François , Louise von Stufenjahre eines Glücklichen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Louise von François Stufenjahre eines Glücklichen Wiegensegen In der Pfarre von Werben hat man den letzten freien Ausblick in das Tal , das sich von da ab zur Aue verflacht . Der Garten umzieht nach drei Seiten das Haus ; gegen Mittag trennt es nur ein Fußpfad von dem rebenbepflanzten steilen Uferhange ; rasch bewegt strömt unten der Fluß ; seine jenseitigen Ränder steigen , mit Laubwald bedeckt , mählich empor hinter saftigen Wiesenflächen , die rings das untere Dorf nebst dem Talgute umschließen , während auf der nördlichen Hochfläche unübersehbare Korngebreite sich dehnen . Die Kirche , vom Friedhof umschlossen , wie auch weiterhin das Oberdorf , liegen eine Strecke rückwärts im freien Felde ; das Schloßgut aber , mit seinen sich zum Fluß absenkenden Terrassen , steht nur auf halber Uferhöhe und zieht die Auffahrt zu ihm sich entlang einer Schlucht , deren beide Seiten von ärmlichen Frönerhütten eingefaßt sind . Die alleräußerste , die allerärmlichste von ihnen , wie ein Nest an den Felsen geklebt , ist die des Gemeindehirten , das Hutmannshaus . So hat man in der Pfarre den Blick weder zum Grunde hinab noch zum Himmel hinan beschränkt ; sie bildet ein herzerquickendes Lug ins Land ; ein Odem gesunder Frische und Fülle umweht sie von allen Seiten , und gesunde , herzerquickende Menschen sind es auch , die sie bewohnen . Es ist Johannisnachmittag ; sieben Kornblumenkränze vor den Fenstern deuten den Kindersegen an , der dem Hause entsprossen ist ; der Vater mustert im kleinen Vorgarten seinen Rosenflor ; Stock für Stock werden die vollreifen Blüten abgeschnitten , auf daß die Knospen sich zu entfalten Saft und Raum gewinnen und die gesammelten Blätter , in der Wäschtruhe verduftend , mitten im Winter an die köstlichste Blumenzeit gemahnen . In der Weinlaube , dicht neben der Haustür , sitzt die Frau Pastorin ; der Strickstrumpf ruht in ihrem Schoß und der Blick auf dem jüngsten der Sieben , das vor ihr in der Korbwiege schlummert . Es zählt erst vierzehn Lebenstage , und wäre heute nicht das Fest des Täufers , an welchem jegliches Unternehmen zum Segen gedeiht , hätte es wohl noch ein Weilchen sich in der verhüllten Wochenstube gedulden müssen . Es ist ein unruhiges , spärliches Geschöpfchen ; nun aber hat die hohe , stille Junisonne und hat die Würze der Rebenblüte es dem kleinen Unhold angetan ; er schläft seit einer Stunde nach Wiegenkinder Art und Pflicht . So zart und bläßlich das Kind , so rund und rotbäckig ist die Mutter ; und sie ist keine junge Mutter mehr . Sie könnte gut und gern schon Großmutter sein , und daß sie mit den Freuden und Sorgen einer Kinderstube nicht kärglich bedacht worden ist , bekunden die Johanniskränze an ihrem Haus . Dennoch hat sie den kleinen Spätling sieben Jahre lang mit Sehnsucht erwartet und sich seiner Anmeldung wie der eines Erstlings erfreut . Denn die sechs Vorläufer sind Mädchen , lauter Mädchen , und nun sollte und mußte die Siebenzahl durch einen Knaben abgeschlossen werden . Nicht um ihrer selbst willen ; Frau Hanna Blümel fühlte sich von Grund aus eine Töchtermutter , meinte auch - es ist ein Menschenalter her , daß sie also meinte , und die Meinungen ändern sich in einem Menschenalter - , dazumal aber meinte sie , daß doppelt so viel Mädchen leichter zu erziehen und dereinst leichter zu versorgen seien als halb so viel Knaben . Nein , nicht sich selbst , aber ihrem Gatten