Raabe , Wilhelm Die Leute aus dem Walde , ihre Sterne , Wege und Schicksale www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Wilhelm Raabe Die Leute aus dem Walde , ihre Sterne , Wege und Schicksale Ein Roman Ein Messer wetzet das andere und ein Mann den andern . Sprüche Salomonis , 27. Kap . 17. V. Erstes Kapitel Die hohe Polizei nimmt ein Protokoll auf Auch der unschuldigste , solideste Staatsbürger , der Mann des feuerfestesten Geldschrankes , der Mann des besten Gewissens , der zugeknöpfteste , strammste , schnauzbärtigste alte Herr vermag nicht , sich eines leisen Schauders zu erwehren , wenn er an dem Zentralpolizeihause vorüberwandelt . Man kann nicht wissen - es geht wunderlich zu im Leben - das Schicksal spielt oft eigen mit dem Menschen ! - wer kann für die nächste Stunde und ihre Tücken gutstehen ? - Man hat im Vorbeischreiten ein Gefühl , als sei es höchst angebracht , wenn man den Rockkragen in die Höhe klappe ; man zieht unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern : das liegt einmal im deutschen Blut , der Herr erlöse uns von dem Übel . Und der Novemberregen kam herunter , als habe der Himmel den Schnupfen und lasse alles laufen . Es kamen auch sehr viele Leute herunter , und zwar sehr hart ; denn der Regen verwandelte sich , sowie er den Erdboden berührte , in Glatteis , und weder Mann noch Weib war vor dem Fall sicher . Sehr viel guter Humor löste sich in mürrisches Hinbrüten und ärgerliches Gebrumm auf . Die Unliebenswürdigen waren an diesem ungesegneten Tage noch einmal so unliebenswürdig als gewöhnlich . Das Wetter war wie ein Probierstein , auf welchem jede Anlage zur Liebenswürdigkeit geprüft und abgezogen wurde . Haustyrannen schlugen ihre Frauen körperlich und moralisch , Haustyranninnen explodierten bei der geringsten Reibung wie Orsinische Bomben und konnten ein ganzes Hauswesen mit Verwirrung und Verwüstung erfüllen . Auch die lieben Kleinen , das hoffnungsvolle Geschlecht einer edleren Zukunft , waren heute unartiger als sonst ; sie bekamen mehr Püffe und Ohrfeigen und öfter die Rute als an andern , helleren , freundlicheren Tagen . Wehe der dienenden Jungfrau , die heut den irdenen Topf , den tönernen Napf zur Erde fallen ließ ! Wehe , dreimal Wehe über alle die Unglücklichen , die bei solcher Witterung , wie auch ihr Stand und ihre Stellung sein mochten , von andern abhängig waren ! Jedermann war in der Stimmung , seinen Nebenmenschen und Mitkreuzträgern das Leben und das zu tragende Kreuz so schwer und scharfkantig wie möglich zu machen , ohne meistenteils im Grunde eine andere stichhaltende Entschuldigung für seine Kratzbürstigkeit zu haben als » dieses grenzenlos niederträchtige Wetter « . Wir wollen bei so bewandten Umständen den tellurischen und kosmischen Erscheinungen des Tages , aller dieser meteorologischen Bosheit gar nicht die Ehre antun , sie näher zu beschreiben . Selbst das Zentralpolizeihaus ist jetzt ein anmutigerer Aufenthaltsort als Straße und Markt . Flüchten wir uns mit aufgespanntem Regenschirm hinein ; in Nummer Sicher sind wir hier jedenfalls . Lange trostlose Gänge , Türen , die in dunkle Zimmer voll geheimnisvoller Akten und dumpfen unheimlichen Gesumms führen ; kahle Höfe , auf welchen sich Polizeibeamte umhertreiben und auf welchen niemals ein Kind im Sande gespielt , Festungen gebaut und Pasteten gebacken hat ! In den Gängen Beamte mit bunten Rockkragen und Aktenbündeln ; hinter den schwarzen