Marlitt , Eugenie Das Geheimnis der alten Mamsell www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Eugenie Marlitt Das Geheimnis der alten Mamsell 1 Na , jetzt sag mir nur um Gotteswillen , wo willst du eigentlich hin , Hellwig ? « » Direkt nach X. , wenn du erlaubst ! « klang es halb trotzig , halb spöttisch zurück . » Aber dahin geht es doch in seinem ganzen Leben nicht über eine Anhöhe ! ... Du bist nicht gescheit , Hellwig ... Heda , ich will aussteigen ! Ich habe durchaus keine Lust , mich umwerfen zu lassen und meine heilen Knochen einzubüßen - wirst du wohl halten ? « » Umwerfen ? Ich ? ... I , das wäre doch das erste Mal in meinem Leben « - wollte er vermutlich sagen , aber ein entsetzlicher Krach erfolgte , und mit demselben verstummten die Lippen des Sprechenden wie die eines Toten . Das Schnauben und Stampfen eines Pferdes wurde für einen Augenblick hörbar ; dann stand das Tier auf seinen vier Hufen und jagte wie rasend querfeldein . » Na , da haben wir die Bescherung ! « brummte endlich der erste Sprecher , indem er sich auf dem nassen , frisch gepflügten Ackerfelde aufsetzte . » He , Hellwig , Böhm , seid ihr noch am Leben ? « » Ja , « rief Hellwig nicht weit von ihm und tastete suchend auf den triefenden Erdschollen nach seiner Perücke . Alles Selbstvertrauen , aller Spott waren wie weggeblasen von dieser schwachen Stimme . Auch das dritte Opfer versuchte es zunächst mit einer Bewegung auf allen vieren , wobei es entsetzlich fluchte und stöhnte ; denn seine gewaltige Korpulenz fühlte sich unwiderstehlich zur Mutter Erde hingezogen . Endlich war die edle Stellung , die den Menschen als die bevorzugteste Kreatur in Gottes weiter Schöpfung kennzeichnet , wiedergewonnen ; die drei Gefallenen standen auf ihren Füßen und besannen sich , was eigentlich geschehen sei , und was nun geschehen müsse . Fürs erste lag die kleine Chaise , in welcher die drei Herren heute morgen ihr Vaterstädtchen X. verlassen hatten , um zu jagen , umgestürzt neben der unglückseligen Anhöhe und zeigte dem Himmel ihre vier Räder , wie die drei tastend bemerkten ; der Hufschlag des entfliehenden Rappen war längst verhallt , und eine stockfinstere Nacht bedeckte die traurigen Folgen des Hellwigschen Selbstvertrauens . » Na , hier übernachten können wir nicht - das steht fest . Machen wir , daß wir fortkommen ! « mahnte endlich Hellwig mit ermutigter Stimme . » Ja , nun kommandiere auch noch ! « grollte der Dicke , indem er sich heimlich überzeugte , daß nicht eine seiner Rippen , sondern die Scherben seines schönen Pfeifenkopfes das beängstigende , knirschende Geräusch an seiner Herzwand verursachten . » Kommandiere auch noch , das steht dir gut an , nachdem du um ein Haar in deinem schandbaren Leichtsinn zwei Familienväter gemordet hättest ... Uebernachten will ich freilich nicht in dieser Löwengrube ; aber nun siehe du auch , wie du Rat schaffst ... Nicht zehn Pferde bringen mich ohne Licht von dieser Stelle ! Ich versinke zwar im Ackerschlamme , und von da drüben her kommt eine Luft , die mir für ein halbes Jahr meinen Rheumatismus in die Knochen jagt - da drein ergebe ich mich , du magst es verantworten , Hellwig ! Aber ich werde nicht so verrückt sein , mir mutwillig in den tausend Löchern und Gräben , die diese gesegnete Gegend aufzuweisen hat , Arme und Beine zu brechen oder die Augen einzuschlagen . « » Sei kein Narr , Doktor , « sagte der dritte . » Du kannst nicht wie ein Meilenzeiger abwechselnd auf einem Beine hier