Anzengruber , Ludwig Der Sternsteinhof www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ludwig Anzengruber Der Sternsteinhof I Ein Gußregen war herniedergerauscht . Wallend und gischend schoß das sonst so ruhige Wässerlein zwischen den zwei Hügeln dahin ; auf der Höhe des einen stand ein großes , stolzes Gehöft , am Fuße des andern , längs den Ufern des Baches , lag eine Reihe von kleinen Hütten . Die letzte dieser Hütten war gar verwahrlost , der Türstock stand fast frei in der geborstenen Mauer , die Fensterrahmen hingen schief , hie und da guckte ein nackter Stein aus dem rauhen , verwitterten Anwurfe hervor , und wenn auch die ärgsten Risse und Sprünge mit Lehm verschmiert und mit Heu und Streu verstopft waren , so machte das den Anblick nicht besser . Dahinter stieg ein schmaler Streif bearbeiteten Bodens hinan , bestellt mit etlichen Gemüsebeeten , einem Acker mit Krautköpfen und einem anderen mit Kartoffelpflanzen . Die Einfriedung dieses Besitztums war mehr angedeutet als wirklich , von Schlingpflanzen umwucherte Pflöcke standen weitab voneinander , und quer zwischen deren gabelförmigen Enden lagen vermorschte , schlanke Baumstämme . Wenn der Bach , in den sie allen Unrat leiteten und warfen , träge dahinfloß , dann machte er der ärmlichen Siedlung viel Unlust , dann befiel auch die Beschränktesten da unten eine unklare Empfindung , in welcher Enge , in welchem Schmutze sie dahinlebten ; aber heute wuschen die Wasser dahin , und in die kühlende Feuchte der Luft mischte sich frischer Erdgeruch und würziger Pflanzenduft , und auf dem Sternsteinhof dort oben konnten sie es auch nicht wohlatmiger und gesünder haben . Auf dem Bänklein vor der letzten Hütte saß ein etwa vierzehnjähriges Mädchen , außer einem Kopftuche , einem Hemdchen von ungebleichtem Linnen und einem verwaschenen , blauen , weiß getüpfelten Röckchen hatte es nichts am Leibe . Die Kleine hatte die Füße an sich gezogen , daß sie in der Luft baumelten , nur manchmal streckte sie den linken aus , drückte die Sohle in die feuchte Erde und sah nach dem Grübchen , bis sich dieses mit Wasser füllte , dann war der Schuh fertig . Ja , wer Schuhe hätte , der könnte unter die reichen Leute gehen , wohl auch da hinauf nach dem Sternsteinhof . Sie hob wieder das Köpfchen . Von ihrem Gesichte war nichts zu sehen als das runde Kinn , der untere Teil der vollen Backen und die Spitze der kleinen Nase zwischen dem Spalt des Kopftuches , das sie zum Schutze der Augen tief in die Stirne gezogen hatte , denn das war auch nötig ; hinter dem Hügel , ihr im Rücken , ging eben die Sonne unter , und daher flammten die Fenster des Gehöftes , nach dem sie so unverwandt hinsah , in sprühendem Feuer . Das nasse Schieferdach des Wohnhauses , das dort inmitten weitläufiger Wirtschaftsgebäude stand , verschwamm förmlich in dem tiefdunklen Grau der Wolken , die dahinter standen und nur an den Rändern einen ganz schmalen , rotgoldenen Saum zeigten , so daß es fast aussah , als reiche der Sternsteinhof bis an den Himmel . Wunder hätte es das Kind nicht genommen ! So weit der Hügel reicht - oh , wie weit war das - , gehört aller Boden zum Sternsteinhof und noch ein gutes Stück ebenen Landes dazu . Was die Wiesen an Vieh ernähren konnten , die Äcker zu tragen vermochten , das hatte der Sternsteinhofbauer in Ställen und Scheunen . Das sagten ja die Leute , daß ihm alles wie vom Himmel fiel , seit er den feurigen Stein , die Sternschneuze , die just zur Zeit , als er den neuen Hof zu bauen begann , auf seinen Grund herniederschoß , aus der Erde heben und in das Fundament einmauern ließ . Plötzlich wirbelte inmitten des dunklen Grau ein helles , sandfarbes Wölkchen lustig