Fontane , Theodor Vor dem Sturm www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Theodor Fontane Vor dem Sturm Roman aus dem Winter 1812 auf 13 Erster Band Hohen-Vietz Erstes Kapitel Heiligabend Es war Weihnachten 1812 , Heiliger Abend . Einzelne Schneeflocken fielen und legten sich auf die weiße Decke , die schon seit Tagen in den Straßen der Hauptstadt lag . Die Laternen , die an lang ausgespannten Ketten hingen , gaben nur spärliches Licht ; in den Häusern aber wurde es von Minute zu Minute heller , und der » Heilige Christ « , der hier und dort schon einzuziehen begann , warf seinen Glanz auch in das draußen liegende Dunkel . So war es auch in der Klosterstraße . Die Singuhr der Parochialkirche setzte eben ein , um die ersten Takte ihres Liedes zu spielen , als ein Schlitten aus dem Gasthof » Zum grünen Baum « herausfuhr und gleich darauf schräg gegenüber vor einem zweistöckigen Hause hielt , dessen hohes Dach noch eine Mansardenwohnung trug . Der Kutscher des Schlittens , in einem abgetragenen , aber mit drei Kragen ausstaffierten Mantel , beugte sich vor und sah nach den obersten Fenstern hinauf ; als er jedoch wahrnahm , daß alles ruhig blieb , stieg er von seinem Sitz , strängte die Pferde ab und schritt auf das Haus zu , um durch die halb offenstehende Tür in dem dunklen Flur desselben zu verschwinden . Wer ihm dahin gefolgt wäre , hätte notwendig das stufenweise Stapfen und Stoßen hören müssen , mit dem er sich , vorsichtig und ungeschickt , die drei Treppen hinauffühlte . Der Schlitten , eine einfache Schleife , auf der ein mit einem sogenannten » Plan « überspannter Korbwagen befestigt war , stand all die Zeit über ruhig auf dem Fahrdamm , hart an der Öffnung einer hier aufgeschütteten Schneemauer . Der Korbwagen selbst , mutmaßlich um mehr Wärme und Bequemlichkeit zu geben , war nach hinten zu , bis an die Plandecke hinauf , mit Stroh gefüllt ; vorn lag ein Häckselsack , gerade breit genug , um zwei Personen Platz zu gönnen . Alles so primitiv wie möglich . Auch die Pferde waren unscheinbar genug , kleine Ponies , die gerade jetzt in ihrem winterlich rauhen Haar ungeputzt und dadurch ziemlich vernachlässigt aussahen . Aber wie immer auch , die russischen Sielen , dazu das Schellengeläut , das auf rot eingefaßten , breiten Ledergurten über den Rücken der Pferde hing , ließen keinen Zweifel darüber , daß das Fuhrwerk aus einem guten Hause sei . So waren fünf Minuten vergangen oder mehr , als es auf dem Flur hell wurde . Eine Alte in einer weißen Nachthaube , das Licht mit der Hand schützend , streckte den Kopf neugierig in die Straße hinaus ; dann kam der Kutscher mit Mantelsack und Pappkarton ; hinter diesem , den Schluß bildend , ein hochaufgeschossener junger Mann von leichter , vornehmer Haltung . Er trug eine Jagdmütze , kurzen Rock und war in seiner ganzen Oberhälfte unwinterlich gekleidet . Nur seine Füße steckten in hohen Filzstiefeln . » Frohe Feiertage , Frau Hulen « , damit reichte er der Alten die Hand , stieg auf die Deichsel und nahm Platz neben dem Kutscher . » Nun vorwärts , Krist ; Mitternacht sind wir in Hohen-Vietz . Das ist recht , daß Papa die Ponies geschickt hat . « Die Pferde zogen an und versuchten es , ihrer Natur nach , in einen leichten Trab zu fallen ; aber erst als sie die Königsstraße mit ihrem Weihnachtsgedränge und Waldteufelgebrumm im Rücken hatten , ging es in immer rascherem Tempo die Landsberger Straße entlang