Sudermann , Hermann Frau Sorge www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Hermann Sudermann Frau Sorge Roman Meinen Eltern zum 16. November 1886 Frau Sorge , die graue , verschleierte Frau , Herzliebe Eltern , Ihr kennt sie genau ; Sie ist ja heute vor dreißig Jahren Mit Euch in die Fremde hinausgefahren , Da der triefende Novembertag Schweratmend auf nebliger Heide lag Und der Wind in den Weidenzweigen Euch pfiff den Hochzeitsreigen . Als Ihr nach langen , bangen Stunden Im Litauerwalde ein Nest gefunden Und zagend standet an öder Schwelle , Da war auch Frau Sorge schon wieder zur Stelle Und breitete segnend die Arme aus Und segnete Euch und Euer Haus Und segnete die , so in den Tiefen Annoch den Schlaf des Nichtseins schliefen . Es rann die Zeit . - Die morsche Wiege , Die jetzt im Dunkel unter der Stiege Sich freut der langverdienten Rast , Sah viermal einen neuen Gast . Dann , wenn die Abendglut verblichen , Kam aus dem Winkel ein Schatten geschlichen Und wuchs empor und wankte stumm Erhobenen Arms um die Wiege herum . Was Euch Frau Sorge da versprach , Das Leben hat es allgemach In Seufzen und Weinen , in Not und Plage , Im Mühsal trüber Werkeltage , Im Jammer manch durchwachter Nacht Ach ! so getreulich wahr gemacht . Ihr wurdet derweilen alt und grau , Und immer noch schleicht die verschleierte Frau Mit starrem Aug ' und segnenden Händen Zwischen des Hauses armen vier Wänden , Vom dürftigen Tisch zum leeren Schrein , Von Schwelle zu Schwelle aus und ein , Und kauert am Herde und bläst in die Flammen Und schmiedet den Tag mit dem Tage zusammen . Herzliebe Eltern , drum nicht verzagt ! Und habt Ihr Euch redlich gemüht und geplagt Ein langes , schweres Leben lang , So wird auch Euch bei der Tage Neigen Ein Feierabend vom Himmel steigen . Wir Jungens sind jung - wir haben Kraft , Uns ist der Mut noch nicht erschlafft , Wir wissen zu ringen mit Not und Mühn , Wir wissen , wo blaue Glücksblumen blühn ; Bald kehren wir lachend heim nach Haus Und jagen Frau Sorge zur Tür hinaus . 1 Gerade als das Gut Meyhöfers sich unter dem Hammer befand , wurde Paul , sein dritter Sohn , geboren . Das war freilich eine schwere Zeit ! Frau Elsbeth mit ihrem vergrämten Gesicht und ihrem wehmütigen Lächeln lag in dem großen Himmelbette , neben sich die Wiege des Neugeborenen , ließ die Augen unruhig umherschweifen und horchte auf jegliches Geräusch , das vom Hofe und aus den Wohnzimmern in ihre traurige Wochenstube drang . - Bei jedem verdächtigen Laut fuhr sie empor , und jedesmal , wenn eine fremde Männerstimme sich hören ließ oder ein Wagen mit dumpfem Rollen dahergefahren kam , fragte sie , in heller Angst die Pfosten des Bettes umklammernd : » Ist ' s so weit ? Ist ' s so weit ? « Niemand gab ihr Antwort . Der Arzt hatte streng befohlen , jede Aufregung von ihr fern zu halten , aber er hatte nicht bedacht , der gute Mann , daß dieses ewige Hangen und Bangen sie tausendmal härter quälen mußte als die schrecklichste Gewißheit . Eines Vormittags - am fünften Tage nach der Geburt - hörte sie ihren Mann , den sie in dieser bösen Zeit kaum einmal zu Gesicht bekommen , mit schwerem Fluchen und Seufzen im Nebenzimmer auf und nieder gehen . - Auch ein Wort konnte sie verstehen , ein einziges Wort , das er immer aufs neue wiederholte , das Wort : » Heimatlos ! « Da wußte sie : Es war so weit . Sie legte die matte Hand auf das Köpfchen des Neugeborenen , der mit einem ernsthaften Gesicht still vor sich hindröselte , und weinte in die Kissen hinein . Nach einer Weile sagte sie zu der Dienstmagd , die den Kleinen wartete : » Bestell dem Herrn , ich möchte ihn sprechen . « Und er kam . - Mit seinen dröhnenden Schritten trat er vor