Rosegger , Peter Die Schriften des Waldschulmeisters www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Peter Rosegger Die Schriften des Waldschulmeisters Lebensbeschreibung des Verfassers , von ihm selbst Einer , der vom Geschicke so hinausgestellt worden ist , daß voraussichtlich , ja schon bei seinen Lebzeiten , mythisch gestimmte Leute seine Lebensgeschichte nachdichten und weiter erzählen , ein solcher tut gut , wenn er ihnen zuvorkommt . Am Ende weiß doch jeder selbst am besten , was es mit ihm ist . Nur aufrichtig muß er sein . Bei einem Poeten tut sich das selten ganz leicht , weil die Erinnerung gerne ein wenig umgebogen wird durch eine zudringliche Phantasie . In dem Berichte , der hier folgt , wird das nicht so sein . Knapp und der Wirklichkeit gemäß soll da mein unbedeutendes , aber nicht armes Menschenleben aufgeschrieben werden . - Als ich mich auf dieser Erde fand , war ich ein Knabe auf einem schönen Berge , wo es grüne Matten gab und viele Wälder , und wo , so weit das Auge trug , andere Berge standen , die ich damals aber noch kaum angeschaut haben werde . Ich lebte mit Vater und Mutter und etlichen Knechten und Mägden in einem alten , hölzernen Hause , und es gab in Hof und Stall , auf Feld und Wiese und im Walde immer alle Hände voll zu tun , und das Arbeiten vom frühen Morgen bis in die späte Nacht war etwas ganz Selbstverständliches , sogar schon bei mir ; und wenn ich auf dem Anger mit Steinchen , Erde , Holzstückchen usw. spielte , so hatte ich immer Angst , des Vaters Stimme würde mich jetzt und jetzt zu einer Arbeit rufen . Ich habe das Spiel mit Hast getrieben , um es noch vor der Arbeit Rande zu bringen , und ich habe die Arbeit mit Hast vollbracht , um wieder zum Spiele zu kommen . Und so hat sich eine gewisse Eilfertigkeit in mein Wesen eingewachsen , der - war es im Studium oder im Schaffen - die Geduld und Bedächtigkeit nicht immer die rechte Wage hielt . Mein Geburtsjahr ist 1843 . Den Geburtstag - 31. Juli - habe ich mir erst später aus dem Pfarrbuche zu Krieglach heraussuchen lassen , denn bei uns daheim wurde nur mein Namenstag , Petri Kettenfeier , am 1. August , und zwar allemal dadurch gefeiert , daß mir meine Mutter an diesem Tage einen Eierkuchen buk . Unsere kleine Gemeinde , die aus etwa vierundzwanzig auf Höhen und in Engtälern zerstreuten Bauernhäusern bestand , hieß Alpel , oder wie wir sagten : die Alm ; war von großen Wäldern umgeben und durch solche stundenlange Wälder auch getrennt von unserem Pfarrdorfe Krieglach , wo die Kirche und der Friedhof standen . Mitten in diesen schwarzen Fichtenwäldern , unweit von anderen kleinen Gehöften , die zerstreut lagen , und in denen es genau so zuging wie bei uns , lag denn meine Heimat mit den Hochmatten , Wiesen und Feldlehnen , auf denen das Wenige kümmerlich wuchs , was wir zum Leben brauchten . Krieglach liegt im Mürztale , an der Südbahn , die damals schon eröffnet war . Wir waren nur drei Stunden von dieser Hauptverkehrsstraße entfernt , trotzdem aber durch die schlechten Wege , und besonders durch unsere Unbeweglichkeit , fast ganz von der Welt abgeschlossen . Mein Heimatshaus hieß : beim Klupenegger . Mein Vater war auch in demselben geboren , ebenso sein Vater , Groß- und Urgroßvater ; dann verliert sich der Stammbaum . Die Geschwister meines Vaters waren als Hausbesitzer oder Dienstboten in der Gegend zerstreut . Meine Mutter war die Tochter eines Kohlenbrenners , dieser konnte den Bücherdruck lesen , was in Alpel zu jener Zeit etwas Außerordentliches war . Er erteilte neben seinem Gewerbe auch Unterricht im Lesen , aber es sollen