Conradi , Hermann Adam Mensch www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Herman Conradi Adam Mensch » Sünde ist das Vergehen wider das Gesetz der Zukunft . « Oskar Hänichen . Laß fahren , was dich traurig macht , Und was die Enge dir geboren - : In dieser großen Freudennacht Bleibt dir dein Genius unverloren Wir leben , mein geliebtes Weib - Und unser Leben athmet Fülle - : Der Dinge unverstand ' ne Fülle Fiel ab vom nackten Gottesleib . Oskar Hänichen zugeeignet . Von einem Grabe komm ' ich her . - Du weißt , Mein lieber Freund - : von welchem Grabe - Du weißt - : wie viele Träume , wie viel Glück - Wie viele Vergangenheit ich da begraben habe ... Von des vergessens Fluth unüberspült Mahnt dieser Hügel noch im fernen Süden - Da wir so groß gelebt , so stark gefühlt , So heiß gekämpft um uns ' res Willens Frieden . Ob wir ihn fanden - ? Nun , mein lieber Freund - Wir lächeln schmerzlich - doch wir lächeln eben - Wir sind allein - wir haben nur noch uns - So bleiben wir Zusammen für das Leben ... Der Regen klatscht an meine Fensterscheiben - In ' s Nordland wieder wurden wir verbannt - Getrost mein Freund ! wir werden südwärts treiben In uns ' rer Sehnsucht - uns ' res Sieges Land ! Ein Grab zu hüten gilt ' s. Mit weißen Kerzen Hat ' s unterweil der junge Lenz geschmückt - Für das Unsterbliche verglüh ' n die Kerzen - Mit rothem Blut getauft der tiefsten Schmerzen Ward uns der Geist , der Zukunftsfrüchte pflückt . - I. Es gab gerade die Zeit um die vierte und fünfte Nachmittagsstunde an einem Märztage . Der Wirth vom Café Caesar stand hinter dem Buffet und zählte Geld . Das Klimpern und Klirren der Metallstücke klang deutlich zu dem Tische herüber , an dem Herr Dr. Adam Mensch und Herr Referendar Clemens von Bodenburg saßen . Bodenburg zog sich jetzt hinter den Figaro zurück . Nur ein Paar Gäste noch lebten da und dort im Lokal herum . Der Verkehr war im Ganzen geringfügig um diese Stunde . Adam Mensch trank den letzten Schluck seines cognacgemischten Kaffees aus und rückte seiner Börse auf den Leib . » Kellner ! « » Herr Doctor ! « » Bitte zahlen ! « » Jawohl ! « Der Kellner kam herangelaufen . » Ein Kaffee - schwarz - und einen Cognac - « » Vierzig Pfennige ! « Adam gab einen Fünfziger hin : » Bitte ! « » Danke sehr ! « Der Kellner raffte die Zeitungen zusammen , die auf dem Tische und den nächsten Stühlen herumlagen , bückte sich nach einem Journal , das ihm entglitten war , und schleppte die papierne Bürde von dannen . Adam Mensch stand auf , fuhr sich mit der linken , etwas fieberfrostrothen Hand über Stirn und Haar und griff mit einer Bewegung , die nicht ganz frei von Pose war , nach seinem Ueberzieher . Der Kellner , der sich seiner Zeitungen entledigt hatte und eben um das Buffet bog , stürzte wieder auf Adam zu , um ihm beim Anlegen behülflich zu sein . » Danke ! « » Bitte ! « Da that sich die Thür des Café ' s auf und eine Dame trat herein , machte ein paar Schritte , blieb sodann stehen , wurde etwas verlegen , etwas roth , sah sich fragend um , ging noch einen Schritt weiter - und blieb wiederum stehen . Das Buffet war jetzt leer , der Wirth zufällig abwesend . Nun tauchte vom hinteren Raume des Café ' s der Zeitungskellner , ein kleiner , beweglicher Gesell mit einem angenehm verkniffenen Gesicht , auf . Er trug eine Zeitung in der Hand , die er der Dame übergab . Diese drehte sich , ohne ein Wort zu sagen , um und verließ mit nicht ganz sicherem Schritt das Lokal . Adam