das Bett der Wöchnerin und sah sie an mit einem Gesicht , das in seiner erzwungenen Unbefangenheit doppelt verzerrt und verzweifelt dreinschaute . » Max , « sagte sie schüchtern , denn sie hatte immer Angst vor ihm , » Max , verheimliche mir nichts - ich bin ja ohnehin auf das Schlimmste gefaßt . « » Bist du ? « fragte er mißtrauisch , denn er erinnerte sich an die Warnung des Arztes . » Wann müssen wir hinaus ? « Als er sah , daß sie so ruhig dem Unglück ins Auge schaute , glaubte er fürder nicht nötig zu haben , ein Blatt vor den Mund zu nehmen , und wetternd brach er los : » Heute - morgen - ganz wie es dem neuen Herrn gefällt ! - Nur durch seine Barmherzigkeit sind wir noch hier , - und wenn es ihm so paßt , können wir diese Nacht auf der Straße logieren . « » So schlimm wird es nicht sein , Max , « sagte sie , mühsam ihre Fassung bewahrend , » wenn er erfährt , daß erst vor ein paar Tagen ein Kleines eingekehrt ist - - « » So - ich soll wohl betteln gehen bei ihm - was ? « » Oh , nicht doch . Er tut ' s von selbst . Wer ist es denn ? « » Douglas heißt er - stammt aus dem Insterburgischen - trat sehr breitspurig auf , der Herr , sehr breitspurig - hätt ' ihn am liebsten vom Hofe gejagt . « » Ist uns was übrig geblieben ? « Sie fragte es leise und zögernd und sah dabei auf den Neugeborenen nieder , hing doch von der Antwort vielleicht sein junges , schwaches Leben ab . Er brach in ein hartes Lachen aus . » Ja , ein Trinkgeld - volle zweitausend Taler . « Sie seufzte erleichtert auf , denn ihr war zumute gewesen , als hörte sie schon das fürchterliche » Nichts « von seinen Lippen schwirren . » Was sollen uns zwei Tausend Taler , « fuhr er fort , » nachdem ihrer fünfzig in den Sumpf geschmissen sind ? Soll ich etwa in der Stadt eine Gastwirtschaft aufmachen oder mit Knöpfen und Bändern handeln ? Du hilfst vielleicht noch mit , indem du in vornehmen Häusern nähen gehst , und die Kinder verkaufen Streichhölzchen auf den Straßen - hahaha ! « Er wühlte sich in den schon graumelierten , buschigen Haaren und stieß dabei mit dem Fuß gegen die Wiege , daß sie heftig hin und her schwankte . » Wozu ist das Wurm nun geboren ? « murmelte er düster , dann kniete er neben der Wiege nieder , begrub die winzigen Fäustchen in den Höhlungen seiner großen roten Hände und redete zu seinem Kinde : » Wenn du gewußt hättest , Junge , wie schlecht und niederträchtig diese Welt ist , wie die Unverschämtheit darin siegt und die Rechtlichkeit zugrunde geht , du wärst wahrhaftig geblieben , wo du warst . - Was wirst du für ein Schicksal haben ? - Dein Vater ist ein Stück Vagabund , ein Abgewirtschafteter , der sich mit Weib und drei Kindern auf der Straße herumtreibt , bis er einen Ort gefunden hat , wo er sich und die Seinen vollends zugrunde richtet - - « » Max , sprich nicht so - du brichst mir das Herz , « rief Frau Elsbeth weinend und streckte die Hand aus , um sie auf den Nacken des Mannes zu legen , aber diese Hand sank kraftlos hernieder , ehe sie ihr Ziel erreichte . Er sprang empor . - » Du hast Recht - genug mit dem Jammern ! - Freilich , wenn ich jetzt allein wäre , ein Junggeselle wie in den früheren Tagen , dann ging ' ich nach Amerika oder in die russischen Steppen , dort wird man reich , - ja , dort wird man reich , - oder ich spekulierte an der Börse , - heute Hausse , morgen Baisse , - hei , da ließe sich Geld verdienen , aber so - gebunden , wie man ist « - - - er warf einen kläglichen Blick auf Weib und Kind , dann wies er mit der Hand zum Hofe hinaus , von wo die lachenden Stimmen der zwei Älteren hereintönten . » Ja , ich weiß wohl , daß wir dir jetzt eine Last sein müssen , « sagte die Frau demütig . » Rede mir nicht von