Vertraute , Ratgeberin und Freundin . Sie hingegen liebte auf Erden nichts als ihn . Kränklich von Jugend auf und sehr unabhängigen Sinnes , hatte sie niemals einen Beruf zur Ehe in sich verspürt und die zahlreichen Bewerber um ihre unscheinbare Persönlichkeit und um ihr glänzendes Vermögen einen nach dem anderen ohne Seelenkampf abgewiesen . Gräfin Adolphine oder Dolph , wie sie in der Familie genannt wurde , lebte seit langem auf ihrem Gute der Pflege ihrer Rheumatismen und ihres Vermögens , das sie , bedeutend vermehrt , ihrem Bruder zu hinterlassen gedachte . Als dieser Witwer wurde , brachte sie ihm , seiner Bitte nachgebend , ein großes Opfer . Sie verzichtete auf ihre Selbständigkeit im eigenen Haushalte und machte sich zur Leiterin des seinen . Da die Zeit kam , Maria in die Welt zu führen , tat sie noch mehr : sie entsagte der ihr notwendigen Bequemlichkeit und Ruhe und durchwachte manche Nacht auf dem Balle , den schmerzenden Kopf mit Diamanten bedeckt und so unvorteilhaft aussehend im großen Staat , daß nicht einmal ihre Kammerfrau es wagte , sie zu bewundern . Dabei langweilte sie sich grausam , langweilte sich sogar , wenn sie die anderen durch ihren scharfen und sprudelnden Witz vortrefflich unterhielt . » Glücklicher Bertrand de Born « , sagte sie , » dem doch die Hälfte seines Geistes nötig war . Ich wäre froh , wenn ich nur für ein Zehntel des meinen Abnehmer fände ! « Zu Hause angelangt , zog sich die Gräfin in ihre Gemächer zurück , während Maria in den Salon ihrer Wohnung trat . Jeden Abend erwartete sie hier einen verehrten Gast - ihren Vater . Es geschah fast nie umsonst . So wenig Zeit das hohe Staatsamt , das er bekleidete , und die Genußsucht , der nachzugeben er selbstverständlich fand , ihm übrigließen : die Stunde , mit der Maria ihren Tag beschloß , wußte er für sie freizuhalten . Sie ließ sich jetzt den Theatermantel von ihrer Kammerzofe abnehmen und begann sogleich den Tee zu bereiten , zu dem alle Anstalten auf einem Tischchen neben dem Etablissement getroffen waren . Maria widmete ihrer Beschäftigung die größte Sorgfalt . Mit dem Vorsetzen einer Tasse Tees hatte sie alle kindlichen Pflichten , die ihr Vater ihr auferlegte , erfüllt . Es wäre ihr heißer Wunsch gewesen , etwas für ihn tun , ihm etwas sein zu können ; aber sie fühlte wohl , daß die Ahnung eines solchen Ehrgeizes im Herzen seiner Tochter ihn lachen gemacht hätte . Er wollte sie heiter und glücklich sehen , und wenn sie seine Fragen : » Hast du dich unterhalten ? - Freut dich dies ? - Freut dich jenes ? « mit Ja beantwortet hatte , dann wich der strenge Ernst , der gewöhnlich auf seinem Antlitz lag . Dank seiner Großmut hatte sie ihre Wohnung in ein kleines Museum verwandeln können ; fiel es ihr aber ein , bei der Betrachtung eines Bildes , einer Bronze etwas von ihren neuerworbenen Kenntnissen in der Kunstgeschichte durchblicken zu lassen , dann wurde seine Miene so spöttisch , daß Maria verwirrt schwieg und sich beschämend albern vorkam . Und der kostbare Blüthner , mit dem er sie jüngst überrascht und der dort in der Ecke stand , eingehüllt in weiche , indische Gewebe , noch hatte sie seinem Spender nichts anderes darauf vorspielen dürfen als Operettenarien und Tanzmusik . Sie war nicht leicht abzuschrecken gewesen , hatte immer einen Übergang gefunden aus dem Trivialen ins Schöne , aus dem Zerstreuenden ins Erhebende - aber nach den ersten Takten schon wurde das gefürchtete » Gute Nacht , Maria « gesprochen , und der Graf war aus dem Zimmer