Fontane , Theodor Irrungen , Wirrungen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Theodor Fontane Irrungen , Wirrungen Roman Erstes Kapitel An dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße , schräg gegenüber dem » Zoologischen « , befand sich in der Mitte der siebziger Jahre noch eine große , feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei , deren kleines , dreifenstriges , in einem Vorgärtchen um etwa hundert Schritte zurück gelegenes Wohnhaus , trotz aller Kleinheit und Zurückgezogenheit , von der vorübergehenden Straße her sehr wohl erkannt werden konnte . Was aber sonst noch zu dem Gesamtgewese der Gärtnerei gehörte , ja die recht eigentliche Hauptsache derselben ausmachte , war durch eben dies kleine Wohnhaus wie durch eine Kulisse versteckt , und nur ein rot und grün gestrichenes Holztürmchen mit einem halb weggebrochenen Zifferblatt unter der Turmspitze ( von Uhr selbst keine Rede ) ließ vermuten , daß hinter dieser Kulisse noch etwas anderes verborgen sein müsse , welche Vermutung denn auch in einer von Zeit zu Zeit aufsteigenden , das Türmchen umschwärmenden Taubenschar und mehr noch in einem gelegentlichen Hundegeblaff ihre Bestätigung fand . Wo dieser Hund eigentlich steckte , das entzog sich freilich der Wahrnehmung , trotzdem die hart an der linken Ecke gelegene , von früh bis spät aufstehende Haustür einen Blick auf ein Stückchen Hofraum gestattete . Überhaupt schien sich nichts mit Absicht verbergen zu wollen , und doch mußte jeder , der zu Beginn unserer Erzählung des Weges kam , sich an dem Anblick des dreifenstrigen Häuschens und einiger im Vorgarten stehenden Obstbäume genügen lassen . Es war die Woche nach Pfingsten , die Zeit der langen Tage , deren blendendes Licht mitunter kein Ende nehmen wollte . Heut aber stand die Sonne schon hinter dem Wilmersdorfer Kirchturm , und statt der Strahlen , die sie den ganzen Tag über herabgeschickt hatte , lagen bereits abendliche Schatten in dem Vorgarten , dessen halb märchenhafte Stille nur noch von der Stille des von der alten Frau Nimptsch und ihrer Pflegetochter Lene mietweise bewohnten Häuschens übertroffen wurde . Frau Nimptsch selbst aber saß wie gewöhnlich an dem großen , kaum fußhohen Herd ihres die ganze Hausfront einnehmenden Vorderzimmers und sah , hockend und vorgebeugt , auf einen rußigen alten Teekessel , dessen Deckel , trotzdem der Wrasen auch vorn aus der Tülle quoll , beständig hin und her klapperte . Dabei hielt die Alte beide Hände gegen die Glut und war so versunken in ihre Betrachtungen und Träumereien , daß sie nicht hörte , wie die nach dem Flur hinausführende Tür aufging und eine robuste Frauensperson ziemlich geräuschvoll eintrat . Erst als diese letztre sich geräuspert und ihre Freundin und Nachbarin , eben unsre Frau Nimptsch , mit einer gewissen Herzlichkeit bei Namen genannt hatte , wandte sich diese nach rückwärts und sagte nun auch ihrerseits freundlich und mit einem Anfluge von Schelmerei : » Na , das is recht , liebe Frau Dörr , daß Sie mal wieder rüberkommen . Und noch dazu von ' s Schloß . Denn ein Schloß is es und bleibt es . Hat ja ' nen Turm . Un nu setzen Sie sich ... Ihren lieben Mann hab ich eben weggehen sehen . Und muß auch . Is ja heute sein Kegelabend . « Die so freundlich als Frau Dörr Begrüßte war nicht bloß eine robuste , sondern vor allem auch eine sehr stattlich aussehende Frau , die , neben dem Eindruck des Gütigen und Zuverlässigen , zugleich den einer besonderen Beschränktheit machte . Die Nimptsch indessen nahm sichtlich keinen Anstoß daran und wiederholte nur : » Ja , sein Kegelabend . Aber , was ich sagen wollte , liebe Frau Dörr , mit Dörren seinen Hut , das geht nicht mehr . Der