Marlitt , Eugenie Die Frau mit den Karfunkelsteinen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Eugenie Marlitt Die Frau mit den Karfunkelsteinen 1 Tante Sophie hatte die Klammerschürze vorgebunden und nahm Wäsche von der Leine . Das Herz lachte ihr im Leibe , während sie unter den hochgespannten Seilen hinschlüpfte - frischgefallener Schnee , ja , was war der gegen das Weiß der bleichenden Tafeltücher und Leinenbezüge ? - Seit urvordenklichen Zeiten war stets das schönste Bleichwetter , sobald die Leinenschätze des ehrenwerten Hauses » Lamprecht und Sohn « an die Luft gebracht wurden - » selbstverständlich ! « Es sei das so gut ein Vorrecht wie das berühmte Kaiserwetter , meinte Tante Sophie immer mit listigem Augenzwinkern , denn es war jemand im Hause , der solche » Blasphemien « absolut nicht hören mochte ... Nun zog heute wieder die köstliche Sommerluft dörrend durch die feuchten Lakenreihen , und die Julisonne schien ihre ganze Kraft in dem mächtigen Viereck des Hofes zu konzentrieren . Ueber die Dächer schossen Schwalbenscharen , wie stahlglänzende Pfeile , in den Hof herein ; ihre Nester hingen an den steinernen Fenstersimsen in der Bel-Etage des östlichen Seitenflügels , und es war niemand da , der den kleinen Blauröcken wehrte , wenn sie auf den Simsen rasteten und in ihrem aufdringlichen Gezwitscher kein Ende fanden . Ja , es wehrte ihnen weder ein Menschenblick , noch eine fortscheuchende Handbewegung ; denn nie klang eines der Fenster droben in diesem Seitenbau , höchstens daß einmal im Jahre auf Stunden gelüftet wurde ; dann fielen die großblumigen Gardinen wieder zusammen und ließen es geduldig geschehen , daß ihnen die Sonne den letzten Farbenrest aus der morschen Seidenfaser sog. Das Haupthaus , dessen Fassade auf den vornehmsten Platz der Stadt hinausging , hatte der Zimmer und Säle genug , und der Bewohner waren nicht viele , da brauchte man die obere Zimmerflucht des östlichen Seitenflügels nicht . Die Leute sagten aber anderes . So hell und sonnig auch das angebaute Hinterhaus in die Lüfte stieg , und so friedlich es erschien mit seinen hohen , stillen Fenstern , es war doch der unheimliche Schauplatz eines Kampfes , eines fortgesetzten , gespenstigen Kampfes bis in alle Ewigkeit . So sagten die Leute draußen in Gassen und Straßen , und die darinnen widersprachen nicht . Warum auch ? Hatte es doch seit Anno 1795 , wo die schöne Frau Dorothea Lamprecht in dem Seitenflügel ihr Wochenbett abgehalten und da verstorben war , fast keinen dienstbaren Geist der Familie gegeben , der nicht wenigstens einmal die lange Schleppe eines weißen Nachtgewandes durch den Korridor hätte schleifen sehen , oder gar gezwungen gewesen war , sich halbtot vor Schrecken platt an die Wand des Ganges zu drücken , um die lange , hagere » Selige « im grauen Spinnwebenkleide an sich vorüberzulassen . Drum schliefe auch niemand droben in dem Hause , sagten die Leute . An dem » Unwesen « sollte ein Eidbruch schuld sein . Justus Lamprecht , der Urgroßvater des derzeitigen Familienoberhauptes , hatte seinem sterbenden Eheweibe , der Frau Judith , feierlich zuschwören müssen , daß er ihr keine Nachfolgerin geben wolle - es sei um ihrer zwei Knaben willen , sollte sie gesagt haben ; im Grunde aber war es glühende Eifersucht gewesen , die keiner anderen den Platz an der Seite ihres zurückbleibenden Ehemannes gegönnt . - Herr Justus hatte aber ein leidenschaftliches Herz gehabt , und seine schöne Mündel , die in seinem