bemerkte , wie sie von den Blicken der meisten Gäste zuvorkommend hinausbegleitet wurde . Auch Herr von Bodenburg hatte seinen breitblättrigen Figaro sinken lassen . » Ganz niedliches Kind ! « urtheilte er schmunzelnd . » Wer ist die Dame eigentlich - ? « fragte Adam den Kellner , der noch immer in seiner Nähe stand und natürlich an der allgemeinen Aeugelei theilgenommen hatte . » Ich habe sie schon mehrere Male um diese Zeit hier gesehen « , fuhr der Herr Doctor fort . » Ich glaube , Fräulein Irmer heißt sie - sie holt immer die Volkszeitung für ihren Vater - der hat nachabonnirt « , berichtete der Kellner . » So ! Danke schön ! Adieu , Herr von Bodenburg ! « » Adieu , Herr Doctor ! « Adam Mensch ging langsam hinaus , Herr von Bodenburg sah ihm nach und schüttelte den Kopf . » Sonderbarer Kerl ! « murmelte er . » Kellner , nehmen Sie das Schachbrett weg und bringen Sie mir noch - ach ja ! ich wollte ja einmal Ihren Absynth probiren - also bitte ! ... « rief der wackere Herr Referendar sodann laut . » Ja wohl - ! « - Adam hatte vor dem Café nach rechts und links ausgeschaut , um die Spur von Fräulein Irmer - » ja ja ! so hieß sie doch - ? hatte der Kellner nicht diesen Namen genannt ? « - wiederzufinden . Richtig ! Da drüben ging sie . Nud jetzt bog sie um die Ecke . Sollte er ihr folgen ? Aber warum ? Hatte er einen Grund dazu - ? Ließ er sich , indem er diesem spontanen Bedürfnisse nachgab und dasselbe in einen bewußten Willensakt umsetzte , nur von einer zufälligen Stimmung , einer ersten besten Laune leiten ? Wollte er sich zerstreuen , auf andere Gedanken kommen , sich den stechenden Schmerz in den Schläfen vergessen machen ? Oder reizte ihn irgend Etwas an diesem Weibe , das er schon öfter im Café Caesar gesehen ... dessen aufgereckte Gestalt mit ihrer reservirten Halbfülle seinem Auge wohlgethan ? War ihm dieses bleiche Gesicht mit der sonderbaren Kreuzung im Ausdruck , wenn seine ursprüngliche Herbheit und abweisende Strenge sich mit der momentanen Verlegenheit , Scheu und Unsicherheit paarten - war es ihm » anziehend « ? Adam war noch nicht zu einem transparenten Ergebnisse gelangt , als er sich schon über den Fahrdamm schreiten und die Richtung nach jener einmündenden Straße nehmen sah , um deren Ecke Fräulein Irmer soeben verschwunden war . Einige Minuten später hatte der grübelnde Herr Doctor die Dame dicht vor sich . Fräulein Irmer ging langsam , einförmig , beinahe schwerfällig . Sie wandte sich nicht nach rechts noch nach links , gerade aufgerichtet trug sie den Kopf und mußte , wie Adam aus ihrer Haltung schloß , stets in der Richtung ihres Weges vor sich hinstarren - und doch über all ' die Menschen , die vor ihr hergingen oder ihr begegneten , hinwegsehen , unberührt von den lärmenden , zuckenden Schatten , mit denen das unstäte Leben sie umgab . Adam Mensch imponirte diese Theilnahmlosigkeit immerhin ein Wenig . Und sie imponirte ihm vor allem darum , weil seine eigene , sehr nervöse und unruhige Natur sich von Jedwedem in Anspruch nehmen ließ , was auf sie eindrängte , auf Alles eingehen mußte , was um sie herum athmete , lebte und sprach . Nun fiel es ihm gerade ein , sich der Dame einmal bemerklich zu machen . Er ging hart an ihr vorüber , sah sie scharf von der Seite an und schritt ihr dann voraus . Jetzt blieb er vor dem Schaufenster eines großen Delicatessengeschäftes stehen und wandte sich auffällig um , als er annehmen konnte , daß Fräulein Irmer in seiner Nähe war . Er fixirte