hätte sie doch so herzlich einen Sohn gewünscht , mit dem er wiederum so jung werden konnte , wie sie es zwischen ihren Töchtern geblieben war ; wiederum jung werden , indem er ihn durch die Reihen seiner geliebten alten Heiden und Christen führte . Und nun war es zum siebenten Mal ein Mädchen , das kein Vater durch alte Heiden- und Christenreihen zu führen Verlangen trägt , und Frau Hanna Blümel fühlte sich nahezu beschämt , als hätte sie ihren irdischen Beruf nur zur Hälfte erfüllt . Zwar hatte der fromme Herr ob der Enttäuschung weder gemurrt , noch geklagt , noch auch nur geseufzt . Er hatte einfach geschwiegen . Es gibt aber ein sehr beredsames Schweigen , und für Pastor Blümel gab es ein speziell beredsames . Pastor Blümel war Blumist ; von allen Gottesgeschöpfen liebte er keine zärtlicher als die , welche lautlos am Boden erblühen ; - die , wenn auch mitunter etwas allzu lauten Menschenblüten selbstverständlich ausgenommen . » Zwischen Kindern und Blumen ist Wohlsein , « sagte er gern . Nachdem er daher seine älteste Tochter , die noch während der Leidenszeit der hehren Königin geboren ward , auf deren Namen und die beiden nächstfolgenden auf die ihrer Großmütter getauft hatte , wußte er für die drei nachfolgenden , - da seine Hanna , häuslicher Verwechslungen halber , auf eine Namensteilung verzichtete , - keine ansprechenderen zu wählen als einen von denen seiner Blumenkinder ; die kluge Hausfrau aber ließ sich neben dem Luischen , Lorchen und Dorchen eine Liane , Balsamine und Erika bereitwillig gefallen . Sie sah ein Liebeszeichen in der Wahl , und das botanische Namenserbe für den Hausgebrauch gätlich in ein Linchen , Minchen und Riekchen umzuwandeln , war ja so leicht . Nun aber hatte der Vater sein Letztgeborenes noch nicht ein einziges Mal auf seine Blumenverwandtschaft hin angeschaut , sich keine Blumenpatenschaft für dasselbe auserkoren . Tauftag und Taufzeugen waren festgestellt . Die älteste Tochter sollte das Schwesterchen über das heiligende Wasser halten ; der Amtsbruder Kurze in Bielitz und Frau Amtmann Mehlborn , die Gutspächterin , sollten ihr zur Seite stehen , und weil dieser guten Freundin Geburtstag heuer just auf den sechsten Sonntag nach Trinitatis , will sagen auf den Perikopentag von dem brüderlichen Versöhnungsopfer , Pastor Blümels Leibtext fiel , war es seiner Gattin leicht geworden , ihn zum Verschieben des Weiheaktes bis auf diesen Festtag zu bestimmen . Als sie nun aber auch den Namen des Täuflings in Erwägung stellte , da hatte der Vater lächelnd erwidert : » Wähle ihn nach deinem Gefallen , liebe Hanna ! « » Nach ihrem Gefallen ! « deutlicher hätte er doch wahrhaftig seine Gleichgültigkeit nicht ausdrücken können ! Und das inmitten des üppigsten Juniflors ! Er hatte in seinem Treibbeet zum ersten Male eine neue Sommerpflanze zum Blühen gebracht ; wäre es ihm beigekommen , sein Töchterchen nach ihr Gloxinia zu taufen , Frau Hanna würde kein Wort dagegen erhoben und für den Hausgebrauch dem Linchen und Minchen ein Sinchen angereiht haben . » Nach deinem Gefallen ! « sie empfand die Kränkung ihres unschuldigen Lämmchens bis in den Muttergrund hinein , ja als sie heute , zum ersten Male seit zwei Wochen , den hartherzigen Töchtervater mit so viel Sorgfalt zwischen seinen Blumenkindern walten und dabei so achtlos an der kleinen Menschenblüte in der Wiege vorüberschlendern sah , da hätte sie vor Entrüstung Tränen vergießen mögen ; und Frau Hanna Blümel hatte wohl schon manchmal Kummertränen