Last ! « erwiderte er polternd . » Was ich sagte , war nicht bös gemeint . Ich hab ' euch lieb - und damit basta ! Es fragt sich jetzt nur , wohin ? Wäre wenigstens dieses Neugeborene nicht , so ließen sich die Wechselfälle eines ungewissen Daseins eine Zeitlang ertragen . Aber nun - du krank - das Kind der Pflege bedürftig - zu guter Letzt bleibt uns nichts übrig , als irgendein Bauerngut zu kaufen und die zweitausend Taler als Anzahlung zu geben . Heißa , das kann ein Leben werden - ich mit dem Bettelsack , du mit dem Ranzen - ich mit dem Spaten , du mit dem Milcheimer . « » Das wäre noch nicht das Schlimmste , « sagte die Frau leise . » Nein ? « Er lachte bitter - » Na , dir kann geholfen werden . Da ist zum Beispiel Mussainen zu verkaufen , das klägliche Moorgrundstück draußen auf der Heide . « » O warum gerade das ? « sagte sie zusammenschauernd . Er verliebte sich sofort in seinen Gedanken . » Ja , das hieße den Kelch bis auf die Hefe leeren . Im Angesichte stets die verflossene Herrlichkeit - denn du mußt wissen , das Herrenhaus vom Helenental glänzt dort gerageswegs in die Fenster - ringsum Moor und Brachland an die zweihundert Morgen - vielleicht ließe sich manches urbar machen - Pionier der Kultur könnte man werden . Und was würden die Leute dazu sagen ? Der Meyhöfer ist ein ganzer Kerl - würden sie sagen . Er schämt sich seines Unglücks nicht , ja er betrachtete es gewissermaßen mit Ironie . Pah , wahrhaftig ! Ironisieren soll man sein Unglück - das ist die einzig erhabene Weltbetrachtung - pfeifen darauf soll man ! « - Und er stieß einen gellenden Pfiff aus , so daß die kranke Frau im Bette emporfuhr . » Verzeih , mein Liebchen , « bat er , ihre Hand streichelnd , plötzlich in der rosigsten Stimmung , » aber hab ' ich nicht recht ? - Pfeifen soll man darauf . Solange man nur das Bewußtsein hat , ein redlicher Mann zu sein , kann man jedes Ungemach mit einer gewissen Wollust ertragen . Wollust ist das richtige Wort . - Das Grundstück ist jeden Tag zu verkaufen , denn der Besitzer hat sich vor kurzem in eine reiche Wirtschaft hineingeheiratet und läßt das alte Gerümpel nun vollends brach liegen . « » Überleg ' s dir erst , Max , « bat die Frau in heller Angst . » Was soll das Zaudern helfen ? « erwiderte er heftig . » Diesem Herrn Douglas dürfen wir nicht zur Last liegen , etwas Besseres können wir mit unseren lumpigen Zweitausend nicht beanspruchen - also frisch zugegriffen - « Und ohne daß er sich die Zeit nahm , der kranken Frau lebewohl zu sagen , eilte er von dannen . Wenige Minuten später hörte sie seinen Einspänner zum Hoftor hinausrollen . Am Nachmittag desselben Tages wurde ihr ein fremder Besuch gemeldet . - Eine schöne , vornehme Dame sei in einer glänzenden Equipage auf den Hof gefahren und begehre der kranken Herrin eine Wochenvisite abzustatten . Wer es denn sei ? - Sie habe ihren Namen nicht nennen wollen . » Wie seltsam ! « dachte Frau Elsbeth , aber da sie in ihrem Kummer ein wenig an himmlische Sendungen zu glauben begann , so sagte sie nicht nein . Die Tür öffnete sich . Eine schlanke , zartgebaute Gestalt mit feinen , weichen Gesichtszügen trat behutsamen Schrittes an das Bett der Wöchnerin . Sie ergriff ohne weiteres eine ihrer Hände und sagte mit einer sanften , leise verschleierten Stimme : » Ich habe meinen Namen verschwiegen , liebe Frau Meyhöfer , denn ich fürchtete , nicht angenommen zu werden , wenn ich ihn vorher nannte . Und am liebsten möchte ich auch jetzt ungekannt bleiben . Ich muß leider annehmen , daß Sie mich nicht mehr mit Wohlwollen betrachten werden , wenn Sie wissen , wer ich bin . « » Ich hasse keinen Menschen auf der Welt , « erwiderte Frau Elsbeth , » geschweige denn