Ebner-Eschenbach , Marie von Das Gemeindekind www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Marie von Ebner-Eschenbach Das Gemeindekind » Tout est l ' historie . « George Sand Histoire de ma vie I p. 268 1 Im Oktober 1860 begann in der Landeshauptstadt B. die Schlußverhandlung im Prozeß des Ziegelschlägers Martin Holub und seines Weibes Barbara Holub . Die Leute waren gegen Ende Juni desselben Jahres mit zwei Kindern , einem dreizehnjährigen Knaben und einem zehnjährigen Mädchen , aus ihrer Ortschaft Soleschau am Fuße des Hrad , einer der Höhen des Marsgebirges , im Pfarrdorfe Kunovic eingetroffen . Gleich am ersten Tage hatte der Mann seinen Akkord mit der Gutsverwaltung abgeschlossen , seinem Weib , seinem Jungen und einigen gedungenen Taglöhnern ihre Aufgabe zugewiesen und sich dann zum Schnaps ins Wirtshaus begeben . Bei der Einrichtung blieb es während der drei Monate , welche die Familie in Kunovic zubrachte . Das Weib und Pavel , der Junge , arbeiteten ; der Mann hatte entweder einen Branntweinrausch oder war im Begriff , sich einen anzutrinken . Manchmal kam er zur gemeinschaftlichen Schlafstelle unter dem Dach des Schuppens getaumelt , und am nächsten Tag erschien dann die Familie zerbleut und hinkend an der Lehmgrube . Die Taglöhner , die nichts hören wollten von der auch ihnen zugemuteten Fügsamkeit unter die Hausordnung des Ziegelschlägers , wurden durch andere ersetzt , die gleichfalls » kehr-um-die-Hand « verschwunden waren . Zuletzt traf man auf der Arbeitsstätte nur noch die Frau und ihre Kinder . Sie groß , kräftig , deutliche Spuren ehemaliger Schönheit auf dem sonnverbrannten Gesicht der Bub plump und kurzhalsig , ein ungeleckter Bär , wie man ihn malt oder besser nicht malt . Das Mädchen nannte sich Milada und war ein feingliedriges , zierliches Geschöpf , aus dessen hellblauen Augen mehr Leben und Klugheit blitzte als aus den dunklen Barbaras und Pavels zusammen . Die Kleine führte eine Art Kontrolle über die beiden und machte sich ihnen zugleich durch allerlei Handreichungen nützlich . Ohne das Kind würde auf der Ziegelstätte nie ein Wort gewechselt worden sein . Mutter und Sohn plagten sich vom grauenden Tag bis in die sinkende Nacht rastlos , finster und stumm . Lang ging es so fort , und zum Ärgernis der Frommen im Dorfe wurde nicht einmal an Sonn- und Feiertagen gerastet . Der Unfug kam dem Pfarrer zu Ohren und bewog ihn , Einsprache dagegen zu tun . Sie blieb unbeachtet . Infolgedessen begab sich der geistliche Herr am Nachmittag des Festes Mariä Himmelfahrt selbst an Ort und Stelle und befahl dem Weibe Holub , sofort von seiner den Feiertag entweihenden Beschäftigung abzulassen . Nun wollte das Unglück , daß Martin , der eben im Schuppen seinen jüngsten Rausch ausschlief , sehr zur Unzeit erwachte , sich erhob und hinzutrat . Gewahr werden , wie Pavel offenbar voll Zustimmung mit aufgesperrtem Mund und hangenden Armen der priesterlichen Vermahnung lauschte , und hinterrücks über ihn herfallen war eins . Der Geistliche zögerte nicht , dem Knaben zu Hilfe zu eilen , entzog ihn auch der Mißhandlung des Vaters , lenkte aber dadurch den Zorn desselben auf sich . Vor allen Zeugen , die das Geschrei Holubs herbeigelockt hatte und deren Anzahl von Minute zu Minute wuchs , überschüttete ihn der Rasende mit Schimpfreden , sprang plötzlich auf ihn zu und hielt ihm die geballte Faust vors Gesicht . Der Pfarrer , keinen Augenblick außer Fassung