Ebner-Eschenbach , Marie von Bozena www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Marie von Ebner-Eschenbach Bozena 1 Leopold Heißenstein war der reichste und einer der geachtetsten Bürger des mährischen Landstädtchens Weinberg . Ob auch einer der beliebtesten , das stand dahin und machte die geringste seiner Sorgen aus . Witzbolde unter den Eingeborenen meinten , ein Mann von Geist und Geschmack sei er jedenfalls , das bringe schon sein Geschäft mit sich - das ansehnliche Weingeschäft nämlich , das sich seit Generationen in seiner Familie forterbte und das er zu unerhörter Blüte gebracht hatte . Wie Leopold der einzige Sohn seines Vaters gewesen war , so wurde auch ihm nur ein männlicher Sprosse , aber ein prächtiger Junge beschert , der den Ruhm des alten Hauses glorreich fortzusetzen versprach . Ein Töchterchen , das seine Frau ihm in den späteren Jahren der Ehe gebar , betrachtete Heißenstein als ziemlich unwillkommene Zugabe zu seinem Glücke . » Denn « , pflegte er zu sagen , » der Sohn trägt Geld in das Haus , die Tochter trägt Geld aus dem Haus . « Auf eine Mitgift übrigens , wenn auch auf eine sehr anständige , kommt es einem Manne wie Heißenstein nicht an , und damit fertigt er dereinst das Mädchen ab . Die Existenz dieses Kindes , dem Vater so gleichgültig , wurde für die Mutter eine Quelle unsäglicher Freude ; der letzten , welche die kränkliche Frau auf Erden genießen sollte . Der Sohn war ihrer Sorgfalt , sobald dies nur halbwegs anging , entzogen und nach Wien in eine Erziehungsanstalt gebracht worden . Heißenstein hatte geglaubt , ihn nicht früh genug aus der Kinderstube und den Händen der » Weibsleute « befreien zu können . Wie recht er daran getan , das wurde ihm täglich durch den unheilvollen Einfluß bestätigt , den die abgöttische Liebe der Mutter auf die kleine Rosa ausübte . Die Unarten des Kindes erfüllten ihn mit einer Art von spöttischer Befriedigung . Ihm selbst war die Unerbittlichkeit , mit welcher er Mutter und Sohn einander entfremdete , manchmal grausam erschienen - jetzt fand er sie auf das glänzendste gerechtfertigt . Daß die arme Frau sich eben mit allen Kräften ihres entschwindenden Lebens an das einzige klammerte , das man ihr ließ , daran dachte er nicht . Er war nicht gewohnt , auf die Empfindungen andrer Rücksicht zu nehmen , am wenigsten auf die seiner stillen Lebensgefährtin . Was er tat , war wohlgetan , und der Eindruck , den es hervorbrachte , gleichgültig . In sicherer Ruhe schritt er dahin , seiner selbst gewiß , nichts fürchtend , nichts bereuend . Und so , in der Fülle der Zufriedenheit , traf ihn der schwerste Schlag , der ihn treffen konnte : er verlor seinen Sohn . Der Knabe wurde so rasch hinweggerafft , daß seine Eltern , die bei der ersten Nachricht seiner Erkrankung herbeigeeilt kamen , ihn nicht mehr am Leben trafen . Es dauerte lange , bis Heißenstein an seinen Verlust glauben lernte . Die Wirkung des ersten großen Unglücks , das der zuversichtliche Mann erfuhr , war vernichtend . Für wen habe ich gearbeitet ? - Ich habe keinen Erben ! - in dieser Klage gipfelte sein Schmerz . Seine Hoffnungen waren zerstört , seine Erinnerungen vergällt . Wer blickt gern auf ein Leben voll Mühen zurück , wenn ihm die Früchte derselben geraubt worden ? Heißenstein konnte , was sein Fleiß erworben , nicht einem Namensträger hinterlassen , demnach war der Lohn seines Fleißes dahin . Mit wunderbarer Standhaftigkeit hingegen benahm sich die Mutter bei dem Tode ihres Erstgeborenen . Keiner hatte es gehört , wie sie mit dem letzten