Marlitt , Eugenie Goldelse www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Eugenie Marlitt Goldelse 1 Den ganzen Tag über hatte es geschneit , und zwar so recht mit Muße und Gemächlichkeit , so daß die Dächer und Fenstersimse dicke , fleckenlos weiße Polster angelegt hatten . Nun brach ein früher Abend herein und mit ihm ein wilder Sturm , der heimtückisch in die niedertaumelnden Schneeflocken fuhr , wie ein Raubtier zwischen eine friedliche Taubenschar . Mag auch das Wetter derart sein , daß der gemütliche Kleinstädter nicht einmal seinen Hund , geschweige denn seine eigenen , edlen Gliedmaßen außerhalb der vier Wände wissen will , in der großen Hauptstadt B. merkt man abends zwischen sechs und sieben Uhr keinen auffallenden Unterschied hinsichtlich der Straßenfrequenz . Die Gasflammen ersetzen die Himmelslichter , die nicht kommen wollen ; um die Ecken jagen die Equipagen in so wütender Eile , daß die Fußgänger nur durch einen kühnen Sprung an die Häuser Leben und Glieder retten ; dafür folgt ein Schwall kräftiger Flüche dem pelzverbrämten Kutscher und dem eleganten Wagen , hinter dessen festgeschlossenen Scheiben reizende Damen ihr blumengeschmücktes Köpfchen mühsam über die ungeheuren Wogen des umfangreichen Gazekleides heben und keine Ahnung davon haben , daß in diesem Augenblicke Feuer und Schwefel auf ihre duftenden Locken herabgewünscht werden . Wohlfrisierte Wachsköpfe , inmitten schauderhafter schwarzer und blonder Skalps , still und aufmerksam arbeitende Uhrmacher , lächelnde Kommisgesichter hinter bauschenden Stoffen und verführerischen Mantillen , und alte verkümmerte Boukett- und Kranzwinderinnen zwischen hold blühenden , frischen Blumen stehen und bewegen sich in beneidenswerter Sicherheit und wohldurchwärmter Atmosphäre hinter den Schaufenstern , die ein blendendes Licht auf die schlüpfrigen Trottoirs und den vorbeiflutenden Menschenstrom werfen , wobei blaurote Nasenspitzen , thränende Augen und verzweifelte Kopf- und Armbewegungen an allen alten und jungen Vorübereilenden sichtbar werden . Doch halt - nicht an allen ! Da tritt eben aus einem Seitengäßchen in eine der Hauptstraßen mit leichtem , elastischem Schritte eine weibliche Gestalt . Das enge , verwachsene Mäntelchen schließt sich fest an die schlanken Glieder , und der alte , zerzauste Muff wird dicht an die Brust gedrückt , wo er die Enden eines herabhängenden Schleiers festhält ; unter diesem alten schwarzen Gewebe lachen zwei Mädchenaugen im Sonnenglanze frischer Jugend ; sie blicken fröhlich in das Schneegetümmel , haften innig an den halbgeöffneten Centifolien und den dunklen Veilchen hinter den Glasscheiben und verbergen sich nur dann unter den langen Wimpern , wenn sich heimtückische Eissplitter unter die Schneeflocken mischen . Wer einmal gehört hat , wie kindliche Hände , oder auch Hände , die zu einem völlig ausgewachsenen Körper und Kopfe gehören , auf dem Klavier eine wohlbekannte Melodie zuversichtlich beginnen , gleich darauf mittels einer Dissonanz den musikalischen Faden zerreißen , mit falschem Fingersatze in alle möglichen Tonarten , nur nicht in die angegebene , greifen , wobei der Lehrer den hochgehobenen , takttretenden Fuß verzweiflungsvoll sinken läßt , bis endlich die Melodie langatmend und lebensmüde wieder anhebt , um im nächsten Augenblicke durch einige leichte Takte wie über eine weite Ebene dahinzurasen - wessen Ohrennerven einmal auf dieser Folter gelegen haben , der wird begreifen , daß das junge Mädchen , welches soeben zwei Unterrichtsstunden in einem Institute beendet hat , dem Sturmwinde freudig die heiße Wange bietet , als einem wackeren Gesellen von System und konsequenter