und öfter noch Freudentränen geweint , eine Träne der Entrüstung aber hatte ihr noch nie die guten , klugen Augen getrübt . Sie beugte sich über die Wiege und küßte ihr kleines Mädchen so ungestüm , als ob sie es durch doppelte Zärtlichkeit für den Abbruch an Vaterfreude entschädigen müsse . Aber die Liebe macht schlau und Mutterliebe am schlausten . Als sie den grausamen Vater sich wieder einmal der Laube nähern hörte , zog Frau Hanna das Gesicht hastig unter dem Wiegenhimmel hervor , lehnte sich auf der Bank zurück und setzte ihre Stricknadeln in Bewegung . In ihrem anschlägigen Haupte war ein verwogenes Stratagem reif geworden ; in heller Kampfeslust hatten die Wangen sich noch eine Schattierung höher als in Friedenszeiten gefärbt , und aus den blauen Augen blitzte ein lächelnder Trotz : » Dir soll und wird zu deinem Recht verholfen werden , du unschuldige Kreatur ! « Die unschuldige Kreatur unterstützte die mütterliche Kriegslist durch verdrießliches Gemurr . Ob sie der Schlummerruhe , die durchaus nicht in ihrem Temperament zu liegen schien , überdrüssig , ob sie durch den ungestümen Kuß vor der Zeit aus derselben geweckt worden war : kurzum sie murrte , und das Murren schlug in Greinen um , just als der Vater herantrat , seine Rosenernte darzubieten . Frau Hanna beachtete weder das Greinen noch die Ernte ; die Stirn in krause Falten gezogen , strickte sie mit Vehemenz . » Die Kleine verlangt nach dir , Hanna , « mahnte der Vater . Frau Hanna nahm die fünfte Stricknadel zwischen die Lippen , zog die Brauen in die Höhe und zählte die Maschen ihres Strumpfes . Pastor Blümel schob das schwarze Käppchen von der Stirn zurück , wischte die Brillengläser mit dem Taschentuche ab und blickte in hellem Wunder auf das befremdliche Gebaren . Er stand noch mehr wie seine Gattin in dem Alter , wo Elternfreuden , selber bei einem Landpfarrer , Ausnahmen werden ; er schaute auf eine mehr als zwanzigjährige Ehe zurück , aber noch nie hatte er sein frohgewilltes Weib ärgerlicher Laune gesehen , noch niemals seine Stirn gefurcht und die Lippen mißmutig herabgezogen wie heute . Und das umwogt von Balsamdüften und bei einem Anlaß , der das Mutterherz zu inbrünstigem Danke stimmen mußte ! Das Kind schrie jetzt jämmerlich ; die Mutter schien über dem Klappern der Stricknadeln taub geworden zu sein . » Die Kleine verlangt nach dir , Hanna ! « wiederholte der Vater mit ängstlicher Miene . Sie biß die Lippen übereinander und strickte , als ob es auf der Welt nichts so Wichtiges wie eine Strumpfhacke fertigzubringen gäbe . Der Vater setzte sich an ihre Seite und begann die Schaukel der Wiege zu treten ; das Kind schrie und strampelte merklich mit den Beinchen . » Die Kleine verlangt nach dir , Hanna ! « sagte der Vater zum dritten Male , diesmal mit vorwurfsvollem Klang . » So laß doch den Schreihals ! « versetzte die Mutter , ohne aufzublicken . » Mädchen querelen allemal ärger als Knaben ! « Pastor Blümel schüttelte den Kopf und trat die Schaukel immer eifriger . Er beugte sich über die Wiege , versuchte die Bänder des Wickelbettchens zu lösen und betrachtete aufmerksam das kleine , vom Schreien kirschrote Gesicht . » Ein herziges Püppchen ! « meinte er nach einer Weile . » Es sieht dir ähnlich , liebe Hanna . « » Mir ? « widersprach sie . » Dir ists wie aus den Augen geschnitten , Konstantin . « Der Pastor schüttete seinen Rosenkorb über die Wiegendecke und kitzelte das kindliche Stumpfnäschen mit einer Zentifolie ; die Kleine ward für