Marlitt , Eugenie Das Heideprinzeßchen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Eugenie Marlitt Das Heideprinzeßchen 1 Er ist ein einsamer Wanderbursch , der kleine Fluß , er läuft durch die stille Heide . Seine schwach klingenden Wellchen kennen nicht das tolle Jauchzen thaleinwärts stürzender Wasser ; sie trollen sich gemächlich über widerstandslose , flach gewaschene Kiesel , zwischen seichten , mit Weiden und Erlen bestandenen Borden . Das Gebüsch aber verschränkt seine Zweige so undurchdringlich , als dürfe nicht einmal der Himmel droben wissen , daß die kleine Ader voll rieselnden Lebens in der verrufenen Heide klopfe . Und das ist so recht im Sinn vieler böser Zungen , die draußen in der Welt diese weiten Flächen germanischen Tieflandes verlästern . Lieber , sieh dir einmal das vielgeschmähte Proletarierweib , die Heide , im Hochsommer an ! Freilich , sie hebt die Stirne nicht bis über die Wolken , das Diadem des Alpenglühens oder einen Kranz von Rhododendren suchst du vergebens ; - sie trägt nicht einmal die Steinkrone des Niedergebirges ; auch schmiegt sich nicht der breite funkelnde Stahlgürtel eines gewaltigen Wasserstromes unter ihren Busen ; aber die Erika blüht ; ihre lila- und rotgemischten Glockenkelche werfen über die sanften Biegungen des Riesenleibes einen farbenprächtigen , mit Myriaden gelbbestäubter Bienen durchstickten Königsmantel - und der hat einen köstlichen Saum . Weit drüben schwillt die humusarme , sandige Fläche , die allerdings nur für das genügsame Heidekraut einen Nahrungsquell hat , zur mäßigen Anhöhe empor ; in dem Boden steckt Kraft und Mark ; der lange dunkle Streifen , mit welchem er die rotflimmernde Ebene plötzlich abschneidet , ist Wald , tiefer majestätischer Laubwald , wie er seinesgleichen sucht . Stundenlang schreitest du durch die dämmernden Säulenreihen , die der verachtete Heideboden gen Himmel treibt . In dem Geäst , hoch über deinem Haupte , nisten Finken und Drosseln , und aus dem Dickicht äugt das fliehende Wild scheu nach dir herüber . Und wenn endlich der Hochwald in niedriges Kieferngestrüpp ausläuft und dein Fuß zögert , auf die Waldbeeren zu treten , die hier , wie vom Himmel niedergeschüttet , in Scharlach und bläulicher Schwärze den Abhang färben , während von der Bodensenkung draußen liebliches Wiesengrün und das blasse Gold reifender Getreidefelder heraufschimmern - wenn aus dem mitten drin liegenden Dorf , das seine urgemütlichen Wohnhäuser um den ziegelbedeckten Kirchturm schart , menschliches Leben und Treiben und das Gebrüll stattlichen Hornviehs herüberschallt , dann denkst du wohl lächelnd der trostlosen , gottverlassenen Sandwüste , wie sie » in den Büchern steht « . Das Flüßchen freilich , mit welchem diese Niederschrift beginnt , durchmißt eine der dürftigsten , menschenleersten Strecken . Es läuft lange parallel mit der Waldlinie am Horizonte , und erst nach reiflichem Ueberlegen macht es eine selbständige Schwenkung nach ihr hinüber . Bei aller Sanftmut nagt und wühlt es doch am weichen Uferboden , und einmal sogar gelingt es ihm , ein Miniaturbecken zu bilden , in welchem die langsam rinnenden Wasser scheinbar rasten . Hier weiß man nicht , wo die Luft aufhört und das Wasser beginnt , so klar abgezeichnet liegen die weißen Kiesel drunten , und so wenig bewegt schwimmt das Nixenhaar darüber hin . Das kleine Rund treibt die Erlenbüsche auseinander , eine lichtbedürftige Birke hat sich um einen Schritt hinausgeflüchtet und steht da wie ein