Franzos , Karl Emil Der Pojaz www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Karl Emil Franzos Der Pojaz Vorwort » Bilde , Künstler , rede nicht ! « Jedes Dichterwerk soll sich selbst erläutern . Bedarf es erst einer Erklärung , so taugt es nichts . Zudem nützt alles Erklären nichts . Ist das Werk lebensfähig , so lebt es durch die eigene Kraft ; ist es als Krüppel zur Welt gekommen , so nützt ihm das Mäntelchen eines Vorworts nichts . Im Gegenteil , das Mäntelchen schadet nur . Ungeduldig zerrt der Leser an dem Gewande : » Laß mich doch selbst sehen , wie das Kind gewachsen ist ! « Dies Vorwort also soll meinen Roman weder erläutern , noch verteidigen . Es soll nur einige äußere Umstände anführen und daneben einiges sagen , was ich schon lange auf dem Herzen habe und am besten bei dieser Gelegenheit vorbringen kann . Ich bin am 25. Oktober 1848 auf russischem Boden geboren , im Gouvernement Podolien , in einem Forsthause dicht an der österreichischen Grenze . Ich glaube nicht , daß man je die Absicht hegen wird , an diesem Hause eine Gedenktafel anzubringen ; sollte aber einst irgend ein Freund meiner Schriften auf diesen Gedanken kommen , so wird er ihn nicht verwirklichen können . Das Haus steht nicht mehr ; über die Stelle , wo ich zur Welt gekommen bin und die ersten Wochen meines Lebens verbracht habe , geht heute der Pflug ; der gerodete Wald ist Ackerland geworden . Vor 45 Jahren wohnte dort ein wackerer deutscher Förster aus Westfalen , der meinem Vater treu anhing , weil er ihn in schwerer Krankheit am Leben erhalten hatte . Den Dank dafür trug der Mann nun ab , indem er die Familie seines Lebensretters treulich aufnahm . Denn der Spätherbst 1848 war eine böse Zeit in Ostgalizien ; die Polen erhoben sich und gingen damit um , den vereinzelten Deutschen im Lande dasselbe Los zu bereiten , wie es ihre Posener Landsleute den Preußen ein halbes Jahr vorher zugefügt oder doch zuzufügen versucht . Zu den Bedrohten gehörte auch mein Vater , denn erstlich stand er als Bezirksarzt in kaiserlich königlichen Diensten , und zweitens hatte er sich immer als eifriger Deutscher betätigt . Jeden Tag regnete es Drohbriefe ; auf dem flachen Lande war bereits der Aufruhr offen erklärt ; im Städtchen erwartete man stets den Überfall . Man riet meinem Vater , zu flüchten ; er war nicht der Mann , seinen Posten zu verlassen . So schickte er denn nur meine Mutter , die mich eben unter dem Herzen trug , und meine älteren Geschwister über die Grenze in jenes Forsthaus . Dort also bin ich , wie gesagt , zur Welt gekommen , vorzeitig ; meine arme Mutter war ja in tödlicher Angst und Sorge um den Gatten . Die Gefahr ging gnädig an ihm vorbei ; schon im November war der Aufstand der Polen zu Ende , und sie konnte heimkehren . Man sieht , ich bin deshalb in Rußland zur Welt gekommen , weil mein Vater sich als Deutscher fühlte und danach handelte . Auch bei meiner Erziehung . Das deutsche Nationalgefühl , das mich erfüllt , das auch ich mein Leben lang betätigt habe , ist mir von Kindheit auf eingeprägt worden . Ich war noch nicht drei Käse hoch , als mir mein Vater bereits sagte : » Du bist deiner Nationalität nach kein Pole , kein Ruthene , kein Jude - du bist ein Deutscher . « Aber ebenso oft hat er mir schon damals gesagt : » Deinem Glauben nach bist du ein Jude . « Mein Vater erzog mich wie mein Großvater ihn erzogen , in denselben Anschauungen , sogar zu demselben Endzweck , ich