Ebner-Eschenbach , Marie von Ein kleiner Roman www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Marie von Ebner-Eschenbach Ein kleiner Roman 1 Es ist schon ziemlich lange her , seit ich die Entdeckung gemacht habe , daß ich anfange ungesellig zu werden . Ein gewisser Schrecken bemächtigt sich meiner , sooft mir ein Billett ins Zimmer gebracht wird , das danach aussieht , als ob es eine Einladung oder eine Ansage enthielte . Kein Tag vergeht mir so rasch , hinterläßt mir eine so angenehme Erinnerung wie einer , an dem ich weder einen Besuch zu machen noch zu empfangen brauche . Kein Abend scheint mir besser angewendet als der , den ich in meiner Kaminecke verträume , allein mit meinen Gedanken und mit meiner Strickerei . Indessen , es gibt eine Ausnahme . Es gibt eine Frau Hofrätin , die mich noch niemals zu sich beschieden hat , ohne daß ich ihrem Rufe mit Freude und Eilfertigkeit Folge geleistet hätte . Die Hofrätin ist eine liebenswürdige , schöne , ja bildschöne , mehr als siebzigjährige Frau . Edlere Züge lassen sich nicht denken als die ihres zarten , blassen , mit unzähligen Fältchen bedeckten Gesichtes . Die großen hellbraunen Augen haben ihr Feuer längst verloren , aber es spiegelt sich in ihnen der Widerschein eines inneren Lichtes , einer Seele voll Güte , Geist und Adel . Die Lippen sind farblos und schmal geworden , doch umgibt sie im Schweigen wie im Sprechen ein Ausdruck , den man geradezu hold nennen muß . Ihre Gestalt ist hager und etwas über mittelgroß . Wenn ich meiner alten Freundin auf der Straße begegne , bewundere ich jedesmal die Leichtigkeit ihres Ganges , ihre gerade Haltung , ihre eigentümliche Art , den Kopf zu tragen , so hoch und frei , so ungebeugt von des Lebens Mühen . Ich liebe sie , das heißt , wir lieben uns , denn sie ist nachsichtig , und ich bin dankbar . Sie tadelt zwar meinen Hang zur Ein- oder höchstens Zweisiedelei , aber sie verzeiht , ja sie unterstützt ihn noch . » Ich lasse es Ihnen wieder sagen , wenn ich nicht zu Hause bin « , beschwichtigt sie regelmäßig meine Klagen über die allzu rasche Flucht eines mit ihr zugebrachten Abends . Leider jedoch ist sie meistens zu Hause für einen großen Bekanntenkreis , der sich in zwei roten Salons auf gleißenden Atlasmöbeln und unter Kronleuchtern für je achtundvierzig Kerzen um die gastfreie Greisin versammelt . Schöne , mir aber unheimliche Ungeheuer , diese beiden Säle ! Es heißt zwar , daß man sich in ihnen sehr gut unterhält , daß gefeierte Menschen darin umherwandeln , Tee trinken und sich dabei so natürlich benehmen , daß man sie von gewöhnlichen Sterblichen kaum unterscheiden kann . Trotzdem fühle ich keine Sehnsucht nach ihrem Anblick . Ein gutgearteter , alter Vogel begleitet gewiß alles , was noch fliegen kann , mit seinen innigsten Segenswünschen ; wenn er aber dabei den Kopf unter dem erlahmenden Flügel versteckt , braucht ihm das niemand übelzunehmen . Was mich betrifft , ich danke für die roten Salons und bin es zufrieden , im grauen Schlafgemach meiner Hofrätin empfangen zu werden . Das ist mir ein liebes Zimmer ! Geräumig , einfach und nett . An den vier Wänden stehen einander ehrlich und gerade gegenüber ein Pfeilerkasten und ein Etablissement , ein schmales Bett und ein breiter Schrank . In dem Pfeilerkasten residieren sicherlich Hüte und Hauben , und den mächtigen Schrank habe ich in Verdacht , trotz seiner eingelegten Flügeltüren und gewundenen Säulen doch nur ein Kleider- und Wäschebehältnis