holdes Sagenkind , dem die Sommerlüfte unaufhörlich blinkende Silberstücke aus den Locken schütteln . Es war in den letzten Tagen des Juni . In dem kühlen Wasser des kleinen Beckens standen ein Paar brauner Mädchenfüße . Zwei ebenso sonnverbrannte Hände zogen das schwarze grobwollene Röckchen fest und vorsichtig um die Kniee , während sich der Oberkörper neugierig vornüber bog . Schmale , mit weißen Linnen bedeckte Schultern und ein junges , braun angehauchtes Gesicht - in der That , es war wenig und winzig genug , was der Fluß zurückwarf ; immerhin - den zwei Augen im Wasser war es sehr gleichgültig , ob das Gesicht , in welchem sie saßen , griechische Regelmäßigkeit oder den Hunnentypus zeigte . Hier auf dem einsamsten Fleck der Heide gab es keinen Maßstab für weibliche Schönheit , keine Anregung zum Vergleich ; nur daß alles , was im unverfälschten Tageslicht » natürlich « und altgewohnt erschien , aus dem Wasserspiegel so fremd heraufsah , das machte ihn verlockend . Draußen im Sonnenschein , im sausenden Heidewind flatterte das ziemlich kurz verschnittene Lockenhaar lustig um Stirn und Nacken - hier unten wurde es zu schwer niederhängenden Rabenflügeln , unter denen hervor die kleinen , roten Glasperlen der Halskette wie dunkelglühendes Blut tropften , und das grobe derbe Leinenhemd gar leuchtete geschmeidig und seidenweich , als schwimme eine einzige große , schneeweiße Glockenblume drunten im Wasser - es verwandelte sich eben alles wie in der allerschönsten , alten Zaubergeschichte . Meist füllte ein Stück dunkler Himmelsbläue die Bresche der Büsche , das gab der Wasserfläche eine harte Stahlfarbe und dem Mädchenbilde einen eintönigen Hintergrund . In diesem Augenblick jedoch liefen plötzlich glühende Dunstgebilde über den Spiegel - es war unglaublich , aber trotz allem dem quollen sie unmittelbar aus den Haarspitzen des Lockenkopfes . Das kämpfte durcheinander und glühte immer höher auf , als solle allmählich die ganze Welt von Purpur triefen . Nur das heimliche Düster um die Wurzeln des Buschwerks vertiefte sich zur finsteren Höhle , aus der einzelne Zweige wie schwarze Stalaktitenzacken in das schwimmende Feuer hineinragten - eine neue , blitzschnelle Wendung der alten Zaubergeschichte . Aber sie erzeugte einen heillosen Schrecken . Nahm doch selbst der Schatten , den das vorgeneigte Mädchen warf , Brunnentiefe an , aus der herauf zwei übergroße , entsetzte Augen glitzerten . Die braunen Füße gehörten zu keiner Heldenseele ; mit einem wilden Satze sprang sie an das Ufer - welch eine lächerliche Flucht ! Draußen über der Heide entzündete sich der Abendhimmel in roten Flammen , eine feurige , sanft zerfließende Wolke zog über die Bresche hin , das war der gespenstige Nimbus - und die Augen ? Hatte wohl die Welt solch einen Hasenfuß wie mich gesehen ? Solch ein kindisches Ding , das vor seinen eigenen Augen davonlief ? Zunächst schämte ich mich vor mir selber und dann vor meinen zwei besten Freunden , die Zeugen gewesen waren . Meine gute Mieke zwar hatte sich weiter nicht stören lassen - sie war der weniger intelligente Teil . Die schönste schwarzbunte Kuh , die je über die Heideflächen gelaufen , stand sie breitspurig unter der Birke und riß und zupfte schwelgend an dem Grase , das der feuchte Uferboden in einem dünnen Streifen emportrieb . Sie hob den langen , schmalen Kopf , kaute mit unverkennbarem Appetit weiter an den fetten Halmen , die ihr zu beiden Seiten des Maules niederhingen , und sah nur einen Moment