Lewald , Fanny Von Geschlecht zu Geschlecht www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Fanny Lewald Von Geschlecht zu Geschlecht Erste Abtheilung Der Freiherr Erstes Buch Erstes Capitel Die Herrschaft Richten war eine der reichsten Besitzungen in der Monarchie , und die Freiherren von Arten , denen sie gehörte , eines der ältesten Geschlechter des inländischen Adels . Sie waren am Hofe wohlgelitten , in der Provinz , in welcher ihre Besitzungen lagen , geachtet und beliebt , und jene ruhige Vornehmheit , welche die alten Geschlechter kennzeichnete , hatte in den Freiherren von Arten stets ihre würdigsten Vertreter gefunden . Es war damals aber auch das goldene Zeitalter für den Adel . Die Standesunterschiede wurden in der Gesellschaft noch aufrecht erhalten , und hatten doch aufgehört , eine Schranke für den Edelmann zu sein , wenn er geneigt war , sich gelegentlich über dieselbe fortzusetzen . Sie schützten ihn , ohne ihn zu hindern . Die Vorrechte des Adels waren groß im Staate , seine Pflichten und Lasten für das Allgemeine sehr gering . Der Grundbesitz war fast ausschließlich in seinen Händen , und man hatte trotzdem bereits angefangen , die Güter gewerblich zu benutzen und ihren Ertrag dadurch zu erhöhen . In den Fürstenschlössern , in den Richter-Collegien , in der Verwaltung und im Militär , überall herrschte der Adel vor , und daneben hatte er sich vielfach eine Bildung erworben , die zu besitzen er stolz war . Er hatte sich den Gelehrten , den Schriftstellern , den Künstlern und Dichtern genähert und befreundet , da er selbst bedeutende Menschen und schöne Talente in seinen Reihen zählte , und während man sich auf diese Art völlige Freiheit für jedes Streben und Thun zu sichern verstand , wagten die bürgerlichen Klassen es noch nicht , dem Adel die Vorrechte streitig zu machen , welche er sich angeeignet hatte und nun seit Jahrhunderten besaß . Kamen diese Glücksgüter und Privilegien rohen Naturen in die Hände , so boten die eigene Gerichtsbarkeit und die theilweise noch zu Recht bestehende Leibeigenschaft den Gutsherren die Mittel zu einer Tyrannei , unter welcher das Land und die Leute schwer zu leiden hatten ; und Selbstsucht und Willkür auf der einen Seite erzeugten dann auf der anderen einen Haß und eine Aufsässigkeit , die um so erbitterter wurden und um so tiefer wurzelten , je weniger sie sich kund zu geben vermochten . Gelangten aber wohlwollende und gebildete Edelleute zu dem Gebrauch solcher aristokratischen Rechte und Macht , so bildete sich durch ihren vorsorglichen und mäßigen Gebrauch zwischen der Gutsherrschaft und ihren Hörigen ein Verhältniß des Schutzes und der anhänglichen Dankbarkeit heran , welches in den Edelleuten das Gefühl einer gewissen Souverainetät entstehen ließ und ihnen neben dem Bewußtsein ihrer großen persönlichen Freiheit eine würdevolle Herablassung verlieh , die sie beliebt und dadurch liebenswürdig machte . Der Freiherr Franz von Arten , welcher die Herrschaft Richten zu Ende der achtziger Jahre im vorigen Jahrhundert besaß , war in diesem Sinne das Musterbild eines Edelmannes . Er hatte eine vortreffliche Erziehung genossen , hatte viele Jahre seiner Jugend auf Reisen zugebracht , lange und mit großem Erfolge an den verschiedenen Höfen von Europa verweilt , und sich dadurch jene weltmännische Gewandtheit zu eigen gemacht , welche ihm den Anspruch gab , unter seinen Standesgenossen für einen vollkommenen Cavalier zu gelten . Aber neben den leichten , gefälligen Formen hatte er , wie die Richtung jener Zeit es eben mit sich brachte , sich auch eine schönwissenschaftliche