Keller , Gottfried Der grüne Heinrich [ Zweite Fassung ] www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Gottfried Keller Der grüne Heinrich [ Zweite Fassung ] Erster Band Erstes Kapitel Lob des Herkommens Mein Vater war ein Bauernsohn aus einem uralten Dorfe , welches seinen Namen von dem Alemannen erhalten hat , der zur Zeit der Landteilung seinen Spieß dort in die Erde steckte und einen Hof baute . Nachdem im Verlauf der Jahrhunderte das namengebende Geschlecht im Volke verschwunden , machte ein Lehenmann den Dorfnamen zu seinem Titel und baute ein Schloß , von dem niemand mehr weiß , wo es gestanden hat ; ebensowenig ist bekannt , wann der letzte » Edle « jenes Stammes gestorben ist . Aber das Dorf steht noch da , seelenreich , und belebter als je , während ein paar Dutzend Zunamen unverändert geblieben und für die zahlreichen , weitläufigen Geschlechter fort und fort ausreichen müssen . Der kleine Gottesacker , welcher sich rings an die trotz ihres Alters immer weiß geputzte Kirche legt und niemals erweitert worden ist , besteht in seiner Erde buchstäblich aus den aufgelösten Gebeinen der vorübergegangenen Geschlechter ; es ist unmöglich , daß bis zur Tiefe von zehn Fuß ein Körnlein sei , welches nicht seine Wanderung durch den menschlichen Organismus gemacht und einst die übrige Erde mit umgraben geholfen hat . Doch ich übertreibe und vergesse die vier Tannenbretter , welche jedesmal mit in die Erde kommen und den ebenso alten Riesengeschlechtern auf den grünen Bergen rings entstammen ; ich vergesse ferner die derbe ehrliche Leinwand der Grabhemden , welche auf diesen Fluren wuchs , gesponnen und gebleicht wurde und also so gut zur Familie gehört wie jene Tannenbretter und nicht hindert , daß die Erde unseres Kirchhofes so schön kühl und schwarz sei als irgend eine . Es wächst auch das grünste Gras darauf , und die Rosen nebst dem Jasmin wuchern in göttlicher Unordnung und Überfülle , so daß nicht einzelne Stäudlein auf ein frisches Grab gesetzt , sondern das Grab muß in den Blumenwald hineingehauen werden , und nur der Totengräber kennt genau die Grenze in diesem Wirrsal , wo das frisch umzugrabende Gebiet anfängt . Das Dorf zählt kaum zweitausend Bewohner , von welchen je ein paar hundert den gleichen Namen führen ; aber höchstens zwanzig bis dreißig von diesen pflegen sich Vetter zu nennen , weil die Erinnerungen selten bis zum Urgroßvater hinaufsteigen . Aus der unergründlichen Tiefe der Zeiten an das Tageslicht gestiegen , sonnen sich diese Menschen darin , so gut es gehen will , rühren sich und wehren sich ihrer Haut , um wohl oder wehe wieder in der Dunkelheit zu verschwinden , wenn ihre Zeit gekommen ist . Wenn sie ihre Nasen in die Hand nehmen , so sind sie sattsam überzeugt , daß sie eine ununterbrochene Reihe von zweiunddreißig Ahnen besitzen müssen , und anstatt dem natürlichen Zusammenhange derselben nachzuspüren , sind sie vielmehr bemüht , die Kette ihrerseits nicht ausgehen zu lassen . So kommt es , daß sie alle möglichen Sagen und wunderlichen Geschichten ihrer Gegend mit der größten Genauigkeit erzählen können , ohne zu wissen , wie es zugegangen ist , daß der Großvater die Großmutter nahm . Alle Tugenden glaubt jeder selbst zu besitzen , wenigstens diejenigen , welche nach seiner Lebensweise für ihn wirkliche Tugenden sind , und was die Missetaten betrifft , so hat der Bauer so gut Ursache wie der Herr , die seiner Väter in Vergessenheit begraben zu wünschen ; denn er ist zuweilen trotz seines Hochmutes auch nur ein Mensch . Ein großes rundes Gebiet von Feld und Wald bildet ein reiches , unverwüstliches Vermögen der Bewohner . Dieser Reichtum blieb sich von jeher so ziemlich gleich ; wenn auch hie und da eine Braut einen Teil verschleppt , so unternehmen die jungen Bursche dafür häufige Raubzüge