einen Moment still , nieste dann und verzog die Lippen zu einem Lächeln , was bei Wickelkindern ein Zeichen des Unbehagens ist und einen demnächstigen Ausbruch gewärtigen läßt . Der Vater aber erwiderte das Lächeln , nickte seinem Töchterchen zu und sagte : » Die Kleine spürt wahrlich schon den Rosenduft ! Oder meinst du , Hannchen , daß sie auf dem Weiß der Decke die bunten Farben unterscheidet ? « » Sie wird eine Blumennärrin werden , « spottete die Mutter . » Derlei unnütze Steckenpferde sind fast immer ein Tochtererbe . Wäre es ein Knabe - - « » Würde er jetzt schon mit Stricknadeln spielen , gelt ? « unterbrach sie lächelnd der Vater . » Wie vereitelte Wünsche dich doch betören , Hanna ! « » Dich etwa nicht , Konstantin ? « » Gott verhüte es ! Nun ja , warum sollte ich es leugnen ? Ich habe bei jeder Aussicht auf Elternfreuden , also siebenmal , einen Sohn erhofft . Hatte der Vater sein Genügen , so hätte der alte Pädagog doch gern mit einem Knaben seinen Plutarch noch einmal vorgenommen , der Diener im Amt sich gern einen Nachfolger herangezogen . Mir war mitunter , als ob ich vor der Zeit - wie soll ich nur sagen ? - nun ja , zusammenschrumpfe , als ob bei der Bildung eines Sohnes , - ja lächle nur , Hannchen , - ich noch wachsen könne . Als aber der Herr für den Sohn , den er versagte , mir - - « » Sieben nichtsnutzige Mädchen bescherte , die von alten Heiden den Kuckuck verstehen , menschliche Wesen zweiter Klasse , Mitteldinger zwischen Aff und Mann - « » Frevle nicht , Weib ! « rief der Pfarrer schier entsetzt . » Versündige dich nicht ! Wie wirst du eines Tages deinem Gott noch dafür danken , daß dieses Kind wiederum ein Mädchen war ! Vota Diis exaudita malignis ! Das heißt : Böswillige Götter erhören unsere Wünsche , sagten die alten Heiden , deren du soeben höhnend erwähntest , weil du sie nicht verstehst , liebe Hanna , nur weil du sie nicht verstehst , da sie in manchen Gebieten heute noch uns weit überlegen sind . Was uns aber himmelhoch über sie erhebt , ist , daß wir eines Vaters Weisheit verehren , wenn uns die natürlichsten Wünsche versagt , die teuersten Hoffnungen zunichte werden . Und darum , Hanna , werden wir unser kleines Mädchen lieben , nicht nur als unser Fleisch und Blut , sondern auch als einen besonderen Gottessegen . Es lag eine Absicht in dieser Gabe , die wir uns mühen wollen zu verstehen . Und dann , Hannchen , « - setzte er nach einer kleinen Pause tröstend hinzu - vielleicht nur sie , vielleicht auch ein wenig sich selbst , - » Hannchen , es braucht ja just noch nicht die letzte Hoffnung zu sein . « » Hilft der Himmel - doch ! « rief Mutter Hannchen mit dem hellsten Farbenklang der Aufrichtigkeit . Das Kind hatte , wie sein Lächeln angedeutet , während des Vaters erbaulicher Rede seiner Schreilaune in wahrhaft erschrecklicher Weise die Zügel schießen lassen . Das Schaukeln verschlug nicht mehr ; der Vater mußte es aus der Wiege heben und auf den Armen schwenkend es vor der Laube hin und wieder tragen , bis die roten Deckelchen sich von neuem über die Augen senkten . Die Mutter blickte mit verstohlener Rührung auf die absonderliche Gruppe ; sie überlegte , ob ihr diplomatisches Kunststück schon im ersten Angriff gelungen sei , hielt es indessen für geraten , der Krise bis auf weiteres zuwartend ihren Lauf zu lassen . Sie strickte , aber gelassener , und begnügte sich , nachdem ihr Konstantin die Kleine wieder in der Wiege untergebracht , derselben hinter seinem Rücken die Lage etwas