wenig Lernbegierige zu seiner Hütte gekommen sein . Seine Tochter - die nachmals meine Mutter geworden - hatte die Kunst in unser Haus mitgebracht . Die Geschwister meiner Mutter lebten als Holzleute und Köhler in den Wäldern . Ich mochte fünf Jahre alt gewesen sein , als in Alpel die Mär ging , man höre auf unseren hohen Bergen die Kanonenschüsse der Revolution in Wien . Das war nun wohl nicht möglich , doch aber ein Beweis , wie die Beunruhigung auch in unsere stille Gegend gedrungen war . Was die Befreiung von Zehent und Abgaben , von Robot und Untertänigkeit bei meinen Landsleuten für einen Eindruck gemacht hat , weiß ich nicht ; wahrscheinlich nicht den besten , denn sie waren sehr vom Althergebrachten befangen . Mir kleinem Jungen aber hatte die Revolution etwas Gutes gebracht . In einer Nachbarspfarre jenseits der nahen oberländischen Grenze gerieten der Pfarrer und der Schulmeister in Zwiespalt , der Neuerungen wegen . Der Schulmeister hielt es so ein wenig mit der neuen Zeit . Als aber das Jahr 1849 kam , war der Pfarrer auf einmal wieder obenauf und verjagte den Schullehrer mit Verweigerung eines entsprechenden Zeugnisses . Nun war der Schulmann ein Bettelmann und kam als solcher auch in unsere Gemeinde Alpel . In dieser befanden sich ein paar Bauern , die dem streitbaren Pfarrer nicht grün waren und den Schulmeister aufnahmen . Der Schulmeister - sein Name war Michel Patterer - ging umher und lehrte den Kindern das Lesen , Schreiben und Rechnen . Er bekam dafür das Essen und Tabaksgeld . Die Kinder folgten ihm von Haus zu Haus , und unter ihnen war auch ich . Endlich wurde ihm ein bestimmtes Wohnhäuschen angewiesen , wo er im Jahre 1857 gestorben ist . Mein Schulbesuch war aber ein sehr mangelhafter ; da war ' s die größere Entfernung , oder ich wurde zu häuslichen Arbeiten - besonders zum Schafe- und Rinderhüten , oder als Botengeher , oder zum Futterschütten in der Mahdzeit , oder zum Garbentragen im Schnitt , oder zum Ochsenführen bei Fuhrwerken , oder zum Furchenaushauen beim Ackern - verwendet ; dann wieder war ' s der ungestüme Winter , oder meine körperliche Schwächlichkeit und Kränklichkeit , die mich am Schulgehen hinderten . Ich als der Älteste unter meinen Geschwistern - wovon unser nach und nach sieben kamen - war das Muttersöhnchen , und bei meiner Mutter fand ich bisweilen sogar ein wenig Schutz , wenn ich mich der Schule entschlagen wollte ; denn die Schule war mir im Grunde recht zuwider , weil ich erstens das viele Rechnen haßte und zweitens die Buben , die mich gern hänselten , da ich meine besonderen Wege ging und mich zu ihnen nicht schicken wollte . Indes , einen oder zwei Kameraden hatte ich immer , an denen ich hing und mit denen ich auch die Knabenwildheit redlich durchgemacht habe . Noch bei Lebzeiten des alten Schulmeisters war die Rede gewesen , ich » täte leicht lernen « , hätte den Kopf voll von allerlei Dingen , ich sollte studieren . Unter Studieren verstand man gar nichts anderes , als nach Graz ins Seminar und später ins Priesterhaus gehen . Und es war richtig , ich war der eifrigste Kirchengeher und aufmerksamste Predigthörer , als welcher ich das erste Hochdeutsch vernahm ; denn wir sprachen alle miteinander das » Bäurische « , nämlich die sehr altertümliche Mundart der Vorfahren , die vor Jahrhunderten aus Schwaben oder Oberbayern in unsere Gegend eingewandert sein sollen . Das Hochdeutsch des Predigers - so schlicht es von heimischen Landeskindern auch vorgetragen wurde - war wohl von den Wenigsten verstanden ; für mich hingegen hatten die Kanzelreden einen großen Reiz , ich ahmte sie nach . Ich hielt , wo ich allein ging und stand , laute Predigten aus dem Stegreif , ich ging auf Suche nach geistlichen Büchern , schleppte sie - wenn ich dazu die Erlaubnis hatte - in mein Vaterhaus zusammen , las dort die halben Nächte lang laut im Predigerton , auch wenn mir kein Mensch zuhörte , und trieb allerhand mystische Phantastereien . Also führte mich meine Mutter zu Geistlichen umher und bat um Rat , wie ich denn in die » Studie « zu bringen wäre , » daß es nichts tät ' kosten . « Denn durch Unglücksfälle , Wetterschäden , Feuer , Krankheiten waren wir verarmt . Aber die geistlichen Herren sagten , wenn kein Vermögen da wäre , so könnten sie keinen Rat geben . Nur einer war , der Dechant von Birkfeld , welcher sich erbötig machte , mich selbst im Latein zu unterrichten und später für mein Fortkommen was tun zu wollen . Ich wurde also nach Birkfeld zu einem Bauer Waxhofer gebracht , wo ich Pflege genießen und von da aus vierklassige Marktschule , sowie den zugesagten Lateinunterricht des Dechants besuchen sollte . Allein einerseits die kecken Jungen meines Wohnungsgebers , andererseits das Heimweh nach Vater und Mutter setzten mir so sehr zu , daß ich schon nach drei Tagen bei Nacht und Nebel aufbrach und den fünf Stunden langen Berg- und Waldweg bis zu meinem Vaterhause zurücklegte . In jenen Tagen ist mein Heimweh geboren worden , das mich seither nicht verließ , auf kleineren Touren wie auf größeren Reisen in Stadt und Land mein beständiger Begleiter war und eine Quelle meiner Leiden geworden ist . Es war dasselbe Gefühl , das mich später zu Weib und Kind zog und immer wieder zurück nach den heimatlichen Bergen , als ihre steilen Hänge , ihre herbe Luft meiner schwachen Gesundheit längst schädlich und gefährlich zu werden begannen . Nun , von Birkfeld zurückgekehrt , war ich entschlossen , mich dem Stande meiner Väter zu widmen . Indes aber steigerte sich meine Neigung zum Schrifttum . In Krieglach lebte eine alte Frau , welche die Hoffnung auf mein Weiterkommen nicht aufgab und mir ihre Bücherschränke zur Verfügung stellte . Da fand ich Gedichte , Jugendschriften , Reisebeschreibungen , Zeitschriften , Kalender . Besonders die illustrierten Volkskalender regten mich an . In einem solchen fand ich eine Dorfgeschichte von August Silberstein , deren frischer , mir damals ganz neuer Ton , und deren mir näher liegende Gegenstand mich zur Nachahmung reizte . Ich war damals etwa fünfzehn Jahre alt . Ich versuchte nun auch , Dorfgeschichten zu schreiben , doch fiel es mir nicht ein , meine Motive aus dem Leben zu nehmen , sondern ich holte die Stoffe aus den Büchern . Ich schrieb nun selbst Kalender , die ich auch eigenhändig illustrierte , Gedichte , Dramen , Reisebeschreibungen aus Ländern , in denen ich nie war , alles nach alten Mustern . Erst sehr spät kam ich darauf , daß man aus dem uns zunächst umgebenden Leben die besten Stoffe holt . Wir hatten uns noch einmal angestrengt , daß ich in eine geistliche Anstalt käme , aber vergebens . Von jenen Herren , die später wiederholt das Bedauern ausdrückten , daß ich keiner der Ihren wäre , hat mir die Hand nicht einer gereicht . Und ich glaube , es ist gut so . Denn schon meine Weltanschauung von damals hätte im Grunde nicht mit der ihren harmoniert . Ich war mit ganzer Seele Christ . Vor mir stand der katholische Kultus groß und schön ; aber meine Ideale gingen andere Wege , als die politischen der Kirche . Durch das Wanken und Wähnen , was ich denn werden solle , war mir endlich alle Lust zum Bauernstande abhanden gekommen . Meine Körperbeschaffenheit war auch nicht dazu geeignet , und