empor , der Rauch , der aus einem der Schornsteine ober dem Schieferdache aufstieg . Das Mädchen starrte darnach hin und seufzte leise . Von der Seite gesehen , mit dem übergebundenen Tüchelchen , dessen Zipfel , hohl und spitz , das Gesicht verdeckte , mußte sich ihr Köpfchen wie das eines kurzschnäbeligen Vogels ausnehmen , und nachdem sie vorhin zu dem Goldrande der Wolken aufgeblickt hatte und nun gerade vor sich hinsah , so war es , als hätte zuerst der Vogel , etwa aus der jungen Saat , in die blaue Weite geguckt und plötzlich beäugle er etwas ganz Nahes und besänne sich , ob er darauf losgehen solle . Ganz so sah es wenigstens nach der Meinung eines halbwüchsigen Bürschchens aus , das schon längere Zeit hinter den Zweigen der mannshohen Büsche im Vorgärtchen der Nachbarhütte lauerte . Als der putzige Vogel da drüben den Schnabel senkte , übermannte den Burschen die Lustigkeit seiner Vorstellung so , daß er mit dem Knebel , den er sich aus einem seiner Hemdärmel drehen wollte , um den lauten Ausbruch seiner Heiterkeit zu ersticken , nicht mehr rechtzeitig zustande kam und nun in ein prustendes , grölendes Lachen ausbrach , dem aber sofort ein krampfartiger , pfeifender Husten folgte . Die Kleine schrak anfangs heftig zusammen , jetzt aber klatschte sie in die Hände und rief lachend : » Siehst , das geschieht dir recht , Muckerl , das ist die Straf dafür , daß du die Leut so erschreckst . « Was auch der Angeredete zu entgegnen gedachte , eine Entschuldigung oder eine Grobheit , für den Augenblick mußte er die eine wie die andere für sich behalten . Er lehnte an der Mauer und rang nach Luft , und in sein Gehuste klang das helle , fröhliche Lachen von drüben . Eine dralle , behäbige Frau setzte mit einem ärgerlichen Rucke Pfanne und Topf , die sie eben zur Hand genommen , auf den Herd zurück und trat unter die Türe . » Was gibt ' s denn da wieder für Dummheiten ? « sagte sie . » Muckerl , du wärst wohl jetzt alt genug , um gescheit zu sein . « » Es is ja aber weiter nix , Mutter , als a bissel a Hetz « , sagte der Bursche . Die mütterliche Mahnung an sein Alter schien allerdings wohlangebracht . Wie er so dastand , barhäuptig und barfüßig , in Hemdärmeln , verlegen an dem einen , einzigen Hosenträger zerrend , erschien er so engbrüstig , so völlig in der Entwicklung zurückgeblieben , kaum so groß wie das Dirnchen vor der Hütte nebenan , und er mag es wohl ein um das andere Mal vergessen , daß er volle drei Jahre mehr zähle , wie denn auch die Leute , denen davon gesagt wird , sich ' s gewöhnlich wiederholen lassen und dazu noch den Kopf schütteln . Für Personen , die schon etliche Male die Gelegenheit wahrnahmen , wohlangebrachte Mahnungen zu äußern , hatte es sicher nichts Überraschendes , daß Muckerl , sobald ihm die Mutter den Rücken kehrte , zum Vorgärtel hinaushuschte . Er näherte sich dem Mädchen . » Gutn Abend , Helen . « » Gutn Abend , Muckerl . Rück zuher . « Sie machte ihm auf dem Bänkchen Platz . » Was hast denn vorhin so gelacht wie nit gscheit ? « » Über dein Vogelhauben . Geh , tu s ' weg . « Er löste ihr den Knoten . Das Dirnchen griff nach dem Tuche , das ihr in den Nacken sank , und legte es vor sich in den Schoß . » Was irrt dich denn das , dummer Ding ? « » Freilich irrt ' s mich , weil ich dein Gsicht gern säh . « » Na , so gaff . « Sie drehte den Kopf über die eine Schulter nach ihm und sah ihm ganz nah , ohne zu lachen , in die Augen . » Hast leicht noch kein solchs gsehn ? « Er schüttelte den Kopf . Es war ein vollbäckiges Kindergesicht mit gesundem Rot auf der kaum merklich braun angehauchten Haut , umrahmt von reichen Flechten schwarzen Haares mit bläulichem Schimmer . Die Stirne