behaglicher herzustellen . Der Pfarrer hatte die Laube verlassen ; in ernsten Gedanken ging er den Gartenweg auf und ab . Wie sollte er sich die naturwidrige Verfassung seiner Gattin erklären ? Sie , bisher die verkörperte Mutterlust , am ersten Tage der Genesung , unter dem strahlenden Johannishimmel , umwogt vom Weihrauch der Sommerblüte , plötzlich die Seele voll Unmut , die Rede eitel Sarkasmen , Verdruß , ja Zorn gegen ein unschuldiges Kind ! Und das lediglich aus dem Grunde , daß dieses Kind sich unter ihrem Herzen zu einem Wesen ihrer eigenen Gattung gestaltet hatte ! Konstantin Blümel hatte in seiner persönlichen Konstitution , wie in der seiner Familie , Gott sei Dank ! wenig Bekanntschaft gemacht mit den geheimnisvollen Zwischenträgern , die nur allzu häufig Hader auf Leben und Tod unter den gewaltigen Zweiherrn Leib und Seele anzustiften pflegen . In diesem außerordentlichen Falle konnte er indessen lediglich auf eine krankhafte Überreizung der Nerven infolge des Wochenbettes schließen , und so viel sah er ein , daß in gegenwärtigem Stadium es verlorene Mühe sein werde , mit christlicher und menschlicher Pflichtenlehre direkt gegen die Dämonen zu Felde zu ziehen . Um sich greifen durfte er , als Seelsorger und Vater , das Unheil indessen auch nicht lassen , und so gelangte er zu dem Beschluß , auf einem Umwege die Gedanken in die natürliche Bahn zurückzulenken , so wie etwa der Dichter eine zuträgliche Moral dem Volke im Gewand der Fabel zu Gemüte führt . Er kehrte in die Laube zurück und hob an , indem er sich an der Seite seiner Gemahlin niederließ : » Ich habe dir , liebe Hanna , noch nicht von meinem gestrigen Abendgange durch das Dorf erzählt . Du warst , als ich heimkehrte , ruhebedürftig , und ich war erregt wie immer , wenn ich mit dem Hutmannshause in Berührung komme . Der bloße Anblick schneidet mir in das Herz ! Ein derartig menschenunwürdiges Obdach am Eingange zu einem wohlangesehenen Edelhofe , - ja fürwahr , kein feiner Ruhm würde es zu nennen sein , hätte unsere gnädige Herrschaft diesen ihren Erbsitz in der neuen Provinz jemals in Obacht genommen . « » Eine Sünde und eine Schande nenne ich es , Konstantin , ohne Wenn und Aber , « entgegnete Frau Hanna . Ihr Eheherr seufzte . » Was dem Auge fern ist , ist es dem Herzen auch , « sagte er darauf . » Dazu , wir wissen es ja , die finanzielle Lage ! Der leidige Kriegszustand hat schon manchen reichen Grundbesitzer zu einem Ärmling gemacht . « » Den von Werben mehr der Friedens- als der Kriegszustand , Konstantin . « Pastor Blümel tat , als hätte er den Widerspruch nicht gehört . » Und was den Pächter betrifft , « fuhr er fort , » so können Reparaturen aus eigenem Säckel dem Manne billigerweise doch auch nicht zugemutet werden . « » Ei , warum denn nicht , Konstantin ? « wendete Frau Hanna ein in ihrem allernatürlichsten munteren Ton . Ob sie die Rolle der Rabenmutter vergessen hatte oder , siegessicher , sie fortan für überflüssig hielt - genug , sie lachte , und ihr feiner Seelsorger lächelte . » Ihn , den Pächter , haben weder Kriegs- noch Friedenszeiten zum Ärmling gemacht . Mittel sind da ! ist des Großhansen Spruch , und woher stammen die Mittel als aus den Vorteilen der Pachtung , die von Vater auf Sohn den Mehlborns zugute gekommen sind ? « » Erweisbar doch aber nur gesetzlich gestattete Mittel , Hanna ! « » Lehre mich meinen Harpax kennen , Konstantin ! « eiferte Frau Hanna , worauf ihr gern entschuldigender Konstantin anführte , daß ohne eine