und künstlerische Bildung erworben , und Schloß Richten , das von seiner mäßigen Höhe weithin über das rundum flache Land bis zu den fernen Gebirgen hinabsah , zeigte in seinem Aeußern wie in seiner inneren Einrichtung , daß es von einem eben so prachtliebenden als gebildeten Edelmanne bewohnt werde . So lange sein Vater lebte , hatte der Baron sich trotz aller Vorstellungen desselben nicht zur Ehe überreden lassen . Er fühlte sich nach den Erfahrungen , welche er bei den Frauen gemacht hatte , nicht geneigt , seine Zufriedenheit und seine Zukunft weiblichen Händen dauernd anzuvertrauen , und erst das Ableben seines Vaters , das den Baron als den letzten Arten von der Linie Richten antraf , brachte ihm mit der Pflicht , für das Fortbestehen seines Stammes zu sorgen , den Entschluß , sich zu vermählen . Der Baron war damals in der Mitte seiner vierziger Jahre und ein schöner Mann . Hätte er bis dahin weniger Erfolg bei den Frauen gehabt , so würde er vielleicht in diesem Alter noch das Verlangen gefühlt haben , eine Heirath zu schließen , an welcher das Herz lebhaften Antheil genommen . Er hatte aber viel geliebt und zweifelte gar nicht daran , Neigung zu erwecken , wo er solche anzuregen und zu gewinnen wünschte . Er schritt daher sehr kaltblütig zu einer Wahl und hielt sich bei derselben nicht eben lange auf . Nächst den Freiherren von Arten waren die Grafen Berka das angesehenste Geschlecht der Provinz . Die Ahnenreihe der Herren von Arten reichte allerdings weiter in die Vergangenheit zurück , dafür hatten aber die Grafen Berka dem Lande in dem letzten Jahrhundert einen seiner bedeutendsten Feldherren und einige einflußreiche Staatsmänner gegeben , und reich waren die Häuser , eines wie das andere . Nur ein wesentlicher Unterschied waltete zwischen ihnen ob . Die Grafen Berka waren , wie der ganze Adel der Provinz und wie das ganze Landvolk , protestantisch ; die Herren von Arten hingegen hatten in den Heeren des deutschen Kaisers gefochten bis zum Ende des dreißigjährigen Krieges und waren Katholiken geblieben für und für . Indeß der Adel war im Allgemeinen in jenen Tagen , von denen wir erzählen , nicht orthodox , und Baron Franz fand in sich kein Bedenken gegen eine Ehe mit einer nichtkatholischen Frau . Die Frauen des Berka ' schen Geschlechtes waren zudem fast alle schön , es umgab sie der Ruf strengen Wandels , und die Verehrung , welche sie genossen , hatte ihnen jene Ruhe und Sicherheit in der äußeren Erscheinung gegeben , welche den Frauen des hohen Adels so viel anmuthige Freiheit verleiht . Mit einer Gräfin Berka glaubte der Baron am wenigsten zu wagen . Die einzige Tochter des Hauses zeigte sich ihm nach kurzer Bewerbung geneigt , die Eltern gaben mit Freuden ihre Einwilligung ; noch ehe der Herbst herankam , wurde die Zeit der Hochzeit festgesetzt , und der erste Nachtreif ruhte auf dem Lande , als man in Berka eines Abends den Ehevertrag des Barons mit Comtesse Angelika unterzeichnete . Der Baron befand sich dabei in der angenehmsten Verfassung . Die zurückhaltende Zärtlichkeit seiner Braut hatte einen eigenthümlichen Reiz für ihn , die Aussicht , das schöne Mädchen bald sein eigen zu nennen , regte ihn angenehm auf . Er war von den mancherlei Festen hingenommen , welche man zu Ehren der Verlobten in den beiderseitigen Familien auf den verschiedenen Besitzungen derselben veranstaltete , und dazwischen beschäftigten ihn die Vorkehrungen , die er in seinem Schlosse traf , um es vor der Ankunft seiner jungen Gattin in einer Weise einrichten zu lassen , die ihrer und seiner Bequemlichkeit , ihrem