François , Louise von Die letzte Reckenburgerin www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Louise von François Die letzte Reckenburgerin Einführung Es war etwa zwei Jahre nach der Schlacht von Waterloo , als in einem niederländischen Grenzstädtchen armen Eltern eine Tochter geboren wurde . Die kleine , fremde Stadt ist nicht der Schauplatz unserer Geschichte , und die kleinen , fremden Leute sind nicht deren Helden . Das alltägliche Ereignis aber sollte gleichsam den Angelpunkt bilden , um welchen dieselbe rückwärts und vorwärts sich bewegen wird . Denn wäre jenes Kindlein nicht geboren , oder wäre es nicht in der Fremde und in Dürftigkeit geboren worden , so würde die weite Welt von unserer wirklichen Heldin schwerlich etwas Näheres erfahren , und wir würden ihr nicht deren Geheimnisse zu offenbaren haben . Der Vater des Kindes war noch jung , vielleicht kaum großjährig . Dazu ein Mann von auffälliger , sagen wir ritterlicher Kraft und Schöne der Gestalt , wenngleich das sturmvolle Leben des Feldlagers in den frühverwüsteten , narbigen Zügen zu lesen stand , und wenngleich der Verlust eines Armes ihn zum Krüppel machte . Er war als unbärtiger Forstlehrling der Schar des Braunschweig-Öls in Sachsen zugelaufen , hatte die heldenmütigen Fahrten und Taten dieses Korps unter britischer Fahne auf der Halbinsel wie später in den Niederlanden geteilt , bis er , bei la Haye sainte schwer verwundet und eines Gliedes beraubt , als Wachtmeister verabschiedet worden war . » Prinz Gustel « hatten die Kameraden der Legion den stattlichen , flotten Sachsen tituliert ; er selber nannte sich bescheidentlich August Müller . Die Mutter mochte leicht eine Mandel Jahre mehr zählen als ihr Gespons , und es liegt , zu unserer Befriedigung , uns nicht ob , über die vergangenen Tage der » schwarzen Lisette « gewissenhaft Buch zu führen . Genug , daß sie als Marketenderin , zuletzt bei der Legion , gedient , daß sie ihren August nach seiner Verwundung getreulich verpflegt hat , daß sie sein rechtmäßiges Weib geworden und jetzt emsig bemüht ist , den armseligen Haushalt durch langentwöhnte Handarbeit zu fristen . Die späte Wiege schien eine unberechnete Gerätschaft in ihrem Mahlschatz gewesen zu sein . Jedenfalls hatte die Kampfesstunde , welche einem Menschen das Leben gibt , das wetterbraune , hartgliederige Weib schwerer mitgenommen als zwanzig Kampfesjahre , in welchen sie Tausende das ihre verenden sah . Die Finger zitterten und der Schweiß tropfte von ihrer Stirn , als sie jetzt , bei eintretender Dämmerung , die feinen Lederzwickelchen noch aneinanderpaßte , die sich , sobald der Morgen graute , in zierliche Handschuhe verwandeln sollten . Sie seufzte , wenn sie von Zeit zu Zeit einen schüchternen Blick auf das schwächliche Wesen fallen ließ , das seit drei Tagen , fast ohne zu erwachen , an ihrer Seite kaum merkbar atmete . Noch weit unbehaglicher indessen schien dem jungen Invaliden dieser häusliche Zustand vorzukommen . Er schritt in der halbdunklen , niedrigen Kammer auf und ab gleich einem eingefangenen Hirsch , der sich das Geweih abzustoßen fürchtet , riß dann , schwer atmend , das Fensterschößchen auf und schlug es unwirsch wieder zu , als er die Frau ängstlich das Kind gegen den Luftzug bedecken sah . Endlich aber rannte er , ein Donnerwetter brummend , aus der Tür , durch welche wir ihn nach einer Weile , eine Weinflasche in der Hand und in gemütlicherer Laune , zurückkehren sehen . » Leg das Zeug beiseite und tu einen Zug , Lisette ! « rief er der Wöchnerin entgegen . » Du bists gewöhnt , und es tut dir not , armes Weib . « Frau Lisette schüttelte bedenklich den Kopf , seufzte und fragte mit tiefer , zurzeit merkbar angegriffener Stimme : » Und