war frei , wölbte sich oben etwas vor , das gerade Näschen zeigte einen fein modellierten Rücken und zierliche Nüstern , die brennend roten Lippen waren voll , die obere schien ein klein wenig aufgeworfen , die untere bißchen eingekniffen , unter dichten Augenbrauen und zwischen schwer befransten Lidern funkelten ein Paar graue Augen mit merkwürdig großen , dunklen Sternen . Nachdem das Mädchen eine Weile den bewundernden Blicken des Jungen standgehalten , sagte es spöttisch : » Wenn ich auch dir gfall , Muckerl , so laß dir sagen , du mir gar nit . « » Das glaub ich « , lachte der Junge . Er hatte ja alle Morgen beim Kämmen sein Bild im Spiegel vor sich und wußte , wie er aussah mit seinem braunen , borstigen Haarschopf über der breiten Stirne , der knolligen Nase darunter , den schmalen Lippen , den fahlen , eingesunkenen Wangen ; nichts war auffallend an ihm als die großen schwarzen Augen , und die waren nicht schön , denn sie traten zu stark aus den Höhlen . » Das glaub ich , Helen « , wiederholte er . Er nahm es von der besten Seite . Wie einer aussieht , dafür kann keiner , und dagegen kann er auch nichts machen . » Völlig schiech bist , Muckerl « , neckte die Dirne . » Und du rechtschaffen sauber « , sagte der Junge . » Das ist halt jetzt « , sagte sie ernst , » denk aber , was ich zu wachsen hab , bis ich groß bin wie andere Leut . Meinst , ich bleib sauber ? « » Die Säuberste wirst da herum . « » Das ist auch was ! « Die Kleine rümpfte das Näschen . » Sag ich denn , da in Zwischenbühel ? « fuhr Muckerl eifrig fort . » Im ganzen Landviertel , mein ich . « » Geh , dummer Bub , fopp ein anders ! Du wirst alle großgwachsenen Weibsleut und uns kleine Menscherln alle vom ganzen Landviertel kennen ! « » Das hat ' s auch gar nit not . Hat ' s nit zugetroffen , was ich vor zwei Jahr von der Reitlers Eva gsagt hab ? daß die ihrn langen Leib und d ' kurzen Füß behalt ? Nun , und kommt die heut , großgwachsen , nit dahergschritten wie ein Gans , die ein ' m anblasen will ? « » Du hast recht , völlig hast recht , Muckerl « , lachte Helen , dann faßte sie ihn plötzlich an beiden Händen . » Sag , verstehst du leicht wahrsagen , wie ein Zigeuner ? « » Sei nit einfältig , ich versteh nur , was ' n Leuten gfallen mag , und schätz wohl auch , ob , was ich heut seh , sich darnach auswachst , und das ist mir so unterm Holzschnitzen kommen . Du weißt , mit Löffeln und Rühreln hab ich schon - kaum aus der Schul - angfangt , später hab ich wohl auch ein ' m heiklichen Bauern an einer Stuhllehn oder am Türsims was gschnitzt , aber das gfreut mich schon lang nimmer , tragt auch nur wenig Groschen , damit erhalt ich mein Mutter nit und käm selber mein Lebtag zu nix . Weißt , zulernen will ich . Denen , die d ' weltlichn Mandeln und Heiligenbilder machen , will ich ' s nachtun . Der Herr Pfarrer hat ' s auch schon meiner Mutter versprochen , den ersten Heiligen , den ich zuweg bring , nimmt er in unser Kirchen . Schon a Zeit schau ich mir alle Sach daraufhin an , ob s ' ihr Holz wert wär , wenn man s ' schnitzte , und dasselbe kann ich mir dann auch so leibhaftig ins Pflöckl hneindenken , daß ich mein , ich dürft nur mitm Messer nachgehn , daß ich ' s herauskrieg , aber zu eilig bin ich drauf aus , und da fallt oft da und dort a Span zviel weg , und ' s Ganz wird mir schief und schelweanket ; hab ich erst a sichere Hand , dann bin ich Meister und schneid nur Gfallsams , wofür mich ' s Holz nit reut . « Die Kleine hatte die ineinandergeschlungenen Hände auf die Schulter des Burschen gelegt und stützte sich so auf diese . » Gelt « , sagte sie , » mich tätst schnitzen ? « » Wie d ' dasitzst , von Kopf bis zun Füßen , aber lieber