sollte meine Heimat nicht in Galizien finden , sondern im Westen . Und auch die Gründe , die meinen Vater dazu bewogen , waren dieselben . Ich besuchte die einzige Schule des Städtchens , die im Kloster der Dominikaner ; dort lernte ich Polnisch und Latein . Im Deutschen unterrichtete mich mein Vater selbst . Für das Hebräische hatte ich einen besonderen Lehrer . Dieser Mann war zugleich der einzige meiner Czortkower Glaubensgenossen , mit dem ich bis in mein zehntes Jahr in nähere Berührung kam . Meine Mitschüler , meine Spielgefährten waren Christen . Ich betrat selten ein jüdisches Haus , nie die Synagoge . Religiöse Bräuche sowie die Speisegesetze wurden im elterlichen Hause nicht gehalten . Ich wuchs wie auf einer Insel auf . Von meinen Mitschülern schieden mich Glaube und Sprache , und genau dasselbe schied mich von den jüdischen Knaben . Ich war ein Jude , aber von anderer Art als sie , und ihre Sprache war mir nicht ganz verständlich . In diesen Eindrücken meiner Kindheit wurzelt vielleicht das Beste , was ich habe : die Fähigkeit des Beobachtens . Ich war von allen anderen geschieden , ein anderer als sie . Aber was ich nun war , wußte ich ganz genau , dafür hatte mein Vater gesorgt . Ich war ein Deutscher und ein Jude zugleich . Von beiden hörte ich nur das Beste und Edelste , was mich zur Treue , ja zur Begeisterung entflammen konnte . Bewarf mich zuweilen ein Judenknabe mit Kot und schimpfte mich einen Abtrünnigen , so wurde mir gesagt : » Er ist deshalb doch dein Bruder , grolle ihm nicht ! Er weiß nicht , was er tut . « Freilich durfte ich den Bruder nicht näher kennen lernen , aber dazu hatte ich auch geringe Lust , und bescheidene Annäherungsversuche , die ich machte , fielen übel aus : die kleinen Kaftanträger prügelten und verhöhnten mich . Begegnete ich aber nur einem von ihnen , so lief er mir davon . Das mißfiel mir beides , stimmte mir auch nicht zu der Geschichte der Makkabäer , die mir mein Vater so begeistert zu erzählen pflegte . So standen die Dinge in meiner Knabenzeit in Czortkow . Ich hatte viel Begeisterung für das Judentum , aber einen sehr dürftigen Einblick in das reale Leben der Juden um mich her . Einen tieferen Einblick gewann ich erst in Czernowitz , wo ich das Gymnasium besuchte , allmählich und stückweise , von Jahr zu Jahr mehr . Nun , wo mein Vater nicht mehr war - ich habe ihn bereits 1858 verloren - , begriff ich erst recht , unter welchen Kämpfen sein Leben vergangen , in welchen Anschauungen er mich erziehen gewollt . Wie es ohne jenen festen Grund , den er gelegt , ohne jene Begeisterung , die er in mir entflammt , mit mir gekommen wäre , könnte ich mit Bestimmtheit nicht sagen , denn vielleicht hätten mich zwei Grundzüge meines Wesens , die auch ich mir nachsagen darf , weil sie niemand übersehen kann , der meine Schriften oder mich kennt - vielleicht hätten , sage ich , mein Pflichtgefühl und mein Gerechtigkeitssinn mich annähernd denselben Weg einschlagen lassen , den ich gegangen bin . Aber gut war es doch , daß mein Vater jenen Grund legte . Denn je näher ich das nationalorthodoxe Judentum kennen lernte , desto mehr fühlte ich mich durch seine Auswüchse im tiefsten Herzen verwundet und fremdartig berührt . Auch entging mir zwar das Poetische an vielen seiner Formen nicht , aber ihren Zauber können sie doch nur auf einen voll üben , dem sie zugleich ein Stück Kindheitserinnerung bedeuten . Dies war bei mir nicht der Fall . Es war