gebracht , wandte angeekelt den Kopf und gab mit seinem abwehrend in der Rechten erhobenen Stock dem Trunkenbold einen leichten Hieb auf den Scheitel . Martin stieß ein Geheul aus , warf sich nieder , krümmte sich wie ein Wurm und brüllte , er sei tot , mausetot geschlagen durch den geistlichen Herrn . Im Anfang antwortete ihm ein allgemeines Hohngelächter , doch war seine Sache zu schlecht , um nicht wenigstens einige Verteidiger zu finden . In der Schar der Neugierigen , welche den am Boden Liegenden umdrängte , erhoben sich Stimmen zu seinen Gunsten , erfuhren Widerspruch und gaben ihn in einer Weise zurück , die gar bald Tätlichkeiten wachrief . Die Autorität des Pfarrers genügte gerade noch , um die Krakeeler zu zwingen , den Platz zu räumen . Sie zogen ins Wirtshaus und ließen dort den vom geistlichen Herrn Erschlagenen so lange hochleben , bis ein Trupp Bauernbursche dem wüsten Treiben des Gesindels ein Ende zu machen suchte . Da kam es zu einer Prügelei , wie sie in Kunovic seit der letzten großen Hochzeit nicht mehr stattgefunden hatte . Die Ortspolizei gönnte dem Sturm volle Freiheit , sich auszutoben , und hatte zum Lohn für diese mit Vorsicht gemischte Klugheit am nächsten Morgen das ganze Dorf auf ihrer Seite . Die allgemeine Meinung war , in der Sache gebe es nur einen Schuldigen - den Ziegelschläger - , und man solle keine Umstände mit ihm machen . Zur Lösung des Akkords verstand die Gutsverwaltung sich gern , Martin hätte ihn ohnedies unter keiner Bedingung einhalten können ; so fleißig Weib und Kind auch waren , zu hexen vermochten sie doch nicht . Holub wurde abgefertigt und entlassen . Von dem Gelde , das ihm außer den bereits erhobenen Vorschüssen noch zukam , sah er keinen Kreuzer ; darauf hatte der Wirt Beschlag gelegt . Nach einem vergeblichen Versuch , sich sein vermeintliches Recht zu verschaffen , blieb dem Gesellen nichts übrig , als seiner Wege zu gehen . Der Auszug der Ziegelschläger fand statt . An der Spitze schritt das Oberhaupt der Familie in knapp anliegender ausgefranster Leinwandhose , in zerrissener blauer Barchentjacke . Er hatte den durchlöcherten Hut schief aufgesetzt ; sein rotes betrunkenes Gesicht war gedunsen ; seine Lippen stießen Flüche hervor gegen den Pfaffen und die Pfaffenknechte , die ihn um seinen redlichen Broterwerb gebracht . Ein paar Schritte hinter ihm kam die Frau . Sie hatte die Stirn verbunden und schien sich selbst kaum schleppen zu können , schleppte aber doch ein Wägelchen , in dem sich Werkzeug und einiger Hausrat befand und Milada in eine Decke eingehüllt lag . Krank ? Zerbleut ? Man konnte das letztere wohl vermuten , denn vor der Abreise hatte Martin noch entsetzlich gegen die Seinen gewütet . Pavel schloß den Zug . Mit beiden Armen gegen die Rückseite des Wagens gestemmt , schob er ihn kräftig vorwärts und half auch mit dem tief gesenkten Kopfe nach , sooft Leute des Weges kamen , die den Auswandernden entweder mit einem Blick des Mitleids folgten oder einen Trumpf auf Holubs wilde Schimpfreden setzten . Einige Tage später , an einem stürmischen grauen Septembermorgen , fand der Kirchendiener , als er , sich ins Pfarrhaus begebend , um dort die Kirchenschlüssel zu holen , an der Sakristei vorüberkam , die Tür derselben nur angelehnt . Ganz erstaunt und erst nicht wissend , was er davon denken sollte , trat er ein , sah die Schränke offen , die Meßgewänder auf den Boden zerstreut und der goldenen Borten