die Zahlung , August ? Wieder geknöchelt gestern nacht ? Wieder gekärtelt ? Mann , Mann ! « » Ei ! seit wann hältst du denn Knöcheln und Kärteln für eine Sünde , altes Haus ! « entgegnete lachend der Invalide . » Trink und schneide kein Gesicht ! Kann ich Holz hacken mit meinem Stumpf ? Soll ich die Orgel umhängen und vor den Türen dudeln , he ? Schmählich genug , daß eine , die so tapfer dem Kalbsfell gefolgt ist , elende Ziegenfellchen zusammenstoppeln muß . Aber laß das Gestöhn ! Greinen , wenn man unterm Kanonendonner gelacht ! Einen Schluck und herzhaft dreingeschaut wie sonst . Es kann ja nicht ewig Frieden bleiben . Wie lange wirds dauern , ist der Napoleon retour , und dann - - « Er verstand den kläglichen Blick , mit welchem die Marketenderin seine Rede unterbrach , fuhr aber nach kurzem Besinnen in munterster Laune also fort : » Man braucht nur einen Arm , um dreinzuhaun , Lisette . Ich habe ihrer mit der Linken losfeuern sehen , und mir ist die Rechte geblieben , die Mannesfaust . Nur erst den Napoleon retour , das Zelt aufgeschlagen , ein Pferd unter den Leib , und Stumpf und Kindsbett - bah ! wer denkt noch an die ? Pack die Lappalien zusammen und laß uns eins schwatzen . Sei wieder meine alte , brave , lustige Schwarze ! « » Du hast recht , August ; laß uns eins schwatzen , « versetzte die Frau nach einer Pause mit einem herzhaften Entschluß , indem sie erst ihr Nähzeug sorgsam verpackte , dann die Flasche entkorkte , einschenkte und nach einem kräftigen Zug das Glas dem Invaliden reichte . - » Bleib einmal heut abend bei mir zu Hause , Mann . Wir wollen uns Geschichten erzählen , wie sonst im Zelt . Aber keine von den alten , keine , die wir an den Fingern ableiern können , du wie ich . « Der Invalid lachte . » Kurios , just von den Schnurren , die einer an den Fingern ableiern kann , hört und schwatzt er am liebsten , « meinte er . » Nun freilich , freilich , August , so für alle Tage . Nur heut einmal zum Spaß ein Extrastück . Ein noch älteres , Mann . Etwas von vor unserer Fahnenzeit . Ich meine , etwas von der Heimat und den Angehörigen , die wir - « Sie machte eine Pause , in der sie einen ihrer Kehle fremdartigen Ton hinunterpreßte . Dann , nach einem Blick auf das Kind , der etwa wie » armer , verlassener Wurm ! « auszulegen war , fuhr sie fort : » Freilich , bei mir ists eine Weile her . Die Eltern waren tot , Geschwister hatte ich keine , und die Gevattern und Muhmen , wenn sie allenfalls noch lebten , ich würde sie schwerlich wiedererkennen , oder richtiger ausgedrückt , sie würden die Lisette nicht wiedererkennen wollen , die - - Aber du , August , du bist ein junges Blut gegen mich . Wie lange ist es denn her ? Keine zehn Jahre . « » Anno neun , Lisette . Netto acht Jahre . Es war , wie der Herzog - « » Ich weiß das vom Herzog , Freund . Acht Jahre ! In der Zeit wird ein Mensch nicht vergessen , und ein Mann wird nur mit Ehren darauf angesehen . Kehrtest du heute heim , deine Leute würden dich mit Vergnügen aufnehmen , August . « Freund August lachte aus vollem Halse . » Meine Leute ? « fragte er , » der Förster etwa , dem ich aus dem Garne gelaufen bin ? « » Nun , wenn der Förster just auch nicht , so doch die , welche dich vor ihm in Versorgung hatten . « » Der Waisenvater , meinst du ? Der gute Mann war alt ; er wird lange tot sein , Lisette . « » Aber dein leiblicher Vater , Mann ! « » Ei , wie dumm , kluge Lisette ! Nachdem ich eben erst des Waisenvaters erwähnt . Einen leiblichen habe ich nicht gekannt . « » Oder deine Mutter - - « » Ich weiß von keiner Mutter , Frau . « » Von keiner Mutter ? Aber eine Waisenanstalt ist doch kein Findelhaus . Du hattest deine Jahre , mußt dich auf etwas vorher besinnen können . « » Vorher ? Nun ja , auf die alte Muhme im Walde . « » Eine Muhme ! Wie hieß sie , Mann ? « » Sie hieß Justine ! « » Und weiter ? « » Weiter weiß ichs nicht . « » Aber du mußt doch einen Vater gehabt haben . Was war er , wo lebte er , August ? « » Weiß ich alles nicht , altes Fragezeichen . « Die Frau ließ sich durch diesen Ehrentitel nicht irremachen . » Besitzest du denn gar nichts Schriftliches ? « forschte sie nach einigem Besinnen weiter . » Nicht deinen Taufschein , den Totenschein der Eltern und dergleichen ? « » Hast du deine Kirchenzeugnisse eingeholt , als du bei Nacht und Nebel deiner Dienstherrschaft von dannen ranntest ? « gegenfragte spottend der Mann , setzte aber , da er wieder einen Seufzer zu hören glaubte , gutmütig hinzu : » Na , nimms nicht übel , Lisette . Etwas Schriftliches möchtest du ? Ja , da wäre allenfalls der Schein , mit dem mich der Propst aus dem Kloster entlassen hat . « » Auch im Kloster bist du gewesen ? Unter Mönchen , August ? Wohl gar ein Katholischer ? « » Lieber gar , altes Haus ! Die sind nicht Mode im Leipziger Kreis . Die Anstalt hieß nur das Kloster und der Direktor der Propst von päpstlichen Zeiten her . Der alte Zettel hat sich erhalten , weiß selber kaum wie . Sooft ich ihn wegwerfen wollte , sah ich den guten , blassen Mann und seine Tränen , als er mir ihn gab . Wir hatten ihn Vater genannt , und er war uns wie ein Vater gewesen . Da steckt ich den Wisch denn immer wieder ein . « » Zeige mir den Schein , August , « bat die Frau , indem sie sich hastig daran machte , Feuer zu schlagen und die Lampe auf dem Tisch vor ihrem Bette anzuzünden . Als sie damit zustande gekommen , entfaltete sie das Papier , das der Invalid aus seiner Brusttasche hervorgesucht hatte und dessen pulvergeschwärzte , blutige Spuren ein beredtes Zeugnis seiner Jünglingsjahre waren . » Psalm 146 , Vers neun . « » Der Herr behütet die Fremdlinge und Waisen . « August Müller . Eingesegnet und unserer Pflegestätte entlassen am 4. April 1807 . Kloster Laurentii , Ludwig Nordheim . Kreis Leipzig . Propst und Direktor . Frau Lisette hatte diesen knappen Inhalt kopfschüttelnd vor sich hingemurmelt . » Kein Geburtsdatum , « sagte sie nach einer nachdenklichen Pause ; » nicht Name , Stand und Wohnort der Eltern ! War das Kloster eines für eheliche Kinder , August ? « » Für Soldatenwaisen , « antwortete stolz der Mann . » Nur als Lückenbüßer dann und wann ein Bürgerjunge . « » Und du erinnerst dich auch entfernt keines Pflegers oder Vormunds , keiner Ortsbehörde , die dich in die Anstalt gebracht hätte ? « » Hingebracht ? Ei freilich , hingebracht hat mich Fräulein Hardine . « Die Marketenderin zuckte neubelebt auf . » Fräulein Hardine ! « rief sie . » Mann , wer war Fräulein Hardine . « » Ein Frauenzimmer , groß und schwarz wie du , Lisette , « versetzte , von dem Eifer seiner Frau belustigt , der Invalid . » Wenn die alte Beckern recht hat , meine Frau oder Fräulein Mama . « » Und die alte Beckern , wer war die ? « » Die Waschfrau der Anstalt und eine Klatsche . « » Fräulein Hardine ! Ein Fräulein , keine Mamsell ! Eine Adlige sonach . « » Kann sein . Ihr Vater war ein kurfürstlicher Major . « » Sein Name - ? « » Hab ihn niemals nennen hören ; vielleicht auch vergessen . Die Tochter hieß bei allen schlechtweg Fräulein Hardine . « Frau Lisette saß eine Weile in stillen Gedanken , dann rückte sie hervor mit einem kriegslistigen Plan . » Gib mir die Pfeife , daß ich sie dir stopfe , Gustel , « sagte sie munter ; » und da noch ein Glas , das den Kopf aufräumt . Nun aber erzähle mir einmal hübsch im Zusammenhange alles , was du aus deinen Kinderjahren behalten hast . So wenig es sein mag - man kann immer nicht wissen - - und von etwas muß doch