dummverwundert nach mir hin . Spitz dagegen , der sich faul und schläfrig unter das kühle Gebüsch geduckt hatte , nahm die Sache tragischer . Er fuhr wie besessen in die Höhe und bellte in das zurückklatschende Wasser hinein , als sei mir der böse Feind auf den Fersen . Er war nicht zu beschwichtigen ; die Stimme sprang ihm über vor Alteration und Kampfeswut - und das war urkomisch . Lachend sprang ich in das Wasser zurück und sekundierte ihm , indem ich mit beiden Füßen den lügnerischen Spiegel in hochaufspritzende Atome zerstampfte . Es war aber auch noch ein dritter Zeuge hinzugetreten , den weder ich noch Spitz bemerkt hatten . » Nu , was macht denn mein Prinzeßchen da ? « fragte er in jenen knurrenden , halbzerrissenen Tönen , wie sie aus einem Munde kommen , dem die unzertrennliche Tabakspfeife wie festgemauert zwischen den Zähnen sitzt . » Ach , du bist ' s , Heinz ? « - Vor dem schämte ich mich nicht , er lief selber wie ein Hase vor allem , was nicht ganz geheuer . Freilich , das glaubte keiner , der dies alte , gewaltige Menschenkind sah . Da stand er , Heinz , der Imker1 , auf Sohlen , so massiv und wuchtig , daß sie den Erdboden schüttern machten . Sein Scheitel rührt an Aeste , die für mich himmelhoch hingen , und der breite Rücken verschloß den Ausblick nach der Heide so vollkommen , als habe sich plötzlich eine Granitwand zwischen die Außenwelt und meine kleine Person geschoben . Dieser Riese gab Fersengeld vor dem ersten besten weißen Laken im dämmernden Zwielicht - und das machte mir Vergnügen . Ich erzählte ihm so lange haarsträubende Sagen und Spukgeschichten , bis mich selber eine Gänsehaut überlief , und ich allen Mut verlor , auch nur in den nächsten dunklen Winkel zu sehen - wir fürchteten uns prächtig um die Wette . » Ich zertrete ein Paar Augen , Heinz , « sagte ich und stampfte noch einmal fest auf , so daß die sprühenden Wassertropfen an seinem mißfarbenen Drellrock hängen blieben . » Du , da drin ist ' s nicht richtig - « » Ei beileibe - am hellen Tage ? « » Ach , was fragt denn die Wasserfrau nach dem hellen Tage , wenn sie böse ist ! « - Mit einer wahren Wonne sah ich , wie er halb ungläubig , halb mißtrauisch nach dem rotgefärbten Wasser schielte . - » Wie , du glaubst es nicht , Heinz ? ... Ei , da wollt ' ich doch , sie hätte dich so angesehen , so schlimm - « Jetzt war er überwunden . Er zog die Tabakspfeife aus dem Munde , spuckte heftig aus und richtete in einem lächerlichen Gemisch von Triumph und Besorgnis die zerkaute Pfeifenspitze gegen mich . » Was hab ' ich immer gesagt , he ? « rief er . » Ich thu ' s aber auch nicht wieder - nein , ich thu ' es ganz gewiß nicht wieder ! ... Meinetwegen können die Dinger haufenweise da drin liegen , ich rühre sie nicht wieder an - beileibe nicht ! « - Da hatte ich ja etwas Schönes angerichtet mit meiner Neckerei . Der kleine Fluß , der Wanderbursch , der so einsam durch die Heide lief , war reicher , als so mancher stolze Strom , der an Palästen und Menschengewühl vorüberrauschte - er hatte Perlen in der Tasche ; allerdings in nur geringer Anzahl und bei weitem nicht brillant genug , um ein Königsdiadem oder auch nur einen eleganten Ring zu schmücken . Aber was verstand ich davon ! Ich liebte die kleinen mattglänzenden Dinger , die so rund und beweglich über meine Handfläche liefen . Stundenlang watete ich durch das Wasser und suchte nach Muscheln ; ich brachte sie Heinz , der sich auf das Oeffnen der Schalen verstand - wie er das machte , war sein