Spielhagen , Friedrich Problematische Naturen . Zweite Abtheilung ( Durch Nacht zum Licht ) www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Friedrich Spielhagen Problematische Naturen Zweite Abtheilung ( Durch Nacht zum Licht . ) Erstes Capitel Der rothe Sonnenball hing tief am Horizonte . In den Schluchten des Gebirges dämmerten bereits blaue Schatten , während die waldbekrönten Hänge im warmen Abendschein erglühten . Das Laubholz prangte in dem bunten Schmuck des Herbstes ; aber es kam seltener vor in diesem Theil der Berge , wo Schluchten ab , Schluchten auf , über die wellenförmigen Rücken der Hügel weg tiefdunkle Tannenwaldungen sich breiteten . Auf der Landstraße , die rechts und links mit zwerghaften Obstbäumen besetzt , in vielfachen Windungen dem Kamm des Höhenzuges zustrebte , fuhr langsam einer jener altmodischen , breitsitzigen , mit Hemmschuh wohlversehenen und mit zwei starkknochigen , steifbeinigen Gäulen bespannten Wagen , wie man sie hier in den Städten miethet , wenn man eine mehrtägige Tour in das Gebirge machen will . Die Pferde lagen mit vornübergebogenen Köpfen fest im Geschirr und arbeiteten sich mühsam Schritt vor Schritt hinauf , denn der Weg war steil und der Wagen schwer , obgleich der Kutscher mit einem gelegentlichen : Hot , Brauner ! Hü , Fuchs ! den sinkenden Muth der Thiere anfeuernd , nebenher ging und die beiden Herren , welche das Fuhrwerk seit einigen Tagen in Gebrauch gehabt hatten , schon am Fuß des Berges ausgestiegen waren und gemächlich ein paar hundert Schritt hinterdreinschlenderten . Es waren ein paar junge Männer , die nach ihrer Haltung und ihren Mienen offenbar der besten Klasse der Gesellschaft angehörten . Sie waren beide hochgewachsen und , wie es diesem Alter ziemt , schlank und elastisch ; der Eine , etwas Kleinere , um dessen Mund und Wangen sich ein dichter , glänzend schwarzer Bart zog , wäre mit seinem feinen , geistreichen Gesicht dem ruhig prüfenden Auge von Männern wohl als der Bedeutendere erschienen , obgleich er nicht ganz so groß und bei weitem nicht so schön war , wie sein Gefährte , der in den Städtchen und Dörfern , durch die sie kamen , die Blicke der schmucken Weiber und Mädchen ausschließlich auf sich zog . Die beiden jungen Männer waren eine Zeit lang durch die Breite des Weges , der hier , zur Verzweiflung der Pferde und Fußgänger , mit kleinen Steinchen beschüttet war , getrennt , schweigend neben einander hergegangen ; jetzt , nachdem sie die böse Stelle passirt , näherten sie sich wieder und der mit dem dunklen Bart , die Hand zutraulich auf seines Begleiters Schulter legend , sagte in freundschaftlichem Ton : Eh bien , Oswald ! weshalb so still ? Ich gebe die Frage zurück , antwortete der Andere , die schönen ernsten Augen auf den Gefährten wendend . Ich genieße mit vollen Zügen die Herrlichkeit dieser abendlichen Landschaft , sagte Doctor Braun , und der Genuß , wissen Sie , ist wortkarg , weil er vor lauter Genießen keine Zeit zum Sprechen hat . Aber sagen Sie selbst , ist es nicht wundervoll , dieses Thüringen ? ist es nicht werth , das Herz Deutschlands , also das Herz des Herzens dieses unseres Welttheils , und somit der bewohnten Erde zu sein ? Bleiben Sie einen Augenblick stehen ; wir haben gerade hier einen Blick , der einzig sein würde , wenn er in diesen lieblichen Bergen nicht tausend und aber tausend seines Gleichen hätte . Da ist das Thal , aus dem wir heraufgestiegen sind ; Sie können jetzt deutlich den mäandrischen Lauf