Hölderlin , Friedrich Hyperions Jugend www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Friedrich Hölderlin Hyperions Jugend [ Fragment ] Erster Teil Erstes Kapitel In den ersten Jahren der Mündigkeit , wenn der Mensch vom glücklichen Instinkte sich losgerissen hat , und der Geist seine Herrschaft beginnt , ist er gewöhnlich nicht sehr geneigt , den Grazien zu opfern . Ich war fester und freier geworden in der Schule des Schicksals und der Weisen , aber streng ohne Maß , in vollem Sinne tyrannisch gegen die Natur , wiewohl ohne die Schuld meiner Schule . Der gänzliche Unglaube , womit ich alles aufnahm , ließ keine Liebe in mir gedeihen . Der reine freie Geist , glaubt ich , könne sich nie mit den Sinnen und ihrer Welt versöhnen . Ich kämpfte überall mit dem Vernunftlosen , mehr , um mir das Gefühl der Überlegenheit zu erbeuten , als um den regellosen Kräften , die des Menschen Brust bewegen , die schöne Einigkeit mitzuteilen , deren sie fähig sind . Stolz schlug ich die Hülfe aus , womit uns die Natur in jedem Geschäfte des Bildens entgegenkömmt , die Bereitwilligkeit , womit der Stoff dem Geiste sich hingibt ; ich wollte zähmen und zwingen . Ich richtete mit Argwohn und Härte mich und andre . Für die stillen Melodien des Lebens , für das Häusliche und Kindliche hatt ich den Sinn beinahe ganz verloren . Einst hatte Homer mein junges Herz so ganz gewonnen ; auch von ihm , und seinen Göttern war ich abgefallen . Ich reiste , und wünscht oft , ewig fortzureisen . Da hört ich einst von einem guten Manne , der seit kurzem ein nahes Landhaus bewohne , und ohne sein Bemühn recht wunderbar sich aller Herzen bemeistert habe , der kleineren , wie der größern , der meisten freilich , weil er fremd und freundlich wäre , doch wären auch einige , die seinen Geist verständen , ahndeten . Ich ging hinaus , den Mann zu sprechen . Ich traf ihn in seinem Pappelwalde . Er saß an einer Statue , und ein lieblicher Knabe stand vor ihm . Lächelnd streichelt ' er diesem die Locken aus der Stirne , und schien mit Schmerz und Wohlgefallen das holde Wesen zu betrachten , das so ganz frei und traulich dem königlichen Mann ins Auge sah . Ich stand von fern und ruhte auf meinem Stabe ; doch da er sich umwandte , und sich erhub , und mir entgegentrat , da widerstand ich dem neuen Zauber , der mich umfing , mit Mühe , daß ich mir den Geist frei erhielt , doch stärkte mich auch wieder die Ruhe und Freundlichkeit des Mannes . - Und wie ich wohl die Menschen fände auf meinen Wanderungen , fragt ' er mich nach einer Weile . Mehr tierisch , als göttlich , versetzt ich hart und strenge , wie ich war . O wenn sie nur erst menschlich wären ! erwidert ' er mit Ernst und Liebe . Ich bat ihn , sich darüber zu erklären . Es ist wahr , begann er nun , das Maß ist grenzenlos , woran der Geist des Menschen die Dinge mißt , und so soll es sein ! wir sollen es rein und heilig bewahren , das Ideal von allem , was erscheint , der Trieb in uns , das Ungebildete nach dem Göttlichen in uns zu bilden , und die widerstrebende Natur dem Geiste , der in uns herrscht , zu unterwerfen , er soll nie auf halbem Wege sich begnügen ; doch um so ermüdender ist auch der Kampf , um so mehr ist zu fürchten , daß nicht der blutige Streiter die Götterwaffen im Unmut von sich werfe , dem Schicksal sich gefangen gebe , die Vernunft verleugne , und zum Tiere werde , oder auch , erbittert vom Widerstande , verheere , wo er schonen sollte , das Friedliche mit dem Feindlichen vertilge , die Natur aus roher Kampflust bekämpfe , nicht um des Friedens willen , seine Menschlichkeit verleugne , jedes schuldlose Bedürfnis zerstöre , das mit andern Geistern ihn vereinigte , ach ! daß die Welt um ihn zu einer Wüste werde , und er zu Grunde gehe in seiner finstern Einsamkeit . Ich war betroffen ; auch er schien bewegt . Wir können es nicht verleugnen , fuhr er wieder erheitert fort , wir rechnen selbst im Kampfe mit der Natur auf ihre Willigkeit . Wie sollten wir nicht ? Begegnet nicht in allem , was da ist , unsrem Geiste ein freundlicher verwandter Geist ? und birgt sich nicht , indes er die Waffen gegen uns kehrt , ein guter Meister hinter dem Schilde ? - Nenn ihn , wie du willst ! Er ist derselbe . - Verborgnen Sinn enthält das Schöne . Deute sein Lächeln dir ! Denn so erscheint vor uns der Geist , der unsern Geist nicht einsam läßt . Im Kleinsten offenbart das Größte sich . Das hohe Urbild aller Einigkeit , es begegnet uns in den friedlichen Bewegungen des Herzens , es stellt sich hier , im Angesichte dieses Kindes dar . - Hörtest du nie die Melodien des Schicksals rauschen ? - Seine Dissonanzen bedeuten dasselbe . Du denkst wohl , ich spreche jugendlich . Ich weiß , es ist Bedürfnis , was uns dringt , der ewig wechselnden Natur Verwandtschaft mit dem Unsterblichen in uns zu geben . Doch dies Bedürfnis gibt uns auch das Recht . Es ist die Schranke der Endlichkeit , worauf der Glaube sich gründet ; deswegen ist er allgemein , in allem , was sich endlich fühlt . Ich sagt ihm , daß es mir sonderbar ginge mit dem , was er gesagt ; es sei so fremdartig mit meiner bisherigen Denkart , und doch scheine mir es so natürlich , als wär es bis jetzt mein einziger Gedanke gewesen . So kann ich ja wohl noch mehr wagen , rief er traut und heiter , doch erinnre mich zu rechter Zeit ! - Als unser Geist , fuhr er nun lächelnd fort , sich aus dem freien Fluge der Himmlischen verlor , und sich erdwärts neigte vom Aether , als der Überfluß mit der Armut sich gattete , da ward die Liebe . Das geschah am Tage , da Aphrodite geboren ward . Am Tage , da die schöne Welt für uns begann , begann für uns die Dürftigkeit des Lebens . Wären wir einst mangellos und frei von aller Schranke gewesen , umsonst hätten wir doch nicht die Allgenügsamkeit verloren , das Vorrecht reiner Geister . Wir tauschten das Gefühl des Lebens , das lichte Bewußtsein für die leidensfreie Ruhe der Götter ein . Denke , wenn es möglich ist , den reinen Geist ! Er befaßt sich mit dem Stoffe nicht ; drum lebt auch keine Welt für ihn ; für ihn geht keine Sonne auf und unter ; er ist alles , und darum ist er nichts für sich . Er entbehrt nicht , weil er nicht wünschen kann ; er leidet nicht , denn er lebt nicht . - Verzeih mir den Gedanken ! er ist auch nur Gedanke und nichts mehr . - Nun fühlen wir die Schranken unsers Wesens , und die gehemmte Kraft sträubt sich ungeduldig gegen ihre Fesseln , und der Geist sehnt sich zum ungetrübten Aether zurück . Doch ist in uns auch wieder etwas , das die Fesseln gerne trägt ; denn würde der Geist von keinem Widerstande beschränkt , wir fühlten uns und andre nicht . Sich aber nicht zu fühlen , ist der Tod . Die Armut der Endlichkeit ist unzertrennlich in uns vereiniget mit dem Überflusse der Göttlichkeit . Wir können den Trieb , uns auszubreiten , zu befreien , nie verleugnen ; das wäre tierisch . Doch können wir auch des Triebs , beschränkt zu werden , zu empfangen , nicht stolz uns überheben . Denn es wäre nicht menschlich , und wir töteten uns selbst . Den Widerstreit der Triebe , deren keiner entbehrlich ist , vereiniget die Liebe , die Tochter des Überflusses und der Armut . Dem Höchsten und Besten ringt unendlich die Liebe nach , ihr Blick geht aufwärts und das Vollendete ist ihr Ziel , denn ihr Vater , der Überfluß , ist göttlichen Geschlechts . Doch pflückt sie auch die Beere von den Dornen , und sammelt Ähren auf dem Stoppelfelde des Lebens , und wenn ihr ein freundlich Wesen