Geheimnis . Nun aber kündigte er mir kurz und bündig den Dienst , weil er sich steif und fest einbildete , die Wasserfrau werde uns als Spitzbuben den Prozeß machen . » He , Heinz , es war ja nur ein dummer Spaß ! « sagte ich kleinlaut . » Lasse dir doch nichts weis machen ! « - Ich bog mich über das Wasser , das bereits anfing , sich wieder zu glätten . » Da sieh selber - was guckt da herauf ? ... Nichts , weiter gar nichts , als meine zwei eigenen schauderhaften Augen ... Warum sie nur so unmenschlich weit offen sind , Heinz ! Bei Fräulein Streit war es nicht so schlimm und bei Ilse auch nicht . « » Nein , bei Ilse auch nicht , « gab Heinz zu . » Aber Ilse hat scharfe Augen , Prinzeßchen , scharfe ! « Er hatte mir anfänglich mit seiner furchtbaren Faust gedroht , allerdings unter einem gutmütigen Schmunzeln - Heinz konnte nicht böse werden - bei seiner letzten unleugbar weisen und schlagenden Bemerkung aber kniff er wichtig die Lippen zusammen , zog die borstigen Augenbrauen bis unter den Hut und fuhr sich in die Haarbüschel , die strohgelb und dürr von den Schläfen starrten - sie knisterten förmlich in der heißen Abendsonne . Darauf blies er eine mächtige Rauchwolke vor sich hin , zum Entsetzen der spielenden Mückenschwärme , die sich eiligst aus dem Staube machten ; auch daheim die Ilse » mit den scharfen Augen « behauptete stets empört , das sei ein Kraut zum Umbringen - nur ich hielt stand , und wenn ich hundert Jahre erreichen sollte , der übelberufene Duft wird mich zu allen Zeiten sofort in die warme dunkle Ofenecke versetzen , mit dem ganzen Wonnegefühl des heimischen Geborgenseins neben Heinz auf der Holzbank kauernd , während draußen der heulende Schneesturm über die weite Heidefläche braust und ganze Batterien Eissplitter gegen die Fensterläden tosen . Ich sprang zu ihm an das Ufer , und da kam auch gerade Mieke heran und rupfte zutraulich an einigen Quecken , die halbzertreten unter Heinzens Schuhen hervorguckten . » Je , - wie sieht denn die aus ? « lachte er auf . » O , ich bitte mir ' s aus , da wird nicht gelacht ! « schalt ich . Mieke hatte sich prächtig herausstaffiert . Zwischen den weitabstehenden Hörnern hing ihr eine Guirlande von strahlendgelben Ringelrosen und Birkenlaub - ich fand , sie trüge diesen Schmuck so majestätisch und ungezwungen , als sei er mit ihr auf die Welt gekommen - eine Kette aus den dicken Stengelröhren der Hundeblume umschloß ihren Hals , und selbst an der Schwanzspitze baumelte ein Heidesträußchen ; es kollerte lustig über den tonnenförmigen Leib herab , sobald Mieke den Wedel hob und nach den Stechmücken auf ihrem Rücken schlug . » Sie sieht sehr feierlich aus - aber das verstehst du nicht , « sagte ich . » Nun paß auf und rate , Heinz : Mieke hat sich geputzt , und auf dem Dierkhofe ist heute Kuchen gebacken worden - also was ist los ? « Aber da hatte ich an seine allerschwächste Seite appelliert ; raten war nicht Freund Heinzens Sache . In solchen Momenten stand er hilfsbedürftig und bänglich vor mir , wie ein zweijähriges Kind - auch in diese Situation brachte ich ihn um alles gern . » Schlaukopf , du willst mir nur nicht gratulieren ! « lachte ich . » Aber das wird dir nicht geschenkt ! ... Lieber , allerbester Heinz , heute ist mein Geburtstag ! « Da flog es wie Freude und Rührung über das gute , dicke Gesicht ; er hielt mir die ungeschlachte Hand hin , in die ich herzlich einschlug . » Und wie alt ist denn meine Prinzessin geworden ? « fragte er mit konsequenter Umgehung