so trat ich im Sommer 1860 bei dem Schneidermeister Ignaz Orthofer Kathrein am Hauenstein in die Lehre . Bei demselben verblieb ich fast fünf Jahre und wanderte mit ihm von Haus zu Haus , um den Bauern die Kleider zu machen . Ich habe in verschiedenen Gegenden im kultivierteren Mürztale wie im verlassenen Fischbacher Walde und im sogenannten » Jackelland « in mehr als 60 Häusern gearbeitet , und diese Zeit und Gelegenheit war meine Hochschule , in der ich das Bauernvolk so recht kennen lernen konnte . Nicht unerwähnt mag ich das Verhältnis lassen , in welchem ich damals zur Familie Haselgraber in Kathrein am Hauenstein stand . Der alte Haselgraber betrieb nebst einer kleinen Bauernwirtschaft und verschiedenen Gewerben auch eine Krämerei und stand also im Verkehr mit der Welt . In seinem Hause , in welchem ich wie daheim war , fand ich Bücher und Zeitungen , vor allem aber an Haselgrabers Söhnen und Töchtern gute Freunde , die wie ich ein Interesse an Büchern und geistiger Anregung hatten , denen ich auch meine Dichtungen zu lesen gab , teilweise sie ihnen widmete , und mit denen ich in langjährigem freundschaftlichsten Verkehr stand . Die Erinnerung an diese Menschen , die heute größtenteils begraben , teils in der weiten Welt zerstreut sind , weckt jetzt noch das Gefühl der Dankbarkeit und Wehmut in mir . Ich hatte in meiner Jugend das Glück , meist mit guten Menschen zusammenzusein ; darunter vor allen zu nennen meine Mutter , meinen Vater und meinen Lehrmeister . Meine Mutter war die Güte , die Aufrichtigkeit , die Wohltätigkeit , Arbeitsamkeit selbst . Mein Vater voll herzlicher Einfalt , Redlichkeit , Duldung und echter Religiosität . Mein Lehrmeister war ein fleißiger Handwerker , der auf sein Gewerbe was hielt und mich mit milder Hand zur Arbeitsamkeit leitete . Für sein Leben gern wollte er einen tüchtigen Schneidermeister aus mir machen , aber er mag wohl früh geahnt haben , daß seiner Liebe Müh ' umsonst sein werde . Trotzdem hat er mit herzlicher Neigung zu mir gehalten , bis ich ihm davonging . Ich hatte nie das Bestreben , meinem Handwerke fortzugehen , obwohl ich mit meinen Leistungen nicht recht zufrieden sein konnte . Mich hat nämlich schon seit meiner Kindheit her eine wunderliche Idee geleitet , oder mißleitet . Sie entsprang aus meiner Kränklichkeit und war geeignet , einerseits mich zu verkümmern , anderseits mich zu erhalten . Mir war nämlich in allen meinen Zeiten zumute , daß mein Leben nur noch ein kurzes sein werde , und daher das Streben nach einer besseren Stellung zwecklos . So habe ich stets in einer gewissen , traumhaften Leichtsinnigkeit hingelebt , mit jedem nächsten Jahre den Tod , ja , mit jedem sich anmeldenden Unwohlsein resigniert das Ende erwartend . Der Weg , den ich machte , war demnach weniger ein Werk der Absicht , als des Zufalls - ich sage lieber der Vorsehung . Auch während meiner Schneiderzeit hatte ich allerlei gedichtet und geschrieben , und durch Lobsprüche und Ratschläge veranlaßt , schickte ich eines Tages eine Auswahl von Gedichten nach Graz an das Journal : » Die Tagespost « . Ich war lüstern , einmal zu sehen , wie sich meine Poesien gedruckt ausnähmen . Der mir ganz fremde Redakteur des Blattes , Dr. Svoboda , veröffentlichte richtig einiges , war übrigens aber der Ansicht , daß mir das Lernen wohltätiger wäre , als das Gedrucktwerden . Er suchte mir durch einen warm und klug geschriebenen Aufsatz Gönner , welche mich vom Gebirge ziehen und mir Gelegenheit zur weiteren Ausbildung bieten möchten . Da war es vor allem der Großindustrielle Peter Reininghaus in Graz , der mir allsogleich