einmal geplaudert sein , gelt ? « Ein trockner Text für den Liebhaber der Lagergeschichten , trotz Pfeife und Flasche , die ihn mundrecht machen sollten Indessen er hatte gehört , daß man einem Weibe im Kindbett zu Willen reden müsse , und er war im Grunde ein gutmütiger Gesell . So legte er denn die Hand übers Herz , und während die Frau ihre Ziegenfellchen wieder aufnahm , erzählte er , indem er paffend den engen Raum auf und nieder schritt - mit Auslassung etwelcher Kraftausdrücke , die einer zarten Leserin erspart werden mögen - , wörtlich wie folgt : » Wie gesagt : wann , wo , von wem ich geboren worden , weiß ich nicht . Soweit ich zurückzuschauen vermag , sehe ich eine alte Frau , die ich Muhme nannte und die mich keine Not leiden ließ . In einer Stadt oder in einem Dorfe war es nicht , denn ich habe keine Häuser weiter bemerkt , mit Ausnahme des kleinen , darin die Muhme wohnte . Spielkameraden hatte ich auch nicht , abgerechnet die Karnickel und Eichkatzen im Walde , der hinter dem Hause lag . Mit denen aber bin ich um die Wette gehetzt und geklettert den lieben langen Tag . Und das war mir recht . Die Muhme würde ich vielleicht wiedererkennen , vielleicht auch nicht . Das Haus aber könnte ich noch malen . Es sprang aus einem Dickicht hervor ; Tannen , so hoch , wie ich keine wieder gesehen , und am Giebel war aus Stein ein Hundekopf angebracht und darüber eine Krone von Gold . Die Muhme hieß Justine . So nannte sie wenigstens das Frauenzimmer , das sie wohl Tag für Tag besuchte Vom Schlosse her , wie die Muhme sagte : ich habe aber niemals ein Schloß gesehen . Dieses Frauenzimmer war Fräulein Hardine . Ob sie jung oder alt gewesen ist , kann ich so eigentlich nicht sagen , auch nicht , ob sie es gut oder böse mit mir gemeint . Ich glaube aber , gut zu jener Zeit . Gemacht habe ich mir niemals etwas aus ihr . Gemerkt aber , zum Wiedererkennen gemerkt hätte ich sie mir , glaub ich , nach schon jener Zeit . Es war etwas an ihr , das sich nicht vergißt . Was , das kann ich wieder einmal nicht sagen . Eines Tages saß ich eingesperrt mit Fräulein Hardine in einem engen Kasten , der sich fortbewegte . Item in einer Kutsche . Von Anfang machte ich große Augen , da ich die Bäume am Wege so hurtig an mir vorüberrennen sah . Ich sehe sie noch rennen , Lisette . Bald aber kriegte ich das Ding satt , tobte , schrie und würde über den Kutschenschlag gesprungen und in meinen Wald zurückgelaufen sein , wenn Fräulein Hardine mich nicht an den Ohrlappen festgehalten und so lange dareingekniffen hätte , bis ich endlich vom Heulen müde ward , mich auf die Bank streckte und in Schlaf verfiel . Ich wachte wohl wieder auf und erhob den vorigen Rumor . Fräulein Hardine kriegte mich aber immer wieder bei den Ohren , ich schlief immer wieder ein und kann daher nicht sagen , ob die Fahrt stunden- , tage- , wochenlang gedauert hat , oder wie ich im übrigen an mein Ziel gekommen bin . Von der Zeit ab war ich im Waisenkloster , und schlecht gegangen ist es mir darin beileibe nicht . Der alte Propst war eine Seele von einem Mann ; in Wahrheit ein Waisenvater und mir , wie es schien , ganz absonderlich zugetan . Zu essen gabs reichlich und Fuchtel lange nicht genug für uns wilde Brut . Aber ich hatte kein Sitzefleisch ; mich zogs zurück in den Wald . Ein paarmal nahm ich auch Reißaus , wurde natürlich aber wieder eingefangen , und mag man aus diesem Grunde mich auch späterhin niemals , wie manche von den größeren Jungen , in die Stadt gelassen haben , wenn es daselbst eine Extrabesorgung galt . « » Aber Fräulein Hardine ? « fiel ungeduldig die Zuhörerin ein , als hier der Erzähler eine Pause machte . » Nun , Fräulein Hardine , « fuhr dieser fort , » Fräulein Hardine , die