Türen Beamte , die mit knarrender Stahlfeder und giftiggrüner Alizarindinte die Sündenregister der Menschheit ausfüllen und , wenn sie sich harmlos beschäftigen , Pässe und Wanderbücher revidieren und unglückliche Handwerksburschen in ihrem Selbstgefühl durch überwältigende Grobheit kränken ! Exekutoren mit Verhaftsbefehlen für säumige Schuldner ; grimmige Gläubiger mit Pfändungsgesuchen - einmal in einem der langen Gänge Kettengeklirr und ein übelgekleidetes , übelduftendes Subjekt , welches zwischen zwei Bewaffneten einherschwankt - über allem ein unbeschreibliches beängstigendes Etwas , ein Hauch aus Niflheim , dem Reich der Toten , der Verlorenen : das ist das Zentralpolizeihaus ! Im Büro Nummer dreizehn unterhielten sich drei Personen damit , die Lebensgeschichte eines Vierten anzuhören . Die Zuhörer waren der Polizeirat Tröster , der Polizeischreiber Fiebiger und der Hauptmann a.D. Konrad von Faber , ein stattlicher Mann mit gebräuntem Gesicht , welcher es sich auf der Armensünderbank an der Tür bequem machte und die Füße weit in das Gemach hineinstreckte . Der arme Sünder selbst aber stand in der Mitte des Zimmers und erzählte . Sein Bericht füllte grade die dämmerige Stunde aus , welche dem Lichtanzünden voraufgeht . Inkulpat Robert Wolf war angeschuldigt worden , in der Wohnung einer Dame großen Unfug angerichtet zu haben durch Zertrümmerung von Gerätschaften und Ausstoßung wilder Reden und Drohungen . Beim ersten Verhör hatte er alle Auskunft über sich verweigert ; man hatte ihn eingesperrt und jetzt nach einigen Tagen enger Haft wieder hervorgeholt in der Hoffnung , den jungen Missetäter und Hausfriedensbrecher in einer zerknirschteren , weicheren Stimmung zu finden . Man täuschte sich darin auch nicht . Dunkelheit und Langeweile hatten in der gewünschten Weise auf das Gemüt des Angeschuldigten eingewirkt ; ohne alles Zögern gab er alle mögliche Auskunft über seine Verhältnisse . Der Protokollführer Fiebiger hinter seinem hohen Pult hatte bereits niedergeschrieben , daß Rubrikat Robert Wilhelm Wolf heiße , daß er achtzehn Jahre alt und auf der Forsthütte Eulenbruch , Dorfbezirk Poppenhagen , im Winzelwalde , Provinz * * , geboren sei . Wir lassen das weitere Verhör folgen . » Also der Sohn des weiland Forstaufsehers Wolf auf dem Eulenbruch ! « sagte der Polizeirat , recht wohlwollend auf seine Dose klopfend . » Ja ! « antwortete der junge Mensch mit mürrischer , halb gleichgültiger Stimme und ganz kurz . » Auf dem Eulenbruch , im Winzelwalde - soso - hm , hm - ei , ei - schöne Gegend - hm - das einzige Kind ? « Inquisit verstand die Frage nicht im mindesten ; starr und grollend blickte er den Rat an . » Ich frage , ob Ihr noch Geschwister habt , Wolf ? « » Nein . Fritz ist ausgerissen , vielleicht nach Amerika . ' s war unser Ältester . Die andern vier sind tot . « » Hm , hm - sechs . Vier tot . Schon lange ? « » Ja . Wir waren unser sechse ; drei Jungen und drei Mädchen : Fritz und ich , Franz , Riekchen , Lieschen und Linchen . Wir schliefen alle in einer großen Bettstatt voll Eichenlaub , trocken und warm . Die Mädchen hatten auch noch eine Bettdecke , wir Jungen hatten aber nichts weiter als des Vaters Soldatenmantel . Die Mutter war tot , der Vater meistens im Wald , um auf die Wilddiebe zu passen . Deren hatte er einen erschossen , und so hatte er ein bös Leben mit den andern ; sie schossen oft genug wieder auf ihn , haben ihn aber nicht getroffen . Fritz