is ja schon fuchsblank und eigentlich schimpfierlich . Sie müssen ihn ihm wegnehmen und einen andern hinstellen . Vielleicht merkt er es nich ... Und nu rücken Sie ran hier , liebe Frau Dörr , oder lieber da drüben auf die Hutsche ... Lene , na Sie wissen ja , is ausgeflogen un hat mich mal wieder in Stich gelassen . « » Er war woll hier ? « » Freilich war er . Und beide sind nu ein bißchen auf Wilmersdorf zu ; den Fußweg lang , da kommt keiner . Aber jeden Augenblick können sie wieder hier sein . « » Na , da will ich doch lieber gehn . « » O nich doch , liebe Frau Dörr . Er bleibt ja nich . Und wenn er auch bliebe , Sie wissen ja , der is nicht so . « » Weiß , weiß . Und wie steht es denn ? « » Ja , wie soll es stehn ? Ich glaube , sie denkt so was , wenn sie ' s auch nich wahrhaben will , und bildet sich was ein . « » O du meine Güte « , sagte Frau Dörr , während sie , statt der ihr angebotenen Fußbank , einen etwas höheren Schemel heranschob : » O du meine Güte , denn is es schlimm . Immer wenn das Einbilden anfängt , fängt auch das Schlimme an . Das is wie Amen in der Kirche . Sehen Sie , liebe Frau Nimptsch , mit mir war es ja eigentlich ebenso , man bloß nichts von Einbildung . Und bloß darum war es auch wieder ganz anders . « Frau Nimptsch verstand augenscheinlich nicht recht , was die Dörr meinte , weshalb diese fortfuhr : » Und weil ich mir nie was in ' n Kopp setzte , darum ging es immer ganz glatt und gut und ich habe nu Dörren . Na , viel is es nich , aber es is doch was Anständiges , und man kann sich überall sehen lassen . Und drum bin ich auch in die Kirche mit ihm gefahren und nich bloß Standesamt . Bei Standesamt reden sie immer noch . « Die Nimptsch nickte . Frau Dörr aber wiederholte : » Ja , in die Kirche , in die Matthäikirche un bei Büchseln . Aber was ich eigentlich sagen wollte , sehen Sie , liebe Frau Nimptsch , ich war ja woll eigentlich größer und anziehlicher als die Lene , un wenn ich auch nicht hübscher war ( denn so was kann man nie recht wissen , un die Geschmäcker sind so verschieden ) , so war ich doch so mehr im Vollen , un das mögen manche . Ja , soviel is richtig . Aber wenn ich auch sozusagen fester war un mehr im Gewicht fiel un so was hatte , nu ja , ich hatte so was , so war ich doch immer man ganz einfach un beinah simpel , un was nu er war , mein Graf , mit seine fuffzig auf ' m Puckel , na , der war auch man ganz simpel und bloß immer kreuzfidel un unanständig . Und da reichen ja keine hundert Mal , daß ich ihm gesagt habe : Ne , ne , Graf , das geht nicht , so was verbitt ich mir ... Und immer die Alten sind so . Und ich sage bloß , liebe Frau Nimptsch , Sie können sich so was gar nich denken . Gräßlich war es . Und wenn ich mir nu der Lene ihren Baron ansehe , denn schämt es mir immer noch , wenn ich denke , wie meiner war . Und nu gar erst die Lene selber . Jott , ein Engel is sie woll grade auch nich , aber propper und fleißig un kann alles und is für Ordnung un fürs Reelle . Und sehen Sie , liebe Frau Nimptsch , das is grade das Traurige . Was da so rumfliegt , heute hier un morgen da , na , das kommt nicht um , das fällt wie die Katz immer wieder auf die vier Beine , aber so ' n gutes Kind , das alles ernsthaft nimmt und alles aus Liebe tut , ja , das ist schlimm ... Oder vielleicht is es auch nich so schlimm ; Sie haben sie ja bloß angenommen un is nich Ihr eigen Fleisch und Blut , un vielleicht is es eine Prinzessin oder so was . « Frau Nimptsch schüttelte bei dieser Vermutung den Kopf und schien antworten zu wollen . Aber die Dörr war schon aufgestanden und sagte , während sie den Gartensteig hinuntersah : » Gott , da kommen sie . Und bloß in Zivil , un Rock un Hose ganz egal . Aber man sieht es doch ! Und nu sagt er ihr was ins Ohr , und sie lacht so vor sich hin . Aber ganz rot is sie geworden ... Und nu geht er . Und nu ... wahrhaftig , ich glaube , er dreht noch mal um . Nei , nei , er grüßt bloß noch mal , und sie wirft ihm Kußfinger zu ... Ja , das glaub ich ; so was laß ich mir gefallen ... Nei , so war meiner nich . « Frau Dörr sprach noch weiter , bis Lene kam und die beiden Frauen begrüßte . Zweites Kapitel Andern Vormittags schien die schon ziemlich hoch stehende Sonne auf den Hof der Dörrschen Gärtnerei und beleuchtete hier eine Welt von Baulichkeiten , unter denen auch das » Schloß « war , von dem Frau Nimptsch am Abend vorher mit einem Anfluge von Spott und Schelmerei gesprochen hatte . Ja , dies » Schloß « ! In der Dämmerung hätt es bei seinen großen Umrissen wirklich für etwas Derartiges gelten können , heut aber , in unerbittlich heller Beleuchtung daliegend , sah man nur zu deutlich , daß der ganze , bis hoch hinauf mit gotischen Fenstern bemalte Bau nichts als ein jämmerlicher Holzkasten war , in dessen beide Giebelwände man ein Stück Fachwerk mit Stroh- und Lehmfüllung eingesetzt hatte , welchem vergleichsweise soliden Einsatze zwei Giebelstuben entsprachen . Alles andere war bloße Steindiele , von der aus ein Gewirr von Leitern zunächst auf einen Boden und von diesem höher hinauf in das als Taubenhaus dienende Türmchen führte . Früher , in vordörrscher Zeit , hatte der ganze riesige Holzkasten als bloße Remise zur Aufbewahrung von Bohnenstangen und Gießkannen , vielleicht auch als Kartoffelkeller gedient , seit aber , vor soundso viel Jahren , die Gärtnerei von ihrem gegenwärtigen Besitzer gekauft worden war , war das eigentliche Wohnhaus an Frau Nimptsch vermietet und der gotisch bemalte Kasten , unter Einfügung der schon erwähnten zwei Giebelstuben , zum Aufenthalt für den damals verwitweten Dörr hergerichtet worden , eine höchst primitive Herrichtung , an der seine bald danach erfolgende Wiederverheiratung nichts geändert hatte . Sommers war diese beinah fensterlose Remise mit ihren Steinfliesen und ihrer Kühle kein übler Aufenthalt , um die Winterzeit aber hätte Dörr und Frau , samt einem aus erster Ehe stammenden zwanzigjährigen , etwas geistesschwachen Sohn , einfach erfrieren müssen , wenn nicht die beiden großen , an der andern Seite des Hofes gelegenen Treibhäuser gewesen wären . In diesen verbrachten alle drei Dörrs die Zeit von November bis März ausschließlich , aber auch in der besseren und sogar in der heißen Jahreszeit spielte sich das Leben der Familie , wenn man nicht gerade vor der Sonne Zuflucht suchte , zu großem Teile vor und in diesen Treibhäusern ab , weil hier alles am bequemsten lag : hier standen die Treppchen und Estraden , auf denen die jeden Morgen aus den Treibhäusern hervorgeholten Blumen ihre frische Luft schöpfen durften , hier war der Stall mit Kuh und Ziege , hier die Hütte mit dem Ziehhund , und von hier aus erstreckte sich auch das wohl fünfzig Schritte lange Doppelmistbeet , mit einem schmalen Gange dazwischen , bis an den großen , weiter zurück gelegenen Gemüsegarten . In diesem sah es nicht sonderlich ordentlich aus , einmal weil Dörr keinen Sinn für Ordnung , außerdem aber eine so große Hühnerpassion hatte , daß er diesen seinen Lieblingen , ohne Rücksicht auf den Schaden , den sie stifteten , überall umherzupicken gestattete . Groß freilich war dieser Schaden nie , da seiner Gärtnerei , die Spargelanlagen abgerechnet , alles Feinere fehlte . Dörr hielt das Gewöhnlichste zugleich für das Vorteilhafteste , zog deshalb Majoran und andere Wurstkräuter , besonders aber Borré , hinsichtlich dessen er der Ansicht lebte , daß der richtige Berliner