verschwunden . In solchen Fällen pflegte sie sich nicht zu unterbrechen ; es hätte ihn , der sich in seinem Hause gegen Rücksichtnahme wehrte wie ein anderer gegen Rücksichtslosigkeit , sehr verdrossen . Nun blieb Maria in seiner Gegenwart bei dem Vortrage von Arietten und Walzern . Die Musik , die ihrem Geschmack entsprach , übte sie aus vor dem Bilde ihrer Mutter , das lebensgroß an der Wand über dem Piano hing . Du hättest deine Freude an mir gehabt , sprach sie in Gedanken zu ihr . Du hättest gewußt , daß ich nur zu wollen brauche , um eine Künstlerin zu werden . Aber ich werde nicht wollen , ich darf nicht . Unsereins darf so etwas nicht . Hättest du das auch gefunden , Mutter ? Ihr Blick haftete voll inniger Begeisterung auf dem edlen Angesicht , dem das ihre so ähnlich sah . Es war dasselbe reine Oval , dieselbe von kleinen Locken der reichen , aschblonden Haare beschatteten Stirn . Sie bildete zwei kaum sichtbare Hügel über den feinen Brauen , den etwas tiefliegenden blaugrauen Augen . Es war derselbe Schnitt der schlanken Nase , der leicht geschwellten Lippen und dieselbe wahrhaft königliche Gestalt . Aber ein anderer Geist offenbarte sich in jedem der beiden schönen Wesen . Marias ganze Erscheinung bekundete Entschlossenheit , Seelenstärke , Klarheit . Die Verstorbene hingegen hatte einen Ausdruck von eigentümlicher Schwermut und hilfloser Schüchternheit . Das Bild , aus dem sie unvergänglich jung und lieblich herabsah , war in ihrem achtzehnten Jahre , dem ersten Jahre ihrer Ehe , gemalt worden . Es stellte sie dar in einem weißen Spitzenkleide , mit bloßem Halse , mit nachlässig herabhängenden Armen , eine weiße , kaum aufgeblühte Rose in der Hand . Den Kopf leicht vorgeneigt , schien sie traumverloren zu lauschen . Maria besann sich noch , sie so gesehen zu haben im Konzert , in der Oper , und auch wenn der Vater oder sie zu ihr sprachen . Aber diese freudigen Erinnerungen an die Mutter lagen fern , und die , die sich an eine spätere Zeit knüpften , waren unsäglich traurig . Die Gräfin , von einer Gemütskrankheit ergriffen , war langsam hingesiecht . Immer teilnahmsloser , immer schattenhafter wandelte sie stundenlang im Sommer durch den Garten , im Winter durch die Zimmer und durch die Gänge , blieb manchmal horchend an einer Tür stehen , machte eine Gebärde des Entsetzens und trat ihre Wanderungen stumm und rastlos wieder an . Die ersten Symptome des Leidens sollten durch einen heftigen Schrecken hervorgerufen worden sein , dessen Veranlassung niemand in Marias Umgebung kennen wollte . Sie zweifelte nicht , daß ein Geheimnis da verborgen liege , und ließ nicht nach in ihrem leidenschaftlichen Eifer , es zu entdecken . Ganz besonders wurde ihre ehemalige Kinderfrau , die mit unbegrenzter und sklavischer Liebe an ihr hing , mit Fragen von ihr bestürmt . » Sag es mir , Lisette , geh , sag es mir « , hatte sie einst gefleht und , so geizig sie mit ihren Zärtlichkeiten war , ihren Arm um den Hals der Getreuen geschlungen . » Wenn du mich liebhast , sagst du ' s gleich , in dieser Minute ... Wenn du es nicht sagst , dann weiß ich , daß dir nichts an mir liegt . « Lisette sank in sich zusammen . Ratlos und verzweifelt starrten ihre grauen Augen ins Leere , ihre Wangen wurden fahl , und ihre Lippen bebten . » Wär ich doch tot « , jammerte sie , » daß mich das Kind nicht mehr fragen könnt . « - Tot ? - Maria trat weg von ihr und senkte den Kopf . Lisette hatte sich den Tod gewünscht . Sie , die nicht von ihm reden hören konnte , die in jedem , der ihn nur nannte , ihren Feind sah , die das Leben als das höchste aller Güter schätzte , noch soviel von ihm erwartete , die tanzen wollte auf der Hochzeit Marias und Kinder des Kindes heranziehen , alle - und wenn ihrer zwölfe wären ! ... Lisette hatte sich den Tod gewünscht ! Das junge Mädchen war tief ergriffen und mußte Tränen niederkämpfen , um laut und vernehmlich sagen zu können : » Ich werde dich nie wieder fragen . « Maria hatte Wort gehalten . - Seitdem waren sechs Jahre vergangen . 