war der Älteste von uns ; wir mußten ganz allein für uns sorgen ; wir hatten die Hunde , einen zahmen Fuchs , einen Kolkraben und noch manche andere Tiere . Linchen war die Kleinste und die Klügste von uns ; die war eigentlich unsere Mutter , obgleich sie noch ganz winzig war . Wir waren wie die jungen Füchse , hatten alle auch rote Haare , die kamen von meiner Mutter ; meine sind jetzt dunkler geworden . Linchen hatt ich am liebsten von meinen Brüdern und Schwestern ; es hatte Augen so klar und tief wie das grundlose Wasser , das unter dem Eulenkopf steht . Einmal , zur Jagdzeit , saß es ganz still und hielt den ganzen Tag über den Kopf mit den Händen , und als es in der Nacht unter seiner alten Decke an meiner Seite lag , da fühlte ich , daß seine Hände ganz heiß waren , und doch zitterte es am ganzen Körper vor Frost und wühlte sich immer tiefer in das Laub . Am andern Tage sprach es ganz tolle Worte und schrie , der Berggeist wolle es holen und in die Erde hinabziehen . Dann packte die Krankheit den Fritz und so eins nach dem andern , zuletzt mich . Die Hunde , die sonst wohl , der Wärme wegen , zu uns in unsere Hürde krochen , wollten nun nicht mehr mit uns darin bleiben , sie sprangen heraus und krochen im Winkel zusammen . Anfangs hörte ich noch , wie der Vater ärgerlich über uns war , und ich fühlte , wie er mehr Laub auf uns warf und alle seine Röcke und den Mantel unserer toten Mutter und alle unsere Kleider . Er hatte niemand , der ihm half in dieser großen Not ; denn er war nicht sehr beliebt bei den Menschen in der Gegend , weil er so wild und hart gegen die Wilddiebe und die Holzfrevler war . Sie nannten uns nur die roten Wölfe und pfiffen , wenn wir uns zeigten im Dorfe . Manchmal kam wohl eine alte Frau , welche Reisig gelesen hatte , und gab Rat ; aber das geschah nur nach Bequemlichkeit und selten . So waren wir jetzt im Eulenbruch so verlassen wie die jungen Füchse , denen die Mutter weggeschossen ist . Wie das Linchen und die andern kam ich in einen Zustand , in welchem ich nichts mehr von mir wußte ; aber einmal wachte ich auf und sah im Traum viele Herren mit Gewehren und Jagdtaschen vor mir . Sie starrten uns ganz merkwürdig in unserm Bette an , und einer hielt ein Paar Gläser vor die Augen . Sie flüsterten alle und schüttelten die Köpfe , und unser Vater stand auch dabei , hielt die Mütze in den Händen und drehte sie hin und her . Die Herren sprachen dann alle auf ihn ein ; er sagte auch etwas , zuckte die Achseln und sah sehr wild und verzweifelt aus . Einige der Herren hatte ich wohl schon gesehen . Sie kamen öfters zur Jagd nach dem Eulenbruch . Bald wurde es aber wieder so dunkel vor meinen Augen wie zuvor , und als ich endlich von neuem aufwachte , da lag ich zwar noch in der Bettstatt , hatte auch ein ordentlich Kopfkissen , und eine alte Frau saß da mit der Brille auf der Nase und strickte und gab mir einen Löffel bitterer Medizin ; aber meine Geschwister bis auf den Fritz waren nicht mehr da . Alle , alle - das Riekchen , das Lieschen , das Linchen und Franz - alle waren fort , waren tot . Wir hatten alle mitsammen die Röteln gehabt , und bis auf Fritz und mich waren die andern daran gestorben und verkommen . Zu Poppenhagen waren sie begraben , während ich bewußtlos lag - eine ganze Reihe von kleinen Gräbern . Es war zu spät gewesen , als die Herren von der Jagd uns in unserm Laub , im Fieber sahen , dem Vater Geld gaben und den Pastor Tanne