einen Trank am schwülen Tage reicht , verschmähet sie nicht den irdnen Krug , denn ihre Mutter ist die Dürftigkeit . - Groß und rein und unbezwinglich sei der Geist des Menschen in seinen Forderungen , er beuge nie sich der Naturgewalt ! Doch acht er auch der Hülfe , wenn sie schon vom Sinnenlande kömmt , verkenne nie , was edel ist , im sterblichen Gewande , stimmt hie und da nach ihrer eignen Weise die Natur in seine Töne , so schäm er sich nicht der freundlichen Gespielin ! Wenn deine Pflicht ein feurig Herz begleitet , verschmähe den rüstigen Gefährten nicht ! Wenn dem Geistigen in dir die Phantasie ein Zeichen erschafft , und goldne Wolken den Aether des Gedankenreichs umziehn , bestürme nicht die freudigen Gestalten ! Wenn dir als Schönheit entgegenkömmt , was du als Wahrheit in dir trägst , so nehm es dankbar auf , denn du bedarfst der Hülfe der Natur . Doch erhalte den Geist dir frei ! verliere nie dich selbst ! für diesen Verlust entschädiget kein Himmel dich . Vergiß dich nicht im Gefühle der Dürftigkeit ! Die Liebe , die den Adel ihres Vaters verleugnet , und immer außer sich ist , wie mannigfaltig irrt sie nicht , und doch wie leicht ! Wie kann sie den Reichtum , den sie tief im Innersten bewahrt , in sich erkennen ? So reich sie ist , so dürftig dünkt sie sich . Sie trägt der Armut schmerzliches Gefühl , und füllt den Himmel mit ihrem Überfluß an . Mit ihrer eignen Herrlichkeit veredelt sie die Vergangenheit ; wie ein Gestirn , durchwandelt sie die Nacht der Zukunft mit ihren Strahlen , und ahndet nicht , daß nur von ihr die heilige Dämmerung ausgeht , die ihr entgegenkömmt . In ihr ist nichts , und außer ihr ist alles . Ihre Männlichkeit ist hin . Sie hofft und glaubt nur ; und trauert nur , daß sie noch da ist , um ihr Nichts zu fühlen , und möchte lieber in das Heilige verwandelt sein , das ihr vorschwebt . Aber sie fühlt sich so ferne von ihm ; die Fülle des Göttlichen ist zu grenzenlos , um von ihrer Dürftigkeit umfaßt zu werden . Wunderbar ! vor ihrer eignen Herrlichkeit erschrickt sie . Laß ihr das Unsichtbare sichtbar werden ! es erschein ihr im Gewande des Frühlings ! es lächl ' ihr vom Menschenangesichte zu ! Wie ist sie nun so selig ! Was so fern ihr war , ist nahe nun , und ihresgleichen , und die Vollendung , die sie an der Zeiten Ende nur dunkel ahndete , ist da . Ihr ganzes Wesen trachtet , das Göttliche , das ihr so nah ist , sich nun recht innig zu vergegenwärtigen , und seiner , als ihres Eigentums , bewußt zu werden . Sie ahndet nicht , daß es verschwinden wird im Augenblicke , da sie es umfaßt , daß der unendliche Reichtum zu nichts wird , sowie sie ihn sich zu eigen machen will . In ihrem Schmerze verläßt sie das Geliebte , hängt sich dann oft ohne Wahl an dies und das im Leben , immer hoffend und immer getäuscht ; oft kehrt sie auch in ihre Ideenwelt zurück ; mit bittrer Reue nimmt sie oft den Reichtum zurück , womit sie sonst die Welt verherrlichte , wird stolz , haßt und verachtet nun ; oft tötet sie der Schmerz der ersten Täuschung ganz , dann irrt der Mensch ohne Heimat umher , müd und hoffnungslos , und scheint ruhig , denn er lebt nicht mehr . Sie sind unendlich , die Verirrungen der Liebe . Doch überall möcht ich ihr sagen : verstehe das Gefühl der Dürftigkeit , und denke , daß der Adel deines Wesens im Schmerze nur sich offenbaren kann ! Kein Handeln , kein Gedanke reicht , so weit du willst . Das ist die Herrlichkeit des Menschen , daß ihm ewig nichts genügt . In deiner Unmacht tut sie dir sich kund . Denke dieser Herrlichkeit ! Denn wer nur seiner Unmacht denkt , muß immer mit Angst nach fremder Stütze sich umsehn , und wer sich beredet , er habe nichts zu geben , will immer nur aus fremder Hand empfangen , und wird nie genug haben . Denn würd ihm auch alles gegeben , es müßte doch mangelhaft vor ihm erscheinen . Auf dem schmalen Wege des Empfangens wird auch der Reichtum für uns zur Dürftigkeit . Wer umspannt den Olymp mit seinen Armen ? Wer faßt den Ozean in eine Schale ? Und welchem Auge stellte sich ein Gott in unverhüllter Glorie dar ? Es ist so unmöglich für uns , das Mangellose ins Bewußtsein aufzunehmen , als es unmöglich ist , daß wir es hervorbringen . Was blieb ' uns auch zum Tagewerk noch übrig , wenn die Natur sich überwunden gäbe , und der Geist den letzten Sieg feierte ? Doch soll es werden , das Vollkommene ! Es soll ! so kündet die geheime Kraft in dir sich an , woraus , vom heißen Strahle genährt , dein ewig Wachstum sich entwickelt . Laß deine Blüte fallen , wenn sie fällt , und deine Zweige dürre werden ! Du trägst den Keim zur Unendlichkeit in dir ! Erhalt ihn in der Dürftigkeit des Lebens ! Dein freier Geist verübe sein Recht unüberwindlich am Widerstande der Natur ! Wenn sie uns zum Kampfe fordert , will sie nicht , daß wir um Gnade rufen , sie schützt die Feigen nicht , sie straft den Schmeichler , wenn er im Hochgefühle seines Adels und seiner Macht der alten Kämpferin begegnen sollte , und wimmernd zu ihr spricht : Du meinst es gut , meine Freundin ! Ich gebe mich und meine Waffen dir . Den stößt des Schicksals eherner Wagen um , der seinen Rossen nicht mit Mut in die Zügel fällt . - Auch will die Natur nicht , daß man vor ihren Stürmen sich ins Gedankenreich flüchte , zufrieden , daß man der Wirklichkeit vergessen könne im stillen Reiche des Möglichen . Ergründe sie , die Tiefen deines Wesens , doch nur , um unüberwindlicher aus ihnen in den Kampf hervorzutreten , wie Achill , da er im Styx sich gebadet . Vollbringe , was du denkst ! - Wenn aber die Natur dir freundlich entgegenkömmt , im Gewande des Friedens , und lächelnd dir zu deinem Tagewerke die Hände reicht , wenn , freudig überrascht , im Sinnenlande dein Geist , wie in einem Spiegel , sein Ebenbild beschaut , die Formen der Natur zum einsamen Gedanken sich schwesterlich gesellen , so freue dich , und liebe , doch vergiß dich nie ! Verlaß dein Steuer nicht , wenn eine fröhliche Luft in deine Segel weht ! Entehre nicht des Schicksals gute Göttin ! du machst sie zur Sirene , wenn sie dich mit ihren Melodien in den Schlummer wiegt . Es ist das beste , frei und froh zu sein ; doch ist es auch das schwerste , lieber Fremdling ! - In seinen Höhn den Geist emporzuhalten , im stillen Reiche der Unvergänglichkeit , und heiter doch hinab ins wechselnde Leben der Menschen , auch ins eigne Herz zu blicken , und liebend aufzunehmen , was von ferne dem reinen Geiste gleicht , und menschlich auch dem Kleinsten die fröhliche Verwandtschaft mit dem , was göttlich ist , zu gönnen ! Gewaffnet zu stehn vor den feindlichen Bewegungen der Natur , daß ihre Pfeile stumpf vom unverwundbaren Geschmeide fallen , doch ihre friedlichen Erscheinungen mit friedlichem Gemüte zu empfangen , den düstern Helm vor ihnen abzunehmen , wie Hektor , als er sein Knäblein herzte ! Des Lebens Nächte mit dem Rosenlichte der Hoffnung und des Glaubens zu beleuchten , doch die Hände nicht müßig fromm zu falten ! was wahr und edel ist , aus fesselfreier Seele den Dürftigen mitzuteilen , doch nie der eignen Dürftigkeit zu vergessen , dankbar aufzunehmen , was ein reines Wesen gibt und der brüderlichen Gabe sich zu freuen ! Dies ist das Beste ! so lehrte mich - ich ehre sie - die Schule meines Lebens . - Der seltne Mann erschien vor meinem Innern so sanft und groß . Froh bot ich ihm die Hand , und dankte , und sagt ihm meinen Irrtum . Nur zu lange , rief er , irrt auch ich , und die Geschichte meiner Jugend ist