Stifter , Adalbert Witiko www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Adalbert Stifter Witiko SEINEN LANDSLEUTEN INSBESONDERS DER ALTEN EHRWÜRDIGEN STADT PRAG WIDMET DIESEN DICHTUNGSVERSUCH AUS DER GESCHICHTE SEINES HEIMATLANDES MIT TREUER LIEBE DER VERFASSER Linz , im Christmonate 1864 Vorwort In meiner Kindheit traten mir schon öfter Spuren eines Geschlechtes entgegen , das im mittäglichen Böhmen gehaust hat und in der Erinnerung und in den Erzählungen des Volkes fortlebte . Als Jüngling ging ich diesen Spuren nach , und habe manchen Tag in den Trümmern der Stammburg dieses Geschlechtes zugebracht . Hierauf strebte das Ding sich in verschiedenen kindischen Versuchen dichterisch zu gestalten . Später fand sich , begleitet von mancher Unterbrechung und Wiederaufnahme , etwas Ernsteres zusammen , und ging in jüngster Zeit der Vollendung entgegen , welche Vollendung wieder durch ein langes Unwohlsein aufgeschoben wurde . Da gaben mir Freunde den Rat , vorerst den Beginn des Werkes vorzulegen , was hiemit geschieht . Wie weit dieses ersprießlich ist , sei einem glimpflichen Urteile anheim gestellt . Mögen die Männer der Geschichte , wenn einige aus ihnen die folgenden Blätter einer Durchsicht würdigen , nicht zu viel Unrichtiges in ihnen finden , und die Männer der Dichtung nicht zu viel Unkünstlerisches , und mögen , wenn mir Gott die Beendigung meines Unwohlseins und eine neue erhöhtere Kraft schenkt , die folgenden Bände besser gelingen als dieser erste . Linz , im Christmonate 1864 . Adalbert Stifter Erster Band 1 Es klang fast wie Gesang von Lerchen . Am oberen Laufe der Donau liegt die Stadt Passau . Der Strom war eben nur aus Schwaben und Baiern gekommen , und netzt an dieser Stadt einen der mittäglichen Ausgänge des bayerischen und böhmischen Waldes . Dieser Ausgang ist ein starkes und steiles Geklippe . Die Bischöfe von Passau haben auf ihm eine feste Burg gebaut , das Oberhaus , um gelegentlich ihren Untertanen Trotz bieten zu können . Gegen Morgen von dem Oberhause liegt ein anderer Steinbühel , auf dem ein kleines Häuslein steht , welches einst den Nonnen gehörte , und daher das Nonngütlein heißt . Zwischen beiden Bergen ist eine Schlucht , durch welche ein Wasser hervorkömmt , das von oben gesehen so schwarz wie Tinte ist . Es ist die Ilz , es kömmt von dem böhmisch-bayerischen Walde , der überall die braunen und schwarzen Wässer gegen die Donau sendet , und vereinigt sich hier mit der Donau , deren mitternächtliches Ufer es weithin mit einem dunkeln Bande säumt . Das Oberhaus und das Nonngütlein sehen gegen Mittag auf die Stadt Passau hinab , die jenseits der Donau auf einem breiten Erdrücken liegt . Weiter hinter der Stadt ist wieder ein Wasser , das aus den fernen mittäglichen Hochgebirgen kömmt . Es ist der Inn , der hier ebenfalls in die Donau geht , und sie auch an ihrer Mittagsseite mit einem Bande einfaßt , das aber eine sanftgrüne Farbe hat . Die verstärkte Donau geht nun in der Richtung zwischen Morgen und Mittag fort , und hat an ihren Gestaden , vorzüglich an ihrem mitternächtigen , starke waldige Berge , welche bis an das Wasser reichende Ausgänge des böhmischen Waldes sind . Mitternachtwärts von der Gegend , die hier angeführt worden ist , steigt das Land staffelartig gegen jenen Wald empor , der der böhmisch-bayerische genannt wird . Es besteht aus vielen Berghalden , langgestreckten Rücken , manchen tiefen Rinnen und Kesseln , und obwohl es jetzt zum größten Teile mit Wiesen , Feldern und Wohnungen bedeckt ist , so gehört es doch dem Hauptwalde an , mit dem es vielleicht vor Jahren ununterbrochen überkleidet gewesen war . Es ist , je höher hinauf , immer mehr mit den Bäumen des Waldes geziert , es ist immer mehr von dem