Bücher schickte und mich materiell unterstützte , dann der Buchhändler Giontini in Laibach , welcher sich bereit erklärte , mich in sein Geschäft zu nehmen . Nun verließ ich völlig planlos , nur vom Drange beseelt , die Welt zu sehen , mein Handwerk und meine Heimat , fuhr nach Laibach , wo ich einige Tage deutsche , slowenische und italienische Bücher hin und her schob , dann aber , von Heimweh erfaßt , fast fluchtartig nach Steiermark zurückkehrte . Ich habe mir den Vorwurf zu machen , Wohltätern gegenüber meine Dankbarkeit - trotzdem ich sie tief empfand - nicht immer genügend zum Ausdruck gebracht zu haben ; so war ' s auch bei Giontini ; das plötzliche Verlassen meiner neuen Stellung sah nichts weniger als dankbar aus . Trotzdem hat Herr Giontini mir das Ding nicht übelgenommen , sondern seine Wohlgesinnung mir in manchem Schreiben bewiesen und bis zu seinem Tode erhalten . Meine Absicht war , nun nach Alpel zurückzukehren , dort wieder Bücher zu lesen und zu schreiben und die weite Welt - Welt sein zu lassen . Allein in Graz , das ich auf der Rückfahrt berührte , ließ mich Dr. Svoboda nicht mehr fort . Nun begann dieser Mann , dem ich meine Lebenswende verdanke , neuerdings tatkräftig in mein Leben einzugreifen . Er suchte mir Freunde , Lehrer und eine Anstalt , an der ich mich ausbilden sollte . Die Landesinstitute - aus denen später mancher Tadel laut wurde , daß es mir an klassischer , an akademischer Bildung fehle - diese Institute blieben vornehm verschlossen ! Eine Privatanstalt war es , und zwar die Akademie für Handel und Industrie in Graz , die mich aufnahm , deren tüchtige Leiter und Lehrer den zweiundzwanzigjährigen Bauernburschen in Arbeit und geistige Pflege nahmen . Schon in den ersten Tagen meines Grazer Lebens bot mir der pensionierte Finanzrat Frühauf in seiner Wohnung Unterstand und Pflege gegen ein lächerlich billiges Entgeld . Reininghaus ist nicht müde geworden , mit Rat und Tat mir beizustehen . In seinem Hause erlebte ich manche Freude , und an seiner Familie sah ich ein Vorbild deutscher Häuslichkeit . Später nahm mich der Direktor der Akademie für Handel und Industrie , Herr Franz Dawidowsky , in sein Erziehungsinstitut für Studierende der Handelsakademie , wo ich unter dem Deckmantel eines Haussekretärs ein frohes Heim genoß . Drei Jahre war ich im Hause dieses vortrefflichen Mannes , den ich wie einen Vater liebte und dessen nobler Charakter günstig auf meine etwas bäuerliche Engherzigkeit wirkte . Gleichzeitig lernte ich an den Institutszöglingen , es waren Deutsche , Italiener , Engländer , Serben , Ungarn , Polen usw. - verschiedenerlei Menschen kennen , und so ging der Erfahrungszuwachs gleichen Schrittes mit den theoretischen Studien vorwärts . Meine weit jüngeren Studienkollegen waren zumeist rücksichtsvoll gegen mich , doch , wie ich früher das Gefühl gehabt , daß ich nicht recht zu den Bauernjungen passe , so war es mir jetzt , daß ich auch nicht zu den Söhnen der Kaufleute , Bankiers und Fabrikanten gehöre . Indes schloß ich Freundschaft mit einem Realschüler , später Bergakademiker , mit einem oberländischen Bergsohn , namens August Brunlechner . Wir verstanden uns , oder strebten wenigstens , uns zu verstehen ; beide Idealisten , beide ein wenig sentimental , uns gegenseitig zu Vertrauten zarter Jugendabenteuer machend und dann wieder uns zu ernster Arbeit ermunternd , uns darin unterstützend - so hielten wir zusammen , und die alte Freundschaft währt heute noch fort . Ferner finde ich in der Liste meiner damaligen Freunde und Gönner die Namen Falb ( des bekannten Gelehrten und Reisenden , damaligen Religionsprofessors an der Handelsakademie , der mir die Aufnahme an dieser Anstalt vermittelt hat ) , ferner v. Rebenburg , Reicher , Oberanzmayr , Kleinoscheg , Födransperg , Grein , Friedrich , Steiner , Meyer usw. Die damaligen Theaterdirektoren Kreibig und Czernitz gaben mir freien Eintritt in ihre Kunstanstalten ; freundlich zog man mich zu öffentlichen Vorlesungen , und so gedachte man meiner bei verschiedenen Gelegenheiten . Mir kann also nichts gefehlt haben . Ich hatte aber noch gar nichts geleistet . Dr. Svoboda hat es eben verstanden , durch wiederholte warme Notizen , durch Veröffentlichung manches meiner Gedichte das Interesse des Publikums für mich warm zu erhalten . Das Studieren kam mir nicht leicht an , ich hatte ein ungeübtes Gedächtnis und für kaufmännische Gegenstände eine Begriffsstützigkeit , wie man sie bei einem Poeten nicht besser verlangen kann . Doch arbeitete ich mit Fleiß und gelassener Ausdauer und nebenbei sehnte ich mich - nach Alpel . Die Südbahn schickte mir manche Freikarte , um mehrmals des Jahres dieses Alpel besuchen zu können . Bemerken möchte ich den Umstand , daß ich trotz meines oft krampfhaften Anschmiegens an die engste Heimat doch stets , und wohl ganz unbewußt , von einem kosmopolitischen Geiste beseelt war , der aber allemal in die Brüche ging , so oft ich in Kriegszeiten die Volkshymne klingen hörte und die schwarzgelbe Fahne flattern sah . Die ganze Welt , alle Völker , alle Menschen liebte ich , sofern sie meinem Vaterlande nicht feindlich waren . Andere Dinge gab es , an denen ich nicht so klar unterscheiden konnte , was das Richtige war . So zum Beispiel in Sachen der Rückhaltslosigkeit und Offenheit . Als Knabe hatte ich selbstverständlich gar keine Meinung , lächelte jeden zustimmend an , der eine Meinung dartat und konnte mich des Tages von mehreren , die verschiedene Ansichten vertraten , überzeugen lassen . Diese Unselbständigkeit dauerte ziemlich lange . Und später , als ich zu einer persönlichen und festen Überzeugung gekommen war , hatte ich lange nicht immer den Mut , dieselbe zu vertreten . Leuten , die oft ganz das Gegenteil von meiner Ansicht behaupteten , konnte ich in mir nicht zu nahe gehenden Dingen gleichgültig beistimmen , erstens um nicht unhöflich zu sein , zweitens um mich nicht Rohheiten auszusetzen , mit denen der Brutale den weicher gearteten Gegner in jedem Falle schlägt . Von diesem Fehler ging ich allmählich zu einer Tugend über , die aber auch mitunter wieder in einen Fehler auszuarten drohte . Ich wurde bei mir nahestehenden Personen und in mir naheliegenden Sachen die Rückhaltslosigkeit und Offenheit selbst . Ich war nicht mehr imstande , anders zu reden , als was in mir lebte . So wurde ich oft rücksichtslos selbst gegen meine Freunde ; es schmerzte mich oft , wenn ich merkte , daß ich ihnen weh getan , aber angeregt oder gereizt , mußte meine Meinung unverblümt über die Zunge . Auch gegen meine öffentlichen Widersacher hätte ich rücksichtsvoller sein dürfen , insofern sie es mit ihrer Sache redlich gemeint haben . Daß ich die Tückischen und Falschen zornig bekämpft , ja manchmal empfindlich verwundet habe , das tut mir nicht leid . So bin ich zu jenem Freimute gelangt , der dem Literaten wohl anstehen mag , dem Menschen im Verkehr mit Menschen aber nicht immer zur Zierde und zum Vorteile gereicht . Ich bin schon frühe in den unverdienten Ruf eines liebenswürdigen Burschen gekommen ; selbstverständlich hat sich von nun an dieser Ruf nicht mehr gesteigert , wodurch meine innere Festigung , Selbständigkeit und geistige Spannkraft allerdings nur