Keller , Gottfried Martin Salander www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Gottfried Keller Martin Salander I Ein noch nicht bejahrter Mann , wohlgekleidet und eine Reisetasche von englischer Lederarbeit umgehängt , ging von einem Bahnhofe der helvetischen Stadt Münsterburg weg , auf neuen Straßen , nicht in die Stadt hinein , sondern sofort in einer bestimmten Richtung nach einem Punkte der Umgegend , gleich einem , der am Orte bekannt und seiner Sache sicher ist . Dennoch mußte er bald anhalten , sich besser umzusehen , da diese Straßenanlagen schon nicht mehr die früheren neuen Straßen waren , die er einst gegangen ; und als er jetzt rückwärts schaute , bemerkte er , daß er auch nicht aus dem Bahnhofe herausgekommen , von welchem er vor Jahren abgefahren , vielmehr am alten Ort ein weit größeres Gebäude stand . Die reichgegliederte , kaum zu übersehende Steinmasse leuchtete auch so still prächtig in der Nachmittagssonne , daß der Mann wie verzückt hinsah , bis er von dem Verkehrstrubel unsanft gestört wurde und das Feld räumte . Aber der erhobene Kopf , die an der Hüfte gelind sich hin und her wiegende Reisetasche ließen erkennen , wie er vom Schwunge der Gedanken bewegt , von Genugtuung erfüllt dahinschritt , um Weib und Kinder aufzusuchen , wo er sie vor Jahren gelassen . Jedoch vergeblich forschte er zwischen der rastlosen Überbauung des Bodens nach Spuren früherer Pfade , die sonst zwischen Wiesen und Gärten schattig und freundlich hügelan geleitet hatten . Denn diese Pfade lagen auch weiterhin unter staubigen oder mit hartem Kies beschotterten Fahrstraßen begraben . Obgleich das alles seine Bewunderung stetig erhöhte , war er endlich doch angenehm überrascht , als er unvermerkt , um eine Ecke biegend , sich in einen Häuserwinkel versetzt fand , den er augenblicklich an seiner verjährten ländlichen Bauart wiedererkannte . Die vorspringenden Dächer , das rote Balkenwerk , die kleinen Vorgärtchen waren die nämlichen wie seit Menschengedenken . » Da ist ja der Zeisig ! « rief der Wandersmann , indem er stillstand und mit warmem Heimatgefühl die alte Lokalität betrachtete , » wahrhaftig der Zeisig ! Im Zeisig heißt es hier ! Wer kann sagen , warum einem eine solche Sache und ein solches Wort während sieben Jahren nicht ein einziges Mal eingefallen ist , und haben wir doch als Schüler hier so schönen Apfelmost getrunken , wenn wir einen Batzen besaßen ! Und der alte Brunnen steht auch noch , mit welchem man den Zeisigbauer aufzog , daß er Most und Milch daraus speise ! « In der Tat sprudelte aus der uralten Holzsäule das klare Bergwasser in denselben Trog , wie ehemals , und zwar durch den gleichen abgesägten Flintenlauf , der statt einer eisernen Brunnenröhre darin steckte . Diese Entdeckung erregte dem Mann eine neue Begeisterung . » Sei mir gegrüßt , ehrwürdiges Zeichen friedlicher Wehrkraft ! « dachte er halblaut ; » dies Rohr , das einst Feuer gesprüht , spendet das lautere Quellwasser für Mensch und Tier ! Aber schon hängt in jedem Hause , wie ich vernehme , das gezogene Gewehr und harrt der ernsten Prüfung ; möge sie der Heimat lange erspart bleiben ! « In diesem Augenblicke näherte sich ein Trupp spielender Kinder dem Brunnen , kleines Volk von zwei bis sechs Jahren . Letzteren Alters konnten zwei Knaben und überdies Zwillinge sein , weil sie genau dieselbe Größe , ganz ähnlich runde Köpfe