sie scharf und suchte ihr Auge festzuhalten . Die Dame streifte ihn mit einem kurzen Blicke und sah dann über ihn hinweg . Das ärgerte den Herrn Doctor ein Wenig . Er hielt sich jetzt in ihrer intimen Nähe und folgte ihr dicht auf den Sohlen . Fräulein Irmer wurde augenscheinlich unruhig . Der Kopf senkte sich und drehte sich in kurzen , harten Bewegungen , bald nach links , bald nach rechts . Sie hatte begonnen , von ihrem Begleiter Notiz zu nehmen . Die Dämmerung wuchs . Die Schatten der auseinanderquellenden Nacht fielen dichter und dunkler . Jetzt flammten die ersten Laternen auf . Eine Buchhandlung lag am Wege . Fräulein Irmer trat in den Laden , Adam Mensch folgte ihr nach einigen Secunden . Er hörte , wie sich die Dame mit etwas belegt-ansgefranster Stimme Eugen Dühring ' s » Werth des Lebens « ausbat . Ihr Gesicht trug wieder denselben Doppelausdruck , den es im Café Caesar anzunehmen pflegte . Adam bestellte flugs ein Exemplar desselben Werkes . Das mußte doch auffallen . Und es schien auch Fräulein Irmer aufzufallen . Sie wandte sich zu ihrem Nachbar um , schlug die braunen ernsten Augen groß auf ... und fragte mit ihnen eine stumme , tiefe Frage , auf die Adam nur eine gleiche , stumme Antwort wußte , die für ihn plötzlich nicht minder tiefen Inhalts war . Das Werk fand sich natürlich nicht auf Lager . Der Gehilfe erbat sich die Adressen und versprach die Exemplare in spätestens acht Tagen besorgt zu haben . » Hedwig Irmer - oder senden sie das Buch bitte direct an meinen Vater : Dr. Leonhard Irmer , Herderstraße 7 III ... « » Danke verbindlichst , mein gnädiges Fräulein - soll geschehen ! Und Sie , mein Herr - ? « » Dr. Adam Mensch , Gartenstraße 14 II ... « Der Herr Doctor erhielt jetzt zwei verwunderte Blicke . Dem Gehilfen schien ein Mensch , der Adam Mensch heißen könnte , bisher unmöglich gewesen zu sein . Auch Fräulein Irmer war betroffen . Adam gab ihren Blick mit einem diskret-ironischen Lächeln zurück . Die Dame wurde vorwiegend verlegen . Nun wandten sich die beiden zum Gehen . Adam öffnete die Thür und ließ das gnädige Fräulein zuerst hinaustreten . Dann folgte er schnell . Er konstatirte , daß seine Nervenschmerzen nachgelassen hatten . » Man muß nur einmal in einer fremden Atmosphäre herumvagabundiren und dem ehrenwerten Corpus ein wenig Abwechslung gönnen : dann machts sich schon - « monologisirte er still vor sich hin . Instinctiv hatte er Fräulein Irmers Spur , wieder aufgenommen . Aber er war doch zweifelhaft . Sollte er noch weiter hinter der Dame hertrollen , wie ein zitternder Gymnasiast hinter seiner in sich hineinkichernden Poussade , hinter seiner » Flamme « - oder sollte er ihr seine » Begleitung anbieten « - oder sollte er wieder umkehren und ruhig nach Hause stapfen - ? Was hatte dieses närrische Nachlaufen für Sinn ! Uebrigens - die Adresse wußte er ja , wenn er also - - » Herderstraße 7 III. « - - ja ! ja ! - ach was ! - » wenn er « - Unsinn ! - Aber Adam ging noch immer dicht hinter der Dame . Man war allmählich in einen stilleren Stadttheil gekommen . Plötzlich fand sich Adam an der Seite Fräulein Irmers vor ! Er stutzte einen Moment , verstand sich nicht und ... fragte schließlich , indem er etwas linkisch und rathlos den Hut zog : » Erlauben Sie , mein gnädiges Fräulein , daß ich Sie - « Keine Antwort . » Verzeihen Sie , mein Fräulein - aber Sie werden unschwer - - « » Ich verstehe Sie nicht , mein Herr ! Was wollen Sie ? - Verlassen Sie mich ! - « » Mein