Durchführung , dessen mächtiges Brausen ja in Orgel und Aeolsharfe zur wundersamen Melodie wird . So eilt das junge Mädchen flüchtig und schwebend durch Schneefall und andringenden Menschenstrom , und ich zweifle keinen Augenblick , sie würde auf den schwimmenden Quadersteinen des Trottoirs , umbraust vom Sturme , nicht anders als auf dem Parkett eines Salons auch , dem Leser unter holdseligem Lächeln die graziöseste Verbeugung machen , wenn ich sie ihm vorstellen wollte als Fräulein Elisabeth Ferber . Diese Vorstellung kann nun freilich nicht stattfinden , und das ist mir insofern ganz erwünscht , als ich beabsichtige , den Leser mit der Vergangenheit des jungen Mädchens bekannt zu machen . Herr Wolf von Gnadewitz war der letzte Abkömmling eines ruhmreichen Geschlechts , das seinen Ursprung zurückleiten konnte bis in zweifelhaftes Dämmerlicht noch vor jenem goldenen Zeitalter , allwo der vorüberziehende Kaufmann in irgend einem Hohlwege seine kostbaren Stoffe und Waren zu adligen Bannerfähnlein und glänzenden Turnierwämsern , wie zu junkerlichen Gelagen unfreiwilligerweise ablieferte . Aus jenen unvergeßlichen Zeiten datierte auch ein Rad in dem Wappen der Gnadewitze , auf welchem einer der Ahnherren seinen Heldengeist verhauchen mußte , weil er in Ausübung jenes ritterlichen Aneignungssystems allzuviel Krämerblut vergossen hatte . Herr von Gnadewitz , der Letzte seines Stammes , war Kammerherr in Fürstlich X. schen Diensten , zudem Inhaber hoher Orden und verschiedener Rittergüter , wie auch Besitzer aller Charaktereigenschaften , die , seiner Ansicht nach , einem Hochgebornen zukommen , und die er » vornehm « nannte , weil dem gemeinen Manne bei der derben Hausmannskost der Moral und dem strengen Muß der Verhältnisse und Sitten jedwedes Verständnis für jene unnachahmliche Grazie und Eleganz des Lasters abgehe . Herr Wolf von Gnadewitz war auch prachtliebend , wie sein Großvater , der das alte Schloß Gnadeck auf dem Berge in Thüringen , die Wiege seines Geschlechts , verließ , um sich drunten im Thale einen wahren Feensitz im italienischen Geschmacke aufzubauen . Sein Enkel ließ das alte Haus droben noch mehr verfallen und erweiterte und verschönerte das neue Schloß um ein beträchtliches . Ja , es schien , als hege Herr Wolf von Gnadewitz nicht den leisesten Zweifel , daß der Letzte seines Geschlechts dereinst als allerjüngstes Menschenkind beim Weltgerichte erscheinen werde ; denn um alle neu angebauten Gemächer auszufüllen , durfte der alte Stamm getrost zahllose Zweige treiben . Allein , das hieß die Rechnung ohne den Wirt gemacht . Herr Wolf von Gnadewitz hatte zwar einen Sohn , der schon mit zwanzig Jahren ein so vollendeter Gnadewitz war , daß selbst das glänzende Bild des Ahnherrn mit dem Rade vor ihm erbleichen mußte . Aber der junge Herr hatte eines Tages , bei Gelegenheit der ersten , großen Jagd im Herbst , einem Treiber mit der Hetzpeitsche einen furchtbaren Schlag über den Kopf versetzt , und zwar mit vollstem Rechte , wie alle eingeladenen Teilnehmer an der Jagd einmütig versicherten , denn der Tölpel hatte den Lieblingshund des Herrn dermaßen auf die Pfoten getreten , daß das Tier für den ganzen Tag untauglich geworden war . Und so kam es , daß kurze Zeit darauf Hans von Gnadewitz nicht allein auf dem Stammbaume in der großen Halle des neuen Schlosses , sondern auch wirklich und leibhaftig an einem Eichbaume des Waldes , und zwar mit einem Stricke um den Hals gefunden wurde . Der geschlagene Treiber büßte zwar , wenn auch nicht auf dem Rade , so doch unter dem Beile , diese Frevelthat ; allein das machte den letzten der Gnadewitze nicht wieder lebendig , denn er war tot , unwiderruflich