aus Poppenhagen zu ihm schickten , daß er ein Einsehen tue und sich unserer mit dem Doktor Rust und der Frau Wurm aus dem Feldhüterhaus annähme . Es war ein guter Mann , der Pastor Tanne ; er hat mich , nachdem mein Bruder und ich wieder gesund geworden waren , mit sich genommen nach Poppenhagen und hat mich , da er selbst keine Kinder hatte , erzogen wie seinen eigenen Sohn . Er wollte auch meinen Bruder mit sich nehmen , aber der konnte von dem wilden Leben im Forste nicht lassen . Doch in die Schule mußte er jetzt auch kommen . Jetzt ist er längst in die weite Welt gegangen ; ich habe nie wieder von ihm gehört . « Mit vielen Hm ' s und Ha ' s hatte der Polizeirat dieser Erzählung gehorcht . Mit seltsamem Ausdruck leuchteten die Augen des alten Schreibers über die Haufen von Akten und Registern auf seinem Pulte . Der Hauptmann Faber strich den vollen Bart und murmelte : » ' s ist wenigstens der Bericht eines klaren Kopfes . Armer Teufel ! « Er nickte dem Inkulpaten ermunternd zu , und der Schreiber räusperte sich ebenfalls zur Ermunterung Robert Wolfs . Es trat in dem Büro dreizehn eine Stille von einigen Augenblicken ein , in welchen man deutlich das Picken der großen Uhr draußen in der Halle vernahm . Schon manche unbekannte Tragödie und Komödie war über den schmutziggrauen Fußboden des Büros Nummer dreizehn weggeschritten ; eine rührendere Elegie hatte aber die langnäsige Büste eines verdienstvollen früheren Polizeipräsidenten , welche zwischen den beiden Fenstern von einer Konsole herabblickte , selten vernommen . Der Mann schien sich jedoch durchaus nichts daraus zu machen . Er behielt jedenfalls die Nase oben . Dagegen hatte eine andere Büste auf einer andern Konsole einen recht wehmütigen Ausdruck : sei es , daß der Künstler ihr denselben gab , sei es , daß die dämmerige Beleuchtung schuld daran war . Seine Majestät der König schien es auch in Gips in Nummer dreizehn im Zentralpolizeihause sehr ungemütlich zu finden . Seiner Stellung gemäß unterbrach der Rat Tröster zuerst wieder das Schweigen und fragte , das glattrasierte Kinn streichelnd : » Also der Pastor Tanne zu Poppenhagen hat Euch erzogen ? Was habt Ihr gelernt , Wolf ? Was seid Ihr eigentlich ? « Robert Wolf zuckte die Achseln und sagte : » Als mein Pflegevater starb , mußte ich zurück in den Wald zu meinem eigentlichen Vater ; denn damals war mein Bruder schon in die weite Welt gegangen , und mein Vater war immer krüppelhafter geworden ; er hatte die Gicht in den Knochen vom Liegen im Walde und hatte meine Hülfe nötig . Ich kann schießen , die Geige spielen , ein wenig lateinische Grammatik . Ich gewöhnte mich recht gut wieder an den Wald ; es kann einem schon drin gefallen , Winter und Sommer , und es gefiel mir die letzten zwei Jahre durch ; wäre auch gern Forstwart geworden , wenn - - wenn nicht - « » Nun , heraus damit ! Wenn nicht ? « Robert Wolf wandte sich ab , biß die Zähne aufeinander und antwortete nicht . » Ich frage , weshalb Ihr nicht in Eurer Stellung geblieben seid . Ich erwarte Antwort , junger Mann ! « sagte der Polizeirat , soviel amtsmäßige Rauhigkeit als möglich in Ton und Gestus legend . Der Hauptmann auf der Armensünderbank stand auf , klopfte den Knaben aus dem Walde auf die Schulter und sagte : » Sperren Sie sich nicht , Robert ; geben Sie dem Herrn offen Nachricht von Ihrem Leben . Es sind Freunde hier . « Der Schreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen nickte