und seinem Geschmacke genügen konnte . Etwa vierzehn Tage vor seiner Hochzeit befand er sich eines Mittags in dem für seine Frau bestimmten Wohnzimmer . Sein Caplan war bei ihm , und sie überlegten gemeinschaftlich , ob man die beiden antiken Statuen des Amor und der Venus , welchen man neue Postamente gegeben hatte , neben dem Kamine oder in den Ecken des Zimmers aufstellen lassen solle . Als der Baron sich eben für das Letztere entschieden hatte , weil Kunstwerke , wenn sie neben dem Kamin stehen , die Aufmerksamkeit , welche den Lebenden , welche der Gesellschaft zukommt , auf sich zu lenken pflegten , brachte der Diener ihm einen Brief . Der Freiherr blickte das Schreiben an , steckte es , ohne es zu öffnen , in die Tasche und versetzte kurz : Sag ' Er , ich sei beschäftigt ! Dem Diener schien diese Abfertigung des Briefes nicht aufzufallen , der Baron war offenbar in seiner heiteren Stimmung gestört worden . Er trat noch ein paar Mal hieher und dorthin , die Wirkung der Statuen zu beurtheilen , dann entließ er die Diener , welche dabei behülflich gewesen waren , und ging langsam im Zimmer auf und nieder , als wolle er den Eindruck prüfen , welchen es auf den Beschauer bei einem ersten Anblicke machen würde . Er war mit seiner Einrichtung zufrieden . Die gediegene Pracht that der Wohnlichkeit keinen Abbruch , es stimmte Alles zusammen , und was die Schönheit des Raumes noch erhöhte , das war der unbegrenzte Blick in die Ferne , den das Zimmer aus seinen hohen Bogenfenstern darbot . Der Tag war sonnig , die Luft so fein , daß sie dem Blicke nirgend ein Hinderniß entgegenstellte . Auf dem Rasenplatze vor dem Schlosse lag stellenweise noch der weiße Reif , unter welchem das Gras sommerlich grün und frisch hervorsah . Die weithin sich erstreckenden gradlinigen Hecken von Buchsbaum , die scharf zugespitzten Obelisken und Taxus-Pyramiden hatten durch die späte Jahreszeit noch nichts von ihrer Farbe und Form verloren . Sie entsprachen auch jetzt noch der architektonischen Absicht : die herrschaftliche Wohnung über die Grenze des Hauses hinaus in das Freie fortzusetzen , und am Ende des Gartens hoben sich die Bäume des sogenannten Bosquets empor , majestätische Kiefern , deren braunrothe Stämme , wie die Pinien , breite , grüne Kronen trugen , und prächtige Eichen , noch voll von ihrem üppigen und jetzt goldgelb gefärbten Laube . Der Baron ging an das eine , dann an das andere Fenster . Er hatte Neigung genug für seine Braut gewonnen , um sich von ihrer Zufriedenheit Genuß zu versprechen , und es freute ihn , seiner edlen Gattin diese Heimath bieten zu können . War es Zufall oder Absicht , sein Blick fiel in den Spiegel , als er sich zurück in ' s Zimmer wendete , und ohne daran zu denken , richtete er sich dabei mit Selbstgefühl empor . Er war ein Mann , der gefallen konnte , gefallen mußte . Die große , breitbrüstige Gestalt entsprach dem stolzen Kopfe vollkommen . Der prächtige Haarbeutel fiel vornehm über den kräftigen Nacken auf den niedrigen Kragen des gestickten , breitschößigen Tuchrockes herab ; die fein gepuderten Seitenlocken machten die Gesichtsfarbe noch brauner und frischer , die dunkeln Augen noch lebendiger aussehen , und als der Baron sich nach dieser unwillkürlichen Musterung der persönlichen Vorzüge , die er seiner Erwählten darzubieten hatte , auf dem Kanapee niederließ , hätte Jeder ihn in der besten Stimmung glauben müssen , der ihn weniger lange kannte , weniger genau zu beobachten gewohnt war , als sein Caplan . Nur um einige Jahre älter als der Baron , war er einst als Erzieher desselben in das von