tot , wie die Aerzte versicherten , und so hatte das lange Lied von Raubrittertum , Trinkgelagen , Hetzjagden und Pferderennen ausgeklungen Nach dieser schrecklichen Katastrophe verließ Herr Wolf von Gnadewitz sofort das Schloß im Thale , wie überhaupt diese Gegend , und zog nach Schlesien auf eines seiner vielen Güter . Er nahm eine entfernte Verwandte , die Letzte einer Seitenlinie seines Geschlechts , in sein Haus , damit sie ihn pflegen solle . Es zeigte sich aber , daß diese Verwandte ein engelschönes , junges Mädchen war , bei dessen Anblick der alte Herr den eigentlichen Zweck ihres Kommens rein vergaß und schließlich meinte , sein sechzigjähriger Rücken sei noch gerade genug , um in den Hochzeitsfrack schlüpfen zu können . Zu seiner tiefsten Indignation jedoch mußte er erfahren , daß auch eine Zeit kommen könne , wo selbst ein Gnadewitz nicht mehr begehrenswert erscheine , und wütend wurde er , als das Mädchen ihm gestand , daß sie , ihre hohe Abkunft schnöde vergessend , ihr Herz einem jungen , bürgerlichen Offizier , dem Sohne eines seiner Förster geschenkt habe . Der junge Mann besaß nichts als seinen Degen und seine männlich schöne Gestalt , aber er hatte sich eine tüchtige , wissenschaftliche Bildung angeeignet , war liebenswürdig im Umgange und von ausgezeichnetem Charakter . Als Herr von Gnadewitz die schöne Marie infolge ihrer Erklärung verstieß , da führte sie der junge Ferber glücklich als Gattin heim und hätte in den ersten zehn Jahren seiner Ehe mit keinem König tauschen mögen . Im elften würde ihn zwar ein solches Gelüst noch viel weniger angefochten haben ; denn das war das Jahr 1848 - aber es brachte auch für ihn schwere Kämpfe und einen völligen Umschwung seiner Verhältnisse ... Er kam in den kritischen Fall , zwischen zwei Pflichten wählen zu sollen . Die eine , die ihm sein Vater schon an der Wiege vorgesungen , hieß : » Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst , vor allem aber deine deutschen Brüder « ; die andere dagegen , die er sich , wenn auch viel später , selbst auferlegt , gebot ihm , das Schwert für das Interesse seines Herrn zu führen . In diesem Konflikte nun siegte jenes Wiegenlied , das kräftige Wurzeln um sein Herz geschlagen hatte , vollständig - Ferber schoß nicht auf seine Brüder , aber dieser Sieg kostete ihm seinen Beruf , seine gesicherte Lebensstellung . Er nahm seinen Abschied und sank bald darauf infolge einer Erkältung gelähmt aufs Krankenlager , das er erst nach jahrelangem Siechtum wieder verließ . Hierauf siedelte er mit seiner Familie nach B. über , wo er bald eine erträgliche Stelle als Buchhalter in einem bedeutenden Handlungshause erhielt . Es war die höchste Zeit , denn das kleine Vermögen seiner Frau war bei dem Sturze eines Bankgeschäfts verloren gegangen , und nur die mehrmaligen Geldunterstützungen , die Ferbers älterer und einziger Bruder , ein Förster in Thüringen , der bedrängten Familie zukommen ließ , hatten bis jetzt den Mangel in seiner schlimmsten Gestalt ferngehalten . Leider sollte dies Glück nicht von Dauer sein . Ferbers Chef gehörte zu den Frommen im Lande und suchte alle seine Umgebungen mit seinem Bekehrungseifer heim . Auch Ferber wurden diese Bemühungen zugewandt , stießen aber hier auf einen zwar mit ruhigem Ernste geäußerten und durch eine Fülle von Wissen motivierten , aber so entschiedenen Widerstand , daß sich das fromme Gemüt Herrn Hagens - so hieß der Kaufmann - darüber schier zu Tode entsetzte . Einem solchen Freigeiste Schutz und Brot zu geben und somit geflissentlich den Untergang des Reiches Gottes zu befördern - der Gedanke ließ ihm Tag und Nacht keine Ruhe , bis er mittels eines Entlassungsbriefes