kam denn auch wohl dann und wann auf Besuch zu unserm Propst , schnitt aber regelmäßig ein essigsaures Gesicht , sooft ich ihr vorgeführt ward , räsonierte , weil ich nichts lernen wollte , und schimpfte mich einen Wildling oder dergleichen . Einmal hat sie mir in der Bosheit auch eine ganz gehörige Backpfeife appliziert . « Frau Lisette fuhr auf wie elektrisiert . - » Eine Backpfeife ! « rief sie mit dem Ausdruck höchster Befriedigung ; » eine Backpfeife , August - « » Ganz gewiß nicht unverdient , Lisette ! « » Gezüchtigt mit eigener Hand ! Und das soll nicht seine Mutter gewesen sein ! « » So ? Du hättest also eher deinen eigenen Wurm als einen fremden durchgewichst ? « Die arme Mutter nahm bei dieser Gewissensfrage ziemlich kleinlaut ihr Nähzeug wieder auf . - » Ein adliges Fräulein und unter den Augen der geistlichen Obrigkeit , sie muß doch ein Recht dazu besessen haben , « murmelte sie wohl noch , wurde aber nicht mehr gehört , denn ihr Gespons hatte den Faden bereits wieder aufgegriffen . » So viel steht fest , Lisette , « erklärte er , » hätte Fräulein Hardine mich lebtags mit Streichelfingerchen angefaßt , ich könnte sie vergessen haben . Nun sie sich tätlich an mir vergriffen hat , leibt und lebt sie vor meinen Augen , und würde ich hundert Jahre . Ich war auf diese Weise ein stämmiger Bursche geworden ; kopfhoch größer als sämtliche Kameraden , und in mir rumorte anjetzo nur noch ein einziges Gelüst . Nicht mehr : In den Wald ! wie früherhin . Nein : Ein Pferd unter den Leib und unter die Soldaten ! Ich hatte in meinem Leben die ersten Truppen gesehen . Preußen und Landeskinder waren an dem Kloster vorübergezogen . Nämlich während der Mobilmachung von Anno fünf , wo sie dem Österreicher zu Hilfe wollten . Der Österreicher wurde in der Klemme gelassen , und meine Preußen zogen wieder ab . Aber nächsten Herbst kamen sie retour . Rektamente dem Napoleon auf den Pelz , der bereits auf dem Wege sei , wie es hieß . Da prickelte es mir freilich vom Kopf bis zur Zeh ! Ich hatte aber doch so viel Einsehen , daß sie einen halbwüchsigen , verlaufenen Waisenjungen bei der Armee nicht nehmen würden . Einstweilen spielte ich daher nur Soldat , und es war eine Lust , wie ich die Jungens zusammenwalkte . Ich war der größte und darum von Rechts wegen unser Kurfürst , den ich mir immer nur wie einen Schlagetot vorstellen konnte . Die meisten , aber kleinsten , waren Franzosen und ein Knirps ihr Napoleon . Nun , ich habe ihn gebläut , wie vor zwei Jahren den richtigen Napoleon der alte Marschall Vorwärts und unser iron duke . « » Aber Fräulein Hardine ? « fragte von neuem die erwartungsvolle Hörerin , und der Exwachtmeister antwortete : » Nur Geduld , gleich ist sie wieder da ! Es war am 14. Oktober - solch ein Elendsdatum vergißt sich nicht , Lisette ! - Wir standen zum Morgenbrot im Kreuzgange aufgestellt , als der Propst zu uns trat mit Hut und Stock , zitternd über den ganzen Leib und weiß wie eine Wand . Das erste Blut ist geflossen , sagte er mit bebender Stimme , teures Blut , Heldenblut ! Ihr seid Soldatensöhne , meine Kinder . Eilt in den Wald , pflückt das letzte Eichenlaub und bindet einen Kranz auf das Grab eines tapferen Herrn , der , allen voran , im Kampfe für das Vaterland gefallen ist . Darauf , an mich herantretend , setzte er leise hinzu : Es ist der Vater von Fräulein Hardine , den man gestern als Leiche in ihr Haus gebracht hat . Dort erwarte ich dich , August , mit dem Kranze . Die Waschfrau Becker ( sie versah nämlich nebenbei den Botendienst nach der Stadt ) begleitet dich und zeigt dir das Haus . Damit ging er . Wir Jungen rannten in den Wald . Ich war zu oberst auf den Bäumen und warf die Zweige herab , die unten um einen Faßreif