bis auf acht Stunden weit und sorgen für hinlänglichen Ersatz sowie dafür , daß die Gemütsanlagen und körperlichen Physiognomien der Gemeinde die gehörige Mannigfaltigkeit bewahren , und sie entwickeln hierin eine tiefere und gelehrtere Einsicht für ein frisches Fortgedeihen als manche reiche Patrizier- oder Handelsstadt und als die europäischen Fürstengeschlechter . Die Einteilung des Besitzes aber verändert sich von Jahr zu Jahr ein wenig und mit jedem halben Jahrhundert fast bis zur Unkenntlichkeit . Die Kinder der gestrigen Bettler sind heute die Reichen im Dorfe , und die Nachkommen dieser treiben sich morgen mühsam in der Mittelklasse umher , um entweder ganz zu verarmen oder sich wieder aufzuschwingen . Mein Vater starb so früh , daß ich ihn nicht mehr von seinem Vater konnte erzählen hören ; ich weiß daher so gut wie nichts von diesem Manne ; nur so viel ist gewiß , daß damals die Reihe einer ehrbaren Unvermöglichkeit an seiner engeren Familie war . Da ich nicht annehmen mag , daß der ganz unbekannte Urgroßvater ein liederlicher Kauz gewesen sei , so halte ich es für wahrscheinlich , daß sein Vermögen durch eine zahlreiche Nachkommenschaft zersplittert wurde ; wirklich habe ich auch eine Menge entfernter Vettern , welche ich kaum noch zu unterscheiden weiß , die , wie die Ameisen krabbelnd , bereits wieder im Begriffe sind , ein gutes Teil der viel zerhackten und durchfurchten Grundstücke an sich zu bringen . Ja , einige Alte unter denselben sind in der Zeit schon wieder reich gewesen und ihre Kinder wieder arm geworden . Dazumal war es nicht ganz mehr jene Schweiz , welche dem Legationssekretär Werther so erbärmlich vorgekommen ist , und wenn auch die junge Saat der französischen Ideen durch einen ungeheuern Schneefall östreichischer , russischer und selbst französischer Quartierbilletts bedeckt worden war , so gestattete doch die Mediationsverfassumg einen gelindert Nachsommer und verhinderte meinen Vater nicht , die Kühe , die er weidete , eines Morgens stehenzulassen und nach der Stadt zu gehen , um ein gutes Handwerk zu erlernen . Von da an verscholl er so ziemlich für seine Mitbürger ; denn nach harten , aber gut bestandenen Lehrjahren führte ihn sein Trieb , einen immer kühnern Schwung nehmend , in die Ferne , und er durchschweifte als ein geschickter Steinmetz entlegene Reiche . Indessen aber hatte der sanftknisternde Papierblumenfrühling , welcher nach der Schlacht bei Waterloo aufging , wie überallhin , so auch in alle Winkel der Schweiz sein bläuliches Kerzenlicht verbreitet ; auch in meines Vaters Geburtsdorf , dessen Bewohner in den neunziger Jahren ebenfalls entdeckt hatten , daß sie seit undenklichen Zeiten mitten in einer Republik lebten , war die ehrwürdige Dame Restauration mit allen ihren Schachteln und Kartons feierlich eingezogen und richtete sich in dem Neste so gut ein , als sie konnte . Schattige Wälder , Höhen und Täler mit den angenehmsten Freudenplätzen , ein fischreicher , klarer Fluß und die Wiederholung aller dieser guten Dinge in einer weiten , belebten Nachbarschaft , welche sogar noch mit einigen bewohnten Schlössern geziert war , zogen den einwohnenden Herrschaften eine Menge jagender , fischender , tanzender , singender , essender und trinkender Gäste aus der Stadt zu . Man bewegte sich um so leichter , als man den Reifrock und die Perücke weislich da liegenließ , wohin sie die Revolution geworfen hatte , und das griechische Kostüm der Kaiserzeit , wenn auch in diesen Gegenden etwas nachträglich , angetan hatte . Die Bauern sahen mit Verwunderung die weißumflorten Göttergestalten ihrer vornehmen Mitbürgerinnen , ihre sonderbaren Hüte und noch merkwürdigeren Taillen , welche dicht unter den Armen gegürtet waren . Die Herrlichkeit des aristokratischen Regimentes entfaltete sich am