und endlich unter immer munterer werdendem Schellengeläut zum Frankfurter Tore hinaus . Draußen umfing sie Nacht und Stille ; der Himmel klärte sich , und die ersten Sterne traten hervor . Ein leiser , aber scharfer Ostwind fuhr über das Schneefeld , und der Held unserer Geschichte , Lewin von Vitzewitz , der seinem väterlichen Gute Hohen-Vietz zufuhr , um die Weihnachtsfeiertage daselbst zu verbringen , wandte sich jetzt , mit einem Anflug von märkischem Dialekt , an den neben ihm sitzenden Gefährten . » Nun , Krist , wie wär es ? Wir müssen wohl einheizen . « Dabei legte er Daumen und Zeigefinger ans Kinn und paffte mit den Lippen . Dies » wir « war nur eine Vertraulichkeitswendung ; Lewin selbst rauchte nicht . Krist aber , der von dem Augenblick an , wo sie die Stadt im Rücken hatten , diese Aufforderung erwartet haben mochte , legte ohne weiteres die Leinen in die Hand seines jungen Herrn und fuhr in die Manteltasche , erst um eine kurze Pfeife mit bleiernem Abguß , dann um ein neues Paket Tabak daraus hervorzuholen . Er nahm beides zwischen die Knie , öffnete das mit braunem Lack gesiegelte Paket , stopfte und begann dann mit derselben langsamen Sorglichkeit nach Stahl und Schwamm zu suchen . Endlich brannte es ; er tat , indem er wieder die Leine nahm , die ersten Züge , und während jetzt kleine Funken aus dem Drahtdeckel hervorsprühten , ging es auf Friedrichsfelde zu , dessen Lichter ihnen über das weiße Feld her entgegenschienen . Das Dorf lag bald hinter ihnen . Lewin , der sich ' s inzwischen bequem gemacht und durch festeren Aufbau einiger Strohbündel eine Rückenlehne hergerichtet hatte , schien jetzt in der Stimmung , eine Unterhaltung aufzunehmen . Ehe des Kutschers Pfeife brannte , wär es ohnehin nicht rätlich gewesen . » Nichts Neues , Krist ? « begann Lewin , indem er sich fester in die Strohpolster drückte . » Was macht Willem , mein Päth ? « » Dank schön , junger Herr , he is ja nu wedder bi Weg . « » Was war ihm denn ? « » He hett sich verfiert . Un noch dato an sinen Gebortsdag . Et is nu en Wochner drei ; ja , up ' n Dag hüt , drei Wochen . Oll Doktor Leist von Lebus hett em aber wedder torecht bracht . « » Er hat sich verfiert ? « » Ja , junger Herr , so glöwen wi all . Et wihr wol so um de fiefte Stunn , as mine Fru seggen däd : Willem , geih , un hol uns en paar Äppels , awers von de Renetten up ' n Stroh , dicht bi de Bohnenstakens . Un uns Lütt-Willem ging ooch , un ick hürt em noch flüten un singen un dat Klapsen von sine Pantinen ümmer den Floor lang . Awer dunn hürt ick nix mihr , un as he nu an de olle wackelsche Döör käm un in den groten Saal rinn wull , wo uns Äppels liggen und wo de Lüt seggen , dat de oll Matthias spöken deiht , da möt em wat passiert sinn . He käm nich un käm nich ; un as ick nu nahjung un sehn wull , wo he bliwen däd , da läg he , glieks achter de Schwell , as dod up de Fliesen . « » Das arme Kind ! Und Eure Frau ... « » De käm ooch , un wi drögen em nu torügg in unse Stuv un rewen em in . Mine Fru hätt ümmer en beten Miren-Spiritus to Huus . As he nu wedder to sich käm , biwwerte em de janze lütte Liew , un he seggte man ümmer : Ick hebb em sehn . « Lewin hatte sich zurechtgerückt . » Es geht also wieder besser « , warf er hin , und wie um loszukommen von allerhand Bildern und Gedanken , die des Kutschers Erzählung in ihm angeregt hatte , fuhr er hin und her in Erkundigungen , worauf Krist mit soviel