Dahn , Felix Kampf um Rom www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Felix Dahn Ein Kampf um Rom Historischer Roman Meinem lieben Freund und Kollegen Ludwig Friedländer zu eigen Motto : » Wenn etwas ist , gewalt ' ger als das Schicksal So ist ' s der Mut , der ' s unerschüttert trägt . « Geibel . Vorwort . Die wissenschaftlichen Grundlagen dieser in Gestalt eines Romans gekleideten Bilder aus dem sechsten Jahrhundert enthalten meine in folgenden Werken niedergelegten Forschungen : Die Könige der Germanen . II. III. IV. Band . München und Würzburg 1862-1866 . Prokopius von Cäsarea . Ein Beitrag zur Historiographie der Völkerwanderung und des sinkenden Römertums . Berlin 1865 . Aus diesen Darstellungen mag der Leser die Ergänzungen und Veränderungen , die der Roman an der Wirklichkeit vorgenommen , erkennen . Das Werk ist 1859 in München begonnen , in Italien , zumal Ravenna , weitergeführt , und 1876 in Königsberg abgeschlossen worden . Königsberg , Januar 1876 . Felix Dahn . Erstes Buch . Theoderich . » Dietericus de Berne , de quo cantant rustici usque hodie . « Erstes Kapitel . Es war eine schwüle Sommernacht des Jahres fünfhundertsechsundzwanzig nach Christus . Schwer lagerte dichtes Gewölk über der dunkeln Fläche der Adria , deren Küsten und Gewässer zusammenflossen in unterscheidungslosem Dunkel : nur ferne Blitze warfen hier und da ein zuckendes Licht über das schweigende Ravenna . In ungleichen Pausen fegte der Wind durch die Steineichen und Pinien auf dem Höhenzug , welcher sich eine gute Strecke westlich von der Stadt erhebt , einst gekrönt von einem Tempel des Neptun , der , schon damals halb zerfallen , heute bis auf dürftige Spuren verschwunden ist . Es war still auf dieser Waldhöhe : nur ein vom Sturm losgerissenes Felsstück polterte manchmal die steinigen Hänge hinunter , und schlug zuletzt platschend in das sumpfige Wasser der Kanäle und Gräben , die den ganzen Kreis der Seefestung umgürteten . Oder in dem alten Tempel löste sich eine verwitterte Platte von dem getäfelten Dach der Decke und fiel zerspringend auf die Marmorstufen , - Vorboten von dem drohenden Einsturz des ganzen Gebäudes . Aber dies unheimliche Geräusch schien nicht beachtet zu werden von einem Mann , der unbeweglich auf der zweithöchsten Stufe der Tempeltreppe saß , den Rücken an die höchste Stufe gelehnt , und schweigend und unverwandt in Einer Richtung über die Höhe hinab nach der Stadt zu blickte . Lange saß er so : regungslos , aber sehnsüchtig wartend : er achtete es nicht , daß ihm der Wind die schweren Regentropfen , die einzeln zu fallen begannen , ins Gesicht schlug , und ungestüm in dem mächtigen , bis an den ehernen Gurt wallenden Bart wühlte , der fast die ganze breite Brust des alten Mannes mit glänzendem Silberweiß bedeckte . Endlich stand er auf und schritt einige der Marmorstufen nieder : » Sie kommen , « sagte er . Es wurde das Licht einer Fackel sichtbar , die sich rasch von der Stadt her dem Tempel näherte : man hörte schnelle , kräftige Schritte , und bald danach stiegen drei Männer die Stufen der Treppe herauf . » Heil , Meister Hildebrand , Hildungs Sohn ! « rief der voranschreitende Fackelträger , der jüngste von ihnen , in gotischer Sprache mit auffallend melodischer Stimme , als er die lückenhafte Säulenreihe des Pronaos , der Vorhalle , erreicht . Er hob das Windlicht hoch empor - schöne , korinthische Erzarbeit am Stiel , durchsichtiges Elfenbein bildete den vierseitigen Schirm , und den gewölbten durchbrochenen Deckel - und steckte es in den Erzring , der die geborstne Mittelsäule zusammenhielt . Das weiße Licht fiel auf ein apollinisch schönes Antlitz mit lachenden , hellblauen Augen ; mitten auf seiner