überhaupt nur drei Dinge brauche : eine Weiße , einen Gilka und Borré . » Bei Borré « , schloß er dann regelmäßig , » ist noch keiner zu kurz gekommen . « Er war überhaupt ein Original , von ganz selbständigen Anschauungen und einer entschiedenen Gleichgiltigkeit gegen das , was über ihn gesagt wurde . Dem entsprach denn auch seine zweite Heirat , eine Neigungsheirat , bei der die Vorstellung von einer besondren Schönheit seiner Frau mitgewirkt und ihr früheres Verhältnis zu dem Grafen , statt ihr schädlich zu sein , gerad umgekehrt den Ausschlag zum Guten hin gegeben und einfach den Vollbeweis ihrer Unwiderstehlichkeit erbracht hatte . Wenn sich dabei mit gutem Grunde von Überschätzung sprechen ließ , so doch freilich nicht von seiten Dörrs in Person , für den die Natur , soweit Äußerlichkeiten in Betracht kamen , ganz ungewöhnlich wenig getan hatte . Mager , mittelgroß und mit fünf grauen Haarsträhnen über Kopf und Stirn , wär er eine vollkommene Trivialerscheinung gewesen , wenn ihm nicht eine zwischen Augenwinkel und linker Schläfe sitzende braune Pocke was Apartes gegeben hätte . Weshalb denn auch seine Frau nicht mit Unrecht und in der ihr eigenen ungenierten Weise zu sagen pflegte : » Schrumplig is er man , aber von links her hat er so was Borsdorfriges . « Damit war er gut getroffen und hätte nach diesem Signalement überall erkannt werden müssen , wenn er nicht tagaus , tagein eine mit einem großen Schirm ausgestattete Leinwandmütze getragen hätte , die , tief ins Gesicht gezogen , sowohl das Alltägliche wie das Besondere seiner Physiognomie verbarg . Und so , die Mütze samt Schirm ins Gesicht gezogen , stand er auch heute wieder , am Tage nach dem zwischen Frau Dörr und Frau Nimptsch geführten Zwiegespräche , vor einer an das vordere Treibhaus sich anlehnenden Blumen-Estrade , verschiedene Goldlack- und Geraniumtöpfe beiseite schiebend , die morgen mit auf den Wochenmarkt sollten . Es waren sämtlich solche , die nicht im Topf gezogen , sondern nur eingesetzt waren , und mit einer besonderen Genugtuung und Freude ließ er sie vor sich aufmarschieren , schon im voraus über die » Madams « lachend , die morgen kommen , ihre herkömmlichen fünf Pfennig abhandeln und schließlich doch die Betrogenen sein würden . Es zählte das zu seinen größten Vergnügungen und war eigentlich das Hauptgeistesleben , das er führte . » Das bißchen Geschimpfe ... Wenn ich ' s nur mal mit anhören könnte . « So sprach er noch vor sich hin , als er , vom Garten her , das Gebell eines kleinen Köters und dazwischen das verzweifelte Krähen eines Hahns hörte , ja , wenn nicht alles täuschte , seines Hahns , seines Lieblings mit dem Silbergefieder . Und sein Auge nach dem Garten hin richtend , sah er in der Tat , daß ein Haufen Hühner auseinandergestoben , der Hahn aber auf einen Birnbaum geflogen war , von dem aus er gegen den unten kläffenden Hund unausgesetzt um Hilfe rief . » Himmeldonnerwetter « , schrie Dörr in Wut , » das is wieder Bollmann seiner ... Wieder durch den Zaun ... I , da soll doch ... « Und den Geraniumtopf , den er eben musterte , rasch aus der Hand setzend , lief er auf die Hundehütte zu , griff nach dem Kettenzwickel und machte den großen Ziehhund los , der nun sofort auch wie ein Rasender auf den Garten zuschoß . Eh dieser jedoch den Birnbaum erreichen konnte , gab » Bollmann seiner « bereits Fersengeld und verschwand unter dem Zaun weg ins Freie - der fuchsgelbe Ziehhund zunächst noch in großen Sätzen nach . Aber das Zaunloch , das für den Affenpinscher grad ausgereicht hatte , verweigerte ihm den Durchgang und zwang ihn , von seiner Verfolgung Abstand zu nehmen . Nicht besser erging es Dörr selber , der inzwischen mit einer