ein Wechsel widersprechender Extreme ; ich kenne das , wo wir traurend und verarmt des hohen Eigentums nicht gedenken und alles ferne wähnen , was wir doch in uns finden sollten , und das verlorne in der Zukunft suchen und in der Gegenwart , im ganzen Labyrinthe der Welt , in allen Zeiten und ihrem Ende ; ich kenn auch das , wo das feindliche verhärtete Gemüt jede Hülfe verschmäht , jedes Glaubens lacht in seiner Bitterkeit , auch die Empfänglichkeit für unsre Wünsche der guten Natur mißgönnt , und lieber seine Kraft an ihrem Widerstande mißt . Doch auch diesen Verirrungen gönn ich itzt oft einen freundlichen Blick , wenn sie mir erscheinen . Wie sollt ich sie noch mit Strenge bekämpfen ? Sie schlummern friedlich in ihrem Grabe . Wie sollt ich sie aus meinem Sinne bannen ? Sie sind doch alle Kinder der Natur , und wenn sie oft der Mutter Art verleugnen , so ist es , weil ihr Vater , der Geist , vom Geschlechte der Götter ist . Genügsam hält sich ewig in ihrer sichern Grenze die Natur ; die Pflanze bleibt der Mutter Erde treu , der Vogel baut im dunkeln Strauche sein Haus , und nimmt die Beere , die er gibt ; genügsam ist die Natur , und ihres Lebens Einfalt verliert sich nie , denn sie erhebt sich nie in ihren Forderungen über ihre Armut . Genügsam ist der mangellose Geist , in seiner ewigen Fülle , und in dem Vollkommenen ist kein Wechsel . Der Mensch ist nie genügsam . Denn er begehrt den Reichtum einer Gottheit , und seine Kost ist Armut der Natur . - Verdamme nicht , wenn in dem Sinnenlande das niebefriedigte Gemüt von einem zum andern eilt ! es hofft Unendliches zu finden : durch die Dornen irrt der Bach ; er sucht den Vater Ozean . Wenn sein vergessen , des Menschen Geist über seine Grenze sich verliert , ins Labyrinth des Unerkennbaren , und vermessen seiner Endlichkeit sich überhebt , verdamme nicht ! Er dürstet nach Vollendung . Es rollten nicht über ihr Gestade die regellosen Ströme , würden sie nicht von den Fluten des Himmels geschwellt . Der schöne Knabe , der indes im Garten sich beschäftigt hatte , kam und bracht uns Blumen , erzählt ' uns auch manches , und wies uns das goldne Feuer über den Gebirgen . Es war schon Abend geworden . Ich nahm die freundliche Herberge mit Dank an . Das Leben ist nicht so reich , daß wir ein reines Wesen , wie der Mann war , den ich gefunden hatte , so schnell verlassen könnten . ------------- Zweites Kapitel Noch denk ich gerne des Morgens , der uns jetzt umfing , und wie sein Zauber uns verjüngte . Doch fand ich nie ein treues Bild für meine goldnen Stunden , um andern zu verkünden , was ich genoß . Die Natur gab ihren Mutterpfennigen ein ungangbares Gepräge , damit wir sie nicht , wie Scheidemünze , verschleudern sollten . Auch mir war sie lange fremd gewesen , diese Ruhe und Regsamkeit , wo alle Kräfte ineinander spielen , wie die stillen Farben am Bogen des Friedens . Es war ein heiterer blauer Apriltag . Wir setzten uns in den Sonnenschein , auf den Balkon ; es säuselten um uns die Zweige und durch die sonntägliche Stille tönte ferner Türme Geläut und gegenüber das Spiel der Orgel vom Hügel der Kapelle . Du machtest mich begierig , fing ich endlich an , auf die Geschichte deines jugendlichen Lebens - Ich bin auch itzt gerade gestimmt , unterbrach er mich freundlich , die wunderbaren unschuldigen Gestalten erscheinen zu lassen , auch die wildern . Du bleibst so lange bei mir , bis ich zu Ende bin . Ich gestehe dir , ich mußte mich lange von ihnen ferne halten um deswillen , was ich verlor , ich mußte mich hüten vor den Freuden und Schmerzen der Erinnerung , ich war , wie eine kranke Pflanze , die die Sonne nicht ertragen kann . Drittes Kapitel tum der Heroen , unter den Augen der Miltiade und Aristide , beim Wettgesange der edeln Dichter und im Kampfspiel , wo der Lorbeer winkte ! und deine Gespielen - du hättest sie gewiß recht lieb gewonnen , die starken bildsamen Jünglinge ! ihr hättet euch in eures Herzens Fröhlichkeit eure Geheimnisse vertraut , wie es euch schmerze , noch nichts getan zu haben , wie ihr oft in der Stille über euch trauertet vor dem Bilde eines Helden , wie ihr nicht lassen könntet von der Liebe zum Lorbeer , und euch oft berauschtet im Gedanken der Unsterblichkeit , ihr hättet euch gefreut , daß es einem ergehe , wie dem andern , und kühn geschworen , des Herzens Triebe Genüge zu tun . - Nun ist es freilich anders , gutes Herz ! Du siehest vor dir , wie es ist . Aber laß dich das nicht irren ! - Siehe das Licht des Himmels an ! Bedarf es fremden Feuers , um zu leuchten und zu wärmen ? bedarf es eines Dankes , um wohlzutun ? und wenn sich die Erde mit Dünsten umwölkt , und seine reinen Strahlen nicht aufnimmt , in ihr Innres , leuchtet es minder , wie sonst ? So sei auch du ! Denk und tue , wie du sollst , und siehe nicht um dich ; und wenn der kleinen Menschen kleiner Tadel in deinem sichern Gange dir nachtönt , so denke dir recht lebendig , wie der arme Perser den ungehorsamen Ozean peitschte ! - Es ist dein liebster Gedanke , zu werden , wie die Herrlichen , die einst waren . Erhalt ihn ! werde nicht mutlos ! Gib dich nie auf halbem Wege zufrieden ! Verweile nicht an Armseligkeiten ! Sei still und harre , bis deine Zeit kömmt ! Lebe in Gemeinschaft mit deinen Heroen ! Du findest ihresgleichen schwerlich so bald unter den Lebendigen . Bewahre dich , junge Seele ! Du gehörst einer andern Welt . Befasse dich nicht zu viel mit dieser , bis deine Zeit kommt , und du unter ihr wirkst . Nähre dein Herz mit der Geschichte besserer Tage , suche nichts unter den jetzigen ! Das wenige , was sie dir geben , ist , wenigstens jetzt , nicht für dich . - Denke meiner Worte , Lieber ! wenn ich ferne bin . Ich muß dich bald verlassen . Wer weiß ? es könnten die letzten Worte sein , die ich dir sagte ! Wenn ich sterbe , so sterb ich mit der Hoffnung , daß mein bestes Leben fortdaure in dir und denen , die du einst bildest , daß sie wieder in andern pflanzen , was in ihnen reifte durch dich . Und was sprech ich von mir ? Stehet ihr wieder auf im Geiste meines Lieblings , ihr Herrlichen , die ihr schläft unter den Trümmern des gefallenen Griechenlands ! verjüngt euch wieder in ihm , ihr alten Tugenden von Athen und Sparta ! o kehret wieder , goldne Tage , Tage der Wahrheit und der Schönheit , kehret wieder in ihm ! - Er sah , daß ich zu tief erschüttert war , um noch zu hören , auch ihm mochte zu viel sich aufdringen , um es der jungen Seele mitzuteilen . Er umschlang mich schweigend , innigst bewegt , ich Glücklicher ! in seinen Armen barg ich meine heftigen Seufzer und meine Tränen . Wir fuhren zurück nach Tina , und , wie ich ihn des andern Tags besuchen wollte , war er fort . ------------- Viertes Kapitel Ich trauerte lang um meinen Freund . Im Innersten betrübt dacht ich oft , wenn ich an seinem Hause vorüberging , wie er vormals dagestanden wäre am Fenster , und mir entgegengenickt hätte , wenn ich die Straße heraufgekommen wäre , und wenn die Türe offen stand , sah ich wehmütig hinein in den dunkeln Vorsaal , und hörte seine Stimme wieder , wie er mir die Treppe herunter nachrief : schlaf wohl , lieber Junge ! wenn das Volk versammelt war , und von ungefähr die Farbe seines Mantels mir erschien , erschrak ich , als wär er da , und wenn ich einen Schiffer hörte , wie er von seiner Fahrt sprach , und von fremden Menschen , die er gesehn , glaubt ich immer , es müßt ihm auch der Herrliche , den ich liebte , bekannt sein ; oft , wenn