Fräulein - ! « » Noch einmal - verlassen Sie mich - ich ersuche Sie dringend - oder ... « Adam war plötzlich sehr selbstbewußt und trotzig geworden . Er betippte nachlässig seinen Hut , wandte sich ab , ging einige Schritte zurück , stampfte einmal recht erbittert aufs Pflaster und lachte sehr indignirt . Was nun ? Er drehte sich noch einmal um . Und es dünkte ihn , als ob Fräulein Irmer recht langsam ginge - zudem - zudem noch gar nicht so besonders weit entfernt von ihm wäre - sollte sie doch - sollte er - - aber nein ! - nichts da ! - Unsinn ! - - - Adam schob sich entschlossen wieder um und wanderte nach Hause . Nach einer halben Stunde stieg er die Treppen zu seiner Wohnung empor . Die Glieder waren ihm schwer und die Schläfen schmerzten wieder heftiger . Und es fiel ihm ein , daß man doch im Grunde kaum Herr seiner Handlungen ist . Plötzlich , im wahren Sinne » unvorbereitet , « hatte er vor einer kleinen Weile vor Fräulein Irmer gestanden . Wie war er an ihre Seite gekommen ? Urtheil - Vorstellung - Willensimpuls - Coordinationscentren - Muskelcontraction - - - Alles Blech ! Adam wußte nur , daß man einmal ebenso » unvorbereitet « eine ... Waffe in der Hand haben könnte - - und daß man unter Umständen schon nicht mehr sein könnte , ehe man es überhaupt bewußt gewollt hatte . Aber ... aber aus dem Leben gehen , ohne ... Hedwig Irmer - hm ! - ohne ! - ja ! was denn : » ohne ? « - ohne - ohne ! ... Diese beleidigte Schöne ! Sie einmal küssen - ? » Küssen « ? Pah ! Zu geschmacklos ! Aber ah ! eigentlich stand er doch noch sehr fest im Leben , noch so mitten darin ! Und wie sicher er mit beiden Füßen noch auftrat ! Wie ihm aus der engen Zone seiner Augenblicksphantasieen heraus das Leben doch noch so ... so ... lebenswerth erschien ! Herr Gott ! Und nur , weil er heute dieses Weib - dummes Zeug ! Er hatte wahrhaftig Ernsteres zu thun , als immer wieder auf derartige U.-S.-W.-Weiblichkeiten ' reinzufallen . - Grauschwarze Dämmerungsflocken lagen im Zimmer . Es pochte . Die Wirthin erschien , die flammende Lampe in der Hand . Nach einer kleinen Frist : - » Sie sehen recht blaß aus , Herr Doctor - « » Hm ! « - II. Wie einer seiner Vorfahren eigentlich dazu gekommen war , sich schlechtweg » Mensch « zu nennen oder zu einem derartigen Besonderheitsmenschen sich ernennen zu lassen , hatte Adam wirklich nicht ergraben und ergründen können . Ja ! Er hatte sich alle Mühe gegeben , sotanes Geheimniß zu entlarven , und manche Stunde war darüber vergrübelt worden . Uebrigens gefiel ihm sein Familienname , dieser Name , der das Moment des Typischen und des Individuellen so intim vereinigte , der ebenso originell und tiefsinnig , wie gewöhnlich , oberflächlich und trivial war , gar nicht übel . Und nicht übel paßte objectiv und behagte seinem Besitzer auch subjectiv der Vorname Adam - » Adam Mensch « : eine originelle Idee seines Vaters war es doch gewesen , die Familienüberlieferung , nach welcher jeder Erstgeborene den Vornamen Gottfried erhalten sollte , zu durchbrechen und seinen Erstling » Adam « zu taufen ! Manchmal war der Name seinem Träger allerdings mehr eine Last , denn eine Lust gewesen : zu den Zeiten , da er die Volksschule seiner kleinen Vaterstadt besucht und mit Kameraden auf einer Bank hatte sitzen müssen , die an sich wohl auch so etwas Aehnliches , wie ... wie Menschen eben gewesen waren , sonst aber nur Richter , Schneider , Gernegroß , Potschappel - und zuweilen selbst Müller und Schulze