mit dicken Backen und vor den Bäuchen aus gleichem Wachstuch geschnittene , mit Blümchen bedruckte Schürzen aufwiesen , offenbar ebensowohl als Auszeichnung wie zum Schutze der Kleider . Etwas seitwärts stand einsam ein bleicher Junge , der seinen achten Sommer zählen mochte und Anlaß zu einer kleinen Begebenheit bot , welche die Aufmerksamkeit des heimkehrenden Mannes von dem alten Flintenlauf ablenkte . Einer der beiden Schurzträger rief nämlich den einsamen Jungen hochmütig an : » Was tust du denn hier ? Was willst du ? « Als der Angerufene nicht antwortete und nur melancholisch herüberblickte , trat der andere Zwilling , die Hände auf dem Rücken , den beschürzten Bauch vorstreckend , näher hin und sagte patzig : » Ja , auf was wartest du hier ? « » Ich warte auf meine Mutter ! « erwiderte nun der Junge , unsicher werdend , ob er das Recht habe , dortzustehen . Der andere aber versetzte trocken und verächtlich wie ein Alter : » So , du hast eine Mutter ? « während sein Bruder laut auflachte und schrie : » Haha ! Der hat eine Mutter ! « Sogleich sang der ganze Kinderchor mit drollig nachgeahmtem Gelächter : » Der hat eine Mutter ! « Und nie hörte man ein fröhlicheres Lachen so kleiner Leute . Als ob das lustigste Ereignis sie königlich erheitere , holten sie immer ein neues » Hahaha « aus der Tiefe ihrer arglosen Kinderherzchen herauf und standen dabei im Kreise beisammen , innerhalb dessen ein zweijähriges Watschelbübchen , indem es sich mit den fetten Händchen die Seiten hielt , wiederholte : » Oh ! eine Moder hat der ! « Als dies Vergnügen , wie alles hienieden , allmählich sein Ende erreicht , fragte der mit der Reisetasche , der es wohl beobachtet hatte und nichts davon verstand , mit freundlichen Worten : » Warum lacht ihr Kinder so darüber , daß der Knabe eine Mutter hat ? Habt ihr denn keine Mutter ? « » Nein ! Wir sagen Mama ! « erklärte der eine Rädelsführer der Kleinen , und gleichzeitig nahm er einen Tonscherben von dem Boden , schöpfte Wasser aus dem Brunnenbecken und schleuderte es auf den Inhaber einer Mutter . Der verlor aber die Geduld . Er sprang herbei , um den bösen Zwilling ein weniges zu zausen , worauf beide Brüder zu zetern und » Mama ! Mama ! « zu schreien begannen . » Isidor ! Julian ! Was gibt ' s denn , was habt ihr wieder ? « ließ sich eine Stimme vernehmen , und aus einem der Häuser kam eine rüstige Frau , unzweifelhaft vom Waschzuber weg . Die feuchte Schürze war zurückgeschlagen , auf der einen Faust hielt sie einen modisch mit Blumen und Seide aufgeputzten Strohhut vor sich hin , während sie mit dem andern rotbraunen Arm den Schweiß von der Stirn zu wischen suchte und der ihr folgenden Putzmacherin schmälend zurief , der Hut sei nicht geraten , die Blumen stellten nichts Rechtes vor , sie wolle ebenso schöne und große , wie andere Frauenzimmer , und weiße Bänder statt der braunen . Sie wüßte nicht , warum sie nicht ebensogut weiße Bänder tragen dürfte , wie diese und jene , und wenn sie auch keine Rätin sei , so werde sie dereinst vielleicht eines oder zwei solcher Stücke zu Schwiegertöchtern bekommen ! Die Modistin , welche ihr den Hut inzwischen abgenommen , versetzte bescheiden schnippisch , es sei gut , daß die Bänder nicht schon weiß gewesen , sonst würden sie von den nassen Händen der Frau bereits verdorben sein , und es frage sich , ob diese befleckten braunen sauber