einen Namen . « » Ich heiße Helene Douglas , « sagte die Dame leise und drückte die Hand der Kranken fester . Frau Elsbeth fing sofort an zu weinen , die Besucherin aber , als ob sie eine alte Freundin gewesen wäre , schlang den Arm um ihren Hals , küßte sie auf die Stirn und sagte mit ihrer leisen , tröstlichen Stimme : » Seien Sie mir nicht gram . Das Schicksal hat es gewollt , daß ich Sie in diesem Hause verdränge , aber schuld habe ich nicht daran . Mein Mann hat mir eine Überraschung bereiten wollen , denn der Name dieses Gutes stimmt mit meinem Vornamen überein . Meine Freude war sofort verschwunden , als ich hörte , unter welchen Verhältnissen er es erworben hatte und wie gerade Sie , liebe Frau Meyhöfer , in dieser doppelt schweren Zeit haben leiden müssen . Da zwang es mich denn , mein Herz zu erleichtern , indem ich Sie persönlich um Verzeihung bäte für den Kummer , den ich Ihnen bereitet habe und noch bereiten werde , denn Ihre Leidenszeit ist ja noch nicht vorüber . « Frau Elsbeth hatte , als ob dies so sein müßte , den Kopf an der Fremden Schulter gelegt und weinte still vor sich hin . » Und vielleicht kann ich Ihnen auch ein wenig nützen , « fuhr diese fort , » mindestens dadurch , daß ich einen Teil Bitterkeit von Ihrer Seele nehme . Wir Frauen pflegen uns besser zu verstehen als die harten , heftigen Männer einander . Die gemeinsamen Leiden , die auf uns lasten , führen uns näher . Und vor allen Dingen eins : Ich habe mit meinem Manne gesprochen und bitte Sie in meinem und in seinem Namen , dieses Haus so lange als Eigentum zu betrachten , als es Ihnen irgend beliebt . Wir bringen den Winter meistens in der Stadt zu und haben zudem noch ein zweites Gut , das wir durch einen Verwalter bewirtschaften lassen wollen . Sie sehen also , daß Sie uns in keiner Weise stören und höchstens einen Gefallen erweisen , wenn Sie noch ein halbes Jahr und darüber hier schalten und walten wie bisher . « Frau Elsbeth dankte nicht , aber der tränenfeuchte Blick , den sie zu der Fremden erhob , war Dank genug . » Jetzt seien Sie wieder heiter , liebste Frau , « fuhr diese fort , » und wenn Sie für die Zukunft Rat und Hilfe brauchen , bedenken Sie , daß hier jemand ist , der viel an Ihnen gut zu machen hat . - Und welch ein prächtiges Kind ! « - sie wandte sich nach der Wiege hin - » ein Junge oder ein Mädel ? « » Ein Junge , « sagte Frau Elsbeth mit einem schwachen Lächeln . » Findet er schon Geschwister in dieser Welt ? - Aber was frag ' ich ! Die beiden strammen kleinen Kerle draußen , die mich am Wagen empfingen - darf ich sie näher kennen lernen ? - Nein , hier nicht , « wehrte sie hastig ab - » es könnte Sie noch mehr erregen . Später ! Später ! - Vorerst interessiert uns dieser kleine Weltbürger . « Sie beugte sich über die Wiege und nestelte das Wickelzeug zurecht . » Er macht schon eine ganz altkluge Miene , « sagte sie scherzend . » Die Sorge hat an seiner Wiege gestanden , « erwiderte Frau Elsbeth leise und schwermütig , » daher hat er das alte Gesicht . « » Oh , nicht abergläubisch sein , meine Beste , « erwiderte die Besucherin . » Ich habe mir sagen lassen , daß Neugeborene in ihren Zügen oft etwas Greisenhaftes tragen . Das verliert sich bald . « » Gewiß haben auch Sie Kinder ? « fragte Frau Elsbeth . » Ach , ich bin ja eine so junge Frau ! « - erwiderte die Besucherin und errötete dabei , » kaum sechs Monate verheiratet . - Aber - « und sie errötete noch tiefer . » Gott stehe Ihnen bei in Ihrer schweren Stunde , « sagte Frau Elsbeth , » ich werde für Sie beten . « Das Auge der Fremden wurde feucht . » Dank , tausend Dank , « sagte sie . » Und lassen Sie uns Freundinnen sein ! Ich bitte Sie recht herzlich ! - Wissen Sie was ? Nehmen Sie mich zur Patin für diesen Ihren Jüngsten und erweisen Sie mir den gleichen Liebesdienst , wenn der Himmel mich segnet . - - « Die beiden Frauen drückten sich stumm die Hände . Ihr Freundschaftsbund war geschlossen . - - - Als die Besucherin sie verlassen hatte , sah Frau Elsbeth mit einem scheuen , traurigen Blick in die Runde . » Es war noch eben so hell , so sonnig hier , « murmelte sie , » und ist jetzt wieder so dunkel geworden . « Nach einer kleinen Weile kamen die beiden Ältesten trotz der Abwehr der Wärterin mit hellem Jubel in das Krankenzimmer gestürzt . Ein jeder hielt eine Zuckertüte in der Faust . » Das hat uns die fremde Dame geschenkt , « jauchzten sie . Frau Elsbeth lächelte . » Pst , Kinder , « sagte sie , » ein Engel ist bei uns gewesen . « Die beiden kleinen Burschen machten ängstliche Augen und fragten : » Mama , ein Engel ? « 2 So wurde Frau Douglas Pauls Taufpatin . Wohl war Meyhöfer nicht wenig ungehalten über die neue Freundschaft , denn » das Mitleid der Glücklichen brauche ich nicht « pflegte er zu sagen , aber als die milde , freundliche Frau zum zweitenmal auf dem Hofe erschien und ihm gut zuredete , wagte er nicht länger nein zu sagen . Auch in den ferneren Verbleib auf der alten Heimstätte willigt er - freilich mit Widerstreben - ein . Die Wirtschaft Mussainen , die er in der Tat noch an demselben Tage käuflich erstanden hatte , war in so jämmerlichem Zustande , daß ein Verweilen darin während der kalten Herbsttage für Weib und Kind gefährlich schien . Vor allem mußten die notwendigsten Reparaturen besorgt und Zimmermann , Maurer und Töpfer herbeigeholt werden , ehe an einen Umzug zu denken war . Nichtsdestoweniger sah sich Frau Elsbeth durch den Eigensinn ihres Mannes gezwungen , lange bevor die Herrichtung der neuen Wohnung vollendet war , dorthin überzusiedeln . Als nämlich eines Tages ein Inspektor des neuen Herrn mit einer Anzahl Arbeiter auf dem Hofe erschien und in seinem Auftrage bescheiden um Unterkunft bat , erklärte er dessen Handlungsweise für eine ihm geflissentlich angetane Schmach und war entschlossen , keinen Tag länger auf dem Boden zu verweilen , den er einst sein Eigentum genannt hatte . - - - - Es war ein kalter , trüber Novembertag , als Frau Elsbeth mit ihren Kindern dem alten , lieben Hause Valet sagte . - Ein feiner Sprühregen rieselte , alles durchnässend , vom Himmel . In grauen Nebel eingehüllt , öde und trostlos lag die Heide vor ihren Blicken . Das Jüngste an der Brust , die beiden älteren Kinder weinend um sich her , so bestieg sie den Wagen , der sie dem neuen und ach ! so düsteren Schicksal entgegenführte . Als sie zum Hoftor hinausrollten und der kalte Heidewind ihnen mit eisigen Ruten ins Gesicht peitschte , da fing auch das Kleine , das so lange still und friedlich dagelegen hatte , kläglich zu weinen an . Sie hüllte es fester in ihren Mantel und beugte sich tief auf das kleine , zitternde Körperchen nieder , um die Tränen nicht zu zeigen , die ihr unaufhaltsam über die Wangen rollten . Nach einer halben Stunde Fahrt auf den lehmigen , regendurchweichten Wegen erreichte der Wagen sein Ziel . Fast hätte sie laut aufgeschrieen , als sie das neue Heimwesen in seiner Trostlosigkeit und seinem Verfalle vor ihren Blicken liegen sah . Langgestreckte , aus Lehm und Heidekraut aufgeführte Wirtschaftsgebäude - ein sumpfiger Hof - ein niedriges , mit Schindeln gedecktes Wohnhaus , von dessen Wänden der Kalk stellenweise abgebröckelt war und die nackte Mauer bloßlegte , - ein verwilderter Garten , in dem die letzten traurigen Reste des Sommers , Astern und Sonnenblumen , neben halbverwesten Küchenkräutern wucherten , ringsum ein grell