zu sein . Das Etablissement besteht aus einem Kanapee , einem Tisch , zwei Fauteuils und vier Stühlen , alles dünnbeinig , und die Sitzmöbel mit einem Wollenstoff überzogen , auf dem seit unvordenklichen Zeiten indische Schützen ihre Pfeile auf phantastische Vögel anlegen , die , inmitten zierlicher Arabesken thronend , das tödliche Geschoß getrosten Mutes erwarten . - Das Bett ist mit glattem , grünem , auf einen Rahmen gespanntem Zeuge überdeckt , und über dem Bett hängt das Porträt des Herrn Hofrates selig . Ein freundlicher alter Herr im schwarzen Frack mit hoher , weißer Krawatte , das Kommandeurkreuz des Leopold-Ordens an rotem Bande um den Hals . Er trägt einen etwas zu reichen Haarschmuck , der nicht auf seinem Kopfe gewachsen zu sein scheint . Die Augen sind klein , die Nase ist groß , gebogen und messerrückendünn , der Mund eingekniffen , das Kinn spitzig , und man kann nicht genug darüber staunen , daß so scharfe Züge soviel Milde auszudrücken vermögen . Unwillkürlich denkt man : Der hat seiner Umgebung das Leben leicht gemacht ! Und diesen Gedanken äußern heißt , der Hofrätin eine Freude bereiten . Sie hat mit ihrem Mann eine sehr glückliche Ehe geführt , obwohl sie ihn dereinst lange schmachten ließ , bevor sie die Seine wurde . Er hatte sie in Paris kennengelernt , wo sie ihre Jugend als Erzieherin der einzigen Tochter der Herzogin von P. zubrachte und er als Beamter an der österreichischen Botschaft angestellt war . Wie der Blitz schlug die Liebe in sein Herz ein . Von ihrer göttlichen Zuversicht und dem Glauben an Erwiderung erfüllt , warb er um die Hand Fräulein Helenens und erhielt ein wohlgeflochtenes Körblein . Sie sprach ihren Dank für den ehrenvollen Antrag aus und den Entschluß , ihren teuern Zögling nicht zu verlassen , bevor dessen Erziehung beendet sei . Aus Verzweiflung über die erlittene Enttäuschung stürzte sich der abgewiesene Freier - in die Arme einer hübschen Französin , deren Neigung bis jetzt von ihm verschmäht worden war . Ein paar Jahre hindurch quälte ihn das verwöhnte und kränkliche Geschöpfchen mit eifersüchtigen und andern Launen , dann starb es und hinterließ ihm ein zartes Töchterlein , das sein Dasein erst nach Monden zählte . Bald nach dem Tode seiner Frau wurde der Beamte zu einem höheren Posten befördert und nach der Heimat zurückberufen . Dort setzte er seine Laufbahn fort und erlaubte sich , alljährlich an Fräulein Helene ein ehrfurchtsvolles , ein wenig steif gehaltenes Schreiben zu richten , in dem er nach ihrem werten Befinden fragte und kurzen Bericht über das seiner kleinen Dora erstattete . Darauf wurde ihm regelmäßig eine freundliche Antwort zuteil . So ging es fort , bis ihm die Kunde zukam , daß die Tochter der Herzogin im Begriff stehe , sich zu verheiraten , und nun beeilte er sich , ihrer Erzieherin seinen vor Jahren gemachten Antrag zu erneuern . Er tat es in warmen Worten und nicht nur in Berücksichtigung des eigenen , sondern auch des Wohles seiner Tochter . Diese setzte zum Zeichen , daß sie den Schritt billige , ihren Namen neben den seinen unter das inhaltreiche Schriftstück . Sie tat es mit Buchstaben , die so groß waren wie Fingerhüte und eine verhängnisvolle Ähnlichkeit mit Runen hatten . Sie gaben Zeugnis von einem bedenklich niedrigen Bildungsgrade des achtjährigen Kindes . Vielleicht trug gerade dieser Umstand zu der Einwilligung bei , mit der die Erzieherin ihren standhaften Bewerber jetzt beglückte . Bald darauf verließ sie das Haus , das ihr in der Fremde ein heimisches geworden war , um daheim ein fremdes zu beziehen . Die alte Herzogin klagte , daß sie zwei Töchter zugleich verliere ; man machte für die Zukunft allerlei Wiedervereinigungspläne , allein sie gingen nicht in Erfüllung . Man sah einander nie wieder , blieb aber immer in schriftlichem Verkehr . Die Nachrichten , die Frau Helene von sich , von Mann und Kind zu geben hatte , waren durchweg gute . Später gesellten sich zu dem Stieftöchterchen eigene Kinder , die von ihrer Mutter sehr geliebt und gut erzogen wurden , nicht mehr und nicht besser jedoch als Dora , für die Helene eine wahrhaft mütterliche Empfindung hatte und bewahrte . Die kleine Familie wurde nach und nach eine große , und als der Tod des Hofrats eine schmerzliche Lücke in dieselbe riß , blieb seine Witwe der Mittelpunkt der Liebe und Verehrung ihrer Kinder und einer zahlreichen , zum Teil auch schon herangewachsenen Enkelschar . Niemals aber erstickte im Herzen dieser Frau das Interesse für ihre Angehörigen jenes für fremdes Wohl und Weh . Sie darf wohl fragen : » Wer ist meine Mutter ? Wer sind meine Brüder ? « Sie macht das Wort lebendig : » Kommet zu mir alle , die ihr mühselig und beladen seid « , und jeder , dem daran gelegen ist , sich bei ihr einzuschmeicheln , der ergreift das sicherste Mittel dazu und hilft ihr - helfen . So tue auch ich nach meinen schwachen Kräften und werde reich belohnt für die lobsüchtige Emsigkeit , die ich dabei entfalte . Vor kurzem erst bot sich eine Gelegenheit , den besonderen Dank meiner Gönnerin zu verdienen . Sie hatte allen ihren Bekannten aufgetragen , für ein junges Mädchen , das ihrem Schutze empfohlen war , eine Stelle als Erzieherin in einem achtungswerten Hause ausfindig zu machen . Nun ließ mein guter Freund , der Zufall , mich das Gesuchte an einem Tage entdecken , an dem mich die Hofrätin , ein weiblicher Gleim , » auf einen Kuß und einen Kaffee « zu sich geladen hatte . O große Wonne ! Ich brauchte nicht meine herrliche Neuigkeit durch ein völlig gleichgültiges Blatt Papier übermitteln zu lassen , ich konnte sie selbst bringen und glückliche Zeugin der Freude sein , die hervorzurufen ich nicht verfehlen konnte . Frohlockend trat ich vor die Hofrätin , schwang triumphierend meinen bereits bis zur Hälfte gediehenen Bettlerstrumpf und sprach : » Ich hab ' s ! ich hab ' s ! ... Eine Stelle , besser als gut ... ein Haus , mehr als achtungswert ... alle Erwartungen übertroffen ! « Die alte Frau reichte mir beide Hände : » Ah - wirklich - nein - Sie sind ... Nehmen Sie Platz ! « Sie setzte sich in die Ecke ihres Kanapees , ich mich ihr gegenüber , auf einen Fauteuil , den ich immer mit Vergnügen einnehme , obwohl er Schuld an manchem blauen Fleck an meinen Ellenbogen trägt . » Das Haus also mehr als achtungswert ? Jetzt bitte ich aber , es mir zu nennen . « Ich tat es , und sie wurde plötzlich ernst : » Da ist ja kürzlich die Frau gestorben . « » Ganz recht . Zwei kleine Mädchen sind zurückgeblieben . Allerliebste Kinder , an denen Mutterstelle zu vertreten ... « » Niemand vermag ! « fiel sie mir ins Wort . » Niemand auf Erden . Mutterstelle vertritt niemand . « » Sie sagen das ? ... Sie ? ... Ihre Stieftochter ist andrer Meinung . « Sie beantwortete meinen Einwand nicht . Ich war im Zweifel , ob sie ihn gehört hatte , so vertieft schien sie in ihre eigenen Gedanken . Nach einer Pause des Nachsinnens sprach sie : » Der Vater dieser Kinder