über sein Pult weg höchst energisch . Es war gleich einem elektrischen Schlag durch diese Schreiberseele gegangen , als vor einigen Tagen die Namen Poppenhagen , Eulenbruch , Winzelwald zum erstenmal auf dem Zentralpolizeihause genannt wurden , in dem Vorgehen gegen Robert Wolf wegen Hausfriedensbruch . Hätte der Rat Tröster sich plötzlich auf den Kopf gestellt und seinen Untergebenen aufgefordert , dasselbe zu tun , so würde das nicht solchen überwältigenden Eindruck auf das Gemüt des letztern gemacht haben . Wäre auf dem langen unheimlichen Korridor plötzlich der Klang eines Waldhorns erschollen , so hätte dem alten Dintenmenschen das Herz sich nicht mehr darob geregt . Mit diesen Namen drang Sonnenschein . Waldluft , Lust der Jugend und des Lebens in das Büro Nummer dreizehn . Durch die Papiere rauschte es wie durch die Zweige der Buchen und Tannen , der Aktenstaub verwandelte sich in das Gestäube des Waldbachs , wie er nahe dem Dorf Poppenhagen über die moosigen Steine stürzt und eine Mühle treibt , welche der kleine Fritz Fiebiger gebaut hat . Besagte Mühle wurde aber noch im achtzehnten Jahrhundert errichtet ; ' s ist lange her , und der Polizeischreiber muß sich zusammenraffen , um keine Böcke zu schießen in dem Protokoll , welches ihm über den bleichen wildblickenden Jungen . Robert Wolf aus dem Winzelwalde , in die Feder diktiert wird . Die Feder kritzelt über das Papier , aber vor den Augen des Schreibers flimmert ' s ; seine Schriftzüge sind bei weitem nicht so fest und sicher wie sonst ; - sein Vorgesetzter fragt ihn , was ihm sei , ob er Kopfweh habe . Friedrich Fiebiger schüttelt nur den grauen Kopf und murmelt etwas Unverständliches . Robert Wolf wendete nun die zornigen , tränenvollen Augen dem Polizeirat zu ; aber noch immer vermochte er nicht , ein Wort hervorzubringen . Man sah , wie es in ihm stürmte und wie er sich zwingen mußte , daß kein leidenschaftlicher Ausbruch erfolge . Noch einen forschenden Blick warf der Rat auf den Inkulpaten ; dann wandte er sich gegen den Schreiber . » Fiebiger , nehmen Sie doch einmal das Register D zur Hand und geben Sie uns die Notizen über den Namen Dornbluth - Eva Dornbluth , Fräulein Eva Dornbluth . Wir müssen den Knaben überzeugen , daß die Sicherheitsbehörde offene Augen und scharfe Ohren hat . Lesen Sie , Fiebiger ! « Der Schreiber schlug einen umfangreichen Folianten auf , blätterte einige Augenblicke darin und las dann mit einer Stimme , die von Natur recht scharf und schneidend war , in diesem Moment aber etwas gemildert klang : » Eva Sophie Dornbluth . Tochter des weiland Kantors und Opfermanns Otto Friedrich Karl Dornbluth zu Poppenhagen . Alter zwanzig Jahre . Ankunft in hiesiger Stadt am vierzehnten Mai 184- . Rubrikatin hielt sich anfangs im Hause der Frau Baronin Viktorine von Poppen , Kronenstraße Nummer fünfzig , auf , trat dann durch Verwendung des Barons Leon von Poppen am hiesigen Königlichen Theater ein und wohnt jetzt Lilienstraße Nummer zwölf . Bemerkungen - « Der Schreiber las mit leiser Stimme noch einige Noten , welche die hohe Polizei über das Dasein Eva Dornbluths gemacht hatte , und beobachtete dabei über den Rand des Folianten scharf den Jüngling aus dem Winzelwalde , und nicht ohne Grund ; denn ein merkwürdiges Schauspiel bot Robert Wolf dem Menschenkenner dar während dieser Vorlesung . Mit unverkennbarem Entsetzen starrte er den Schreiber und sein giftgefülltes Buch an , krampfhaft zitterten