reinen Granitwasser durchrauscht , und von klareren und kühleren Lüften durchweht , bis es im Arber , im Lusen , im Hohensteine , im Berge der drei Sessel und im Blöckensteine die höchste Stelle und den dichtesten und an mehreren Orten undurchdringlichen Waldstand erreicht . Dieser auch jetzt noch große Wald hat in seinen Niederungen vornehmlich die Buche , höher hinauf das Reich der Tanne und des ganzen Geschlechtes der Nadelhölzer , und endlich auf dem Grate der Berge auch oft holz , nicht der Berghöhe , sondern der kalten Winde wegen , die gerne und frei hier herrschen . Von der Schneide des Waldes sieht man in das Tal der Moldau hinab , welche in vielen Windungen und im moorigen Boden , der sich aus dem Walde herausgelöst hat , in die ferneren Gelände hinaus geht . Gegen sie steigt der Wald in breiten dichten Wogen ab , nimmt sie nicht selten in seine Schatten , und läßt sie wieder in Wiesen und Hutweiden hinaus . Und so geht er von ihr in vielen Wellen in mitternächtlicher gegen Morgen geneigter Richtung in das Land Böhmen hinein , bis er nach vielen Stunden , die ein Mann zu wandern hätte , mit der letzten der Wellen , die den Namen Blansko führt , an der Ebene steht , in welcher die Stadt Budweis liegt . Und wenn er in den Talrinnen und tellerartigen Ausbuchtungen auch viele Wiesen Felder und Ortschaften hat , so geht in der Mitte doch der ungeschwächte Waldwuchs von dem Blöckensteine in gerader morgenlicher Richtung über das Hochficht die Schönebene und den Schloßwald hinaus , und in ihm ist keine Lichtung und keine Wohnung . Die Richtung der Moldau ist auch gegen Morgen . Sie ist ganz in dem böhmischen Lande . Ihr Fließen ist in dem Tale des großen Waldes sehr langsam . Unterhalb des Jesuitenwaldes kömmt sie in die Kienberge , die an ihrer linken Seite stehen . Hinter ihnen begegnet sie dem Fels der Teufelsmauer , und ihr Lauf wird an ihm ein rauschender und tosender . Hierauf geht sie noch um schöne Waldhöhen , und noch ein Weilchen gegen Morgen . Dann ändert sie ihre Richtung , wendet sich gegen Mitternacht , und beginnt das Waldland zu verlassen . Ihr Fall bleibt da fortan ein lebendigerer und schnellerer , als er in der moorigen Talsohle des oberen Waldes gewesen war . Sie begegnet noch manchem dichten Fels , dann manchem Waldhaupte , das sie in Schlangen zu umgehen gezwungen ist , und manchem langgedehnten Hange , an dem sie in gerader Richtung hinstreichen muß , bis die Berge immer kleiner werden , die sie leichter umspringt , bis sie nach mehreren Meilen gleich dem Blansko in die Ebene kömmt , in der Budweis liegt . Die bedeutendsten Orte , denen sie in dem Laufe , der genannt worden ist , in den heutigen Tagen begegnet , sind die Flecken Oberplan und Friedberg , die Abtei Hohenfurt und die Städte Rosenberg und Krumau . Zur Zeit , da in Deutschland der dritte Konrad , der erste aus dem Geschlechte der Hohenstaufen , herrschte , da Baiern der stolze Heinrich inne hatte , da Leopold der Freigebige Markgraf in Österreich war , da Sobeslaw der Erste auf dem Herzogstuhle der Böhmen saß , und da man das Jahr des Heiles 1138 schrieb : ritt in der Schlucht zwischen dem Berge des Oberhauses und dem des Nonngütleins - welche Berge aber damals wild verwachsen waren - auf einem grauen Pferde , dessen Farbe fast wie der frische Bruch eines Eisenstückes anzuschauen war , ein Mann von der Donau gegen das mitternächtige Hügelland hinaus . Der Mann war noch in jugendlichem Alter . Ein leichter Bart , welcher eher gelb als braun war , zierte die Oberlippe , und umzog das Kinn . Die Wangen waren fast rosenrot , die Augen blau . Das Haupthaar konnte nicht angegeben werden ; denn es war ganz und gar von einer ledernen Kappe bedeckt , welche wie ein Becken von sehr