2 Der Vorhang des Nebenzimmers war mit leiser Hand zurückgeschoben worden , Lisette erschien am Eingang und ihre sanfte , unterwürfige Stimme sprach : » Maria , Kind , darf ich herein ? « » Du bist noch auf ? « lautete die vorwurfsvolle Erwiderung , und Lisette entschuldigte sich : » Hatte schon Nacht gemacht , schon längst . Aber du weißt , daß ich nicht einschlafen kann , bevor ich deinen Wagen ins Haus rollen höre . « » Wie lächerlich « , versetzte Maria , wandte sich ab und nahm Platz in einem Fauteuil . Lisette stützte , nähertretend , den Arm auf dessen Lehne : » Kann früher nicht einschlafen . Und dann muß die Klara kommen und mir berichten - weh ihr , wenn sie das einmal versäumen würde ! - , sie ist da und lustig und guter Dinge . Heut jedoch hör ich : Sie hat traurig ausgesehen ... « » Spionage ! « fiel ihr Maria ins Wort . » Nenn ' s wie du willst , das ist mir gleich ; nur glaube nicht , daß du daran etwas ändern kannst . - Also traurig ist das Kind ? Ja , ja , ich seh ' s. « Ihr Ton wurde tief schmerzlich , in ihrem kleinen , spitznasigen Gesichte malte sich eine peinvolle Bangigkeit . » Was ist denn geschehen ? « » Ach , Lisette , ich bitte dich , mach keine Geschichten . Was soll mir geschehen sein ? - Ich bin verstimmt , ja , aber aus einem Grunde , der dir keine Sorgen machen wird . « » Wollen erst sehen . - Sprich , mein Vogerl , sprich , damit ich beruhigt zu Bett gehen kann . « Maria erhob den Kopf und sah der Dienerin , die sich zu ihr herabneigte , fest und streng in die Augen : » Die Menschen , die eine eiskalte Nacht wie diese im Freien zubringen und hungernd und frierend die Straßen fegen werden - die tun mir leid . « Lisette bäumte sich lachend zurück . » Nein , das Kind ! - Nein , das ist zu arg . Die Leute , die Gott danken für den Schnee , den er vom Himmel fallen läßt , damit sie Arbeit kriegen , die sich nichts anderes wünschen als Arbeit , von klein auf nichts anderes gewohnt sind als Arbeit , die bedauerst du ! « Sie wurde in dem Lobgesang , den sie nun auf Marias » goldenes Engelsherz « zu erheben begann , unterbrochen . Im Hofe , nach dem die Fenster der Komtessenwohnung gingen , war es laut geworden . Pferdegetrappel ließ sich hören , die Portiersglocke gab das Herrenzeichen . Lisette verabschiedete sich , und Maria ging ihrem Vater bis an die Schwelle entgegen ; sie begrüßten einander mit einem Händedruck . » Guten Morgen und guten Abend « , sprach Maria . » Ich wollte nachmittags einen Augenblick zu dir , aber Walter sagte , du habest Besuch . « » Dornach war bei mir und blieb so lange , daß ich kaum Zeit gehabt habe , Toilette zu machen zum Diner . « » Bei ? « » Bei Fürstin Alma . « » War ' s schön ? « » Kannst dir ' s denken . Dreißig Personen , dreißig Grade und dreißig Gänge . « » Du übertreibst , wie immer , wenn es sich um ein Fest bei Alma handelt . Sie kann tun oder lassen , was sie will , du tadelst alles . Und ich weiß , wie peinlich ihr das ist und wie großen Wert sie auf dein Urteil legt . « Mit diesen Worten stellte Maria eine Tasse Tee vor den Grafen hin , der sich in einen Lehnstuhl neben dem Tische niedergelassen hatte . Er warf einen seltsamen , fast drohenden Blick auf sie , senkte ihn aber rasch , als er in den Zügen seiner Tochter der völligsten Unbefangenheit begegnete . Wolfsberg galt noch jetzt , da er sich in der zweiten Hälfte der Vierzig befand , für einen den Frauen gefährlichen Mann . Er war mittelgroß , von schlanker und geschmeidiger Gestalt , ein berühmter Reiter und Jäger . Einer gewissen kühlen und würdevollen Zurückhaltung in seinem Wesen verdankte er den Ruf großer Verläßlichkeit , der ihm zahlreiche Freunde erwarb . Seine Erziehung hatte er , früh verwaist , in Deutschland , bei Verwandten seiner verstorbenen Mutter , im Sinne des Wortes - genossen . Mit einer außerordentlichen Bildungsfähigkeit begabt , war er mühelos ein guter Student gewesen , und es blieb auch später sein Ehrgeiz , jeden seiner Erfolge für einen spielend errungenen gelten zu lassen . » Ich nehme das Leben nicht ernst « , sagte er oft und machte dazu eine beinahe finstere Miene . Eines aber gab es in diesem Leben , das er dennoch ernst nahm , und das war seine Tochter und das Glück , das er ihr bereiten wollte in Gegenwart und Zukunft . » Maria « , begann er , » es hat sich heute jemand um die Erlaubnis bei mir beworben , unser Haus besuchen zu dürfen . Du wirst wohl erraten wer ? « Sie lächelte ihn freudig an : » Felix Tessin . « » Tessin ? - du scherzest . « » Es war nicht meine Absicht « , erwiderte Maria und senkte bestürzt die Augen . » Wie ? Du könntest glauben , daß ich Tessin angehört hätte , wenn er mir mit einer solchen Zumutung gekommen wäre ? « » Warum nicht ? « fragte sie zögernd , und ihr Vater antwortete mit der offenbaren Absicht , sich nicht in Erörterungen einzulassen : » Du solltest wissen , was ich von ihm halte . « » Nun , recht viel . - Ein so geistvoller , begabter Mensch , dem du selbst eine schöne Zukunft voraussagst . « » Das heißt , ich glaube , daß er so ziemlich alles erreichen dürfte , was er anstrebt . Er ist ehrgeizig und klug , jagt hohen , aber nicht unerreichbaren Zielen nach und kann um so leichter ankommen , da er sich wenig Skrupel macht in der Wahl seiner Mittel . « » Vater ! « » Nun ? « » Das wäre ja schrecklich . « Er zuckte die Achseln . » Tessin hält sich gewiß , wie heutzutage so mancher , für einen , der jenseits von Gut und Böse steht . Ein so ungewöhnlicher Mensch , so bezaubernd in seiner dunkeln Manfred-Schönheit , so verwöhnt von den Frauen . « Der Graf sprach gelassen und spöttisch , ohne daß es im geringsten schien , als ob er seine Tochter beobachte , und las doch in ihren bewegten Zügen , was ihn peinlich überraschte - daß er ein wenig spät kam mit seiner Warnung . Es galt mehr , als einen flüchtigen Eindruck verwischen , es galt eine Empfindung entwurzeln , weh tun . Den Ellbogen auf den Tisch und die Hand an Stirne und Wange lehnend , fuhr er ernsthaft fort : » Wenn Tessin nicht ein Verwandter - « der Freundin deiner Mutter , wollte er sagen , brachte es aber nicht über die Lippen , » der Fürstin Alma wäre , hätte ich verhütet , daß er dir vorgestellt werde . Indessen hat sie es mir schwer genug gemacht , ihn , außer bei offiziellen Empfängen , von denen ich einen Botschaftsrat nicht ausschließen kann , von meinem Hause fernzuhalten . Die gute Fürstin wird eine Schwäche für ihn nicht los ; sie vergißt nie , daß sie sein Jugendtraum gewesen ist , seine erste und letzte ideale