Hause gewohnt , nicht minder . Sie hatte gemeint , und wenn sie in die Hölle mit ihm müsse , sie lasse doch nicht von ihm und heirate ihn der neidischen Seligen zum Trotz und Tort . Und sie hatten auch zusammen gelebt , wie zwei Turteltauben , bis sich die schöne , junge Frau Dorothea eines Tages in den Seitenflügel zurückgezogen , um sich in der mit fürstlicher Pracht ausgestatteten Wochenstube ein neugeborenes Töchterchen in den Arm legen zu lassen . Herr Justus Lamprecht hatte gesagt , nun sei er auf dem Gipfel des Glückes ... Es war aber gerade strenger Winter gewesen , und just in der Weihnachtsnacht , wo draußen alles zu Stein und Bein gefroren , war mit dem Glockenschlag Zwölf langsam und feierlich die Thüre der Wochenstube nach dem Gange hinaus zurückgefallen , und die Selige war auf einer grauen Wolke , wie in Spinnweben gewickelt , hereingekommen . Und die Wolke , der Spinnwebenrock , und der häßliche Kopf mit der Spitzen-Dormeuse , alles war unter den seidenen Betthimmel gekrochen und hatte sich auf der Wöchnerin so fest zusammengekauert , als solle dem blühenden jungen Weibe das Herzblut ausgesogen werden . - Der Wartfrau waren Hand und Fuß gelähmt gewesen , und sie hatte sozusagen in einer Eisgrube gesessen , so mörderisch kalt war es von dem Spukwesen ausgegangen ; die Sinne waren ihr vergangen , und erst lange danach , als das Neugeborene geschrieen , war sie wieder zu sich gekommen . Ja , das war nun eine schöne Bescherung gewesen ! Die Thüre nach dem eisigkalten Gang hatte noch sperrangelweit offen gestanden , und von der bösen Frau Judith war auch nicht ein Rockzipfelchen mehr zu sehen gewesen , im Bette aber hatte Frau Dorothea aufrecht gesessen und unter heftigem Schütteln und Schaudern mit den Zähnen geklappert und ganz wirr nach dem Kind in der Wiege gesehen , und nachher war sie in Raserei verfallen , und nach fünf Tagen hatte sie , ihr totes Kindlein im Arm , im Sarge gelegen . - - Die Aerzte hatten gesagt , Mutter und Kind seien infolge heftiger Erkältung gestorben ; die pflichtvergessene Wärterin habe die Thüre schlecht verschlossen , sei eingeschlafen und habe verrückt geträumt - einfältiges Gewäsch ! - Wenn das alles so mit natürlichen Dingen zugegangen war , weshalb geschah es denn nachher , daß die schöne Verführerin oft schon im Abendzwielicht aus der ehemaligen Wochenstube gehuscht kam , und die graue Furie hinter ihr hersauste , um ihr von hinten die langen , dürren Arme würgend um den Hals zu schlingen ? - - - Die Firma » Lamprecht und Sohn « hatte zu Ende des vorigen Jahrhunderts noch mit Leinen gehandelt , und die öfter wiederholte Bezeichnung » Thüringer Fugger « sollte gar nicht übel auf ihr Ansehen gepaßt haben . - Dazumal hatte ihr großer Häuserkomplex am Markte einem Bienenstock geglichen , so lebendig war der Menschenverkehr gewesen . - Bis unter die Dächer hinauf sollten die Leinenballen aufgestapelt gewesen sein , und allwöchentlich waren mächtige Frachtwagen schwerbeladen in die weite Welt hinausgefahren . Tante Sophie wußte das alles ganz genau . Sie selbst hatte freilich jene Zeiten nicht gesehen ; aber in ihrem hellen Kopfe waren Familientraditionen , alte Geschäfts- und Tagebuchnotizen und die verschiedenen , oft kuriosen Nachlaßverfügungen so pünktlich registriert , wie sie kaum der Archivar einer Regentenfamilie in den Annalen sammelt . So war denn auch die alljährliche Julibleiche eine Zeit der Reminiszenzen . Da kamen uralte Wäschestücke auf die Leine , nicht