stehen und abwarten , bis Hellwig und ich in die Stadt tappen und Hilfe holen . Ich hatte längst gemerkt , daß dieser ausgezeichnete Rosselenker zu viel nach links fuhr . Wir gehen jetzt schnurstracks über den Acker nach rechts und kommen an den Fahrweg , dafür stehe ich ein . Und nun komm und mache keine Flausen ; denk an Weib und Kind , die vielleicht jetzt schon jammern und schreien , weil du bei der Abendsuppe fehlst . « Der Dicke brummte etwas von » heilloser Wirtschaft « in den Bart ; aber er verließ seinen Posten und tappte mit den anderen vorwärts . Das war ein schreckliches Stück Arbeit ! Faustdick hingen sich Erdsohlen an die Jagdstiefeln , und hier und da sank ein unsicher tappender Fuß mit aller Vehemenz in eine Pfütze , deren alterierter Wasserspiegel sich sofort in Fontänenform über die Köpfe und Flausröcke der drei Unglücklichen ergoß . Sie erreichten aber doch ohne ernstlichen Unfall den Fahrweg , und nun wurde tapfer und wohlgemut drauf losgeschritten . Selbst der Doktor gewann allmählich seine gute Laune wieder ; er brummte mit einem fürchterlichen Basse : » Zu Fuß sind wir gar wohl bestellt , juchhe ! « etc. In der Nähe der Stadt tauchte ein Licht aus der Finsternis auf ; es kam in stürmischer Eile auf die Wandernden zu , und Hellwig erkannte alsbald in dem breiten , fröhlich lachenden Gesicht , das sich in greller Beleuchtung über die Laterne erhob , seinen Hausknecht Heinrich . » Ja , herrje , Herr Hellwig , sind Sie ' s denn wirklich ? « schrie der Bursche . » Die Madame denkt , Sie liegen mausetot da draußen ! « » Woher weiß denn meine Frau schon , daß wir Unglück gehabt haben ? « » Ja , sehen Sie , Herr Hellwig , da ist heute abend eine Kutsche mit Spielern angekommen « - der ehrliche Bursche hatte für Schauspieler , Taschenspieler , Seiltänzer und dergleichen nur diese eine Rubrik - » und wie die Kutsche in den Löwen eingefahren ist , da war das Beest , unser Rappe , hintendran , als ob er dazu gehörte . Der Löwenwirt kennt ihn ja , unseren Alten , und hat ihn gleich selbst gebracht ... Na , aber der Schreck von der Madame ! Sie hat mich gleich fortgeschickt mit der Laterne , und Friederike muß einen Kamillenthee kochen . « » Kamillenthee ? ... Hm , ich meine , ein Glas Glühwein oder wenigstens ein Warmbier wäre vielleicht zweckmäßiger gewesen . « » Ja , das meinte ich auch , Herr Hellwig ; aber Sie wissen ja , wie die Madame - « » Schon gut , Heinrich , schon gut . Jetzt gehe du voran mit der Laterne . Wir wollen machen , daß wir heimkommen . « Auf dem Marktplatze trennten sich die drei Leidensgefährten mit stummem Händedrucke ; der eine , um pflichtschuldigst seinen Kamillenthee zu trinken , und die anderen in dem niederschlagenden Bewußtsein , daß ihrer eine Gardinenpredigt daheim warte . Denn die Frauen waren der » noblen Passion « ihrer Eheherren ohnehin nicht hold , und nun lag die Jagdbeute , das einzige Beschwichtigungsmittel , zerquetscht draußen unter der umgestürzten Chaise , und das mit zähem Schlamme bedeckte Jagdkostüm verwandelte sicherlich schon die erste Umarmung in einen jähen Zornausbruch . Am anderen Morgen klebten an allen Straßenecken rote Zettel , welche die Ankunft des berühmten Eskamoteurs Orlowsky und seine ausgezeichneten Kunstleistungen ankündigten , und eine junge Frau ging von Haus zu Haus , um Billets zu den Vorstellungen anzubieten ... Sie war sehr schön , diese Frau , mit ihrem prächtigen , blonden Haare und der imposanten Gestalt voll Adel und Anmut ; aber