Ebner-Eschenbach , Marie von Lotti , die Uhrmacherin www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Marie von Ebner-Eschenbach Lotti , die Uhrmacherin 1 Fräulein Lotti war soeben erwacht . Die Repetieruhr , die an einem zart geschweiften Schnörkel am rechten Kopfende des altertümlichen , reich geschnitzten Bettes hing , schlug mit zartem Klange sechsmal an . Gleich darauf begann die deutsche Stockuhr , eine solide Arbeit Meister Anton Schreibelmeyers , von der Kommode am Pfeiler aus , die Morgenstunde zu verkünden . - Auf ! auf ! befahl ihre gebieterische Stimme , an die Arbeit ! der Tag beginnt ! - Ihre Glocken hatten kaum ausgezittert , als auch schon die französische Wanduhr , in aller Bescheidenheit , eilig und leise zu melden begann : Sechs ! sechs ! gehorsamst zeig ich ' s an . Eine kleine Pause - und am linken Kopfende des Bettes erhob das Seitenstück der Repetier- , eine Spieluhr , ihre Silberstimme und gab ein Schäferliedchen zum besten , so lieblich , als hätten kleine Engel es gesungen . Mit unendlichem Wohlgefallen lauschte das Fräulein dem Konzerte , das ihre Uhren abhielten , und hätte in den Schlußgesang beinahe mit eingestimmt , so fröhlich war ihr zumute . An dem Lichte , das durch die herabgelassenen Vorhänge in das Zimmer drang , erkannte sie , daß es heute einen schönen Tag gebe - war das nicht genug , um den reichen Quell von Heiterkeit in ihrer Seele zum Überströmen zu bringen ? Sie stand auf und kleidete sich an ; sehr sorgfältig zwar , aber ohne dabei mehr , als durchaus nötig war , in den Spiegel zu sehen , denn - sie war sich kein angenehmer Anblick . Die Zeit , in welcher sie ihren Mangel an Schönheit gar schmerzlich und fast wie eine Schmach empfunden , war freilich vorbei . Jetzt , mit fünfunddreißig Jahren als ehrenfeste alte Jungfer , hatte sie längst aufgehört , ihr Äußeres gehässig anzufeinden , aber so ganz erloschen war das letzte Fünkchen Eitelkeit in ihrem Frauenherzen doch nicht , wenn es sich auch nur in dem Gedanken aussprach : Es ist ein Glück , daß ich anderen anders vorkomme als mir selbst , sonst könnte mich niemand leiden . Nach beendeter Toilette begab sie sich aus dem Schlaf- in das Wohnzimmer . Es war ein trauliches Gemach , dessen Fenster auf einen kleinen Platz sah - einen sehr kleinen , denn er wurde von nur vier Häusern gebildet ; doch war er luftig und hell und gewährte den Anblick eines beträchtlichen Stückes Himmel , was gewiß kein geringer Vorzug war . Es will etwas heißen , im Herzen der Zivilisation zu wohnen , im Mittelpunkt der Hauptstadt , tausend Schritte vom Dome , den zu sehen viele Leute tausend Meilen weit hergezogen kommen , und dabei von seinem Fenster aus Wetterbeobachtungen fast wie Knauer und das Studium des Sternenlaufes fast wie ein Chaldäer betreiben zu können , Wolken und Vögel ziehen und der Sonne und dem Mond ins Gesicht zu sehen . Dieses Stück Himmel , obwohl - nur aus einem Fenster sichtbar , erhellte dem Fräulein die ganze im übrigen ziemlich finstere Wohnung und ließ ihr das Erklimmen der drei Stockwerke , die zu derselben hinaufführten , als eine höchst anmutige Promenade erscheinen , weniger beschwerlich als eine Bergbesteigung , und beinahe ebenso lohnend . Aber nicht nur der Himmel über dem Platze , auch die Häuser auf dem Platze und die Menschen , die in ihnen wohnten , nahmen das Interesse Fräulein Lottis in Anspruch . Die Fenster des gegenüberliegenden Hauses , das den Platz gegen Osten in einem stumpfen Winkel abschnitt , glänzten schon im Sonnenschein . Bei den reichen Leuten in der Beletage sind die Gardinen noch