seine Lippen , er ballte die Fäuste , ward totenbleich und bedeckte zuletzt das Gesicht mit beiden Händen und brach in ein bitterliches Weinen aus . Der Hauptmann , welcher sich wieder auf dem Sünderbänkchen niedergelassen hatte , trommelte mit dem Fuß einen Marsch ; der Polizeirat gab seinem Schreiber einen Wink , daß er seine Vorlesung einstelle ; dann wandte er sich zu dem Inquisiten : » Seht Ihr , lieber junger Freund , die Polizei weiß alles ! Soll ich dir noch mehr vortragen lassen über die Jungfer Dornbluth ; oder willst du uns jetzt mitteilen , was dich in die Wohnung des Mädchens führte ? Du wirst den Ruf der Dame durch eine klare Darlegung der Tatsachen nicht verschlechtern , glaube mir das , Robert Wolf . « Die hohe Polizei war fest von der Wahrheit ihrer Notizen überzeugt , und doch stand mehr als eine Lüge in dem Folianten D über Eva Dornbluth . Der arme gepeinigte Knabe aber schluchzte noch eine Zeitlang fort und rief dann wild und in Verzweiflung : » Ich habe sie liebgehabt - mehr als mein Leben hab ich sie liebgehabt , und ich muß sterben darum ! « » Na ! na ! Nicht so rasch ! « brummte der Polizeirat , aber der Hauptmann sowie der Schreiber fanden , daß der junge Mensch in diesem Augenblick von überraschender Schönheit in seinem dummen , kindischen Schmerz und Zorn war . Mit immer höher gesteigerter Teilnahme beobachtete vorzüglich Friedrich Fiebiger den armen Jungen von seinem hohen Dreibein aus . Der Schreiber hatte die magern , in schäbiges Schwarz gekleideten Beine so hoch als möglich zur Brust hinaufgezogen , die schäbig schwarzen Frackzipfel hingen so tief als möglich zur Erde hernieder ; von überraschender Schönheit war er sicher nicht , wohl aber glich er in überraschender Weise einem alten erfahrenen Raben , der sich auf einem Dachfirst niedergelassen hat , einem Raben mit edlen Gefühlen , einem Raben mit Wehmut in den humoristisch zwinkernden Augen , einem melancholisch-satirischen Mitgliede des höchst achtbaren , vortrefflichen und deshalb auch nicht wenig verleumdeten Geschlechts der » krähenartigen Vögel « . Die aufgeregten Affekte Robert Wolfs machten sich jetzt in hastig übereinanderstürzenden Worten Luft . » Als ich bei dem Pastor Tanne gewesen bin - nachdem mein Bruder in die weite Welt gegangen war - , sind Eva und ich immer zusammen gewesen . Meinem Bruder hatte sie es auch angetan ; aber mir gewißlich noch mehr . O Gott , wer hätte gedacht , daß alles so kommen würde ! Sie war so klug , viel klüger als ich . Viel leichter als ich konnte sie das Latein begreifen - sie hat es mit mir gelernt ; sie wollte alles lernen , alles wissen . Alle Abende im Sommer saßen wir unter der Esche an der Hecke im Kantorgarten ; und im Gefängnis , in welches Sie mich haben sperren lassen , mußte ich immerdar an den Sonnenschein denken , der war , als sie in ihrem weißen Kleide zur Einsegnung ging . O wie hat die Schlechte mit mir gespielt - die Sonne ist auf ewig untergegangen . Ich will nach Frankreich , nach Algier zur Fremdenlegion . Nach Amerika will ich , wie mein Bruder . O der hätte nicht gelitten , daß sie so mit ihm spielte . Der hat wohl recht gehabt , wenn er sagte , kein Mensch tauge was , und es schade gar nichts , wenn man ihnen soviel Böses schüfe , als man Macht hätte . « » Na , na , wieder viel zu rasch ! « brummte der Polizeirat . » Junger Mann , hier jedenfalls ist nicht der Ort , solche unmoralischen Grundsätze auszusprechen . « Der