herzustellen seien . Sie wollte sehen , was die Meisterin dazu sage . Hiermit legte sie den Hut wieder in die Schachtel , in der sie ihn hergetragen , und begab sich verdrießlich hinweg , indessen die Waschfrau ihr nachrief , sie solle nur machen , daß sie den Hut bis nächsten Sonntag erhalte , denn sie wolle damit zur Kirche gehen . Dann sah sie endlich nach ihren Buben Julian und Isidor , welche zu schreien nicht aufhörten , obgleich der fremde Knabe sich an seinen Standort zurückgezogen hatte . » Was ist denn mit euch ? Wer tut euch was ? « rief sie , worauf jene schrien : » Der dort will uns hauen ! « Nun aber mischte sich der stets aufmerksame Wandersmann in den Handel und belehrte die Frau , die beiden Jungen hätten den andern zuerst mit Wasser begossen und ihn ausgelacht , weil er nur eine Mutter und keine Mama besitze . » Das ist nicht schön von euch ! « sagte die Frau mit milder Zurechtweisung zu ihren Sprößlingen ; » er ist nicht schuld , wenn er arme oder ungebildete Eltern hat , und ihr könnt Gott danken , daß es euch besser geht ! « Der mit der Reisetasche konnte sich nicht enthalten , zu fragen , ob es denn hierzulande ein Zeichen von Armut oder Verwahrlosung sei , wenn unter dem Volke die Eltern noch Vater und Mutter genannt werden , und er tat diese Frage mit anständiger Wißbegier , ohne Spott , gewärtig , schon wieder etwas Neues , vielleicht Günstiges und Rühmliches zu erfahren . Die Frau aber sah ihn groß an , besann sich ein wenig , bis sie zu erkennen glaubte , daß es sich um einen unvorgesehenen unbefugten Angriff handle , und erwiderte alsdann mit geschärfter Betonung : » Wir sind hier nicht Volk , wir sind Leute , die alle das gleiche Recht haben , emporzukommen ! Und alle sind gleich vornehm ! Und für meine Kinder bin ich die Mama , damit sie sich nicht vor dem Herrenvolk zu schämen brauchen und einst aufrechten Hauptes durch die Welt gehen dürfen ! Jede rechte Mutter hat die Pflicht , dafür zu sorgen , weil es Zeit ist ! « » Was machst du denn für einen Lärm , Frau ? « sagte der hinzugekommene Mann derselben ; er setzte einen großen Korb voll gelber Rübchen neben den Brunnen nieder , indem er beifügte : » Da ist Gemüse zu waschen ! Ich will gleich das Beet umgraben und wieder ansäen ; die Buben können das Zeug abspülen ! Damit sie das Wasser im Trog nicht verunreinigen , gib ihnen einen Zuber , Frau , und achte doch darauf , daß dem Vieh das Trinkwasser nicht immer getrübt wird von den Kindern ! « Hierdurch schien die wackere Frau , in Gegenwart des Fremden , noch gereizter zu werden . Die Knaben seien jetzt ordentlich angezogen und sollen sich nicht schon wieder versauen ! Sie wolle die Rübchen nachher schon abspülen , wozu noch alle Zeit sei , denn sie würden erst am nächsten Morgen geholt . Und die Zwillinge riefen ihrerseits : » Vater , die Mama sagt , wir dürfen uns nicht versauen ! Was sollen wir nun tun ? Können wir laufen , wo wir wollen ? « Ohne die Antwort abzuwarten , sprangen sie mit den anderen Kindern davon ; der Fremde aber , statt ihrem Beispiel zu folgen , blieb immer noch stehen , in Nachdenken verloren über die neue Tatsache , daß der Mann der Mama doch ein einfacher Vater sei vor seinen Kindern , dabei auch freilich nicht soviel zu gelten schien , wie jene . In diesen Gedanken unterbrach ihn der Landwirt oder Gemüsegärtner und fragte : » Und was ist ' s mit dem Herrn hier , was