beraubt . Er griff sich an den Kopf , schritt weiter in die Kirche , fand dort das Tabernakel erbrochen und leer . Ein Zittern befiel ihn . » Diebe ! « stieß er hervor , » Diebe ! « und er meinte , es fasse ihn einer am Genick , und wußte nicht , wie er aus der Kirche und über den Weg zur Pfarrei gekommen ... Der Pfarrer pflegte seine Tür nicht zu versperren . » Was sollen die Leute bei mir suchen ? « meinte er ; so brauchte der Sakristan nur aufzuklinken . Er tat es ... Schreck und Grauen ! Im Flur lag die greise Magd des Pfarrers ausgestreckt , besinnungslos , voll Blut . Wie der scharfe Luftzug durch die offene Tür über sie hinbläst , regt sie sich , starrt den Kirchendiener an und deutet mit einer schwachen , aber furchtbar ausdrucksvollen Gebärde nach der Stube des geistlichen Herrn . Der Sakristan , der dem Wahnsinn nahe ist , macht noch ein paar Schritte , schaut , stöhnt - und fällt auf die Knie , aus Entsetzen über das , was er sieht . Eine Viertelstunde später weiß das ganze Dorf : der geistliche Herr ist heute nacht überfallen und , offenbar im Kampf um die Kirchenschlüssel , ermordet worden , im schweren Kampf , das sieht man , darauf deutet alles hin . Über den Urheber der gräßlichen Tat ist niemand im Zweifel . Auch wenn die Aussagen der Magd nicht wären , wüßte jeder : der Martin Holub hat ' s getan . In Soleschau wird zuerst auf ihn gefahndet . Er war vor kurzem da , hat seine Kinder beim Gemeindehirten in Kost gegeben und ist mit seinem Weibe wieder abgezogen . Nach kaum einer Woche wurde das Paar in einer Diebsherberge an der Grenze entdeckt , in demselben Moment , in welchem Holub einen Teil der in Stücke gebrochenen Monstranz aus der Kirche von Kunovic an einen Hausierer verhandeln wollte . Der Strolch konnte erst nach heftigem Widerstand festgenommen werden . Die Frau hatte sich mit stumpfer Gleichgültigkeit in ihr Schicksal gefügt . Bald darauf traten beide in B. vor ihre Richter . Die Amtshandlung , durch keinen Zwischenfall gestört , ging rasch vorwärts . Von Anfang an behauptete Martin Holub , nicht er , sondern sein Weib habe das Verbrechen ausgeheckt und ausgeführt , und sooft die Unwahrscheinlichkeit dieser Behauptung ihm dargetan wurde , sooft kam er auf sie zurück . Dabei verrannte er sich in sein eigenes grob gesponnenes Lügennetz und gab das widrige , hundertmal dagewesene Schauspiel des ruchlosen Wichtes , der zum Selbstankläger wird , indem er sich zu verteidigen sucht . Merkwürdig hingegen war das Verhalten der Frau . Die Gleichförmigkeit ihrer Aussagen erinnerte an das bekannte : Non mi ricordo ; sie lauteten unveränderlich : » Wie der Mann sagt . Was der Mann sagt . « In seiner Anwesenheit stand sie regungslos , kaum atmend , den Angstschweiß auf der Stirn , die Augen mit todesbanger Frage auf ihn gerichtet . War er nicht im Saale , konnte sie ihn nicht sehen , so vermutete sie ihn doch in der Nähe ; ihr scheuer Blick irrte suchend umher und heftete sich plötzlich mit grauenhafter Starrheit ins Leere . Das Aufklinken einer Türe , das leiseste Geräusch machte sie zittern und beben , und erschaudernd wiederholte sie ihr Sprüchlein : » Wie der Mann sagt . Was der Mann sagt . « Vergeblich wurde ihr zugerufen : » Du unterschreibst dein Todesurteil ! « - es machte keinen Eindruck auf sie , schreckte sie nicht . Sie fürchtete nicht die Richter , nicht den Tod , sie fürchtete » den Mann « . Und auf diese an Wahnsinn grenzende Angst vor ihrem Herrn