streng erhaltsame Ader ein Bauer , trotz aller Arbeit , es nicht zum Wohlstand bringen werde , in bezug auf den Großhansen indessen nicht umhin konnte zuzugestehen , daß dem Manne dieser Wohlstand samt der adligen Verschwägerung einigermaßen zu Kopfe gestiegen seien . » Indessen , « setzte er hinzu , » wem schadet er durch seinen Sparren als sich allein ? Bei aller Klugheit merkt er bis jetzt noch nicht , daß er die Zielscheibe des Spottes geworden ist . Eines Tages aber wird er es merken und - es tut mir immer weh , liebes Hannchen , wenn ich dich unter den Spöttern sitzen sehe . « » Aber Konstantin , wozu wären denn die Narren gut , wenn man nicht einmal über sie lachen dürfte ? « » Es ist ja eine so alltägliche Narretei , Hanna ; in alten wie neuen Komödien bis auf die Grundneige ausgenutzt , langweilig oder traurig je - - « » Im Gegenteil , Konstantin ; ein Sonntagssparren ist es , der kurzweilig wirkt durch den Kontrast . Wie es Quartalstrinker gibt , die durch einen periodischen Rausch sich für die Alltagsnüchternheit entschädigen , so sticht auch unseren Bauer nur in Pausen eine nobele spanische Fliege , und in der Zwischenzeit ist er ein Grobian und ein Filz der ersten Sorte . Man käme aus der Erbosung nicht heraus , wenn seine Narretei den Patron nicht dann und wann ein bißchen erträglicher machte . « » Warum willst du dich nicht aber lieber an die gesunden Kräfte halten , die allen Schäden und Schrullen zum Trotz - Adams Erbteil , liebe Hanna , in irgendeiner Weise keinem seiner Kinder erspart ! - sich in seiner Natur behauptet haben ? An seine Tüchtigkeit , Mäßigkeit , Unermüdlichkeit und - ich will nicht das höchste Wort gebrauchen , aber ich bleibe dabei , daß ein schlechthin unredliches Geschäft dem Manne weder nachzuweisen , noch auch nur zuzutrauen wäre . Wie zum Magnaten ist er auch zum Schwindler , Gott sei Dank ! allzu standfest ein Bauer . « » Das heißt ein Schlaukopf , der das Risiko eines Schwindels scheut ! « rief Frau Hanna , welche jetzt unwiderstehlich aus der tragischen Rolle in ein lustiges Lieblingsthema verfallen war . » Aber warte nur , warte , du mein titulierter Herr Rittergutsbesitzer und Baron in spe ! bei der ersten Lektion , welche die gräfliche Exgouvernante dir wieder in der höheren Tafelkunst erteilt - wir sind beim Gabelführen mit der linken Hand stehen geblieben , Konstantin ! - bei der nächsten Quartalsschrulle soll das baufällige Hirtenhaus dir recht erbaulich zu Gemüte geführt werden , und für ein neues Schindeldach vor Winters , dafür mindestens , Konstantin , bin ich dir gut . « » Nun mache es nur gnädig mit deinem alten Zögling , Hannchen , « versetzte der Pfarrherr lächelnd . » Glückt es dir aber mit dem Schindeldach , so freue dich , daß dasselbe noch den armen Freys , das heißt den Ärmsten der Gemeinde zugute kommen wird . Auf meine Vorstellung hat der Herr General ihnen das Wohnungsrecht in einem der Frönerhäuser wie bisher zugestanden , wenn auch weder die Gemeinde , noch der Amtmann zu bewegen war , den Klaus über den Johannistermin hinaus als Schäfer beizubehalten . Gestern hat er die Herde zum letzten Male ausgetrieben . « Der gütige Mann seufzte bei den Worten ; seine Hanna dagegen erklärte die Gemeinde und in diesem speziellen Falle sogar den schnöden Amtmann für durchaus in ihrem Recht . Wie hatte sie , Frau Hanna nämlich , den Klaus seit Jahr und Tag gemahnt , gewarnt , gescholten ! Wer nicht hört , muß fühlen . Die vermaledeite Schenke lag dem Hutmann , ob er