nicht aufgezogen ; dort schläft man in den Tag hinein , sieht den Himmel nie in seinem ersten , sanft umflorten Blau , in seiner duftigsten Schönheit . Im dritten und vierten Stock hingegen gibt ' s freien Eintritt für Licht und Luft des goldenen Maimorgens . Auf den Mauervorsprüngen der beiden Häuser nebenan trippeln dicke graue Tauben in großer Aufregung . Sie warten voll Ungeduld auf das Frühstück , das ihnen Lotti auf das Fenstergesimse zu servieren pflegt . Kaum weniger gespannt als sie , sehen noch andere Geschöpfe dem anziehenden Schauspiel der Taubenfütterung entgegen . Es sind die nächsten Nachbarn des Fräuleins , und sie gehören zu ihren Bekannten , wenn auch nicht zu ihrem Kreise . Der Nachbar zur Linken erhält ihren ersten Gruß , dann kommen die Nachbarn zur Rechten . Jener , ein gebrechliches Männchen , engbrüstig und kahl , das Urbild eines alten Damenschneiderleins , diese , drei frische Jungen , mit runden , dank der frühen Morgenstunde sauber gewaschenen Gesichtern . Prächtige Bursche , noch zu jung für die Schule und doch beinahe schon der weiblichen Zucht entwachsen ; mit Worten wenigstens richtet die Mutter nichts mehr bei ihnen aus , obwohl sie dieselben nicht spart , die brave Frau . Der Mann und Vater hat seine Werkstätte nebenan in den Hof hinaus und plagt sich an der Drehbank vom Morgen bis zum Abend . Er ist Pfeifenschneider , aber im Rohre scheint er nicht zu sitzen und Überfluß hat er nur an Kindersegen . Die drei Erstgeborenen haben angefangen , sich um den besten Platz am Fenster zu balgen , die Mutter tritt unter sie , ein zweijähriges Mädchen auf dem Arme , zieht den Pantoffel vom Fuße und schlägt wacker auf die Buben los . Der Pantoffel fällt , gleich der Hand des Schicksals , ohne Unterschied auf das Haupt des Gerechten wie des Ungerechten , und bald herrschen Ruhe und Frieden . Die neuen Horatier liegen still nebeneinander im Fenster und beobachten die grauen Tauben , mit innigstem Verständnis für ihre Rauflust und ihren guten Appetit . Die Aufmerksamkeit des Schneiderleins hingegen ist auf das Fräulein gerichtet . Das braune Mohairkleid , das seine Gönnerin heute zum erstenmal angetan hat , ist seiner Hände selbsteigenes Werk . Der Schnitt hat sich seit wenigstens zehn Jahren als vortrefflich bewährt , und genäht und ausgefertigt ist das Kleidungsstück mit einer Sorgfalt , die ihresgleichen sucht . Alles solid und geschmackvoll . Der Rock so faltenreich , die Taille weder zu lang noch zu kurz , sondern gerade dort angebracht , wo der liebe Gott sie hingesetzt hat . Sie wird von einem breiten Gürtelband umgeben , aus reiner Seide , fein , weich und dauerhaft . Aus demselben Stoffe bestehen auch die Biais , die den Kragen und die enganliegenden Ärmel schmücken . Von den letzteren heben sich die glatten Manschetten , welche das Fräulein zu tragen pflegt , gar schön ab , und diese bilden die schneeweiße Einfassung der zarten schlanken Hände . Ach , diese Hände ! das Schneiderlein vermag sie niemals ohne innere Rührung zu betrachten . Sie waren das erste , was er erblickte in jenem unvergeßlichen Momente , in dem er die Augen aufschlug , die er für immer geschlossen zu haben meinte , freiwillig geschlossen , nach schwerem , entsetzlichem Kampfe . Der Alte besinnt sich nur noch wie eines bösen Traums des hoffnungslosen Elends , das ihn zu einer Tat der Verzweiflung getrieben ; er hat die Ursache fast vergessen und begreift ihre Wirkung nicht mehr . » Ich muß wahnsinnig gewesen sein ! « sagt er jetzt , wenn er der Stunde gedenkt , in welcher er sein kleines Töchterchen zu sich