jedweder Glückwunschrede . Ich lachte ihn aus . » Weißt du das wieder nicht ? ... Merk auf : Was folgt auf sechzehn ? « » Siebzehn - was ? Siebzehn Jahre ? ... Ist nicht wahr - solch ein kleines Kind ! - Ist ja nicht wahr ! « - Er hob protestierend beide Hände . Dieser tiefe Unglaube empörte mich . Allein mein alter Freund , der es sich bis zu seinem zwanzigsten Jahre hatte angelegen sein lassen , mit der himmelstürmenden Tanne um die Wette zu wachsen , er war nicht so ganz im Unrecht ... Seit bereits drei Jahren reichte mein Ohr genau so hoch , daß es Heinzens starkes Herz pulsieren hören konnte - nicht um eine Linie höher war es in dieser langen Zeit gerückt . Ich war und blieb ein kleines Wesen , das sich gezwungen sah , auf Kinderfüßen durch das Leben zu huschen ; und das nahm mir , nach Heinzens Begriffen von einem normalen Menschenkind , offenbar auch die Berechtigung , mit jedem Jahre älter zu werden . Trotz allem dem zankte ich ihn tüchtig aus ; aber diesmal half er sich als Politikus - er wechselte das Thema . Statt aller Antwort zeigte er mit dem Daumen über die Schulter zurück und sagte schmunzelnd : » Da drüben gibt ' s einen Extra-Geburtstagsspaß , Prinzeßchen - sie graben den alten König aus ! « Mit einem Sprunge stand ich außerhalb des Gebüsches . Ich mußte beide Hände schützend über die Augen halten , so überwältigend flimmerten und brannten die roten Abendgluten . Drüben hinter der fernen Waldlinie schossen sie spießartig durch dünne Dunst- und Wolkenschichten - dort umritten die alten Recken der Vorzeit die weite Heide und rührten mit den funkelnden Speeren an den Himmel . Noch blühte die Erika nicht - glatt , wie über einen Tisch , breitete sich die grünlichbraune Pflanzendecke hin ; nur fünfmal hob und senkte sie sich in jäher Anschwellung über fünf Hünenbetten , über ein großes und vier kleinere . Sie deckten Riesenleiber , wie der Volksmund sagte , ein verschollenes Geschlecht , unter dessen Schritt einst die Erde seufzte , und das mit mächtiger Faust Felsblöcke wie Kiesel umwarf . Auf dem Rücken des großen Hügels hatte sich Wacholdergebüsch eingenistet , und an den Flanken herab stand gelbblühender Ginster . Ob ein Vogel das Samenkorn hierhergetragen , oder ob Menschenhand die einsame alte Föhre gepflanzt hatte , genug , sie stand da , seitwärts auf dem Grat des Hügels , dünn benadelt und windzerzaust , und im Wachstum unterdrückt durch die Schneelasten des Winters ; aber doch stolz als einziger , unbeschützter Baum inmitten der weiten Ebene , der mit jedem Sturm um sein Leben ringen mußte . » Da liegt der alte König begraben ; denn der Baum steht da , und es blühen gelbe Blumen - das haben die anderen nicht , « sagte ich als Kind zu Heinz , wenn wir auf dem Hügel saßen . Und ich wußte , da , wo der Baum stand , lag das gewaltige Königshaupt mit dem Goldreifen über der Stirne , und der lange , lange Weißbart fiel auf die Purpurdecke , die sie über seine Glieder gebreitet hatten . Die tiefste Einsamkeit webte um das schlafende Geheimnis , aber die Vögel , die vom Walde herüberkamen und auf dem Wipfel der Föhre rasteten , die um Ginster und Heide taumelnden , blauglänzenden Schmetterlinge und die summenden Bienen , sie alle waren meine Mitwisser . Und still atmend , die Hände unter dem Kopf verschränkt , lag ich im Gebüsch und sah die Ameisen in die Erdlöcher schlüpfen und wieder hervorkommen - sie wußten noch mehr als wir anderen , sie hatten alles drin gesehen und waren wohl gar über die Purpurdecke