geheißen hatten . Da hatte denn sein Name den Fisch abgegeben , nach dem die wühlende Bubensippschaft die Angeln ihres tölpelnden Nörgelns ausgeworfen . Das hakt sich fest in der Seele dessen , der früh von der großen , breiten Durchschnittsstraße abzubiegen beginnt ... oder , wenn in jungen Jahren auch noch nicht wirklich abbiegt , so sich doch schon mehr und mehr an die Ränder der Straße schlängelt , auf daß er dem Nebendickicht näher sei und besser und deutlicher einen schmalen Einzelpfad durch die wuchernde Wildniß für sich erspähe . Adam war in engen , drückenden , rohen Verhältnissen aufgewachsen . Sein Vater , Gottfried Mensch , hatte einen Bäckermeister vorgestellt . Ein Mann , verschwommen an Leib und Geist , eigenwillig , aufbrausend , unstät in Stimmungs- und Willensgegensätzen lebend , von schnurrigen Einfällen behaftet , nicht ohne eine gewisse Eigenart und Kraft , aber ohne die Sicherheit , ohne die Lebensgarantie der Beschränktheit . Er hatte sich in seiner Natur ausgelebt - das heißt : er hatte nach Welt und Menschen nicht viel gefragt und nur dem bunten Bündel seiner Neigungsströme gefröhnt . Dabei war das Geschäft natürlich heruntergekommen - und unbewußt , naturgemäßig-nothwendig , im Besitze des Muthes , Alles gehen zu lassen , wie es geht , und dem ökonomischen Verderbensmoloch ruhig seine Giftzähne zu lassen , hatte sich Meister Gottfried Mensch immermehr an den Alkohol angeschlossen , welcher ihm allerdings weniger Tröster war , als ein guter Kamerad , der Feuer in die Seele goß und wirbelnde Phantasie ' n gebar . Und eines Tages war dann das Delirium gekommen . Die Krämpfe und Wuthausbrüche wuchsen an Oftheit und Stärke , aber es trat auch nicht allzuspät der Gehirnschlag ein , der den Rasenden eines Abends ausblies . Adams Mutter hatte sich die Kehlkopfschwindsucht anschaffen müssen . Vier Kinder waren da : zwei Knaben und zwei Mädchen . Die Brut war nicht gesund . Adam mußte sich in späteren Jahren noch öfter sattsam wundern , daß er alle die Plackereien und Quälereien , die er hatte auf sich nehmen müssen , ausgehalten , wenigstens einigermaßen ausgehalten . Nun ja doch ! Brüchig und in sich mannigfach auseinandergekeilt war er schon längst . Das Leben hatte ihm kein Stück gesunder Krafterde hingeschoben , auf daß er fest in sie hineinwurzele und aus ihr heraus drangvoll und säftereich treibe . Das war sein ganzes Leben lang nur ein loses Wurzelhängen gewesen . Von seinem achten , neunten , zehnten Jahre bis zu dem neunundzwanzigsten , in dem er nun stand ... und das vielleicht noch nicht das letzte war , dessen Ring er sich eingrub . Nach dem Tode des Vaters hatte der Bäckergeselle Karl Salge den Kopf ordentlich in die Höhe gereckt und sich an ' s Meisterspielen gemacht . Das Geschäft versuchte wieder einen kleinen Lebensaufschwung . Dafür war denn die Meisterin dankbar gewesen ... und hatte in einer Stunde der Freude , Hoffnung und Seelenschwäche dem drängenden Gesellen ihre Hand zugesagt . Die Hochzeit war auch eines Tages still , glanzlos , verschämt gefeiert - und Herr Salge somit Meister und Besitzer einer Bäckerei geworden , die ihm , dem bisher armen Burschen , doch immerhin eine gewisse Würde gab und ein bewußteres Auftreten gestattete . Ueberdies war ja die Meisterin todtkrank ... ihr Lichtlein brenzelte , zuckte und knarrte schon leise ... lange konnte es nicht mehr brennen ... Eines Tages erlosch es denn auch , und Herr Salge , der wacker gearbeitet hatte und dem es