ich draußen herumging , weilte mein Blick am Horizont ; dort wär er wohl hinausgefahren , dacht ich , und meine Tränen rannen ins Meer . Der kleinste Laut , den ich von ihm im Herzen bewahrte , war mir heilig , wie der letzte Wille eines Verstorbenen . Ich folgte ihm fast zu treu . Ich verschloß mich , so sehr ich nur konnte vor den Menschen . Neben den Geistern des Altertums fand nur er in meiner Seele Platz . Mein Herz gehörte denen , die ferne waren . Wo ich ging und stand , geleiteten mich die ehrwürdigen Gestalten . Wie Flammen , verloren sich in meinem Sinne die Taten aller Zeiten , die ich kannte , ineinander . Nur Ein großer Sieg waren für mich die hundertfältigen Siege der Olympiaden . Was durch Jahrhunderte getrennt war , versammelte sich vor meinem jugendlichen Geiste . Ich vergaß mich so ganz über all der Größe , die mich umgab . So war ich allmählich herangewachsen . Ich fing jetzt an , mich über mich selbst zu befragen . Ich kehrt itzt oft von den Halbgöttern , denen mein Herz gehörte , auf mich zurück ; ich maß , und erschrak über mein Nichts . Mein ganzes Wesen raffte sich auf , dem tödlichen Schmerze zu entgehen , der im Gefühle meines Mangels lag . Ich wollt im härtesten Kampfe mir einen Wert erringen . Aber wo sollt ich ? - Ach ! ich hätte gerne eine Stunde aus eines großen Mannes Leben mit Blut erkauft . Traurend sah ich itzt oft in meinen Plutarch , und bittre Tränen rannen mir aufs Blatt . Oft wenn über mir die Gestirne aufgingen , nannt ich ihre Namen , die Namen der Heroen , die einst auf Erden lebten - erbarmt euch meiner , ihr Göttlichen , rief ich , laßt mich vergessen , was ihr wart , oder tötet mich mit eurer Herrlichkeit , ihr seligen Jünglinge ! - Ich suchte endlich Trost unter den Menschen . Was ich mir selbst nicht geben konnte , dacht ich unter andern zu finden . Man hatte mir schon oft gesagt , es würde mir gut sein , wenn ich nicht so sehr einsam lebte . Man würde so leicht exzentrisch in seinen Meinungen bei gänzlicher Zurückgezogenheit . In der Gesellschaft lerne man die Fülle des Guten friedlich unter sich teilen , man lerne , aus sich nicht Alles zu machen , aus andern auch nicht , und sich zu begnügen mit dem , was jedem beschieden sei , man lerne Geduld , und das wäre Gewinns genug . Aber ich war damals so gar nicht gestimmt , etwas Verständiges der Art auf mich wirken zu lassen . Ich trat mit ganz andrem Sinne unter die Menschen . Es ist sonderbar , wie ein jugendlich Gemüt oft in die Kinderspiele des Lebens so viel Gehalt legt . Es war mir unbegreiflich , wie die Menschen so befriedigt zurückkommen könnten von ihren kleinen Festen , wenn nicht seltne Dinge dabei zu finden wären . Wenn ich mir dachte , daß ich dort wohl auch so fröhlich werden könnte , wie sie , wie unendlich viel mußt ich erwarten ! Auch versprach mir jedes ehrliche Gesicht so viel . Ich habe manchen vergöttert , im ersten Augenblicke , der sich recht sehr begnügte mit seiner Menschlichkeit . Mit Bedauren denk ich daran , wie ich itzt oft mit all meiner Liebe trachtete , ein herzlich Lächeln zu erbeuten , wie ich oft in einem Worte meine ganze Seele gab , und einen witzigen Spruch dafür zurückbekam , wie bei einem andern ein wenig Gutmütigkeit mich so innig freute , und wie ich mich verstanden glaubte von ihm , bis auch er mitteilte , was ihm am Herzen lag , und ich dann Dinge hörte , woran ich so gar keinen Wert finden konnte , wie ich dastand und huldigte vor prächtigen Sentenzen - ach ! wie ich oft glaubte , das Unnennbare zu finden , das mein werden sollte , dafür , daß ich mich selbst an das Geliebte verlor ! - Das arme Wesen dachte , zwei Menschen könnten sich Alles sein , dacht oft wirklich den heiligen Tausch getroffen zu haben , wo