ganz ausgeschlossen , daß ich , meines Vaters Sohn und frühzeitig auch durch das Leben zum vollen Pflichtgefühl erzogen , jemals daran denken konnte , meinen Glauben zu wechseln . Aber ebensowenig dachte ich daran , daß das Judentum in meinem Leben eine bestimmende Rolle spielen , daß ich jemals innerhalb der engeren Genossenschaft meiner Glaubensbrüder bestimmte Ideen zur Anschauung bringen sollte . Ich wollte Jude bleiben , auch hier meine Pflicht tun , das war alles . Und vollends fiel mir damals nicht bei , daß in mir ein Erzähler , ein Kulturschilderer des Ghettolebens stecken könnte . Mir schwebte ein anderes Ziel vor Augen , ich wollte klassische Philologie studieren und Professor werden . Das Ziel schien gar nicht zu verfehlen ; ich war fleißig , hatte Neigung für das Fach , hatte schon als Schüler eine Arbeit geleistet , welche die Aufmerksamkeit auf mich lenkte : eine Übersetzung der lateinischen Eklogen des Vergil ins Griechische , in die Sprache Theokrits ( den dorischen Dialekt ) . Freilich war ich sehr arm , aber die Regierung gab mir ja gewiß ein Stipendium . Auch der Landeschef der Bukowina , ein wohlwollender Mann , war dieser Ansicht und unterstützte mein Gesuch auf das wärmste . Die Entscheidung ließ lange auf sich warten . Endlich wurde ich eines Tages zum Landeschef berufen . Der gute Mann war in sichtlicher Verlegenheit . » Ihre Eignung steht außer Zweifel , aber - « Der Gedankenstrich bedeutete das Taufbecken . Einem Juden wurde das Stipendium nicht gegeben , es hatte auch keinen rechten Sinn , denn ich wollte ja eine Universitätsprofessur erreichen , und die war ja dem Juden unmöglich . Es war im Sommer 1867 , vor der liberalen Ära . Mit meiner religiösen Überzeugung Handel treiben , das ging natürlich nicht . Auf das Stipendium mußte ich also verzichten . Und damit auch auf die klassische Philologie . Ein armer Junge wie ich , der Mutter und Schwestern zu versorgen hatte , durfte keinen Beruf wählen , der keine Aussicht auf Versorgung bot . Ich beschloß also , Jura zu studieren , und tat ' s. Das schreibt sich leicht hin , aber wieviel Schmerz , wieviel schlaflose Nächte zwischen jeder dieser Zeilen stehen , weiß nur , wer selbst in ähnlicher Lage war . Indes - dies Selbstverständliche würde ich nicht erwähnen , wenn es nicht zur Sache gehörte . Mein Judentum hatte mir bisher weder Vorteil , noch Schaden gebracht . Nun brachte es mir Schaden , den schwersten , den ein Mensch erleiden kann , legte mir ein furchtbares Opfer auf : den Verzicht auf den Beruf , für den ich mich selbst bestimmt , von dem damals ich und andere meinten , daß er am besten für mich tauge . Derlei wirkt auf den Menschen verschieden , je nach seiner Anlage . Der eine kann das Opfer nicht bringen , ihm scheint der Glaubenswechsel das leichtere Opfer . Der andere verzichtet zwar , beginnt aber innerlich sein Judentum als ein Unglück zu empfinden und zu - hassen . Den dritten aber beginnt sein Glaube eben deshalb näher anzugehen , wärmer zu interessieren , weil er ihm ein solches Opfer hat bringen müssen . Dies Letzte war bei mir der Fall . Ich wurde kein Frommer im Lande , aber mein Interesse für das Judentum , das Gefühl meiner Zusammengehörigkeit mit den armen Kaftanjuden in der Czernowitzer » Wassergasse « wurde ungleich stärker als bisher . Es ging mit der Juristerei besser , als ich gedacht ; ich begann , mich mit dem Studium zu befreunden . Da kam mir um meines Judentums willen