auch gelungen war , seine Waare wieder mehr zu Ehre und Ansehen zu bringen , heirathete seine Dienstmagd , mit der er sich schon vorher eingelassen hatte , und die sich eine nicht ganz kümmrige Summe aus ihren früheren Dienstschaften zusammengespart . Die Stiefkinder kamen natürlich früh aus dem Hause . Die Mädchen mußten sich nach ihrer Einsegnung bald nach auswärts verdingen , Gustav wurde zum Nachbar Schlächter in die Lehre gethan : er konnte ja vielleicht dasselbe Glück haben , wie sein Stiefvater . Adams nahm sich , als die Zeit dazu gekommen war , einer seiner Lehrer an und verschaffte ihm einen Platz im Gymnasial-Alumnat der nächsten größeren Provinzialstadt : in dem Jungen schien etwas Mehr zu stecken , als in seinen Geschwistern ... und des Experiments , das nothwendig war , um seine etwaigen Fähigkeiten an ' s helle Licht der Sonne zu befördern , war er ja immerhin werth ! Hieß er doch nicht nur Mensch , noch dazu Adam Mensch - war er doch schließlich auch ein Mensch und bot als solcher fürtreffliche Gelegenheit , christliche Nächstenliebe getreu nach dem Evangelium zu üben . Und nun kam die lange , drückende , ausmergelnde Leidenszeit Adams . Wie engten ihn die Schulwände ein ! Wie gaben sie ihm so blutwenig Luft und Licht und Freiheit und Wind ! Wie langsam schleppten sich die Jahre hin - und wie viel Fleisch von todten , crepirten Fischen wurde ihm als Geistesspeise zum Hinunterschlingen vorgesetzt ! Wie oft mußte er sich verleugnen , sich demüthigen , zu Kreuze kriechen , um die Brosamen nicht zu verlieren , die man ihm bewilligt hatte - und die man ihm Jahre lang so gern und so freudig gab ! Aber die Stunde , da dieses Zusammenleben mit dem Buchstabendogma der Kirchenlehrer , dieses Erkaltenmüssen in den todten Schnee- und Eis- und Gletscherregionen der galvanisirten Antike Ciceros und Vergils aufhörte , sie kam doch . Und nun sprang das Thor auf - und der Mulus lief wie wahnsinnig vor Freude im ostwindverkühlten Sonnenschein der jungen Märztage herum ... und dachte nicht daran , daß er doch eigentlich verdammt wenig Aussicht besäße , ein rechtschaffenes Burschenleben auf der Universität führen zu dürfen . Der Glückliche , der mit Patent entlassene Sträfling , dachte nicht daran , daß in naher Zukunft ein neuer Wermuthskelch wieder einmal - nicht an ihm vorübergehen würde - daß er noch Jahre ... noch drei , vier Jahre lang ärmlich und erbärmlich wie die bewußte Kirchenmaus würde leben müssen - und die ganze Fülle der Kräfte , die in ihm rang und stritt und nach Ausbruch und Bethätigung lechzte , würde entweder verleugnen , eindämmen , einsargen , » kaltstellen « , ersticken oder - in ein Strombett lenken müssen , das seinen Lauf nach dem an materieller Ausbeute gewiß reicheren Meere des » praktischen « Lebens nimmt ... Und die Stunden , Wochen , Monate und Jahre kamen und gingen - und Adam Mensch durchlebte sie : ein Sclave seiner Armuth und ein Freier zugleich . Die große Fluth des Lebens umbrandete ihn . Aber er hatte kaum einen Platz an der Tafel dieses Lebens . Durch Ertheilen von Privatunterricht verdiente er sich nothdürftig die paar Kreuzer , die dazu gehörten , um ihn überhaupt über Wasser zu erhalten . Manchmal , wenn es ihm gar zu heiß in der Brust wurde , sprang er mitten ins Leben hinein und spielte trotzig va banque . Dann staunte er wohl auch dieses so bunte , so verwickelte Leben an , und es dünkte ihn bisweilen gar nicht so schwer , Fuß in ihm zu fassen und auf all das