höchsten im Pfarrhause . Die reformierten Landgeistlichen der Schweiz waren keine armen , demütigen Schlucker wie ihre Amtsbrüder im protestantischen Norden . Da alle Pfründen im Lande fast ausschließlich den Bürgern der herrschenden Städte offenstanden , so bildeten sie zu den weltlichen Ehrenstellen eine Ergänzung im Systeme der Herrschaft , und die Pfarrer , deren Brüder das Schwert und die Waage handhabten , nahmen teil an der Glorie , wirkten und regierten auf ihre Weise im Sinne des Ganzen kräftig mit oder überließen sich einem sorgenfreien , vergnüglichen Dasein . Sehr oft waren sie von Haus reich , und die ländlichen Pfarrhäuser glichen eher den Landsitzen großer Herren ; auch gab es eine Menge adeliger Seelenhirten , welche die Bauern Junker Pfarrer nennen mußten . Ein solcher war nun zwar der Pfarrer meines Heimatdorfes nicht , auch nichts weniger als ein reicher Mann ; doch sonst einer alten Stadtfamilie angehörend , vereinigte er in seiner Person und in seinem Hauswesen allen Stolz , Kastengeist und Lustbarkeit eines warmgesessenen Städtetumes . Er tat sich etwas darauf zu gut , ein Aristokrat zu heißen , und vermischte seine geistliche Würde ungezwungen mit einem derben , militärisch-junkerhaften Anstriche ; denn man wußte dazumal noch nichts weder von dem Namen noch von dem Wesen des modernen Traktätlein-Konservatismus . Es ging in seinem Hause geräuschvoll und lustig her ; die Pfarrkinder steuerten reichlich , was Feld und Stall abwarf , die Gäste holten sich selbst aus dem Forste Hasen , Schnepfen und Rebhühner , und da Treibjagden doch nicht landesüblich waren , so wurden die Bauern dafür zu großen Fischzügen freundschaftlich angehalten , was jedesmal ein Fest gab , und so war das Pfarrhaus nie ohne Freude und Lärm . Man durchzog das Land ringsumher , stattete Besuche ab in Masse und empfing solche , schlug Zelte auf und tanzte darunter oder spannte sie über die lauteren Bäche , und die Griechinnen badeten darunter ; man überfiel in hellen Haufen eine einsame kühle Mühle oder fuhr in vollgepfropften Nachen auf Seen und Flüssen , der Pfarrer immer voran mit einer Entenflinte über dem Rücken oder ein mächtiges spanisches Rohr in der Hand . Geistige Bedürfnisse waren in diesen Kreisen nicht viele vorhanden ; die weltliche Bibliothek des Pfarrers bestand , wie ich sie noch gesehen habe , aus einigen altfranzösischen Schäferromanen , Geßners Idyllen , Gellerts Lustspielen und einem stark zerlesenen Exemplar des Münchhausen . Zwei oder drei einzelne Bände von Wieland schienen aus der Stadt geblieben und nicht mehr zurückgeschickt worden zu sein . Man sang Höltys Lieder , und nur die Jugend führte etwa einen Matthisson mit sich . Der Pfarrer selbst , wenn einmal von dergleichen Dingen die Rede war , pflegte seit dreißig Jahren regelmäßig zu fragen : » Haben Sie Klopstocks Messias gelesen ? « und wenn das , wie natürlich bejaht wurde , schwieg er vorsichtig . Im übrigen gehörten die Gäste nicht zu jenen feinsten Kreisen , welche die Kultur der herrschenden Interessen durch erhöhte Geistestätigkeit pflegen und durch eine edle Bildung zu befestigen suchen , sondern zu der gemütlichen Klasse , welche sich darauf beschränkt , die Früchte jener Bemühungen zu genießen und sich ohne weiteres Kopfzerbrechen lustig zu machen , solange es Kirchweih ist . Aber diese ganze Herrlichkeit barg bereits den Keim ihres Zerfalles in sich selbst . Der Pfarrer hatte einen Sohn und eine Tochter , welche beide in ihren Neigungen von denjenigen ihrer Umgebung abwichen . Während der Sohn , ebenfalls ein Geistlicher und dazu bestimmt , seinem Vater im Amte zu folgen , vielfache Verbindungen mit jungen Bauern anknüpfte , mit ihnen ganze Tage auf dem Felde lag oder auf Viehmärkte fuhr und mit Kennerblicke die jungen Kühe betastete , hing die Tochter , sooft sie nur immer konnte , die griechischen Gewänder an den Nagel und zog sich in Küche und Garten zurück , dafür sorgend , daß die unruhige Gesellschaft etwas Ordentliches zu beißen fand , wenn sie von ihren Fahrten zurückkehrte . Auch war diese Küche nicht der schwächste Anziehungspunkt für die genäschigen Städtebewohner , und der große gutbebaute Garten zeugte für einen ausdauernden Fleiß und treffliche Ordnungsliebe . Der Sohn endigte sein Treiben damit , daß er eine begüterte rüstige Bauerntochter heiratete , in ihr Haus zog und alle sechs Werktage hindurch ihre Äcker und ihr Vieh bestellte . In Anwartschaft seines höheren Amtes übte er sich , als Säemann den göttlichen Samen in wohlberechneten Würfen auszustreuen und das Böse in Gestalt von wirklichem Unkraut auszujäten . Der Schrecken und der Zorn hierüber waren groß im Pfarrhause , zumal wenn man bedachte , daß die junge Bäuerin einst als Hausfrau dort einziehen und herrschen sollte , sie , welche weder mit der gehörigen Anmut im Grase zu liegen noch einen Hasen standesgemäß zu braten und aufzutragen wußte . Deshalb war es der allgemeine Wunsch , daß die Tochter , welche allmählich schon über ihre erste Jugend hinausgeblüht hatte , entweder einen standesgetreuen jungen Geistlichen ins Haus locken oder sonst noch lange die zusammenhaltende Kraft desselben bleiben möchte . Aber auch diese Hoffnungen schlugen fehl . Zweites Kapitel Vater und Mutter Denn eines Tages geschah es , daß das ganze Dorf in große Bewegung gesetzt wurde durch die Ankunft eines schönen , schlanken Mannes , der einen feinen grünen Frack trug nach dem neuesten Schnitte , enganliegende weiße Beinkleider und glänzende Suwarowstiefeln mit gelben Stulpen . Wenn es regnerisch aussah , so führte er einen rotseidenen Schirm mit sich , und eine große goldene Uhr von feiner Arbeit gab ihm in den Augen der Bauern einen ungemein vornehmen Anstrich . Dieser Mann bewegte sich mit einem edlen Anstande in den Gassen des Dorfes umher und trat freundlich und leutselig in die niederen Türen , verschiedene alte Mütterchen und Gevattern aufsuchend , und war niemand anders als der weitgereiste Steinmetzgeselle Lee , welcher seine lange Wanderschaft ruhmvoll beendigt hatte . Man kann wohl sagen ruhmvoll , wenn man bedenkt , daß er vor zwölf Jahren , als ein vierzehnjähriger Knabe , arm und bloß aus dem Dorfe gewandert war , hierauf bei seinem Meister die Lehrzeit durch lange Arbeit abverdienen mußte , mit einem dürftigen Felleisen und wenig Geld in die Fremde zog und nun solchergestalt als ein förmlicher Herr , wie ihn die Landleute nannten , zurückkehrte . Denn unter dem niedern Dache seiner Verwandten standen zwei mächtige Kisten , von denen die eine ganz mit Kleidern und feiner Wäsche , die andere mit Modellen , Zeichnungen und Büchern angefüllt war . Es gab etwas Schwungvolles in dem ganzen Wesen des etwa sechsundzwanzig Jahre alten Mannes ; seine Augen glühten wie von einem anhaltenden Glanze innerer Wärme und Begeisterung , er sprach immer hochdeutsch und suchte das Unbedeutendste von seiner schönsten und besten Seite zu fassen . Er hatte ganz Deutschland vom Süden bis zum Norden durchreist und in allen großen Städten gearbeitet ; die Zeit der Befreiungskriege in ihrem ganzen Umfange fiel mit seinen Wanderjahren zusammen , und er hatte die Bildung und den Ton jener Tage in sich aufgenommen , insofern sie ihm verständlich und zugänglich waren ; vorzüglich teilte er das offene und treuherzige Hoffen der guten Mittelklassen auf eine bessere , schönere Zeit der Wirklichkeit , ohne von den geistigen Überfeinerungen und Wunderseligkeiten etwas zu wissen , die in manchen Elementen dazumal durch die höhere Gesellschaft wucherten . Es waren nur wenige gleichgesinnte Arbeitsgenossen , welche die ersten , seltenen und