sich von dieser Last befreite und das räudige Schaf aus seiner Lämmerherde stieß . Um jene Zeit ging auch Herr Wolf von Gnadewitz heim zu seinen Ahnen , und da er während seiner irdischen Laufbahn an dem Grundsatze seines Geschlechts , keine Beleidigung ungerächt zu lassen , streng festgehalten hatte , so konnte dies Leben wohl keinen würdigeren Abschluß und Endpunkt finden , als in dem Testamente , das er eigenhändig niederschrieb , ehe er hinunterstieg in das enge Kämmerlein von Zinn , in welchem seine Gebeine der Nachwelt aufbewahrt bleiben sollten . Dies Aktenstück männlicher Konsequenz , das einen entfernten Verwandten seiner verstorbenen Gemahlin zum Universalerben ernannte , schloß mit folgender Verfügung : » In anbetracht des unabweislichen Anspruches , den sie an meinen Nachlaß hat , vermache ich der Anna Maria von Gnadewitz , verehelichten Ferber , das Schloß Gnadeck auf dem Berge in Thüringen . Anna Maria Ferber wird nicht verkennen , daß ich sie wohlmeinend bedenke , indem ich ihr ein Obdach anweise , das sie mit zahllosen Erinnerungen an das edle Geschlecht , dem sie einst angehörte , umgeben wird . Wohl wissend , daß über jenen alten Hallen stets Glück und Segen geschwebt hat und diese unleugbare Thatsache genau erwägend , halte ich es demnach für völlig überflüssig , diesem meinem Geschenke noch etwas beizufügen ... Sollte jedoch Anna Maria Ferber den Wert meiner Gabe nicht einsehend , dieselbe verkaufen oder auf irgend welche Art veräußern wollen , so erlischt sofort ihr Anspruch an das Erbe , und das Waisenhaus in L. tritt an ihre Stelle . « Herr Wolf von Gnadewitz hatte sich sonach mit Hinterlassung einer beißenden Satire auf sein schwarzbehangenes Paradebett gelegt . Ferber und seine Frau hatten zwar nie das alte Schloß gesehen , allein es war weltbekannt als ein zusammensinkender Trümmerhaufen , den seit wenigstens fünfzig Jahren keine ausbessernde Hand berührt hatte , und der bei der Einrichtung des neuen Schlosses im Thale sämtlicher Hausgeräte , Wandbekleidung , ja sogar des Kupferdaches auf dem Hauptgebäude beraubt worden war . Seitdem lagen die schweren Riegel und Vorlegeschlösser eingestäubt und eingerostet vor dem mächtigen eichenen Hauptthore . Die ungeheuren Waldbäume , die sich dicht um den grauen Bau scharten , woben ungestört ihre breiten Aeste in das üppige Gestrüpp zu ihren Füßen , und bald lag das verlassene Schloß hinter der grünen , undurchdringlichen Wand , wie eine eingesargte Mumie . Der glückliche Universalerbe , dem der fremde Besitz inmitten seines Waldes sehr lästig war , hätte gern für eine ansehnliche Summe das alte Haus zurückgekauft , allein die vorsichtig ausgedachte Klausel am Schlusse des Vermächtnisses schnitt jede Unterhandlung ohne weiteres ab . Frau Ferber legte die ihr zugesandte Abschrift des Testamentes , auf die einige Thränen fielen , stillschweigend auf den Schreibtisch ihres Mannes und nahm dann mit doppeltem , beinahe fieberhaftem Eifer ihre Arbeit , eine Stickerei , wieder auf . Ferber hatte trotz aller Bemühungen keine Anstellung wieder erhalten und sah sich nun genötigt , durch schlecht bezahlte Uebersetzungen , und wenn es an diesen mangelte , mittels Akten- und Notenschreibens sein und seiner Familie Leben zu fristen , wobei ihn seine Frau durch den Erlös für Handarbeiten nach Kräften unterstützte . So trübe nun auch Ferbers Lebenshimmel umzogen war , ein Stern tauchte allmählich auf unter den Wolkenmassen und schien die fehlenden äußeren Gnadenbezeigungen des wetterwendischen Glückes ersetzen zu wollen . Eine Ahnung von diesem milden Strahle , welcher dereinst in ein dunkles Leben fallen sollte , überkam Ferber schon , als er