der Benutzung wegen - bewahre ! - nur damit sie nicht vergilbten und in neue Brüche gelegt werden konnten . Und die eingewebten Jäger und Amazonen , die mythologischen und biblischen Figuren in dem Damastzeug mochten sich dann freilich jedesmal verwundern , wie still und anders es in dem Hofe geworden , daß von Flachspreisen und Webelöhnen kein Wort mehr fiel , kein hochgetürmter Frachtwagen durch die Thorwölbung des Packhauses rasselte , und das Schlagen der Webstühle in fast lautloser Stille erloschen war . - Es ging ja wohl öfter ein Flüstern und Rauschen durch den Hof , aber das kam vom Zugwind , der durch das Gesträuch und Gezweig fuhr - du lieber Gott , wie sich doch die Welt änderte ! - Grünes Blattwerk auf dem ehemaligen Geschäftstummelplatz , der dazumal nicht die ärmlichsten Grasspitzen zwischen seinem festen Bachkieselgefüge hatte aufkommen lassen ! Je nun , hatte sich doch das alte Steinpflaster im Laufe der Zeiten selbst nicht behaupten können ! Eine dichte Rasendecke lag jetzt auf dem etwas abschüssigen Terrain , schöne Rosenbäume schüttelten ihre buntfarbigen Blütenblätter über das weiche Gras her ; es rauschte junges strotzendes Lindenlaub vor dem westlichen Seitenflügel , der sogenannten Weberei , und das alte Packhaus , welches nach Norden hin den Hof abschloß , war von oben bis unten völlig umschnürt von dem grünen Schuppenpanzer des Pfeifenstrauches . Der Leinenhandel war längst vertauscht worden mit einer Porzellanfabrik , die sich außerhalb der Stadt , auf dem nahegelegenen Dorfe Dambach befand . Der gegenwärtige Chef des Hauses » Lamprecht und Sohn « war Witwer . Er hatte zwei Kinder , und Tante Sophie , die Letzte einer Seitenlinie der Familie , führte ihm die Wirtschaft , mit fleißigen Händen , in Zucht und Ehren und weiser Sparsamkeit . Und die lustige Tante mit der großen Nase und den gescheiten braunen Augen hielt es für den klügsten Einfall ihres ganzen Lebens , eine alte Jungfer geworden zu sein , dieweil auf diese Weise doch noch für ein Weilchen eine echte Lamprechtsphysiognomie aus der Hausfrauenstube auf den Markt hinausgucke . - Das klang nun freilich ebenso unangenehm nervenberührend für das Ohr der Frau Amtsrätin , wie die stehende Bemerkung über das Kaiserwetter ; aber die Frau Amtsrätin war eine sehr feine Dame , die zu Hofe ging , und Tante Sophie steckte stets die unschuldigste Miene auf , und so kam es nie zu einem Streit zwischen beiden . » Amtsrats « , die Schwiegereltern des Herrn Lamprecht , wohnten im zweiten Stock des Haupthauses . Der alte Herr hatte sein schönes Rittergut verpachtet und sich zur Ruhe gesetzt ; aber er hielt es in der Stadt nicht lange aus . Er ließ Frau und Sohn - seinen einzigen - oft allein und war weit mehr draußen in Dambach , in der Landluft , wo ihm der Wald und das Hasenrevier greifbar nahe lagen , und er in dem geräumigen , zu der Fabrik gehörigen Pavillon seines Schwiegersohnes hausen konnte , so oft und so lange er Lust hatte . - Es schlug vier auf dem nahen Rathaustürmchen ; und mit der Nachmittags-Kaffeestunde nahte das Bleichwerk seinem Ende . - Die Wäsche hatte sich allmählich in den riesigen Korbwannen weiß und hoch wie Schneehügel aufgetürmt , und Tante Sophie nahm zu allerletzt die Klammern behutsam von den kostbaren Wäschealtertümern . Aber da gab es ihr plötzlich einen förmlichen Stich durch das Herz . » Eine schöne Bescherung ! « rief sie ganz erschrocken und betreten der helfenden alten Magd zu . » Da guck ' her , Bärbe ! Das Tafeltuch mit der Hochzeit zu Kana ist aus dem Leim gegangen - es hat einen mächtigen Riß ! « » Ist auch alt genug - der reine Zunder ! - Alles hat seine Zeit , Fräulein Sophie ! « » Was du doch gescheit bist , alte , kluge Bärbe ! Das Sätzchen kann ich auch auswendig . - O je , der Schaden geht dem Speisemeister geradeswegs durch die ganze Physiognomie - da werde ich meine liebe Not mit dem Stopfen haben . « - Sie hielt das dünngewordene , morsche Gewebe prüfend gegen das Licht . » Ein altes Erbstück ist ' s freilich ! Die Frau Judith hat das Gedeck noch mit eingebracht . « Bärbe räusperte sich laut und schielte verstohlen nach den Fenstern des östlichen Seitenflügels empor . » Solche Leute , die keine Ruhe in der Erde haben , die muß man nicht so laut beim Namen nennen , Fräulein Sophie ! « rügte sie mit gedämpfter Stimme und entschieden mißbilligendem Kopfschütteln . » Justement in der Zeit nicht , wo es wieder umgehen thut - der Kutscher hat es erst gestern abend wieder weiß um die Gangecke laufen sehen - « » Weiß ? Na , dann ist ' s ja doch der Spinnwebenrock nicht gewesen ... Also der nette dicke Kutscher spielt sich auf das Sonntagskind in Eurer Gesindestube ? Das sollte nur der Herr wissen ! Ihr Hasenfüße wollt wohl sein Haus wieder einmal in aller Leute Mäuler bringen ? « - Sie zuckte die Achseln und schlug das Tafeltuch zusammen . » Mir , für meine Person , mir wäre das übrigens ganz egal . Es hört sich eigentlich gar nicht schlecht an , wenn die Leute sagen : die weiße Frau in Lamprechts Hause ! - Alt und angesehen genug sind die Lamprechts ja ! Den Luxus können wir uns schon erlauben , so gut wie die im Schlosse . « Diese letzten Worte waren offenbar nicht an die Adresse der Magd gerichtet - Tante Sophiens braune Augen zwinkerten lustig nach der Lindengruppe vor der Weberei . Dort funkelten ein paar Brillengläser auf dem feinen Nasenrücken der Frau Amtsrätin . Die alte Dame hatte ihren Papagei ein wenig ins Grüne heruntergetragen und hielt Wache bei ihm von wegen der Hauskatzen . Sie stickte , und neben ihr , am weißgestrichenen Gartentische , saß ihr Enkel , der kleine Reinhold Lamprecht , und schrieb auf seiner Schiefertafel . » Ich will nicht hoffen , daß Sie das ernstlich meinen , liebste Sophie ! « sagte die Frau Amtsrätin ; eine leichte Röte war in ihr Gesicht getreten , und die Augen blickten scharf über die Brille . » Mit solchen geheiligten Vorrechten spaßt man übrigens nicht ; das ist unziemlich - Strengere als ich würden sagen demokratisch ! « » Ach ja , das sähe denen schon ähnlich ! « lachte Tante Sophie . » Das sind solche , die auch am liebsten wieder mit Feuer und Schwert in der Welt hantieren möchten ! Aber muß denn der Mensch gleich ein Demokrat sein , wenn er nicht wie ein Wurm am Boden kriecht ? Bei denjenigen , die da wiederkommen , um die lebendigen Kreaturen ins Bockshorn zu jagen , ist doch kein Unterschied mehr , und die weiße Schloßfrau muß ebensogut erst aus einem Moderhäufchen steigen , wie dem Urgroßvater Justus sein schönes Dorchen auch ! « Die alte Dame rümpfte die feine , kleine Nase und schwieg indigniert . Sie legte ihren Stickrahmen weg und trat zu Bärbe . » Wie ist denn das - der Kutscher will gestern abend auch in dem Gange etwas gesehen haben ? « fragte sie gespannt . » Jawohl , Frau Amtsrätin , und der Schreck liegt ihm heute noch in allen Gliedern . Er hat oben in den guten Stuben bis zur Dämmerstunde die Fußböden gewichst , und nachher beim ' runtergehen