tausendfältig Kleine und Besondere , das sich nun plötzlich vor ihm aufrollte , liebevoll einzugehen . In Stunden des Taumels riß er ein verlorenes Weib an seine Menschenbrust und lachte und schwelgte und weinte mit der Armuth und mit der Schmach . Sein philologisches Brotstudium betrieb er mit bedeutendem Eifer : war es doch , beim Styx ! der einzige Weg , der ihn hinaufführen konnte in die Bergsiedeleien der geistig und leiblich » Vornehmen « , der » Bildungsidealisten « ! Mitunter machte er Schulden , und die Docentenhonorare ließ er sich mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit stunden . Er versuchte wohl auch die buntscheckige Sammlung seiner Talente : er schrieb Leitartikel für Zeitungen , machte Gelegenheitsgedichte , die ihm manchmal einige Mark eintrugen , verbrach Recensionen philosophischer Werke für akademische » Organe « und hielt in studentischen Vereinen Vorträge über culturgeschichtliche Themata , dann und wann mit einem vagen Saumstreifen moderner politischer Verhältnisse ... Einmal war es ihm auch geglückt , ein Theaterreferat über eine Sommertheaterbühne für eine untergeordnete Zeitung zu erlangen : da ließ er sich denn die Gelegenheit zu allerlei Coulissenstudien nicht entgehen ... und ob es wohl nicht vorgekommen war , daß er sich mit dem ... Kusse einer Soubrette bestechen oder belohnen ließ ... ? Auch im Strudel der studentischen Kameradschaften trieb und wirbelte er eine Zeit lang herum - und so floß dieses Stück Leben hin voll Wirrwarr , Zerrissenheit und Zerstücktheit ... Eines Tages stand Adam vor dem Staatsexamen . Er genügte gerade noch den Prüfungen - und kroch eine kleine Frist später in das Joch einer Hauslehrerstellung bei einer adligen Gutsbesitzersfamilie . Seine beiden Zöglinge erfreuten sich zwar einer ganz braven Leibesgesundheit - mit der Kraft und Gesundheit ihres Geistes jedoch war es ein Bissel schwächer bestellt - und so redliche Mühe sich Adam zuweilen auch gab , dem edlen Blaublut die Geheimnisse des » Accusativi cum infinitivo « zu erschließen : im Grunde erreichte er nur verdammt Wenig mit seiner Abquälerei . Nach zwei Jahren hing er den Präceptorrock an den Nagel und zog von dannen . Er hatte sich wenigstens einige hundert Mark erspart und war somit in der Lage , sich den Doctorhut , welchen zu tragen doch nun einmal unter Anderem » auch « in das corpulente Pflichtenregister eines » akademisch gebildeten « Menschen gehört , zu kaufen . Fortan durfte er sich also mit Fug und Recht die sehr gewöhnliche Anrede » Herr Mensch « verbitten und die jedenfalls wohllautendere » Herr Doctor « verlangen . - An dem Progymnasium einer kleineren Provinzialstadt absolvirte er sein Probejahr . Hier wurde das Maß voll . Adam konnte durchaus nicht begreifen , warum er seinen Schülern außer den interessanten Anfangsgründen der lateinischen Syntax auch noch die Schönheiten alttestamentlicher Mythen , Märchen und mindestens sonderbarer Opfergeschichten zu Gemüthe führen sollte . Zudem ekelten ihn die kleinen und engen Verhältnisse dieser lobesamen Spießerwelt unbeschreiblich an . Und so schnitt er das Tafeltuch zwischen sich und einer soliden , gesicherten Zukunft entzwei - einer Zukunft , welche so gern eine der reizenden Honoratiorentöchter des Städtels , allwo er ihren Brüdern ein in mancherlei Hinsicht doch etwas merkwürdiger Lehrer gewesen war , mit ihm getheilt hätte - sotanes Tafeltuch schnitt er also mitten durch - und ließ sich auf den curiosen Einfall