gelaufen . Ich beneidete sie und fühlte heftige Sehnsucht nach den verborgenen Wundern . Bis zu dieser Stunde war der große Hügel mein Garten , mein Wald , mein unbestrittenes Eigentum gewesen . Der Dierkhof , meine Heimat , lag mutterseelenallein in der Heide ; ein selten betretener Weg , der sie mit der Außenwelt verband , lief vom Walde her und ließ die Hünengräber weit abseits liegen - nie , solange ich denken konnte , war ein fremder Menschenfuß in ihr Bereich getreten ... Nun stand auf einmal dort ein Trupp unbekannter Leute ; sie rissen große Erdbrocken aus dem Leibe des Hügels . Ich sah die hochgeschwungene Hacke - wie ein feiner , schwarzer Strich hob sie sich vom flammenden Himmel ab , und so oft sie niedersank , war es mir , als schneide sie in das lebendige Fleisch eines geliebten Körpers . Ohne Besinnen lief ich querfeldein , erfüllt von unsäglichem Mitleiden , aber auch getrieben von dem brennenden Verlangen , zu sehen , was dort an das Tageslicht treten würde . Spitz lief kläffend neben mir her , und als ich atemlos an Ort und Stelle Halt machte , da trabte auch Heinz in seinem Siebenmeilenschritt heran . Jetzt erst überkam mich das Gefühl der Scheu , jener kindische Schrecken , den mir ein fremdes Gesicht stets einflößte . Ich wich zurück und griff beklommen nach Heinzens Rockzipfel - das gab mir wenigstens einigermaßen das Bewußtsein von Halt und Schutz . 2 Am Hügel standen drei Herren in schweigender Erwartung , während mehrere Arbeiter gruben und schaufelten . Auf den greulichen Lärm hin , den Spitz machte , wandten sich die Fremden einen Augenblick nach uns um , und einer , anscheinend der jüngste unter ihnen , hob den Stock gegen das Tier , als es Miene machte , ihm näher zu kommen . Dann ließ er seine Augen kalt musternd über Heinz und mich hingleiten und kehrte uns wieder den Rücken . Es war unter der Föhre eingeschlagen worden . Das herausgerissene Ginstergebüsch lag weithin zerstreut ; da , wo es gestanden , klaffte eine weite Oeffnung , und oben aus dem Bruch , aus dem elenden Gemisch von Lehm und gelblichem Sande , hingen dicke Wurzeln , Ausläufer der Föhre herab - sie zeigten das weiße Fleisch , die Hacke hatte sie unbarmherzig zerschnitten . » Da wären wir auf dem Stein , « sagte einer der Herren , als die Werkzeuge klirrend aufschlugen . Man räumte die letzten Erdschollen hinweg , und es wurde ein mächtiger , roher Felsblock sichtbar . Die Herren traten seitwärts , indes die Arbeiter sich anschickten , den Stein wegzuwälzen . Heinz aber rückte gespannt näher ; die Männer machten ihm die Sache offenbar nicht praktisch und handlich genug . Das rechte Bein weit vorgestreckt , hob und senkte er in stillschweigender Mitwirkung die geballten Fäuste , und die Tabakspfeife feierte mittlerweile auch nicht - ich sah plötzlich die Köpfe der Fremden nur noch durch einen bläulichen Nebel . Das aber machte einen Effekt , einen Effekt , den Ilse hätte sehen müssen . Der junge Herr , hinter welchem mein guter Freund stand , fuhr herum , als habe er unversehens einen Schlag erhalten . Er maß den unglücklichen Raucher mit einem langen , vernichtenden Blicke und fuhr voll Abscheu mit seinem seidenen Taschentuch durch die Luft , um die Rauchwolken zu zerstreuen . Heinz nahm wortlos das Corpus delicti aus dem Munde und ließ es schlaff an der Seite niedersinken - er war über die Maßen verblüfft . Einen solchen Eindruck hatte sein Tabak doch noch nicht gemacht . Mich aber hatte das Benehmen des Fremden tief erschreckt