ist ' s ihm gewesen , als wenn in dem Gange hinten eine Thüre sachte zugemacht würde - Frau Amtsrätin , in dem Gange , wo im ganzen Leben kein Thürschlüssel umgedreht wird ! Na , kurz und gut - es ist ihm freilich eiskalt über den Rücken gelaufen , und die Beine sind ihm bleischwer geworden ; aber er hat sich doch ein Herz gefaßt , ist ein paar Schrittchen auf die Seite geschlichen und hat um die Ecke geschielt . Und da ist ' s vor seinen Augen in den langen Gang hingehuscht , ganz schlank und schmächtig und schlohweiß von oben bis unten - « » Vergiß nur ja die schwarzledernen Handschuhe nicht , Bärbe ! « warf Tante Sophie ein . » Bewahr ' mich Gott , Fräulein Sophie , nicht einen schwarzen Faden hat das Unding an sich gehabt ! Und wie ' s um die andere Gangecke saust , da fliegt alles auseinander wie Schleierzeug und ist verschwunden gewesen , der Kutscher sagt , wie Rauch im Winde . Den bringen um die Dämmerstunde nicht zehn Pferde wieder bis an den Gang hin ! « » Wird auch gar nicht verlangt von der Heldenseele - der gehört in den Altweiberspittel mit seinem Spinnstubengewäsch ! « sagte Tante Sophie halb amüsiert , halb ärgerlich , und griff nach einer Serviette , um sie von der Leine zu nehmen ; aber in demselben Augenblick fuhr auch ihr Kopf herum . » Potztausend , was kömmt denn da für ein Fuhrwerk angerasselt ! Ja Gretel , bist du denn närrisch ? « Durch den hochgewölbten Thorweg des Haupthauses kam ein hübscher Kinderlandauer mit einem Gespann von zwei Ziegenböcken in den Hof hereingebraust . Die Lenkerin , ein Mädchen von ungefähr neun Jahren , stand aufrecht und hielt die Zügel stramm in den Händen . Der runde , breitrandige Strohhut war ihr nach dem Nacken zurückgesunken und schwebte , von den Bindebändern am Halse festgehalten , wie eine gelbe Heiligenscheibe hinter dem dunklen Gelock , das wild im scharfen Zugwind aufflog . Das Gefährt rollte bis zu den Linden , unter denen der kleine Reinhold saß ; da erst wurde mit einem kräftigen Ruck Halt gemacht , zum Schrecken des Papageien , der laut aufkreischte , während der Knabe von der Bank glitt . » Aber , Grete , du sollst ja nicht mit meinen Böcken fahren ! Ich will ' s nicht haben ! « zankte Reinhold weinerlich , und sein blasses , schmales Gesichtchen rötete der Zorn . » Es sind meine Böcke ! Der Papa hat sie mir geschenkt ! « » Ich thu ' s nicht wieder , ganz gewiß nicht , Holdchen ? « versicherte die Schwester , vom Wagen springend . » Geh , sei nicht böse ! - Hast mich noch lieb ? « - Der Kleine kletterte wieder auf seine Bank und ließ es nur widerwillig geschehen , daß sie ihn mit stürmischer Zärtlichkeit umfaßte . - » Siehst du , Hans und Benjamin wollen ja doch auch ihren Spaß haben ! Die armen Kerle sind so lange im Dambacher Stalle eingesperrt gewesen . « » Und du bist wirklich allein von Dambach hereingefahren ? « fragte die Frau Amtsrätin , Entrüstung und nachträglichen Schrecken in ihrer zarten Stimme . » Natürlich , Großmama ! Der dicke Kutscher kann doch nicht hinter mir im Kinderwagen sitzen ? - Der Papa ist nach Hause geritten , und ich sollte mit der Faktorin wieder im großen Wagen hereinfahren ; aber die Trödelei dauerte mir zu lange . « » Solch ein Unsinn ! Und der Großpapa ? « » Der stand im Hofthor und hielt sich die Seiten vor Lachen , wie ich vorbeisauste . « » Ja , du und der Großpapa ! Ihr seid mir « - die alte Dame verschluckte weislich den Rest ihrer scharfen Bemerkung und zeigte mit dem Finger empört auf Brust und Leib