wünscht er ? « » Er wird wohl nichts zu wünschen haben ! « rief die Frau dazwischen ; » er hat uns bloß Volk genannt und sich verwundert , wieso die Buben mir Mama rufen sollen ! « » Das war nicht so gemeint ! « sagte der Fremde lächelnd , » ich habe mich ja im Gegenteil über die Verfeinerung der Sitte hierzulande gefreut , über die zunehmende Gleichheit der Bürger ; gewahre nun aber doch , daß das Familienhaupt noch Vater genannt wird und nicht Papa ! Wie darf ich mir nun das wieder erklären ? « Die Frau blickte ärgerlich auf ihren Mann , der ihr in diesem Punkte genugsam Verdruß gemacht haben mochte , und verhielt sich im übrigen still . Der Mann seinerseits betrachtete den Fremdling nun ebenfalls mit prüfendem Blicke , wie vorhin die Frau , und als er dessen offenes und gutmütiges Gesicht wahrnahm , ließ er sich zu einer vertraulichen Rede herbei : » Seht , guter Freund ! Das ist eine Sache , wovon manches zu berichten wäre ! Die Gleichheit ist allerdings vorhanden und alle streben wir aufwärts . Am eifrigsten sind die Weiber dahinter her ; eine nach der andern nimmt jenen Titel an , wogegen wir Mannsleute bei unserer Hantierung dergleichen Zierat nicht brauchen können . Wir würden uns selbst auslachen , wenigstens einstweilen noch , und dann , was die Hauptsache ist , so würde man uns die Steuern hinaufschrauben , wenn wir den Papatitel annähmen . So hat der Herr Pfarrer in der Schulpflege zu verstehen gegeben , wo die Sache zur Sprache kam , weil ein Schulmeister einen Teil der Schüler mit Papa und Mama traktierte , wenn er von ihren Eltern zu sprechen hatte . Es waren dies natürlich solche Kinder , die schöne Geschenke brachten . Bei den Frauen , sagte der Pfarrer , habe das nicht soviel zu bedeuten , weil ihre Eitelkeit bekannt sei ; wenn aber die Mannsbilder sich Papa rufen ließen , so urkundeten sie hiemit , daß sie sich zu den Wohlhabenden und Fürnehmen rechnen , und da sie ohnehin zu wenig versteuern , so würde man sie bald höher einzuschätzen wissen . Es wurde dann auch sofort allen sechs Lehrern strengstens befohlen , in der Schule von Gleichheits wegen das Wort Papa zu vermeiden und bei reich und arm nur Vater zu sagen ! « Die Frau war schon bei Anfang dieser Rede zornig in ihre Küche zurückgelaufen ; der Landmann ging auch hastig seiner Wege , indem er sich besann , daß er noch genug zu tun und schon zu lang geschwatzt habe , und der Fremde stand allein auf dem stillen Platze . Erst jetzt las er an dem alten Hause die Inschrift » Gemüsegärtnerei und Milchwirtschaft von Peter Weidelich « . - » Also Weidelich heißen diese Leute « , sprach er vor sich hin , ohne selbst darauf zu achten . Er rieb sich sacht ein wenig die Stirne , wie einer , der nicht recht weiß , wo er sich im Augenblick befindet , bis er sich besann , daß er ja noch höchstens zehn Minuten zu gehen brauche , um die Seinigen zu sehen . Doch wie er sich wandte und den Fuß ansetzte , fiel ihm eine Hand auf die Schulter und eine Stimme fragte : » Ist das nicht der Martin Salander ? « Er war es wirklich ; denn er kehrte sich wie der Blitz um da er auf dem heimischen Boden zum ersten Mal seinen Namen hörte und nun auch das erste bekannte Gesicht erblickte . » Und du bist der Möni Wighart , wahrhaftig ! « rief er . Beide schüttelten sich die Hände , einander aufmerksam , aber nicht unerfreut betrachtend als gute alte Freunde , von denen keiner