Arten ' sche Haus gekommen und hatte später den jungen Freiherrn als Gouverneur auf dessen erster großer Reise begleitet . Er war es denn auch gewesen , der den Geschmack des jungen Edelmannes für die schönen Wissenschaften und für die Künste entwickelt und gepflegt hatte . Was aber den gebildeten und ehrgeizigen jungen Geistlichen später bewogen , sein Leben ganz dem Dienste des freiherrlichen Hauses zu weihen , statt an irgend einem Collegium oder in der Kirche die Laufbahn zu verfolgen , für die er sich vorbereitet hatte und welche seinen Fähigkeiten und Kenntnissen entsprechend gewesen wäre , das war eigentlich selbst der freiherrlichen Familie ein Räthsel geblieben . Indeß sie hatte zu benutzen gewußt , was sich ihr dargeboten hatte . Der Freiherr besaß in seinem Caplan neben einem sehr formvollen und gelehrten Gesellschafter zugleich einen Bibliothekar und Archivar , und die Familie von Arten hatte in ihm einen geistigen Berather , dessen Treue , dessen umsichtige Verläßlichkeit sich bei den verschiedensten Gelegenheiten eben so tröstend als klug vermittelnd und versöhnend bewährt hatte . Gemeinsame Jugenderinnerungen und ein langes gemeinsames Leben hatten den Baron und den Caplan zu Freunden gemacht , so weit Herr und Diener , so weit ein auf seine Standesvorrechte stolzer Edelmann und ein auf seine Würde achtsam haltender Geistlicher , so weit ein freier Lebemann und ein Mann von Selbstbeherrschung und von dem strengsten Lebenswandel Freunde sein konnten . Der Baron war ein Freidenker in Bezug auf die Dogmen der Religion , aber er hatte eine lebhafte Phantasie , und während er die biblischen Wunder leugnete , war er sehr geneigt , nach der Weise seiner Zeit , an das Wunderbare zu glauben . Der Caplan seinerseits war ebenfalls nicht streng orthodox , indeß er war ein eifriger und treuer Bekenner seiner Kirche und hielt für seine Person unwandelbar an dem Moral- und Sittengesetze derselben fest . Er hatte Anfangs die Verbindung des Barons mit einer Protestantin , so weit es an ihm lag , zu verhindern gesucht . Als er dann aber gesehen , daß der Entschluß desselben einmal gefaßt sei , hatte er sich durch die vortrefflichen Eigenschaften der jungen Gräfin mit der Absicht des Freiherrn ausgesöhnt , und zufrieden , daß derselbe überhaupt zur Ehe schreite , das Weitere vertrauensvoll der Zukunft überlassen . Wenn der Baron sich dem Geistlichen überlegen fühlte , weil er sich das Recht zuerkannte , sein Leben nach seinem Ermessen zu führen und zu genießen , so gaben dem Caplan seine makellosen Sitten und seine gründliche Gelehrsamkeit ein moralisches Uebergewicht über den Baron , das um so schwerer in die Wage fiel , als ruhige Menschenbeobachtung und Welterfahrung den Geistlichen milde und nachsichtig für fremde Schwäche gemacht hatten . Da nun der Baron von weichem Herzen war und das Gute liebte und that , sofern es ihm keine großen Opfer kostete , und da er in seinem Leben auf äußern Anstand hielt , so hatte der Caplan unter dem Schutze seines Herrn vielfach nützlich wirken , viel Gutes fördern , manches Unrecht verhindern oder vergüten können , und beide waren in der Regel mit einander auch wohl zufrieden gewesen . Der Caplan wußte viel Lobenswerthes an seinem Herrn zu würdigen ; der Baron rühmte sich , einen verläßlichen Freund und einen wahren Schatz an Jenem zu besitzen , und eben diesen Morgen hatten sie bei Aufstellung der Statuen wieder eine recht angenehme Stunde mitsammen zugebracht . Auch jetzt , als der Baron dem Caplan gegenüber Platz genommen hatte , sagte er , noch einmal nach den beiden Ecken des