gewonnen hat . Indes behaupte ich nicht , daß ich an einer einmal gefaßten Ansicht nun immer unumstößlich festgehalten hätte . Obschon meine Weltanschauung in Ganzen gleich geblieben ist , so habe ich mich einer wirklich überzeugenden Macht niemals verschlossen , habe mich im Laufe meiner Jahre , meiner Erfahrungen und Studien verbessert und mich im Leben , in der Geschichte und Philosophie soviel umgesehen , daß ich nun von einem unumstößlich fest überzeugt bin , nämlich von der Fehlbarkeit aller menschlichen Erkenntnis . Also verrannen die Studienjahre und ich wußte nicht , was aus mir werden sollte . Im günstigsten Falle konnte mich ein Grazer Kaufmann in sein Kontor nehmen , und für diesen Fall kam mir der Gedanke , daß ich ohnehin nicht mehr lange leben werde , wirklich recht bequem . Auf meinen Landausflügen war mir das Auge aufgegangen für etwas , was ich früher immer gesehen , aber niemals geschaut hatte , für die ländliche Natur und für die Landleute . Ich hatte allerdings schon als Kind - und zwar ganz unbewußt - ein Auge für die für Landschaft . Wenn ich mich an die ersten Wanderungen mit Vater und Mutter zurückerinnere , so weiß ich nicht mehr , weshalb wir die Gänge machten , oder was dabei vorfiel oder gesprochen wurde , aber ich sehe noch den Felsen und den Bach und den Baumschlag und weiß , ob es Morgens war , oder Nachmittags . In dieser Zeit nun gegen Ende der Studien in der Handelsakademie - kam mir Adalbert Stifter zur Hand . Ich nahm die Werke dieses Poeten in mein Blut auf und sah die Natur im Stifterschen Geiste . Es ist mir später schwer geworden , Nachahmung meines Lieblingsdichters zu vermeiden und dürften Spuren davon in den älteren meiner Schriften wohl zu finden sein . Den Landleuten gegenüber regte sich nun in mir ein lebhafter Drang , sie zu beobachten , und sie wurden der Gegenstand meiner Dialektgedichte . Zahlreiche Proben davon brachte ich meinem Dr. Svoboda . Seine Beurteilung war nicht ohne Strenge ; doch verstand er es , meinen oft herabgedrückten Mut allemal wieder zu wecken , was sehr not tat . Er verwies mich auf große Vorbilder ; jedoch solche machten mich stets mutlos , während Leichteres , weniger Gelungenes - wenn es überhaupt in meiner Richtung lag - mich reizte und belebte , Besseres zu schaffen . Der Einfluß Dr. Svobodas auf meine geistige Entwickelung ist ein großer , obgleich mir sein hoher ästhetischer Standpunkt lange Zeit unverständlich und kaum zu erreichen schien . Als er mir einst sagte , ich müsse ein in ganz Deutschland gelesener Schriftsteller werden , lachte ich ihm dreist ins Gesicht , aber er lehrte mich Selbstzucht und die Selbstschätzung , den Ehrgeiz - - damit hat er manches erreicht . Um jene Zeit suchte ich in Graz einen Verleger für ein Bändchen Gedichte in steierischer Mundart . Ich fand einen einzigen , der sich bereit erklärte , das Büchlein herauszugeben , wenn mir Robert Hamerling dazu ein Vorwort schriebe . Schon einige Monate früher hatte ich die Kühnheit gehabt , mich selbst bei Hamerling vorzustellen . Sein mildes Wesen und das Interesse , das er für mich zeigte , ermutigten mich , ihm die Gedichte vorzulegen und dafür um ein Vorwort zu bitten . Und Robert Hamerling hat meinem » Zither und Hackbrett « , wie wir das Büchlein nannten , einen Begleitbrief mitgegeben , der mir fürs Erste bei dem Verleger , Herrn Josef Pock in Graz , ein ganz anständiges Honorar eintrug . Diesem Vorworte ist es zu verdanken , daß die Kritik dem Büchlein ihre Aufmerksamkeit zuwandte , und » Zither und Hackbrett « hatte einen schönen Erfolg . Robert Hamerling war mir dieser ersten Tat ein