des weidenbesetzten Baches durch die Wiesen unterscheiden . Da liegt das Dorf , ein schmutziges Nest aus der Nähe betrachtet und jetzt , wie schön ! eingehüllt in seinen bunten Blättermantel und mit den blauen Rauchsäulen , die so gerade aus den Schornsteinen steigen und allmälig an der Wand des Berges zu einem blauen durchsichtigen Gewölk auseinanderwehen ! Und nun diese prachtvollen , mit Tannen bestandenen Hügel ! Wie sie sich in tiefen satten Farben hintereinander abheben ! und nun dieser Durchblick links auf die blauen Berge , über die wir heute Morgen gekommen sind ! Und über dem Allen dieser einzig schöne Himmel , klar und tief und unergründlich wie eines geliebten Weibes Auge ! O , es ist etwas Göttliches in diesen Linien und Lichtern ! Sie sind wahrlich mehr als eine bloße Augenweide , als eine Studie für den Maler ; sie enthalten einen Trost für uns und eine Mahnung . Ein Blick in das zauberische Antlitz der Mutter Natur lullt unser wildes Herz zur Ruhe , läßt uns die abenteuerlichen Fratzen unserer sogenannten Cultur vergessen , stimmt uns zurück auf den tiefen Grundton unseres Wesens und erweckt oder wiederbelebt in uns den Glauben , daß alles Wahre , Hohe und Schöne unendlich einfach ist und daß der Quell der Befriedigung für Jeden fließt , der nur mit reinen Sinnen darnach sucht . Oswald hatte , während Doctor Braun diese Worte lebhaft und eindringlich , wie es seine Weise war , sprach , die Arme übereinandergeschlagen , mit trüben Blicken in die Ferne gesehen . Jetzt , als sein Begleiter aufgehört hatte zu sprechen , sagte er , und es schwebte ein ironisches Lächeln um seinen Mund : Sind Sie dessen so gewiß ? Und gesetzt , es wäre so , wie Sie sagen : was kann der Unglückliche dafür , daß seine Sinne nicht rein sind , daß er mit Blindheit geschlagen ist und den Quell der Befriedigung nimmer findet ? Noch heute Abend werden wir einem solchen Unglücklichen gegenüberstehen . Oeffnen Sie ihm die blinden Augen , reinigen Sie seine verstörten Sinne , und ich will Sie wie einen Gott verehren ! Doctor Braun schien über diese Worte , die zuletzt in einem leidenschaftlichen und bittern Ton gesprochen wurden , betroffen . Er schwieg einige Augenblicke , während sie den Berg weiter hinauf schritten , dann sagte er : Ich glaubte , unsere lange Reise würde Sie ruhiger und heiterer gestimmt haben , Oswald . Ich beginne an meiner ärztlichen Kunst zu verzweifeln , jetzt , da ich sehe , daß die alten bösen Träume noch so mächtig in Ihnen sind , wie zuvor . Sie schienen fast geheilt von der verderblichen Sucht , sich , wie der Heine ' sche Jüngling , an den Strand des Meeres zu setzen und die rauschenden Wogen nach den uralten qualvollen Räthseln des Lebens zu fragen , und nun ? Nun langweile ich Sie wieder mit den alten Jeremiaden ? Nein , Franz , ich will Ihrer Seelenheilkunst keine Schande machen und mir Mühe geben , die Welt so schön und vernünftig zu finden , wie Sie . Es war das nur eine Reminiscenz aus der Vergangenheit . Daß sie mir gerade jetzt kommt , jetzt , wo wir dem Ziele unserer Wallfahrt uns nähern , wo ich dem edlen unglücklichen Manne , den ich so unendlich verehre und liebe , dem ich so viel verdanke , nach einer so langen Zeit , wo sich für ihn und mich so viel , so viel verändert hat , wieder unter die Augen treten soll - ist das nicht so natürlich , so begreiflich ! Ich bin treulich Ihrem Rath gefolgt , so weit ich es vermochte . Ich habe das Vergangene vergangen sein lassen ; ich habe die Kunst des