dem andern etwas zu danken oder je etwas von ihm gewollt hatte . Das ist immer eine gute Begegnung an der Schwelle jeglicher Heimat . Der genannte Möni oder Salomon schien um zehn Jahre älter als Herr Martin Salander , sah aber noch so frisch und sauber mit seinem Schnurr- und Backenbärtchen aus , wie ehemals , und trug denselben Rohrstock mit vergoldetem Hundekopf , wie vor zwanzig Jahren . Mit allen ordentlichen Leuten stand er auf du und du , obgleich keiner deutlich wußte , seit wann . Trotzdem hatte er nie einen Feind ; denn er war für jeden , der ihn traf , ein Ruhepunkt und eine Pause in den Sorgen und Gedanken , die ihn bewegten , oder auch , wenn der Betreffende just zerstreut dahintrieb , ein kommlicher Anhalt zur Sammlung . » Martin Salander ! Wer hätte das gedacht ! Und seit wann bist du wieder im Land ? Oder kommst du erst ? « fragte er abermals . » Soeben komm ich vom Bahnhof ! « war die Antwort . » Was du sagst ! Ich komme doch auch daher , trinke alle Tage meinen Kaffee dort und sehe , wer abgeht und ankommt , und habe dich nicht bemerkt ! Der Tausend noch einmal ! Soso , da ist der Martin Salander wieder ! Nicht wahr , du kommst gradenwegs aus Amerika ? « » Aus Brasilien , das heißt ich habe mich sechs Wochen in Liverpool aufgehalten in etwas Geschäften . Nun aber ist ' s Zeit , daß ich meine Frau aufsuche , habe seit einem halben Jahre keine Nachricht von ihr und meinen drei Kindern , sie müssen mich längst erwarten . Hoffentlich steht es gut mit ihnen ! « » Ja wo sind sie denn ? Hier oben auf der Höhe ? « Diese Frage tat der alte Freund nur mit halber Sicherheit seiner Stimme , und der andere schien auch etwas betreten , indem er erwiderte : » Ei freilich , sie hat ja seit Jahren eine kleine Sommerwirtschaft und Fremdenpension auf der Kreuzhalde gepachtet , es kann nicht sehr weit von hier sein ! « Bei sich selbst dachte er : Nun weiß der nichts davon oder tut wenigstens so ; ein Zeichen , daß er nicht ein einziges Mal dort war , der ewige Spaziergänger und Schoppenstecher ! Es muß also nicht glänzend gehen , und jedenfalls hat die arme Marie keinen vorzüglichen Wein zu verzapfen ! Die kleine Verlegenheit überspringend ergriff Wighart die Hand , welche Salander zum Abschiede bot , und hielt sie fest . » Ich würde gleich mitkommen ; das geht aber natürlich jetzt nicht gut an bei eurem ersten Wiedersehen , da kann man keine Störer und Gaffer brauchen ! Allein zehn Schritt von hier , um die Ecke , hat der alte Friedensrichter Hauser im roten Mann einen Letztjährigen , der trinkt sich wie Himmelsluft . Ich nehme bei schönem Wetter täglich ein Schöppchen davon . Nun tu ich es nicht anders , Meister Martin , du mußt zum Willkomm eine Flasche mit mir leeren ! In einem halben Stündchen , in zwanzig Minuten ist es getan und der Nachmittag ist noch lang ! Komm ! Mach keine Umstände ! Ich will durchaus das erste Glas mit dir trinken und verspreche , dich nicht lang aufzuhalten ! « Martin Salander , dessen Hand der gute alte Freund nicht fahren ließ , sträubte sich ernstlich , vom Verlangen nach Frau und Kindern beseelt , denen er so nahe war ; als ein so Weitgereister jedoch , der oft größere Umwege und Aufenthalte vergeblich gemacht und den sieben Jahren seiner Abwesenheit leicht eine Viertelstunde hinzufügen durfte , um der unverhofften Begegnung eine Ehre anzutun , gab er endlich nach . Er wußte zwar , daß es den geselligen Herrn vornehmlich gelüstete , in aller Eile etwas Näheres von seinen Schicksalen zu erfahren und nebst der Ankunft abends als der erste in der Stadt erzählen zu können ; aber auch er selbst empfand jetzt plötzlich ein Bedürfnis , über die Dinge in der Heimat von dem stets unterrichteten Manne Vorläufiges zu vernehmen . So wandte er sich denn , statt den Weg in die Kreuzhalde fortzusetzen , mit dem Möni Wighart in anderer Richtung hinweg und folgte diesem nach dem Roten Mann , einem Bauerngute , wo ein alt angesessener reicher Landwirt nebenher sein reingehaltenes Eigengewächs ausschenkte . Der Platz um den Brunnen war nun gänzlich still und leer ; nur in einer Ecke stand noch der Knabe , der auf die Mutter wartete und das jüngste Kind Salanders war , der eben hinweggegangen . II Die beiden Männer hatten in der Tat nicht weit zu gehen , bis sie das hinter Obstbäumen verborgene Haus fanden . Die Wohn- und Gaststube des Wirtes war leer , als sie eintraten ; eine Frauensperson , irgendwo beschäftigt , kam auf Wigharts Klopfen herbei . » Wo haben wir den Herrn Friedensrichter ? « fragte er , zugleich eine Flasche Wein bestellend . » Sie sind alle in den Reben , « gab die Magd zur Antwort , während sie eine weiße Flasche aus dem Schranke nahm , sie ins Wasser des blanken Kupferkessels tauchte , auf welchem ein halbmondförmiger geschuppter Fisch getrieben war , zu beiden Seiten die Namenszüge eines Vorfahren und darunter eine Jahrzahl aus dem achtzehnten Jahrhundert . Jene ging , den Wein frisch im Keller zu holen , indes die Gäste sich an den breiten Nußbaumtisch setzten . Martin Salander schaute sich um , holte tief Atem und sagte : » Wie ruhig und still ist es hier ! Seit sieben Jahren bin ich nicht hinter einem Tisch wie dieser gesessen ! « Durch die Fenster sah man nur Grünes , Apfelbäume , Wiesen und statt der blauen Luft , soweit der Blick zwischen den Stämmen und Ästen den Weg fand , im Hintergrunde den ansteigenden Weinberg , dessen Erde soeben sorgfältig gelockert wurde . Nur hie und da sah man von den gebückten Werkleuten einen Kopf aus dem Laube emportauchen , und man glaubte die sonnige Ferne selbst zu erblicken , in die er hinausschaute . » Sieben Jahre , bei Gott ! Ist es schon so lang , daß du fort bist , « sagte Wighart . » Und drei Monate ! « Die Magd brachte den Wein und ein paar Schnitte gutes Roggenbrot , und als die Gäste nichts weiter verlangten , ging sie wieder an ihre Arbeit . Wighart schenkte beide Gläser voll . » Also sei willkommen ! « begrüßte er , mit ihm anstoßend , wiederum den Heimkehrenden , der noch nicht ganz zu Hause war und vor der Zeit die Ruhe kostete ; » auf deine Gesundheit ! Aber gut siehst du ja schon aus , wirklich wie die Gesundheit selber ! Also laß uns annehmen , es sei dir gut gegangen und alles wohl gut gelungen ! « » Auf jede Art ist es mir gegangen ; doch habe ich mich gewehrt und getummelt und wenig geschlafen , das kann ich dir sagen , und endlich mich von dem Schlag erholt , der mich damals so schmählich getroffen hat . Es dauerte freilich länger , als ich meinte , daß es gehen würde ! « » Wenn ich nicht irre , so bist du durch eine Bürgschaft ins Unglück gekommen ? Ich war zu jener Zeit auf Reisen , und als ich wiederkam , hieß es , du seiest fort . « » Freilich , die Geschichte mit dem Louis Wohlwend ! « » Richtig ! Jeder nahm teil an deinem