Hauptmann Faber lächelte ein wenig ; der Schreiber schnitt eine Feder und sich in den Finger . Robert Wolf achtete nicht im geringsten auf die Unterbrechung des Rats , sondern fuhr mit doppelter Hast fort : » Aber mein Bruder Fritz nahm doch Eva Dornbluth aus und rechnete sie nicht unter die Schlechten ; oh , er war ein wilder Narr , hätte noch ein paar Jahr daheim bleiben sollen , bis die vornehme Dame auf das Gut kam . Keinem Menschen soll man Gnade geben , keinem . Der Pastor Tanne wird sich auch wohl meiner nur angenommen haben , weil er Langeweile hatte unter den Bauern . Er starb , als ich sechzehn Jahr alt war , und ich habe an seinem Sarge geweint , wie ich an dem meines Vaters nicht weinen konnte . Er hinterließ nichts als seine Bücher , ein paar Tische und Stühle und eine Kuh . Das nahm die Haushälterin ; ich mußte in den Wald zurück . Da nahm ich Abschied von Eva unter der Esche . Sie sagte , wir wollten immer wie Bruder und Schwester sein . Sie sagte , ich sollte keinen dummen Jungen aus mir machen , ihr Los sei in alle Ewigkeit bestimmt . Was mag ich ihr in der Stunde gesagt haben ? Ich weiß es nicht . Oh , sie wird höhnisch genug im Innersten darüber gelacht haben . Ich möchte umkommen auf der Stelle ; aber sie müßte dann auch tot hier vor meinen Füßen liegen . Meinem Vater hat ' s der Branntwein angetan , der hat ihm das Leben genommen . Als es zum letzten mit ihm ging und er in derselben Bettstatt lag , in welcher meine Brüder und Schwestern gestorben sind , kam ein Junge , welcher Beeren las im Wald , und brachte mir Nachricht , wenn ich Eva noch einmal sehen wolle , so möge ich eilen ; sie gehe fort mit der Frau von Poppen , welcher der Poppenhof bei Poppenhagen gehört . Da schoß es mir ganz eiskalt durch die Seele und dann wieder wie Feuer ; aber wie konnte ich fort von meinem Vater ? Der lag und zitterte im Frost und schrie , die Wilddiebe hätten ihn zu Boden . Mit allerlei Gespenstern rang er durch Tag und Nacht und schrie nach meinen Brüdern und Schwestern , aber vorzüglich nach dem Fritz , der sein Herzensliebling gewesen war . Fast ein Jahr blieb er in diesem Zustand ; zuletzt schlug er sich immer herum mit großen Scharen von kleinen Tieren , Mäusen oder Spinnen oder Fliegen ; das ließ ihm gar keine Ruhe . « » Was man so Delirium tremens nennt ! « murmelte der Hauptmann . » Ein ganzes , ganzes Jahr dauerte das « , fuhr Robert fort ; » ein ganzes Jahr war Eva Dornbluth schon weg , und ich hörte nichts von ihr in der Verlassenheit auf dem Eulenbruch ; sie war auch , kurz vor ihrer Abreise mit der gnädigen Frau , eine Waise geworden und mochte wohl ein hungerig Leben gehabt haben ; das konnte sie nicht ertragen . So wartete sie nicht auf mich . Nun starb mein Vater , und ich brachte ihn in seinem Sarge nach Poppenhagen . Wie im Traum war ich ; was mit mir werden sollte , wußte ich nicht ; von Eva hörte ich nichts im Dorfe , sie hatte keine Nachricht von sich gegeben . Verstört lief ich umher oder lag im Walde , und endlich trieb ' s mich , daß ich meine Kleider in meines Vaters Jagdranzen packte , meines Vaters Büchse über die Schulter hing , die Hunde verkaufte und verschenkte und fortging vom Eulenbruch , aus dem Winzelwalde . Zwölf Taler , welche mir der Pastor Tanne gegeben , hatte ich ebenfalls noch , damit kam ich hierher , doch mußte ich unterwegs noch die Büchse verkaufen . Es hat mich aber der Eva nachgetrieben ; aber wie es mir unterwegs ergangen