festem und dickem Stoffe gebildet , so daß ein ziemlich starker Schwerthieb kaum durchzudringen vermochte , dergestalt auf dem Kopfe saß , daß sie alles Haar in ihrem Innern faßte , und an beiden Ohren so gegen den Rücken mit einer Verlängerung hinabging , daß sie auch einen Hieb auf den Nacken unwirksam zu machen geeignet schien . Diese Verlängerung der Hauptbedeckung aber hing nicht lose auf den Nacken herab , sondern lag ihm vielmehr dicht an , und wurde unter dem Wamse geborgen , welches von gleichem Leder den ganzen Oberkörper knapp umhüllte . In den Achselhöhlen war ein Schnitt , daß der Mann den Arm hoch heben konnte , und daß man dann das Linnen seiner innern Kleidung zu sehen vermochte . Von dem nämlichen Leder schien auch die Beinbekleidung des Reiters . All dieses Leder war ursprünglich mattgelb gewesen , und wiewohl man nicht verkennen konnte , daß große Sorgfalt auf seine Erhaltung und Reinigung angewendet worden sei , so mußte man doch zugeben , daß es nicht mehr neu sei , und Spuren von Wetterschäden und ausgetilgten Flecken zeigte . An der Hüfte hing ein Schwert . Eine Art Mantel oder Oberkleid von Tuch oder überhaupt einem Wollstoffe war zusammengeschnürt an den Sattel geschnallt , weshalb man die Gestalt und das Wesen dieses Dinges nicht zu ergründen vermochte . Nur die Farbe schien grau zu sein . Der Reiter hatte keine Feder auf dem Haupte und nirgends ein Abzeichen an sich . Die Hände waren bloß , die rechte war frei , die linke führte die Zügel . Das Pferd hatte größere Hufe und stärkere Lenden , als Kriegs- oder Reitpferde gewöhnlich zu haben pflegen . Da der Reiter die Schlucht hinaus ritt , sah er weder rechts noch links , noch nach der Stadt zurück . Es war eine frühe Stunde eines Tages des Spätsommers , der schon gegen den Herbst neigte . Der Tag war heiter , und die Sonne schien warm hernieder . Das Pferd ging durch die Schlucht in langsamem Schritte . Als es über sie hinausgekommen war , ging es wohl schneller , aber immer nur im Tritte . Es ging einen langen Berg hinan , dann eben , dann einen Berg hinab , eine Lehne empor , eine Lehne hinunter , ein Wäldchen hinein , ein Wäldchen hinaus , bis es beinahe Mittag geworden war . In dieser Zeit langte der Reiter unter einigen hölzernen Häusern an , die den Namen des Hauzenberges führten . Die Häuser lagen in Unordnung zerstreut , und der Grund , auf dem sie standen , war ungleich . Es war hier schon kühler als an der Donau ; denn da in Passau viele Obstbäume standen , ragte hier nur der Waldkirschbaum empor , er stand vereinzelt , und stand in einer Gestalt , die in manchen Teilen zerstückt war , und bewies , daß viele harte Stürme in den Wintern an ihm vorübergegangen waren . In sehr schöner Bildung dagegen stand die Eberesche umher , sie stand bei vielen Häusern , und mischte das Grün ihres Laubes und das beginnende Rot ihrer Trauben zu dem Grau der Dächer . Die Herberge war ein Steinhaus , stand auch neben Ebereschen , und hatte ein flaches , weit vorspringendes Dach , auf dem große Granitstücke lagen . Die Tragebalken gingen weit hervor , und waren zierlich geschnitzt und rot bemalt . In der Gassenmauer war eine Tür , deren Pfosten rot angestrichen waren . Sie führte in die Schenkstube . Nicht weit von ihr war ein Tor , das in den Hof ging . Auf der Gasse standen mehrere steinerne Tische . Weiter zurück waren Pflöcke , die in die Erde eingerammt waren , und dazu dienten , daß man Pferde an sie anhängen konnte . Wieder weiter von diesen Pflöcken entfernt waren auch noch ein paar offene Schoppen , um Pferde unter ihr Dach führen zu können . Hinter den Schoppen stand Waldwuchs . Der Reiter ritt , da er bei diesen Häusern angekommen war , auf dem schmalen Weglein gegen das Wirtshaus , dort hielt er an , und stieg ab . Er führte sein Pferd zu einem der Pflöcke , nahm ihm die Gebißstangen aus dem Munde , zog eine Halfter aus der Satteltasche , und band es mit derselben an den Pflock . Da dies geschehen war , nahm er Wollappen von der Größe starker Männerhände aus dem Sattel , und strich mit den Lappen wechselnd die Seiten und andere Teile des Tieres . Als er damit fertig war , und die Lappen ausgeschüttelt hatte , leitete er noch seine bloße flache Hand an den Weichen und dem Rücken des Tieres hin , welches ihn dabei anblickte . Dann breitete er den Mantel über dasselbe . Als er diesen auseinander gefaltet hatte , sah man , daß er ein sehr einfaches kunstloses Stück Stoff von grober Wolle und grauer Farbe sei . Dem Pferde gab er weder Nahrung noch Getränke , sondern ließ es stehen , und ging zu einem der steinernen Tische , an dem niemand war , und setzte sich vor demselben nieder . Auf der Bank , die vor dem Hause hinlief , saß ein Mann , von dem Halse bis zur Sohle in das gleiche Stück groben braunen Tuches gekleidet . Das Tuch lag fest an seiner schlanken Gestalt . Um die Schultern hatte er ein sehr kurzes Mäntelchen mit Ärmeln , das von grauer Farbe war , und noch gröberes Tuch zeigte als die andere Bekleidung . Schwere Schuhe hüllten die Füße ein . Sonst hatte er nichts auf seinem Körper . Der Kopf war ohne Bedeckung , und wucherte mit dem dichtesten kurzen und so krausem schwarzen Haare , als wäre jedes einzelne Fädchen desselben zu einem Ringe gebogen worden . Um das Kinn , auf der Oberlippe und an den Seiten des Angesichtes war dasselbe kurze Haar , aber wo möglich noch krauser . Aus diesem Schwarz sah ein rotes junges Angesicht mit sehr großen schwarzen Augen heraus . Der Mann band mit seinen Händen einen festen Eisendraht gitterartig um einen geklüfteten irdenen Topf . Der Reiter saß mit seinem Angesichte dem Manne gegenüber . Seitwärts des Reiters , etwa zehn Schritte von ihm entfernt , saßen an einem Brettertische zwei andere Männer . Sie hatten sehr beschmutzte Lederkoller an . Die untere Bekleidung konnte man der sehr breiten Tischplatte willen nicht sehen . Ihre Lederhauben lagen auf dem Tische . Der eine hatte rotbraune Haare und einen roten Bart , der andere war schwarzhaarig ; aber in das Schwarz war schon sehr viel Weiß gemischt . Der Rotbart schien um die dreißig Jahre zu sein , der Graubart um die fünfzig . Beider Angesichter waren stark gebräunt . Vor ihnen stand ein großer grauer Steinkrug mit blauen Blumen . An der Bank neben dem Tische lehnte eine Armbrust , auf der Bank aber lag ein eisenspitziger Stock , den man auch einen Speer nennen konnte . Sonst war kein Gast auf der Gasse , als an dem entferntesten kleinsten Tische ein Kärrner , der seinen Karren mit Ware , die vielleicht Töpfergeschirr sein konnte , neben sich hatte . Ob in der Schenkstube jemand war , konnte man nicht sehen . Nur das Federvieh des Wirtes ging in der Sonne herum , und pickte zu Zeiten ein Körnchen vom verstreuten Pferdefutter . Da sich der Reiter an dem Tische niedergesetzt hatte , kam auch der Wirt im Bocklederwamse dunkeln Unterbeinkleidern und platter Haube aus der Tür mit den roten Pfosten . Er näherte sich dem Tische , an welchem der junge Reiter saß , und sagte : » Werdet Ihr etwas bedürfen , was unser Haus geben kann ? « » Wohl , wenn Ihr mir zu Diensten seid « , entgegnete der Reiter , » es ist nur wenig . Sendet mir ein Stückchen Fleisch , ein Brod und einen Trunk Bier . Und wenn ich gegessen habe , dann schickt mir einen Knecht heraus , daß ich ihm sage , was ich für mein Pferd brauche . « » Ich werde nur selber Euer Pferd betreuen « , antwortete der Wirt . » Es wäre mir lieber , wenn Ihr gerade so tätet , wie ich Euch gebeten