noch , wann d ' einmal großgwachsen bist . Verlaß dich drauf , du wirst bildsauber , Helen ; um dich werdn sich die Buben raufen . « » Muckerl ! Du Himmelsackermenter ! wo steckst denn ? « rief es von nebenan . » Gleich komm ! ' s Nachtmahl steht afm Tisch ! « » Die Mutter « , flüsterte der Junge und glitt von dem Bänkchen herab . » Gute Nacht , Helen ! ' s kann wohl sein - « » Was denn ? « » Daß ich dann auch mitrauf . « Er huschte davon . Als er in dem rein und sauber gehaltenen Stübchen bei Tische saß , keifte die Mutter : » Wie oft soll ich dir ' s noch sagen , mach dich da drüben nicht unnütz . Du bist doch wahrhaftig kein Kind mehr , und ein Bursch in deinen Jahrn vergibt sich etwas , und es ist auch ganz unschicksam , wenn er sich mit so ein halbwüchsigen Menscherl umtreibt . Verträglich bin ich gern mit alle Nachbarsleut , aber vertraulich nit mit jedem und mit den Zinshoferischen wohl zur allerletzten Letzt . Die Dirn wachst um die Alte auf , und die kenn ich noch von meiner ledigen Zeit her , die ist von der Art , die keinem ein Guts tut , sie hätt es denn dabei besser , und der nichts Übles zustoßt , ohne daß sich ' s zugleich für andere schlechter trifft . « Muckerl hatte sehr aufmerksam zugehört , jetzt schloß er den offenen Mund hinter einem Löffel Suppe . Er aß schweigend weiter . Offenbar war ihm das Gesagte so unverständlich , daß er ihm mit keiner Frage beizukommen wußte . Unter der Türe der verwahrlosten Hütte zeigte sich die schlanke , hagere Gestalt eines alten Weibes . Nichts als die blitzenden , großen , grauen Augen hatte die Alte mit dem Kinde gemein . » Komm h ' rein , essen . « » Essen ? « fragte die Kleine gedehnt . » Wieder ein Schmalzbrot ? « » Sei du froh , wenn wir Schmalz darauf haben , es schmeckt doch weniger hart wie trocken . « Gähnend trat das Kind in die Stube , schloß aber hastig den Mund und zog die Nase kraus vor der moderigen Feuchte , die in dem engen Räume gärte und ihn noch unfreundlicher machte , als er es in seiner Unwohnlichkeit ohnehin schon war . » Die Kleebinderin ärgert ' s wohl groß « , sagte die Alte , » daß dir ihr Muckerl nachschleicht ? « » Kann ja sein « , antwortete die Kleine , indem sie den Kopf zurückwarf und die Schultern hob , als wollte sie andeuten , der große Ärger der Kleebinderin sei ihr ganz gleichgültig . » Du fangst aber bissel früh an « , fuhr die Alte mit gutmütigem Spotte fort , » dir sagen zu lassen , daß du schön bist . « » Ich hab ihn nit grufen und kein Anlaß zur Red geben « , entgegnete schnippisch das Mädchen , nahm mit unwilliger Gebärde das dargereichte , mit triefendem Fett beschmierte Brot an sich und ging zur Hütte hinaus . An großen , harten Brocken kauend , stand sie dort und sah nach dem Sternsteinhof hinauf , der dort oben lag wie ein Schloß . Alle Märchen , von denen sie gehört oder gelesen hatte , vermischten sich in ihrem Kinderkopfe . - - Da war einmal eine blutjunge , bettelarme Dirne , wohl war sie bildsauber , aber das merkte ihr niemand an , denn sie hatte nur schlechte Kleider , und mit denen lag sie nachts in der Herdasche ; der war es aufgegeben , auf einer glühenden Pflugschar über ein Wasser zu schreiten , einen gläsernen Berg hinanzuklettern und in dem Schlosse dort oben einem bösen , alten Weibe , das den Schlüsselbund nicht ausfolgen wollte , den Kopf zwischen Deckel und Rand einer eisernen Truhe abzukneipen , dann aber war das Schloß entzaubert , gehörte mit allem Hab und Gut innen und allem Grund und Boden außen der armen Dirne , die nun bis an das Ende ihrer Tage herrlich und in Freuden lebte . Wahrhaftig , die kleine Zinshofer Helene war ein weltkluges , entschlossenes Kind . Sie schätzte ganz richtig , daß viel Anstrengung , Mühsal und Pein auf dem Wege nach solch einem verzauberten Schlosse liegen müsse , auf die Hilfeleistung gütiger Feen machte sie sich keine Rechnung , » schöne Prinzen « schienen ihr kein dringliches Erfordernis , und » alte Weiber « mochten sich vorsehen . II Helene erfüllte die Vorhersagung des Kleebinder Muckerl . Ja , sie übertraf , wie er sich selbst gestehen mußte , seine Erwartungen . Freilich , einige Zeit war darüber vergangen , aber wer fragte nach , wo die hingekommen ? Der Muckerl wenigstens tat es nicht , dem war sie kurzweilig genug geschwunden ; was sie gebracht hatte , war gut , was sie noch bringen konnte , wird besser sein , und dem sah er freudig und geduldig entgegen . Er verstand sich jetzt aufs Holzschnitzen , er erhielt seine Mutter und kam für das ganze Hauswesen auf . Das erste , was er vornahm , als er seine Hand sicher fühlte , war kein leichtes Stück und bezeugte guten Mut und Selbstvertrauen ; ein ganzes » Krippel « stellte er fertig , die Heilige Familie im Stalle zu Bethlehem , Öchslein und Esel fehlten nicht , nur die Hirten ließ er weg , an deren Stelle dachte er sich eben die fromme Gemeinde von Zwischenbühel , denn die war ja da , um anzubeten , und darum schnitzte er keine hölzerne Andacht hinzu . Der Pfarrer stellte , versprochenermaßen , das Bildwerk in der Kirche auf , da er es aber doch nicht für ein Kunstwerk halten mochte , auf dessen Besitz man gegen einen umherstreifenden Touristen oder sei es auch nur gegen einen Konfrater stolz tun konnte , so beschloß er , es der Geschmacksrichtung seiner Pfarrkinder näherzubringen , und ließ von einem durchreisenden Künstler , der sich einen Flächenmaler nannte , weil er Fensterläden , Türbalken und Haustore behandelte , die Figuren mit schreienden Ölfarben anstreichen . Die Gemeinde fand das über alle Maßen schön , und einige versetzte allein der Geruch des frischen Anstriches in eine andächtige Stimmung . Als Muckerl sein Werk mit Farbe überdeckt fand , geriet er in eine sehr geteilte Stimmung . Die Farbe , ja , die Farbe macht sich ganz gut , es schaut das Ganze wie lebendig her , und der Pfarrer mochte wohl recht haben , als er sie dazutun ließ , aber Fleisch , Gewand und Haare waren immer ein Klecks , und da glänzte es an Stellen , wo es nicht gehörig war . Muckerl sah mit Befremden , wie manche Falte , die er geschnitten hatte , unschöne Buckel machte , und wieder , wie eine andere vom Leibe abstand , wo sie sich schmiegen sollte ; womit er es versehen hatte , das trat nun auffällig hervor , dagegen verschwanden die Gesichtszüge seiner Heiligen , von denen er überzeugt war , sie wären ihm aufs beste geraten , ganz unter einem dicht aufgetragenen Anstriche . Wahre Puppenköpfe hatten sie auf den Schultern sitzen . Plötzlich entsann er sich des kleinen , hölzernen , bunten Türken , der ober dem Krämerladen als Zeichen des Tabaksverschleißes angebracht war . » Der Himmelherrgottssakkermenter « , murmelte er ziemlich laut , » hat mir ' s Ganze verschändt . « Erschrocken fuhr er zusammen und bekreuzte sich . Das war aber doch nicht recht vom hochwürdigen Herrn , daß er einen solchen hat über die Sach lassen ! Hätt er nit dazu einen andern finden können ? War es nit ganz unaufrichtig , daß er überhaupt gar nit hat verlauten lassen , daß eine Farbe dazu soll und daß er sie darauf haben will ? Die Farb mag der Muckerl nit verreden , sie mag ja ' m Messer nachhelfen , aber decken darf sie nicht , was das gut gemacht . Wer aber soll das machen ? Wer kann sich wohl besser dazu anschicken als der , dem ' s selbe Schnitzwerk von der Hand gangen is ? Das lernen wird keine Hexerei sein , und der Muckerl will ' s