und Peiniger berief sich ihr Anwalt und forderte in einer glänzenden Verteidigungsrede , in Anbetracht der zutage liegenden Unzurechnungsfähigkeit seiner Klientin , deren Lossprechung . Die Lossprechung nun konnte ihr nicht erteilt werden , aber verhältnismäßig mild war die Buße , welche der Mitschuldigen an einem schweren Verbrechen auferlegt wurde . Das Verdikt lautete : » Tod durch den Strang für den Mann , zehnjähriger schwerer Kerker für die Frau . « Barbara Holub trat ihre Strafe sogleich an . An Martin Holub wurde nach der gesetzlich bestimmten Frist das Urteil vollzogen . 2 An den Vorstand der Gemeinde Soleschau trat nun die Frage heran : Was geschieht mit den Kindern der Verurteilten ? Verwandte , die verpflichtet werden könnten , für sie zu sorgen , haben sie nicht , und aus Liebhaberei wird sich niemand dazu verstehen . In seiner Ratlosigkeit verfügte sich der Bürgermeister mit Pavel und Milada nach dem Schlosse und ließ die Gutsfrau bitten , ihm eine Audienz zu gewähren . Sobald die alte Dame erfuhr , um was es sich handelte , kam sie in den Hof geeilt , so rasch ihre Beine , von denen eines merklich kürzer als das andere war , es ihr erlaubten . Das scharf geschnittene Gesicht vorgestreckt , die Brille auf der Adlernase , die Ellbogen weit zurückgeschoben , humpelte sie auf die Gruppe zu , die ihrer am Tore wartete . Der Bürgermeister , ein stattlicher Mann in den besten Jahren , zog den Hut und machte einen umfänglichen Kratzfuß . » Was will Er ? « sprach die Schloßfrau , indem sie ihn mit trüben Augen anblinzelte . » Ich weiß , was Er will ; aber da wird nichts daraus ! Um die Kinder der Strolche , die einen braven Pfarrer erschlagen haben , kümm ' r ich mich nicht ... Da ist ja der Bub . Wie er ausschaut ! Ich kenn ihn : er hat mir Kirschen gestohlen . Hat Er nicht ? « wandte sie sich an Pavel , der braunrot wurde und vor Unbehagen zu schielen begann . » Warum antwortet Er nicht ? Warum nimmt Er die Mütze nicht ab ? « » Weil er keine hat « , entschuldigte der Bürgermeister . » So ? Was sitzt ihm denn da auf dem Kopf ? « » Struppiges Haar , freiherrliche Gnaden . « Ein helles Lachen erscholl , verstummte aber sofort , als die Greisin den dürren Zeigefinger drohend gegen diejenige erhob , die es ausgestoßen hatte . » Und da ist das Mädel . Komm her . « Milada näherte sich vertrauensvoll , und der Blick , den die Gutsfrau auf dem freundlichen Gesicht des Kindes ruhen ließ , verlor immer mehr von seiner Strenge . Er glitt über die kleine Gestalt und über die Lumpen , von denen sie umhangen war , und heftete sich auf die schlanken Füßchen , die der Staub grau gefärbt hatte . Einer der plötzlichen Stimmungswechsel , denen die alte Dame unterworfen war , trat ein . » Allenfalls das Mädel « , begann sie von neuem , » will ich der Gemeinde abnehmen . Obwohl ich wirklich nicht weiß , wie ich dazu komme , etwas zu tun für die Gemeinde . Aber das weiß ich , das Kind geht zugrunde bei euch , und wie kommt das Kind dazu , bei euch zugrunde zu gehen ? « Der Bürgermeister wollte sich eine bescheidene Erwiderung erlauben . » Red Er lieber nicht « , fiel die Gutsfrau ihm ins Wort , » ich weiß alles . Die Kinder , für welche die Gemeinde das Schulgeld bezahlen soll , können mit zwölf Jahren das A vom Z nicht unterscheiden . « Sie schüttelte unwillig den Kopf , sah wieder auf Miladas Füße nieder und setzte hinzu : » Und die Kinder , für welche die Gemeinde das Schuhwerk zu