und eingeschüchtert ; ich schämte mich und hob eben den Fuß , um das Weite zu suchen , als der Stein aus dem Gefüge wich und unter dumpfem Gepolter einige Schritte vorwärts gerollt wurde . Das fesselte mich sofort wieder an den Boden . Im ersten Augenblick konnte ich nichts sehen , denn die Herren umdrängten die Oeffnung ; aber ich wollte auch plötzlich gar nicht mehr . Das Blut stieg mir beängstigend nach den Schläfen , und unwillkürlich wandte ich die Augen weg , denn ich meinte , jetzt müsse etwas Ueberwältigendes kommen . » Potztausend - das wär ' s ? « rief Heinz mit dem Ausdruck überwältigender Ueberraschung . Ich sah hinüber - und da war es mir für einen Moment , als seien alle Farben und Lichter der Heide erloschen , als falteten alle blauglänzenden Schmetterlinge die Flügel und sänken zusammen - und die funkelnden Speere am Horizont , wo waren sie hin ? Dort ging nur noch die Sonne unter ... Im Hügel lag nicht der greise König mit dem lang herabfließenden Silberbart , die Riesenglieder unter die Purpurdecke gebettet - eine dunkle , leere Höhle gähnte mich an . Die Fremden schienen dies Ergebnis ganz in der Ordnung zu finden . Einer , der eine Brille trug und auf dem Rücken eine lange Blechbüchse hängen hatte , kroch in die Oeffnung , und der junge Herr folgte ihm , während der dritte , ein großer , schlanker Mann , die innere Fläche des fortgewälzten Granitblockes untersuchte . Sein Gesicht konnte ich nicht sehen , er wandte mir den Rücken ; aber ich hielt ihn für alt ; denn er hatte langsame Bewegungen und der schmale Streifen kurz verschnittenen Haares , der unter dem braunen Hut hervorsah , war entschieden grau . » Der Stein ist bearbeitet , « sagte er , indem seine Hand leicht über die Fläche glitt . » Die anderen Träger auch ! « rief eine Stimme aus dem Hügel . » Und welch einen riesigen Deckstein haben wir über uns ! Ein wahres Prachtstück von einem erratischen Block ! « Der junge Herr erschien wieder in der Oeffnung . Er mußte sich tief bücken , und dabei entfiel ihm der Hut . Bis dahin hatte ich wenige Männer gesehen - außer Heinz , dem alten Pfarrer des nächsten , ziemlich zwei Stunden entfernten Dorfes und einigen dort ansässigen grobknochigen und wortkargen Hofbesitzern war mir nur hier und da ein schmutziger Besenbinderjunge über den Weg gelaufen . Ich hatte mithin keine Gelegenheit gehabt , mich mit dem Begriff von Männerschönheit zu beschäftigen . Aber auf dem Dierkhofe hing ein Bild Karls des Großen ; an das mußte ich denken , als die unbedeckte Stirne dort aus der schwarzen Höhle auftauchte ; wie ein breiter , weißer , fleckenloser Schild glänzte sie unter den aufbäumenden kastanienfarbenen Haarmassen , die mit einem energischen Emporwerfen des Kopfes zurückgeschüttelt wurden . Der junge Mann hielt ein großes Thongefäß von gelblichgrauer Farbe in den Händen . » Vorsicht , Herr Claudius ! « mahnte der Herr mit der Brille , der ihm folgte und selbst verschiedene fremdartige Gerätschaften in der Linken trug . » Im ersten Augenblick sind diese Urnen sehr zerbrechlich ; sie erhärten aber schnell an der Luft - « Dazu kam es nicht . In demselben Moment , wo die Urne auf den Granitblock gestellt wurde , zerbarst sie ; eine Wolke von Asche stiebte auf und halb verkohlte menschliche Gebeine flogen und rollten nach allen Seiten hin . Der Brillenträger stieß einen Laut des Bedauerns aus . Er ergriff mit der zart zugespitzten Rechten behutsam eine der Scherben , schob die Brille auf die Stirne und besah