Liebe . « » Vor ihrer Verheiratung ; ich habe davon gehört . « » Vorher - nachher . Was hätte er darum gegeben , an der Stelle seines älteren Vetters , des Fürsten Tessin , zu sein , der die Braut heimführte . - Es dauerte eine Weile , bis er das zwecklose Schmachten satt bekam und eine praktische Richtung im Leben und in der Liebe einschlug . Und heute können seine Huldigungen ein junges Mädchen nicht mehr stolz machen . Sie teilt sich darein mit Persönlichkeiten , mit denen sie gewiß nichts gemein haben möchte . « » Zum Beispiel ? « fragte Maria erstickten Tones , und ihr Vater spöttelte : » Nein wirklich , ich bekomme Respekt vor den Komtessensoireen . Man klatscht ja dort nicht mehr , kümmert sich nicht mehr um das Tun und Lassen der jungen Herren . Schade um ihre schönsten dummen Streiche , sie machen keinen Effekt . Was wissen denn die Komtessen , wenn sie nichts wissen von Mademoiselle Nicolette , dem Stern der ersten Quadrille ? « Maria war sehr blaß gewesen , jetzt färbten sich ihre Wangen : » Doch - sie wissen viel und schwatzen noch mehr von ihr und vom Grafen ... Ich höre aber nicht zu , wenn jemandem übel nachgeredet wird ... du hast mich das gelehrt . « Sie versuchte einen scherzenden Ton anzunehmen , es gelang ihr nicht , es war zu schwer . Sie hätte weinen und schluchzen mögen . Der Graf sah es , und es tat ihm leid , von einer schwächlichen Regung jedoch hielt er sich frei . Es mußte sein , mit dieser Neigung mußte sie fertigwerden . Auch ohne den entscheidenden Grund , der ihr unbekannt bleiben mußte , würde Wolfsberg eine Heirat zwischen Maria und dem leichtfertigen Tessin nie gestattet haben . Und so versetzte er : » Die üble Nachrede trifft auch manchmal das Richtige . « Ein schwerer Seufzer stieg aus der Brust Marias . » Du tust ihm vielleicht Unrecht « , wagte sie einzuwenden . » Er ist unwahr und gewissenlos - unterbrich mich nicht - ich spreche von jener Gewissenlosigkeit , die sich von der des Falschspielers oder des Diebes unterscheidet wie das Ungreifbare vom Greifbaren ... Genug . « Er wandte sich ihr plötzlich zu und sah sie an : » Du hast schlecht geraten . Der mich bat , ihm Gelegenheit zu geben , von dir gekannt zu werden - denn dich zu kennen , behauptet er - , ist Hermann Dornach . « Sie biß sich auf die Lippen . » Welche Ehre ! Und was hast du ihm geantwortet ? « » Daß ich mit dir reden und ihm dann Bescheid geben will . Er wird bejahend lauten , wenn du Rücksicht nimmst auf das , was ich wünsche . Du verbindest dich damit zu nichts . Ich verlange nur : beobachte ihn , prüfe dich . Er wird deine Achtung gewinnen , aber die Sympathie allein gibt den Ausschlag , und - da stehen wir an der Grenze unseres freien Willens . Der Verstand sagt , der klare Blick sieht , hier ist ein Mensch , so vortrefflich , daß eine brave Frau mit ihm glücklich werden muß . Es ist kaum anders möglich , als daß ihre Freundschaft und Hochschätzung für ihn sich allmählich zur Liebe und Begeisterung steigert . Und dort ist ein anderer , an dessen Seite sie Enttäuschung auf Enttäuschung zu erwarten hat . Sie wird gewarnt , ahnt wohl selbst etwas davon - was hilft ' s ? - Ein dunkler Instinkt bleibt der Herr . Das Echte läßt sie gleichgültig , und unwiderstehlich fühlt sie sich zum Falschen hingezogen . « » Unwiderstehlich ? « Trotz und Zorn funkelten aus Marias Blicken . » Wenn du das auf mich anwendest , kennst du mich nicht . « » Hoho ! « sprach er , sehr zufrieden mit dem hervorgebrachten Eindruck . » Da bleibt mir nichts übrig , als mich zu entschuldigen . Aber das möchte ich wissen - ob du nie ausgelacht worden bist , wenn du die Verteidigung Mademoiselle Nicolettes und ihres Gönners übernahmst ? « - Er ersparte ihr die Antwort , die sie mühsam vorzubringen suchte . » Und dann , warum hast du gesagt : Welche Ehre ! als ich dir die Botschaft Dornachs bestellte ? « » Weil alle Welt es dafür ansehen würde . Es ist ja unglaublich , wie sie es mit ihm treiben . Die Papas und Mamas machen dem jungen Manne den Hof ... Oh , wenn sie ihm die Töchter buchstäblich an den Kopf werfen könnten - da sähe man Komtessen fliegen ! ... Und die überbieten noch die Taktlosigkeit der Eltern , ihm und seinem zweiten Ich , seiner Mutter gegenüber ... Ich schäme mich für die anderen ... Das alles ist so empörend und für Dornach so demütigend , weil es so unpersönlich ist und nur seinem Rang und seinem Reichtum gilt . « Sie ereiferte sich und sprach mit einer Heftigkeit , die außer Verhältnis zu deren scheinbarem Grunde stand . Peinlich berührt , lenkte der Graf das Gespräch ab und brachte es erst später auf den Freier zurück , der , wie es bei ihm feststand , sein Schwiegersohn werden sollte . Als er sie verlassen hatte , ging Maria zu Bette und konnte zum ersten Male in ihrem Leben nicht sogleich einschlafen . Jedes Wort über Tessin , das ihr Vater gesprochen hatte , klang schmerzhaft in ihrer Seele nach . Die Erinnerung an alles wurde lebendig , das Maria ein tolles Geschwätz genannt und dem sie ihr Ohr verschlossen hatte . Nun aber wußte sie , die Menschen , die von ihr der Verleumdung angeklagt worden , die hatten recht , und ihr Vater hatte recht und sie allein unrecht mit ihrer törichten Glaubensseligkeit , mit ihrer übel angebrachten Bewunderung Tessins , mit ihrem Stolz auf sein ritterliches Werben ... Guter Gott , das war so unpersönlich wie die dem Grafen Dornach dargebrachten Huldigungen . Ein ehrgeiziger Diplomat , ein praktischer Mann hatte gewünscht , der Schwiegersohn des Grafen Wolfsberg zu werden , und die dazu unerläßlichen Schritte mit liebenswürdiger Formgewandtheit unternommen ... Das Herz war bei dem Geschäfte nicht im Spiele - wäre auch nicht zu vergeben gewesen , es befand sich bereits in anderweitigem Besitz . Ein Schwall von neuen Empfindungen brach über Maria herein . Sie war die Beute von etwas Fremdartigem und Unschönem , dem sie sich entreißen wollte , und wollen konnte sie noch , das sollte ihr Vater sehen - ihr Vater und noch ein anderer ... Ihre Lider wurden schwer und schlossen sich . Ein Augenblick der Betäubung , dann fuhr sie auf ... Ob sie jetzt wußte , was es heißt : hassen ? ... Nein , nein ... sie fühlte nur ein tiefes Bedauern , wie wenn ihr ein Herrliches und Schönes , an dem ihr das Herz gehangen hatte , verunstaltet worden wäre . Er , den sie hoch über alle Menschen gestellt , unwahr und gewissenlos ! Sie hörte noch vom Turme der nächsten Kirche zwei Uhr schlagen , dann schlief sie ein und träumte , Tessin trete als Schneeschaufler verkleidet an ihr Bett , präsentiere mit dem Besen und engagiere sie zum Kotillon . Sie folgte ihm durch den Ballsaal und schämte sich ihrer Nachttoilette und ihrer nackten Füße . Auch ihres Tänzers schämte sie sich , der in einem fort grinste und der wirkliche Schneeschaufler war . Und wie sie ihn jetzt so recht ins Auge faßte , entdeckte sie etwas Merkwürdiges . Der zerlumpte Mensch erinnerte an ihren Vater , er hatte wie jener die breite Stirn , die dichten , zusammengewachsenen Brauen . Maria neigte sich zu ihm