Gemaches hinblickend , als habe ihn bis dahin nichts Anderes beschäftigt : Die beiden Figürchen behaupten sich doch überall ! Sie werden , denke ich , meiner Frau in diesem Zimmer Vergnügen machen , wenn schon ich freilich an eine Frau nicht dachte , als ich sie damals in Neapel erstand . Gewiß ! sie nehmen sich hier noch besser aus , als in der Bibliothek . Die halbe Lebensgröße schrumpfte in dem hohen Saale zu sehr zusammen , bestätigte der Caplan , der schon früher mehrmals vorgeschlagen hatte , die Statuen aus dem Bibliotheksaale zu entfernen und hier aufzustellen . Eine kleine Weile saßen die beiden Männer schweigend sich gegenüber . Des Barons Blicke glitten von einem Gegenstande auf den anderen , selbst seine Stellung wechselte er ungewöhnlich oft . Dem Caplan entging das nicht . Er lehnte gelassen in seinem Sessel . Den Kopf auf die Hand gestützt , sah er dem Spiele der Flammen im Kamine zu , es ruhig erwartend , was der Baron ihm mitzutheilen haben werde . Denn daß dieser ihm eine Eröffnung zu machen gedenke , davon hielt er sich überzeugt . Wissen Sie , lieber Freund , nahm der Baron denn auch mit einem Male das Wort , ich fange an , mit einer Art von Vergnügen an die Ehe zu denken , so schwer mir der Entschluß dazu Anfangs auch geworden ist . Ja , ich habe Stunden , in denen ich es bedauern könnte , mich nicht früher verheirathet zu haben . Dieses Bedauern ist vielversprechend für die Zufriedenheit Ihrer Zukunft , gnädiger Herr , versetzte der Caplan verbindlich . Ich glaube das selbst , fuhr der Baron fort . Wäre es freilich nach meinem verstorbenen Vater und nach Ihnen gegangen , so hätte ich mich schon vor zwanzig Jahren verheirathen müssen , und es mag vielleicht recht gut sein , wenn man sich in der Jugend mit aller Schwärmerei der ersten Liebe zur Ehe entschließt . Sie hat uns dann für das Opfer , für das nicht hoch genug anzuschlagende Opfer unserer Freiheit , neue Genüsse und große Entzückungen zu bieten , die sie uns später , wenn wir die Frauen kennen und den Werth der Ungebundenheit erst völlig schätzen lernten , nicht mehr zu gewähren hat . Ein fertiger Mann befindet sich einem jungen Mädchen gegenüber doch immer in der Lage , ohne alle eigenen Illusionen großen Illusionen entsprechen zu sollen , und Sie müssen mir zugeben , daß dies seine bedenkliche Seite hat . Der Caplan blickte mit dem Ausdrucke einer gewissen Verwunderung den Sprechenden an , dessen Worte etwas ganz Anderes aussagten , als die Einleitung hatte vermuthen lassen . Der Freiherr bemerkte dies , und schnell einlenkend , sprach er : Trotz dieser Einsicht , die sich ein Mann wie ich nicht fortphilosophiren kann , ist meine bevorstehende Gebundenheit mir erwünscht . Auch die Lust an der Freiheit , an der Selbstbefriedigung erschöpft sich , und ich stelle es mir angenehm vor , das Glück eines jungen Wesens zu machen , das mir vertrauensvoll sein Leben in die Hand giebt . Es mag in solchem Gefühle sich das herannahende Alter verkünden , aber in der That , ich empfinde so ! Ein kaum merkliches Lächeln in seinen Mienen widersprach jedoch dieser Behauptung über sein alter , und der Caplan wußte zudem , daß der Freiherr es niemals ernstlich meinte , wenn er desselben erwähnte , ja , daß er in solchen Fällen immer auf einen Widerspruch rechnete . Aber diesmal fand der Caplan es nicht angemessen , ihm die Genugthuung eines solchen Widerspruches zu gewähren . Er bemerkte daher nur , daß die junge Gräfin liebreich und liebebedürftig erscheine , daß der Baron also darauf rechnen könne , für seine beabsichtigte Hingebung durch eine schöne Zärtlichkeit