Kusse auf seine Lippen ihm die Worte zugehaucht : » Ich komme bald zu dir ! « Und von dem bleichen Toten hinweg wandte sie sich mit verdoppelter Zärtlichkeit ihrem rosigen , lebensfreudigen Liebling zu . Beständig von der Ahnung naher Trennung erfüllt , geizte sie mit jedem Augenblicke , den sie bei dem Kinde zubringen , frohlockte über jedes Lächeln , das sie ihm abgewinnen konnte , warb um seine Liebkosungen und zagte und zitterte vor seinen Tränen . Röschen war schon zu dem vollen Bewußtsein ihrer Wichtigkeit und der Unverletzlichkeit ihres Willens gelangt , als sich plötzlich die Augen schlossen , die mit verwöhnender Liebe über ihr gewacht hatten . Frau Heißenstein entschwand eines Morgens wie ein Schatten von der Wand ; ohne vorhergegangene sichtbare Krankheit , ohne die geringste Pflege in Anspruch , ohne Abschied genommen zu haben von dem gefürchteten Manne und von dem geliebten Kinde . Bevor Herr Leopold ahnte , daß auch dieser Verlust ihn bedrohe , erfuhr er ihn . Und seltsam ! Die demütige Frau , welcher er , solange sie lebte , nur eine sehr oberflächliche Beachtung gegönnt hatte , wurde von ihm jetzt so bitter vermißt , als ob sie der Mittelpunkt all seiner Interessen gewesen wäre . Das Gefühl des Verlassenseins ergriff ihn , das keinen Menschen mit solcher Trostlosigkeit überfällt wie den Egoisten , wenn die von ihm scheiden , deren Existenz er zu seinen Gunsten ausbeutete . Nun machte er den Versuch , das einzige Geschöpf , das er auf Erden noch sein nannte , an sich heranzuziehen . Allein zwischen dem an Widerspruch nicht gewöhnten Vater und seinem eigensinnigen Töchterlein wollte kein Band sich knüpfen lassen . Der Trotz und der Ungehorsam des Kindes setzten die Geduld Herrn Leopolds gar bald auf harte Proben . Er bestand sie nicht . Nach einigen stürmischen Auftritten , aus denen Rosa zwar hart mißhandelt , aber als Siegerin hervorging , erschrak ihr Vater vor seiner eigenen Heftigkeit und überließ die fernere Erziehung des Wildfangs der Magd des Hauses , einer derben und verläßlichen Person von zweiundzwanzig Jahren , mit Namen Bozena . Für diese äußerte das Kind schon zu Lebzeiten seiner Mutter eine zärtliche Liebe , welche die arme Verstorbene oft eifersüchtig gemacht hatte . Rosa nannte die Dienerin , wie sie es wohl von andern gehört hatte , » die schöne Bozena « und ertrug die rauhe Behandlung , die sie zeitweis von ihr erfuhr , mit fröhlicher Standhaftigkeit . Die schöne Bozena hätte sich an Größe und Stärke kühnlich mit einem Flügelmanne des Garderegiments Friedrich Wilhelms I. messen können . Dabei besaß sie ein ausdrucksvolles und gescheites Gesicht , in dem ein Paar rabenschwarze Augen funkelten , die auch der mutigste Mann nicht ohne leises Grauen in Ungnaden auf sich gerichtet sah . Das Schönste jedoch an der schönen Bozena war die Röte ihrer Wangen und das blendende Weiß ihrer Zähne . Allerdings konnten die Lippen , hinter denen das prächtige Gebiß zum Vorschein kam , etwas schwellend genannt werden , und was die Nase betraf , so geschah ihr kein Unrecht , wenn man sie - wie ein launiges Mitglied der Paßbehörde » ex officio « getan - » landesüblich « nannte . Gegen alles Schmucke und Zierliche empfand Bozena Verachtung , aber mit der Reinlichkeit nahm sie es genau ; die Arbeit flog unter ihren Händen , und so blitzblankes Hausgerät , einen so nett gedeckten Tisch , so sauber gehaltene Stuben wie im Hause Heißenstein fand man auf Meilen in der Runde nicht wieder . Mit dem Kinde , das ihr nun ausschließlich anvertraut war , ging sie um , wie eine