bestreiten hat , laufen alle barfuß . Ich kenn euch « , wies sie die abermalige Einsprache zurück , die der Bürgermeister erheben wollte , » ich hab es lang aufgegeben , an euren Einrichtungen etwas ändern zu wollen . Nehmt den Buben nur mit und sorgt für ihn nach eurer Weise ; der verdient ' s wohl , ein Gemeindekind zu sein . Das Mädel kann gleich dableiben . « Der Bürgermeister gehorchte ihrem entlassenden Wink , hocherfreut , die Hälfte der neuen , seinem Dorfe zugefallenen Last losgeworden zu sein . Pavel folgte ihm bis ans Ende des Hofes . Dort blieb er stehen und sah sich nach der Schwester um . Es war schon eine Dienerin herbeigeeilt , welcher die gnädige Frau Anordnungen in bezug auf Milada erteilte . » Baden « , hieß es , » die Lumpen verbrennen , Kleider aussuchen aus dem Vorrat für Weihnachten . « Bekommt sie auch etwas zu essen ? fuhr es Pavel durch den Sinn . Sie ist gewiß hungrig . Seitdem er dachte , war es seine wichtigste Obliegenheit gewesen , das Kind vor Hunger zu schützen . Kleider haben ist schon gut , baden auch nicht übel , besonders in großer Gesellschaft in der Pferdeschwemme . Wie oft hatte Pavel die Kleine hingetragen und sie im Wasser plätschern lassen mit Händen und Füßen ! - Aber die Hauptsache bleibt doch - nicht hungern . » Sag , daß du hungrig bist ! « rief der Junge seiner Schwester ermahnend zu . » Jetzt ist der Kerl noch da ! Wirst dich trollen ? « hallte das Echo , das seine Worte weckten , vom Schlosse herüber . Der Bürgermeister , der schon um die Ecke des Gartenzauns biegen wollte , kehrte um , faßte Pavel am Kragen und zog ihn mit sich fort . Drei Tage dauerten die Beratungen der Gemeindevorstände über Pavels Schicksal . Endlich kam ihnen ein guter Gedanke , den sie sich beeilten auszuführen . Eine Deputation begab sich ins Schloß und stellte an die Frau Baronin das untertänigste Ansuchen : weil sie schon so dobrotiva ( allergütigst ) gewesen , sich der Tochter des unglücklichen Holub anzunehmen , möge Sie sich nun auch des Sohnes desselben annehmen . Der Bescheid , den die Väter des Dorfes erhielten , lautete hoffnungslos verneinend , und die Beratungen wurden wiederaufgenommen . Was tun ? » Das in solchen Fällen Gewöhnliche « , meinte der Bürgermeister ; » der Bub geht von Haus zu Haus und findet jeden Tag bei einem andern Bauern Verköstigung und Unterstand . « Alle Bauern lehnten ab . Keiner wünschte , den Sprößling der Raubmörder zum Hausgenossen der eigenen Sprößlinge zu machen , wenn auch nur einen Tag lang in vier oder fünf Wochen . Zuletzt wurde man darüber einig : Der Junge bleibt , wo er ist - wo ja sein eigener Vater ihn hingegeben hat : bei dem Spitzbuben , dem Gemeindehirten . Freilich , wenn die Gemeinde sich den Luxus eines Gewissens gestatten dürfte , würde es gegen dieses Auskunftsmittel protestieren . Der Hirt ( er führte den klassischen Namen Virgil ) und sein Weib gehörten samt den Häuslern , bei denen sie wohnten , zu den Verrufensten des Ortes . Er war ein Trunkenbold , sie , katzenfalsch und bösartig , hatte wiederholt wegen Kurpfuscherei vor Gericht gestanden , ohne sich dadurch in der Ausübung ihres dunkeln Gewerbes beirren zu lassen . Ein anderes Kind diesen Leuten zu überliefern wäre auch niemandem eingefallen ; aber der Pavel , der sieht bei ihnen nichts Schlechtes , das er nicht schon zu Hause hundertmal gesehen hat . So biß man denn in den sauren Apfel und bewilligte jährlich vier Metzen Korn zur