gerufen , Tür und Fenster desselben Zimmers , das er heute noch bewohnt , verriegelt und das Kohlenbecken entzündet hat . Damals hatte der Zufall Fräulein Lotti zur Retterin des armen Schneidermeisters gemacht , ihre Güte machte sie zu seiner Beschützerin . Nachdem er unter ihrer Pflege gesund und wieder erwerbsfähig geworden , sammelte sie allmählich für ihn einen kleinen Kundenkreis . Der Schneider befand sich jetzt in guten Verhältnissen , war sogar imstande , einen Sparpfennig zurückzulegen . Er hätte das ruhigste Leben gehabt , wenn nur die revolutionären Ideen seiner Tochter nicht gewesen wären . Aber die Leopoldine , ein ehrgeiziges junges Ding , ein Feuerkopf , hatte an den Arbeiten des Vaters immer etwas auszusetzen und schwärmte , zu seinem Grauen und Entsetzen , für die unsinnigsten , lächerlichsten , abscheulichsten Moden , nämlich für die neuesten . Soeben haben sie wieder einen scharfen Streit gehabt und sitzen jetzt einander gegenüber im Fenster und nähen an einer schwarzen Seidenmantille mit einem Eifer , den ihr nicht ganz ausgebrauster Zorn beflügelt . Die Mantille braucht erst morgen fertigzuwerden , wird es aber gewiß heute noch , wenn die Furie anhält , mit der Vater und Tochter die Nadel führen . Inzwischen hat sich das Dachfenster über der Schneiderwerkstätte geöffnet ; eine Frau und eine Katze sind an demselben erschienen , beide wohlgenährt und weißhaarig . Die Katze schleicht zur Morgenpromenade auf das Dach hinaus , bleibt öfters stehen und wirft begehrliche Raubtierblicke nach den Tauben , die von Fräulein Lotti gefüttert werden . - Wer eine von euch erwischen könnte ! denkt sie . Saubere Weltordnung , in der wir leben ! - Gäb ' s eine Gerechtigkeit - ich hätte Flügel ! Frau Katze schüttelt den Kopf , schließt die Augen , leckt die fadendünnen Lippen und gähnt wie ein Tiger . Ihre Gebieterin hakt den Fensterflügel ein , damit die Spaziergängerin bequem eintreten könne , wenn es ihr genehm sein würde heimzukehren . Die Rückkunft ihres Lieblings kann die Bewohnerin der Dachstube nicht abwarten , sie muß an ihren Posten , in den kleinen Laden im Durchhause nebenan , wo sie im Winter altgebackenes Brot , im Sommer auch Obst feilbietet und zu allen Jahreszeiten Näschereien , die ihre Katze verschmähen würde , die aber an den Schulkindern beharrliche Abnehmer finden . Fräulein Lotti sandte bereits viele Grüße zu der dicken Frau empor , die so freundlich aussah wie des Teufels Großmutter und sich ' s lange überlegte , bevor sie mit einem kaum merkbaren Nicken dankte . Aber auch damit ist Lotti zufrieden . An Zuvorkommenheit von Seite der Frau Brotsitzerin wurde sie nie gewöhnt und hat auch kein besonderes Herzensbedürfnis danach . Sie wünscht nur , konservativ wie sie einmal ist , daß alles beim alten bleibe und daß sie sich täglich sagen könne , was die Potentaten jährlich einmal in ihren Thronreden sagen : » Unsere Beziehungen zu den Nachbarstaaten sind die freundschaftlichsten . « 2 Lotti schloß ihren unersättlichen Tauben das Fenster vor den Schnäbeln zu und zog sich in das Zimmer zurück . Auf einem Tischchen , in der Nähe des Kamins , hatte Agnes , die goldene Säule des kleinen Haushalts , schon alle Vorbereitungen zum Tee getroffen . Lotti begann nun , ihn zu bereiten . Dabei musterte sie ab und zu ihr Stübchen mit wohlgefälligen Blicken . Je länger sie es bewohnte , desto gemütlicher erschien es ihr , desto mehr mußte sie selbst die geschickte Benützung des Raumes bewundern , die es möglich gemacht , so viele Tische , Schränke und Schränkchen in dem schmalen Zimmer unterzubringen . Sehr