Ausführlichkeit antwortete , wie ihm die Raschheit der Fragen gestattete . Dem Schulzen Kniehase war einer von seinen Braunen gefallen ; bei Hoppenmarieken hatte der Schornstein gebrannt ; bei Witwe Gräbschen hatte Nachtwächter Pachaly einen mittelgroßen Sarg , mit einem Myrtenkranz darauf , vor der Haustür stehen sehn , » un wihl et man en mittelscher Sarg west wihr , so hedden se all an de Jüngscht , an Hanne Gräbschen , ' dacht . De is man kleen und piept all lang . « Die Sterne traten immer zahlreicher hervor . Lewin lupfte die Kappe , um sich die Stirn von der frischen Winterluft anwehen zu lassen , und sah staunend und andächtig in den funkelnden Himmel hinauf . Es war ihm , als fielen alle dunklen Geschicke , das Erbteil seines Hauses , von ihm ab und als zöge es lichter und heller von oben her in seine Seele . Er atmete auf . Zwei , drei Schlitten flogen vorüber , grüßten und sangen , sichtlich Gäste , die im Nebendorf die Bescherung nicht versäumen wollten ; dann , ehe fünf Minuten um waren , glitt das Gefährt unserer zwei Freunde unter den Giebelvorbau des Bohlsdorfer Kruges . Bohlsdorf war drittel Weg . Niemand kam . An den Fenstern zeigte sich kein Licht ; die Krügersleute mußten in den Hinterstuben sein und das Vorfahren des Schlittens , trotz seines Schellengeläutes , überhört haben . Krist nahm wenig Notiz davon . Er stieg ab , holte eine der Stehkrippen heran , die beschneit an dem Hofzaun entlang standen , und schüttete den Pferden ihren Hafer ein . Auch Lewin war abgestiegen . Er stampfte ein paarmal in den Schnee , wie um das Blut wieder in Umlauf zu bringen , und trat dann in die Gaststube , um sich zu wärmen und einen Imbiß zu nehmen . Drinnen war alles leer und dunkel ; hinter dem Schenktisch aber , wo drei Stufen zu einem höher gelegenen Alkoven führten , blitzte der Christbaum von Lichtern und goldenen Ketten . In diesem Weihnachtsbilde , das der enge Türrahmen einfaßte , stand die Krügersfrau in Mieder und rotem Friesrock und hatte einen Blondkopf auf dem Arm , der nach den Lichtern des Baumes langte . Der Krüger selbst stand neben ihr und sah auf das Glück , das ihm das Leben und dieser Tag beschert hatten . Lewin war ergriffen von dem Bilde , das fast wie eine Erscheinung auf ihn wirkte . Leiser , als er eingetreten war , zog er sich wieder zurück und trat auf die Dorfstraße . Gegenüber dem Kruge , von einer Feldsteinmauer eingefaßt , lag die Bohlsdorfer Kirche , ein alter Zisterzienserbau aus den Tagen der ersten Kolonisation . Es klang deutlich von drüben her , als würde die Orgel gespielt , und Lewin , während er noch aufhorchte , bemerkte zugleich , daß eines der kleinen , in halber Wandhöhe hinlaufenden Rundbogenfenster matt erleuchtet war . Neugierig , ob er sich täuschte oder nicht , stieg er über die niedrige Steinmauer fort und schritt , zwischen den Gräbern hin , auf die Längswand der Kirche zu . Ziemlich inmitten dieser Wand bemerkte er eine Pforte , die nur eingeklinkt , aber nicht geschlossen war . Er öffnete leise und trat ein . Es war , wie er vermutet hatte . Ein alter Mann , mit Samtkäppsel und spärlichem weißen Haar , saß vor der Orgel , während ein Lichtstümpfchen neben ihm eine kümmerliche Beleuchtung gab . In sein Orgelspiel vertieft , bemerkte er nicht , daß jemand eingetreten war , und feierlich , aber gedämpften Tones klangen die Weihnachtsmelodien nach wie vor durch die Kirche hin . Übte sich der Alte für den