gebunden wurden . Es war ein Stück , daß eine Kuh sich daran hätte satt fressen können , Lisette . Kaum eine Stunde , und ich trabte neben der alten Beckern auf dem Wege nach der Stadt . « » Wenn die Botenfrau sowieso nach der Stadt ging , « fiel hier Frau Lisette , höchlichst gespannt , dem Redner ins Wort , » warum mußtest du sie begleiten , August ? du den Kranz zu Fräulein Hardine tragen ? von allen just du ? Mann , Mann , das war eine Finte ! « » Du kommst auf die Sprünge der alten Klosterklatsche Lisette , « versetzte der Invalid , der allmählich Feuer und Flamme über seiner Erzählung geworden war . » Aber höre nur weiter . Auf dem Wege hatte ich meinen Heidenärger mit dem dummen Weib . Es wäre im Oberlande eine Schlacht geschlagen worden , behauptete sie , die nämliche , in welcher Fräulein Hardines Vater gefallen sei , und der Franzose hätte obtiniert . Das konnte und wollte ich nicht glauben . Ich schimpfte die Alte ein Schandmaul , und würde sie handgreiflich zur Ruhe gebracht haben , wenn , na , wenn sie nicht eben ein Weib und obendrein ein altes Weib gewesen wäre . Die aber blieb baumfest bei ihrem Satz und in der Angst vor dem grausamen Bohnebart . Sie zitterte wie ein dürres Laub , sooft ihr der Name über die Lippen lief . Es war nicht anders , als ob der Bohnebart expreß ins Land gekommen sei , um der alten Beckern auf den Leib zu gehen . So in Gift und Galle kamen wir in die Stadt . Ich hatte noch nie eine gesehen und mir eine Stadt weit anders vorgestellt . Nur hoch oben das große Schloß , wie es allmählich aus dem Nebel hervortrat , das gefiel mir . Da möchte ich wohnen , sagte ich , und die Beckern schmunzelte geheimnisvoll : Nu , wer weiß , Gustel , ob du nicht noch eines Tages in einem Prinzenschlosse logieren tust . Der Bohnebart ist auch nur ein armer Junge gewesen wie du und am Ende ein Kaiser geworden . - Und so ein Knirps ! sagte ich verächtlich . Bei den Worten kamen wir auf den Markt . Die Alte wies auf ein Haus und sprach : Da wohnen die Majors . Das Haus , wiewohl ich es nur das eine Mal und seitdem viel tausend andere gesehen habe , das Haus könnte ich noch malen . Es glich einem Mops , dem einer eine Zipfelmütze aufgebunden hat . Die Beckern setzte sich neben dem Torweg auf eine Bank , allwo sie mich zurückerwarten wollte , und ich ging mit meinem Kranze hinein . Im Torwege kam mir auch schon der Propst entgegen , nahm mich bei der Hand und führte mich in eine Stube auf die rechte Seite . Die Fenster waren zugehängt , und ich mußte mich erst an das Dämmerlicht gewöhnen . Ich unterschied aber doch irgendein menschliches Wesen , das mit ausgebreiteten Armen nahe der Tür gestanden hatte und , auf einen Wink des Propstes , hastig in die Hölle - so heißt bei uns zulande der tiefe Ofenwinkel - huschte . Ich spitzte die Ohren . Mir war , als hätte ich einen ächzen oder schluchzen gehört . « » Fräulein Hardine ! « rief Frau Lisette in atemloser Spannung . Der Erzähler aber entgegnete : » Behüte ! Fräulein Hardine war keine von der Art , die ächzt und schluchzt . Die stand aufrecht und ernsthaft , schwarz vom Kopf zur Zeh , in der Kammer vor der Leiche des Majors , zu welcher der Propst mich unverweilt führte . Es war der erste Tote , den ich zu sehen kriegte , und ich kann dir gar nicht beschreiben , Lisette , wie er mir gefiel . So hatte mir noch nie ein Lebender gefallen . Er ruhte wie im Schlafe , die Rechte ingrimmig geballt ; sie mochten ihr den Säbel , der neben der hohen Ungarmütze an seiner Seite lag , mit Gewalt entrissen haben . Und dann das Ordensband , der blaue Husarenpelz mit silbernen Schnüren und dem kleinen Brandmal , durch welches die Kugel in das Herz gedrungen war . Ich betastete Stück für Stück . Ich