angestrichener Zaun , dem man vor seinem Ende noch eine letzte Ölung gegeben zu haben schien - das war der Ort , an dem die Familie des abgewirtschafteten Gutsbesitzers fortan zu hausen hatte . Das war der Ort , an dem der kleine Paul heranwuchs , dem die Liebe seiner Kindheit , die Sorge seines halben Lebens galt . - - - - Er war in seinen ersten Jahren ein gar zartes , siechendes Geschöpf , und in mancher Nacht zitterte die Mutter , daß das matte Lämpchen seines Lebens verlöschen werde , ehe der Morgen graute . Dann saß sie in dem düsteren , niederen Schlafzimmer , die Ellbogen auf die Kante des Bettchens gestützt , und starrte mit brennenden Augen auf das magere Körperchen nieder , das ein Krampf schmerzhaft zusammenzerrte . Aber er überstand alle die Krisen der ersten Kindheit , und mit fünf Jahren war er , wenn auch schwächlich an Gliedern und blaß , fast welk im Gesichte - die alten Züge hatte er richtig beibehalten - , ein gesunder Knabe , auf dessen Emporkommen man Hoffnung setzen konnte . In dieselbe Zeit fallen seine frühesten Erinnerungen . Die erste , die er sich in späteren Jahren vielfach zurückrief , war folgende : Das Zimmer ist halbdunkel . An den Fenstern blühen die Eisblumen , und rötlich dringt der Schein des Abendrots durch die Gardinen . Die älteren Brüder sind Schlittschuhlaufen gegangen , er aber liegt in seinem Bette , denn er muß frühe schlafen gehen , und neben ihm sitzt die Mutter , die eine Hand um seinen Hals gelegt , die andere auf der Kante der Wiege , in der die beiden kleinen Schwesterchen schlafen , die der Storch vor einem Jahr gebracht hatte , beide an ein und demselben Tage . » Mama , erzähl mir ein Märchen , « bittet er . Und die Mutter erzählte . Was ? daran erinnerte er sich nur dunkel , aber es war darin von einer grauen Frau die Rede , die in allen trüben Stunden die Mutter besucht hatte , eine Frau mit bleichem , hagerem Gesicht und dunkeln , verweinten Augen . Sie war wie ein Schatten gekommen und wie ein Schatten gegangen , hatte die Hände über der Mutter Haupt gebreitet , ungewiß , ob zum Segen oder zum Fluche , und allerhand Worte gesprochen , die auch auf ihn , den kleinen Paul , Bezug hatten . Es war darin von einem Opfer und einer Erlösung die Rede gewesen , aber die Worte vergaß er wieder , wahrscheinlich , weil er noch zu dumm war , sie zu verstehen . Aber einer Sache erinnerte er sich ganz genau : Während er , schier atemlos vor Grauen und Erwartung , den Worten der Mutter lauschte , sah er plötzlich die graue Gestalt , von der sie sprach , leibhaftig an der Tür stehen - ganz dieselbe mit ihren erhobenen Armen und ihrem blassen , traurigen Gesicht . Er verbarg den Kopf im Arm der Mutter - sein Herz pochte , der Atem fing an , ihm zu fehlen , und in Todesangst mußte er aufschreien : » Mama , da ist sie , da ist sie ! « » Wer ? die Frau Sorge ? « fragte die Mutter . Er antwortete nicht und fing zu weinen an . » Wo denn ? « fragte die Mutter weiter . » Dort in der Tür , « erwiderte er , sich aufrichtend und ihren Hals umklammernd , denn er hatte große Angst . » O du kleiner Dummrian ! « sagte die Mutter . » Das ist ja Papas langer Reisemantel . « Und sie holte den Mantel her und hieß ihn Futter und Oberzeug betasten , damit er ' s ganz genau wüßte , und er gab sich darein , aber innerlich war er nur um so fester überzeugt , daß er die graue Frau von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte . Und nun wußte er auch , wie sie hieß . » Frau Sorge « hieß sie . Aber die Mutter war nachdenklich geworden und ließ sich nicht bewegen , das Märchen zu Ende zu erzählen . Auch in späteren Zeiten nicht . Mochte er sie noch so flehentlich bitten . Von dem Vater hatte er aus