kommenden Tag , oder feierte er hier sein Christfest allein für sich mit Psalmen und Choral ? Lewin hatte sich die Frage kaum gestellt , als er , der Orgel gegenüber , einen zweiten Lichtschimmer wahrnahm ; auf der untersten Stufe des Altars stand eine kleine Hauslaterne . Als er näher trat , sah er , daß Frauenhände hier eben noch beschäftigt gewesen sein mußten . Ein Handfeger lag da , daneben eine kurze Stehleiter , die beiden Seitenhölzer oben mit Tüchern umwunden . Das Licht der Laterne fiel auf zwei Grabsteine , die vor dem Altar in die Fliesen eingelegt waren ; der eine zur Linken enthielt nur Namen und Datum , der andere zur Rechten aber zeigte Bild und Spruch . Zwei Lindenbäume neigten ihre Wipfel einander zu , und darunter standen Verse , zehn oder zwölf Zeilen . Nur die Zeilen der zweiten Strophe waren noch deutlich erkennbar und lauteten : Sie sieht nun tausend Lichter ; Der Engel Angesichter Ihr treu zu Diensten stehn ; Sie schwingt die Siegesfahne Auf güldnem Himmelsplane Und kann auf Sternen gehn . Lewin las zwei- , dreimal , bis er die Strophe auswendig wußte ; die letzte Zeile namentlich hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht , von dem er sich keine Rechenschaft geben konnte . Dann sah er sich noch einmal in der seltsam erleuchteten Kirche um , deren Pfeiler und Chorstühle ihn schattenhaft umstanden , und kehrte , die Türe leise wieder anlehnend , erst auf den Kirchhof , dann , mit raschem Sprung über die Mauer , auf die Dorfstraße zurück . Der Krug hatte indessen ein verändertes Ansehen gewonnen . In der Gaststube war Licht ; Krist stand am Schenktisch im eifrigen Gespräch mit dem Krüger , während die Frau , aus der Küche kommend , ein Glas Kirschpunsch auf den Tisch stellte . Sie plauderten noch eine Weile auch über den alten Küster drüben , der , seitdem er Witmann geworden , seinen Heiligen Abend mit Orgelspiel zu feiern pflege ; dann , unter Händeschütteln und Wünschen für ein frohes Fest , wurde Abschied genommen , und an den stillen Dorfhütten vorbei ging es weiter in die Nacht hinein . Lewin sprach von den Krügersleuten ; Krist war ihres Lobes voll . Weniger wollt er vom Bohlsdorfer Amtmann wissen , am wenigsten vom Petershagener Müller , an dessen abgebrannter Bockmühle sie eben vorüberfuhren . Aus allem ging hervor , daß Krist , der allwöchentlich dieses Weges kam , den Klatsch der Bierbänke zwischen Berlin und Hohen-Vietz in treuem Gedächtnis trug . Er wußte alles und schwieg erst , als Lewin immer stiller zu werden begann . Nur kurze Ansprachen an die Ponies belebten noch den Weg . Die regelmäßige Wiederkehr dieser Anrufe , das monotone Schellengeläut , das alsbald wie von weit her zu klingen schien , legte sich mehr und mehr mit einschläfernder Gewalt um die Sinne unseres Helden . Allerhand Gestalten zogen an seinem halb geschlossenen Auge vorüber ; aber eine dieser Gestalten , die glänzendste , nahm er mit in seinen Traum . Er saß vor ihr auf einem niedrigen Tabouret ; sie lachte ihn an und schlug ihn leise mit dem Fächer , als er nach ihrer Hand haschte , um sie zu küssen . Hundert Lichter , die sich in schmalen Spiegeln spiegelten , brannten um sie her , und vor ihnen lag ein großer Teppich , auf dem Göttin Venus in ihrem Taubengespann durch die Lüfte zog . Dann war es plötzlich , als löschten alle diese Lichter aus ; nur zwei Stümpfchen brannten noch ; es war wie eine schattendurchhuschte Kirche , und an der Stelle , wo der Teppich gelegen hatte , lag ein Grabstein , auf dem die Worte standen : Sie schwingt die Siegesfahne Auf güldnem Himmelsplane Und kann auf Sternen gehn . Süß und schmerzlich , wie kurz vorher bei wachen Sinnen ihn diese Worte berührt hatten , berührten sie ihn jetzt im Traum . Er wachte auf . » Noch eine halbe Meile , junger Herr « , sagte Krist . » Dann sind wir in Dolgelin ? « » Nein , in Hohen-Vietz . « » Da hab ich fest geschlafen . « » Dritthalb Stunn . « Das erste , was Lewin wahrnahm , war die Sorglichkeit , mit der sich der alte Kutscher mittlerweile um ihn bemüht hatte . Der Futtersack war ihm unter die Füße geschoben , die beiden Pferdedecken lagen ausgebreitet über seinen Knien . Nicht lange , und der Hohen-Vietzer Kirchturm wurde sichtbar . An oberster Stelle eines Höhenzuges , der nach Osten hin die Landschaft schloß , stand die graue Masse , schattenhaft im funkelnden Nachthimmel . Dem Sohne des Hauses schlug das Herz immer höher , sooft er dieses Wahrzeichens seiner Heimat ansichtig wurde . Aber er hatte heute nicht lange Zeit , sich der Eigentümlichkeit des Bildes zu freuen . Die beschneiten Parkbäume traten zwischen ihn und die Kirche , und einige Minuten später schlugen die Hunde an , und zwischen zwei Torpfeilern hindurch beschrieb der Schlitten eine Kurve und hielt vor der portalartigen Glastüre , zu der zwei breite Sandsteinstufen hinaufführten . Lewin , der sich schon vorher erhoben hatte , sprang hinaus und schritt auf die Stufen zu . » Guten Abend , junger Herr « , empfing ihn ein alter Diener in Gamaschen und Frackrock , an dem nur die großen blanken Knöpfe verrieten , daß es eine Livree sein sollte . » Guten Abend , Jeetze ; wie geht es ? « Aber über diesen Gruß kam Lewin nicht hinaus , denn im selben Augenblick richtete sich ein prächtiger Neufundländer vor ihm auf und überfiel ihn , die Vorderpfoten auf seine Schultern legend , mit den allerstürmischsten Liebkosungen . » Hektor , laß gut sein , du bringst mich um . « Damit trat unser Held in die Halle seines väterlichen Hauses . Ein paar Scheite , die im Kamin verglühten , warfen ihr Licht auf die alten Bilder an der Wand gegenüber . Lewin sah sich um , nicht ohne einen Anflug freudigen Stolzes , auf der Scholle seiner Väter zu stehen . Dann leuchtete ihm der alte Diener die schwere doppelarmige Treppe hinauf , während Hektor folgte . Zweites Kapitel Hohen-Vietz In der Halle schwelen noch einige Brände ; schütten wir Tannäpfel auf und plaudern wir , ein paar Sessel an den Kamin rückend , von Hohen-Vietz . Hohen-Vietz war ursprünglich ein altes , aus den Tagen der letzten Askanier stammendes Schloß mit Wall und Graben und freiem Blick ostwärts auf die Oder . Es lag auf demselben Höhenzuge wie die Kirche , deren schattenhaftes Bild uns am Schloß des vorigen Kapitels entgegentrat , und beherrschte den breiten Strom wie nicht minder die am linken Flußufer von Frankfurt nach Küstrin führende Straße . Es galt für sehr fest , und jahrhundertelang hatten sie einen Reim im Lebusischen , der lautete : De sitt so fest up sinen Sitz As de Vitzewitz ' up Hohen-Vietz . Die Pommern lagen zweimal davor ; die Hussiten berannten es , als sie sengend und brennend in Lebus und Barnim vordrangen , aber die Heilige Jungfrau im Kirchenbanner schützte das Schloß , und als der damalige Vitzewitz , über dessen Vornamen die Urkunden verschiedene Angaben bringen , ein griechisches Feuer in das Lager