Bärin mit einem jungen Hündchen umgegangen wäre , für das sie eine mütterliche Zuneigung gefaßt hätte . Wenn sie ihre Riesenfaust gegen die Kleine ballte und sie mit einer Stimme anschrie , die aus der Brust eines Ogers zu kommen schien , dann lachte das verwegene Ding , aber es gehorchte . Bozena war sich wohl bewußt , das Kind und der Haushalt ihres Herrn könnten schwerlich besser betreut werden , als es durch sie geschah , und lebte in tätiger Ruhe dahin ; sehr zufrieden mit ihrem Lose , ohne Furcht , daß jemals eine Veränderung eintreten könnte . Indessen wurde sie , noch vor Verlauf eines Jahres nach dem Tode der Frau , welche sie so vollständig ersetzen zu können meinte , aus ihrer Sicherheit aufgeschreckt . Das Gerücht , Herr Heißenstein stehe im Begriffe , sich zum zweitenmal zu verheiraten , verbreitete sich , und Neugierige , die durch Bozena Bestimmteres darüber zu erfahren hofften , trugen es ihr zu . Sie wurden zwar mit ihrer Nachricht nicht viel besser empfangen als ein Zündfaden von einer Rakete , aber so fest überzeugt , als Bozena zu sein vorgab , ihr Herr werde » keine solche Dummheit « begehen , war sie doch nicht . Von Stunde an begann sie den Gebieter unter scharfer Aufsicht zu halten . Trotz der größten Aufmerksamkeit vermochte sie jedoch nicht die geringste Veränderung , weder in seiner Lebensweise noch in seiner Stimmung , wahrzunehmen . Höchstens daß sich die letztere in der jüngsten Zeit noch um etwas verschlechtert hatte . Und Bozena , deren Weise es sonst war , wenn sich eine Wolke auf dem Gesichte ihrer Herrschaft zeigte , auf dem ihren sofort ein ganzes Gewitter aufsteigen zu lassen , lächelte jetzt um so freundlicher , je finsterer der Kaufmann erschien . Als dieser eines Abends mit ganz besonders verdrossener Miene heimkam und , nachdem er Befehl gegeben , das für ihn bereitstehende Abendessen wieder abzutragen , sich in sein Zimmer begab , hatte Bozena Mühe , ihren Jubel zu unterdrücken . » Gute Nacht ! « rief sie Herrn Leopold mit ihrer süßesten Stimme nach und setzte für sich triumphierend hinzu : Er hat ihn , den Korb ! Sie schlief sehr gut in dieser Nacht und begab sich mit ausgezeichnetem Frohmut am nächsten Morgen an die Arbeit . Es war Sonntag , und da gestern besonders gründlich gescheuert worden war , genügte heute eine leichte Nachhilfe . Bozena beschäftigte sich eben mit Besen und Wischtüchern im Speisezimmer , da trat ihr Herr Heißenstein entgegen , glatt rasiert und stattlich , das Gebetbuch in der Hand . » Mach fertig « , sprach er , » kleide Rosa an . Ich werde nach der Messe meine Braut hierherbringen , damit sie das Haus und das Kind kennenlerne . « Nur ein König , dem Krone und Zepter plötzlich entrissen wurden , weiß , was Bozena bei diesen Worten empfand . Ihr Blick zuckte an Heißenstein wie ein Blitz vom Wirbel bis zur Sohle hinab , und unter der Fülle von Geringschätzung , die sich auf ihre Lippen gelagert hatte , erschienen dieselben noch dicker als sonst . » Braut ? « rief sie . » Sie wollen wieder heiraten ? ... Wozu denn ? « Herr Heißenstein richtete sich , so hoch er konnte , der Riesin gegenüber auf , knöpfte mit stolzer Entschlossenheit seinen neuen dunkelbraunen Winterrock zusammen und erwiderte : » Meine Tochter braucht eine Mutter , und ich brauche einen Sohn . « Damit verließ er wuchtigen Schrittes das Zimmer . 