verborgenen Keime bildeten zu der Selbstveredlung und Aufklärung , so den wandernden Handwerkerstand zwanzig Jahre später durchdrangen , und welche einen Stolz darauf setzten , die besten und gesuchtesten Arbeiter zu sein , und dadurch , verbunden mit Fleiß und Mäßigkeit , die Mittel erlangten , auch ihren Geist zu bilden und äußerlich wie innerlich schon in ihren Wanderjahren als achtungswerte , tüchtige Männer dazustehen . Überdies war dem Steinhauer in den großen Werken altdeutscher Baukunst ein Licht aufgegangen , welches seinen Pfad noch mehr erleuchtete , indem es ihn mit heitern Künstlerahnungen erfüllte und den dunklen Trieb jetzt erst zu rechtfertigen schien , welcher ihm von der grünen Weide hinweg dem gestaltenden Leben der Städte zugeführt hatte . Er lernte zeichnen mit eisernem Fleiße , brachte ganze Nächte und Feiertage damit zu , Werke und Muster aller Art durchzupausen , und nachdem er den Meißel zu den kunstreichsten Gebilden und Verzierungen führen gelernt und ein vollkommener Handarbeiter geworden war , ruhte er nicht , sondern studierte den Steinschnitt und sogar solche Wissenschaften , welche andern Zweigen des Bauwesens angehören . Er suchte überall an großen öffentlichen Bauten unterzukommen , wo es viel zu sehen und zu lernen gab , und brachte es durch seine Aufmerksamkeit bald dahin , daß ihn die Baumeister ebensoviel auf ihren Arbeitszimmern am Zeichnen- oder Schreibtische verwendeten als auf dem Bauplatze . Daß er dort nicht feierte , sondern manche Mittagsstunde damit zubrachte , alles mögliche durchzuzeichnen und alle Berechnungen zu kopieren , welche er erhaschen konnte , versteht sich von selbst . So wurde er zwar kein akademischer Künstler mit einer allseitigen Durchbildung , aber doch ein Mann , welcher wohl den kühnen Vorsatz fassen durfte , in der Hauptstadt seiner Heimat ein wackerer Bau- und Maurermeister zu werden . Mit dieser ausgesprochenen Absicht trat er nun auch im Dorfe zur großen Bewunderung seiner Sippschaft auf , und das Erstaunen wurde noch größer , als er , mit einem zierlichen Manschettenhemde bekleidet und sein reinstes Hochdeutsch sprechend , sich mitten unter die französisch-griechischen Gestalten des Pfarrhauses mischte und um die Pfarrerstochter warb . Der ländlich gesinnte Bruder mochte hiezu eine Vermittlung , wenigstens ein aufmunterndes Beispiel darbieten ; die Jungfrau schenkte dem blühenden Freier bald ihr Herz , und die Verwirrung , welche dadurch zu entstehen drohte , löste sich schnell , als die Eltern der Braut kurz hintereinander starben . Also hielten sie eine stille Hochzeit und zogen in die Stadt , sich weiter nicht nach der glanzvollen Vergangenheit des Pfarrhauses umsehend , in welches alsobald der junge Pfarrer mit ganzen Wagen voll Sensen , Sicheln , Dreschflegeln , Rechten , Heugabeln , mit gewaltigen Himmelbetten , Spinnrädern und Flachshecheln und mit seiner kecken , frischen Frau einzog , welche mit ihrem geräucherten Speck und mit ihren derben Mehlklößen schnell sämtliche Musselingewänder , Fächer und Sonnenschirmchen aus Haus und Garten vertrieben hatte . Nur eine Wand voll vortrefflicher Jagdgewehre , die auch der Nachfolger zu fahren wußte , lockte im Herbst einzelne Jäger auf das Dorf und unterschied das Pfarrhaus einigermaßen von einem Bauernhause . In der Stadt fing jener junge Baumeister damit an , daß er einige Arbeiter anstellte und , selbst arbeitend vom Morgen bis zum Abend , kleinere Aufträge aller Art annahm und darin so viel Geschick und Zuverlässigkeit zeigte , daß noch vor Ablauf eines Jahres sein Geschäft sich erweiterte und sein Kredit sich begründete . Er war so erfinderisch und einsichtsvoll , gewandt und schnell beraten , daß bald viele Bürger seinen Rat und seine Arbeit suchten , wenn sie im Zweifel waren , wie sie etwas verändern