frei bewegen konnte man sich darin freilich nicht , am wenigsten dann , wenn zufällig mehrere Schranktüren zu gleicher Zeit offenstanden . Doch - was lag daran ? Lotti empfing ja keine Gäste , hatte auch für solche nicht vorgesorgt . Außer dem Fauteuil , den sie bei ihren Mahlzeiten benützte , war nur noch ein Sitzmöbel vorhanden , ein altdeutscher , geschnitzter Holzsessel , ein wahrer Ausbund von Schwerfälligkeit . Er überragte , kaum beweglicher als ein Berg , einen Arbeitstisch , auf dem mehrere zerlegte Uhrwerke unter Glasglocken und alle erdenklichen Uhrmacherwerkzeuge lagen . Auf der linken Seite des Fensters , in der dunklen Ecke , welche das Zimmer dort bildete , befand sich ein großer , bis an die Decke reichender Schrank . Der glich einer gotischen Kapelle , war aber ein Schreibtisch , sehr schön , sehr merkwürdig und sehr unbequem - der Schreibtisch einer Person , die nicht schreibt . Um so zweckmäßiger war der niedrigere Bücherschrank , der den größten Teil der Längenwand , dem Eingange zu Agnesens Zimmer gegenüber , einnahm . Schlanke Säulen mit korinthischen Kapitälchen verzierten die Glastüren des Aufsatzes , hinter dessen blanken Scheiben eine sehr gemischte Gesellschaft friedlich beisammen wohnte . Da standen Schillers Werke in einem Bande , im allerdings ziemlich abgenützten Prunkgewand aus rotem Saffian , neben zwei kleinen dicken Büchlein in schweinsledernen Schlafröckchen , den Mémoires du Maréchal de Bassompierre . Goethes Benvenuto Cellini hatte zwei ganz unähnliche Nachbarn , Dom Jacques Martins Histoire des Gaules und ein ehrwürdiges Inkunabel : Unser lieben frawen psalter , gedruckt zu Augspurg . Von Luca Zeisselmair . Am mitwoch nach Jakobi . In dé iar als man zelet 1495 . Gibbons Geschichte des Verfalles des römischen Reiches blickte gnädig auf den Herrn Quintus Fixlein herab , Krummachers Parabeln lehnten sich mit naiver Zutraulichkeit an die Annalen des Tacitus . Lessings Laokoon war durch ein Versehen mitten hineingeraten zwischen den Barometermacher auf der Zauberinsel und die Familie von Halden ; Prinz von Gotland , der Bramarbas und Himmelstürmer , hielt sich ruhig neben dem weisen Pascal . Viele Klassiker der Weltliteratur , alte und neue , fanden sich durch irgendein Hauptwerk vertreten ; vollständig vorhanden jedoch waren alle Lehrbücher der Uhrmacherkunst . Ihre lange majestätische Reihe wurde durch Hieronymus Cardani ( 1557 ) eröffnet und schloß mit M.L. Moinets Traité général d ' Horlogerie . Kein einziges von allen diesen Büchern war seiner Eigentümerin ganz fremd , mit manchen stand sie auf dem vertrautesten Fuße , und gerade in diese vertiefte sie sich mit dem größten Vergnügen immer von neuem . Denn , meinte sie , ein schönes Buch nicht wiederlesen , weil man es schon gelesen hat , das ist , als ob man einen teuren Freund nicht wieder besuchen würde , weil man ihn schon kennt . Übrigens - ein gutes Buch , einen guten Freund , die lernt man nicht aus . Ein weises Buch ist ebenso unergründlich wie ein großes Menschenherz . Viele dieser Werke besaßen außer ihrem eigenen auch noch einen besonderen , für Lotti unschätzbaren Wert . Sie waren mit Randbemerkungen von der Hand eines Mannes versehen , der ihr unter allen Lebenden am Höchsten gestanden - ihres Vaters . Sie meinte ihn sprechen zu hören , wenn sie die kurzen zierlich geschriebenen Sätze , Früchte reiflicher Überlegung und solider Fachkenntnis , überlas . Meister Johannes Feßler hatte nicht zu den Leuten gehört , die einen Gedanken deshalb schon für gut halten , weil er in ihrem Kopf entstanden ist . Das Handwerk , das er ein halbes Jahrhundert hindurch getrieben , hatte ihn gelehrt , dreißig » vielleicht « und » ich glaube « leichter auszusprechen als ein » so ist ' s « , oder ein » das steht fest « . Ein gewissenhafter Uhrmacher , wie er gewesen , ein Mann , der so oft erfahren hatte , daß am Ende einer Reihe scheinbar richtiger Schlüsse ein Irrtum lauern kann , der hütet sich wohl , leichtsinnig Behauptungen aufzustellen . Dafür haben die seinen aber auch bei allen Leuten , die es verstehen , einen Ausspruch auf dessen Feingehalt an Wahrheit zu prüfen , ihr gehöriges Gewicht . Aus den Randglossen des Meisters ließ sich erkennen , wie ernst es ihm war mit seinem Beruf und welche Liebe er für denselben gehegt . Man sah es wohl , was er auch gelesen hatte , wie sehr ein Buch seine Aufmerksamkeit gefesselt haben mochte , seines Handwerks hatte er dabei nie vergessen . Niemals war ein bemerkenswertes Ereignis in der Geschichte der Menschen zu seiner Kenntnis gekommen , ohne daß er gesucht hätte , es mit einem ebensolchen in der Geschichte der Uhren in Verbindung zu bringen . So befand sich zum Beispiel in einem historischen Werke , an einer Stelle , wo die Rede war vom Tode Kaiser Rudolfs von Habsburg , von Feßlers Hand die Anmerkung : In demselben Jahre erhielt die Kirche von Canterbury eine Schlaguhr , für welche dreißig Pfund Sterling bezahlt wurden . Weiter , als der Goldenen Bulle Erwähnung geschah , hatte der Meister seinerseits erwähnt : Gleichzeitig ehrte die Stadt Bologna sich selbst , indem sie die erste öffentliche Uhr aufstellen ließ . - Noch weiter : Eduard III. entsagt seinen Ansprüchen auf den französischen Thron - und - fügte Feßler hinzu - erteilt dreien Uhrmachern aus den Niederlanden Schutzbriefe , damit sie nach England kommen können . Anno 1368 . In demselben Geschichtswerke war der Beiname König Karls V. , der Weise , nachdrücklich unterstrichen und daneben stand : Muß , wie der gleichnamige große deutsche Kaiser , eine besondere Freude an den Werken der Uhrmacherkunst gehabt , ja vielleicht selbst dabei Hand angelegt haben . Der berühmte Meister Jouvence hätte sich sonst schwerlich erlaubt , eine seiner Uhren mit der Inschrift zu versehen : Charles le Quint , Roi de France Me fit par Jean Jouvence . Der nämliche weise König ließ auch ( 1364 ) Herrn Heinrich von Wick nach Paris kommen , wo dieser eine Uhr für den Turm des königlichen Schlosses verfertigte . Er erhielt Wohnung in demselben Turm und eine Besoldung von sechs Sous täglich . - Noch andere Randglossen machten darauf aufmerksam , daß Luther seine Bibelübersetzung zu derselben Zeit geschrieben hat , zu welcher Peter Hele , Andreas Heinlein und Caspar Werner in Nürnberg die ersten Taschenuhren zustande brachten , daß im Jahre des Unterganges der spanischen Armada Andreas Landek , Schüler Abraham Habrechts und Verfertiger der ersten Kirchenuhr in Nancy , zu Wertheim in Franken geboren wurde ; daß Anno 1690 - glorreichen Andenkens für Deutschland wegen der Gründung der Universität Halle , und für Frankreich wegen der Siege Luxemburgs , Catinats und Tourvilles - in Paris , wo bisher nur kleine Taschenuhren beliebt gewesen , plötzlich sehr große in die Mode kamen ... Und so weiter ! noch viele wichtige und höchst seltsame Zusammenstellungen , die jedem , der ein Herz hat für die Uhrmacherei , gar viel zu denken geben . Was ihm selbst dabei eingefallen , hatte Meister Johannes niemals verraten , sehr oft aber sein Bedauern darüber ausgesprochen , daß er nur ein ungelehrter Mann war und nicht imstande , eine ausführliche und genaue Geschichte