Vergessens fleißig geübt , ich habe der Lebenden nicht gedacht und selbst die Schemen geliebter Todten , wenn sie sich an mich drängten , in den Hades zurückgewiesen ; aber hier erscheint die Gestalt eines Lebendigen , der gestorben ist , eines Gestorbenen , der noch lebt , und ich finde in meinem Hirn und Herzen keinen Zauberspruch , diese ehrfurchtgebietende , thränenwerthe Gestalt zu meistern , wie die anderen . So lassen Sie uns umkehren , sagte Dr. Braun mit großer Lebhaftigkeit . Wenn Sie in sich nicht die Kraft fühlen , den Standpunkt , den Sie eingenommen haben , zu behaupten gegen jeden Einwurf , gegen jede Autorität , so wäre es Wahnsinn , sich in diese Gefahr zu stürzen . Lassen Sie uns umkehren ; noch ist es Zeit . Nein , sagte Oswald , das wäre feig und thöricht zugleich . Wir besiegen die Gefahr nicht , vor der wir fliehen . Ich muß Berger sehen und sprechen . Diese Zusammenkunft wird die Probe zu dem Exempel sein , an dem wir jetzt nun schon vier Wochen rechnen . Entweder ich erhole mich an dem Anblick des Wahnsinnigen vollends von meinem eigenen Wahnsinn , oder - Hier giebt es kein Oder , rief Franz . Wahrlich , Oswald , wenn ich Sie so reden höre , ich könnte Sie hungern lassen , dursten lassen , bis Sie wieder zur Vernunft kommen , oder der Vernunft die Ehre geben . Sie sind ein räthselhafter Mensch , eine durch und durch problematische Natur . Es sind in Ihrem Charakter Widersprüche , zu denen ich selbst nach unserem intimen Verkehr noch immer nicht die Erklärung gefunden habe . Die Factoren , aus deren Multiplication der fertige Mensch als Product hervorgeht : Naturanlage und Erziehung müssen bei Ihnen in einer ganz sonderbaren , seltenen Weise gemischt gewesen sein . Ich habe es bisher immer vermieden , von Ihrer Jugendzeit zu sprechen , aus einer durch die Zurückhaltung , der Sie sich auch im intimen Umgange befleißigen , sehr erklärlichen Scheu . Aber meine Freundschaft zu Ihnen ist größer , als diese Bedenken , die ja doch im Grunde sehr kleinlich sind . Wie wäre es , Oswald , wenn Sie mir , während die Sonne dort glorreich hinter den Bergen untergeht und unsere armen Pferde sich mühsam den Berg hinaufquälen , etwas aus Ihrem früheren Leben erzählten - so wenig oder so viel , wie es Ihnen passend erscheint . Wollen Sie ? Gern ! sagte Oswald ; ich selbst habe in diesen Tagen oft an meine Jugend denken müssen . Wenn man , wie ich es jetzt thue , versucht , sich auf irgend einem gegebenen Punkte seines Lebens zurechtzufinden , ist man genöthigt , die Bahn bis zum Anfang zurückzumessen . Freilich sind Sie der erste und vielleicht der einzige Mensch , dem ich einen Blick in diese dunkeln Regionen meines Daseins gewähre und gewähren möchte . Um desto aufmerksamer werde ich sein , antwortete Doctor Braun . Zweites Capitel Um mit dem Anfang anzufangen , sagte Oswald nach einer Pause , in welcher er seine Erinnerung zusammenzurufen schien , so bin ich in der Residenz geboren . Mein Vater war ein Sprachlehrer , meine Mutter eines Handwerkers Tochter . Sie sehen also , daß ich auf das Prädikat hochgeboren jedenfalls keinen Anspruch machen kann , und daß mein Haß gegen den Adel der ganz natürliche gesunde Haß des Plebejers gegen die Aristokratie , des Parias gegen die Brahminenkaste ist . Weshalb mein Vater kurze Zeit nach meiner Geburt - ich war und blieb das einzige Kind meiner Eltern - aus der Residenz nach dem kleinen pommerschen Hafenort übersiedelte , habe ich nie erfahren können ; wie ich denn