2 Die Braut , die der angehende Greis sich erkoren hatte , war die Tochter eines Professors am städtischen Gymnasium . Nach dem Tode ihres Vaters hatte sie sich in die Landeshauptstadt begeben , um dort eine Stelle als Erzieherin des Grafen Karl von Rondsperg anzutreten . Zehn Jahre hindurch wurde diese Position unter mancherlei Kämpfen siegreich von ihr behauptet . Nach dem Verlaufe jener Zeit war - wie die Gouvernante auf das bestimmteste erklärte - die Erziehung der Zöglinge vollendet . Aller Schmuck der Bildung setzte die angeborenen Vorzüge der jungen Komtessen in das hellste Licht . Fräulein Nannette hielt in Gegenwart der gräflichen Eltern und einiger hochgeborenen Angehörigen eine kleine Rede , in der sie den Satz verfocht , daß sagen zu sollen , was hier noch zu lehren sei , ihr die größte Verlegenheit bereiten würde . Helle Freudentränen , welche über die männlichen Wangen des Vaters und über die zarten Wangen der Mutter liefen , belohnten die Spenderin einer so ehrenhaften Anerkennung . Durch den Anblick der hervorgebrachten Wirkung berauscht , ließ sich die Rednerin zu einem uneingeschränkten Lobe der opferfreudigen Unterstützung , welche ihren pädagogischen Bestrebungen von seiten des edlen Elternpaares stets zuteil geworden sei , hinreißen . Die Erschütterung aller Gemüter wurde dadurch noch erhöht ; und als Fräulein Nannette mit den Worten schloß , es bleibe ihr nun nichts mehr zu tun übrig , als zu scheiden und die Erinnerung an all das genossene Gute mit sich zu nehmen , baten der Graf und die Gräfin , sie möge ihnen das Herz nicht zerreißen . O schöne Stunde ! unvergeßlicher Anblick ! Alle Anwesenden umschlangen Fräulein Nannette in einer Umarmung und küßten sie auf ihren Mausmund . Der Herr Graf aber begab sich stracks in sein Zimmer und ließ aus der Kanzlei Tinte und Papier holen . Er setzte unter dem Beistande seiner Gemahlin und des Gutsverwalters ein Diplom in die Welt , das ein Wunder war an Auffassung , Stil und pompöser Sprache . Es ließ sich kein einziger Schlußpunkt darin erblicken , die Sätze flossen ineinander und auseinander , ein Redestrom so breit , wie die Aufzählung der Tugenden , Verdienste , Vorzüge und Talente Fräulein Nannettens ihn erforderte . Und so gestaltete sich die Abreise der plötzlich allen teuer gewordenen Hausgenossin zu einem wahren Familienfeste . Die heiligsten Schwüre ewiger Liebe und Dankbarkeit wurden ausgetauscht , und Vater , Mutter und Töchter einerseits , Fräulein Nannette andrerseits brachten es im Taumel ihrer Gefühle so weit , nicht nur zu sagen , nein , auch zu glauben , die Zeit ihres Zusammenlebens sei eine schöne und glückliche gewesen . Die Erzieherin hatte beschlossen , ehe sie daran ging , sich einen neuen Wirkungskreis zu schaffen , einige alte Verwandte zu besuchen , die ihr im heimatlichen Städtchen noch lebten . Sie kehrte denn nach Weinberg zurück an der Spitze ihres großen Ruhmes , ihrer kleinen Pension und einiger Ersparnisse . Der Nimbus , den der jahrelang gepflogene Umgang mit vornehmen Leuten ihr verlieh , umstrahlte sie mit schier unheimlichem Glanze und imponierte besonders denen unter ihren Mitbürgern die sich für eingefleischte Demokraten hielten . Schon einige Tage nach Nannettens Ankunft - und etwa drei Vierteljahre nach Frau Heißensteins Tode - begegneten einander auf der Promenade der reichste Sohn und die gebildetste Tochter der Stadt . Sie drückte ihm ihre Teilnahme an seinem Verluste in Worten aus , die man so geschmackvoll gewählt noch nie vernommen hatte unter den Kastanienbäumen der städtischen Anlagen . Sie gedachte auch mit Wehmut der freundschaftlichen Beziehungen , in welchen sie in schönen Jugendtagen zu der edlen Verklärten gestanden . Ihr größtes Mitgefühl jedoch erregte die