ein neuer , großer Schmerz . Eine Liebesgeschichte . Ich war kaum 21 Jahre alt . Aber es traf mich doch recht hart , als mir das Mädchen sagte : » Mir bricht das Herz , aber Sie sind ein Jude ... « Das Herz brach ihr übrigens nicht . Aber auch mir nicht . Weh freilich tat es mir , recht weh . Und in dieser Stimmung schrieb ich meine erste Novelle , » Das Christusbild « , das die Liebe eines Juden und einer Christin schildert , und wie das Vorurteil des Weibes stärker ist als seine Liebe . Freilich bereut sie , aber die Reue kommt zu spät . Ich schrieb die Geschichte binnen drei Tagen , im halben Fieber . Unwillkürlich , ohne nachzusinnen , verlegte ich den Schauplatz in mein heimatliches Czortkow und ließ auch sonst Jugenderinnerungen hineinspielen . An den Druck dachte ich nicht . Ein Zufall bestimmte mich , das Manuskript ein halbes Jahr später an die damals verbreitetste deutsche Revue zu senden , die » Westermannschen Monatshefte « . Die Redaktion nahm es sofort an und verlangte eine neue Arbeit aus » diesem interessanten Stoffkreise « . Ich war darüber ebenso erfreut wie erstaunt ; daß der Stoffkreis » interessant « sei , daran hatte ich nicht gedacht . Aber ebensowenig daran , dieser ersten Novelle eine weitere folgen zu lassen . Ich wollte ja Jurist werden . Nun fing ich aber doch an , über den » interessanten Stoffkreis « zu grübeln . Die Gestalten der Heimat wurden mir lebendig . Ich hatte sie einst , als sie leibhaftig vor mir gestanden , sehr nüchternen Blutes angesehen . Nun aber verklärte sie ein Zauber , der Zauber der Ferne . Ich studierte an der Universität Graz , war der einzige Jude an der Hochschule , ja in der Stadt , sah das ganze Jahr lang keinen Juden . Und während ich so grübelte , war eine zweite Novelle fertig : » Der Shylock von Barnow « . Nun folgte eine lange Pause . Ich geriet , weil ich während des deutsch-französischen Krieges in einer Kommersrede meiner Sympathie für die Deutschen kräftigeren Ausdruck gab , als der neutralen österreichischen Regierung recht schien , in einen politischen Prozeß , dann nahm mich der Abschluß meiner Studien in Anspruch . Als ich fertig war , da fühlte ich , daß ich zum Advokaten nicht taugte , nur der Richterberuf zog mich an . Aber ich war ein Jude - Man errät leicht , daß auch dieser Gedankenstrich ein Taufbecken bedeutet . Aber wenn ich schon als Jüngling nicht geschwankt , so noch weniger als Mann . Aber leben mußte ich ja , und so wurde ich Journalist , schrieb politische Artikel und schnitt mit der Schere die schönsten » Vermischten Notizen « zusammen . In meinen Freistunden aber schrieb ich Novellen . Bald solche aus dem jüdischen Leben , bald solche aus dem deutschen Leben . Es war derselbe Drang , der mich zu beiden führte : ein künstlerischer Drang . Ich wollte darstellen , was ich empfand , dachte , erfand . Aber nicht ins Blaue hinein . Ich konnte nur ein Leben schildern , das ich gesehen . Und so spielen meine ersten Novellen entweder in Graz oder in Czortkow , dem » Barnow « meiner Novellen . Es ist nicht meines Amtes , darüber zu sprechen , was meinen Büchern zu ihrem Erfolg verholfen hat . Nur eins darf ich darüber bemerken , ohne den guten Geschmack zu verletzen : es waren Bücher , die nicht bloß den Juden , sondern auch den Christen aller Länder gleich verständlich waren . Nun aber glaubte ich , meiner eigenen künstlerischen Entwicklung etwas anderes , etwas Neues schuldig zu sein : einen Roman