überhaupt von der Geschichte meiner Eltern , von Allem , was da vor meiner Geburt geschehen ist , möglichst wenig erkundet habe . Ich weiß nicht , ob ich überhaupt Verwandte väterlicher oder mütterlicher Seite besitze . Sollte es der Fall sein , so sind sie mir jedenfalls gänzlich unbekannt . Auch meiner Mutter erinnere ich mich nicht deutlicher , als wie man sich an Wesen erinnert , die einem im Traume erschienen sind . Noch jetzt träume ich manchmal von einer jungen schönen Frau mit großen , blauen , süßen Augen . Sie spricht in sanften Tönen Worte , die ich nicht verstehe , die mir aber wie Musik des Himmels vorkommen und mich jedesmal selbst im Schlaf zu Thränen rühren . Ich weiß , daß dieses liebliche Traumbild , das stets ganz unverändert erscheint , meine Mutter ist . Sie starb , als ich das vierte Jahr noch nicht zurückgelegt hatte . Wenn es einem Manne je gelingen könnte , bei einem der Mutter beraubten Kinde der Mutter Stelle zu ersetzen , so hätte mein Vater diese Aufgabe gelöst . Er hat mich , als ich ein kleines Kind war , in den Schlaf gesungen und gesprochen ; er hat , wenn ich krank war , an meinem Bettchen Tag und Nacht gewacht ; er hat mit mir in der Bodenluke gesessen und aus einer kleinen Thonpfeife abwechselnd mit mir bunte Seifenblasen in die Luft hinausgesandt ; er hat mich das A B C gelehrt und wie man aus Baumrinde Schiffe macht ; er hat mir die ersten lateinischen Vocabeln beigebracht , so gut wie Schwimmen und Schlittschuhlaufen ; er hat mir die ersten Lectionen im Griechischen und zugleich im Pistolenschießen und Fechten gegeben . Ich habe , bis ich zur Universität ging , keinen anderen Freund gehabt , als ihn . Es war ein unergründlich wunderlicher Mann , schon in seiner äußern Erscheinung . Denken Sie sich eine fast zwerghafte , aber sehr wohl proportionirte , außerordentlich gewandte und bewegliche , Sommer und Winter , früh und spät mit einem schwarzen abgeschabten Frack , schwarzen Kniebeinkleidern , schwarzen Strümpfen und Schnallenschuhen bekleidete Gestalt , die , es mochte die Sonne scheinen oder regnen , stets mit dem Hut in der Hand über die Straßen ging . Denken Sie sich auf dieser kleinen Gestalt einen , vielleicht im Verhältniß etwas zu großen Kopf , mit einer festen , an den Schläfen kahlen Stirn , unter der ein paar stechende Augen hervorblitzten , und mit einem Gesicht , das , scharf und fein und streng , das Lachen entweder nie gekannt hatte oder es seit vielen , vielen Jahren verlernt zu haben schien - so haben Sie das Bild meines Vaters , des » alten Candidaten « , wie ihn in der Stadt Jedermann und selbst die Gassenjungen nannten , mit denen ich , wenn sie sich über seine Erscheinung lustig zu machen wagten , manchen blutigen Strauß ehrlich ausgefochten habe . Uebrigens paßte , außer etwa dem Beiwort alt , jener Spitzname gar nicht auf meinen Vater . Er hat sich , so viel ich weiß , in seinem Leben um kein Amt , weder geistliches noch weltliches , beworben ; und er wäre auch trotz seiner eminenten Gelehrsamkeit , zu keinem tauglich gewesen , denn er hätte sich bei seiner wunderlichen Gemüthsart und seinen Sonderlingslaunen in keines zu fügen verstanden . Welche bitteren Erfahrungen , welch ' trauriges Geschick meinen Vater zu dem wunderlichen Heiligen , der er war , gemacht hatten , - ich habe in späteren Jahren oft und vergebens darüber geräthselt . Es war ein menschenscheuer Hypochonder , der , so weit es ihm möglich war , jede Berührung mit der Gesellschaft auf ' s