belohnt zu werden , und daß überdies seine reife Erfahrung ihm neben der jungen Frau die Möglichkeit gewähren werde , dieselbe nach seinen Wünschen und Bedürfnissen zu erziehen . Gewiß ! gewiß ! rief der Baron mit einer Ungeduld , die bei dem ruhigen Gange dieser Unterhaltung nicht berechtigt schien ; aber grade mit dem Erziehen ist es ein eigenes Ding ! Er brach davon ab , und sprach dann nach einer Pause mit sichtlicher Ueberwindung : Sie wissen , daß ich nichts halb zu thun liebe . Ich bin also genöthigt - er stand auf , rückte ein Bild an der gegenüber liegenden Wand zurecht und sagte darauf mit einer gewissen Heftigkeit , als wollte er sich zwingen , es auszusprechen : Ich muß den Handel in Rothenfeld zu Ende bringen ! Pauline muß fort ! Es war ihm lieb , dies ausgesprochen zu haben ; es kam ihm damit festgestellt und also halb geschehen vor . Er nahm eine Prise aus der goldenen Dose , auf welcher das Bild seiner Braut gemalt war , und bot sie darauf dem Caplan dar . Dieser griff behutsam hinein , und während er den feinen Taback mit gespitzten Fingern langsam zur Nase führte , sagte er , den Kopf beim Schnupfen senkend , daß er den Freiherrn nicht anzublicken brauchte : Das wird allerdings eben so unerläßlich als zweckmäßig sein ! Er säuberte darauf leichthin das schwarze eng anliegende Gewand von dem Taback , der etwa darauf verschüttet sein konnte , knipste mit den feinen Fingern die paar Körnchen hinunter , welche auf dem seidenen Beinkleide liegen geblieben waren , und sah mit seinem klaren , ernsten Auge dem Freiherrn nach , der im Zimmer hin und wieder ging . Seit vollen sechs Jahren war der Name Pauline zum ersten Male zwischen ihnen genannt worden , und es dünkte dem Baron , als sei er durch das bloße Aussprechen dieses Namens dem alten Freunde näher gebracht , als seit langer Zeit ; denn ein Lebensgenosse , dem wir geflissentlich vorenthalten , was uns beschäftigt , rückt uns in demselben Grade fern und ferner , in welchem der Gegenstand unserer verborgenen Theilnahme uns näher tritt . Weil der Baron aber die ihm peinliche Mittheilung baldmöglichst abgethan zu haben wünschte , sagte er : So verschieden unsere Ansichten in Manchem , und eben auch in diesen Dingen sind , so werden Sie mir doch zugeben müssen , mein Freund , daß über dem Menschen eine Unfreiheit liegt , gegen die er - mögen Sie dieselbe Geschick , Schicksal , Verhängniß , Vorsehung oder wie Sie immer wollen , nennen - ohnmächtig ist . Das macht es mir so entmuthigend , in die Vergangenheit zurückzublicken . Unser Wollen und unser Vollbringen decken sich so selten , unsere Absichten und unsere Thaten entsprechen einander oftmals so wenig . Und dabei bilden fremdes Empfinden und der Zufall noch so unabweisliche Faktoren in jedem Menschenleben , daß man oft fragen möchte : Was war That und was Erleiden ? Was war Schicksal und was freier Wille ? Wo endet das Verdienst , wo beginnt die Schuld ? Wo haben wir zu sühnen , wo uns selber zu bewahren ? Denn die Moral , welche Kirche und Staat als Canon aufstellen , kann nur äußere Entscheidungen und Entschlüsse hervorrufen ; den inneren Zwiespalt lösen ihre Gesetze nicht . Mich dünkt aber , hob der Caplan an , welcher dem Baron bis dahin mit Achtsamkeit gefolgt war und der den Seelenzustand desselben deutlich übersah - mich dünkt aber , der Fall , dessen Sie gedenken , ist nichts weniger als verwickelt , wenn schon er .... Und wieder ließ der Baron ihn nicht vollenden . Urtheilen Sie nicht , lieber Freund , und vor Allem verdammen Sie nicht , ehe Sie nicht die Reihe von besonderen Thatsachen und die