jenen Jahren nur eine dunkle Erinnerung bewahrt . Ein Mann mit großen Wasserstiefeln , der die Mutter schalt und die Brüder prügelte und ihn selbst zu übersehen pflegte . Nur bisweilen fing er einen scheelen Blick auf , der ihm nichts Gutes zu bedeuten schien . Manchmal , besonders wenn er in der Stadt gewesen war , hatte sein Gesicht eine dunkelrote Farbe wie ein überheizter Kessel , und sein Gang lief kreuz und quer von einer Diele auf die andere . Dann spielte sich immer dieselbe Geschichte ab : Zuerst liebkoste er die beiden Zwillinge , die er ganz besonders in sein Herz geschlossen hatte , und schaukelte sie auf seinen Armen , während die Mutter dicht dabei stand und mit angstvollen Blicken alle seine Bewegungen verfolgte ; dann setzte er sich zum Essen , stöckerte ein wenig in den Schüsseln herum und schob sie dann beiseite , indem er den » Fraß « power und unschmackhaft nannte , riß auch wohl Max und Gottfried eins mit der Gerte über den Nacken , war auf die Mutter böse und ging schließlich hinaus , um mit den Knechten Händel anzufangen . Weithin hallte dann seine wetternde Stimme über den Hofraum , so daß selbst der Karo an seiner Kette den Schwanz zwischen die Beine kniff und sich in den hintersten Winkel seiner Bude zurückzog . - Kehrte er nach einer Weile in das Zimmer zurück , so war seine Stimmung meistens von Zorn in Verzweiflung umgeschlagen . Er rang die Hände , klagte über das Elend , in dem er hier hausen müsse , und sprach zu sich selber von allerhand großen Dingen , die er unternommen haben würde , wenn nicht dies oder das ihn verhindert hätte , und wenn Himmel und Erde nicht miteinander verschworen wären , ihn zugrunde zu richten . Dann trat er wohl ans Fenster und schüttelte die Faust nach dem » weißen Hause « hin , das aus der Ferne so freundlich herüberblickte . Ja , dieses » weiße Haus « ! Der Vater schalt darauf , er runzelte die Brauen , wenn nur sein Blick nach jener Richtung hinschweifte , und er selbst , er hatte es so lieb , als wenn ein Stück seiner Seele dort weilte . Warum ? Er wußte es selbst nicht . Vielleicht nur , weil die Mutter es liebte . Auch sie stand ja gar oft am Fenster und schaute darauf hin , aber sie runzelte nicht die Brauen , o nein ! - ihr Gesicht wurde weich und wehmütig , und aus ihren Augen strahlte eine Sehnsucht , so inbrünstig , daß ihm , der still daneben stand , gar oft ein Schauer heiß über den Nacken lief . War doch sein kleines Herz von ganz derselben Sehnsucht erfüllt ! Erschien ihm doch , so lange er denken konnte , jenes Haus als der Inbegriff alles Schönen und Herrlichen ! Stand es doch , wenn er die Lider zudrückte , allezeit vor seinen Augen , schlich es sich doch selbst in seine Träume hinein ! » Bist du schon einmal in dem weißen Hause gewesen ? « fragte er eines Tages die Mutter , als er seine Wißbegier nicht länger zügeln konnte . » O ja , mein Sohn , « erwiderte sie , und ihre Stimme klang traurig und unsicher . » Oft , Mama ? « » Sehr oft , mein Junge . Deine Eltern haben einmal dort gewohnt , und du bist dort zur Welt gekommen . « Seitdem war ihm das » weiße Haus « dasselbe , was dem Menschengeschlechte das verlorene Paradies . - - - » Wer wohnt denn jetzt in dem weißen Hause ? « fragte er ein andermal . » Eine schöne , freundliche Frau , die alle Menschen lieb hat und dich ganz besonders , denn du bist ja ihr Patenkind . « Ihm war zumute , als ergösse sich eine unendliche Fülle von Glück über sein Haupt . Er war so aufgeregt , daß er zitterte . » Warum fahren wir denn nicht zu der schönen , freundlichen Frau ? « fragte er nach einer Weile . » Papa will ' s nicht haben , « erwiderte sie , und ihre Stimme hatte einen eigentümlich scharfen Klang