zum erstenmal an der Wiege seines erstgeborenen Töchterchens stand und in die prächtigen Augen sah , die aus dem feinen Kinderköpfchen ihn anlachten . Sämtliche Freundinnen der Frau Ferber waren einstimmig der Ansicht , der kleine Ankömmling sei ein reizendes Wesen , ein eigentümlich bevorzugtes Kind , ja es sähe so ganz und gar nicht aus , wie das gewöhnliche Menschenkind , wenn es krebsrot zum erstenmal die Welt anschreie , daß - hier brachen sie stets ab , und es steht zu vermuten , daß nur das märchenfeindliche neunzehnte Jahrhundert und die sarkastischen Mienen ihrer Ehemänner die stille , aber untrügliche Ahnung hinter ihre Lippen verschloß , es habe hier die geheimnisvolle Macht irgend einer gütigen Fee obgewaltet . Sie hielten in corpore das kleine Weltwunder über die Taufe , stritten sich dabei , welche wohl die meiste Zärtlichkeit für das Patchen hege , und schwuren , dieser Tag werde ihnen unvergeßlich bleiben - ohne Zweifel eine zu hohe und voreilige Anforderung an ihr Erinnerungsvermögen , denn als Ferbers in mißliche Verhältnisse gerieten , da wischte der Egoismus mit hartem Finger über die Denkschrift , und siehe da , es blieb keine Spur zurück , daß sie je gewesen . Diese alte Erfahrung , welche die kleine Elisabeth schon in ihrem neunten Lebensjahre machen mußte , beunruhigte sie übrigens sehr wenig . Die vermeintliche Fee hatte ihr zu den anderen reichen Gaben auch einen unzerstörbaren Frohsinn und sehr viel Willenskraft in die Wiege gelegt ; deshalb nahm sie fortan das dürftige Vesperbrot ebenso dankbar und fröhlich aus der mütterlichen Hand , wie ehemals die unerschöpflichen Leckerbissen der zärtlichen Paten , und als am Weihnachtsabend ein lichterarmer Baum nur einige Aepfel und vergoldete Nüsse bot , da schien ihr gar nicht einzufallen , daß sich früher stets eine ehrenwerte , stattliche Gesellschaft aller möglichen guten und wünschenswerten Dinge auf seinen Zweigen eingefunden hatte . Ferber unterrichtete seine Tochter selbst . Nie hatte sie eine Schule oder ein Institut besucht , ein Mangel , den man leider heutzutage in vielen Fällen einen Vorzug nennen möchte , wenn man bedenkt , daß manche junge Mädchen bei weitem erfahrener die Schule verlassen , als der sorgsamen Mutter lieb sein dürfte , die daheim die Reinheit der jungen Seele streng behütet und nicht ahnt , daß sie durch die täglich sich mehrenden räudigen Schafe im Schulzimmer Eindrücke empfängt , deren nachteilige Folgen sich in allen Phasen des späteren Lebens geltend machen . Elisabeths bildsamer Geist entfaltete sich herrlich unter der Leitung der selbst so reich begabten Eltern . Sie trieb die ihr auferlegten Studien mit tiefem Ernste und dem rastlosen Drange , alles , was sie in sich aufnahm , gründlich zu wissen , damit es ein unveräußerliches , lückenloses Eigentum ihrer Seele bleibe ; das war ihr strenge Gewissenssache und gehörte in das Reich der Pflichten . Der Musik aber gab sie sich mit einer Inbrunst hin , mit welcher der menschliche Geist das umfaßt , was er als seine spezielle Sendung auf der Welt erkennt . Bald hatte sie ihre Mutter , die ihre Lehrerin war , weit überflügelt , und wie sie als kleines Kind ihr Spielwinkelchen verließ , wenn sie Wolken auf des Vaters Stirn bemerkte , sich auf seinen Schoß setzte und ihm selbsterfundene goldglänzende Märchen erzählte , so beschwichtigte sie später mit wundervollen Melodieen , die wie klare Perlen in ihrer Seele aufstiegen , und die vorher noch nie ein menschliches Ohr berührt hatten , den Dämon finsteren Grames , der oft Ferbers Gemüt umnachtete . Aber nicht allein dieser Segen erwuchs aus dem seltenen Talente des jungen Mädchens . Das ausgezeichnete Klavierspiel in der Mansarde hatte die Aufmerksamkeit einiger Hausbewohner erregt . Elisabeth bekam auf diese Weise nach und nach mehrere Schülerinnen und später den Klavierunterricht in einem Institute übertragen , wodurch es ihr möglich wurde , die Nahrungssorgen der Eltern bedeutend zu mildern . Hier nehmen wir den Gang der Erzählung wieder auf und wollen uns die Mühe nicht verdrießen lassen , dem jungen Mädchen zu folgen , das an dem stürmischen Winterabend der elterlichen Wohnung zueilte . 