Erhaltung Pavels . Der Hirt erhielt das Recht , ihn beim Austreiben und Hüten des Viehes zu verwenden , und versprach , darauf zu sehen , daß der Junge am Sonntag in die Kirche und im Winter sooft als möglich in die Schule komme . Virgil bewohnte mit den Seinen ein Stübchen in der vorletzten Schaluppe am Ende des Dorfes . Es war eine Klafter lang und breit und hatte ein Fenster mit vier Scheiben , jede so groß wie ein halber Ziegelstein , das nie aufgemacht wurde , weil der morsche Rahmen dabei in Stücke gegangen wäre . Unter dem Fenster stand eine Bank , auf welcher der Hirt schlief , der Bank gegenüber eine mit Stroh gefüllte Bettlade , in der Frau und Tochter schliefen . Den Zugang zur Stube bildete ein schmaler Flur , in dessen Tiefe sich der Herd befand . Er hätte zugleich als Ofen dienen sollen , erfüllte aber nur selten eine von beiden Bestimmungen , weil die Gelegenheiten , Holz zu stehlen , sich immer mehr verminderten . So diente er denn als Aufbewahrungsort für die mageren Vorräte an Getreide und Brot , für Virgils nie gereinigte Stiefel , seine Peitsche , seinen Knüttel , für ein schmutzfarbenes Durcheinander von alten Flaschen , henkellosen Körben , Töpfen und Scherben , würdig des Pinsels eines Realisten . Zwischen dem Gerümpel hatte Pavel eine Lagerstätte für Milada zurechtgemacht , auf der sie ruhte , zusammengerollt wie ein Kätzlein . Er streckte sich auf dem Boden dicht neben dem Herde aus , und wenn die Kleine im Laufe der Nacht erwachte , griff sie gleich mit den Händen nach ihm , zupfte ihn an den Haaren und fragte : » Bist da , Pavlicek ? « Er brummte sie an : » Bin da , schlaf du nur « , biß sie wohl auch zum Spaß in den Finger , und sie stieß zum Spaß einen Schrei aus , und Virgil wetterte aus der Stube herüber : » Still , ihr Raubgesindel , ihr Galgenvögel ! « Bebend schwieg Milada , und Pavel erhob sich unhörbar auf seine Knie , streichelte das Kind und flüsterte ihm leise zu , bis es wieder einschlief . Als er zum ersten Male ohne die Schwester zur Ruhe gegangen war , hatte er gedacht : Heut wird ' s gut , heut weckt er mich wenigstens nicht auf , der Balg . Am frühesten Morgen aber befand er sich schon auf der Dorfstraße und lief geraden Weges zum Schlosse . Das stand mitten im Garten , der von einem Drahtgitter umgeben war ; ein dichtes , immergrünes Fichtengebüsch verwehrte ringsum den Einblick in dieses Heiligtum . Pavel pflanzte sich am Tore auf , das dem des Hauses gegenüberlag , preßte das Gesicht an die eisernen Stäbe und wartete . Sehr lange blieb alles still ; plötzlich jedoch meinte Pavel , das Zuschlagen von Fenstern und Türen und verworrenes Geschrei zu hören , meinte auch die Stimme Miladas erkannt zu haben . Zugleich erbrauste ein heftiger Windstoß , schüttelte die toten Zweige von den Bäumen und trieb die dürren Blätter im rauschenden Tanze durch die Luft . Zwei Mägde kamen aus dem Dienertrakte zum Hause gelaufen ; eine von ihnen wäre beinah über den alten Pfau gestolpert , der im Hofe auf und ab stelzte . Er sprang mit einem so komischen Satz zur Seite , daß Pavel laut auflachen mußte . Im Schlosse und in seiner Umgebung wurde es nun lebendig ; es kamen auch Leute zum Gartentor ; wer aber durch dasselbe ein-und ausging , sperrte es langsam hinter sich ab . Es war das eine Einführung , die ihrer Neuheit wegen manchem Vorübergehenden auffiel . Das Gartentor absperren bei hellichtem Tage ; was soll denn das heißen ? Wird sich schwerlich