das liebliche Gesicht war blaß , » blaß wie der Tod « , sagten die Leute , und wenn sie die goldig bewimperten Lider hob , was nicht häufig geschah , da brach ein rührend sanfter , aber thränenvoller Blick aus den dunkelgrauen Augensternen . Sie kam auch in Hellwigs Haus , das stattlichste am Marktplatz . » Madame , « rief Heinrich in das Zimmer im Erdgeschosse , während er den hellpolierten Messingknopf an der glänzend weißen Thür in der Hand behielt , » die Spielersfrau ist draußen ! « » Was will sie ? « rief eine weibliche Stimme streng zurück . » Ihr Mann spielt morgen , und da möchte sie gern eine Karte an die Madame verkaufen . « » Wir sind anständige Christen und haben kein Geld für solche Faxereien - schick sie fort , Heinrich ! « Der Bursche schloß die Thür wieder . Er kratzte sich hinter den Ohren und machte ein sehr verlegenes Gesicht ; denn die » Spielersfrau « mußte ja jedes Wort gehört haben . Sie stand auch einen Augenblick wie zusammengebrochen vor ihm : eine fliegende Röte war in ihr bleiches Gesicht getreten , und ein schwerer Seufzer hob ihre Brust ... Da wurde leise ein kleines Fenster geöffnet , das in die Hausflur mündete ; eine unterdrückte Männerstimme verlangte ein Billet - es wurde in Empfang genommen , und ein harter Thaler glitt dafür in die Hand der jungen Frau . Ehe sie nur aufblicken konnte , war der Fensterflügel wieder geschlossen , und ein grüner Vorhang hing in dichten , undurchdringlichen Falten hinter den Scheiben . Heinrich öffnete mit einem linkischen Kratzfuße und gutmütig lächelnd die Hausthür , und die Frau schwankte hinaus , schwankte weiter auf dem Wege voller Dornen und Stacheln . Der Hausknecht nahm ein Paar blankgewichster Stiefel , die er vorhin bei dem Erscheinen der Frau niedergesetzt hatte , wieder auf und trat in das Zimmer seines Herrn , der sich uns jetzt im vollen Tageslichte als einen kleinen , älteren Mann mit einem mageren , blassen , aber unendlich gutmütigen Gesicht zeigt . » Ach , Herr Hellwig , « meinte Heinrich , nachdem er die Stiefel an den gehörigen Platz gestellt hatte , » das war wirklich recht schön , daß Sie eine Karte gekauft haben ! Die arme Frau sieht ja aus wie ' s Leiden Christi ; sie dauert mich , und wenn zehnmal ihr Mann sein Brot nicht ehrlich verdient ... Er hat hier so kein Glück - denken Sie einmal an mich , Herr Hellwig ! « » Warum denn nicht , Heinrich ? « » Ja , weil der Racker , unser Rappe , sich wie eine Klette an den Wagen gehängt hat , wie er zum Thore hereingefahren ist - das bedeutet nicht Gutes - das Unglücksvieh kam ja justament von einem Unglücksplatze ... Passen Sie mal auf , Herr Hellwig , was ich gesagt habe , die Leute haben kein Glück ! « Er schüttelte seinen dicken Kopf und ging , da sein Herr auf die Prophezeiung hin weder ein Für noch Wider verlauten ließ , wieder in die Hausflur , um die Strohmatte vor der Thür der strengen Madame regelrecht zu placieren ; die fremde Frau hatte unbewußt mit dem Fuße daran gestoßen . 