2 Während des endlosen Weges durch krumme und gerade , dunkle und helle Straßen genoß Elisabeth schon im Geiste das Behagen , das sie beim Eintritt in das heimische Stübchen stets überkam . Da saß , von der kleinen Schirmlampe mild beleuchtet , der Vater am Schreibtische , lächelnd das blasse Gesicht erhebend , wenn er Elisabeths Schritte hörte . Er nahm die Feder , die den ganzen Nachmittag über das Papier geflogen war , in die linke Hand und zog mit der rechten seine heimkehrende Tochter zu sich nieder , um einen Kuß auf ihre Stirn zu drücken . Die Mutter , die , den Nähkorb zu ihren Füßen , gewöhnlich neben ihm saß , um den schwachen Lampenschimmer möglichst nahe zu haben , begrüßte sie mit einem zärtlichen Lächeln und zeigte auf Elisabeths Hausschuhe , welche sie vorsorglich in das warme Zimmer getragen hatte . Auf der heißen Ofenplatte zischten einige Aepfel , und drüben in der dunklen , behaglichen Ecke neben dem Ofen summte die kleine Theemaschine auf dem Sofatische , welche nebenbei mit ihrer schwachen , blauen Flamme eine ganze Kompanie Bleisoldaten zu beleuchten hatte , die der sechsjährige Ernst , Elisabeths einziges Brüderlein , exerzieren ließ . Vier Stockwerke mußte Elisabeth ersteigen , ehe sie den schmalen , dunklen Korridor erreichte , der zu der elterlichen Wohnung führte . Hier nahm sie eiligst den Hut ab , zog eine neue , mit Pelz verbrämte Knabenmütze unter dem Mantel hervor und drückte sie auf ihr blondes Haar . So trat sie in das Zimmer , wo der kleine Ernst alsbald mit einem Freudenschrei auf sie zulief . Heute aber war die dunkle Ecke am Ofen hell beleuchtet , und der Schreibtisch stand verlassen im Dunkel , der Vater saß auf dem Sofa und hielt die Mutter umschlungen ; auf den Gesichtern beider aber lag ein eigentümlicher Glanz , und wenn auch die Mutter verweint aussah , so erkannte Elisabeth doch auf den ersten Blick , daß die Thränen aus Freude geflossen waren . Erstaunt blieb sie an der Thür stehen und mochte mit diesem Gesichtsausdrucke unter der schief aufgedrückten Mütze wohl sehr komisch aussehen , denn beide Eltern lachten laut . Elisabeth stimmte fröhlich ein in das Gelächter und setzte die Pelzkappe auf den dunklen Lockenkopf des kleinen Bruders . » Da , Herzensjunge , « sagte sie , indem sie zärtlich sein blühendes Gesichtchen zwischen ihre beiden Hände nahm und küßte , » die gehört dir . Und auch dem Mütterchen bringe ich etwas mit in die Wirtschaft , « fuhr sie glückselig lächelnd fort und legte der Mutter vier blanke Thaler in die Hand , » ich habe heute meine ersten fünf Thaler Honorar im Institut erhalten . « » Aber Elsbeth , « sagte die Mutter mit feuchtem Auge , indem sie das Töchterlein zu sich niederzog , » Ernsts vorjährige Wintermütze sieht noch ganz anständig aus , und du hättest viel nötiger ein Paar warme Handschuhe gebraucht . « » Ich , Mutter ? Fühle doch meine Hände an , ich komme eben von der Straße , und sie sind so warm , als hätten sie im Ofen gesteckt ... nein , das wäre geradezu Luxus . Unser Junge ist größer und stärker geworden , die Mütze aber nicht , drum war diese Ausgabe im Augenblick die nötigste . « » Ach , du liebe , gute Elsbeth ! « rief entzückt