oder neu bauen lassen sollten . Dabei war er immer bestrebt , das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden , und war froh , wenn ihn seine Kunden nur gewähren ließen , so daß sie manche Zierde , manches Fenster und Gesims von reineren Verhältnissen erhielten , ohne daß sie deswegen den Geschmack ihres Baumeisters teurer bezahlen mußten . Seine Frau aber führte mit wahrem Fanatismus das Hauswesen , welches durch verschiedene Arbeiter und Dienstboten schnell erweitert wurde . Sie beherrschte mit Kraft und Meisterschaft das Füllen und Leeren einer Anzahl großer Speisekörbe und war der Schrecken der Marktweiber und die Verzweiflung der Schlächter , welche alle Gewalt ihrer alten Rechte aufbieten mußten , einen Knochensplitter mit auf die Waage zu bringen , wenn das Fleisch für die Frau Lee gewogen wurde . Obgleich Meister Lee fast keine persönlichen Bedürfnisse hatte und unter seinen zahlreichen Grundsätzen derjenige der Sparsamkeit in der ersten Reihe stand , so war er doch so gemeinnützig und großherzig , daß das Geld für ihn nur Wert hatte , wenn etwas damit ausgerichtet oder geholfen wurde , sei es durch ihn oder durch andere ; daher verdankte er es nur seiner Frau , welche keinen Pfennig unnütz ausgab und den größten Ruhm darein setzte , jedermann weder um ein Haar zuwenig noch zuviel zukommen zu lassen , daß er nach Verfluß von zwei oder drei Jahren schon Ersparnisse vorfand , welche seinem unternehmenden Geiste nebst dem Kredite , den er bereits genoß , eine reichlichere Nahrung darboten . Er kaufte alte Häuser an für eigene Rechnung , riß sie nieder und baute an der Stelle stattliche Bürgerhäuser , in welchen er eine Menge Einrichtungen fremder oder eigener Erfindung anbrachte . Diese verkaufte er mehr oder weniger vorteilhaft , sogleich zu neuen Unternehmungen schreitend , und alle seine Gebäude trugen das Gepräge eines beständigen Strebens nach Formen- und Gedankenreichtum . Wein ein gelehrter Architekt auch oft nicht wußte , wohin er alle angebrachten Ideen zählen sollte und vieles der Unklarheit oder Unharmonie zeihen mußte , so gestand er doch immer , daß es Gedanken seien , und belobte , wenn er unbefangen war , den schönen Eifer dieses Mannes mitten in der geistesarmen und nüchternen Zeit des Bauwesens , wie sie wenigstens in den abgelegenen Provinzen des Kunstgebietes bestand . Dies tätige Leben versetzte den unermüdlichen Mann in den Mittelpunkt eines weiten Kreises von Bürgern , welche alle zu ihm in Wechselwirkung traten , und unter diesen bildete sich ein engerer Ausschuß gleichgesinnter und empfänglicher Männer , denen er sein rastloses Suchen nach dem Guten und Schönen mitteilte . Es war nun um die Mitte der zwanziger Jahre , wo in der Schweiz eine große Anzahl gebildeter Männer aus dem Schoße der herrschenden Klassen selbst , die abgeklärten Ideen der großen Revolution wiederaufnehmend , einen frucht-und dankbaren Boden für die Julitage vorbereiteten und die edlen Güter der Bildung und Menschenwürde sorgsam pflegten . Zu diesen bildete Lee mit seinen Genossen , an seinem Orte , eine tüchtige Fortsetzung im arbeitenden Mittelstande , welcher von jeher aus der Tiefe des Volkes auf den Landschaften umher seine Wurzeln trieb und sich erneuerte . Während jene Vornehmen und Gelehrten die künftige Form des Staates , philosophische und Rechtswahrheiten besprachen und im allgemeinen die Fragen schönerer Menschlichkeit zu ihrem Gebiete machten , wirkten die rührigen Handwerker mehr unter sich und nach unten hin , indem sie einstweilen ganz praktisch so gut als möglich sich einzurichten suchten . Eine Menge Vereine , öfter die ersten in ihrer Art , wurden gestiftet , welche meistens irgendeine Versicherung zum Wohle der Mitglieder und ihrer Angehörigen zum Zwecke hatten . Schulen wurden gesellschaftsweise