sorgfältigste mied , und der in Folge dessen auch von Jedermann auf ' s sorgfältigste gemieden wurde . Die , welche auf Bildung und Religiosität Anspruch machten , erklärten ihn für einen Cyniker , weil er sich von allen gesellschaftlichen Formen emancipirt hatte , und für einen Atheisten , weil er sich niemals in einer Kirche sehen ließ ; der Pöbel bekreuzigte sich vor ihm , wie vor einem , der offenbar mit dem Gottseibeiuns in näherem Verhältniß stand , als einem ehrlichen Christenmenschen lieb ist . Hätte er zweihundert Jahre früher gelebt , würde man ihn ohne Zweifel als Hexenmeister und Zauberer verbrannt haben . Allerdings muß ich gestehen , daß der gebildete und ungebildete Pöbel nicht so ganz Unrecht hatte , wenn er meinem Vater Ideen und Ansichten zutraute , die in das Hirn eines gewöhnlichen Menschen nicht passen . Er hatte die unsäglichste Verachtung vor allem Autoritätsglauben , da er sich durch denselben in der Freiheit seines Denkens beeinträchtigt sah , und einen glühenden Haß gegen alle weltliche Tyrannei , weil sie die Freiheit seines Handelns aufhob . Er erklärte die Republik für die einzige Staatsform , unter der sich ein Mann , der den richtigen point d ' honneur habe , glücklich fühlen könne . Jede Bevorzugung der Einzelnen oder der Wenigen vor den Vielen sei eine Ungerechtigkeit , die nur durch die Frechheit jener und durch die lammherzige Feigheit dieser erklärlich werde . Zwischen einer Schafheerde , die sich von einem stumpfsinnigen Knecht und einem bissigen Köter zur Schlachtbank treiben , und einem Volk , das sich von einer , im Verhältniß unendlich geringen Anzahl Menschen gängeln und hudeln lasse - sei der Unterschied am Ende so gar groß nicht , nur daß die Menschen ihrer Schande ein hübsches Mäntelchen umhängten , wozu die Schafe allerdings nicht im Stande seien . Vor allem grimmig war der Haß , mit dem mein Vater den Adel haßte . Er verfügte über ein ganzes Lexikon von schmähenden Beiwörtern , sobald er auf diesen Stand zu sprechen kam . Nie setzte er einen Fuß in das Haus eines Adeligen , und Schüler von Adel , die sich bei ihm meldeten , wurden ohne alle Umstände zurückgewiesen . Einmal , als wir mit der Pistole nach der Scheibe schossen - eine Fertigkeit , in der er excellirte - sagte er mir , daß er in jüngeren Jahren gehofft habe , sich durch eine Kugel an einem Adeligen zu rächen , der ihn tödtlich beleidigt hatte . Unglücklicherweise sei der Mann vor der Zeit gestorben . Das ist die einzige Andeutung , die ich je von meinem Vater über sein früheres Leben gehört . Und in dem fast ausschließlichen Umgange mit diesem Mann bin ich aufgewachsen . Wunderlich , wie er selbst , war auch das Verhältniß , das zwischen uns stattfand . Obgleich mein Vater mehr für mich that , als sonst die Eltern zusammen für ihr Kind thun , obgleich er eigentlich nur für mich lebte und darbte - so glaube ich doch nicht , daß er mich wahrhaft liebte . Er war ein rein spiritualistischer Mensch . Entweder war sein Herz einmal in seinem Leben tödlich getroffen von einem Schlage , den es nie wieder überwand , oder er hatte auf der Retorte seines Skepticismus alle Gefühle zu Gedanken verflüchtigt . Er that , was er that , aus Pflicht , aus Ueberzeugung des Rechten ; denn , wie er selbst sagte : die Gerechtigkeit steht über der Liebe ; sie leistet Alles , was die Liebe leisten kann und doch noch ein gut Theil mehr . Mehr und auch nicht so viel , warf Franz ein ; was wir für geliebte Menschen aus Neigung thun , sollen