aus dem östlichen Ghetto . Dieser Roman liegt hier vor . Der Plan dazu ist sehr alt , über zwanzig Jahre . Aber ich zögerte immer wieder , ihn auszuführen . Ich fühlte mich aus verschiedenen Gründen noch nicht reif dazu . Endlich glaubte ich , nicht länger zögern zu sollen . Warum ich so lange zögerte ? Erstlich deshalb , weil es sich eben um einen Roman handelt , während ich bisher aus diesem Stoffkreis nur Novellen geschrieben . Das ist aber nicht bloß bezüglich des äußeren Umfanges , sondern auch bezüglich des inneren Wesens der Arbeit ein Unterschied . Die Novelle schildert einen eng begrenzten , und zwar nicht bloß durch den Raum , sondern auch durch das Problem begrenzten Ausschnitt aus einem bestimmten Leben ; der Roman aber soll , sofern er diesen Namen verdient , ein Spiegelbild dieses gesamten bestimmten Lebens sein . Wer einen Ausschnitt schildert , braucht nur diesen zu kennen , zu einem Gesamtbild gehört Beherrschung des gesamten zu schildernden Lebens in seinen sämtlichen oder doch wichtigsten Beziehungen . Ich zögerte , bis ich mir sagen konnte , daß ich genug vom äußeren und inneren Leben des Judentums wüßte , um an dieses Werk schreiten zu können . Oder mit einem Worte : ich wollte die jüdische Volksseele tiefer als bisher ergründen lernen . Das also ist der erste Unterschied dieser Arbeit von meinen bisherigen . Ein zweiter betrifft die Tonart dieses Werkes . Ich möchte mich als Künstler nicht selbst analysieren . Das ist Sache der Kritiker , die ja auch ihre Arbeit eifrig genug verrichten und noch ferner tun werden , einige vivisezieren mich sogar . Ich will daher nicht eingehend erörtern , daß und warum die Tonart meiner früheren Schriften sich zwischen Tragik und Komik bewegte . Dieser Roman schlägt eine andere Tonart an : die humoristische . Warum erst dieses Werk ? Nun , vielleicht muß man älter geworden sein , mehr erfahren und mehr gelitten haben , um das » Lächeln unter Tränen « zu erlernen ... Aber auch nach anderer Richtung , nicht bloß der subjektiven meiner Darstellung , sondern auch der objektiven des Inhaltes , darf ich diesen Roman einen humoristischen nennen . Er sucht dem Leser die Fülle jenes eigentümlichen Witzes und Humors nahe zu bringen , der im Ghetto des Ostens zu finden ist , und darf darum keine der Formen vermeiden , in denen sich dieser Witz bewegt , also auch in Formen des Wortspiels nicht . Und nun ein dritter , vielleicht der größte Unterschied : die Tendenz . Ich glaube , auch in meinen ersten Schriften meine Pflicht gegen meine Stammesgenossen erfüllt , nicht gegen , sondern für sie , nicht zu ihrem Schaden , sondern zu ihrem Heil gewirkt zu haben . In dieser Zuversicht haben mich auch meine chassidischen Schmäher und Angreifer nicht wankend gemacht . Als ich zuerst das Wort ergriff , da gab mir ein Jude dieser Richtung , ein Mann namens Dr. Lippe in Jassy , den Rat , mich baldigst taufen zu lassen , denn das Judentum hätte für einen Mann meiner Gesinnungen keinen Platz . In milderer Form ist dasselbe oft genug von jüdischer Seite über mich geäußert worden . Ich habe es lächelnd ertragen , weil ich mir sagte : » Dies ist der beste Beweis , daß du deine Pflicht getan hast . Wärest du so töricht , so ungerecht , so feig gewesen , deine Waffen nur gegen die äußeren Feinde des Judentums zu kehren und nicht gegen die inneren Gegner einer gesunden Entwicklung , so wären diese Herren mit dir zufrieden gewesen , aber sonst niemand