der Enkelin . » Und wie siehst du aus ? So bist du durch die Stadt gefahren ? « Die kleine Margarete riß an der Schleife am Halse , um sich von dem Hute zu befreien und streifte mit einem gleichgültigen Blick das gestickte Vorderblatt ihres weißen Kleides . » Heidelbeerflecken ! « sagte sie kaltblütig . » Es geschieht euch schon recht , warum zieht ihr mir immer weiße Kleider an ! Bärbe sagt ' s ja immer , Packleinwand wäre am besten für mich - « Tante Sophie lachte , und eine männliche Stimme fiel ein . Fast mit der kleinen Equipage zugleich war ein junger Mensch in den Hof gekommen , ein auffallend hübscher , neunzehnjähriger Jüngling , der Sohn der Frau Amtsrätin und ihr einziges Kind ; denn sie war die zweite Frau ihres Mannes und nur die Stiefmutter der verstorbenen Frau Lamprecht gewesen . Der junge Mann hatte einen Stoß Bücher unter dem Arm und kam vom Gymnasium her . Die Kleine streifte ihn mit einem finstern Blick . » Du brauchst gar nicht zu lachen , Herbert ! « murrte sie geärgert , während sie die Zügel der Böcke wieder aufnahm , um das Gespann nach dem Stalle zu bringen . » So ? Werde mir ' s merken , meine kleine Dame ! Aber darf man fragen , wie es mit den Schularbeiten steht ? Draußen beim Heidelbeeressen hat das gnädige Fräulein schwerlich seine französische Lektion repetiert , und ich möchte wissen , wie viel Kleckse das Schönschreibebuch heute abend zu verzeichnen haben wird , wenn die Aufgabe per Dampf erledigt werden muß - « » Keine ! Ich werde schon aufpassen und mir Mühe geben - gerade dir zum Trotz , Herbert ! « » Wie oft soll ich dir wiederholen , unartiges Kind , daß du nicht Herbert , sondern Onkel zu sagen hast ! « zürnte die Frau Amtsrätin . » Ach , Großmama , das geht ja nicht , und wenn er zehnmal Papas Schwager ist ! « entgegnete die Kleine unwirsch und mit allen Zeichen der Ungeduld die dunkle Lockenwucht aus dem Gesicht schüttelnd . » Wirkliche Onkels müssen alt sein ! Ich weiß aber noch ganz gut , wie Herbert mit Ziegenböcken gefahren ist und mit Bällen und Steinen die Fenster eingeworfen hat . Und vom Doktor war ihm das Obst verboten , und er hat doch immer ganze Hände voll Pflaumen heimlich aus der Tasche gegessen - ja wohl , das weiß ich noch sehr gut ! - Und jetzt ist er ja auch weiter nichts , als ein Schulfuchs , der noch mit den Büchern unter dem Arme geht . - Brr , Hans ! Wollt ihr warten ! « schalt sie auf das ungeduldige Gespann und faßte die Zügel fester . Bei der sehr laut gesprochenen , rückhaltslosen Kritik aus kindlichem Munde war der junge Mann dunkelrot geworden . Er lächelte gezwungen . » Du Naseweis , dir fehlt die Rute ! « preßte er zwischen den Zähnen hervor , während sein scheuverlegener Blick das gegenüberliegende Packhaus streifte . Die ein wenig schief hängende äußere Holzgalerie , die im oberen Stock vor den Schiebefenstern dieses alten Hauses hinlief , war auch laubenartig von dem Blattgeflecht des Pfeifenstrauches übersponnen ; nur da und dort ließ es Raum für Luft und Licht , indem es einen Rundbogen wölbte . Und in einer solchen grünen Nische blinkte es wie mattes Gold , und manchmal hob sich eine zarte , weiße Hand hinter der Brüstung , um wie träumerisch über das lockere Goldhaar hinzustreichen , oder sich hinein zu vergraben ... In diesem Augenblick aber blieb drüben alles still und unbeweglich . Die Frau Amtsrätin war die einzige , die das verstohlene Hinüberblicken des Sohnes bemerkt hatte . Sie sagte kein Wort , aber ihre Stirn zog sich