Harke herangekommen war und mit seinem Hunde Blicke wechselte . » Ja , Sultan , diesmal war es nichts . « Und dabei trottete Sultan wieder auf seine Hütte zu , langsam und verlegen , wie wenn er einen kleinen Vorwurf herausgehört hätte . Dörr selbst aber sah dem draußen in einer Ackerfurche hinjagenden Affenpinscher nach und sagte nach einer Weile : » Hol mich der Deubel , wenn ich mir nich ' ne Windbüchse anschaffe , bei Mehles oder sonst wo . Un denn pust ich das Biest so stille weg , und kräht nich Huhn , nich Hahn danach . Nich mal meiner . « Von dieser ihm von seiten Dörrs zugemuteten Ruhe schien der letztere jedoch vorläufig nichts wissen zu wollen , machte vielmehr von seiner Stimme nach wie vor den ausgiebigsten Gebrauch . Und dabei warf er den Silberhals so stolz , als ob er den Hühnern zeigen wolle , daß seine Flucht in den Birnbaum hinein ein wohlüberlegter Coup oder eine bloße Laune gewesen sei . Dörr aber sagte : » Jott , so ' n Hahn . Denkt nu auch wunder was er is . Un seine Courage is doch auch man soso . « Und damit ging er wieder auf seine Blumen-Estrade zu . Drittes Kapitel Der ganze Hergang war auch von Frau Dörr , die gerade beim Spargelstechen war , beobachtet , aber nur wenig beachtet worden , weil sich ähnliches jeden dritten Tag wiederholte . Sie fuhr denn auch in ihrer Arbeit fort und gab das Suchen erst auf , als auch die schärfste Musterung der Beete keine » weißen Köppe « mehr ergeben wollte . Nun erst hing sie den Korb an ihren Arm , legte das Stechmesser hinein und ging langsam und ein paar verirrte Küken vor sich her treibend erst auf den Mittelweg des Gartens und dann auf den Hof und die Blumen-Estrade zu , wo Dörr seine Marktarbeit wieder aufgenommen hatte . » Na , Suselchen « , empfing er seine beßre Hälfte , » da bist du ja . Hast du woll gesehn ? Bollmann seiner war wieder da . Höre , der muß dran glauben , un denn brat ich ihn aus ; ein bißchen Fett wird er ja woll haben , un Sultan kann denn die Grieben kriegen ... Und Hundefett , höre , Susel ... « , und er wollte sich augenscheinlich in eine seit einiger Zeit von ihm bevorzugte Gichtbehandlungsmethode vertiefen . In diesem Augenblick aber des Spargelkorbes am Arme seiner Frau gewahr werdend , unterbrach er sich und sagte : » Na , nu zeige mal her . Hat ' s denn gefleckt ? « » I nu « , sagte Frau Dörr und hielt ihm den kaum halb gefüllten Korb hin , dessen Inhalt er kopfschüttelnd durch die Finger gleiten ließ . Denn es waren meist dünne Stangen und viel Bruch dazwischen . » Höre , Susel , es bleibt dabei , du hast keine Spargelaugen . « » Oh , ich habe schon . Man bloß hexen kann ich nich . « » Na , wir wollen nich streiten , Susel ; mehr wird es doch nich . Aber zum Verhungern is es . « » I , es denkt nich dran . Laß doch das ewige Gerede , Dörr ; sie stecken ja drin , un ob sie nu heute rauskommen oder morgen , is ja ganz egal . Eine düchtige Husche , so wie die vor Pfingsten , und du sollst mal sehn . Und Regen gibt es . Die Wassertonne riecht schon wieder , un die große Kreuzspinn is in die Ecke gekrochen . Aber du willst jeden Dag alles haben ; das kannst du nich verlangen . « Dörr lachte . » Na , binde man alles gut zusammen . Und den kleinen Murks auch . Und du kannst ja denn auch was ablassen . « » Ach , rede doch nicht so « , unterbrach ihn die sich über seinen Geiz beständig ärgernde Frau , zog ihn aber , was er immer als Zärtlichkeit nahm , auch heute wieder am Ohrzipfel und ging auf das » Schloß « zu , wo sie sich ' s auf dem Steinfliesenflur bequem machen und die Spargelbündel binden wollte . Kaum aber , daß sie den hier immer bereitstehenden Schemel bis an die Schwelle vorgerückt hatte , so hörte sie , wie schräg gegenüber