habe « , entgegnete der Reiter . » Es ist auch gut « , sagte der Wirt , und entfernte sich . Sogleich kam ein Mädchen aus dem Hause , das rote Wangen hatte , und dem zwei lichtgelbe Zöpfe von dem Nacken über den roten Latz und das wollene schwarze Untergewand herab hingen . Das Mädchen deckte frisches Linnen auf den rauhen Stein des Tisches , und stellte Schüsselchen , und legte Messer und Gabel auf das Linnen . Dann brachte es dem Reiter in einem grauen Kruge , der auch blaue Blumen hatte , Bier und endlich ein Stück gebratener Rindschnitte und ein Laiblein Brod . Der Reitersmann zerschnitt das Fleisch und das Brod , verzehrte beides , und trank das Bier . Als er fertig war , kam der Wirt , und wollte den Krug wieder füllen ; der Reiter aber legte die Hand auf den Rand des Gefäßes , und sagte : » Es ist genug , ich habe meinen Durst gestillt . Sendet mir jetzt den Knecht , daß mein Pferd sein Obsorge erhalte . « Von dem Nebentische streckte der Rotbart dem Wirte den blaugeblümten Krug hin , daß er ihn wieder fülle . Der Wirt ging mit dem Kruge in das Haus . Als der Knecht zu dem Tische des Reiters gekommen war , und nach seinem Begehr gefragt hatte , sagte dieser : » Mache , daß eine Magd mit Wasser , Stroh und Sand ein wenig eine Pferdekufe reinige . « Da der Knecht den Reitersmann ansah , als habe er ihn nicht recht verstanden , sprach dieser neuerdings : » Ich muß meinem Pferde Reinlichkeit geben , darum lasse mir eine Kufe auswaschen . « Der Knecht holte nun eine Magd , welche in einem Kübel Wasser , dann Stroh und Sand brachte , um damit eine der hölzernen Kufen zu scheuern , die als Pferdefuttertrog vor dem Hause standen . Der Reiter war von seinem Tische aufgestanden , sah der Arbeit zu , und leitete sie . Als sie fertig war , wurde die Kufe vor sein Pferd gestellt . Der Reiter nahm nun selber den flachen länglich runden Korb , in dem der Knecht Haber gebracht hatte , in seine Hände , schüttelte den Haber , und gab dann einen Teil davon , mit seinen Händen abgemessen , dem Pferde in die Kufe . Als dieses davon fraß , und in seinem Fressen fortfuhr , ging der Reiter wieder zu seinem Tische , setzte sich dort nieder , und sah vor sich hin . Nachdem eine gehörige Zeit vergangen war , stand der Reiter wieder auf , und ging zu seinem Pferde . Er ordnete ihm neuerdings sein Futter , und gab ihm jetzt auch Heu , welches der Knecht gebracht hatte . Er blieb nun bei dem Pferde stehen . Da näherte sich einer der zwei Männer , welche nicht weit von dem Reiter gesessen waren . Es war der ältere , der mit den grauen Haaren . Als er nahe genug war , sagte er zu dem jungen Manne : » Das ist ein schönes Tier , ein starkes Tier , es wird auch gewiß sehr schnell sein . « » Ja es ist ein gutes Tier , und für mich reicht seine Schnelligkeit hin « , sagte der junge Reiter . Der andere fuhr nach einer Weile fort : » Ihr müßt es den Leuten hier nicht übel nehmen , wenn sie den Umgang mit Euch nicht verstehen , sie haben keinen Unterricht . Es kommen selten hier angesehene Reiter herauf ; denn da ist kein ordnungsmäßiger Heerweg , es sind keine Orte hier , die einen vielfältigen Wandel mit einander hätten , und die Hügel und die Schluchten des Bodens sind auch nicht geeignet , daß hier Fehden ausgetragen würden . Der Gastherr ist schier nur ein Bauer , und weiter hinauf sind gar lauter Wälder , in denen kein Mensch ist . Aber dahin seid Ihr gewiß nicht gekommen , und werdet nicht kommen . « » Ich bin mit der Nahrung , die ich in diesem Hause erhalten habe , zufrieden « , antwortete der Reiter , » der Haber ist für mein Pferd gut , und das Heu auch . « » Ja , ja « , antwortete der andere , » aber wie man mit vornehmen Leuten auf eine höfliche Art umgehen soll , das wissen sie