Stirn teilte sich das lichtblonde Haar in zwei lang fließende Lockenwellen , die rechts und links bis auf seine Schultern wallten ; Mund und Nase , fein , fast weich geschnitten , waren von vollendeter Form , ein leichter Anflug goldhellen Bartes deckte die freundlichen Lippen und das leicht gespaltene Kinn ; er trug nur weiße Kleider : einen Kriegsmantel von feiner Wolle , durch eine goldne Spange in Greifengestalt auf der rechten Schulter festgehalten , und eine römische Tunika von weicher Seide , beide mit einem Goldstreif durchwirkt ; weiße Lederriemen befestigten die Sandalen an den Füßen und reichten , kreuzweis geflochten , bis an die Kniee ; die nackten , glänzendweißen Arme umzirkten zwei breite Goldreife : und wie er , die Rechte um eine hohe Lanze geschlungen , die ihm zugleich als Stab und als Waffe diente , die Linke in die Hüfte gestemmt , ausruhend von dem Gang , zu seinen langsameren Weggenossen hinunterblickte , schien in den grauen Tempel eine jugendliche Göttergestalt aus seinen schönsten Tagen wieder eingekehrt . Der zweite der Ankömmlinge hatte , trotz einer allgemeinen Familienähnlichkeit , doch einen von dem Fackelträger völlig verschiednen Ausdruck . Er war einige Jahre älter , sein Wuchs war derber und breiter , - tief in den mächtigen Stiernacken hinab reichte das dicht und kurz gelockte braune Haar - und von fast riesenhafter Höhe und Stärke : in seinem Gesicht fehlte jener sonnige Schimmer , jene vertrauende Freude und Lebenshoffnung , welche die Züge des jüngern Bruders verklärten : statt dessen lag in seiner ganzen Erscheinung der Ausdruck von bärenhafter Kraft und bärenhaftem Mut : er trug eine zottige Wolfsschur , deren Rachen , wie eine Kapuze , sein Haupt umhüllte , ein schlichtes Wollenwams darunter , und auf der rechten Schulter eine kurze , wuchtige Keule aus dem harten Holz einer Eichenwurzel . Bedächtigen Schrittes folgte der dritte , ein mittelgroßer Mann von gemessen verständigem Ausdruck . Er trug den Stahlhelm , das Schwert und den braunen Kriegsmantel des gotischen Fußvolks . Sein schlichtes , hellbraunes Haar war über der Stirn geradlinig abgeschnitten : eine uralte germanische Haartracht , die schon auf römischen Siegessäulen erscheint und sich bei dem deutschen Bauer bis heut ' erhalten hat . Aus den regelmäßigen Zügen des offnen Gesichts , aus dem grauen , sichern Auge sprach besonnene Männlichkeit und nüchterne Ruhe . Als auch er die Cella des Tempels erreicht und den Alten begrüßt hatte , rief der Fackelträger mit lebhafter Stimme : » Nun , Meister Hildebrand , ein schönes Abenteuer muß es sein , zu dem du uns in solch unwirtlicher Nacht in diese Wildnis von Natur und Kunst geladen hast ! Sprich - was soll ' s geben ? « Statt der Antwort fragte der Alte , sich zu dem Letztgekommnen wendend : » Wo bleibt der Vierte , den ich lud ? « - » Er wollte allein gehen . Er wies uns alle ab . Du kennst ja seine Weise . « » Da kömmt er ! « rief der schöne Jüngling , nach einer andern Seite des Hügels deutend . Wirklich nahte dorther ein Mann von höchst eigenartiger Erscheinung . Das volle Licht der Fackel beleuchtete ein geisterhaft bleiches Antlitz , das fast blutleer schien ; lange , glänzend schwarze Locken hingen von dem unbedeckten Haupt wie dunkle Schlangen wirr bis auf die Schultern . Hochgeschweifte , schwarze Brauen und lange Wimpern beschatteten die großen , melancholischen dunkeln Augen voll verhaltner Glut , eine Adlernase senkte sich sehr scharfgeschnitten gegen den feinen , glattgeschornen Mund , den ein Zug resignierten Grams umfurchte . Gestalt und Haltung waren so jugendlich : aber die Seele schien vor der Zeit vom Schmerz gereift . Er trug Ringpanzer und Beinschienen von schwarzem