ist noch jung , soviel ich weiß ... Er wird sich wohl wieder verheiraten ? « » Das glaube ich nicht . Er hat seine verstorbene Frau zu sehr geliebt . « Ich begann ihn herauszustreichen , soviel ich konnte und mit dem besten Rechte auch durfte . Ich erzählte , welch ein treuer , redlicher Mensch und zärtlicher Vater er sei . Sie hörte mir aufmerksam zu , allein je mehr ich ihn lobte , desto enttäuschter schien sie zu werden . » Er trauert um seine Frau , er beschäftigt sich viel mit seinen Kindern . Das ist schlimm « , sagte sie endlich . » Nein , nein - ich danke Ihnen , aber die Stelle paßt nicht für meinen Schützling . « Ich muß gestehen , daß diese Äußerung mich verdroß und daß ich augenblicklich so unangenehm wurde , wie gutmütige Leute zu werden pflegen , wenn man ihnen eine Gelegenheit verdirbt , sich nützlich zu erweisen . Eine lange Kontroverse begann . Ich geriet in Eifer , mir scheint sogar , daß ich Bosheiten sagte . Die Hofrätin bemühte sich , mich zu beschwichtigen . » Ärgern Sie sich nicht « , sprach sie . » Was kommt dabei heraus ? - Daß Sie jedes Ihrer Worte bereuen werden und daß ich meine Weigerung doch nicht zurücknehme . Ich habe meine Gründe dafür . Wenn Sie wüßten ! - Gute Gründe , aus einer eigenen Erfahrung geschöpft . « Ich bat sie , mir dieselben mitzuteilen , und sie wollte im Anfang nichts davon wissen . Sie hatte » von dieser Geschichte « nur einmal in ihrem Leben gesprochen , und zwar mit ihrem seligen Mann , am Tage vor der Verlobung . Sie konnte sich nur schwer entschließen , die alten , schlummernden Erinnerungen wiederzuerwecken . Endlich jedoch gab sie meinem Flehen und Drängen nach und begann : 2 » Ich muß im Gegensatz zu so vielen meiner ehemaligen Standesgenossinnen sagen , daß mir die Gouvernante an der Wiege gesungen worden ist . Von Kindheit an hörte ich : Lerne , damit du lehren kannst ; gehe den rechten Weg , um ihn andern weisen zu können . Der Wohlstand , den du jetzt genießest , erlischt , sobald sich die Augen deines Vaters schließen . Dann heißt es , selbst für dein Brot sorgen . Die Erinnerung an die Ratschläge und an das Beispiel deiner Eltern ist der ganze Reichtum , den du auf deinen Lebensweg mitbekommst . Ich war achtzehn Jahre alt , als meine Mutter starb ; bald darauf folgte der Vater ihr nach , und ich stand vereinsamt in der Welt . Ich bin eine uralte Frau , mein Gedächtnis fängt an mir untreu zu werden , aber die Empfindung , mit der ich nach dem Begräbnis meines Vaters unsere verlassene Wohnung wieder betrat , gehört zu den Dingen , die ich heute noch nicht vergessen habe . « Ich blickte zu ihr hinüber . Sie hatte nicht aufgehört zu stricken , fleißig und lautlos wie immer . Kerzengerade , die Arme fest an den Leib geschlossen , saß sie da in ihrem eng anliegenden schwarzen Kleide , mit ihrer hohen , weißen Haube und den Locken an beiden Seiten der Stirn , die sich nur durch den Silberschimmer , der auf ihnen lag , von ihrer schneeigen Umrahmung unterschieden . » Man ließ mir keine Zeit , meinem Schmerze nachzuhängen « , fuhr sie fort . » Wenige Wochen nach dem Tode meines Vaters brachte mich der Vormund , der mir bestellt worden war , als Erzieherin in eines unserer vornehmsten Häuser . Die Stellung war in jeder Hinsicht glänzend . Nur ein Zögling , ein siebenjähriges Mädchen , unumschränkte Herrschaft in meinem Gouvernantendepartement , äußerst vorteilhafte Bedingungen in der Gegenwart und - wenn ich meine Aufgabe zu Ende geführt hätte - eine gesicherte Zukunft . Die Eltern meiner kleinen Anka hatten auf mich , als ich ihnen vorgestellt wurde , einen ungemein günstigen Eindruck gemacht . Beide jung , schön , liebenswürdig . Beide von der gewinnenden Höflichkeit , die sich von selbst versteht , sich wenigstens damals in der feinen Welt von selbst verstand . Sie erschienen mir einfachem Bürgerkind inmitten ihres Luxus , der alles überstieg , wovon ich je gehört oder geträumt hatte , ein wenig halbgottmäßig . Ich fand es ganz natürlich , daß ein Wesen , das so völlig einem Engel glich wie meine Gräfin , nur im Fluge an uns vorüberrauschen könne , daß man einer so himmlischen Erscheinung nicht zurufen dürfe : Verweile , laß dich ansehen , recht nach Herzenslust . Es wäre mir gar nicht eingefallen , ihr zuzumuten , daß sie sich in die Kinderstube setzen möge und Puppenkleider zuschneiden , einen Kreisel peitschen oder nach der Schreiblektion ein tintig gewordenes Fingerchen abwischen . Sie schien mir zu dergleichen viel zuwenig irdisch . « » Ich bitte Sie ! « erlaubte ich mir einzuwenden , » das war jugendliche Schwärmerei . Wenn man irdisch genug ist , um ein Kind in die Welt zu setzen , ist man ' s auch , um das Kind zu betreuen ... Und was die Schönheit betrifft , ich wette darauf , daß Sie mindestens ebenso schön gewesen sind wie Ihre Gräfin . « » Nein ! « entgegnete die Hofrätin . » Es ist gewiß so manches minder hübsche Gesicht , als das meine damals war , bewundert worden , aber mit der Gräfin ließ sich überhaupt niemand vergleichen - Märchenprinzessinnen und Engel ausgenommen . Dennoch war etwas , das mir die Freude an ihrem Anblick trübte : eine kränkliche Blässe , ein Ausdruck von Müdigkeit , der sich täglich deutlicher in ihren Zügen aussprach . Freilich war diese Müdigkeit eine natürliche Folge des Lebens , das die Gräfin führte . Eine angespannte , aufreibende Tätigkeit , wirkliche Arbeit schwerster Art hätten die junge Frau nicht mehr in Anspruch genommen als die Vergnügungen , denen sie sich hingab . Es war das Jahr der Vermählung des Kaisers Franz mit der Erzherzogin Luise von Este . Ein Taumel der Lust hatte das leichtsinnige Wien ergriffen . Die gute Stadt entschädigte sich für die Trauer , in welche sie durch die Schicksalsschläge versetzt worden war , die kurz vorher das Reich getroffen hatten . Meine Gräfin durfte bei keinem Feste fehlen ; sie war im höchsten Grade , was man zu jener Zeit in der Gesellschaft répandiert nannte , und ich dachte oft mit stiller Erbitterung : Du wirst dich so lange répandieren , bis dein letzter Lebensatem im Dienste nichtiger Zerstreuungen verhaucht sein wird . Niemals rollte der Wagen , der die Herrschaften nach Hause brachte , vor drei oder vier Uhr morgens in die Einfahrt . Das Rasseln der Karosse , das Getrappel der Pferde weckte jedesmal die kleine Anka aus dem Schlaf . Sie stellte sich auf in ihrem Bette und spähte in den Hof hinab , in den unsere ganze Fensterreihe sah . Bis herauf stoben die Funken , qualmte der Rauch der Fackeln , die von den Läufern an den Ecksteinen ausgeschlagen wurden . Laut und lärmend ging es dort unten zu , indessen drüben im gegenüberliegenden Trakte des Palais zwei hohe Gestalten lautlos an den breiten Bogenfenstern des Ganges vorbeiglitten , in die hellerleuchtete Halle traten und hinter den Flügeltüren verschwanden , die voraneilende Lakaien geöffnet hatten . Regelmäßig begann Anka dann zu weinen und verlangte nach dem Vater , für den sie überhaupt