gegründet , um den Kindern des gemeinen Mannes eine bessere Erziehung zu sichern ; kurz , eine Menge Unternehmungen dieser Art , zu jener Zeit noch neu und verdienstlich , gab den braven Leuten zu schaffen und Gelegenheit , sich daran emporzubilden . Denn in zahlreichen Zusammenkünften mußten Statuten aller Art entworfen , beraten , durchgesehen und angenommen , Vorsteher gewählt und nach außen wie nach innen Rechte und Formen erklärt und gewahrt werden . Zu diesen verschiedenen Elementen kam und berührte sie gemeinschaftlich der griechische Freiheitskampf , welcher auch hier , wie überall , zum ersten Mal in der allgemeinen Ermattung die Geister wieder erweckte und erinnerte , daß die Sache der Freiheit diejenige der ganzen Menschheit sei . Die Teilnahme an den hellenischen Betätigungen verlieh auch den nicht philologischen Genossen zu ihrer übrigen Begeisterung einen edlen kosmopolitischen Schwung und benahm den hellgesinnten Gewerbsleuten den letzten Anflug von Spieß- und Pfahlbürgertum . Lee war überall mit voran , ein zuverlässiger , hingebender Freund für alle , seines reinen Charakters und seiner gehobenen Gesinnung wegen allgemein geachtet , ja geehrt . Er war um so glücklicher zu nennen , als er dabei nicht von Eitelkeit befangen war ; und erst jetzt fing er von neuem an zu lernen und nachzuholen , was ihm erreichbar war . Er trieb auch seine Freunde dazu an , und es gab bald keinen derselben mehr , der nicht eine kleine Sammlung geschichtlicher und naturwissenschaftlicher Werke aufzuweisen hatte . Da fast allen in ihrer Jugend die gleiche dürftige Erziehung zuteil geworden , so ging ihnen nun besonders bei ihrem Eindringen in die Geschichte ein reiches und ergiebiges Feld auf , welches sie mit immer größerer Freude durchwandelten . Ganze Stuben voll waren sie an Sonntagsmorgen beisammen , disputierten und teilten sich die immer neuen Entdeckungen mit , wie allezeit die gleichen Ursachen die gleichen Wirkungen hervorgebracht hätten und dergleichen . Wenn sie auch Schiller auf die Höhen seiner philosophischen Arbeiten nicht zu folgen vermochten , so erbauten sie sich um so mehr an seinen geschichltlichen Werken , und von diesem Standpunkte aus ergriffen sie auch seine Dichtungen , welche sie auf diese Weise ganz praktisch nachfühlten und genossen , ohne auf die künstlerische Rechenschaft , die jener Große sich selber gab , weiter eingehen zu können . Sie hatten die größte Freude an seinen Gestalten und wußten nichts Ähnliches aufzufinden , das sie so befriedigt hätte . Seine gleichmäßige Glut und Reinheit des Gedankens und der Sprache war mehr der Ausdruck für ihr schlichtes , bescheidenes Treiben als für das Wesen mancher Schillerverehrer der gelehrten heutigen Welt . Aber einfach und durchaus praktisch , wie sie waren , fanden sie nicht volles Genügen an der dramatischen Lektüre im Schlafrock ; sie wünschten diese bedeutsamen Begebenheiten leibhaftig und farbig vor sich zu sehen , und weil von einem stehenden Theater in den damaligen Schweizerstädten nicht die Rede war , so entschlossen sie sich , wiederum angefeuert von Lee , kurz und spielten selbst Komödie , so gut sie konnten . Die Bühne und die Maschinen waren freilich schneller und gründlicher hergestellt , als die Rollen erlernt wurden , und mancher suchte sich über den Umfang seiner Aufgabe selbst zu täuschen , indem er mit vergrößerter Kraft Nägel einschlug und Latten entzweisägte ; doch ist es nicht zu leugnen , daß ein großer Teil der Gewandtheit im Ausdruck und des äußern Anstandes , welche fast allen jenen Freunden eigen geblieben ist , auf Rechnung solcher Übungen gesetzt werden darf . Wie sie älter wurden , ließen sie dergleichen Dinge wieder bleiben , aber sie behielten den Sinn für das Erbauliche in jeder Beziehung getreulich bei . Würde man