ist , davon weiß ich nichts zu sagen . Mein Vater in seinen letzten Tagen war nicht verwirrter in Kopf , Händen und Füßen , als wie ich es jetzt bin . Die Leute haben mir geholfen und mich zurechtgewiesen , und so - « » Suchtet Ihr hier Eure Jugendfreundin auf « , fuhr der Polizeirat Tröster dazwischen , » und fandet die Verhältnisse ganz anders , als Ihr Euch vorgestellt hattet . Jaja , es ist so . Statt der gnädigen Mama hat der Herr Sohn die Sorge und Vormundschaft über das junge , hübsche Ding aus dem Walddorfe übernommen . So fandet Ihr denn , Robert Wolf , die Wohnung des Mädchens aus , sagtet dem ungetreuen , leichtsinnigen Schatze die Wahrheit und gebärdetet Euch so sehr wie möglich gleich einem Verrückten . Dann kam der junge Herr Leon von Poppen dazu , und wie ein junger Wolf aus dem Walde fielet Ihr über ihn her , zerschluget ihm die Nase und hättet ihn erdrosselt , wenn nicht die Sicherheitsbehörde , die den Lärm von der Gasse aus vernahm , sich dreingelegt hätte . Ei , ei , ei , jugendlicher Romantiker ! « » Sie haben recht « , schluchzte Robert Wolf , » es war töricht und dumm von mir , daß ich mich an den Schwächling , an das zerbrechliche Bübchen hielt ; mit ihr selbst hätte ich die Sache ausmachen sollen . Da lag das hübsche Messer , mit welchem sie das Buch aufschnitt , in welchem sie las , als ich vor sie trat ; das Messer hätte ich ihr ins Herz stoßen sollen und mir dann auch , so wär uns beiden geholfen gewesen ; - das wär am besten gewesen für uns alle beide . « Der Schreiber schnellte mit einem merkwürdig elastischen Ruck den Kopf in die Höhe ; Konrad von Faber ließ von seiner Armensünderbank her ein ausdrucksvolles Pfeifen vernehmen ; der Polizeirat hob die Achseln , schüttelte den Kopf , blickte etwas verlegen in die blitzenden Augen des Knaben und sagte : » Hm , hm , es war doch besser für Euch , Wolf , daß Ihr Euch mehr an die Ohren und die Nase des jungen Barons hieltet . Ich muß Euch übrigens bemerken , daß solche unverständige Reden an dieser Stelle - was ist das ? Herein ! « Ein Klopfen hatte sich an der Tür vernehmen lassen , und auf den Ruf des Beamten trat ein Polizeidiener ein und überreichte seinem Vorgesetzten einen Brief . Nachdem der Polizeirat diesem Schreiben ein kurzes , aber nachdenkliches Studium gewidmet hatte , sagte er : » Tretet für jetzt ab , Robert Wolf ! Greiffenberger , ich werde klingeln , wenn dieser junge Mensch wieder vorgeführt werden soll . « Greiffenberger winkte dem Inquisiten mit dem waschlederbekleideten Daumen auf eine Art , die nur bei der von Gott eingesetzten hohen Polizei sich ausbildet . Geduldig und gebrochen folgte der arme Teufel aus dem Walde diesem unnachahmlichen , charaktervollen Winke . Zweites Kapitel Der Polizeischreiber Fiebiger setzt seinen Chef in Erstaunen ; Julius Schminkert wird gebeten , sich nützlich zu machen Als sich die Tür hinter Robert Wolf geschlossen hatte , erhob sich der Hauptmann von seinem Sitze , der Schreiber spielte nachdenklich mit seiner Feder , der Rat Tröster nahm eine Prise und sagte : » Sie sind doch ein wunderlicher Kauz , Hauptmann . Was für ein Vergnügen finden Sie , der Sie zweimal die Welt umsegelt haben , daran , auf jener Bank zu sitzen und das Elend , mit welchem wir es zu tun haben , durchzukosten ? Unsereiner ist froh , wenn er einmal den Kopf aus diesem Malebolge , diesem Teufelssumpf erheben darf , Ihnen scheint es das größte Vergnügen zu machen , darin