Sorge , die dem » alleinstehenden Witwer « aus dem Dasein einer Tochter erwuchs . » O Herr Heißenstein , welche Aufgabe für Sie , dieses Dasein ! Eine Aufgabe , deshalb so groß für einen Mann , weil sie eigentlich zu klein für ihn ist . Wie soll er dem erziehlichen Momente gerecht werden , das alles ist , Herr Heißenstein , alles ! « Sie legte auf dieses letzte Wort ein Gewicht , das zusammengeballt schien aus der Überzeugungskraft von tausend fanatischen Seelen , empfahl sich mit bescheidener Würde und enteilte mit so gleichmäßigen kleinen Schritten , daß es war , als rolle sie auf unsichtbaren Rädern über den Kies des Weges dahin . Herr Heißenstein blickte ihr eine geraume Weile nach und dachte : Das erziehliche Moment , ja ja - das erziehliche Moment ! Er wußte freilich nicht , was sie darunter gemeint hatte , aber die Worte prägten sich seinem Gedächtnis ein , und zugleich erwachte in ihm ein gewisser Respekt vor dem erstaunlichen Frauenzimmer , das solche Ausdrücke mir nichts , dir nichts gebrauchte , wie gewöhnliche Menschen Wasser oder Brot sagen . Er sah sie wieder , er besuchte sie ab und zu bei ihren alten Verwandten . Die Ehrfurcht , welche von diesen dem Fräulein gezollt wurde , und die demütige Liebenswürdigkeit , mit der die Verehrte ihn behandelte , taten seinem stolzen Herzen wohl . Er gewann die Überzeugung , daß er sich im Notfalle an Nannettens spitzes Gesicht würde gewöhnen können . Leicht wurde ihm der Entschluß , sich ein zweitesmal zu verheiraten , nicht , aber er faßte ihn doch , dem Hause , dem anzuhoffenden Erben zu Ehren , dessen Mutter zu werden die über alles Lob erhabene Dame Nannette ihm gerade gut genug schien . Feierlich trug er ihr denn eines Tages seine breite Rechte an , und sie legte ihr Pfötchen mit einer Eile hinein , die ihn fast bestürzt machte ob seines raschen Glückes . Sein Wort war kaum verpfändet , als er sich von der Ahnung ergriffen fühlte , er habe der Erhaltung seines Stammes ein schweres Opfer gebracht . Die nächste Zukunft rechtfertigte diese Befürchtung ; es war ein unseliger Ehebund , den Herr Leopold mit Frau Heißenstein II. schloß . Der Mann , starr , unbeugsam , von dem Glauben an sich selbst durchdrungen ; die Frau , von dem Teufel der Hofmeisterei besessen , hätte leichter auf das Atemholen als auf das Spenden guter Lehren verzichtet . Sie unterzog das Benehmen ihres Gatten , seine Art , zu gehen , zu grüßen , zu sprechen , zu essen , einer beständigen Kritik und suchte ihn in allen diesen Beziehungen durch ihre Ratschläge auf das gründlichste zu reformieren . Der erstaunte Herr Heißenstein ließ sich dies alles eine Zeitlang ruhig gefallen , er begriff nach und nach , was sie damals gemeint haben mochte , als sie von dem » erziehlichen Momente « sprach , das » alles « sei . Er schwieg lange , plötzlich jedoch fuhr er empor und war im Zorne so fürchterlich , daß Frau Nannette sich von dem Schrecken , den er ihr in diesem Augenblicke einflößte , nie mehr ganz erholte . Er erklärte ihr , er sei , ohne jemals » erzogen « worden zu sein , zu Vermögen , Ansehen und hohen Jahren gekommen . Er denke nicht daran , jetzt nachzuholen , was er , ohne den geringsten Schaden davon zu verspüren , in seiner Jugend versäumt habe . Der Mensch lebe nicht , dem zuliebe er auch nur eine seiner Gewohnheiten , möge sie gut oder übel sein , aufgeben wolle . Er wies sie übrigens an , ihre Erziehungskünste an seiner Tochter zu üben , dazu habe er die Gouvernante geheiratet , dazu sei sie da . Dieser Befehl gehörte freilich zu der großen Menge derer , die leichter gegeben als befolgt werden . In ihrer Art war Rosa ebensowenig danach angetan wie ihr Herr Papa , sich einem fremden Willen zu unterwerfen . Das Kind , heimlich von Bozena unterstützt , leistete Unglaubliches an Widerstand gegen die stiefmütterliche Autorität und brachte es wirklich dahin , daß Frau Nannette gestand , es sei doch etwas an der Behauptung gewisser Materialisten und Nihilisten , die sie bisher auf Tod und Leben bekämpft hatte , es gäbe Kinder , deren unbändigem Naturell gegenüber selbst die bewährtesten , von pädagogischen Autoritäten ersten Ranges als unübertrefflich anerkannten Erziehungsmethoden sich ohnmächtig erwiesen . Am kläglichsten jedoch scheiterten Frau Heißensteins Bemühungen , doch wenigstens in den Augen der Magd Bozena einiges Ansehen zu gewinnen . Waren Herr Leopold und seine Tochter naive Gegner , die sich nur kräftig wehrten , wenn sie angegriffen wurden , so galt es bei Bozena auf der Hut sein vor einer stets kampfbereiten , hartnäckigen Plänklerin , die auf jede Gelegenheit lauerte , die Feindseligkeiten selbst zu eröffnen . Frau Nannette war in allem , was die Leitung eines Hauswesens betrifft , unerfahren wie ein Säugling , und es gab für Bozena Veranlassungen genug , ihre Überlegenheit fühlen zu lassen , ob sie nun genau das Gegenteil einer erhaltenen Weisung mit Erfolg ins Werk setzte oder eine ungeschickte Anordnung wörtlich befolgte und dadurch die Gebieterin grausam bloßstellte . So hatte sich die Existenz Frau Heißensteins II. recht bedauerlich gestaltet , und nicht wenig moralischer Mut gehörte dazu , um doch , wie sie es tat , vor Verwandten und Nachbarn den Schein der Zufriedenheit zu retten und an ihre ehemaligen Zöglinge regelmäßig alle Vierteljahre Briefe zu entsenden , in denen nur von Liebe zu Mann und Kind und von » Gesang der Sphären in Haus und Gemüt « die Rede war . Endlich jedoch trat ein Umstand ein , der die Stellung Dame Nannettens in dem alten Heißensteinschen Familienneste völlig und günstig veränderte . Bozena bemerkte mit schwer gebändigter Entrüstung , daß Herr Leopold seine Gemahlin mit Rücksicht und Aufmerksamkeit zu behandeln begann . Dinge , die bisher für ihn zu den gleichgültigsten gehört hatten , ihre Stimmung und ihr Befinden , schienen ihm wichtig geworden . » Wie geht ' s der Frau ? « fragte er beim Kommen ; » gebt acht auf die Frau « , sagte er beim Gehen . Nur an seinem Arme durfte sie das Haus verlassen . Der mürrische Kaufmann fand Koseworte für seine Nannette , er nannte sie » seine liebwerte Oberhofmeisterin « und » seine alte graue Maus « ; er empfahl Bozena und Rosa die unbedingteste Unterwerfung der geringsten Laune der Gebieterin und Mutter gegenüber und drohte , jeden Widerstandsversuch auf das unbarmherzigste zu bestrafen . Bozena rang mit der Verzweiflung ; sie verlor den Schlaf und einen Teil ihres Appetits und fegte in ihrer Küche herum wie ein Wirbelwind . Die Anzahl der Koch- und Speisegeschirre , die damals im Heißensteinschen Hause in Trümmer verwandelt wurden , erreichte eine erstaunliche Höhe . Es versteht sich von selbst , daß ein rauchender Vulkan leichter dahin zu bringen gewesen wäre , seine glühende Lava still hinabzuschlucken anstatt sie auszuwerfen , als Bozena , den Ausbruch ihres gärenden Grolls zu unterdrücken . Nicht lange , und Herr Leopold fand eines Morgens seine Gattin und seine Magd , die erste zornesblaß , die zweite zornesrot , in einem Wortwechsel begriffen , der nur seines Sängers bedurft hätte , um unsterblich zu werden wie jener der Königinnen