einander widerstrebenden Empfindungen kennen , die hier mitwirken und mich peinigen , sprach er , jede Einwendung des Geistlichen im Voraus abwehrend . Denn bedrängt , wie er sich fühlte , wünschte er doch Herr des Gespräches zu bleiben und mit seinem Vertrauen vorzugehen oder einzuhalten , wie es ihm im Augenblicke passend scheinen würde . Es war auf eine Herzenserleichterung und allenfalls auf Beistand , nicht auf eine Selbstanklage oder eine Ermahnung von ihm abgesehen , welche der Caplan in früheren Jahren , als der Baron sich noch bisweilen zu den kirchlichen Ceremonien entschlossen , ihm nicht erspart hatte . An und für sich , als nackte Thatsache betrachtet , fuhr der Baron mit absichtlich zur Schau getragener Leichtigkeit fort , ist die Sache im Grunde der einfachsten eine . Der unverheirathete Gutsherr hat die Tochter seines Jägers , hat ein Mädchen von seinen Gütern zur Geliebten gehabt und denkt dasselbe aufzugeben , es abzufinden , weil er sich verheirathen will , verheirathen muß . Das kommt , wie Sie , mein Freund , es von Ihrem Standpunkte aus auch tadeln mögen , doch alle Tage vor und ist etwas so Gewöhnliches , daß es in der That kaum die Rede darüber werth wäre ! Und doch - können Sie es Sich denken ? habe ich mir den Entschluß zu meiner Heirath förmlich abringen müssen ! Doch habe ich es auch noch bis heute , wo meine Hochzeit vor der Thüre steht , nicht über mich gewinnen können , dem armen Geschöpfe zu sagen : Nimm dein Kind und geh ' ! - Abrahams Handlungsweise gegen Hagar ist mir stets als eine rohe Grausamkeit erschienen . Der Caplan ließ eine kleine Weile in Schweigen verstreichen , dann versetzte er bestimmt und gemessen wie immer : Ich kann mir wohl vorstellen , wie eben Sie Sich schwer zu einem solchen Schritte entschließen können . Hier aber , wo ein beklagenswerthes Ereigniß unabänderlich feststeht , wo eine zwingende Nothwendigkeit zur Entscheidung drängt , gilt es allein , um jeden Preis ein neues und größeres Uebel zu verhüten ! Mich dünkt , Herr Baron , Sie haben gar keine Wahl in diesem Augenblicke ! Keine Wahl ? Wie meinen Sie das ? fragte der Freiherr mit jener halben Zerstreutheit der Vornehmen , die selten achtsame Zuhörer sind und mit ihren Gedanken umherzuschweifen beginnen , sobald sie selbst nicht sprechen . Keine Wahl ? Wie meinen Sie das ? Ich meine , daß Ihre Verheirathung für Sie eine Nothwendigkeit geworden ist . Ihre Wahl ist eine in jedem Betrachte glückliche und vortreffliche zu nennen . Die künftige Frau Baronin hat neben ihren anderen seltenen Vorzügen ein weiches Herz und eine schöne , reine Seele . Sie hat für diese eine eben so reine Lebensatmosphäre zu verlangen , und Paulinen ' s Nähe würde diese ohne alle Frage bald beeinträchtigen . Ganz abgesehen davon , daß für den verheiratheten Mann ... Ich weiß das , ich weiß das ! Ich habe mir das alles längst und selbst gesagt ! rief der Baron mit schnell erwachter Ungeduld lebhaft aus . Sie sehen ja auch , mein Entschluß steht fest ! Ich habe im Leben ähnliche Händel , ich habe tiefere Herzensverbindungen sonst auch mit raschem Entschlusse , mit fester Hand zerrissen und mich damit beruhigt , daß Selbsterhaltung eine gebietende Pflicht , und jeder Mann in der Lage sei , für sein Wohlbefinden selbst zu sorgen ! Ja , ich bekenne Ihnen , ich finde es eigentlich eine unbegreifliche Schwäche von mir , daß es mir so widerstrebt , das Natürliche , das Sittlichgebotene zu thun , und wenn ich mein innerstes Herz befrage , so ist es außer der wirklichen Zuneigung , welche ich für das Mädchen und für den Knaben hege , eine Art