aus- oder eintrieb , allemal bei Wege . Die Herde wurde seinen wilden Buben , wenn nicht gar dem alten , lahmen , blinden Phylax überlassen , und die gutmütigen Schäfchen sind lange nicht so dumm , wie sie aussehen : sie wissen fette Wiesen einem abgeweideten Anger vorzuziehn . Der Ungehörigkeiten - gelinde ausgedrückt - , die bei der vorjährigen Schur vorgekommen sind , noch gar nicht einmal zu gedenken . Der Pfarrer konnte diesen Bezichtigungen leider nicht widersprechen , setzte aber milde hinzu : » Schuld geht fast jedem Elend und Ungeschick fast jedem Mißgeschick voran , liebe Hanna . Werden Elend und Mißgeschick aber weniger erbarmenswert , oder etwa erbarmenswerter , weil sie sich erweislich , sei es aus unsern Handlungen , sei es aus unsern Unterlassungen entwickelt haben ? Und wenn wir hier ein Gemeinde glied auf abschüssiger Bahn sinken sehen so tief , wie meiner Zeit noch keines gesunken ist , vom ansässigen Bauer zum Schafhirten und von diesem - - « » Zum Tagedieb und Strolch ! « » Dieses Äußerste abzuwenden war der Zweck meines gestrigen Weges , liebe Hanna . Helfen , das heißt dauernd Arbeit geben , kann allerdings nur der Amtmann ; bis dieser aber seinen Widerwillen gegen den Klaus überwunden haben , bis er , bei kaum vermeidlichen Rückfällen des Arbeitsscheuen , zu christlicher Langmut zu bewegen sein wird , - was meinst du , mein Hannchen , wenn wir den Klaus zunächst unsere Spargelbeete umrajolen ließen ? « » Aber , Konstantin , damit hat es ja noch Jahr und Tag Zeit ! « » Mit dem Spargelbeet allerdings , Hannchen , aber mit dem Klaus hat es Eile . « » Eile mit Weile , Konstantin ! Die Ernte steht vor der Tür , und die Spargelbeete laufen nicht davon , bis einmal die Arbeit nicht haufenweis bei Wege liegt . Aber erzähle doch deinen Dorfgang zu Ende . Du warst auf des Klausen abschüssiger Bahn angelangt . Nun weiter ! « » Ja , weiter , « seufzte der Pfarrer . » Der Mann ist schuldig , unleugbar schuldig , Hanna . Aber ebenso unleugbar ist er zu entschuldigen . Er ist ein Bauernsohn , aber ihm fehlte nun einmal das Erbe jeglichen Bauernsinns und Schicks ; daß ich so sage eine Mehlbornsche Ader . Und an schlimmen Zufälligkeiten , wie wir törichterweise das Unberechnete , oder vielleicht Unberechenbare nennen , hat es wahrlich auch nicht gefehlt . Neun lebendige Kinder , und das zehnte vor der Tür ! Könnte halbwegs ein Gotteslästerer da nicht versucht sein auszurufen : Herr , halt ein mit deinem Segen ! Schon das Aufbringen , welche Last und Qual ! Und sind sie endlich so weit : wie die Vöglein , wenn sie flügge geworden , fliegen sie hinaus in die Welt , und hülflos , unfähig zur Hilfe , haben die Erzeuger das Nachsehen . Des Klausen Weib , die arme Kreuzträgerin , ist eine Mutter nach Gottes Herzen . Aber wußte sie ein Wort davon , als ihr Erstgeborener , der Gardist , im Lazarett mit dem Tode rang ? Und hätte sie darum gewußt , würde sie zur Pflege an seine Bettstatt haben eilen dürfen ? Oder , was konnte sie für ihren Zweitgeborenen , den blöden Friede tun , als er , kaum eine Stunde von ihr fern , vom Gänsejungen zum Kuhjungen und vom Kuhjungen zum Pferdejungen herangeprügelt wurde , bis auch ihn schließlich der heilsame Korporalstock unter seine Zucht genommen hat ? Ein Glück , daß den jüngeren Sieben die gleiche Schule in Aussicht steht . Neun Jungen ! Prachtjungen ! Wahre Enakssöhne , geborene Flügelmänner , einer wie der andere ! Der Stolz eines Vaterlandsfreundes und die Lust eines wohlgerichteten