wir für die Andern aus Gefühl des Rechts thun , das heißt aus der Ueberzeugung , daß die Interessen aller Menschen solidarisch sind . Liebe und Gerechtigkeit verhalten sich wie Individuum und Gattung . Die eine darf ohne die andere nicht sein , denn wir brauchen sie beide . All die tausend kleinen Zärtlichkeiten , mit denen wir geliebte Menschen überschütten , kann die Gerechtigkeit uns nicht lehren , ebenso wie uns die individuelle Liebe überall da im Stich läßt , wo es sich um die Andern , das heißt um die Genossenschaft , die Nation , die Menschheit handelt . Sie mögen recht haben , erwiederte Oswald ; und das erleichtert mir auch ein Geständniß , welches ich so eben thun wollte . Ich ehrte meinen Vater hoch , aber ich liebte ihn nicht ; ja , ich empfand oft - worüber ich mir freilich erst viel später klar geworden bin - eine an Abneigung grenzende Scheu und Furcht vor dem sonderbaren Mann . Ich wundere mich jetzt freilich kaum noch darüber , seitdem ich eingesehen habe , daß zwei grundverschiedenere Wesen , wie meinen Vater und mich , die Natur nicht leicht schaffen kann . Wir waren uns körperlich so unähnlich , wie wir es an Gemüthsart und Neigungen waren . Ich liebte schon als Knabe leidenschaftlich Glanz und Pracht und Alles , was schön ist in Natur und Menschenwelt . Ich begeisterte mich für diejenigen unter meinen Schulkameraden , die sich des Jugendschmuckes blonder Locken , rother Wangen und leuchtender Augen erfreuten ; ich verkehrte gern in den Häusern , wo es , nach meinen damaligen Begriffen , fein und vornehm herging . Ich hielt sehr viel auf meinen Anzug und hörte es gar nicht ungern , daß die Frauen mich einen hübschen Jungen nannten . Sie können sich denken , wie wenig im Grunde ein Bursche mit diesen Neigungen und Bedürfnissen zu der Gesellschaft eines einsamen menschenscheuen Hypochonders paßte , dessen Lebensweise er natürlich halb und halb zu theilen gezwungen war . Denn obgleich mein Vater mir eine Freiheit ließ , die mit seinen sonstigen strengen Ansichten nicht recht in Einklang zu bringen war , obgleich er meinen aristokratischen Neigungen für schöne Kleider und den Comfort des Lebens in einer Weise nachgab , die mir noch bis auf diese Stunde unbegreiflich ist , so wußte ich doch , daß ich ihn durch diese meine Sympathien für eine Welt , die er verabscheute , auf ' s innigste kränkte , und gab mir deshalb Mühe , an dem Leben möglichst wenig Geschmack zu finden . Das gelang mir um so eher , als ich sehr bald in der Einsamkeit , zu der ich mich im Anfang nur mit Widerstreben verurtheilte , eine Quelle entdeckte , durch welche die ödeste Wüste in das blühendste Paradies umgeschaffen wird - ich meine die kastalische Quelle der Poesie . Wir bewohnten ein kleines Haus , dessen hintere Mauer ein Theil der Stadtmauer war . In meinem Stübchen war das einzige niedrige Fenster durch die ellendicke Mauer durchgebrochen , so daß das Ganze einem Gefängnisse ähnlicher sah , als irgend etwas Anderm . Und doch , welche seligen Stunden habe ich in diesem Stübchen verlebt ! Aus meinem Fenster hatte ich einen unbegrenzten Blick über Wall und Graben der Stadt weg , auf glatte , mit schönen Baumgruppen garnirte Teiche , über saftige , hier und da mit Weiden bewachsene Wiesen bis zu dem Meere , von dem ein dunkelblauer Streifen durch die grünen Bäume herüberblitzte . Hier an diesem Fenster saß ich des Sommerabends , wenn die Sonne , wie dort , strahlend und herrlich unterging , das Herz bis zum Ueberfließen voll