lange halten , die unbequeme Einrichtung . Aber sie hielt sich doch zum allgemeinen und mißbilligenden Erstaunen der Dorfbewohner , und nach und nach erfuhr man auch ihren Grund . Dem Pavel wurde er durch Vinska , des häßlichen Hirten hübsche Tochter , in folgender Weise mitgeteilt : » Du Lump du , deine Schwester ist just so ein Lump wie du ! Die Petruschka aus der herrschaftlichen Küche sagt , daß die gnädige Frau es mit deiner Schwester treibt wie mit einem eigenen Kind , und deine Schwester will immer nur auf und davon . Darum wird das Schloß jetzt abgesperrt wie eine Geldtruhe . Wenn ich die gnädige Frau wäre , ich möcht solche Geschichten nicht machen ; was ich tät , weiß ich ... Deinen Vater hat man am Hals aufgehängt , deine Schwester würde ich an Händen und Füßen binden und an die Wand hängen . « Dieses Bild schwebte dem Pavel den ganzen Tag vor Augen , und nachts verschwamm es ihm mit einem andern , dessen er sich aus der Kindheit besann . Da hatte er gesehen , wie der Heger ein gefangenes blutjunges Reh aus dem Walde getragen hatte . Die Läufe waren ihm mit einem Strick zusammengeschnürt , und an denen hing es am Stock über des Hegers Rücken . Pavel erinnerte sich , wie es den schlanken Hals gebogen , die Ohren gespitzt und das Haupt emporzuheben gesucht ; er erinnerte sich der Verzweiflung , die dem feinen Geschöpf aus den Augen geschaut hatte . Im Traume kamen ihm diese Augen nun vor - aber wie Miladas Augen . Einmal rief er laut : » Bist da ? « richtete sich im Halbschlafe auf , wiederholte : » Bist da ? « tastete suchend umher und erwachte darüber völlig . Mit der Schnelligkeit des Blitzes , mit der Gewalt des Sturmes kam das verwaisende Gefühl der Trennung über ihn und warf ihn nieder . Der harte Junge brach in Tränen , in ein leidenschaftliches Schluchzen aus , weckte die Leute in der Stube , weckte die Häusler , seine Wandnachbarn , mit seinem Geheul . Die ganze Gesellschaft kam herbei , bedrohte ihn , und da er taub blieb für jede , auch die nachdrücklichste Ermahnung , wurde er mit vereinten Kräften zur Tür hinausgeschleudert . Das war eine tüchtige Abkühlung , selbst für den heißesten Schmerz . Pavel blieb eine Weile ganz ruhig und still auf der fest gefrornen Erde liegen . Die ihm völlig neue und gräßliche Empfindung einer ungeheuren Sehnsucht verminderte sich allmählich , und eine alte wohlbekannte trat an ihre Stelle : Trotz , kalter , wühlender Groll . Wartet , dachte er , wartet , ich werde euch ! ... Der Entschluß , ein Ende zu machen , war gleich da ; der Plan zu dessen Ausführung reifte langsam in Pavels schwerfälligem Kopf . Nachdem aber die große Anstrengung , ihn auszudenken , überstanden war , erschien dem Burschen alles übrige nur noch wie Spielerei . Er wollte ins Schloß eindringen , die Schwester entführen , mit ihr über die Berge in die Fremde gehen , sich als Arbeiter verdingen und nie wieder den Vorwurf hören , daß er der Sohn seiner Eltern sei . Mit dem Bewußtsein eines Siegers erhob Pavel sich vom Boden und ging in weitem Bogen hinter den Häusern des Dorfes dem Schloßgarten zu . Die Pfeife des Nachtwächters warnte freundlich vor den Wegen , die zu vermeiden waren . Auf den Feldern lag harter , hoher Schnee ; die Erde schimmerte lichter als der Himmel , an dem die bleiche Mondessichel immer wieder hinter treibendem Gewölk verschwand . Pavel gelangte ans Gartengitter , überkletterte es und ließ sich von oben in die Fichten und dann