anders und am wenigsten dein eigenes Gewissen . « Und auf diesem Standpunkt blieb ich stehen . Freilich , ein Gesamtbild läßt sich dem Leser ungleich schwerer verständlich machen als ein Ausschnitt . Aber ich habe mich bemüht , meinen Roman so zu schreiben , daß er von jedem Leser , gleichviel welchen Bekenntnisses , auch wenn er nie einen Juden des Ostens selbst gesehen hat , verstanden werden kann . Berlin , 15. Juli 1893 Karl Emil Franzo Karl Emil Franzos ist am 28. Januar 1904 aus dem Leben geschieden , ohne den » Pojaz « veröffentlicht zu haben . Was ihn bewogen hat , dieses Werk - wohl sein bestes und reifstes - mit dem er sich durch Jahrzehnte beschäftigt und das er im Jahre 1893 , im Alter von 45 Jahren , auf der Höhe seiner Schaffenskraft vollendet hat , so lange zurückzuhalten , soll hier nicht erörtert werden . Nur so viel sei gesagt , zweierlei hatte kein Teil an dieser Zögerung : er hielt sein Werk keiner Änderung mehr bedürftig und hat auch tatsächlich seit dem Jahre 1893 nichts mehr hinzu und nichts hinweggetan , und er scheute nicht den Kampf mit den dunklen Mächten , die dies Buch vielleicht wieder gegen ihn aufgewühlt hätte . Denn bis zu seinem letzten Atemzuge blieb er ein Streiter für Recht und Licht . Über sein Leben und seine Vorfahren hat Franzos in der » Geschichte des Erstlingswerkes « ( 1894 ) , worin er autobiographische Aufsätze von neunzehn deutschen Schriftstellern über ihre dichterischen Anfänge vereinigt , in seinem Aufsatz : » Die Juden von Barnow « ausführliche , obiges Vorwort ergänzende Mitteilungen gemacht . Wien , im Juli 1905 Ottilie Franzos Erstes Kapitel Der Held dieser Geschichte - und zwar in Wahrheit ein Held , wenn man diese Bezeichnung nicht einem Menschen , der mit Aufgebot aller Kraft leidvoll nach einem hohen Ziele ringt , ungerecht weigern will - hatte auch einen heroischen Vornamen . Er hieß Sender , in welcher gedrückten , gleichsam ausgeknochten Form der stolze Name Alexander , den die Juden in einer glorreichen Zeit ihrer Geschichte von den Hellenen übernommen , unter ihren gequälten , geknechteten Nachkommen im Osten Europas fortlebt . Minder heldenhaft klingt sein Zuname : Glatteis , den irgend ein Zufall oder die Laune eines Beamten seinem Großvater zugeteilt hatte . Aber wenige wußten , daß er so hieß , der Name stand eigentlich nur in seinem Geburtsschein , in seinem Konskriptionszettel und in dem Totenschein . In Barnow jedoch ward er nie anders genannt als » Sender der Pojaz « oder noch häufiger » Roseles Pojaz « . Denn die Rosele Kurländer draußen im Mauthhause , am Eingang des Städtchens , hatte ihn aufgezogen , und er benahm sich so sonderbar : wie ein » Pojaz « meinten die Leute . » Pojaz « aber ist das korrumpierte Wort für » Bajazzo « . Auch die Rosel war nur seine Pflegemutter . Sender war mit niemand im Städtchen verwandt , auch sonst mit keinem Menschen in der ganzen weiten Welt . Freilich war er in Barnow geboren und stand im Buch der Gemeinde verzeichnet . Die Leute hätten ihn nicht fortjagen dürfen , selbst wenn er ihnen zur Last gefallen wäre , wie die Scholle das Samenkorn , das ihr der Wind zugetragen , dulden muß , auch wenn es zum Unkraut wird . Aber deshalb ist es doch nur ein Zufall , daß es hier gehaftet und nicht eine Meile weiter . Er freilich hatte die Empfindung nicht , daß er nur so ein Korn im Winde gewesen , und als sie ihn spät genug überkam , bestimmte sie sein ganzes Leben . Den Leuten