finster zusammen , während sie dem Packhaus geflissentlich den Rücken wandte . » Liebste Sophie , mein Sohn hat recht - Gretchen wird von Tag zu Tag unmanierlicher ! « sagte sie hörbar gereizt zu Tante Sophie , wobei sie den Ständer mit ihrem Papagei ergriff , um ihn wieder hinaufzutragen . » Ich thue mein möglichstes , so oft das Kind oben bei mir ist , aber was hilft das alles , wenn hier unten über ihre Ungezogenheiten gelacht wird ? - Unsere selige Fanny war in Gretchens Alter schon völlig Dame ; sie hatte von klein auf Takt und Chic in bewunderungswürdiger Weise . Was würde sie sagen , wenn sie ihr Kind so wild und ungezügelt aufwachsen sähe , wenn sie hörte , wie das Mädchen so entsetzlich geradeheraus und unverblümt zu sprechen gewohnt ist ! - Ich verzweifle an irgend einem Resultat diesem Kopf gegenüber ! « » Hartes Holz , Frau Amtsrätin ! Daran läßt sich freilich schwer schnitzeln , « entgegnete Tante Sophie mit einem humorvollen Lächeln . » Ueber wirkliche Ungezogenheiten lache ich nie - da seien Sie ganz ruhig ! Aber damit macht mir unsere Gretel das Leben auch gar nicht sauer ... Mit den Knixen und Reverenzen mag ' s freilich schwer halten - das glaub ' ich Ihnen gerne ; und darin kann ich auch nicht helfen , denn ich bin keine von den sogenannten Weltpolitischen . Ich sehe nur immer darauf , daß dem Wildfang seine schöne Wahrheitsliebe verbleibt , daß das Kind nicht heucheln und schmeicheln und schöne Dinge sagen lernt , an die es selbst nicht glaubt . « Währenddem brachte die kleine Margarete , die bei dem Wort » Rute « empört aufgefahren war , als fühle sie bereits den Schlag , mit Bärbes Hilfe das Gefährt unter Dach und Fach , und Reinhold zeigte dem jugendlichen Onkel seine Schreibübungen auf der Schiefertafel . Der Knabe war von ausnehmend zarter Gestalt , ein dürftig zusammengeschmiegtes Figürchen mit matten , langsamen Bewegungen . » In der Gretel steckt ein Ueberschuß von Kraft , der will sich austoben ! « fuhr Tante Sophie fort . » Wollte Gott , unser stilles , blasses Jüngelchen da « - sie zeigte verstohlen nach dem Kleinen , und ihr Blick verdunkelte sich - » hätte ein Teil davon ! « » Ueber sogenannte Kraftmenschen habe ich meine eigene Ansicht , Liebste ! « entgegnete die Frau Amtsrätin achselzuckend . » Mir geht die distinguierte Ruhe über alles ! - Da sind wir übrigens wieder einmal bei dem alten Thema von Reinholds Schwächlichkeit - wenn Sie wüßten , wie Sie mich mit dieser ewigen Gespensterseherei irritieren ! Mein Gott , Lamprechts einzige Hoffnung , sein Kleinod ! - Nein , Gott sei Dank , unser Junge ist innerlich ganz gesund ! Der Doktor beteuert es , und ich zweifle nicht , daß Reinhold später einmal seinem Papa an Kraft und Gewandtheit nichts nachgeben wird ! « Diese Behauptung erschien sehr gewagt , wenn man das kümmerliche Menschenpflänzchen am Gartentische mit dem Mann verglich , der in diesem Augenblick in den Hof ritt . Herr Lamprecht kam von einer andern Seite , als sein Töchterlein , durch die Straße hinter seinem Besitztum , welche einst die mit Leinen befrachteten Wagen frequentiert hatten . Er kam in der letzten Zeit meist diesen Weg . - Sowie die Reitererscheinung aus dem Dunkel des tiefen Packhaus-Thorweges auftauchte , hatte sie etwas überaus Imposantes . Herr Lamprecht war ein auffallend schöner Mann , tannenschlank und dunkelbärtig , voll Feuer und Würde zugleich in Haltung und Bewegungen . » Papa , da bin ich ! Volle zehn Minuten früher als du ! Ja , die Böcke