der Entwickelung der Uhrmacherkunst zu schreiben . Das beste Material , das es geben kann - wenigstens zu einem Hauptzweig eines solchen Werkes - , besaß er selbst . Er hatte im Laufe seines langen Lebens eine Sammlung von Taschenuhren zusammengebracht , wie sie vor ihm so vollständig und lückenlos schwerlich ein Privatmann ( Herrn Asthon Levers ausgenommen , das versteht sich ! ) besessen haben dürfte . Lauter seltene und auserlesene Exemplare , jedes der Vertreter einer eigenen Gattung , jedes wertvoll an und für sich und doppelt wertvoll als Teil des Ganzen , zu dem es gehört . Wäre diese Sammlung bekannt , sie wäre gewiß auch berühmt geworden , sie hätte die Bewunderung aller Kenner erwecken müssen . Aber dem Meister Johannes war um Berühmtheit gar nicht zu tun , und was die Bewunderung betrifft , die ihm eigentlich ganz recht gewesen wäre - wer hört nicht gern loben , was er liebt ? - , so hat sie doch meistens Neid und Verlangen in ihrem Gefolge , die Feßler um keinen Preis zu erwecken wünschte . Er freute sich im stillen an seinem Schatze , was nicht heißen soll , daß er sich allein daran freute . Es gab zwei Getreue , die keine anderen Interessen kannten als die seinen , für die sein Wort das Evangelium war , sein Beifall das Ziel aller Wünsche , seine Zufriedenheit das höchste Lebensgut . Die beiden waren seine Tochter Lotti und sein Ziehsohn Gottfried . » Meine Gesellen « nannte er sie in ihrer Kindheit , und später mit Stolz » meine Gehilfen « . Endlich schien ihm auch diese Bezeichnung nicht mehr ehrenvoll genug , und er sprach sie niemals aus , ohne sich dabei in Gedanken zu verbessern : Ich sollte eigentlich sagen : Meine Berufsgenossen ... solche noch dazu , die im besten Zuge sind , mich zu überflügeln . Daß sie es doch möchten , und recht bald , und recht weit - sein liebster Traum wäre erfüllt . Aber nicht allein dieser , jeder Traum von Erfolg und Glück , den er für seine Kinder im treuen Vaterherzen hegte , schien in Erfüllung gehen zu wollen . Ihr Lebensweg lag so glatt geebnet vor ihnen , sie waren so ganz geschaffen , die Bahn , die das Schicksal ihnen vorgezeichnet , eines auf das andere gestützt , ohne Abirrung , ohne Wanken und Straucheln zu verfolgen . Sie waren beide brav und talentvoll , hatten ein und dasselbe geistige Interesse und dienten ihm mit dem gleichen Eifer . Niemals war ihre Einigkeit getrübt worden . Von dem Augenblick an , in welchem Feßler den kleinen Gottfried , den Sohn eines in der Fremde verstorbenen Verwandten , in sein Haus aufgenommen , hatte sich dieser , so jung er selbst war , zum Beschützer des noch jüngeren Mühmchens aufgeworfen . Gottfried war völlig verwaist , Lotti hatte vor kurzer Zeit ihre Mutter verloren . Die beiden Kinder wuchsen munter heran . Er wurde ein kräftiger , ernster Jüngling von nachdenklichem , etwas zurückhaltendem Wesen , sie ein hochaufgeschossenes , schlankes Mädchen , verständig , sanft , und dabei immer lustig und guter Dinge . Sie bewunderte und verehrte ihren Vetter und fürchtete seinen Tadel mehr noch als den ihres Vaters . Ihren ersten großen Schmerz erfuhr sie , als Gottfried nach London geschickt wurde , um dort seine Lehrjahre durchzumachen . Er selbst hatte die Stunde der Abreise kaum erwarten können , aber als sie herankam , war sie so düster und leidvoll , wie sie aus der Ferne licht und freudig geschienen . Lotti schluchzte bitterlich . Der frohe Mut , mit dem sie bisher der Trennung von ihrem Jugendgespielen entgegengesehen , war plötzlich verschwunden , sie wollte nicht mehr begreifen , warum er denn fort müsse und