Erz , und in seiner Rechten blitzte ein Schlachtbeil an langem , lanzengleichem Schaft . Nur mit dem Haupte nickend begrüßte er die andern und stellte sich hinter den Alten , der sie nun alle vier dicht an die Säule , welche die Fackel trug , treten hieß und mit gedämpfter Stimme begann : » Ich habe euch hierher beschieden , weil ernste Worte müssen gesprochen werden , unbelauscht und zu treuen Männern , die da helfen mögen . Ich sah umher im ganzen Volk , mondenlang : - euch hab ' ich gewählt , ihr seid die Rechten . Wenn ihr mich angehört habt , so fühlt ihr von selbst , daß ihr schweigen müßt von dieser Nacht . « Der dritte , der mit dem Stahlhelm , sah den Alten mit ernsten Augen an : » Rede , « sagte er ruhig , » wir hören und schweigen . Wovon willst du zu uns sprechen ? « » Von unsrem Volk , von diesem Reich der Goten , das hart am Abgrund steht . « » Am Abgrund ? « rief lebhaft der blonde Jüngling . Sein riesiger Bruder lächelte und erhob aufhorchend das Haupt . » Ja , am Abgrund , « rief der Alte , » und ihr allein , ihr könnt es halten und retten . « » Verzeih ' dir der Himmel deine Worte ! « - fiel der Blonde lebhaft ein - » haben wir nicht unsern König Theoderich , den seine Feinde selbst den Großen nennen , den herrlichsten Helden , den weisesten Fürsten der Welt ? Haben wir nicht dies lachende Land Italia mit all seinen Schätzen ? Was gleicht auf Erden dem Reich der Goten ? « Der Alte fuhr fort : » Hört mich an . König Theoderich , mein teurer Herre und mein lieber Sohn , was der wert ist , wie groß er ist , - das weiß am besten Hildebrand , Hildungs Sohn . Ich hab ' ihn vor mehr als fünfzig Jahren auf diesen Armen seinem Vater als ein zappelnd Knäblein gebracht und gesagt : Das ist starke Zucht : - Du wirst Freude dran haben . Und wie er heranwuchs - ich habe ihm den ersten Bolz geschnitzt und ihm die erste Wunde gewaschen ! Ich habe ihn begleitet nach der goldnen Stadt Byzanz und ihn dort gehütet , Leib und Seele . Und als er dieses schöne Land erkämpfte , bin ich vor ihm hergeschritten , Fuß für Fuß , und habe den Schild über ihn gehalten in dreißig Schlachten . Wohl hat er seither gelehrtere Räte und Freunde gefunden als seinen alten Waffenmeister , aber klügere schwerlich und treuere gewiß nicht . Wie stark sein Arm gewesen , wie scharf sein Auge , wie klar sein Kopf , wie schrecklich er war unterm Helm , wie freundlich beim Becher , wie überlegen selbst den Griechlein an Klugheit , das hatte ich hundertmal erfahren , lange ehe dich , du junger Nestfalk , die Sonne beschienen . Aber der alte Adler ist flügellahm geworden ! Seine Kriegsjahre lasten auf ihm - denn er und ihr und euer Geschlecht , ihr könnt die Jahre nicht mehr tragen wie ich und meine Spielgenossen - : er liegt krank , rätselhaft krank an Seele und Leib in seinem goldnen Saal dort unten in der Rabenstadt . Die Ärzte sagen , wie stark sein Arm noch sei , jeder Schlag seines Herzens mag ihn töten wie der Blitz und auf jeder sinkenden Sonne mag er hinunterfahren zu den Toten . Und wer ist dann sein Erbe , wer stützt dann dieses Reich ? Amalaswintha , seine Tochter , und Athalarich , sein Enkel : - ein Weib und ein Kind . « » Die Fürstin ist weise , « sprach der dritte mit dem Helm und dem Schwert . » Ja , sie schreibt griechisch an den Kaiser und redet römisch mit dem frommen Cassiodor . Ich zweifle , ob sie gotisch denkt . Weh ' uns , wenn sie im Sturm das Steuer halten soll . « » Ich sehe aber nirgends Sturm , Alter , « lachte der Fackelträger und schüttelte die Locken . » Woher soll er blasen ? Der Kaiser ist wieder versöhnt , der Bischof von Rom ist vom König selbst eingesetzt , die Frankenfürsten sind seine Neffen , die Italier haben es