laufen anders als dein Luzifer , die laufen ganz famos ! « triumphierte Margarete , die bei dem Getrappel der Pferdehufen auf dem hallenden Thorwegpflaster aus der Stallthüre gesprungen kam . Das Geräusch des aufgestoßenen Thorflügels drunten brachte auch Bewegung in das grüne Versteck der Holzgalerie , das gerade über der Einfahrt lag - der blonde Kopf fuhr empor . - Vielleicht wurden das Grün der überhängenden Blätter und die altersdunkle Hauswand dahinter zur besonderen Folie und ließen die Maiblumenfrische des jungen Gesichts doppelt blendend hervortreten ; auf jeden Fall aber war das Mädchen im hellen Sommerkleide eine Gestalt , die sofort aller Blicke auf sich ziehen mußte . Sie bog sich , voller Neugierde , wie es schien , aus dem Blätterrundbogen ; dabei fielen zwei dicke Flechten vornüber und hingen jenseits des Geländers lang herab , so daß der Zugwind die blauen Bandschleifen an ihren Enden hin und her wehen machte . Und auf der Geländerbrüstung mochten Blumen liegen ; bei der hastigen Bewegung , mit welcher das Mädchen den Arm aufstützte , flogen ein paar schöne Rosen herab und fielen vor den Hufen des Pferdes auf das Pflaster nieder . - Das Tier scheute ; aber der Reiter klopfte ihm beruhigend den Hals und ritt in den Hof herein . Mit einem seltsam starren Blick , der weder rechts noch links zu sehen schien , zog er beim Näherkommen den Hut ; er war achtlos über die Blumen hingeritten und hatte nicht einmal emporgeblickt nach dem offenen Gange , von woher die duftenden Störenfriede gekommen - Herr Lamprecht war ein stolzer Mann , und die Frau Amtsrätin begriff vollkommen , daß er den Bewohnern des Hinterhauses wenig Beachtung schenke . Seine kleine Tochter dagegen schien anders zu denken . Sie lief bis zum Packhaus und hob die Blumen auf . » Sie binden wohl einen Kranz , Fräulein Lenz ? « rief sie nach dem Gange hinauf . » Ein paar Rosen sind heruntergefallen - soll ich sie Ihnen zuwerfen , oder hinaufbringen ? Ja ? « Keine Antwort erfolgte . Das junge Mädchen war verschwunden ; es mochte sich , erschrocken über das zurückscheuende Tier , in das Innere des Hauses geflüchtet haben . Herr Lamprecht stieg indessen vom Pferde . Er war nahe genug , um zu hören , wie seine Schwiegermutter mit mißbilligendem Erstaunen zu Tante Sophie sagte : » Wie kömmt denn Gretchen zu der Intimität mit den Leuten da drüben ? « » Intim ? - Davon weiß ich nichts . Ich glaube nicht , daß das Kind je die Treppe im Packhause hinaufgestiegen ist . Nichts als das gute Herz ist ' s , Frau Amtsrätin ! Die Gretel ist eben hilfreich gegen jedermann ; das ist die richtige Höflichkeit und mir tausendmal lieber als solche , die außen voller Komplimente sind und innerlich recht grob denken in bezug auf andere Menschen ... Es mag aber auch bei dem Kinde die Freude an der Schönheit sein - ich mach ' s ja nicht besser ! Mir lacht immer das Herz im Leibe , wenn ich das schöne Mädchen dort auf dem Gange hantieren sehe . « » Geschmacksache ! « warf die Amtsrätin leicht hin , aber ihre Stirn furchte sich in Mißmut , und ein finsterer Seitenblick streifte den Sohn , der sich tief über Reinholds Schiefertafel bückte . » Das blonde Genre hat nie Reiz für mich gehabt , « setzte sie mit ihrer stets sanften , gedämpften Stimme hinzu . » Uebrigens habe ich ja gewiß an Gretchens Zuvorkommenheit nichts auszusetzen ; es überrascht und freut mich vielmehr , daß sie auch höflich sein kann . Ich gehöre auch nicht zu solchen , die innerlich grob in bezug