wie es sich ohne ihn leben lassen solle . Feßler jedoch bestand auf seinem Sinn . Er umschloß seine beiden Kinder in einer Umarmung , dann trennte er sie sanft : » Leb wohl , Gottfried « , sagte er , » in drei Jahren bist du wieder bei uns . Geh , lieber Sohn . Im Vaterlande eines Harrison « - in seinen feuchten Augen leuchtete es begeistert auf- , » eines Mudge , eines Arnold müssen unsere künftigen Meister leben . Wenn du heimkommst , werde ich von dir lernen . « Allein dieses Wort sollte nicht zur Wahrheit werden . Als Gottfrieds Lehrzeit um war und er nach Hause zurückkehrte , behauptete er , bei seinen neuen Meistern nichts so gut gelernt zu haben , als seinen alten Meister und dessen Kunst zu schätzen . So berühmt jene auch seien , so teuer ihre Arbeiten bezahlt werden , Feßler dürfe sich mit dem Größten von ihnen messen . Eines nur verstände auch der Geringste unter allen besser , nämlich seine Geschicklichkeit geltend zu machen und zu verwerten . Diesen Vorwurf wies Feßler lächelnd zurück . Beehrten ihn die vorzüglichsten Uhrmacher nicht mit ihren Bestellungen ? zögerten sie , ihren Namen in eine Uhr schreiben zu lassen , die aus seinen Händen kam ? Aber Gottfried schüttelte den Kopf und meinte , das sei es eben , was ihn kränke . - » Ihr Name auf deinem Werk ! wo steht denn der deine ? Wer kennt dich ? wer weiß etwas von dir ! ... Was hast du von deinen unvergleichlich schönen und genauen Arbeiten ? « » Die Freude , sie zu machen ! « war die Antwort Feßlers , und das Herz schwoll ihm vor Wonne über die Anerkennung , die sein weitgereister Sohn ihm zollte . Die kleine Familie verlebte damals eine herrliche Zeit . Eine Zeit voll beseligenden Friedens und erfolgreicher Tätigkeit . Feßler war mit der Vollendung eines Chronometers beschäftigt , den er selbst für sein bestes Werk hielt . Gottfried lieferte dazu eine Kompensationsunruhe von so einziger und zarter Ausführung , daß Meister Johannes bei ihrem Anblick laut ausrief : » Unübertrefflich ! « - Dieses Lob hatte er noch nie einer Leistung gespendet , die aus seiner Werkstatt hervorgegangen war . Lotti hingegen gelang es , eine höchst merkwürdige und komplizierte Taschenuhr aus dem 16. Jahrhundert in Gang zu bringen . Es bedurfte dazu außerordentlicher Geschicklichkeit , unsäglicher Geduld - aber welche Freude , als sie belohnt wurden und das seltsame kleine Ding seine abenteuerlich geformten Räder in Bewegung zu setzen begann . Feßler und Gottfried lachten , staunten , bewunderten ; das Herz des jungen Mädchens pochte vor Entzücken ... Ja , es war eine herrliche Zeit ! - warum mußte sie so rasch vergehen ? Warum mußten ihr , die so erfüllt war von stillem und harmlosem Glück , Tage folgen voll Pein und Qual ? Böse Tage , in denen die fleißigen Hände Lottis ruhten , aus ihrer Seele jedoch die Ruhe gewichen war . Tage , in denen alles , was sonst ihr Leben erhellte , ihr gleichgültig geworden , und das Leben selbst - eine Last . 3 Diese schreckliche Zeit war nun längst vorüber ; doch hielt Lotti die Erinnerung an sie in ihrer Seele wach . Sie wollte nicht vergessen , daß auch ihr ein gehöriges Maß an Leid und Enttäuschung zugeteilt worden , sie wäre sich sonst im Vergleich mit anderen Menschenkindern ungerecht bevorzugt erschienen . Wie vielen wird es denn so gut , mit ihr sagen zu können : Ich habe das Leben , das ich brauche ! Ihrer alten Beschäftigung , zu der sie zurückgekehrt war , verdankte sie täglich neue Freude , verdankte ihr Frieden , Frohsinn und Unabhängigkeit . Wäre ihr Vater nur noch dagewesen , um dies alles mit ihr zu genießen ! Aber