von chaotischen Gefühlen , und in dem Hirn Gedanken spinnend , so bunt und schön und ach ! auch so vergänglich wie Seifenblasen . Ich erinnere mich noch an ein paar Verse aus einem Gedicht , das ich als Student an einem trüben Herbstabend in der Residenz machte , während ich , in dumpfes Brüten verloren , über meinen Büchern saß und der Tage dachte , die aus dem Becher der Zeit so hell und funkelnd hinabgetropft waren in das Meer der Ewigkeit : Und wenn des Abends dann der Sonne letzte Strahlen Mich grüßten durch mein Fensterchen hinein , Wie konnt ' ich mir so schön die Zukunft malen , Sie mußte golden wie der Himmel sein ! Und dann ergriff mich ein unendlich Sehnen , Ich wünschte heiß mich in die Ferne weit ; - Jetzt bin ich fern - es fließen meine Thränen - O kämst du wieder , holde Jugendzeit ! Doch , was soll ich länger bei der Schilderung eines Verhältnisses verweilen , das mir selbst um so räthselhafter wird , je deutlicher ich es Ihnen zu schildern versuche . Wenn ich je in meinen Kinderjahren eine herzliche Zuneigung zu meinem Vater empfunden hatte , so nahm sie in demselben Maße ab , als ich älter und selbständiger wurde . All ' die Gefühle , all ' die Zärtlichkeit , die man in natürlichen Verhältnissen an Mutter und Brüder und Schwestern und Freunde ausgiebt - ich mußte sie in meinem Herzen verschließen , denn ich hatte kein Vertrauen zu dem , welcher mir , wie die Sache nun einmal lag , jene Alle hätte ersetzen müssen . Durch den beständigen Umgang mit einem so düstern , so skeptischen Geiste , nahm mein Gemüth eine Farbe an , die zu meinem sanguinischen , leidenschaftlichen Temperament sehr wenig stimmte . Ich war ein Epicuräer in der Schule eines Stoikers , ein Sybarit in dem Umgange eines cynischen Philosophen . Meine üppige Phantasie träumte die herrlichsten Welten , die mein trockner Verstand mitleidslos wieder zerstörte ; ich verzehrte mich in spitzfindigen Grübeleien , während mein heißes Blut mir das Herz zum Zerspringen füllte ; ich saß in meiner Klause und studirte in alten staubigen Scharteken , während sich mein abenteuerlustiger Sinn nach den Wundern des Orients und nach großen Thaten sehnte . Das ging so fort , bis ich in meinem neunzehnten Jahre die Universität bezog . Von meinem Vater trennte ich mich ohne Schmerz . Wie er diese Trennung empfand - ich weiß es nicht . Er sprach zu mir beim Abschied wie ein Philosoph , der seinen Jünger entläßt , indem er mir noch einmal alle die Hauptlehren seiner herben Weltweisheit in ' s Gedächtniß rief ; und in demselben Ton waren auch die Briefe , die er mir in regelmäßigen Zwischenräumen schrieb . Es wurden ihrer nicht viele , denn ungefähr ein halbes Jahr später erhielt ich ein Schreiben von dem Magistrat meines Heimathsortes , in welchem mir in kurzen , dürren Worten der Tod meines Vaters gemeldet wurde . Er hatte ein kleines Vermögen hinterlassen , das er nach und nach aus seinen Ersparnissen für mich gesammelt hatte und das bei mäßigen Ansprüchen für meine Studienzeit und vielleicht auch noch etwas länger ausreichen mochte . Ein Testament fand ich nicht , eben so wenig wie Familienpapiere , Briefe , Tagebücher oder dergleichen , woraus ich möglicherweise einige Aufklärung über die Geschichte meiner Eltern hätte gewinnen können . So stand ich denn ganz allein da in der Welt , ein Jüngling an Jahren mit der Lebensmüdigkeit eines Greises ; viel zu alt für meine Commilitonen , die mir wie spielende Kinder erschienen , und doch auch viel zu jung und viel