von Barnow aber war er immer ein Fremder , und es wunderte sie , daß er so lange unter ihnen blieb , denn seine Herkunft war ihnen ja allen vertraut . Sein Vater , Mendele Glatteis , war ein » Schnorrer « gewesen , ein fahrender Mann , der rastlos umherzog und nichts , gar nichts sein eigen nennen konnte . Es gibt sehr viele solche Nomaden unter den Juden des Ostens ; tausend und abertausend verurteilen sich in dieser Weise freiwillig zur bittersten Armut , zum Verzicht auf all die Güter , die auch dem Dürftigsten das Leben schmücken und erträglich machen : Heimat , Weib und Kind . Man sagt , der Hang zur Trägheit , die Arbeitsscheu erkläre diese Erscheinung , und hat dabei insoweit recht , als sicherlich kein » Schnorrer « zu einer geordneten Tätigkeit zu bringen ist . Da fruchten nicht Güte , noch Strenge , er würde lieber verhungern , als arbeiten . Aber darum allein brauchte er noch nicht durch aller Herren Länder zu ziehen ; so schwer auch die Sorge ums tägliche Brot auf den Juden des Ostens lastet - die ärmsten Menschen der Erde finden sich gewiß im polnischen und russischen Ghetto - , so ist doch dort noch keiner verhungert , so lang die anderen leidlich satt wurden . Der Fleißige verwünscht den Bettler , aber wehe dem , der gegen den Bruder hartherzig sein wollte , er wäre geächtet . So kann der Träge nirgendwo besser fortkommen als dort , wo ihm die fromme Satzung unter allen Umständen den Unterhalt sichert ; in der Fremde hat er nicht bloß mit der Polizei zu kämpfen , sondern auch mit den einheimischen Bettlern , die den Zugereisten grimmig verfolgen . Es hat also noch andere Gründe , als die Trägheit , daß dennoch alljährlich , und zwar in unseren Tagen genau ebenso , wie vor hundert Jahren , Tausende von Ost nach West , von West nach Ost wandern , und daß vollends Hunderttausende innerhalb Halbasiens von der Leitha bis zur Wolga , von der Newa bis zum Bosporus ihr unstetes , armseliges Wesen treiben . Hier spielt die Wanderlust mit , die dies Volk einst noch weiter geführt , noch mehr zerstreut hat , als ohnehin durch seine furchtbaren Geschicke bedingt war , dann die Eitelkeit des » Schnorrers « , vor allem aber das Bedürfnis der seßhaften Leute nach dem Verkehr mit diesen fahrenden Gesellen . Das klingt seltsam und dennoch ist es jener Grund , der das Schnorrertum forterhält . Auch der Jude Halbasiens weiß sehr wohl , daß es sich da um eine rechte Landplage handelt ; er empfindet dies umso deutlicher , als er selbst nichts übrig hat . Die fromme Satzung aber würde höchstens hinreichen , dem Fremden den Bissen Brot zu gewähren , nicht aber den freundlichen Empfang , der ihm wird , namentlich in kleinen Gemeinden , die abseits der großen Heerstraßen liegen . Nur die wohlhabendsten Leute des Ortes wagen es , dem eintretenden Vagabunden zunächst ein bärbeißiges Gesicht zu zeigen , aber auch sie lenken rechtzeitig ein , damit er ihnen nicht davongehe . Am Wochentag ist er nur eben willkommen , aber am Festtag unentbehrlich - was wäre ein Sabbat ohne » Schnorrer « ? ! Denn es ist ein überaus dumpfes , stilles , eintöniges Leben , das der Jude in diesen Kotstädtchen des Ostens führt ; noch gleichförmiger verbringt höchstens der slawische Bauer seine Tage , und der empfindet ihren Druck weit weniger , weil sein Geist ganz ungeweckt ist . Der Jude aber hat hebräisch lesen und schreiben gelernt ; die Thora , der Talmud haben seinen Verstand bis zur Spitzfindigkeit geschärft , ihm einen heißen Wissensdurst erweckt , aber befriedigen kann er ihn nur immer aus derselben Quelle : dem uralten Wissen der Väter . Von der modernen Bildung hält ihn ja ebenso der Wille der Machthaber , wie der eigene fromme Wahn fern ! Nachdem er von Morgens bis zum Abend für die Notdurft des Lebens gesorgt , möchte er erfahren , was in der Welt vorgeht , ob sich der Deutsche und der Franzose vertragen ; vor achtzig Jahren hat er wissen wollen , ob Napoleon noch nicht aus St. Helena zurückgekehrt ist , heute , ob Bismarck nicht wieder Reichskanzler ist , denn Napoleon wie Bismarck sind für ihn buchstäblich unsterbliche Menschen . Seine Zeitung will der Mann haben , und die gedruckte christliche nützt ihm nichts , weil er sie nicht lesen kann . Auch ist ihm nichts lieber , als ein guter Witz , ein » gleiches Wörtel « , das irgend eine schwierige Talmudstelle scharfsinnig erklärt oder doch so , daß man über die Auslegung lachen kann ; auch nach Liedern oder Gassenhausern , nach einem » Spiel « ist er begierig . Und im Ghetto gibt es keinen gedruckten Anekdotenschatz , kein Konzert , kein Theater . So hat es denn der Himmel gnädig gefügt , daß es dort wenigstens » Schnorrer « gibt . Denn der richtige Schnorrer ist alles zugleich : Witzbold , Sänger , Schauspieler , vor allem aber die lebendige , zweibeinige Zeitung . Vor den gedruckten hat diese Zeitung voraus , daß sie immer in jenem Format erscheint , das dem Abonnenten wünschenswert ist ; will er in Kürze bedient sein , in Duodez ; liebt er die Ausführlichkeit , in Folio . Auch kann man gleich fragen , wenn man etwas nicht versteht , und findet immer , was man finden will : wer Schnurren liebt , bekommt sie aufgetischt und die Staatsgeschichten nur als Anhang ; der Politiker des Ghetto aber kann die längsten Leitartikel genießen , immer nur die hohen diplomatischen Affären , mit einem Feuilleton wird er nicht belästigt . Freilich lügt der Schnorrer oft , während in der gedruckten Zeitung immer nur die Wahrheit steht ; auch ist seine Auffassung der Tatsachen oft eine subjektive , ja geradezu einseitige , während in jedem Leitartikel die einzige Meinung zu finden ist , die man als vernünftiger Mensch über ein Ereignis haben kann . Aber dafür leistet er daneben auch noch Besonderes , was sogar ein Weltblatt nicht gewähren kann . Denn keine andere Zeitung singt und führt komische Soloszenen auf , und so viel Anekdoten auf einmal , wie er mitbringt , könnte auch keine bieten und erschiene sie dreimal täglich in der Größe eines Bettlakens . Darum braucht der Jude des Ostens seine » Schnorrer « , und es gibt viele unter diesen Landstreichern , die sich die Kundschaft förmlich auswählen können und nicht für jeden zu haben sind , der sie als Gäste begrüßen will . Aber auch bei jenen , die er seines Besuches würdigt , bleibt der » Schnorrer « kaum länger als einen Tag , und selbst in einer größeren Stadt kaum länger als eine Woche . Die Unrast treibt ihn hinweg , aber auch die Klugheit , die Eitelkeit . Er will immer neu , anziehend , willkommen bleiben . Man sieht , das » Schnorrertum « ist eine Erscheinung im Volksleben des Ostens , die so sehr an die eigentümlichen Verhältnisse wie an den Volkscharakter gebunden ist , daß man in aller Welt und Geschichte nichts Gleiches finden könnte . Es läge ja nahe , an den » Schmieren « -Künstler zu denken , wie er bei uns in Deutschland von Dorf zu Dorf , von Flecken zu Flecken zieht , durch