mehr Zärtlichkeit äußerte als für die Mutter . Aber ich will ihm gute Nacht sagen ! Aber ich will ihm nur einmal - aber ich will ihm nur ein bißchen gute Nacht sagen ! jammerte sie und war nicht zu beschwichtigen . Ich sprach ihr zu , ich bat , befahl , schalt und drohte ... ja , das half ! - mir zu dem Gefühl meiner Ohnmacht der Kleinen gegenüber , sonst zu nichts . Sie schwieg nicht eher , als bis ihr die Stimme ausblieb , und schlief erst vor Erschöpfung ein . Ratlos saß ich an ihrem Bette , ich fühlte : Dir bin ich nicht gewachsen . Sie war verwöhnt , herrisch und klug , sie hätte Strenge gebraucht , zu der ich mich aus dem einfachen Grunde nicht brachte , weil ich meinen Zögling nicht liebzugewinnen vermochte . Durchaus nicht lieb , sosehr ich danach strebte . Meiner Strenge würde das Gegengewicht gefehlt haben ; sie hätte leicht in Härte ausarten können . Unter allen Umständen jedoch wäre es eine schwere Aufgabe mit dieser Kleinen gewesen . Sie wurde merkwürdig gehalten . Sie durfte über einen förmlichen Hofstaat die Herrschaft führen . Ich muß vorausschicken , daß es einen unglaublichen Luxus an Dienerschaft im Hause gab . Die geringste Mühewaltung , und wenn sie auch noch so kurze Zeit in Anspruch nahm , war einer eigens dafür bestellten Persönlichkeit übertragen . Da war zum Beispiel Ankas ehemalige Bonne , die hatte in der Gotteswelt nichts zu tun , als des Abends in unserm Schlafzimmer die Nachtlampe anzuzünden . Da war die alte Wartefrau des Kindes , deren ganze Obliegenheit darin bestand , die Puppengarderobe in Ordnung zu halten . Für die Garderobe des lebendigen Püppchens sorgte wieder eine Kammerkatze , der zwei weibliche Adjutanten beigegeben waren . Wir hatten sechs Dienerinnen und einen Diener zu unserer Verfügung - für mich die bösen Sieben ! Sie bildeten ein Völkchen , über das meine Anka wie eine junge Sklavenhälterin die Peitsche schwang oder mit dem sie , je nachdem ihr die Laune stand , viel zu vertraulich verkehrte . Alle Leute im Hause waren Erbdiener , Urenkel , Enkel und Kinder von Untertänigkeiten , die schon bei den Altvordern der jetzigen Gebieter die Pferde gelenkt , die Tafel gedeckt , die Perücken frisiert hatten . Sie feindeten mich an , wenn ich sie in Schutz nahm gegen die Tyrannei der kleinen Komteß . So ein Kind , sagten Wartefrau und Bonne , hat ja noch keinen Verstand . Ja , wenn es von ihnen abgehangen hätte , wäre das Kind nie zu Verstand gekommen , indessen sein länglicher Kopf mit der großen , hohen Stirn ein so vollgerüttelt Maß davon beherbergte , daß ich oft darüber erschrak . Wir führten einen stillen Krieg , sie und ich . Eigentlich konnte sie mich nicht ausstehen , aber sie unterhielt sich mit mir besser als mit irgend jemandem . Sie lernte gern und ausgezeichnet gut , und ich war die einzige , die sie etwas lehren konnte . Sie hörte gern Geschichten erzählen , und ich wußte so schöne ! Sie spielte ebenso gern , als sie lernte , und über welchen unerschöpflichen Vorrat von Hilfsmitteln dazu hatte ich zu verfügen ! So warb sie denn um meine Gunst , so wenig ihr daran lag , mein Herz zu gewinnen , und so erpicht sie eigentlich darauf war , mir einen Verdruß , eine Kränkung zuzufügen , für die sie nicht verantwortlich gemacht werden konnte . Die Schlauheit und Tücke , die sie bei solchen Gelegenheiten entwickelte , erweckten in mir oft ein der Verzweiflung verwandtes Gefühl . Ich hätte alles darum gegeben , mich nur einmal bei ihrer Mutter Rats