heutzutage fragen , wo sie denn die Zeit zu alledem hergenommen haben , ohne ihre Arbeit und ihr Haus zu vernachlässigen so wäre zu antworten , daß es erstens noch gesunde und naive Männer und keine Grübler waren , welche zu jeder Tat und jeder außerordentlichen Arbeit einen Schatz von Zeit verschwenden mußten , indem sie alles zerfaserten und breitquetschten , ehe es genießbar war , und daß zweitens die täglichen Stunden von sieben bis zehn Uhr abends , gleichmäßig benutzt , eine viel ansehnlichere Masse von Zeit ausmachen , als der Bürger heute glaubt , welcher dieselben hinter dem Weinglase im Tabaksqualm verbrütet . Man war damals noch nicht einer Rotte von Schenkwirten tributpflichtig , sondern zog es vor , im Herbste das edle Gewächs selbst einzukellern , und es war keiner dieser Handwerker , vermöglich oder arm , der sich nicht geschämt hätte , am Schlusse der abendlichen Zusammenkünfte ein Glas derben Tischweines mangeln zu lassen oder denselben aus der Schenke holen zu müssen . Während des Tages sah man keinen , oder höchstens flüchtig und heimlich , vor den Gesellen es verbergend , ein Buch oder eine Papierrolle in die Werkstatt eines andern bringen , und sie sahen alsdann aus wie Schulknaben , welche unter dem Tische den Plan zu einer rühmlichen Kriegsunternehmung zirkulieren lassen . Doch sollte dies aufgeregte Leben auf andere Weise Unheil bringen . Lee hatte sich , bei seinen gehäuften Arbeiten in steter Anstrengung , eines Tages stark erhitzt und achtlos nachher erkältet , was den Keim gefährlicher Krankheit in ihn legte . Anstatt sich nun zu schonen und auf jede Weise in acht zu nehmen , konnte er es nicht lassen , sein Treiben fortzusetzen und überall mit Hand anzulegen , wo etwas zu tun war . Schon seine vielfältigen Berufsgeschäfte nahmen seine volle Tätigkeit in Anspruch , welche er nicht plötzlich schwächen zu dürfen glaubte . Er rechnete , spekulierte , schloß Verträge , ging weit über Land , um Einkäufe zu besorgen , war im gleichen Augenblick zuoberst auf den Gerüsten und zuunterst in den Gewölben , riß einem Arbeiter die Schaufel aus der Hand und tat einige gewichtige Würfe damit , ergriff ungeduldig den Hebebaum , um eine mächtige Steinlast herumwälzen zu helfen , hob , wenn es ihm zu lange ging , bis Leute herbeikamen , selbst einen Balken auf die Schultern und trug ihn keuchend an Ort und Stelle , und statt dann zu ruhen , hielt er am Abend in irgendeinem Verein einen lebhaften Vortrag oder war in später Nacht ganz umgewandelt auf den Brettern , leidenschaftlich erregt , mit hohen Idealen in einem mühsamen Ringen begriffen , welches ihn noch weit mehr anstrengen mußte als die Tagesarbeit . Das Ende war , daß er plötzlich dahinstarb als ein junger , blühender Mann , in einem Alter , wo andere ihre Lebensarbeit erst beginnen , mitten in seinen Entwürfen und Hoffnungen und ohne die neue Zeit aufgehen zu sehen , welcher er mit seinen Freunden zuversichtlich entgegenblickte . Er ließ seine Frau mit einem fünfjährigen Kinde allein zurück , und dies Kind bin ich . Der Mensch rechnet immer das , was ihm fehlt , dem Schicksale doppelt so hoch an als das , was er wirklich besitzt ; so haben mich auch die langen Erzählungen der Mutter immer mehr mit Sehnsucht nach meinem Vater erfüllt , welchen ich nicht mehr gekannt habe . Meine deutlichste Erinnerung an ihn fällt sonderbarerweise um ein volles Jahr vor seinen Tod zurück , auf einen einzelnen schönen Augenblick , wo er an einem Sonntagabend auf dem Felde mich auf den Armen trug , eine Kartoffelstaude aus der Erde zog und mir die anschwellenden Knollen zeigte , schon bestrebt , Erkenntnis und Dankbarkeit gegen den Schöpfer in mir zu erwecken . Ich sehe noch jetzt das grüne Kleid und die schimmernden Metallknöpfe zunächst meinen Wangen und seine glänzenden Augen