in dem von der Frau Nimptsch bewohnten dreifenstrigen Häuschen ein Hinterfenster mit einem kräftigen Ruck aufgestoßen und gleich darauf eingehakt wurde . Zugleich sah sie Lene , die , mit einer weiten , lilagemusterten Jacke über den Friesrock und einem Häubchen auf dem aschblonden Haar , freundlich zu ihr hinübergrüßte . Frau Dörr erwiderte den Gruß mit gleicher Freundlichkeit und sagte dann : » Immer Fenster auf ; das ist recht , Lenechen . Und fängt auch schon an , heiß zu werden . Es gibt heute noch was . « » Ja . Und Mutter hat von der Hitze schon ihr Kopfweh , und da will ich doch lieber in der Hinterstube plätten . Is auch hübscher hier ; vorne sieht man ja keinen Menschen . « » Hast recht « , antwortete die Dörr . » Na , da werd ich man ein bißchen ans Fenster rücken . Wenn man so spricht , geht einen alles besser von der Hand . « » Ach , das is lieb und gut von Ihnen , Frau Dörr . Aber hier am Fenster is ja grade die pralle Sonne . « » Schadt nichts , Lene . Da bring ich meinen Marchtschirm mit , altes Ding und lauter Flicken . Aber tut immer noch seine Schuldigkeit . « Und ehe fünf Minuten um waren , hatte die gute Frau Dörr ihren Schemel bis an das Fenster geschleppt und saß nun unter ihrer Schirmstellage so behaglich und selbstbewußt , als ob es auf dem Gensdarmenmarkt gewesen wäre . Drinnen aber hatte Lene das Plättbrett auf zwei dicht ans Fenster gerückte Stühle gelegt und stand nun so nah , daß man sich mit Leichtigkeit die Hand reichen konnte . Dabei ging das Plätteisen emsig hin und her . Und auch Frau Dörr war fleißig beim Aussuchen und Zusammenbinden , und wenn sie dann und wann von ihrer Arbeit auf- und ins Fenster hineinsah , sah sie , wie nach hinten zu der kleine Plättofen glühte , der für neue heiße Bolzen zu sorgen hatte . » Du könntest mir mal ' nen Teller geben , Lene , Teller oder Schüssel . « Und als Lene gleich danach brachte , was Frau Dörr gewünscht hatte , tat diese den Bruchspargel hinein , den sie während des Sortierens in ihrer Schürze behalten hatte . » Da , Lene , das gibt ' ne Spargelsuppe . Un is so gut wie das andre . Denn daß es immer die Köppe sein müssen , is ja dummes Zeug . Ebenso wie mit ' n Blumenkohl ; immer Blume , Blume , die reine Einbildung . Der Strunk is eigentlich das Beste , da sitzt die Kraft drin . Und die Kraft is immer die Hauptsache . « » Gott , Sie sind immer so gut , Frau Dörr . Aber was wird nur Ihr Alter sagen ? « » Der ? Ach , Leneken , was der sagt , is ganz egal . Der redt doch . Er will immer , daß ich den Murks mit einbinde , wie wenn ' s richtige Stangen wären , aber solche Bedrügerei mag ich nich , auch wenn Bruch-und Stückenzeug gradesogut schmeckt wie ' s Ganze . Was einer bezahlt , das muß er haben , un ich ärgre mir bloß , daß so ' n Mensch , dem es so zuwächst , so ' n alter Geizkragen is . Aber so sind die Gärtners alle , rapschen und rapschen un können nie genug kriegen . « » Ja « , lachte Lene , » geizig is er und ein bißchen wunderlich . - Aber eigentlich doch ein guter Mann . « » Ja , Leneken , er wäre soweit ganz gut , un auch die Geizerei wäre nich so schlimm un is immer noch besser als die Verbringerei , wenn er man nich so zärtlich wäre . Du glaubst es nich , immer is er da . Un nu sieh ihn dir an . Es is doch eigentlich man ein Jammer mit ihm un dabei richtige sechsundfünfzig , un vielleicht is es noch ein Jahr mehr . Denn lügen tut er auch , wenn ' s ihm gerade paßt . Un da hilft auch nichts , gar nichts . Ich erzähl ihm immer von Schlag und Schlag und zeig ihm welche , die so humpeln und einen schiefen Mund haben , aber er lacht bloß immer und glaubt es nich . Es kommt aber doch so . Ja , Leneken , ich glaub es ganz gewiß , daß es so kommt . Und vielleicht balde . Na , verschrieben hat er mir alles , un so sag ich weiter nichts . Wie einer sich legt , so liegt er . Aber was reden wir von Schlag und Dörr , un daß er bloß O-Beine hat . Jott , mein Lenechen , da gibt es ganz andere Leute , die sind so grade gewachsen wie ' ne Tanne . Nich wahr , Lene ? « Lene wurde hierbei noch röter , als sie schon war , und sagte : » Der Bolzen ist kalt geworden . « Und vom Plättbrett zurücktretend , ging sie bis an den eisernen Ofen und schüttete den Bolzen in die Kohlen zurück , um einen neuen herauszunehmen . Alles war das Werk eines Augenblicks . Und nun ließ sie mit einem geschickten Ruck den neuen glühenden Bolzen vom Feuerhaken in das Plätteisen niedergleiten , klappte das Türchen wieder ein und sah nun erst , daß Frau Dörr noch immer auf Antwort wartete . Sicherheitshalber aber stellte die gute Frau die Frage noch mal und setzte gleich hinzu : » Kommt er denn heute ? « » Ja . Wenigstens hat er es versprochen . « » Nu sage mal , Lene « , fuhr Frau Dörr fort , » wie kam es denn eigentlich ? Mutter Nimptsch sagt nie was , un wenn sie was sagt , denn is es auch man immer soso , nich hu un nich hott . Und immer bloß halb un so konfuse . Nu , sage du mal . Is es denn wahr , daß es in Stralau war ? « » Ja , Frau Dörr , in Stralau war es , den zweiten Ostertag , aber schon so warm , als ob Pfingsten wär , und weil Lina Gansauge gern Kahn fahren wollte , nahmen wir einen Kahn , und Rudolf , den Sie ja wohl auch kennen und der ein Bruder von Lina ist , setzte sich ans Steuer . « » Jott , Rudolf . Rudolf is ja noch ein Junge . « » Freilich . Aber er meinte , daß er ' s verstünde , und sagte bloß immer : Mächens , ihr müßt stillsitzen ; ihr schunkelt so , denn er spricht so furchtbar berlinsch . Aber wir dachten gar nicht dran , weil wir gleich sahen , daß es mit seiner ganzen Steuerei nicht weit her sei . Zuletzt aber vergaßen wir ' s wieder und ließen uns treiben und neckten uns mit denen , die vorbeikamen und uns mit Wasser bespritzten . Und in dem einen Boote , das mit unsrem dieselbe Richtung hatte , saßen ein paar sehr feine Herren , die beständig grüßten , und in unsrem Übermute grüßten wir wieder , und Lina wehte sogar mit dem Taschentuch und tat , als ob sie die Herren kenne , was aber gar nicht der Fall war , und wollte sich bloß zeigen , weil sie noch so sehr jung ist . Und während wir noch so lachten und scherzten und mit dem Ruder bloß so spielten , sahen wir mit einem Male , daß von Treptow her das Dampfschiff auf uns zukam , und wie Sie sich denken können , liebe Frau Dörr , waren wir auf den Tod erschrocken und riefen in unserer Angst Rudolfen zu , daß er uns heraussteuern solle . Der Junge war aber aus Rand und Band und steuerte bloß so , daß wir uns beständig im Kreise drehten . Und nun schrien wir und wären sicherlich überfahren worden , wenn nicht in eben diesem Augenblicke das andre Boot mit den zwei Herren sich unsrer Not erbarmt hätte . Mit ein paar Schlägen war es neben uns , und während der eine mit einem Bootshaken uns fest und scharf heranzog und an das eigne Boot ankoppelte , ruderte der andre sich und uns aus dem Strudel heraus , und nur einmal war es noch , als ob die große , vom Dampfschiff her auf uns zukommende Welle uns umwerfen wolle . Der Kapitän drohte denn auch wirklich mit dem Finger ( ich sah es inmitten all meiner Angst ) , aber auch das ging vorüber , und eine Minute später waren wir bis an Stralau heran , und die beiden Herren , denen wir unsre Rettung verdankten , sprangen ans Ufer und reichten uns die Hand und waren uns als richtige Kavaliere beim Aussteigen behülflich . Und da standen wir denn nun auf der Landungsbrücke bei Tübbeckes und