erholen , nur einmal mit der Gräfin über das Kind sprechen zu dürfen . Allein mein Vormund hatte mich gerade davor dringend gewarnt . Strafen Sie , nachdrücklich , wenn es sein muß , tätlich , wenn es nicht anders geht , tun Sie , was Sie für gut halten , nur - klagen Sie nie , das wird unverzeihlich gefunden ; man will keine Klage über seine Kinder hören , waren die Worte gewesen , mit denen er mich verließ , nachdem er mich in mein neues Amt eingeführt hatte . Ich befolgte seine Warnung ziemlich lange Zeit ; einmal jedoch ließ ich sie außer acht , einmal , als die Gräfin unerwartet bei uns erschien , während ich Anka soeben wegen eines ihrer Streiche zur Rede stellte . Ihre Mutter hörte mir gelassen zu , blickte mich aber dabei mit so frostiger Überraschung an , daß es mir wie eine physische Empfindung von Kälte zum Herzen drang . Als ich zu Ende war , lächelte die Gräfin , nickte ein wenig mit dem Kopfe und wandte sich zu der Kleinen , um ihr zu sagen , daß sie nach Tisch in den Salon gerufen werden würde , um ihre Großmutter zu sehen , die heute da speise . Sie reichte dem Kinde die Hand zum Kuß und entschwebte . Vernichtet blieb ich zurück . Haben Sie nicht auch einmal in frühen Mädchenjahren einen Fanatismus der Liebe und Bewunderung für eine etwas ältere Frau in sich genährt , die Ihnen der Inbegriff aller Herrlichkeit schien ? Er kommt oft vor in den Ausläufern der Backfischzeit . Einen solchen Götzendienst trieb ich im stillen mit meiner Gräfin . Ich hätte mich auf die Folter spannen lassen , um ein freundliches Wort von ihr zu verdienen , und nun wollte mein Unstern , daß ich mir ihre Ungnade zuzog ; denn Ungnade , äußerste Ungnade , leuchtete mir mit grausamem Glanze aus den Augen entgegen , mit denen sie mich , während ich sprach , unverwandt ansah und zu fragen schien : Was tun Sie denn ? Was fällt Ihnen ein ? ! ... Meine Reue und meine Bestürzung waren bitter und groß . Einen Trost hatte ich aber doch . Wenn ich in Ungnade bei der Gebieterin stand , im Lichte ihrer Gunst durfte sich niemand sonnen . Sie war gleich unnahbar für alle ihre Untergebenen . Anschwärzungen hatte man nicht zu fürchten , es wäre ihnen kein Gehör geschenkt worden . Der Sommer nahte heran , und wir reisten aufs Land . Drei Tage und zwei Nächte waren wir unterwegs , in sechs Kaleschen , mit je vier Postpferden bespannt . Der Graf und die Gräfin voran , dann Anka und ich , in den vier folgenden Wagen die Kammer , das heißt die Leute , die einen unmittelbaren Dienst bei der Herrschaft versahen . Das Küchenpersonal fuhr voraus und besorgte die jeweiligen Mahlzeiten in den Wirtshäusern , in denen haltgemacht wurde . Wir hatten das schönste Wetter , und die Freudigkeit ist nicht zu schildern , die mich überkam , als wir so mit sechzehn Füßen in das freie , grüne Land hineinliefen . Alle Poesie der Eisenbahnen in Ehren , ich bin durchaus nicht abgeneigt , sie gelten zu lassen ; aber denken Sie , ob die Eindrücke , die ich auf späteren Reisen empfing , die heitere Erinnerung an die erste verlöschen konnten . Nun freilich , daß es eben die erste war , trug nicht wenig dazu bei , sie mir besonders entzückend erscheinen zu lassen . Und dann - ich kannte nur die glatte Oberfläche des Lebens , ich hatte noch keinen Blick in die Tiefen seines Elends und seiner Schlechtigkeit getan , ich konnte mich unbefangen an dem Genuß ergötzen , der mir zufiel bei dem Zuge - er glich einem Triumphzuge - eines großen Herrn nach seinen Gütern . Vor jedem Posthause , an dem wir anlangten , standen schon die vierundzwanzig Pferde bereit , die uns weiterbefördern sollten . Die Postillone sprangen von den Wagen , spannten ihre dampfenden , müdegejagten Gäule aus , und sie wurden durch frische , gut ausgeruhte ersetzt . Der Kurier öffnete die Geldkatze , die Silbergulden blinkten , sechs vergnügte Gesichter lachten uns an ; der Postmeister trat mit der Kappe in der Hand an den Wagen des Grafen heran ; unsere Diener liefen von einem Viergespann zum andern : Kein Koller dabei ? - War nicht übel ! antworteten die Postillone , und vorwärts , was die Pferde laufen konnten , und lustig dazu ins Horn geblasen , was die Brust nur hergab an Atem . Und so ging ' s vorbei an Feldern und Wäldern , an blühenden Wiesen , am blinkenden Strom . Klein-Peterl , der Page auf dem Bock unseres Wagens , machte sich die Reisefreiheit zunutze und erlaubte sich unaufgefordert hie und da ein Späßchen . Da hatte Anka Stoff zum Lachen während der ganzen Fahrt , und wenn sie lachte , war sie mir noch am liebsten ; so befanden wir uns beide in bester Stimmung und freuten uns der Freude , mit der wir allenthalben empfangen wurden . Mir fiel es nicht ein , daß der Schlüssel zu dem Glück , das wir durch unser Kommen verbreiteten , an dem Riemchen der Ledertasche hing , die unser Kurier umgeschnallt hatte . Am dritten Tage , demjenigen , an dem wir unser Reiseziel erreichen sollten ... « » Wo lag denn dieses ? « unterbrach ich die Hofrätin . » Ich fahre da mit Ihnen , Verehrteste , wie in einem Feenmärchen , ohne Ahnung , wo ich mich befinde und wohin Sie mich führen . « » Das sollen Sie , von mir wenigstens , auch nicht erfahren « , war ihre Antwort . » Im Gegensatz zu allen guten Erzählern , die ihren Geschichten einen deutlich gezeichneten Hintergrund , eine prägnante Lokalfarbe zu geben suchen , tue ich mein möglichstes , um Sie in Ungewißheit über den Schauplatz zu erhalten , auf dem mein kleiner Roman sich abspielte . Und noch etwas ganz Ungehöriges und von allen Kunstkennern Verurteiltes will ich mir zuschulden kommen lassen , ich will von einem Fatum wie von einer ausgemachten Sache sprechen . Über meiner Jugend waltete offenbar ein Fatum . Seinen ersten bedeutungsvollen Wink hat es mir im Angesicht eines abscheulichen , höchst prosaischen Posthauses gegeben - und unter dem Dach desselben Posthauses hat es sich erfüllt . 3 Am dritten Tage also « , begann die Hofrätin von neuem , » gerieten wir , nachdem eine sternenhelle Nacht durchfahren worden , in einen heftigen Regen hinein . Er strömte mit eigensinniger Ausdauer über einen breiten Talkessel nieder , auf dessen Sohle eine freundliche kleine Stadt sich sehr planlos nach allen Richtungen der Windrose ausgebreitet hatte . Die Wagen rasselten über das holprige Steinpflaster , rumpelten , wo es ein solches nicht gab , durch hochaufspritzende Pfützen und lenkten in den Hof des Posthauses ein , in dem die letzte Mittagsstation gehalten werden sollte . Der Hof war ziemlich geräumig , es standen aber Dutzende von Vehikeln darin , und er selbst stand unter Wasser . Postchaisen und unsere Fourgons füllten den Torweg , und in die Nähe des Trottoirs vor dem Hause zu gelangen war unmöglich . Eine förmliche Wagenburg verhinderte die Zufahrt . Die Bedienten schrien , die Postillone fluchten , einige Fuhrleute machten taube Ohren , andre zeigten sich willig , ihr Gefährt aus dem Wege zu räumen . Aber die Verwirrung war zu arg