hier nicht . « » Ich bin nicht vornehm « , sagte der Reiter . » Es kann sich jetzt in diesen Kriegen viel begeben « , fing der andere wieder an , » es können Boten und Reisige unterwegs sein und Wege und Pfade einschlagen , auf die man gar nicht dächte . « » Mir sind nur Landbewohner begegnet « , antwortete der junge Reiter . » Dann müßt Ihr von Passau herauf gekommen sein « , sagte der andere . » Es vereinigen sich mehrere Wege unterhalb dieser Häuser « , erwiderte der Reiter . » Das ist wahr « , entgegnete der andere . » Es gibt schlechte Menschen , die einem Boten auflauern könnten , um Lohn zu erhalten . Da ist der Herzog Heinrich , ein edler Mann , ein reicher Mann , ein mächtiger Mann , der Schwiegersohn unsers seligen Kaisers - Gott segne den Kaiser in der Ewigkeit - der Herzog hat die Kleinode , und wird sie nicht herausgeben . Dann ist der König Konrad , der erlauchte Herr aus dem Hause der Staufen . Dann ist der heilige Herr , der Erzbischof von Trier , dann der Markgraf Leopold von Österreich , ein junger Herr . Er ist der Stiefbruder des neuen Königs , und wird zu ihm stehen . Der Herzog Sobeslaw in Böhmen ist schon älter , und hat Erfahrung . « » Ich habe noch keinen dieser Herren gesehen « , antwortete der Reiter . » Ja , Ihr seid noch jung « , sagte der andere , » und könnt Euer Glück in der Welt schon finden . Es wird Gnaden und Ehren geben . Ich bin schon alt , und kann nichts tun , als für die hohen Häupter beten . Ich wünsche Euch , daß Ihr recht viel Glück habt , junger Herr , und bringt es vorwärts . « » Nun , da Ihr mir Gutes wollt , so werde ich Euch schon auch einmal einen Dienst erweisen , so Ihr einen von mir braucht « , erwiderte der Reiter . » Gutes , nur lauter Gutes « , sagte der andere , und begab sich wieder zu seinem Gefährten an den Tisch . Da nun dieser Mann von dem Reiter fortgegangen war , so war noch ein anderer da . Der Krauskopf stand in einiger Entfernung , und betrachtete das Pferd mit seinen schwarzen Augen . Er mußte mit seinem Geschäfte fertig geworden sein . Da der Reiter seinem Pferde die Nahrung zusammengestrichen hatte , sah er auf den Krauskopf , und sagte : » Bewunderst du auch mein Pferd ? « Dieser ging nun näher , und antwortete : » Ich bewundere es schon lange , schon so lange Ihr da seid . Hat der andere es auch bewundert ? Nun , ich kann es mir denken . « » Kannst du reiten ? « fragte ihn der junge Mann . » Ja , ich kann reiten « , antwortete der andere , » und brauche keine Bügel und keine Sporen und keinen Sattel . Ich reite barfuß , mit den Knieen , mit den Fersen und mit den Fäusten . « » Das muß ein schönes Reiten sein « , sagte der junge Mann . » Ja « , erwiderte der Krauskopf , » ein gutes ist es , sie bringen mich nicht herab , wenn sie schlagen , beißen , steigen und springen . « » Hast du ein Pferd ? « fragte der Reiter . » Ich habe selber kein Pferd , ich habe gar nie einmal eines gehabt ; aber ich reite mit den Pferden der andern . « » Und lassen die andern dich auf ihren Pferden reiten ? « fragte der junge Mann . » Ja , von der Weide und in die Schwemme « , entgegnete der Krauskopf . » Es gehen Pferde auf dem Anger herum , und wälzen sich , oder fressen . « » Sind es gute Pferde ? « fragte der Reiter . » Ja , gute Pferde « , antwortete der andere , » es ist ein Unterschied , einige sind stärker , andere schwächer , aber so zierlich schön und glatt wie das Eurige ist keines . Ich möchte einmal auf einem solchen Pferde sitzen , auf einem Sattel , und die Füße in diese eisernen Schlingen da stecken . « » Dazu muß man Geschick haben « , sagte der Reiter . » Wer schwimmt , und Rabennester abnimmt , auf Stangen über einen Bach geht , und einen Stier fängt , wird doch auch auf einem solchen Sattel