Vaterherzens ! Hanna , Hanna ! Wer ermißt aber die sonderbare Führung , welche dem einen das Heißersehnte hartnäckig versagt und dem anderen es bis zum Übermaß , bis zur Überlast verleiht ? « Frau Hanna zog bei dieser unerwarteten Rückfälligkeit die glatte , rosige Stirn in die allerkrausesten Falten ; sie ließ das Kind , welches , weil es wiederum zu murren begonnen , sie auf ihren Schoß zu nehmen im Begriffe war , so unsanft , als sie es über das Herz brachte , in die Wiege zurücksinken und rief , indem sie ihm eine Faust machte : » Da hörst du ' s , unnütze Mädchenkreatur ! die ärmsten Hirtenbuben wachsen ohne Zuck und Muck zu Flügelmännern und Vaterlandsverteidigern heran , während ihr , armselige Jammerbasen - - « Der Vater hatte auf dem falschen Wege , in den er sich verirrt , erschrocken innegehalten . Er trat wieder energisch die Schaukel , fächelte das Gesichtchen mit seiner Zentifolie , bis die roten Augendeckel wieder zufielen , und lenkte , ohne seine Hanna ausreden zu lassen , nach seinem eigentlichen Ziele zurück . » Der Klaus saß auf einem Klotz seiner Tür gegenüber ; er mochte das Valet von seiner Herde einem der Buben überlassen haben und eben erst aus der Schenke heimgekehrt sein , denn der Fuseldunst qualmte ihm gleichsam aus dem puterroten Schädel , und halb im Taumel - ganz in Taumel gerät er schon längst nicht mehr - glotzte er in das Blaue hinein . Der Schenkwirt ist auch schuldig , hauptschuldig , Hanna . Wozu er keinen Besseren hat , hat er den Frey , und der Frey ist ihm gewärtig - leider ihm allein - und wäre es mitten in der Nacht ; denn jeder eilige Botenweg , jeder noch so gröbliche Dienst wird statt mit Brot oder Geld mit den eklen Branntweinneigen bezahlt , die kein Gast mehr mag . Mein Gang , ich sah es , war verfehlt ; wozu hätte in dieser wüsten Verfassung mein Arbeitsvorschlag führen sollen ? Ich stellte mich , als ob ich den Mann nicht bemerkte , indem ich den Kopf nach dem engen Hofraum drehte , auf dessen magerem Dunghaufen das junge Hirtenvolk sich mit ein paar Hühnern und Ferkeln herumjagte . Das liebe Vieh eitel Haut und Bein , die Menschenbrut pausbäckige Apfelgesichter ! Das gedeiht wie durch Wunder bei allem Unflat und Hunger . « » Ich würde sagen , Konstantin , « wendete die Pastorin ein , » das gedeiht , weil eine brave Mutter den Unflat alle Tage wieder abwäscht und kämmt und weil die Brosamen von unserer Amtmännin Tische so reichlich fallen , als die Batzen aus des sauberen Herrn Amtmanns Tasche knapp . Aber weiter , Konstantin . Du redetest den Klaus also nicht darauf an ? « » Ich nicht ihn , aber er mich , Hanna . - Sie kundschaften wohl nach Ihrem Dezem , Herr Pastor , fragte er mit schmunzelndem Hohn . - Du mußt wissen , Hanna , mit dem Dezem , da meinte er , landläufig , das Zinshuhn , das auf der armen Frönerhütte lastet , und das am Johannistermin regelmäßig in Erinnerung zu bringen der Kantor törichterweise noch immer für seine Schuldigkeit hält . « » Du solltest den Beyfuß darum loben , Konstantin . Ordnung muß sein , und Recht bleibt Recht . Der reichste Hofbesitzer beruft sich schließlich auf den armen Fröner , dessen Zinshuhn eingeschlummert ist . « Pastor Blümel seufzte tief . » Hanna , « sagte er darauf , » den Tag , an welchem die langgeplante Ablösung dieses widerwärtigen Opfers an Korn und Blut zu einer Wahrheit wird , den Tag wollen wir feiern wie ein zweites Hochzeitsfest . « » Insofern die Welt auch bei uns nicht ein bißchen auf den Kopf gestellt werden sollte