konnte mich nicht satt sehen , bohrte mit dem Finger nach der Wunde , ob die Kugel noch zu spüren sei ; ich drückte eine kalte Hand nach der anderen und würde nicht von der Stelle gewichen sein , wenn mich der Propst nicht mit Gewalt in die Stube zurückgezogen hätte . Dort hielt er mir nun eine feierliche Rede , von der ich aber nichts weiter gehört oder gemerkt habe , als daß er den Mann selig pries , der als ein Held für das Vaterland gestorben sei . - Ich will auch für das Vaterland sterben ! platzte ich heraus , und bei den Worten trat Fräulein Hardine , die , ohne daß ichs gemerkt , am Fenster Platz genommen hatte , rasch auf mich zu und drückte mir die Hand , als ob sie sagen wollte : - brav , Junge , bleibe bei diesem Satz ! - Gesprochen aber hat sie an diesem Morgen kein Sterbenswort , und ich habe auch nicht weiter auf sie achtgegeben , sondern unverwendet nach der Hölle gestarrt . Denn während meiner Rede war von dorther ein Schrei gedrungen , der mir durchs Herz ging wie ein Brand . Ich konnte aber nichts weiter unterscheiden als eine kleine , weiße , in sich gekrümmte Gestalt , die ihren Kopf hinter einem Schnupftuch verborgen hielt . Auch trat jetzt der Propst von ungefähr zwischen mich und die Hölle , so daß ich nur noch des guten Mannes schwarzen Rock und weiße Perücke erblickte , wenn ich hinter den Ofen zu lugen suchte . Du bist nun fast ein Erwachsener , August , so setzte der Propst , zu mir gewendet , seine Ansprache fort . Kommende Ostern wirst du konfirmiert und mußt dich für einen Lebensberuf entscheiden . Was willst du werden , mein Sohn ? - Soldat ! rief ich ohne Besinnen . Und wieder drang es , aber diesmal wie ein Wimmern , aus der Hölle . « » Es wird die Mutter von Fräulein Hardine gewesen sein , « rief in atemloser Spannung Frau Lisette . Der Erzähler aber entgegnete : » Ob Fräulein Hardine dazumal noch eine Mutter gehabt hat , weiß ich nicht . Das aber weiß ich , daß es nicht die Stimme einer alten Frau gewesen ist , die da hinter dem Ofen jammerte . Weit eher die eines kleinen , bekümmerten Kindes . Aber höre nur weiter , Lisette . Du bist zum Soldaten noch zu jung , August , sagte der Propst . Auch muß das Schicksal unseres Vaterlandes erst entschieden sein . Möchtest du für den Napoleon kämpfen , wie die Deutschen draußen im Reich ? - Nein ! antwortete ich , aber überall gegen ihn . - Und zum zweitenmal drückte mir Fräulein Hardine stumm die Hand . Die Zeit kann kommen , mein Sohn , versetzte der Propst . Für den Augenblick gilt es zu warten . Erhalten wir Frieden und bleibt alles beim alten , darfst du nimmer an den Soldaten denken , du bist nicht von dem Stande , um Offizier zu werden , und als Gemeiner ertrügst dus nicht bei deiner Sinnesart . Die laufen noch Spießruten . Möchtest du dich peitschen lassen , August ? Ich ballte statt aller Antwort nur die Faust . Der Propst fuhr fort : Du hast dich immer in den Wald zurückgesehnt . Wie wärs mit einem Jägersmann , mein Sohn ? - Nun gut , wenn nicht Soldat , so will ich Jäger werden und schießen lernen , sagte ich . Was der Propst noch weiter in mich hineingepredigt hat , weiß ich nicht . Ich dachte an den toten Major und blinzelte nach dem jammernden Kinde in der Hölle . Da war ich denn quasi verdutzt und wußte gar nicht , wie mir geschah , als ich mich plötzlich beim Arme gefaßt und nach der Tür geschoben fühlte . Vom Propste nämlich . Schon hat er die Tür aufgeklinkt und ich stehe auf der Schwelle , da höre ich etwas hinter mir , als wenn ein Vogel flattert . Rasch wende ich mich um und sehe - ja was denn nun eigentlich ? Es war ja nur ein einziger Blick und einer aus dem hellen Flur in das halbdunkle Zimmer . Ich sehe also mit ausgespreizten Armen eine Gestalt ,