unter unsrem Schild besser als je zuvor . Ich sehe keine Gefahr , nirgends . « » Kaiser Justinus ist nur ein schwacher Greis , « sprach beistimmend der mit dem Schwert , » ich kenne ihn . « » Aber sein Neffe , bald sein Nachfolger , und jetzt schon sein rechter Arm - - kennst du auch den ? Unergründlich wie die Nacht und falsch wie das Meer ist Justinian : - ich kenne ihn und fürchte was er sinnt . Ich begleitete die letzte Gesandtschaft nach Byzanz : er kam zu unsrem Gelag : er hielt mich für berauscht : - der Narr , er weiß nicht , was Hildungs Kind trinken mag , - und fragte mich um alles , genau um alles , was man wissen muß , um - uns zu verderben . Nun , von mir hat er den rechten Bescheid gekriegt ! Aber ich weiß es so gewiß wie meinen Namen : dieser Mann will dies Land , dies Italien wieder haben und nicht die Fußspur eines Goten wird er darin übrig lassen . « » Wenn er kann , « brummte des Blonden Bruder dazwischen . » Recht , Freund Hildebad , wenn er kann . Und er kann viel . Byzanz kann viel . « Jener zuckte die Achseln . » Weißt du ' s , wieviel ? « fragte der Alte zornig . » Zwölf Jahre lang hat unser großer König mit Byzanz gerungen und hat nicht obgesiegt . Aber damals warst du noch nicht geboren , « fügte er ruhig hinzu . » Wohl ! « - kam jenem der Bruder zu Hilfe . - » Aber damals standen die Goten allein im fremden Land . Jetzt haben wir eine ganze zweite Hälfte gewonnen : wir haben eine Heimat , Italien , wir haben Waffenbrüder , die Italier . « » Italien unsre Heimat ! « rief der Alte bitter , » ja , das ist der Wahn . Und die Welschen unsre Helfer gegen Byzanz ! Du junger Tor ! « » Das sind unsres Königs eigne Worte , « entgegnete der Gescholtene . » Ja , ja , ich kenne sie wohl , die Wahnreden , die uns alle verderben werden . Fremd sind wir hier , fremd , heute wie vor vierzig Jahren , da wir von diesen Bergen niederstiegen und fremd werden wir sein in diesem Lande noch nach tausend Jahren . Wir sind hier ewig die Barbaren ! « » Jawohl , aber warum bleiben wir Barbaren ? Wessen Schuld ist das als die unsre ? Weshalb lernen wir nicht von ihnen ? « » Schweig still , « schrie der Alte , zuckend vor Grimm , » schweig , Totila , mit solchen Gedanken : sie sind der Fluch meines Hauses geworden . « Sich mühsam beruhigend fuhr er fort : » Unsre Todfeinde sind die Welschen , nicht unsre Brüder . Weh , wenn wir ihnen trauen ! O daß der König nach meinem Rat getan und nach seinem Sieg alles erschlagen hätte , das Schwert und Schild führen konnte , vom lallenden Knäblein bis zum lallenden Greis ! Sie werden uns ewig hassen . Und sie haben recht . Wir aber , wir sind die Toren , sie zu bewundern . « Eine Pause trat ein : ernst geworden fragte der Jüngling : » Und du hältst keine Freundschaft für möglich zwischen uns und ihnen ? « » Kein Friede zwischen den Söhnen des Gaut und dem Südvolk ! Ein Mann tritt in die Goldhöhle des Drachen : er drückt das Haupt des Drachen nieder mit eherner Faust : der bittet um sein Leben : der Mann erbarmt sich seiner schillernden Schuppen und weidet sein Auge an den Schätzen der Höhle . Was wird der Giftwurm tun ? Hinterrücks , sobald er kann , wird er ihn stechen , daß der Verschoner stirbt . « » Wohlan , so laß sie kommen , die Griechlein , « schrie der riesige Hildebad , » und laß dies Natterngezücht gegen uns aufzüngeln . Wir wollen sie niederschlagen - so ! « und er hob die Keule und ließ sie niederfallen , daß die Marmorplatte in Splitter sprang und der alte Tempel in seinen Grundfugen erdröhnte . » Ja , sie sollen ' s versuchen ! « rief Totila , und aus seinen Augen leuchtete ein kriegerisches Feuer , das ihn noch schöner machte . - » Wenn diese undankbaren Römer uns verraten , wenn