2 Der Rathaussaal war gedrängt voll Zuschauer , und immer noch strömten die Menschen die Treppe herauf . Heinrich stand im dichtesten Gedränge und suchte sich schimpfend Luft zu machen mittels derber Püffe und heimlicher Attacken auf die Hühneraugen seiner Nächsten . » Herr Jesus , wenn das die Madame wüßte , das gäb ' ein Donnerwetter ! - Der Herr müßte gleich morgen in aller Frühe zur Beichte , « flüsterte er vergnüglich schmunzelnd einem Nachbar zu , indem er seinen schwieligen Zeigefinger nach einem der erhöhten Sitze an der Seitenwand des Saales ausstreckte . Dort saß Herr Hellwig in Gesellschaft seines Leidensgefährten , des Doktor Böhm . Es hatte dem ehrlichen Burschen Mühe genug gekostet , seinen schmächtigen Herrn herauszufinden : denn die Honoratioren waren stark vertreten . Das Programm versprach aber auch lauter neue Wunderdinge , und der Schluß desselben lautete folgendermaßen : Madame d ' Orlowska erscheint als Schildjungfrau . Sechs Mann Militär werden mit scharfgeladenem Gewehre auf sie schießen , und sie wird mit einem Hiebe ihres Schwertes die sechs Kugeln in der Luft zerhauen . « Die Bewohner von X. waren hauptsächlich gekommen , um sich von der Wahrheit dieses Wunders überzeugen zu lassen . Die schöne , junge Frau hatte das allgemeine Interesse geweckt , und jeder mochte gern wissen , wie sie wohl aussehe , wenn sie die Feuerrohre auf sich gerichtet wüßte ... Es gelang übrigens auch dem Taschenspieler , die Aufmerksamkeit des Publikums für seine Kunstleistungen zu gewinnen . Er war , was die Frauen einen interessanten Mann zu nennen pflegen . Mittelgroß , von schlanker , biegsamer Gestalt , mit regelmäßigen , aber bleichen Zügen , braunen Locken und ausdrucksvollen Augen , zeigte er sehr elegante Manieren , und sein eigentümlich klingendes Deutsch , das ihn als den Sohn jenes unglücklichen , auseinander gerissenen Volkes kennzeichnete , machte ihn noch anziehender ... Das alles war aber sofort vergessen , als die annoncierten sechs Soldaten unter Kommando eines Unteroffiziers aufmarschierten . Ein Geräusch entstand im Publikum , wie das Tosen einer Brandung - dann folgte plötzlich bängliche Stille . Der Pole trat an einen Tisch und machte die Patronen angesichts des Publikums . Mit einem Hammer klopfte er auf jede einzelne Kugel , um die atemlosen Zuschauer durch den Klang zu überzeugen , daß es wirkliche , zweilötige Gewehrkugeln seien . Dann gab er jedem der Soldaten eine Patrone und ließ vor den Augen des Publikums laden ... Der Taschenspieler klingelte . Gleich darauf trat die Frau hinter einem breiten Schirme hervor . Sie schritt langsam seitwärts und stellte sich den Soldaten gegenüber . Es war eine wundervolle Erscheinung , den linken Arm deckte der Schild und in der Rechten hielt sie das Schwert . Ein weißes Gewand floß in reichen Falten auf die Füße nieder ; um die Hüften legten sich silberglänzende Schuppen , und ein strahlender Harnisch deckte die herrliche Büste ... Was war aber all dieser Glanz gegen den matten Goldschimmer der Haarwellen , die unter dem Helme hervorquollen und fast bis auf den Saum des Gewandes herabfielen ! Das bleiche , schwermütige Gesicht richtete den traurigen Blick auf die Mündungen der todbringenden Waffen , die hinüber starrten . Keine Wimper zuckte . Nicht die leiseste Bewegung war an dem leicht wallenden Gewande zu bemerken - sie stand dort wie ein Steinbild ... Das letzte Kommando schallte durch den totenstillen Saal ; die sechs Schüsse krachten wie aus einem Rohre - sausend durchschnitt das Schwert die Luft , und zwölf halbe Kugeln rasselten auf den Boden . Einen Augenblick noch sah man die hohe Gestalt der Schildjungfrau unbeweglich stehen - der Pulverdampf verwischte ihre Züge , und nur matt schimmerte die Rüstung durch die Wolke ... dann schwankte sie plötzlich , Schild und Schwert sanken klirrend zu Boden , mit der Rechten griff sie , wie nach einem Halt suchend , krampfhaft zuckend in die Luft und taumelte mit dem herzzerreißenden Schrei : » O Gott , ich bin getroffen ! « in die Arme ihres herbeieilenden Mannes ... Er trug sie hinter den Schirm und stürzte gleich darauf wie ein Rasender auf die Soldaten zu . Sie hatten sämtlich die Weisung erhalten , beim Laden der Gewehre die Kugeln abzubeißen und im Munde zu behalten , das war das ganze Wunder . Einer derselben jedoch , ein ungelenkes Bauernkind , hatte , völlig verwirrt durch den Anblick der versammelten Menschenmenge , in jenem verhängnisvollen Momente den Kopf verloren - als die fünf anderen auf den leidenschaftlich herausgestoßenen Befehl des Taschenspielers die Kugeln sofort aus dem Munde holten , da brachte er zu seinem eigenen Entsetzen ein wenig Pulver zum Vorschein - seine Kugel hatte die unglückliche Frau durchbohrt . Die Züge des Polen verzerrten sich bei diesem Ergebnis in Schmerz und Verzweiflung , und er schlug , ganz außer sich , den unfreiwilligen Verbrecher ins Gesicht . Augenblicklich entstand eine unglaubliche Verwirrung im Saale . Mehrere Damen wurden ohnmächtig , und zahllose Stimmen schrieen nach einem Arzte . Doktor Böhm aber , der den Vorfall schneller begriffen hatte , als alle anderen , war schon längst hinter dem Schirme bei der Verwundeten . Als er endlich mit erblaßtem Gesichte wieder hervortrat , sagte er leise zu Hellwig : » Muß ohne Gnade sterben , das arme , prächtige Weib ! « Eine Stunde später lag die Frau des Taschenspielers auf einem Bette im Gasthofe » zum Löwen « . Man hatte sie auf einem Sofa aus dem Saale getragen ; Heinrich war einer der Träger gewesen . » Na , Herr Hellwig , habe ich recht oder unrecht mit dem Unglücksvieh , dem Rappen ? « hatte er seinen Herrn im Vorübergehen gefragt , und dabei waren ihm dicke Thränen über die Backen gelaufen . Die Frau lag still , mit geschlossenen Augen da . Ihre entfesselten Haare fielen in einzelnen Strähnen über die weißen Kissen und den Bettrand hinab , und die goldigen Spitzen ringelten sich auf dem dunklen Fußteppich ... Vor dem Bette kniete der Taschenspieler ; die Hand der Verwundeten ruhte auf seinem Kopfe , den er tief eingewühlt hatte in die Bettdecke . » Schläft Fee ? « flüsterte die Frau fast unhörbar , während sie mühsam die Lider öffnete . Der Taschenspieler hob den Kopf und nahm die bleiche Hand zwischen die seinigen . » Ja , « murmelte er mit schmerzverzogenen Lippen . » Die Tochter des Hauses hat sie mitgenommen in ihr Schlafzimmer ; sie liegt dort in einem weißen Bettchen - unser Kind ist gut aufgehoben , Meta , mein süßes Leben ! « Die Frau blickte mit einem unaussprechlichen Ausdrucke innerer Leiden auf ihren Mann , dem die Verzweiflung aus den Augen glühte . » Jasko - ich sterbe ! « seufzte sie . Der Taschenspieler sank auf den Teppich zurück und wand sich wie in den heftigsten körperlichen Schmerzen . » Meta , Meta , gehe nicht von mir ! « rief er außer sich . » Du bist das Licht auf meinem dunklen Wege ! Du bist der Engel , der die Dornen meines verfemten Berufes sich ins Herz gestoßen hat , damit sie mich nicht berühren sollten ! ... Meta , wie soll ich leben , wenn du nicht mehr neben mir stehst mit dem behütenden Auge und dem Herzen voll unsäglicher Liebe ? Wie soll ich leben , wenn ich deine berauschende Stimme nicht mehr höre , dein himmlisches Lächeln nicht mehr sehe ? Wie soll ich leben mit dem marternden Bewußtsein , daß ich dich an mich gerissen habe , um dich namenlos elend zu machen ? ... Gott , Gott , da droben , du kannst mich nicht in diese Hölle stoßen ! ... « Er weinte leise . » Ich will