der Kleine , » eine solche schöne Mütze hat ja nicht einmal der kleine Baronsjunge unten im ersten Stock ... Die wird aufgesetzt , wenn ich auf die Jagd gehe , gelt , Papa ? « » Auf die Jagd ? « lachte Elisabeth , » du willst wohl auf die unglücklichen Spatzen im Tiergarten schießen ? « » Falsch geraten , Jungfer Else ! « jubelte der Kleine . » Ja , im Tiergarten , « fügte er ernsthaft hinzu , » da würde ich schön ankommen ... nein , im Walde , im wirklichen Walde , wo es von Hirschen und Hasen wimmelt , so daß man gar nicht erst zu zielen braucht , wenn man einen schießen will . « » Nun , ich bin sehr neugierig , was der Onkel zu dieser Ansicht vom edlen Weidwerke meint , « sagte lächelnd der Vater , dann nahm er einen Brief vom Tische und gab ihn dem jungen Mädchen . » Lies dies Schreiben , mein Kind , « sagte er , » es ist vom Försteronkel , wie du ihn nennst , aus Thüringen . « Elisabeth überflog die ersten Zeilen , dann aber las sie laut : ... » Der Fürst , dem ein Teller Sauerkraut mit Rauchfleisch bei mir besser zu schmecken scheint , als die Pasteten seines französischen Kochs im Schlosse zu L. , blieb vorgestern mehrere Stunden bei mir im Forsthause . Er war sehr leutselig und sagte mir , er wolle mir noch eine Art Forstschreiber beigeben , denn er sehe ein , daß zu viel auf meinen Schultern liege . Da nahm ich die Gelegenheit beim Schopfe , das Wild stand schußrecht , und wenn es entwischte , so riskierte ich höchstens ein paar Rehposten ins Blaue hinein , was ich mir freilich sonst nicht passieren lasse . Ich erzählte ihm also , daß Dich das Schicksal seit einer Reihe von Jahren verteufelt aufs Korn genommen habe und Dich zwänge , bei Deinen schönen Kenntnissen und Talenten am Hungertuche zu nagen . Der alte Herr wußte gleich , wo ich hinaus wollte , denn ich sprach gut deutsch , wie immer , und bis jetzt hat mich auch noch keiner falsch verstanden , - es müßten denn die vornehmen Bisambüchsen und Katzenbuckel sein , die um den Herrn scherwenzeln und ihm am liebsten weismachen möchten , das ehrliche Deutsch sei zu grob für fürstliche Ohren , und man könne nur auf französische Art mit ihm reden ... Nun , der alte Herr meinte also , er sei geneigt , Dich als Forstschreiber anzustellen , weil er mich - nun , hier hat er mir einige Dinge gesagt , die Du nicht zu wissen brauchst , über die ich alter Kerl mich aber ebenso gefreut habe , wie dazumal , als unser alter Schulmeister nach dem Examen zu mir sagte : Karl , du hast deine Sache wacker gemacht . ... Nun hat mir der Durchlauchtigste aufgetragen , dir darüber zu schreiben , und er will auch die nötigen Befehle geben - dreihundertundfünfzig Thaler Gehalt , Holzbedarf frei . Ueberlege Dir ' s , das Ding ist so übel nicht , und der grüne Wald ist mir doch tausendmal lieber , als eure vermaledeiten Dachkammern , wo Nachbars Katzen miauen , und wo der Rauch aus Millionen Kaminschlünden euch in die Augen beißt . Daß Du mir nun aber nicht etwa denkst , ich sei auch so einer von den Fuchsschwänzen , welche die Gnade ihres Herrn benützen , um ihre Angehörigen ins Aemtchen zu bringen . Siehst Du , wenn Du nicht wärst , was Du bist , d.h. wenn Du Deine Sache nicht gelernt hättest , da biß ich mir eher die Zunge ab , als daß ich meinen Herrn mit Dir betrügen möchte ; hinwiederum würde ich jeden wildfremden Menschen mit Deinen Kenntnissen und Gesinnungen eben so warm empfehlen , wie Dich ... Nichts für ungut , aber Du weißt es ja , daß ich niemals ein Freund von unklaren Begriffen gewesen bin . Da kommt nun aber noch ein Kasus , der besprochen sein will . Eigentlich müßtest Du bei mir wohnen , und das ginge auch , wenn Du ein Junggeselle wärst , der