die falschen Byzantiner kommen « - er blickte mit liebevollem Stolz auf seinen starken Bruder - » sieh , Alter , wir haben Männer wie die Eichen . « Wohlgefällig nickte der alte Waffenmeister : » Ja , Hildebad ist sehr stark ; obwohl nicht ganz so stark wie Winithar und Walamer und die andern waren , die mit mir jung gewesen . Und gegen Nordmänner ist Stärke gut Ding . Aber dieses Südvolk , « fuhr er ingrimmig fort - » kämpft von Türmen und Mauerzinnen herunter . Sie führen den Krieg wie ein Rechenexempel und rechnen dir zuletzt ein Heer von Helden in einen Winkel hinein , daß es sich nicht mehr rühren noch regen kann . Ich kenne einen solchen Rechenmeister in Byzanz , der ist kein Mann und besiegt die Männer . Du kennst ihn auch , Witichis ? « - so fragend wandte er sich an den Mann mit dem Schwert . » Ich kenne Narses , « sagte dieser , der sehr ernst geworden , nachdenklich . » Was du gesprochen , Hildungs Sohn , ist leider wahr , sehr wahr . Ähnliches ist mir oft schon durch die Seele gegangen , aber unklar , dunkel , mehr ein Grauen als ein Denken . - Deine Worte sind unwiderleglich : der König am Tod - die Fürstin ein halbgriechisch Weib - Justinian lauernd - die Welschen schlangenfalsch - die Feldherrn von Byzanz Zauberer von Kunst , aber « - hier holte er tief Atem - » wir stehen nicht allein , wir Goten . Unser weiser König hat sich Freunde , Verbündete geschaffen in Überfluß . Der König der Vandalen ist sein Schwestermann , der König der Westgoten sein Enkel , die Könige der Burgunden , der Heruler , der Thüringe , der Franken sind ihm verschwägert , alle Völker ehren ihn wie ihren Vater , die Sarmaten , die fernen Esthen selbst an der Ostsee senden ihm huldigend Pelzwerk und gelben Bernstein . Ist das alles « - - » Nichts ist das alles , Schmeichelworte sind ' s und bunte Lappen ! Sollen uns die Esthen helfen mit ihrem Bernstein wider Belisar und Narses ? Weh uns , wenn wir nicht allein siegen können . Diese Schwäger und Eidame schmeicheln , solang sie zittern , und wenn sie nicht mehr zittern , werden sie drohen . Ich kenne die Treue der Könige ! Wir haben Feinde ringsum , offene und geheime , und keinen Freund als uns selbst . « Ein Schweigen trat ein , in welchem alle die Worte des Alten besorgt erwogen : heulend fuhr der Sturm um die verwitterten Säulen und rüttelte an dem morschen Tempelbau . Da sprach zuerst Witichis , vom Boden aufblickend , sicher und gefaßt : » Groß ist die Gefahr , hoffentlich nicht unabwendbar . Gewiß hast du uns nicht hierher beschieden , daß wir tatlos in die Verzweiflung schauen . Geholfen muß werden : so sprich , wie meinst du , daß zu helfen sei . « Der Alte trat einen Schritt auf ihn zu und faßte seine Hand : » Wacker , Witichis , Waltaris Sohn . Ich kannte dich wohl und will dir ' s treu gedenken , daß vor allen du zuerst ein männlich Wort der Zuversicht gefunden . Ja , ich denke wie du : noch ist Hilfe möglich , und um sie zu finden habe ich euch hierher gerufen , wo uns kein Welscher hört . Saget nun an und ratet : dann will ich sprechen . « Da alle schwiegen , wandte er sich zu dem Schwarzgelockten : » Wenn du denkst wie wir , so sprich auch du , Teja . Warum schwiegst du bisher ? « » Ich schweige , weil ich anders denke denn ihr . « Die andern staunten . Hildebrand sprach : » Wie meinst du das , mein Sohn ? « » Hildebad und Totila sehen nicht die Gefahr , du und Witichis , ihr sehet sie und hoffet , ich aber sah sie längst und hoffe nicht . « » Du siehst zu schwarz , wer darf verzweifeln vor dem Kampf ? « meinte Witichis . » Sollen wir , das Schwert in der Scheide , ohne Kampf , ohne Ruhm untergehen ? « rief Totila . » Nicht ohne Kampf , mein Totila , und nicht ohne Ruhm , so weiß