vor dem Dome zu Worms oder wie jener der gekrönten Schwestern im Parke zu Fotheringhay . Der Kaufherr warf einen Blick voll Besorgnis auf seine Frau und einen ingrimmigen auf die kecke Dienerin . » Was unterstehst du dich ? ! « rief er dieser zu und stürzte ihr mit erhobener Hand entgegen . Sie aber , hochaufgerichtet , den Kopf zurückgeworfen , die Arme in die Seiten gestemmt , stand wie ein Fels . Herausfordernd blickte sie ihren Herrn an , dessen stattliche Gestalt sich neben ihrer hünenhaften fast klein ausnahm , und schleuderte der Gebieterin über seinen Kopf hinweg eine niederschmetternde , in kurze Sätze zusammengefaßte und mit Kraftworten gewürzte Kritik ihrer Tätigkeit als Stiefmutter und Hausfrau zu . Jeder Versuch , den der Kaufmann machte , Bozenas derber Beredsamkeit Einhalt zu tun , verlieh derselben nur einen höheren Schwung , der Zorn der Riesin wuchs , indem er tobte wie die flammende Lohe , vom selbsterzeugten Sturme angefacht . Endlich raffte Heißenstein alle seine Kraft zusammen : » Hinaus , Canaille ! Aus dem Zimmer - aus dem Hause - du bist entlassen ! « schrie er , bei jedem Satze neu Atem holend . Ein wildes Gelächter antwortete ihm . » Entlassen ? ! « wiederholte Bozena mit grimmigem Hohne : » Nicht entlassen ! ... Oh - ich gehe selbst ! Und gehe heut und gehe gleich ! « Der ungebändigte Hochmut der echten Plebejerin brach aus diesen Worten hervor und verkündigte jubelnd , was sie nicht aussprachen , die stolze Überzeugung : Ich gehe , und das Behagen , die Ordnung , die Wohlfahrt des Hauses nehm ich mit ! Von vorahnender Wollust der Rache berauscht , stürmte Bozena dem Ausgange zu . Sie hatte schon die Schwelle betreten , schon die Klinke erfaßt , als sie sich plötzlich am Kleide ergriffen und zurückgehalten fühlte . Ohne sich umzusehen , versuchte sie von sich zu schieben , was sie hinderte in ihrer triumphierenden Flucht . Da berührten ihre Finger seidenweiche Locken , da lag ihre Hand auf dem Haupte eines Kindes . Schmerzdurchzuckt , als hätte sie ein glühendes Eisen berührt , fuhr sie zusammen . Ein Laut , nicht Schrei , nicht Schluchzen , ein qualerpreßtes Stöhnen entrang sich den halbgeöffneten Lippen der Riesin . » Fort , du Range ! « rief sie dann , und die mächtig erwachte , zornig bekämpfte Rührung gab ihrer Stimme einen heiseren , unheimlichen Klang . Aber der hartgewöhnte Zögling Bozenas ließ sich so leicht nicht einschüchtern . Nur heftiger zerrte Rosa ihre rauhe Freundin am Gewande und wiederholte ohne Aufhören und in allen Tonarten : » Bleib ! Bleib doch ! Bleib bei mir ! « Und Bozena , wie ein plötzlich ohnmächtig gewordener Simson , biß die Lippen und rang die Hände . Doch gärte in ihr die aufrichtigste Wut gegen den Unband , der sich zwischen sie und ihren Sieg drängte ; gegen das undankbare Geschöpf , das sich an ihr Kleid hängte und sagte : » Bleib ! « - anstatt zu sagen : » Geh , befreie dich ! « Oh , sie gibt nicht nach , die Rosa . Aber die Bozena noch weniger , das ist gewiß ; sie reißt sich los , sie geht , ohne einen Blick auf das eigensinnige Ding zu werfen . - Täte sie ' s - wer weiß , was noch geschähe ? Sie tut es nicht ! sie will nicht ! ... Und indem sie sagt : Ich will nicht - ist es geschehen . Du grundgütiger Gott ! Da steht das Kind vor ihr im Nachthemdchen mit ganz zerzausten Haaren , in denen noch ein Flaum aus dem Kissen wie eine Schneeflocke liegt , und sieht dem Bilde des Christkindleins so ähnlich , das Bozena auf dem letzten Jahrmarkte gekauft hat . - Aus dem Bette ist die Kleine gesprungen , um ihr nachzueilen , und stampft jetzt völlig ungeduldig den Boden mit ihren kleinen nackten Füßen und fragt zugleich schmollend und schmeichelnd : » Wer gibt mir heut mein Frühstück ? Wer kleidet mich heut an ? « Nun war ' s vorbei mit Bozenas Herrlichkeit . » Wer heut ? wer morgen ? wer je ? « ruft sie mit einem Ausbruch leidenschaftlicher Klage - ihr Zorn , ihr Trotz , ihre Stärke : alles dahin ! Sie hebt den Schützling empor und preßt ihn mit inbrünstiger Liebe an ihre Brust . Ein letzter Kampf , und die Gewaltige beugt sich , das Kind immer in den Armen , vor der Herrin , die sie verabscheute , beinahe bis zur Erde . Zum erstenmal im Leben kam ein Wort der Versöhnung aus ihrem Munde : » Verzeihen Sie mir , Frau , verzeihen Sie mir , Herr ! - Behalten Sie mich ! « bettelte demütig , die sich unentbehrlich und unersetzlich wußte . Und man behielt sie . Aber Bozena mußte das Eingeständnis , daß sie sich vom Hause Heißenstein nicht trennen konnte , teuer bezahlen . » Macht besitzen und nicht mißbrauchen ist Tugend « - Frau Nannette besaß diese Tugend nicht . Sie ersparte der überwundenen Löwin keinen Fußtritt und keinen Nadelstich . Ihre kleinlichen Nörgeleien wurden von Bozena mit Größe ertragen . Einmal zum Bewußtsein gekommen , daß sie in unzerreißbaren Fesseln lag , nahm sie die Konsequenzen ihrer Schwäche mit hochherziger Ergebung hin . Nur sehr scharfsichtige Augen merkten , daß sie leide . Ein alter Kommis des Kaufherrn , der Bozena immer mit Auszeichnung behandelte und zum Lohne dafür ein Wohlwollen genoß , welches die Schöne sonst nicht an das Männervolk verschwendete , fragte sie um diese Zeit : » Wie leben Sie ? « Und sie antwortete ohne Anmut , aber mit Kraft : » Wie soll ich leben ? Ich fresse Galle und saufe Tränen . « Es kam der Tag , an dem Herr Heißenstein der Magd befahl , die Wiege vom Bodenraum herabzuholen . Bozena gehorchte schweigend , aber nachts stand sie auf , trat an das Bettchen , in dem ihr Liebling schlief und jammerte : » O du armer Wurm ! Du armer Wurm , du ! « Und ein andrer Tag kam , an dem Herr Heißenstein , steif wie eine Bildsäule , im Fenster des dunkel getäfelten Speisezimmers lehnte und mit rotunterlaufenen Augen auf den großen Platz hinausstarrte . Trotz der äußeren Bewegungslosigkeit war sein ganzes Wesen in Aufruhr , er murmelte unverständliche Worte vor sich hin , und sein fahles Angesicht trug den Ausdruck der größten Spannung . Zusammengekauert auf einem der hochlehnigen Holzstühle saß Rosa . Sie hatte mehrmals versucht , sich leise aus dem Zimmer zu schleichen , und war daran ebensooft durch ein gebieterisches » Du bleibst ! « das ihr der Vater zurief , verhindert worden . Sie begann sich zu fürchten vor ihm , vor der Stille , vor der hereinbrechenden Dunkelheit ; sie regte sich nicht mehr , sie zählte , um sich die Angst zu vertreiben , die Gläser und Tassen auf dem altertümlichen Kredenzkasten , erst stumm , dann halbflüsternd , endlich halblaut singend nach einer selbsterfundenen Melodie . Da wurde ein Geräusch vernehmbar , die Tür öffnete sich , und auf der Schwelle stand Bozena , ein Licht in der Hand , das ihre Züge grell beleuchtete . Ein sonderbares Gemisch von Empfindungen , von Freude und Sorge drückte sich in ihnen aus . Heißenstein war aus der Fenstervertiefung hervorgetreten an den großen Speisetisch , auf den er seine beiden flachen Hände legte . Die Knie zitterten ihm , und pfeifend entrang der Atem sich seiner Brust . Bozena rief : » Kommen Sie , Herr ! Kommen Sie ! « Er sah die Botin unverwandt und mit fragenden , erwartungsvollen