erlernen . Er erlernte es . Bald wunderte sich das ganze Dorf über die bunten Holzstatuetten , die er zwischen den Fenstern zur Schau stellte , kein Heiliger des Kalenders brachte ihn in Verlegenheit , denn da er mit der himmlischen Familie fertig geworden , wird er doch Aposteln , Nothelfern , Märtyrern , heiligen Frauen und Jungfrauen beizukommen wissen . Nicht lang , so hatte man es auch in der Umgegend Rede , was für ein Geschickter da drüben in Zwischenbühel sitze , und wenn einer ein Herrgott , eine Gnadenmutter oder ein Heiligen brauche , so dürfe er nur zu dem gehen . Aber nur wenige kamen , und die feilschten rechtschaffen ; am meisten ängstigten den Muckerl die sogenannten Herrgottlkramer , die mit solcher frommer Ware das Land abliefen ; sie dachten ihn als billige Bezugsquelle auszunützen und verhielten sich ihm gegenüber wie Kunsthändler in einer Großstadt gegen einen talentierten Anfänger in der Malerei . Schwere Sorge beschlich oft den Muckerl . Selten , gar selten war es , daß ein Bäuerlein , ein altes Mütterchen , eine junge Dirne Nachfrage hielt , noch seltener , daß er nach stundenlangem Feilschen einen Herrgott , der nicht genug blutig sein konnte , einen Namenspatron , der nie » andächtig « genug schien , verkaufte ; die Herrgottlkrämer bekam er öfter zu Gesichte , die aber machten ihn mit ihren Ausstellungen schwitzen , mit ihren Anboten ganz verzagt , und oft rief er sie unter Tränen in den Augen zurück , wenn sie an der Türe in wegwerfendster Weise fragten : » Na , gibst mir ' s diesmal mit oder nit ? Noch ein Gang her is mir der ganze « - folgte ein sehr derber Ausdruck - » nit wert ! « Aber da fand sich mit einmal ein Absatz . Eines Abends trat ein Mann in Muckerls Hütte , nannte sich einen Handelsagenten für religiösen Hausrat , hätte das Beste sagen hören über den Heiligenschnitzer zu Zwischenbühel und wäre gekommen , dessen Ware zu sehen . Er äußerte sich über die vorgelegten Proben sehr freundlich , lächelte mitleidig , als er den Preis erfuhr , um den bisher diese Arbeiten abgegeben wurden , bot sofort das Fünffache , gab Vorschuß und bestellte nach Dutzenden . In der Stadt , beteuerte der Herr Agent , hätte man derlei nötiger als am Lande , dort wäre mehr Geld , aber auch mehr Gottlosigkeit , darum gehe man jetzt daran , den religiösen Sinn zu heben , was am besten durch massenhaften Umsatz von billigem und gefälligem religiösen Hausrat zu bewerkstelligen sein dürfte , wofür denn eine Handelsgesellschaft aufkommen wolle . Der Herr Kleebinder möge nur darauf achten , immer gleich gute Ware zu liefern , so würde ein lohnender Absatz für längere Zeit gewiß sein . Muckerl schwamm in Seligkeit , fast hätte er sich vergessen und wäre dem kleinen , säbelbeinigen Männlein um den Hals gefallen , aber ein leider in den unteren Volkskreisen eingewurzeltes Vorurteil ließ ihn davon abstehen , denn der Mann , der sich mit der Hebung des christlich-religiösen Sinnes befaßte , war , beschämenderweise , ein Jude . Nun rückte gute Zeit ins Haus , mit ihr aber auch manches , das die alte Kleebinderin derselben nicht recht froh werden ließ und sie ihr endlich gar verleidete . Es war an einem Samstagabende , als Muckerl den Hügel hinter den Hütten herabkam . Er trug seine kurze Jacke mit blanken Knöpfen , seinen saubern Brustfleck , seine guten Schuhe , kurz , sein Feiertagsgewand ; seine bestaubten Füße , sein erhitztes Gesicht ließen schließen , daß er nicht von nah , wohl gar von der Kreisstadt heimkehrte . Er trug ein kleines Päckchen , es war in sein rotes , geblümtes Taschentuch eingeschlagen und kam in keiner seiner Hände noch sonst zur Ruhe ; er faßte es bald in die Rechte , bald in die Linke , drückte es gegen seine Brust , barg es im Rücken , schob es unter die eine oder die andere Achsel und holte es sofort wieder hervor . Vorsichtig lugte er durch die Zweige des lebenden Zaunes in seinen Garten , und als er seine Mutter nicht um die Wege sah , war er mit einem Sprunge auf Nachbarboden und trat durch die rückwärtige Türe in die Zinshofersche Hütte . Er fand Helene mit der Alten zusammensitzen , Rüben schälen und in einen Topf schneiden . » Guten Abend miteinander « , sagte er . » Guten Abend « , sagten die beiden . » Wie geht ' s ? « fragte er . » Wie geht ' s ? Soweit ich ' s euch abzusehen vermag , nit übel , denk ich . In der Stadt bin ich gwesen . Halt ja . Müd bin ich , erlaubts schon , daß ich mich setz . « Das Mädchen wies mit der Hand , in der es das Messer hielt , nach der Gewandtruhe , die in der nahen Ecke stand . Muckerl setzte sich . Er hielt das Paket an beiden Enden angefaßt und drehte es zwischen den zehn Fingern fortwährend herum . Nach einer Weile sah die Alte auf , wobei ein finsterer Blick die Tochter streifte , und sagte : » Na , wie schaut ' s denn aus in der Stadt ? « » Ich dank der Nachfrag « , entgegnete Muckerl , » es ist völlig schön dort und so gangbare Wege haben s ' , ganze Steinplatten . Ja , Helen , wie ich da drauf gleichen Schritts getrabt bin , hab ich an dich gedacht . « » An mich ? Ich wüßt nit , was ich mitm Stadtleuten ihren Pflaster zu schaffen hätt . « » Dort tritt sich nit leicht eins ein Scherbe , ein Nagel oder solchs Teufelszeug ein , wie da bei uns schnell gschehen is und erst neulich dir . « » Ah , ja so . Das ist längst wieder heil . Schau mal . « Die Dirne streckte vom niedern Schemel , auf dem sie saß , den rechten Fuß dem Burschen hin . » Mein Seel « , sagte der , » ganz sauber verheilt . Wär auch schad um die fein Füß , wann s ' ein Narbe verschandeln möcht . « » Is dir leid drum , so breit mir halt , wo ich geh und steh , eine Strohdecken drunter . « » Da weiß ich mir eine bessere Abhilf . Ich gib ein Futteral drüber . « Der Bursche sagte das mit kurzem , wie Husten klingendem Lachen und ward darnach rot bis unter die Haare . » Das heißt « , fuhr er stotternd fort , » das heißt , wenn halt d ' Zinshofer Mutter damit einverstanden wär , so wären da ein Paar Schuh . « Die Dirne blickte ihn von der Seite an . » Nur der Mutter Einverständnis braucht ' s , meinst du ? Ich denk , es ist die Frag , ob ich s ' tragen will ? « » Du wolltst sie nit ? « stammelte Muckerl . » Dir , seh ich , muß mer schon z ' Hilf kommen « , sagte die Alte . » Du mußt auch erst bei jungen Weibsleuten aufhorchen lernen , die verreden oft , wonach ihnen Herz und Hand giert . « » Was du alles weißt « , höhnte die Dirne , dann wandte sie sich an Muckerl . » Wirst wohl auch was Rechts eingekauft haben ? Laß mal schaun , daß ich ein Ungschickten auslach . Werd dir wohl fürn guten Willen danken müssen , passen werdn s ' mer eh nit . « » Wird sich ja weisen « , schrie Muckerl , der plötzlich wieder in scherzhafte Laune geriet , in hoch gehobener Hand das Bündel schwang , als ziele er in bedrohlicher Weise nach dem Kopfe der Dirne . » Gleich kommt ' s. « » Na , sei so gut « , kreischte Helen , fuhr vom Sitze empor und entrang ihm das Tuch . Nachdem sie dasselbe aufgeknüpft hatte , betrachtete sie die Schuhe . Sie stützte das rechte Bein auf den Schemel und hielt die Sohle des Schuhes an die des Fußes . » Schau « , sagte sie , » wahrhaftig , die könnten mir recht sein , und schön sein s ' auch , recht schön . « Sie drehte sie eine Weile in den Händen , bot sie ihm dann zurück . » Da nimm s ' wieder « , seufzte sie . » Ja , warum denn ? « fragte ganz ratlos der Bursche . » Warum