ich , « antwortete Teja , leise die Streitaxt zuckend . » Kämpfen wollen wir , daß man es nie vergessen soll in allen Tagen : kämpfen mit höchstem Ruhm , aber ohne Sieg . Der Stern der Goten sinkt . « » Mir deucht , er will erst recht hoch steigen , « rief Totila ungeduldig . » Laßt uns vor den König treten , sprich du , Hildebrand , zu ihm wie du zu uns gesprochen . Er ist weise : er wird Rat finden . « Der Alte schüttelte den Kopf : » Zwanzigmal hab ich zu ihm gesprochen . Er hört mich nicht mehr . Er ist müde und will sterben , und seine Seele ist verdunkelt , ich weiß nicht , durch welchen Schatten . - Was denkst du , Hildebad ? « » Ich denke , « sprach dieser sich hoch aufrichtend , » sowie der alte Löwe die müden Augen geschlossen , rüsten wir zwei Heere . Das eine führen Witichis und Teja vor Byzanz und brennen es nieder , mit dem andern steigen ich und mein Bruder über die Alpen und zerschlagen Paris , das Drachennest der Merowinger , zu einem Steinhaufen für alle Zukunft . Dann wird Ruhe sein , im Osten und im Norden . « » Wir haben keine Schiffe gegen Byzanz , « sprach Witichis . » Und die Franken sind sieben wider einen gegen uns , « sagte Hildebrand . » Aber wacker meinst du ' s , Hildebad . Sage , was rätst du , Witichis ? « » Ich rate einen Bund , mit Schwüren beschwert , mit Geiseln gesichert aller Nordstämme gegen die Griechen . « » Du glaubst an Treue , weil du selber treu . Mein Freund , nur die Goten können den Goten helfen . Man muß sie nur wieder daran erinnern , daß sie Goten sind . Hört mich an . Ihr alle seid jung und liebt allerlei Dinge und habt vielerlei Freuden . Der eine liebt ein Weib , der andre die Waffen , der dritte irgendeine Hoffnung oder auch irgend einen Gram , der ihm ist wie eine Geliebte . - Aber glaubt mir , es kömmt eine Zeit - und die Not kann sie euch noch in jungen Tagen bringen - , da all diese Freuden und selbst Schmerzen wertlos werden wie welke Kränze vom Gelag von gestern . Da werden denn viele weich und fromm und vergessen des was auf Erden und trachten nach dem was hinter dem Grabe ist . Ich kann ' s nicht und ihr , mein ' ich , und viele von uns können ' s auch nicht . Die Erde lieb ' ich mit Berg und Wald und Weide und strudelndem Strom und das Leben darauf mit heißem Haß und langer Liebe , mit zähem Zorn und stummem Stolz . Von jenem Luftleben da droben in den Windwolken , wie ' s die Christenpriester lehren , weiß ich nichts und will ich nichts wissen . Eins aber bleibt dem Mann , dem rechten , wenn alles andre dahin . Ein Gut , von dem er nimmer läßt . Seht mich an . Ich bin ein entlaubter Stamm , alles hab ' ich verloren was mein Leben erfreute : mein Weib ist tot seit vielen Jahren , meine Söhne sind tot , meine Enkel sind tot : bis auf einen , der ist schlimmer als tot : - der ist ein Welscher worden . Dahin und lang vermodert sind sie alle , mit denen ich ein kecker Knabe und ein markiger Mann gewesen , und schon steigt meine erste Liebe und mein letzter Stolz , mein großer König , müde in sein Grab . Nun seht , was hält mich noch im Leben ? Was gibt mir Mut , Lust , Zwang zu leben ? Was treibt mich Alten wie einen Jüngling in dieser Sturmnacht auf die Berge ? Was lodert hier unter dem Eisbart heiß in lauter Liebe , in störrigem Stolz und in trotziger Trauer ? Was anders als der Drang , der unaustilgbar in unsrem Blute liegt , der tiefe Drang und Zug zu meinem Volk , die Liebe , die lodernde , die allgewaltige , zu dem Geschlechte , das da Goten heißt , und das die süße , heimliche , herrliche Sprache redet meiner Eltern , der Zug zu denen , die da sprechen , fühlen , leben wie ich . Sie bleibt , sie allein , diese Volksliebe , ein Opferfeuer , in dem Herzen , darinnen