zu unerfahren , als daß ich den Lockungen einer genußsüchtigen Stadt hätte Widerstand leisten , als daß ich in diesem Babel , ohne mich vielfach zu verirren , hätte umherwandern können . Wie wäre das auch einem Jüngling möglich gewesen , bei dem der Strom des vollen , jugendlichen Lebens so lange künstlich zurückgestaut war ! Ich wurde der Held mehr als einer Intrigue , der ich mich im Grunde schämte und auch zu schämen große Ursache hatte ; ich wurde von den Frauen verhätschelt und das unschuldig-schuldige Opfer herzloser Koketten . Ich machte viele Erfahrungen , ohne weise zu werden - das Schlimmste , was einem Menschen begegnen kann . Und dabei war das Merkwürdige , daß ich die Genüsse , denen ich fröhnte , durchaus verabscheute , daß mein Herz , während ich es an unedle Weiber wegwarf , nach einer edlen Liebe verschmachtete ; daß ich mich mit den ungeheuerlichsten Plänen trug , während ich meine Kräfte in lauter sinnlosen Zerstreuungen vergeudete . Ein Freund , der damals einigen Einfluß auf mich ausübte , riß mich aus diesem Strudel , in welchem ich über kurz oder lang untersinken mußte . Er rieth mir , nach Grünwald zu gehen . Ich folgte seinem Rath . Von diesem Augenblick an kennen Sie die Geschichte meines Lebens , zum wenigsten in den Umrissen . Sie wissen , daß ich in Grünwald den unglücklichen Mann kennen lernte , zu dem wir jetzt wallfahren . Sie werden sich nun auch erklären können , wir jetzt wallfahren . Sie werden sich nun auch erklären können , wie unmöglich es gerade für mich sein mußte , dem Zauber von Berger ' s dämonischer Persönlichkeit zu widerstehen ; wie ich in seinem Umgang nur noch tiefer in die Dornen der Widersprüche gerieth , an denen mein Herz verblutete . Berger wollte , daß ich nach Grenwitz ging , in einer adeligen Familie eine Stelle zu übernehmen , für die ich , wie der Erfolg gelehrt hat , genau so gut paßte , wie der Habicht in den Taubenschlag . Sie sind den einzelnen Phasen meines dortigen Lebens als aufmerksamer Zuschauer mit den Augen des Philosophen und des Freundes zugleich gefolgt . Wie viel Sie davon gesehen , wie viel Sie davon begriffen , wie vieles Ihnen unklar geblieben ist - ich weiß es nicht und will es nicht wissen . Ueber einen Theil dieser Ereignisse mag ich nicht reden ; über einen andern darf ich es nicht . Als die Katastrophe , die Sie vorausgeahnt hatten , hereinbrach und die frivole Welt , in der ich mich dort bewegte , mir über dem Kopfe zusammenstürzte - da standen Sie treulich zu mir ; Sie rissen mich aus diesem Wirrsal und luden sich damit eine Last auf die Schultern , über die Sie im Stillen wohl schon mehr als einmal geseufzt haben werden . Aber nein ! das ist nicht möglich ! Sie sind so klug , wie Sie weise , und so weise , wie Sie gut sind . Sagen Sie , Franz , welcher Odysseus hat Sie erzeugt , welche Penelope geboren , daß Sie Pallas Athene , die Göttin der Weisheit , immerdar so sichtbarlich in ihren gnädigen Schutz genommen hat ? Ich glaube , es ist in meinem Leben Alles auf ganz gewöhnliche Weise zugegangen , sagte Franz lachend , und denken Sie nur ja nicht , daß ich von der Scylla nicht gefährdet und von der Charybdis nicht geschädigt worden bin ! Ich habe , wie Sie , auf dem Punkte gestanden , an mir selbst zu verzweifeln . Was mich gerettet hat , ist eine Ueberzeugung , die zuerst in dämmernder Ahnung , dann immer klarer und deutlicher und zuletzt mit siegreicher Gewißheit in meiner Seele aufging , die Ueberzeugung nämlich , daß diese Welt