die Thonmasse an dem frischen Bruch . » Ah bah , der Schaden ist nicht groß , Herr Professor ! « sagte der junge Mann . » Da drin stehen noch mindestens sechs Stück , und die Dinger gleichen sich wie ein Ei dem anderen . « Der Professor verzog das Gesicht , als habe er Essig geschluckt . » Ei , ei , das klingt ja recht - laienhaft ! « meinte er scharf . Der andere lachte auf , und das war ein wunderschönes Lachen . Es klang hell und übermütig und doch so wohlthuend beherrscht . Er schien es übrigens sofort zu bereuen , sein Gesicht wurde sehr ernst . » Ich bin ja auch nur ein Laie , wenn auch ein passionierter , « entschuldigte er sich . » Deshalb müssen Sie schon Gnade für Recht ergehen lassen , wenn der Neuling hier und da die strengen Zügel der Wissenschaft verliert und ein wenig querfeldein galoppiert ... Mir lag hauptsächlich daran , mich über den inneren Bau dieser Grabdenkmäler zu informieren , und - ah , wie prächtig ! « unterbrach er sich und nahm eins der seltsamen Geräte , die der Professor mittlerweile auf dem Steine ausgebreitet hatte . Der gelehrte Herr hörte augenscheinlich die Entschuldigung des jungen Mannes gar nicht . In tiefes , man hätte sagen können peinliches Nachdenken versunken , hielt er einen kleinen Gegenstand prüfend bald gegen das Licht , bald dicht unter die Augen . » Hm , hm , eine Art Filigranarbeit von Silber ! Hm , hm , « murmelte er vor sich hin . » Silber in einem vorgeschichtlichen germanischen Grabhügel , Herr Professor ? « fragte der junge Mann nicht ohne spöttische Betonung . » Sehen Sie hier dies köstliche Bronzestück ! « Es war ein Dolch oder ein Messer , was er ergriffen hatte . Er hob und senkte wie zum raschen Stoß die Waffe , dann wog er sie lächelnd auf den Fingerspitzen . » Einer Germanenfaust hätte dies zierliche Ding da sicher nicht genügt - sie hätte es im ersten Augenblick zerdrückt , « sagte er . » Und ebensowenig hat sie den zarten Silberschmuck geschaffen , den Sie da in der Hand halten , Herr Professor ... Schließlich behält Doktor von Sassen doch recht , wenn er diese sogenannten Hünengräber als Begräbnisstätten phönizischer Anführer bezeichnet . « » Doktor von Sassen ! « Wie mich ' s durchfuhr bei diesem Namen ! Hatte der Sprecher dort nicht mit dem Finger auf mich gezeigt ? Und richteten sich nicht sofort aller Augen auf meine arme , kleine erschrockene Person ? ... Alle diese Augen ! Ich hätte mich in die Erde verkriechen mögen ! ... Ach , welcher Kindskopf war und blieb ich doch ! Man kümmerte sich so wenig um mich , wie vorher auch - ich wollte aufatmen ; aber o weh , an ihn hatte ich nicht gedacht ! Dort stand er , Monsieur Heinz , der Pfiffikus , nickte mir mit überaus schlauer Miene zu und schrie hinter der hohlen Hand : » He , Prinzeßchen , die Leute sprechen von - « » Still , Heinz ! « fuhr ich ihn an - zum erstenmal in meinem Leben , und zum erstenmal auch trat ich heftig mit dem Fuße auf . Er sah mich einen Moment wie versteinert an , dann wandte er scheu die Augen nach der anderen Seite . Die Arbeiter aber waren aufmerksam geworden ; sie schienen jetzt erst zu finden , daß der Gegenstand da hinter ihnen nicht ein Dornbusch oder dergleichen , sondern ein kleines furchtsames Mädchen war . Sie starrten mich mit einer Art von lächelnder Neugier unverwandt an : ich wäre am liebsten auf und davon gelaufen ; allein es hielt mich etwas unwiderstehlich fest , und ich war damals der unumstößlichen Ueberzeugung , es sei einzig und allein der Wunsch , noch etwas über