erst sühnen , was ich an dir gefrevelt habe , Meta . Ich will für dich arbeiten , ehrlich arbeiten , bis mir das Blut unter den Nägeln hervorspringt - ich will arbeiten mit Hacke und Spaten . Wir wollen uns still und zufrieden in einen Winkel der Erde zurückziehen « - er riß das schwarze , mit Goldflitter besäte Samtwamms von den Schultern - » fort mit dem Plunder ! Er soll mich nie mehr berühren ... Meta , bleibe bei mir , wir wollen ein neues Leben anfangen ! « Ein schmerzliches Lächeln flog um die Lippen der Sterbenden . Mühsam erhob sie den Kopf ; er schob seinen Arm unter und preßte mit der linken Hand ihr Gesicht wie wahnsinnig an seine Brust . » Jasko , fasse dich - sei ein Mann ! « stöhnte sie ; ihr Haupt sank wie leblos zurück , aber sie öffnete die halb gebrochenen Augen wieder , und es schien , als klammere sich die scheidende Seele noch einmal verzweiflungsvoll an die zusammenbrechende Hülle - diese Lippen , die in Staub zerfallen sollten , mußten noch einmal sprechen ; das Herz durfte nicht stillstehen und die Qualen unausgesprochener Mutterangst mit unter die Erde nehmen . » Du bist ungerecht gegen dich selbst , Jasko , « sagte sie nach einer Pause , während welcher sie noch einmal den Rest ihrer Kräfte zusammengerafft hatte ; » ich bin nicht elend geworden durch dich ... ich bin geliebt worden , wie selten ein Weib , und diese Jahre des Liebesglückes wiegen wohl ein ganzes , langes Menschenleben auf ... Ich habe gewußt , daß ich dem Taschenspieler meine Hand reiche - ich bin aus dem Vaterhause , das mich um meiner Liebe willen verstieß , hellen Blickes gegangen , um an deiner Seite zu leben ... Wenn Schatten mein Glück getrübt haben , so trifft mich , mich allein die Schuld , die ich meine Kraft überschätzt hatte , und die kleinmütig zusammenbrach unter der Misere deiner Stellung ... Jasko , « fuhr sie leiser fort , » den Mann erhebt der Gedanke , daß seine Kunst , gleichviel welche , ihn adle , über die engherzigen Ansichten der Menschen - das Weib aber zuckt unter den Nadelstichen einer geringschätzenden Behandlung ... O Jasko , die Sorge um Fee macht meine Sterbestunde zu einer qualvollen , schrecklichen ! Ich beschwöre dich , halte das Kind fern von deinem Berufe ! « Sie faßte nach seiner Hand und zog sie an sich . Ihre ganze Seele drängte sich noch einmal in diese schönen Augen , die sich binnen kurzem verdunkeln sollten im Todeskampfe . » Ich fordre unsäglich Schweres von dir , Jasko ! « fuhr sie flehentlich fort . » Trenne dich von Fee - gib sie unter die Obhut einfacher , braver Menschen , lasse sie inmitten eines ruhigen , stillen Familienlebens aufwachsen - versprich mir das , mein einzig geliebter Mann . « Mit von Thränen erstickter Stimme gelobte es ihr der Mann . Es folgte eine schreckliche Nacht , der Todeskampf wollte nicht enden . Als aber das Frührot durch die Fenster brach , da warf es seine Rosen auf eine schöne Frauenleiche , deren verklärte Züge die Kämpfe der letzten Stunden nicht mehr ahnen ließen . Orlowsky hatte sich über die erkaltende Hülle geworfen , und nur der Anstrengung mehrerer Männer gelang es , ihn hinwegzureißen und in ein anderes Zimmer zu bringen . Am dritten Tage gegen Abend wurde die » Spielersfrau « unter großem Zudrange zur Erde bestattet . Mitleidige Herzen hatten den Totenschrein mit Blumen bedeckt , und unter den angesehenen Männern der Stadt , die im Leichenzuge schritten , war auch Hellwig ... Der Taschenspieler brach zusammen , als die ersten Schollen