treuer Freund geblieben . Sein schlichtes Wesen , seine gütige bescheidene Art , zu leiten und zu raten , seine liebreichen Gesinnungen , seine von jeder Überschwenglichkeit freie , ich möchte sagen , klassisch reine Weltanschauung war für meine Schriften , aber noch mehr für die Ausbildung meiner Denkungsart von wesentlichen Folgen . Dieser stets anregende , schöpferische Geist , dieser beruhigende versöhnende Charakter , dieses stille , aber entschiedene Hinstreben nach dem Schönen und Guten ist für mich in meinen verschiedenen Lebenslagen von unschätzbarem Werte geworden . Ein freundlicher Zufall wollte es , daß » Zither und Hackbrett « gerade in den Tagen erschien ( Juli 1869 ) , als ich nach beendigten Studien die Handelsakademie verließ , um nun eine Stelle zu suchen . Dr. Svoboda jedoch sagte : » Jetzt suchen Sie keine Stelle , jetzt mieten Sie sich ein lichtes Zimmer und studieren und dichten , auch machen Sie Reisen , schauen die Welt an und schreiben darüber . Sie haben einen glücklichen Stil , werden Ihre Schriften in den Zeitungen abdrucken lassen , und dann als Bücher herausgeben . Das Land Steiermark wird Ihnen ein Stipendium verleihen , und Sie werden Schriftsteller sein . « So ist es auch geworden . Schon für die nächsten Monate zog ich mich in meine Waldheimat zurück und schrieb ein neues Buch in steirischer Mundart : » Tannenharz und Fichtennadeln « ; später das Buch » Stoansteirisch « . ( Die Dialektwerke sind bei Leykam in Graz verlegt . ) Diesem folgte bald das beschreibende Werkchen : » Sittenbilder aus dem steierischen Oberlande « , später erweitert unter dem Titel » Volksleben in Steiermark « . Die Winterszeit verlebte ich in Graz , wieder bei meinem alten Finanzrat Frühauf , besuchte Vorlesungen an der Universität und trieb fleißig Privatstudien . Im Sommer reiste ich . Ich bereiste Steiermark , besonders Oberland , Oberösterreich , Salzburg , Kärnten und Tirol . Im Jahre 1870 machte ich eine Reise durch Mähren , Böhmen , Sachsen , Preußen bis auf die Insel Rügen . Ging dann nach Hamburg , zur See nach den Niederlanden und fuhr rheinaufwärts bis in die Schweiz . Ich hatte vor , die Schweiz genau zu studieren , doch zog es mich mit solcher Macht nach der Steiermark zurück , daß mir der ausbrechende deutsch-französische Krieg eine willkommene Veranlassung war , den unter meinen Füßen brennend gewordenen Boden eiligst zu verlassen . Zwei Jahre später bereiste ich Italien . Ich wollte auch nach Sizilien , doch hat mich in Neapel das Heimweh derart übermannt , daß ich umkehrte und bei Tag- und Nachtfahrten den kürzesten Weg nach Hause suchte . In den heimatlichen Tälern lag der frostige Herbstnebel , aber ich stieg auf die Berge , in den Sonnenschein hinauf und war glücklich . Die Alpenhöhen waren meine Lust . Ich ging stets allein , und diesen Wanderungen verdanke ich hohe Genüsse . Im Jahre 1870 von meiner Reise durch Deutschland heimgekehrt , fand ich auf meinem Tische eine Aufforderung des Pester Verlagsbuchhändlers Gustav Heckenast ( mit welchem ich schon früher in bezug auf seinen Freund Adalbert Stifter in Briefwechsel gestanden ) , für seinen Verlag ein Buch zu schreiben . Das Buch war aber schon fertig und hieß : » Geschichten aus Steiermark « . Heckenast ließ es sogleich drucken und ermunterte mich zu neuen literarischen Arbeiten . Ein Jahr später besuchte ich den fein gebildeten Weltmann auf seinem Landgut in Maróth . Er schloß sich freundlich an mich , ich mich innig an ihn , es entwickelte sich zwischen dem vornehm denkenden Kunstmäcen , dem verdienstvollen Begründer der deutsch-ungarischen Literatur und