leider , Meister Johannes ruhte schon seit geraumer Zeit in der kühlen Erde . Er hatte keine Mühseligkeit des Alters kennengelernt ; niemals hatten ihm Auge und Hand bei Ausführung der Gedanken seines erfinderischen Kopfes ihre Dienste versagt . Wohl waren seine Haare weiß geworden , hatten seine Wangen sich entfärbt , aber aus seinen klaren Zügen leuchtete der Glanz einer unverwelklichen Jugend . Die Jugend des mit Bewußtsein Werdenden . Unermüdlich strebend und lernend , hatte er sich nicht Zeit genommen , recht zu überlegen , wieviel er schon erstrebt und erlernt - da plötzlich , ohne auch nur einen seiner Vorboten geschickt zu haben , trat der Tod an ihn heran . Und jetzt , im Angesicht der ewigen Trennung , fiel dem Meister der Gedanke schwer aufs Herz , daß er seine Tochter fast mittellos in der Welt zurücklassen müsse . Er hätte ihr so leicht eine behagliche Wohlhabenheit sichern können ! - Vor einem Jahre noch fand sich die beste Gelegenheit dazu , da bot ein reicher Kenner , der sich in die Uhrensammlung Feßlers vernarrt hatte , eine Summe dafür , eine lächerlich hohe Summe , wahrhaftig ein Vermögen . Allein Johannes hatte nicht einmal geschwankt , war ruhig dabei geblieben : » Die Uhren sind mir nicht feil . « Über diesen Leichtsinn , diese törichte Selbstsucht machte er sich in seiner letzten Stunde bittere Vorwürfe und bat noch sterbend seinen Sohn Gottfried , jenen abgewiesenen Käufer aufzusuchen und ihm zu melden , die Sammlung , nach welcher er so heißes Verlangen trage , stehe ihm nun zur Verfügung . Lotti jedoch erklärte , daß sie ebenso gern ihre Seele verkaufen ließe wie diese Uhren . So blieben sie denn in ihrem Besitze , wenn auch nicht ohne manchen harten Kampf . Die Sammlung Meister Feßlers war allmählich doch in einem Kreise von Kennern und Liebhabern zu dem ihr gebührenden Rufe gelangt . Es fehlte nicht an zudringlichen Leuten , die trotz der standhaften Zurückweisungen , die sie erfuhren , immer wieder erschienen , immer neue Bewerbungen anstellten , immer glänzendere Anerbietungen machten . Das war denn oft herzlich langweilig , trug aber nur dazu bei , die Liebe , welche Lotti für ihre Uhren empfand , noch zu erhöhen . Sie hörte niemals auf , ihnen ihre Sorgfalt angedeihen zu lassen , und wenn es noch soviel zu tun gab und wenn die Zeit noch so sehr drängte , ging sie nicht an ihr Tagewerk , ohne ihren Uhren einen Besuch abgestattet zu haben . Hätte sie das jemals unterlassen müssen , die rechte Begeisterung , die rechte Lust zur Arbeit hätte ihr gewiß gefehlt . Auch heute war sie an das Schränklein getreten , das in der Ecke stand neben der Schlafzimmertür , dem großen Schreibtisch gegenüber . Eben fiel ein Sonnenstrahl schräg durch das Fenster auf das Kästchen , auf Lottis Hände , und als sie die erste Lade öffnete , schlupfte er sogleich hinein . Prächtig war ' s , wie er die kleinen ehrwürdigen Meisterwerke beleuchtete , welche darin auf einem Bettlein von purpurrotem Sammet lagen . Die glatten Gehäuse aus Messing , Kristall , Silber und Gold und die reich verzierten und die durchbrochenen , und in dieser die sorgfältig geputzten , polierten und wieder zusammengesetzten Werke erglänzten und gaben dem leuchtenden Strahl des Lichtes , der sie in ihrer Verborgenheit und Ruhe besuchen kam , seinen Gruß zurück , Das war Lade Nummer eins ! Sie enthielt drei sogenannte » lebendige Nürnberger Eier « und drei » Halsvrln « . Kein einziges Stück jünger als dreihundert Jahre , manches noch älter und gerade die ältesten von der künstlichsten Beschaffenheit . Was wollten sie nicht alles können ,