auf den Sarg fielen ; aber Hellwig , der neben ihm stand , stützte ihn und führte ihn in die Stadt zurück . Er blieb mehrere Stunden allein bei dem Tiefgebeugten , der bis dahin jeden Zuspruch zurückgewiesen und sogar versucht hatte , Hand an sich zu legen ... Die an der Thür des Sterbezimmers vorübergingen , hörten bisweilen ein heftiges Aufschluchzen des unglücklichen Mannes oder Ausbrüche leidenschaftlicher Zärtlichkeit , auf die süßes Kindergeschwätz antwortete - sie klangen herzzerreißend zusammen , jene thränenerstickte Stimme und die lachenden Silbertöne des Kindes . 3 Der Abend war weit vorgerückt . Ein scharfer Novemberwind fegte durch die Straßen , und die ersten Schneeflocken taumelten auf Dächer und Straßenpflaster und auf die dunkle , frisch aufgeworfene Erde des Grabhügels , der sich über der jungen Frau des Polen wölbte . Inmitten des Hellwigschen Wohnzimmers stand ein gedeckter Tisch . Es waren massive silberne Bestecke , die neben den Tellern lagen , und das weiße Damasttischtuch hatte Atlasglanz und zeigte ein prachtvolles Muster . Die Lampe stand auf dem kleinen , runden Sofatische , hinter welchem die Frau Hellwig saß und an einem langen , wollenen Strumpfe strickte . Sie war eine große , breitschultrige Frau , im Anfange der vierziger Jahre . Vielleicht war dies Gesicht im Schimmer der Jugend schön gewesen , wenigstens hatte das Profil jene klassische Linie , welche die Gesetze der regelmäßigen Schönheit verlangen ; aber hinreißenden Zauber hatte die Frau wohl nie besessen . Und mochte ihr großes Auge auch noch so schön geschnitten und glänzend , ihr Teint noch so strahlend gewesen sein , sie hatten sicher nicht jenen Schmelz zu ersetzen vermocht , den ein reiches Seelenleben über die Züge haucht - wie hätte sich dies Gesicht so versteinern können bei innerer Wärme ? Wie wäre es möglich gewesen , nach einer Jugend voll seligen Gebens und Nehmens , nach den zahllosen Anregungen und Empfindungen , die das Leben in der empfänglichen Seele weckt , noch so eisig zu blicken , wie diese starren , grauen Augen blickten ? ... Ein dunkler Scheitel legte sich in einer strengen , festen Linie um die noch immer weiße Stirn . Das übrige Haar dagegen verschwand unter einem Mullhäubchen von tadelloser Frische . Diese Kopfbedeckung und ein schwarzes Kleid von gesucht einfachem Schnitt mit eng anliegenden Aermeln und schmalen , weißen Manschettenstreifen am Handgelenke gaben der gesamten Erscheinung etwas Puritanerhaftes . Dann und wann wurde eine Seitenthür geöffnet , und das runzelvolle Gesicht einer alten Köchin erschien forschend in der Spalte . » Noch nicht , Friederike ! « sagte Frau Hellwig jedesmal mit eintöniger Stimme , ohne aufzublicken ; aber die Nadeln flogen immer rascher durch die Finger , und ein eigentümlicher Zug von Verbissenheit lagerte um die schmalen Lippen . Die alte Köchin wußte genau , daß » die Madame « ungeduldig sei ; sie liebte es , zu schüren , und rief endlich in weinerlichem Tone in das Zimmer : » Du lieber Gott , wo aber auch nur der Herr bleibt ! Der Braten wird schlecht , und wann soll ich denn heute fertig werden ? « Diese Bemerkung trug ihr zwar eine Rüge ein , denn Frau Hellwig litt es nicht , daß ihre Leute unaufgefordert ihre Meinung äußerten ; aber sie zog sich vergnüglich samt ihrem Verweise in die Küche zurück , hatte sie doch gesehen , daß die Madame nun auch eine tiefe Falte zwischen den Augenbrauen hatte . Endlich wurde die Hausthür aufgemacht . Der volle , tiefe Klang