der Hussiten warf , zogen sie ab , nachdem sie alle umhergelegenen Dörfer verwüstet hatten . Die Kunst des griechischen Feuers aber hatte der Schloßherr von Rhodus mit heimgebracht , wo er unter den Rittern an zwei Feldzügen gegen die Türken teilgenommen hatte . Das war 1432 . Ruhigere Zeiten kamen . Der hohe Ruf von Hohen-Vietz lebte fort , ohne daß er Gelegenheit gehabt hätte , sich neu zu bewähren . Erst der Dreißigjährige Krieg brachte neue und schwerere Prüfungen . Am 29. März 1631 fast genau zweihundert Jahre nach der Hussitenüberschwemmung , erschienen von Frankfurt aus sechs Compagnien Kaiserlicher vor Hohen-Vietz , das am Tage vorher , den Protesten des Schloßherrn Rochus von Vitzewitz zum Trotz , von den von Stettin und Garz her heranziehenden Schweden besetzt worden war . Oberst Maradas , der die Kaiserlichen führte , forderte die Übergabe des Schlosses . Als diese verweigert wurde , legten die Kaiserlichen , die aus je zwei Compagnien der Regimenter Butler , Lichtenstein und Maradas zusammengesetzt waren , die Leitern an , stürmten das Schloß , brannten es bis auf die nackten Mauern aus und ließen die schwedische Besatzung über die Klinge springen . Einen Augenblick stand Rochus von Vitzewitz in Gefahr , das Schicksal der Besatzung zu teilen ; seine beiden halberwachsenen Söhne aber , sie mochten siebzehn und sechzehn Jahre zählen , warfen sich dazwischen und retteten ihn durch ihre Geistesgegenwart . Oberst Maradas , an den jungen Leuten Gefallen findend , bot ihnen an , im kaiserlichen Heere Dienst zu nehmen , ein Anerbieten , das von seiten des jüngeren , Matthias , ohne langes Säumen , auch ohne Widerspruch des Vaters angenommen wurde . Es waren nicht Zeiten , um über erfahrene Unbill , wie sie der Lauf des Krieges für Freund und Feind gleichmäßig mit sich brachte , lange zu grübeln . Matthias trat als Cornet in das Regiment Lichtenstein ein , Anselm aber , der ältere , erklärte , bei dem Vater ausharren und demselben bei Wiederaufbau des Schlosses zur Seite stehen zu wollen . Dieser Wiederaufbau jedoch verzögerte sich . Als er endlich nach dem Abzug der feindlichen , nunmehr Süddeutschland zum Schauplatz ihrer Kämpfe wählenden Heere beginnen sollte , hatten sich unter den fortwährenden Opfern des Krieges die Verhältnisse derart verschlechtert , daß es an den nötigen Mitteln zu einem Schloßbau gebrach . Rochus entschied sich also , von der Hohen-Vietzer-Höhe , von der aus die Seinen dreihundert Jahre und länger ins Land geblickt hatten , herabzusteigen und zu Füßen derselben , am Nordrande des sich hier hinziehenden alten Wendendorfes , ein einfaches Herrenhaus herzurichten . Dies war 1634 . Anselm ging ihm dabei in allen Stücken zur Hand , und schon Sonntag Exaudi , elf Monate nach Beginn des Baues , konnte die neue Heimstätte der Vitzewitze bezogen werden . Es war ein Fachwerkhaus , lang , niedrig , mit hohem Dach . In dem Balken aber , der über der Türe hinlief , war ein Spruch eingeschnitten : Dies ist der Vitzewitzen Haus , Aus dem alten zog es aus ; Gottes Segen komm herein , Wird es wohl geschützet sein . Und fast schien es , als ob der Spruch sich erfüllen und inmitten aller Kriegstrübsal , die über dem Lande lag , an dieser neugegründeten Stätte ein neues Glück erblühen solle . Von Matthias , der aus dem Regiment Lichtenstein in das Regiment Tiefenbach übergetreten , bei Nördlingen verwundet und ein halbes Jahr später , erst zwanzig Jahre