von Aberglauben , der mich an Paulinen festhalten , eine unheimliche Ahnung , die mich zögern macht , die Arme von hier fortzuschicken ! Diesen letzten Einflüssen , Herr Baron , hätte ich Sie in der That nicht mehr , und am wenigsten in diesem Falle unterworfen geglaubt , bemerkte der Caplan mit vieldeutigem Lächeln . Der Baron beachtete das kaum , er hing schweigend seinen Gedanken nach . Ich habe sie einst als ein Pfand des Glückes angesehen , habe im Geiste meinen Stern an den ihrigen geknüpft , als sie noch ein hülflos Kind gewesen ist , sagte er nach einer Pause , gleichsam in sich selbst hineinredend , und , fuhr er dann nach einem neuen , kurzen Schweigen lebhafter fort , Sie können sich in der That nicht denken , lieber Freund , in welcher Verfassung ich nach meinem zweiten Aufenthalte in Dresden in die Heimath zurückkehrte . Die traurige Angelegenheit mit der Gräfin , das unglückliche Duell mit ihrem Manne lagen mir auf der Seele . Mein Herz war verzagt , mein Sinn beschwert , mein Ehrgefühl durch den herzlosen Leichtsinn der Gräfin , die mich über dem Sarge ihres Gatten einem jungen Laffen aufopferte , empfindlich gekränkt . Ich glaubte , der großen Welt , der Höfe , der Frauen müde zu sein . Ich fühlte einen Widerwillen gegen die Unnatur aller der Verhältnisse , die wir uns als Convenienzen auferlegen , und als ich von der Höhe der Berge Schloß Richten erblickte , als ich so einsam dahinfuhr und die Bäche rieseln , die Halme sich im Morgenwinde wiegen sah , als die Bäume unserer Wälder mir ihren Schatten spendeten und ihren Willkomm zuflüsterten , da erwachte in mir eine nie gefühlte Freude an der Natur , und ich gelobte mich in der Stille meines Herzens ihr und ihren einfachen Freuden und Pflichten an . Es war eine Stunde , deren ich mich lebenslang als einer schönen , feierlichen erinnern werde . Und doch war gerade jener Zeitpunkt einer der traurigsten für diese Gegend , wendete der Geistliche ein . Wenigstens haben Alle , die ihn hier durchlebten , ihn schwer genug empfunden . Die Berichte , welche man der verstorbenen Frau Baronin nach Italien sandte , klangen , obschon man gewiß sich in denselben vorsichtig geäußert hatte , untröstlich genug . Mir in meiner Stimmung , entgegnete der Baron , kam das allgemeine Unglück nur wie ein Mahnruf für mich selber vor . Die Seuche , welche die Provinz heimsuchte , hatte auch bei uns große Verheerungen angerichtet . Ganze Familien waren dem Typhus erlegen , ganze Häuser ausgestorben und leer . Selbst in unserm Hause fand ich fast ein neues Dienstpersonal vor , und gerade am Tage meiner Ankunft war die Frau meines Jägers ihrem Manne in das Grab gefolgt . Sie war , wie man uns bei unserer Rückkehr sagte , die letzte Person , welche im Schlosse starb , bemerkte der Caplan . Sie war überhaupt die letzte Person , die auf unseren Gütern starb , bestätigte der Baron , und tief aufathmend fügte er hinzu : Und eben daran knüpft sich für mich das Verhängnißvolle . - Er blieb stehen , setzte sich dann wieder vor dem Kamine nieder und sagte : Sie waren mit meiner Mutter und Schwester abwesend , und mein Vater nicht geneigt , sich irgendwie auszusetzen . Die Angst vor der Ansteckung war also maßlos geworden , als ich nach Hause kam . Man hatte in der letzten Woche Noth gehabt , die Leichen unter die Erde zu bringen , oder den Kranken auch nur die nothdürftigste Pflege und Wartung zu verschaffen . Als die Frau des Jägers nun auch gestorben war , wollte mein Vater das ebenfalls erkrankte Kind derselben nicht mehr im Hause leiden , und überall weigerte man sich , das kleine , kranke