sitzen können . « » Ja , das Sitzen ist leicht « , sagte der Reiter , » aber das Pferd zu leiten , daß es vernünftig ist , und den Willen des Reiters weiß . « » Das würde ich schon machen « , antwortete der Krauskopf . » Ich würde mein Pferd zuerst pflegen , wie Ihr tut . « » Das ist gut « , sagte der Reiter . » Ihr habt den eigenen Mantel darauf gelegt , « erwiderte der andere , » daß es sich nach dem scharfen Ritte nicht verkühle . « » Siehst du , daß du die Behandlung der Pferde nicht kennst « , sagte der Reiter ; » nach einem scharfen Ritte darf man die Pferde , auch wenn sie mit einem Mantel bedeckt werden , nicht stehen lassen , sondern man muß sie herum führen , erst schneller , dann langsamer , daß sie die Wärme gemach verlieren , und für Futter und Trank tauglicher werden . « » Warum habt Ihr denn Euer Pferd dann sogleich stehen gelassen ? « fragte der andere . » Weil ich gar nicht scharf geritten bin « , antwortete der Reiter . » Ihr seid nicht scharf geritten ? « fragte der Krauskopf , und sah den Reiter starrer an . » Wenn nicht Schnelligkeit nötig ist « , entgegnete der junge Mann , » so lasse ich das Pferd seinen langsamen Schritt gehen . Es dankt mir dann ein ander Mal , wenn ich Kraft und Schnelligkeit brauche . « » Das ist sehr gut « , sagte der Krauskopf . » Ich würde meinem Pferde Treue erweisen , daß es mir wieder treu würde , und mir folgte . « » Daran würdest du sehr wohl tun « , sprach der Reiter . » Weil ich die Wege in dem Walde kenne und weiß , wie alle Menschen im Walde und ihre Hunde heißen , so würde ich auch den Willen eines Pferdes kennen « , sagte der andere . » Kann sein « , entgegnete der Reiter . » Ich werde aber nie ein Pferd haben « , sagte der Krauskopf . » Warum denn nicht ? « fragte der Reiter . » Weil ich nie so viele Pfennige haben werde , mir eins zu kaufen « , entgegnete der andere . » Ja so « , sagte der Reiter . » Und wenn ich der erste Knecht des Waldes wäre , so könnte ich mir nie ein so ritterliches Pferd kaufen , wie das Eurige ist . Mit einem ritterlichen Pferde würde ich Erkleckliches bewirken « , sagte der Krauskopf . » Ja , da wirst du nie eines bekommen « , entgegnete der junge Mann . » Wenn ich im Kriege bei den Unsrigen eine Lanze ergriffe , zu den Feinden ginge , ihnen ein Pferd nähme , und darauf zu uns zurück ritte : gehörte das Pferd mir ? « » Es wäre Beute « , sagte der Reiter . » Gehörte es mir ? « fragte der andere wieder . » Wenn du kein Wege- und Gelegenheitslagerer bist , sondern ein zugeteilter Kriegsknecht , und wenn du das Pferd nicht in der allgemeinen Schlacht oder sonst in einem Angriffe erwirbst , sondern wenn du allein hinüber gehst und es allein herüber bringst , so wird man es dir wohl lassen « , antwortete ihm der Reiter . » So werde ich also tun « , entgegnete der Mann . » Tu es , mein Freund « , sagte der Reiter . Das Pferd war indessen mit seiner Nahrung lässiger geworden , und hatte öfter umgeblickt . Der Reiter ließ ihm Wasser bringen , und tränkte es , dann mischte er ihm wieder etwas Haber in seine Kufe . Während es denselben verzehrte , blieb er dabei stehen . Der Krauskopf blieb auch stehen , und sah zu . Als das Pferd fertig war , wurde es noch einmal getränkt , und der Reiter wischte ihm dann die Lippen ab , und die Kufe wurde seitwärts gestellt . Hierauf ging der junge Mann zu seinem Tische , und verlangte nach dem Wirte . Als dieser erschienen war , fragte er ihn : » Was bin ich Euch schuldig ? « » Die Zehrung macht siebenzehn Pfennige , und das Waschen des Troges macht drei Pfennige « , sagte der Wirt . Der Reiter nestelte auf der Brust ein wenig sein Wams auf , und zog ein Beutelchen heraus . Er las aus demselben den Betrag , reichte ihn hin , zog das Beutelchen zu ,