alt , zum kaiserlichen Hauptmann aufgestiegen war , trafen Nachrichten ein , die des alten Rochus Herz , trotzdem es den Schweden zuneigte , mit Stolz und Freude erfüllten . Anselm , ohne darum nachgesucht zu haben , sah sich an den Hof gezogen und trat in dieselbe Leibtrabantengarde , in der schon seit hundert Jahren alle Vitzewitze ihrem Herrn , dem Kurfürsten , gedient hatten ; was aber vor allem zu Dank und Hoffnung stimmte , das waren zwei gesegnete Fruchtjahre , die der Himmel der Hohen-Vietzer Feldmark schenkte , wahre Prachternten , aus deren Erträgen nunmehr die Mittel zur Aufführung eines stattlichen , rechtwinklig an das eigentliche Wohnhaus sich anlehnenden Anbaues entnommen werden konnten . Dieser Anbau , eine einzige mit Emporen , Wappen und Hirschgeweihen geschmückte Halle , richtete das Gemüt des alten Rochus , der eine hohe Vorstellung von den Repräsentationspflichten seines Hauses hatte , wieder auf und gemahnte ihn an alte gastliche Zeiten . Als er das erste Mal den Nachbaradel in diesem » Bankettsaal « , wie er die Halle gern nennen hörte , bewirtete , hielt er eine Ansprache an die Versammelten , die der Überzeugung Ausdruck gab , daß das Haus Vitzewitz auch wieder » bergan « ziehen und nicht immer » geduckt unterm Winde « stehen werde . All Ding , so etwa schloß er , habe seine Zeit , auch Krieg und Kriegesnot , und der Tag werde kommen , wo seine lieben Freunde und Nachbaren wieder auf der Höhe bei ihm zu Gaste sein und frei ostwärts mit ihm blicken würden . Alles stimmte ein . Aber wenn jemals unprophetische Worte gesprochen wurden , so waren es diese . Der Krieg kam wieder , mit ihm Hunger und Pest , und zerstörte entweder den Wohlstand der Dörfer oder diese selbst . Ganze Gemarkungen wandelten sich in eine Wüste , und die Hälfte der Hohen-Vietzer Hofestellen stand leer , weil ihre Insassen verflogen oder verstorben waren . Inmitten dieses Elendes , ehe noch der Schimmer besserer Zeiten heraufdämmerte , schloß Rochus die müden Augen , und sie trugen ihn bergan in die Gruft unterm Altar und stellten den kupfernen Sarg , mit Beschlägen und Wappentafeln und mit aufgelötetem silbernen Kruzifix , in die lange Reihe der ihm vorangegangenen Ahnen . Nichts fehlte ; denn der Zeiten Not hatte dem Vater die Ehren des Begräbnisses nicht kürzen sollen . So wollte es der älteste Sohn : der jüngere , mit seinem Regiment an der fränkischen Saale stehend , hatte der Bestattung nicht beiwohnen können . Anselm war nun Herr auf Hohen-Vietz . Es war nicht frohen Herzens , daß er das erste Korn in den nur schlecht gepflügten Boden warf : aber siehe da , die Saat ging auf , ohne daß Freund oder Feind - denn zwischen beiden war längst kein Unterschied mehr - die jungen Halme zerstampft hätte : der Krieg , so schien es , hatte sich ausgebrannt wie ein Feuer , das keine Nahrung mehr findet , und ehe das Jahrzehnt schloß , ging die Mär von Mund zu Mund , die Mär , daß Friede sei . Und es war Friede . Was niemand mehr mit Augen zu sehen gehofft hatte , es war da . Und als abermals zwei Jahre ins Land gezogen waren , ohne daß Schwede oder Kaiserlicher im Lebusischen gelagert und geplündert hätte , und jeder , selbst der Ungläubigste , seiner Zweifel sich entschlagen mußte , da traf ein Brief im Hohen-Vietzer Herrenhause ein , der führte die Aufschrift : » Dem wohledlen , gestrengen und festen Anselm von Vitzewitz , erbsessen auf Hohen-Vietz im Lande Lebus . « Der