von Zweig zu Zweig zu Boden fallen . Da befand er sich nun im Garten , wußte auch , in welcher Gegend desselben , in der dem Dorf entgegengesetzten , der besten , die er hätte wählen können , für jetzt sowohl wie später zur Flucht . Von steigender Zuversicht erfüllt , ging er vorwärts ... immer geradeaus , und man muß zum Schlosse kommen . Was dann zu geschehen hätte , malte Pavel sich nicht deutlich aus ; er ging , Milada zu befreien , das war ihm herrlich klar , und mochte alles übrige Zweifel und Ratlosigkeit sein , der Gedanke erleuchtete ihm die Seele , den hielt er fest . Daß er jämmerlich zu frieren begann in seinen elenden Kleidern , daß ihm die Glieder steif wurden , grämte ihn nicht ; aber schlimm war ' s , daß immer tiefere Finsternis einbrach und Pavel alle Augenblicke an einen Baum anrannte und hinfiel . Wenn er auch das erstemal gleich wieder auf die Beine sprang , beim zweiten Male schon kam die Versuchung : Bleib ein wenig liegen , raste , schlafe ! Trotzdem aber erhob er sich mit starker Willenskraft , tappte weiter und gelangte endlich ans Ziel , das er sich vorgesetzt - ans Schloß . Hochauf schlug ihm das Herz , als er an die alte verwitterte Mauer griff . Weiß Gott , wie nahe er der Schwester ist ; weiß Gott , ob sie nicht in dem Zimmer schläft , vor dessen Fenster er jetzt steht , das er zu erreichen vermag mit seinen Händen ... Es könnte so gut sein - warum sollte es nicht ? und leise , leise fängt er an zu pochen ... Da vernimmt er dicht am Boden ein knurrendes Geräusch , auf kurzen Beinen kommt etwas herbeigekrochen , und ehe er sich ' s versieht , hat es ihn angesprungen und sucht ihn an der Kehle zu packen . Pavel unterdrückt einen Schrei ; er würgt den Köter aus allen seinen Kräften . Aber der Köter ist stärker als er und wohlgeübt in der Kunst , einen Feind zu stellen . Das Geheul , das er dabei ausstieß , tat seine Wirkung , es rief Leute herbei . Sie kamen schlaftrunken und ganz erschrocken ; als sie aber sahen , daß sie es nur mit einem Kind zu tun hatten , wuchs ihnen sogleich der Mut . Pavel wurde umringt und überwältigt , obwohl er raste und sich zur Wehr setzte wie ein wildes Tier . 3 Was Pavel im Schlosse gewollt , erfuhr niemand ; aber die Hartnäckigkeit , mit welcher er jede Auskunft verweigerte , bewies deutlich genug , daß er die schlechtesten Absichten gehabt haben mußte . Einbrechen wahrscheinlich oder Feuer anlegen , dem Kerl ist alles zuzutrauen . So sprach die öffentliche Meinung , und die mit Elternrechten ausgestattete Gemeinde beschloß Pavels exemplarische Züchtigung durch den Herrn Lehrer Habrecht in Gegenwart der sämtlichen Schuljugend . Der Lehrer , ein kränklicher , nervöser Mann , verstand sich äußerst ungern zur Ausübung des ihm zugemuteten Strafgerichts . Seine Ansicht war , daß solche vor einem jugendlichen Publikum vorgenommene Exekution demjenigen , an dem sie vollzogen wird , selten nützt , und denen , die ihr zusehen , immer schadet . » Dieses Vieh wird durch den Anblick ein noch ärgeres Vieh « , äußerte er , viel zu derb für einen Pädagogen . Man hatte , wenn auch nicht ganz überzeugt , seine Einwendung oft gelten lassen , dieses Mal fruchtete sie nichts . An dem Tage , der zur Bestrafung des nächtlichen Einschleichers bestimmt war , übernahm ihn denn der Lehrer seufzend aus den Händen der Schergen und führte ihn am Schopfe bis zur Tür der Schulstube . Hier blieb er stehen , hob den gesenkten Kopf des Knaben in