nur vier Wände für sein Ich und einen Kommodenkasten für seine Vatermörder und dergleichen Zeugs brauchte . Für eine ganze Familie habe ich jedoch schlechterdings keinen Platz in meinem einsamen , alten Rattenneste von Forsthaus , das längst eine eingreifende Kur nötig hätte ; aber die gestrengen Herren von droben denken nicht eher dran , als bis die einbrechenden Balken den Streusand über die einhundertundfünfzigste Eingabe schütten . Das nächste Dorf ist über eine halbe , die nächste Stadt eine ganze Stunde entfernt vom Forsthause - läßt sich durchaus nicht einrichten ; denn Du kannst bei dem Hundewetter , wie wir ' s zum öftern hier erleben , nicht so weit laufen . Da hatte aber die alte Sabine , meine Haushälterin , die hier im nächsten Dorfe geboren ist , einen pudelnärrischen Einfall . Das alte Schloß Gnadeck - der brillante Nachlaß des hochseligen Herrn von Gnadewitz - liegt , wie ich Dir schon schrieb , ungefähr einen Büchsenschuß weit vom Forsthause . Nun meinte Sabine , als sie noch eine rüstige Dirne gewesen sei - das ist , nebenbei gesagt , weit über ein Vierteljahrhundert her - da hat sie als Stubenmädel bei den Gnadewitzens gedient . Damals sei das neue Schloß noch nicht vollständig eingerichtet gewesen und habe nicht ausgereicht für die vielen Gäste , die jedes Jahr die großen Jagden mitgemacht hätten . Da sei nun der sogenannte Zwischenbau auf Schloß Gnadeck - wahrscheinlich ein Verbindungsgebäude zwischen zwei Hauptflügeln des Schlosses - ein wenig aufgefrischt und hergerichtet worden . Sie selbst hat droben die Betten machen und lüften müssen , wobei sie sich immer sehr gefürchtet haben will . Na , ich glaub ' s gerne ; es steckt ja ohnehin unter der alten Bandmütze ein ganzer Wust von Teufelsspuk und Hexengeschichten , sonst ist sie aber eine ganz respektable Person , die meinen Haushalt am Schnürchen hat . Sie behauptet nun steif und fest , der Bau könne noch nicht so arg zerfallen sein ; denn er habe damals sehr fest ausgesehen und gebe doch vielleicht für Dich und die Deinen noch eine ganz hübsche Wohnung . Möglich wär ' s schon ; aber ob Deine Kinder sich nicht vor dem Hans Ruprecht und dergleichen fürchten , wenn sie in dem alten Mauerwerke hausen sollen ? Du weißt , daß ich mich schwer geärgert habe über das nichtsnutzige Vermächtnis des hochseligen Herrn von Gnadewitz , und es deshalb nicht über mich gewinnen konnte , das alte Nest , seit meiner Versetzung hierher , auch nur ein einziges Mal anzusehen . Auf Sabines Aussage hin hat mir jedoch einer meiner Burschen gestern nachmittag auf einen Baum klettern müssen , an der einzigen Stelle , wo man in das Kuckucksnest sehen kann ; er sagt aber , es liege da drin alles durcheinander wie Kraut und Rüben . Da war ich nun heute morgen drin in der Stadt bei den Herren vom Gericht ; aber sie gaben mir die Schlüssel nicht heraus ohne eine Vollmacht Deiner Frau und thaten überhaupt so ängstlich , als lägen die Schätze von Golkonda in den alten Rumpelkammern . Keiner von denen , die damals versiegelt haben , konnte mir sagen , wie ' s drin aussieht ; denn sie waren wohlweislich draußen geblieben , in der Meinung , es möchten einige Zimmerdecken die Freundlichkeit haben , auf ihre weisen Köpfe zu fallen , und haben sich begnügt , das Hauptthor mit einem Dutzend handgroßer Amtssiegel zu beklecksen . Wäre mir nun am allerliebsten , wenn wir die Dinge in Gemeinschaft besehen und überlegen könnten ; deshalb entscheide Dich möglichst rasch und mache Dich dann mit den Deinen auf den Weg - « Hier ließ Elisabeth das Blatt sinken und richtete die leuchtenden Augen in atemloser Spannung auf Ferber . » Nun , und was hast du beschlossen , lieber