alle andre Glut erloschen , sie ist das teure , das mit Schmerzen geliebte Heiligtum , das Höchste in jeder Mannesbrust , die stärkste Macht in seiner Seele , treu bis zum Tod und unbezwingbar . « Der Alte hatte sich in Begeisterung geredet - sein Haar flog im Winde - er stand wie ein alter hünenhafter Priester unter den jungen Männern , welche die Fäuste an ihren Waffen ballten . Endlich sprach Teja : » Du hast recht , diese Flamme lodert noch , wo alles sonst erloschen . Aber sie brennt in dir , - in uns , - vielleicht noch in hundert andern unsrer Brüder . Kann das ein ganzes Volk erretten ? Nein ! Und kann diese Glut die Masse ergreifen , die Tausende , die Hunderttausende ? « » Sie kann es , mein Sohn , sie kann es . Dank allen Göttern , daß sie ' s kann . Höre mich an . Es sind jetzt fünfundvierzig Jahre , da waren wir Goten , viele Hunderttausende , mit Weibern und Kindern , in den Schluchten der Hämusberge eingeschlossen . Wir lagen in höchster Not . Des Königs Bruder war von den Griechen in treulosem Überfall geschlagen und getötet , und aller Mundvorrat , den er uns zuführen sollte , verloren : wir saßen in den Felsschluchten und litten so bittern Hunger , daß wir Gras und Leder kochten . Hinter uns die unersteiglichen Felsen , vor uns und zur Linken das Meer , rechts in einem Engpaß die Feinde in dreifacher Überzahl . Viele Tausende von uns waren dem Hunger , dem Winter erlegen : zwanzigmal hatten wir vergebens versucht , jenen Paß zu durchbrechen . Wir wollten verzweifeln . Da kam ein Gesandter des Kaisers und bot uns Leben , Freiheit , Wein , Brot , Fleisch - unter einer einzigen Bedingung : wir sollten getrennt voneinander , zu vier und vier , über das ganze Weltreich Roms zerstreut werden , keiner von uns mehr ein gotisch Weib freien , keiner sein Kind mehr unsre Sprache und Sitte lehren dürfen , Name und Wesen der Goten sollte verschwinden , Römer sollten wir werden . Da sprang der König auf , rief uns zusammen und trug ' s uns vor in flammender Rede und fragte zuletzt , ob wir lieber aufgeben wollten Sprache , Sitte , Leben unsres Volkes oder lieber mit ihm sterben ? Da fuhr sein Wort in die Hunderte , die Tausende , die Hunderttausende wie der Waldbrand in die dürren Stämme , aufschrieen sie , die wackern Männer , wie ein tausendstimmiges , brüllendes Meer , die Schwerter schwangen sie , auf den Engpaß stürzten sie und weggefegt waren die Griechen als hätten sie nie gestanden , und wir waren Sieger und frei . « Sein Auge glänzte in stolzer Erinnerung , nach einer Pause fuhr er fort : » Dies allein ist , was uns heute retten kann wie dazumal : fühlen erst die Goten , daß sie für jenes Höchste fechten , für den Schutz jenes geheimnisvollen Kleinods , das in Sprache und Sitte eines Volkes liegt wie ein Wunderborn , dann können sie lachen zu dem Haß der Griechen , zu der Tücke der Welschen . Und das vor allem wollt ' ich euch fragen , fest und feierlich : fühlt ihr es wie ich so klar , so ganz , so mächtig , daß diese Liebe zu unsrem Volk unser Höchstes ist , unser schönster Schatz , unser stärkster Schild ? könnt ihr sprechen wie ich : mein Volk ist mir das Höchste und alles , alles andre dagegen nichts , ihm will ich opfern was ich bin und habe , wollt ihr das , könnt ihr das ! « » Ja , das will ich , ja , das kann ich ! « sprachen die vier Männer . » Wohl « , fuhr der Alte fort , » das ist gut . Aber Teja hat recht : nicht alle Goten fühlen das jetzt , heute schon , wie wir und doch müssen es alle fühlen , wenn es helfen soll . Darum gelobet mir , von heut ' an unablässig euch selbst und alle unsres Volkes , mit denen ihr lebt und handelt , zu erfüllen mit dem Hauch dieser Stunde . Vielen , vielen hat der fremde