Mißgeschick , aber allgemein wurde auch gefragt , wie du dein Vermögen durch eine so unbedachte Handlung aufs Spiel setzen konntest ? « » Ich habe nichts aufs Spiel gesetzt , ich wollte nichts gewinnen , sondern einfach ein Gebot der Freundespflicht erfüllen , das heißt - ich glaubte eben nicht , daß es zum Zahlen käme , war vielmehr der Meinung , soviel mir noch vorschwebt , die Suppe würde wohl nicht so heiß gegessen werden , wie sie gekocht sei , und jeder wahre Freundesdienst sei mit einem Wagnis verbunden , sonst wäre es keiner . Wir waren im Lehrerseminar schon gute Freunde . Er lernte schwer und hielt sich deshalb an mich , dem es leichter ging ; vor den anderen schien es eher , als ob ich von ihm lernte , Gott weiß , wie es zuging ! Es machte mir jedoch Spaß , denn er war sehr drollig , zutraulich und gescheit , und wo zwei beieinander standen , trat er hinzu , selbst unter den Lehrern und Professoren . Mit diesen wußte er sich sehr ergötzlich zu benehmen , wenn die Jahresprüfungen dawaren . Er forschte nicht etwa , worüber sie ihn besonders fragen würden , sondern wußte ihnen geradezu beizubringen , was er wollte , das sie ihn fragen sollten , worauf er sich die bezüglichen Gegenstände extra von mir eintrichtern ließ oder wie ich es nennen soll . Es war , wie wenn er eine Gabe hätte , die Gedanken der Menschen mit wenig Wörtchen zu reihen , hin und her gehen zu lassen und aufzulösen , und doch war er nicht imstande , selbst eine dauernde Gedankenordnung festzuhalten . Aber alles war , wie gesagt , spaßhaft , und jeder ließ ihn gewähren . Er erhielt auch richtig die Verweserei einer ländlichen Elementarschule , wo es herrlich und in Freuden ging ; als er aber Realklassen übernahm , d.h. den Unterricht der größeren Kinder , begann er bald von Ort zu Ort zu rutschen und gab in kurzer Zeit das Schulmeistern auf . Ich hatte mich indessen noch zum Sekundarlehrer ausgebildet und ordentlich Fleiß darauf verwendet ; auch verwaltete ich die Schule , an die ich gewählt wurde , nicht allein mit der üblichen Begeisterung , sondern auch mit einigem Pflichtgefühl und bemühte mich redlich , die Schüler so durchgehend als möglich emporzuarbeiten . Ich freute mich schon der späteren Tage , wo ich manchem Landmann zu begegnen hoffte , der es mir danken würde , wenn er eine richtige Berechnung anstellen , ein Stück Feld ausmessen , seine Zeitung besser verstehen und etwa ein französisches Buch lesen könnte , alles ohne die Hand vom Pfluge zu lassen ! Allerdings hab ich es nicht erlebt ; denn die Buben schwanden einem vorweg aus den Augen und verkrochen sich in alle möglichen Schreibstuben . Keinen sah ich je wieder auf dem Feld und an der Sonne ! « Salander hielt inne und besann sich ; dann tat er einen leichten Seufzer und redete weiter : » Aber hab ich es denn besser gemacht ? Bin ich nicht selbst vom Pfluge weggelaufen ? « » Du meinst , als du den Lehrerberuf aufgabst ? « sagte Wighart , da der andere ein Weilchen wieder verstummte ; » wie bist du denn dazu gekommen ? « Vater und Mutter starben mir in der Heimat in derselben Woche an einem bösartigen Fieber . Im Stall war ihnen ein krankes Kälbchen zugrunde gegangen , das haben sie oberhalb des Hauses in der Wiese vergraben , unfern unserer guten Brunnenquelle , und sich so das Wasser in aller Unschuld vergiftet . Knecht und Magd entrannen dem Tode mit Not . Die Ursache ward