der Thürglocke scholl durch die Hausflur . » Ach , das hübsche Klingkling da oben ! « rief draußen eine klare Kinderstimme . Frau Hellwig legte den Strickstrumpf in ein vor ihr stehendes Körbchen und erhob sich . Befremden und Erstaunen hatten den Ausdruck der Ungeduld verdrängt - sie sah gespannt über die Lampe hinweg nach der Thür . Draußen kratzte jemand unzählige Male mit den Füßen über die Strohmatte , das war ihr Mann . Gleich darauf trat er in das Zimmer und ging mit etwas unsicheren Schritten auf seine Frau zu . Er trug ein kleines Mädchen , das ungefähr vier Jahre alt sein mochte , auf dem Arme . » Ich bringe dir hier etwas mit nach Hause , Brigittchen , « sagte er bittend , aber er verstummte sogleich wieder , als sein Auge das seiner Frau traf . » Nun ? « fragte sie , ohne sich zu bewegen . » Ich bringe dir ein armes Kind - « » Wem gehört es ? « unterbrach sie ihn kalt . » Dem unglücklichen Polen , der seine junge Frau auf eine so schreckliche Weise verloren hat ... Liebes Brigittchen , nimm die Kleine gütig auf ! « » Doch wohl nur für diese Nacht ? « » Nein - ich habe dem Manne heilig versprochen , daß das Kind in meinem Hause aufwachsen soll . « Er sprach diese Worte rasch und fest ; denn es mußte ja doch einmal gesagt werden . Das weiße Gesicht der Frau war plötzlich mit einer hellen Röte übergossen , und ein schneidender Zug flog um ihre Lippen . Sie verließ ihren bisherigen Platz um einen Schritt und tippte mit einer unbeschreiblich maliziösen Bewegung den Zeigefinger gegen die Stirn . » Ich fürchte , es ist nicht richtig bei dir , Hellwig , « sagte sie . Ihre Stimme hatte noch immer die kalte Ruhe , was in diesem Augenblicke um so verletzender klang . » Mir , mir eine solche Zumutung ? ... Mir , die ich mein Haus zu einem Tempel des Herrn zu machen suche , Komödiantenbrut unter das Dach zu bringen , dazu gehört mehr noch , als - Einfalt . « Hellwig fuhr zurück , und ein Blitz zuckte aus seinen sonst so gutmütigen Augen . » Du hast dich gewaltig geirrt , Hellwig ! « fuhr sie fort . » Ich nehme dies Kind der Sünde nicht in mein Haus - das Kind eines verlorenen Weibes , das so sichtbar vom Strafgerichte des Herrn ereilt worden ist . « » So - ist das deine Meinung , Brigitte ? Nun , so frage ich dich , welcher Sünden hat sich dein Bruder schuldig gemacht , als er auf der Jagd von einem unvorsichtigen Schützen erschossen wurde ? Er war seinem Vergnügen nachgegangen - das arme Weib aber starb in Erfüllung einer schweren Pflicht . « Das Blut wich der Frau aus dem Gesicht , sie wurde plötzlich kreideweiß . Einen Moment schwieg sie und richtete das Auge erstaunt und lauernd zugleich auf ihren Mann , der plötzlich eine solche Energie ihr gegenüber entwickelte . Währenddem zog das kleine Mädchen , das Hellwig auf den Boden gestellt hatte , die rosenfarbene Kapuze herunter , und ein reizendes Köpfchen voll kastanienbrauner Locken kam zum Vorschein ; auch das Mäntelchen flog zur Erde ... Wie verhärtet mußte das Herz der Frau sein , daß sie nicht sofort beide Arme ausbreitete und das Kind kosend an die Brust drückte ! War sie völlig blind gegen den unsäglichen Liebreiz der kleinen Gestalt , die auf den zierlichsten Füßchen , die je in einem Kinderschuhe gesteckt , durch das Zimmer trippelte und mit großen Augen die neue Umgebung betrachtete ? ... Das rosige Fleisch der runden Schultern quoll aus einem hellblauen Wollkleidchen , dessen Bändchen und Säume zierliche Stickerei zeigten - vielleicht war dieser Schmuck