kommen , ein ... » moderner « Mensch zu werden . - Hm ! So war er denn wirklich ein » moderner « Mensch geworden . Und so saß er zu dieser Stunde dort auf dem Sopha , zog seine Virginia-Cigarette mechanisch durch die Lippen , gab den Qualm mechanisch von sich , preßte ab und zu Zeige- und Mittelfinger der linken Hand gegen die linke Seite seiner Schläfen und dachte manchmal an Hedwig Irmer . Wie dumm ihm jetzt die Geschichte vorkam , die er vor kaum einer Stunde mit dieser Dame in Scene gesetzt ! Nein ! Er wußte es : er besaß kein ... wenigstens noch kein tieferes Interesse für dieses Weib ... Ob er wohl jemals in den Besitz dieses » tieferen Interesses « für Fräulein Irmer gelangen würde ? Kaum ... Er konnte sich allerdings nicht trauen . Zuweilen überraschte ihn sein sonderbar complicirtes Ich mit Thatsachen , die ihn in Erstaunen setzten . Er hätte eigentlich immer en vedette sich gegenüber sein müssen . Doch vorausbestimmen konnte er absolut Nichts . So mußte er sich denn eben überraschen lassen . Besaß er Ellenbogen ? O ja ! Aber er gebrauchte sie nicht , sich Platz auf der Welt zu verschaffen . Wollte er sie nicht dazu gebrauchen ? Hm ! War er blasirt ? Gâté ? Nein ! Nein ! Er kannte ja das Leben noch kaum . Es war ja eigentlich noch gar nicht so lange her , daß er aus dem Ei gekrochen . Ein paar Eierschaalenrestchen hafteten ihm sicher noch an . Was verschlugs ! Das Eine stand jedenfalls fest : frei , ganz frei , keiner Machtsphäre unterthan , keinem Urtheilstribunal unterworfen mußte er sein , wenn er wenigstens die Absicht gebären sollte , sich - irgend einem Joche zu fügen . Er spielte wohl zuweilen , mit dem Gedanken , aus diesem allmählichen Zerfallen , Verwittern und Vermorschen seiner » Persönlichkeit « an Kraft und Talent und Muth noch zu retten , was zu retten wäre , und mit den Resten und Stümpfen , die trotz ihrer relativ-subjektiven Kärglichkeit vielleicht noch zehntausend Mal bedeutender und werthvoller waren , denn die zur Einheit gesammelt gebliebenen Fähigkeiten manches unzersplitterten Durchschnittlers - mit ihnen also in eine normale und genau abgesteckte Laufbahn einzubiegen . Ach ! Adam wußte so manches Mal sehr genau , daß er mit diesem Gedanken nur spielte . Konnte er sich zu dieser That der Umkehr wirklich noch aufraffen ? Hm ! Hielt er die Umkehr denn überhaupt noch der Mühe für werth ? Sein psychologisches Feingefühl sagte ihm doch wahrhaftig genau , daß man schließlich Alles gehen lassen muß , wie es geht . O ja ! Man faßt Entschlüsse . Aber man kehrt doch bald wieder in die Bahn zurück , der man eben verfallen ist . Adam gehörte zur Sippe jener » unglücklichen « Naturen , bei denen Willenskraft , Phantasie und nüchterner Verstand gleiche Stärke- oder gleiche Schwächegrade besitzen . Wohl löst zeitweilig , gleichsam das eine Persönlichkeitsmoment das andere in der Herrschaft ab . Jedoch sind diese Menschen sehr oft nachdrücklichster Hochgefühle fähig , dabei alle Kräfte sich zu einheitlicher Stärke zusammenschließen - und darum müssen sie so oft auch die Gegenwirkung auf diesen Aufschwung : eine allgemeine Gleichgültigkeit , eine schwere , blutleere Herabgestimmtheit , über sich ergehen lassen . Ist das nicht eigentlich ihr - was man so nennt : ihr » Normalzustand « ? Adam Mensch war sich soweit klar über sich , daß er diese Wesenheit seiner Natur erkannt hatte und sie zuweilen berücksichtigte , das heißt : sich mit ihr tröstete . Die klare Einsicht in eine Thatsache