erst später entdeckt . Mir aber wandelten sich Schreck und Trauer bald in eine große Unruhe , als ich mich im Besitze des elterlichen Vermögens sah , das nach dem Verkaufe des Hofes für einen Schulmeister artig genug ausfiel . Ich heiratete meine Frau , die mir schon länger in die Augen gestochen , und auch sie besaß bare Mittel . Da wurde es mir plötzlich zu eng in der friedlichen Schulstube , in der entlegenen Landschaft ; ich zog hierher , in die Stadt dort hinter den Bäumen , wollte mitten im Verkehr stehen , unter Erwachsenen , auf Freiheit und Fortschritt ausschauen , ein Geschäftsmann , ein Muster von Brotherrn sein , ja sogar noch den Militärdienst nachholen und Offizier werden , um meinen Mann zu stellen . Denn ich glaubte alles schuldig zu sein , weil ich etwas Vermögen besaß , das im Grunde doch kein Reichtum zu nennen war . Zunächst beteiligte ich mich an einer bescheidenen Gewebefabrik , die von einem kundigen Manne geleitet wurde ; daneben übernahm ich einen herrenlosen Handel mit Strohwaren ; nun , das ist dir ja bekannt , es ging gar nicht übel . Ich hielt mich fleißig und aufmerksam an die Sache , ohne der Welt den Rücken zu kehren . Da war denn auch der Louis Wohlwend ; der betrieb ein Kommissionsgeschäft , wie du auch weißt , nebst einigen Agenturen und war immer noch der gleiche zutuliche und vertrauliche Gesell und Hans in allen Gassen , von dem jeder den Eindruck empfing , daß es ihm gut gehe und er wohl wisse , was er wolle . Auch zu mir hielt er sich fleißig , sooft er Zeit fand , und bald stand ich im Rufe seines Spezialfreundes und wehrte mich nicht dagegen , obschon mir im stillen manches auffällig war , was ihm anhaftete . In einem Gesangverein , in den er mich einführte , bemerkte ich , daß er immer falsch sang ; ich dachte aber , er könne nichts dafür , und nachher beim Glase Wein war er umso kurzweiliger und beliebter , und er behauptete sich , trotzdem der Übelstand offenkundig , im zweiten Tenor . Das ärgerte mich zuletzt ernstlich ; er tat aber , als ob er keine Ahnung hätte , und am Ende sagte ich mir , das sei eigentlich auch ein Idealismus , wenn ein armer Teufel , der kein Gehör habe , durchaus singen wolle . Als ich eines Abends in der Weihnachtswoche an meinem Rechnungsabschluß saß mit dem Vorsatze , bis nach Mitternacht zu arbeiten , kam er , mich in seinen Verein abzuholen , wo Christbaum und Hauptvergnügen sei . Ich wollte nicht mitgehen ; er gab nicht nach , und da meine Frau mich ebenfalls zu gehen bat , mir die Erholung gönnend , tat ich es . Dies war der Unglückstag . Unterwegs kaufte ich zum Überflusse auch noch eine Gabe für den Christbaum , ein artiges Bildungsbuch in Goldschnitt , und erhielt bei der Verlosung dafür einen westfälischen Schinken . Als das Essen , das folgte , vorüber und die Rennbahn für die komischen Sänger , die Deklamanten und Travestanten eröffnet war , bestieg auch Louis Wohlwend das Podium , den Vortrag der Schillerschen Ballade Die Bürgschaft ankündigend und sogleich beginnend . Er wußte das Gedicht zu meiner Verwunderung auswendig und trug es mit einer gewissen Erregung oder Überzeugung , mit halb zitternder Stimme vor , aber mit durchgehend so verflucht falscher Betonung , daß die Wirkung mehr verdrießlich als lächerlich war . Unbewußt sprach er in jenem Tone ungebildeter Leute , welche klagend oder keifend ein Schriftstück vorlesen , dabei