Brief selbst aber lautete : » Mein insonders vielgeliebter Bruder ! Von heut ab in zween Wochen , so Gott seinen Segen zu meinem Plane gibt , bin ich bei Dir in Hohen-Vietz . Ich erwarte nur noch die Permission aus Wien , die mir Kaiserliche Majestät nicht refüsieren wird . Vielleicht , daß uns tempora futura wieder zusammenführen , wie uns die Tage der Kindheit und adolescentia zusammen sahen . Wir Lutherischen - trotzdem sie zu Münster und Osnabrügge den Religionsfrieden mit vollen Backen proklamieret haben - sind wenig gelitten im kaiserlichen Heere , und kein Tag vergeht ohne Andeutung , daß man uns nicht mehr braucht . Ich höre , daß Unser gnädigster Herr Kurfürst , dem ich nie säumig gewesen , als meinen Lehns- und Landesherren zu konsiderieren , eine brandenburgische Armee wirbt , derowegen er aus schwedischem und kaiserlichem Heer Offiziers und Generals im beträchtlichen herübernimmt . Es sollte mir eine rechte Freude sein , so die Reihe auch an mich käme ; denn daß ich es sage , es zieht mich wieder heimb in mein liebes Land Lebus . Unsere Vettern und Nachbarn , die Burgsdorffs , die post mortem Schwarzenbergii das A und das O bei Hofe sind , werden doch etwas tun wollen für eine alte Kriegsgurgel , die den Dienst kennt wie den Catechismum Lutheri . Interim bene vale . Der ich bin Dein Bruder Matthias von Vitzewitz , kaiserlicher Oberst . « Und Matthias kam wirklich und hielt die angegebene Zeit . Ein Fest sollte seine Anwesenheit feiern . In dem großen Anbau waren drei Tische gedeckt : zwei standen unten und liefen , der Länge des Saales nach , nebeneinander her , der dritte Tisch aber stand quer auf einer mit Wappen und Bannern geschmückten Empore , zu der drei Stufen hinanführten . Die ganze Freundschaft aus Barnim und Lebus war geladen : die Brüder saßen einander gegenüber ; neben ihnen , an der Quertafel : Adam und Beteke Pfuel von Jahnsfelde , Peter Ihlow von Ringenwalde , Balthasar Wulffen von Tempelberg , Hans und Nikolaus Barfus von Hohen-und Nieder-Predikow , dazu Tamme Strantz , Achim von Kracht , zwei Schapelows , zwei Beerfeldes und fünfe von Burgsdorff . Sie waren alle , schon um Glaubens willen , mehr schwedisch als kaiserlich , besonders Peter Ihlow , der - ein Neffe Feldmarschall Ihlows - einen Groll gegen den Wiener Hof hatte , ihn anklagend , seinen Oheim in Schloß Eger meuchlings gemordet zu haben . Er wiederholte auch heute seine Anklage , wobei es dahingestellt bleiben mag , ob er die Gegenwart des Gastes momentan vergaß oder sie vergessen wollte . Matthias von Vitzewitz , als er seinen Kriegsherrn , den Kaiser , in so herausfordernder Weise schmähen hörte , erhob sich und rief : » Peter Ihlow , hütet Eure Zunge . Ich bin kaiserlicher Offizier . « » Du bist es « , rief jetzt Anselm , aus dem der Wein , aber noch mehr das protestantische Herz sprach , über den Tisch hinüber : » du bist es ; aber besser wäre es , du wärest es nie gewesen . « » Besser oder nicht , ich bin es . Des Kaisers Ehre ist meine Ehre . « » Ein Glück , daß du die Ehre satt hast . Die Fremden sind wenig gelitten im kaiserlichen Heere . « Matthias , der sich bis dahin mühsam bezwungen hatte , verlor alle Herrschaft über sich , als er sich , durch Vorhaltung seiner eigenen Briefworte , in so wenig großmütiger Weise besiegt und gefangen sah . Die Augen traten ihm aus der Stirn , und sein Kinn auf den Knauf des Degens stützend , schrie er : » Wer das sagt , der lügt